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Full text of "Neue Jahrbücher für Philologie und paedagogik"

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NEUE JAHRBUCHER 



PUR 



PHILOLOGIE UND PAEDAGOGIK. 



GEGENWARTIG HERAUSGEGEBEN 



VON 



ALFRED FLEGKEISEN und HERMANN MASIUS 

ritorz880B nr dkbsdbx rBOfr^aoR or uctpxio. 




JAHBGAKG. 

EINHUNDESTUNDSECHSUNDVIESZIGSTES BAND. 



LEIPZIG 

DRUCK UND VEBLAG VON B. O. TEUBNER. 

1892. 



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^ 



JAHRBÜCHER 



FÜR 



PHILOLOGIE MD PAEDAGOGIK. 



ZWEITE ABTEILUNG. 



HERAUSGEGEBEN 
VON 

HEBMANN MASUTS. 




ACHTÜNDDREISZIGSTER JAHRGANG 1892 



ODER 



DER JAHNSCHEN JAHRBUCHER FÜR PHILOLOGIE UND PAEDAQOOIK 
EINHUNDERTUNDSECHSUNDVIERZIGSTER BAND. 



LEIPZIG 

DRUCK UND VERLAG VON B. G. TEUBNER. 



ZWEITE ABTEILUNG 

FÜB GYMNASIALPÄDAGOGIK UND DIE ÜBRIGEN 

LEHBFÄGHEB 

MIT AU88CHLU8Z DBB CLA88I80HBN PUILOLOOIB 

HERAÜSOROEBEN VON PROF. DR. HERMANN MaSIUS. 



1. 

DIE AUFGABE DER ERZIEHUNG IM GYMNASIUM. ' 



Die heutige psychologie pflegt auf die seelenteilung der älteren 
Psychologie sehr Vornehm herabzusehen, mir ist es immer noch 
zweifelhaft vorgekommen, ob sie bisher vermocht hat, der prakti- 
schen betrachtuDg brauchbarere und handlichere begriffe zuzuführen, 
als die Platonische philosophie mit ihrer dreiteilung in animalische 
triebe, affecte des herzens und betrachtende Vernunft, oder in köpf, 
herz und Sinnlichkeit sie dem erzieher und Seelsorger bietet. 

Es sei daher gestattet^ das ziel der erziehung hier mit den 
alten begriffen so zu bezeichnen : die sinnliche seite der natur mit 
hilfe der edleren affecte, der schäm und der scheu vor dem gemeinen 
und niedrigen, der anhftuglichkeit und pietftt, des mutes und der 
ehrliebe so zu ziehen und zu formen, dasz sie dem geistigen leben 
als träger zu dienen geschickt wird. 

Die aufgäbe des lehrers als erziehers wäre hiernach die: 
dem keim des höheren , des menschlich -geistigen lebens , der jeder 
seele eingesenkt ist, zur entfaltung und zum Wachstum behilflich zu 
sein ; er wird das niedrige bändigen, die genusztriebe verfeinem und 
veredeln, die edleren regungen des herzens gegen die natürliche 
roheit und die raffinierte sophistik der Sinnlichkeit unterstützen und 
ermutigen , endlich die neigung zur betrachtung und zum erkennen 
hervorlocken, nähren und leiten, dasz sie fähig werden, die groszen, 
göttlichen gedanken der Wirklichkeit zu erfassen und in ihnen zu 



' die Veranlassung zu den nachfolgenden betrachtungen bot eine 
der schle8wig-hol8teini8chen directorenconferenz von 1891 gestellte frage, 
die erf abrangen, auf denen sie beruhen, sind an den gymnasien einer 
holsteinischen groszstadt, einer mittelstadt und einer kleinen landstadt 
gemacht. 

N. Jahrb. f. phit. u. pid. II . aht. 1892 hft. 1. 1 



2 Die aufgäbe der erziehnng im gymnaeium. 

leben. — Yorausgesetzt wird hierfür ein doppeltes, das erste ist, dass 
der lebrer selbst ein geistig-persönliches leben führe, um menschen 
zu fangen, herzen zu gewinnen, genügt nicht ein gewisses masz von 
wissen und können; nur ein volles, ganzes leben mit einem eignen 
geistigen mittelpnnkt, aus dem erd- und himmelsgefühle, weit- und 
ewigkeitsgedanken emporquellen , vermag das heilige feuer fortzu- 
pflanzen; in ihm allein ist auch der trieb der geistigen zeugung, 
jene 'platonische' liebe, von der Sokrates erfüllt war. das andere 
ist ein gewisses masz von freiheit des Verkehrs mit der Jugend, wird 
diese aufgehoben oder durch f orderungen und controle der Staats- 
behörde allzu sehr eingeengt , dann kann zwar abrichtung für be- 
stimmte zwecke, die der Verwaltung am herzen liegen mögen, mit 
erfolg getrieben werden ; bildung in jenem höheren sinne kann dabei 
nicht gedeihen ; sie will freiheit und stille. 

1. Die lebensalter. 

Durch drei altersstufen gehört der schüler dem gymnasium an : 
als knabe, fast noch als kind, tritt er ein, geht dann durch das kri- 
tische übergangsalter der flegeljahre und verläszt endlich, zum Jüng- 
ling gereift, die anstalt. 

Für das k i n d ist das Übergewicht sinnlicher antriebe charakte- 
ristisch; allmählich gewinnen ästhetische und moralische gefühle 
neben den sinnlichen räum, und langsam bildet sich das gegen- 
gewicht vernünftiger Überlegung gegen die augenblickstriebe der 
lust und begierde. Zerstreutheit, ein naiver egoismus und eine impul- 
sive leidenschaftlichkeit sind die punkte, mit denen die erziehung 
zu kämpfen hat.* die kehrseite ist die grenzenlose bestimmbarkeit, 
die potentielle Unendlichkeit, die Unschuld und unmittelbarkeit, wo- 
durch das kind dem sinnigen mann so anziehend wird. 

Wenn der schüler in die sexta tritt, liegt schon eine lange ent- 
wicklung hinter ihm ; meist hat er zuvor eine andere schule besucht, 
und durch die berührung mit der weit ist der jugendliche flaum der 
seele schon hin und wieder abgestreift, zumal bei kindem , die in 
der Stadt aufwachsen, zeigt sich früh das kindliche zurückgedrängt, 
die kameraden sorgen dafür, dasz der knabe zum Vorschein kommt, 
aber auch so bleibt ein rest des naiven, wenn nicht das vertrauliche, 
so doch etwas lenksames; mit bereitwilliger folgsamkeit geht der 
gut geartete knabe den Weisungen des lehrers nach. 

Zwischen dem ende der knabenjahre und dem anfang des 
Jünglingsalters liegt die kritische periode der flegeljahre mit 
ihren dämonen : trotzigem Selbstgefühl, Sinnlichkeit und leidenschaft. 
vortrefiflich wird diese zeit von der frau Beecher-Stowe gezeichnet : 
*der Übergang eines menschlichen wesens von einer stufe der ent- 



* vergleiche die Charakteristik bei Emmioghans 'die psychischen 
■tömngen des kiodesalters'. 



Die aufgäbe der eraehnng im gymnasium. 3 

Wicklung zur andern hat wie der durcbgang der sonne durch den 
Squator erst seine stürme und unwetter. der Übergang in die 
jflngling^ahre bringt oft köpf und nerven, körper und seele in Ver- 
wirrung; das kind scheint sich von sich selbst und von seinen eitern 
zu verirren^ seine ganze natur ist verwandelt, unruhige wünsche, 
ungezügelte begierden tauchen auf, ein plan jagt den andern, und 
die schlimme gewohnheit, tötliche reizmittel zu sich zu nehmen, 
welche das ganze leben ruinieren^ entsteht oft aus den wilden trieben 
dieser Übergangsperiode, hier ist der ort für die geduld der heiligen, 
die Unruhe musz beruhigt werden, der häusliche kreis musz gefügig 
genug sein, den knaben festzuhalten, den der böse in empfang 
nehmen würde, wenn seine mutter ihn losliesze. das mfinnliche 
Clement strümt zuweilen in einen knaben wie die fluten in die 
meeresbucht, mit brausen und toben, er lärmt, schreit, brüllt und 
scheint nur unheil anstiften zu können ; er verachtet hergebrachte 
Sitten, das zimmer ist ihm zuwider, es treibt ihn hinaus in die Wäl- 
der, auf das meer, er geäellt sich zu rohen menschen und schlägt 
auf allen seiten gegen den zäum aus. jetzt habt geduld — in ein 
oder zwei jähren wird ein ruhiger, wohlgesitteter junger mann her- 
vorkommen, wenn ihr nur euren söhn behaltet, machen hut und 
kleider und schuhe und lärm und Verwirrung nichts aus. der höchste 
grad von geduld, wenn er nur einen knaben in diesem lebensabschnitt 
zufrieden im eltemhause hält, ist ein wohlangewandter schätz.' 

Nicht ohne absieht habe ich mich hier der autorität bedient, 
welche der Verfasserin von Onkel Toms hütte als frau und als aus- 
gezeichneter kennerin sowohl der höchsten bildungskreise wie der 
stUlen tiefen des menschlichen herzens zukommt, es sollte die ein- 
seitigkeit der beurteilung ausgeschlossen werden, die dem beruf an- 
haften könnte, der unausgesetzt unter dem gewaltsamen dieser sttlr- 
mischen jähre leidet und doch nur selten den gesamtzustand kennen 
lernen kann, wenige eitern übersehen ihn und das interessanteste 
von dem, was sie wissen, pflegen sie dem lehrer nicht zu sagen, wo 
sich das jugendliche dement kräftig und ohne anticipationen ent- 
wickelte und die erziehung nicht auf frühe Zahmheit und abge- 
schliffenheit ausgieng, da wird man die darstellung durchaus zu- 
treffend finden, namentlich tritt die sexuelle reife mit dem Charakter 
der Plötzlichkeit hervor. 

Anders gestaltet sich der Vorgang bei knaben, deren körper- 
liche Constitution durch die stadtluft und die künstlichen lebens- 
bedingungen, in denen sie aufwachsen, geschwächt ist; bei ihnen 
rufen reize aJler art, denen sie, wenn nicht im haus, so doch auf 
markt und strasze ausgesetzt sind, leicht eine sexuelle frühreife her- 
vor, der Veränderung des körperlichen zustandes fehlt hier das 
plötzliche , und an stelle der heftigen leidenschaften erscheinen oft 
ermüdung und Schlaffheit als zeichen des Übergangs, nicht selten 
treten dabei unheimliche gewalten an die Oberfläche und zeigen wie 
schleichende gifte eine furchtbare kraft der Übertragung und an- 



4 Die aufgäbe der erziehung im gymnasiam. 

steckung. ich habe aus kindem der angesehensten familien diebs- 
verbftnde sich bilden sehen und die unerklärlichste gleichgülÜgkeit 
der kameraden gegen das treiben beobachtet, an andern orten raste 
die duellwut. peinlichstes aufsehen erregten jüngst eine reibe von 
Selbstmorden in diesem lebensalter. wer nach solchem Unglück 
lehrer, die durch das ereignis und seine vorboten und seine die 
übrigen schüler bedrohende folgen inneres leid genug durchzumacbmi 
haben , auf stadtgerede und schlechtbegründete Vermutung hin yer* 
dftchtigt und niederdrückt, handelt ebenso human und weise, als 
wer nach einer epidemie dem arzte die opfer ins gewissen schiebt, 
um deren rettung sich dieser vergebens gesorgt und geplagt hat. 

Natürlich wird durch die eintretende pubertät, die schon in 
quarta und überall in tertia beginnt, der mittelpunkt des schol- 
lebens , der Unterricht, aufs manigfaltigste berührt, die hingebende 
receptivität und halb unbe wüste lemlust schwindet, ein drang nach 
Selbständigkeit tritt an die stelle; das erwachende freiheitsgeftlhl 
bewirkt bei ^starken das übertreiben, bei den schwachen das ver- 
nachlässigen' (Ooethe). 

Einen neuen Charakter zeigen die letzten Schuljahre; der Jüng- 
ling beginnt sich zu geistiger einheit zu sammeln, freilich, wer 
sich seiner eignen universitätszeit erinnert, jener ersten Semester, 
in denen er, mit Ooethes ausdruck, leben wollte und nicht nor 
lernen, der wird sich hüten, dem schüler der oberen stufe ohne 
weiteres ein inneres gleichge wicht zuzuschreiben ; ein solches pflegt 
in so frühem alter nur wenigen andern als philisterseelen gewährt 
zu sein, noch der angehende Student macht in der regel aufs neue 
einen gährungsprocess durch , der körperliches und geistiges dui*ch 
einander schüttelt; wieder stellen Selbstgefühl, thatenlust und ein 
eigentümlicher ehrbegriff die höchsten ansprüche, und die phantasie 
gestaltet sich noch einmal die weit nach ihren maszen. fragen wir 
nun die erfahrung, wie diese Studenten als schüler gewesen sind, so 
spielen unter dürftigen generationen auch solche eine akademische 
rolle, die ehemals schlechte schüler waren, vielleicht auch dämm 
schlecht , weil sie , nicht zu ihrem heil , das studentenwesen auf der 
schule vorausnahmen, die angesehensten unter den commilitonen 
aber, die im studentischen treiben wie bei wissenschaftlichen auf- 
gaben rüstigsten , thatkräftigsten , die sich für jähre hinaus im an- 
denken einer Verbindung erhalten, darf man in der reihe derjenigen 
suchen , die sich als schüler durch feste Verständigkeit und ernsten 
fleisz ausgezeichnet haben, hieraus ergibt sich , dasz die demente, 
welche beim eintritt der pubertät in bewegung kommen , mit dem 
ablauf der ersten epoche zwar nicht überhaupt ausgestoszen sind, 
dasz aber doch, wenn das erste wilde feuer in sich zusammensinkt, 
eine pause der beruhigung eintritt, welche der erziehlichen ein Wir- 
kung günstig ist 

Die aufgäbe, die dem lehret hier erwächst, deutet Plato einmal 
mit dem werte an : der knabe sei zu überreden, dasz er stille werde. 



Die aufgäbe der erziehung im gymnaBium. 5 

hierzu helfen uns äuszerlicbe dinge, hat er das knabenkleid abge- 
legt, so fordert er um des rockes willen selbst von sich auf der 
strasze eine Zurückhaltung , die er in der jacke verachtete, wir ge- 
branchen ihm gegenüber die anredeform, die ihn den erwachsenen 
zugesellt, und lassen auch im Unterricht eine veränderte tonart ein- 
treten, jetzt legen die tonangebenden schüler wert darauf, dasz diese 
Yomehmere behandlung nicht durch knabenhaftes betragen der classe 
wieder verscherzt wird: es wäre keine normale obersecunda, in der 
ein treiben, das in den flegeljahren auszeichnung erwarb, die gleiche 
ehre fiLnde. freilich schwindet damit zugleich manche^ erfreuliche 
der knabenzeit. wir finden nicht mehr die sichtbare lust neues zu 
erfahren, die brennende begierde zu antworten und es den andern 
zuvorzuthun. ich wenigstens habe den unterschied immer empfun- 
den und bin einstweilen wenig geneigt den Versicherungen solcher 
gehör zu schenken, die behaupten, dasz sie als lehrer eine prima 
oder secunda in ebenso lebhafte bewegung zu setzen gewust hätten, 
als eine sexta. für einen augenblick mag sich noch einmal so etwas 
zeigen, die regel bildet bestenfalls stille teilnähme, bei äuszerer 
Zurückhaltung. 

Woher diese Wandlung? man kann sie als eine art contrast- 
erscheinung begreifen, das männliche wesen, das sich jetzt ent- 
wickeln will , scheut nichts mehr als die züge des knaben. wer in 
der prima mit seinem wissen sich vordrängt oder durch gefälligen 
eifer beim lehrer zu insinuieren sucht , darf unglimpflichem urteil 
der kameraden entgegensehen, der quintaner , der für eine in blin- 
dem eifer gegebene falsche antwort ausgelacht wurde, vergieszt viel- 
leicht thränen , aber im nächsten augenblick lacht er über den glei« 
eben fehler des nachbam. der primaner, dem dasselbe einmal be- 
gegnet, Yergiszt den rücksichtslosen spott nicht, dem er verfiel, und 
hütet sich. 

Übrigens bergen sich unter dem gleichartiger werdenden äuszern 
tiefe innere Verschiedenheiten, in einzelnen wiegt eine schwärme- 
rische richtung vor, der in der dämmerung am wohlsten ist und die 
nichts mehr scheut als ihre geheimnisse zu profanieren, in andern 
gährt das impertinente und revolutionäre ich der fiegeljahre fort, 
weisz sich aber mit dem lehrer jetzt durch die täuschende gäbe welt- 
männischer höflichkeit abzufinden, alle rüstigeren sind in einem 
lebhaften bildungsprocess begriffen , über den sie sich selber keine 
rechenschafb zu geben wissen, geschweige denn einem fremden, 
sollen doch in diesen jähren ^kopf und herz die geister einer langen 
reihe von beiden, lehrern, weisen und dichtem in sich aufnehmen, 
die gewaltigsten geistigen agentien, die die weit bewegt haben, ver- 
arbeiten' (H. Leo), dazu kommt die unberechenbare Wirkung gelegent- 
licher lectüre und berührung mit menschen, was wunder, dasz diese 
periode, in der zuerst der innerste lebenstrieb des menschen auf- 
zuflammen pflegt, in der sich aus dem allgemeinen des Volkslebens, 
das in familie und schule die Jugend nährte , ein besonderes wesen 



6 Die aafgabe der erziehnng im gTmnasiam. 

mit eigentümlicher bildung des Charakters und der weltanscbaunng 
zu krjstallisieren strebt, nicht mehr die klare durchsiohtigkeit der 
knabenseele zeigt? — 

Ans dem Charakter der verschiedenen altersstufen ergibt dch 
nun die verschiedene behandlnngsweise von selten des lehrers. 

Das kind , dem ofifenheit angeboren und mitteilung natürliches 
bedürfnis ist, das anschlieszung sucht, wie die mutter sie gewlhrti 
wird im Unterricht zwar neben hingebung ruhigen ernst zu erwarten 
haben , im sonstigen schulleben mit nachsichtiger Schonung za be- 
handeln sein. 

Der knabe musz im hause die feste band des vaters über aieh 
wissen, in der schule bedarf er einen strengen herm, der die zflgel 
fest in der band hSlt und nicht mit sich spaszen iSszt. ist aber dieses 
grundverhältnis gesichert , so mag daneben freiheit und heiterkeit 
walten, so lange alles offen und ehrlich zugeht, musz aber tadel oder 
strafe eintreten, dann ist kürze und gemessenheit nötig, ein paar 
Worte mit ruhigem ernst gesprochen, so wird es meist gut gehen; 
wer zankend oder ermSszigend weiteres zusetzt , riskiert ausgelacht 
zu werden. 

Auf der letzten stufe ist das wesentlichste , jedes verwendbare 
interesse zu beachten und den trieb eigner thätigkeit ins spiel zu 
setzen, hier vor allem thut verständiges lob seine Wirkung, statt 
tadel wird dann meist schweigen genügen; eine gelieferte arbeit, 
die nicht anlasz zu irgend einer die ganze classe fordernden bemer- 
kung gibt, erweckt den verdacht, dasz sie ohne fleisz und anspannnng 
entstanden ist. 

Das vornehmste erziehungsmittel ist überall nicht nur das irrige 
zu erkennen und zu berichtigen , sondern hinter dem verfehlten das 
besser gewollte zu entdecken : der appell an das gute im menschen. 
diese Voraussetzung wird freilich gefährlich, wenn ihr nicht ein 
sicherer Wirklichkeitssinn und eine kleine dosis skepticismus bei- 
gemischt ist; das gemüt des lehrers wird das gute suchen und hoffen, 
sein verstand und urteil auch vom entgegengesetzten wissen und es 
erkennen, vertrauen und vorsieht einer heitern und festen seele 

zeichnet Goethe : 

WaR ich nicht weisi, 
mncht mich nicht heiss, 
und was ich weisz, 
machte mich heisz, 
wenn ich nicht wüste, 
wie*s werden mtiste. 



2. Mittel und formen der erziehlichen einwirkang. 

Zuerst ein wort über die äuszere Ordnung und zucht. 
hier kommt weniger der einzelne in betracht als die ganze anstalt. 
das herkommen und die anordnungen der aufsichtsbehOrden haben 
überdies alle teile der disciplin auf eine grosze gleichmSszigkeit ge- 



Die aufgäbe der erziehung im gymnaeium. 7 

braelit, mid einzelne örtliche abweichungen sind einer kurzen er- 
^rterung unznlänglich. 

Erziehlich im höheren sinne wird wirken, wer, unbeschadet der 
bestimmten aufrechterhaltung des ortsüblichen, sich bewust bleibt, 
was Subordination und furcht wert sind, und wie sie sich von Über- 
zeugung und gehorsam unterscheiden, wenn ihm also nicht der 
fiuszere gehorsam als das wesentliche gilt, sondern die empfindung 
des inneren wertes auch der fiuszeren Ordnung, femer wird man 
nach dem grundsatz aller erziehung den zwang in dem masze auf- 
zugeben haben , in welchem sich der zögling selbst in zucht nimmt, 
dem erwachsenen schüler gegenüber manche beschrftnkungen mil- 
dem und aufheben, sie aber wieder in kraft treten lassen, wenn mis- 
brauch sichtbar wird. 

Die englischen intemate legen wert auf die heranziehung 4er 
oberclasse zur aufrechterhaltung der schulzucht und geben ihr selbst 
weitgehende Strafbefugnisse, dort macht das herkommen vielleicht 
manches erträglich, was uns unleidlich erscheinen würde, am meisten 
wird es beim turnen und spielen möglich und rätlich sein , schülem 
anteil an der leitung zu geben, im übrigen sind die schüler selbst 
dem controlieren und controliertwerden durch kameraden abgeneigt. 
die kleinen leute, die in abwesenheit des reichen eigentümers viUa, 
fitall und garten hüten und dabei ihre eignen und nebenbei die 
Interessen des herm wahrnehmen, heiszen hier vicewirte. danach 
nennen die schüler die mit der aufsieht Über sie betrauten commili- 
tonen 'vice' und haben für ihre thätigkeit das neck wort 'vioen' ge- 
bildet, ich habe aus der erfahrung an mehr als einer anstalt einen 
gründlichen absehen gegen alle maszregeln, die den löblichen ge- 
meinsinn schädigen und das zutrauen der schüler unter einander auf 
die probe stellen könnten. 

Auf die bedeutung des Unterrichts fQr die erzidiung will 
ich blosz mit einem wort hinweisen, da ohne williges aufmerken 
und vielfache Selbstüberwindung , ohne eigne anstrengung und aus- 
dauer kein lernen stattfindet, so enthält jeder Unterricht; der diese 
eigenschaften fordert und fördert, die wesentlichen elemente der 
Charakterbildung, und wie er das interesse anzuregen weisz, erö&et 
er auch den sichersten zugang zu den herzen der Jugend, trockenes 
lernen und docieren freilich oder gar selbstgefälliges prunken mit 
der eignen gelehrsamkeit schnürt das gemüt ein und verödet das 
iierz 9 lebendige mitteilung und Übung aber machen nicht nur den 
verstand hell und füllen die gedächtniszellen, sie geben der seele 
empfänglichkeit und freieren schwung. 

Es gibt kaum ein lehrfach, das nicht in dieser weise bilden, 
das dämmernde bewustsein der herschaft Über irgend welchen 
Wissenskreis wecken, überblick über weitere gefilde und die ahnung 
des ganzen im gewinn des einzelnen eröffnen könnte, liegen einige 
disciplinen wie mathematik und grammatik der gemütserregung 
femer, so nehmen sie dafür verstand und willen in zucht. bedeu- 



8 Die aufgäbe der erziehung im gymnasium. 

tend kann der religionsunterricht wirken, wenn er den schtller inner- 
lich zu ergreifen und ihm sein ganzes dasein von einem höheren ge- 
sichtspunkt zu zeigen weisz; dann mag er leisten, was Cl. Harms 
Yon ihm fordert, er soll den seelen einen anstosz zu ewiger bewegung 
mitteilen, jetzt freilich ist die prüfung ein groszes hindemis, sie weist 
ihn allzu sehr auf das gedächtnismäszige lernen, nicht minder sind 
in dieser absieht der geschichtliche und der litterarische Unterricht 
von Wichtigkeit, die lectüre der meisterwerke der griechischen 
und der deutschen litteratur, in denen die tiefsten erlebnisse der 
menschenseele darstellung und deutung gefunden haben, bieten dem 
lehrer unvergleichliche gelegenheit, das Verständnis für menschliche 
dinge in dem schüler zu entwickeln, und seinen sinn für das schöne 
und gute zu nähren, endlich kann der Unterricht in den musischen 
künsten, gesang und zeichnen ; durch die pflege der ästhetischen 
kunsttriebe für die ganze bildung bedeutung gewinnen, und selbst 
die einwirkung des turnens wird man nicht auf die leibliche Sphäre 
beschränkt denken wollen ; den Griechen wenigstens war die ansieht 
geläufig, dasz durch die zucht des pädotriben auch die seele an den 
männlichen tugenden der tapferkeit und selbstbeherschung gewinne. 

Doch ich will hierbei nicht verweilen, dagegen möchte ich auf 
die aufgäbe der eigentlichen seelen führung etwas näher ein- 
gehen, die allgemeine aufgäbe wird sein, die antriebe zum guten, 
so wie sie in jedem alter vorhanden und wirksam sind , mit weiser 
vorsieht zu benutzen und in dienst zu nehmen, ich hebe drei solcher 
triebe hervor : das ehrgefühl, das Wahrheitsgefühl, das familiengefUhl. 

Zuerst das ehrgeftthl. 

Schon der seztaner hat seine ehre, es ist der trieb, nicht hinter 
den kameraden und hinter den eignen kräften zurückzubleiben, der 
trieb sein bestes zu thun. Döderlein nennt einmal diesen trieb den 
guten genius des menschen, ihn zu stärken, zu schonen, zu wecken, 
wo er zu schlafen scheint, wird sich der lehrer vor allem angelegen 
sein lassen ; er ist sein bester bundesgenosse im kämpf mit trägheit, 
leichtsinn, Verführung, ihn durch mistrauen und härte verschüchtern 
oder verscheuchen wäre schwerste Verschuldung an der jungen seele. 

Hier aber dringt nun leicht ein erster conflict in das jnngo 
leben, wenn nemlich durch die autorität avancierter mitschüler oder 
durch das classenbewustsein ehrenpunkte eingeführt werden, welche 
die eitern und die Schulordnung nicht gut heiszen können, mis- 
leiteter point d^honneur bricht mit nichtachtung des Verbots, der 
gefahr hervor; man riskirt über das eis zu laufen und ins wasser za 
fallen, oder die kleider zu zerreiszen und zu beschmutzen; man hat 
nicht den mut, um der aufgaben willen vom spiel aufzubrechen, und 
musz dann am folgenden tag sich taliter qualiter durchhelfen; 
vollends wird es ehrensache, die streiche eines kameraden nicht an- 
zugeben und ihn, wenn er sich glücklich herausgeredet hat; nicht 
stecken zu lassen oder lügen zu strafen. 

Wie soll sich der lehrer hierzu verhalten ? er wird den ehren- 



Die aufgäbe der erziehung im gymnasium. 9 

codex der Jugend kenneD, anerkennen darf er ihn nicht, musz er die 
disteln am wege wachsen sehen, braucht er sie doch weder als 
blumenstrausz ins fenster zu stellen, noch gar den acker über- 
wuchern zu lassen, alles kommt jetzt darauf an , dasz das bewust- 
sein dessen, was sein soll, geht es auch in der leidenschaft des 
aogenblicks verloren , doch nicht grundsätzlich vernichtet wird. 

Mit allem fleisz sind die bessern demente zu stärken, so dasz 
sie nicht nur selbst widerstand leisten, sondern auch die schwanken- 
den halten können, wenn der lehrer fem ist; bei seinem persön- 
lichen erscheinen aber müssen sich, noch ehe sein quos ego nötig 
wird, die fluten besftnftigen. sollte aber einmal der gute geist einer 
classe durch den destructiven unterjocht befunden werden, dann 
scheue man sich nicht vor einer gründlichen reinigung ; die trennung 
wird dann denen, die entfernt werden, ebenso heilsam sein als denen, 
die wir zu schützen haben, unter den mittein, die Stellung der wil- 
ligen und strebsamen zu befestigen , ist vor andern zu nennen : man 
lasse die wider will igen als das erscheinen, was sie sind, die neigung 
zu unfug wird mit der unlust zur arbeit gepaart sein, der trägheit 
und nachlSssigkeit werden ungenügende leistungen folgen, die in 
tbörichten antworten und flüchtigen arbeiten an den tag treten, da- 
durch wird der nach weis unschwer, dasz es den beiden des Über- 
mutes an der ehre fehlt, welche auch der durchschnitt der classe als 
die wahre empfindet , und so die autorität der ruhestörer bei steter 
beschämung gegenüber den aufgaben, die der tag bringt, wirksam 
erschüttert werden, sollte aber ein glücklich begabter junge es fertig 
bringen, in moribus zu excedieren und doch in litteris zu excellieren, 
für ein füllen dieser seltenen art erweitern wir die Weideplätze, wir 
suchen seine überschüssigen kräfte auf extraleistungen zu richten, 
die der ganzen classe zu gute kommen ; er mag uns eine karte oder 
einen andern versinnlicbungsapparat anfertigen, wir lassen ihn 
gröszere geschieh tsabschnitte erzählen und gedieh te memorieren, 
die für andere zu schwer sind; oder wir sorgen für eine häusliche 
lectüre, über die er privatim rechenschaft gibt, und knüpfen daran 
aufgaben , die ihn sammeln und ordnen und für sich selbst sich be- 
schäftigen lehren, selten wird die hoflhung täuschen , er werde so 
sich selbst sammeln und wachsen mit den höheren zwecken. 

Schwerer zu behandeln sind fälle, wo mutlosigkeit das ehr- 
gefühl überwiegt, sie sind darum nicht selten ^ weil in derselben 
zeit, in welcher die natur so gewaltsame Veränderungen im körper 
und in der geistigen Organisation bewirkt, an die lernkraft des Schü- 
lers die grösten anforderungen gestellt werden, dies ist heilsam für 
die kräftigen naturen, da geistige thätigkeit die unruhigen affecte 
eindämmt; aber auf den schwächer organisierten, denen der wissen- 
schaftliche erwerb an sich sauer wird, liegt in dieser lebensperiode 
ein oft beängstigender druck, den sie, eingepresst zwischen die Wild- 
heit der kameraden und das gefühl der eignen versagenden kraft, 
leiden, der lehrer wird versuchen im einzelnen zu helfen, ein 



10 Die aufgäbe der erziehung im gymnasiam. 

Schüler zum beispiel, der sich yon sexta bis qnarta willig und 
fleiszig gezeigt und regelmäszige f ortschritte gemacht hat, bleibt 
plötzlich in tertia hinter der erwartung zurück, er versagt, e. b. im 
griechischen, hier wird Schonung von nöten sein, man beschiSake 
die forderung an ihn yorlSufig auf das unerlttszliche ; man scheide 
das entbehrlichere von den partien, deren Unkenntnis das weiter- 
lernen überhaupt ausschlieszt erreicht man so, dass der aus der 
hshn gekommene sich innerhalb dieses engeren kreises festsetzt, so 
darf man hoffen, dasz er vom mittelpunkt aus sich allmfthlioli wieder 
zurechtfinden, dann selbst nach der peripherie streben und schliesi- 
lich den kreis ausfüllen wird. 

An kleineren orten ist es auch möglich, dasz man einen tertianer, 
der am tage zurückblieb , einmal des abends auf seinem zimmer an- 
hält, das versäumte nachzuholen, man wird des öfteren finden, dasz 
einzelnen in der Übergangsperiode die fähigkeit aUein zu lernen ge- 
wissermaszen abhanden gekommen ist und sie, wie im ersten ver^ 
nunftlosen alter, das lernen erst wieder lernen müssen, selbst- 
verständlich ist aber, dasz derartige opfer allein der einzelne selbst 
nach dem masze seiner kraft sich auferlegen kann, je nachdem ihm 
temperament, gesundheit und lebenslage zu dem heikein unter- 
nehmen mut und geduld Übrig lassen, würden sie von auszen ge^ 
fordert, so wäre die Wirkung dahin, denn diese opera supererogativa 
müssen, wenn sie erziehlich wirken sollen, aus einer andern tonart 
gespielt werden, als der lehrton in der schule ist. 

Vergessen darf man dabei femer nicht, dasz die Wirkung jedes 
mittels, das man wählt, um lebensmut und ehrgefClhl eines aus der 
bahn gewichenen schülers zu erhalten und zu erhöhen , davon aX>- 
hängig ist, dasz man das ganze treiben des gefährdeten ttbersielit. 
vielleicht fällt dies mehr in die Sphäre der privaterziehung. auch 
der ganz stumpf und teilnahmslos scheinende pflegt in diesem kri- 
tischen lebensstadium irgend ein besseres Interesse im verborgenea 
und mit heftigkeit zu verfolgen, die absieht, ihn zu seiner pdieht 
dadurch zurückzuführen ^ dasz man ihm jenes verleidet, bleibt gana 
ohne erfolg; man musz vielmehr diese einzige zur zeit wirksame 
neigung zu erkennen und zu gewinnen suchen, es kann selbst ge- 
raten sein, sie anzuerkennen und zu fördern; vielleicht bewirkt dann 
die einseitigkeit Sättigung, und nun ist der Zeitpunkt gekommen, 
wo dem venrrten selbst die äugen darüber aufgehen , was er durek 
seinen eigensinn versäumt hat , und jetzt wird die energische hin- 
weisung auf das eigentliche ziel nicht ohne erfolg bleiben. 

In den oberen classen pflegt sich die Vorstellung, welche der 
Schüler von seiner ehre hat, mit dem begriff des lebrers von der- 
selben mehr auszugleichen, wie er auch handelt, die forderungen, 
die er wieder selbst an sich stellt , sind einheitlicher und strenger« 
als classisches beispiel hierfür steht Alkibiades im gastmabl da. 
Sokrates bringt ihn zur Verwirrung und schäm über ein betragen, 
zu dem ihn die rücksicht auf das ansehen bei der menge verlockt. 



Die Bofgabe der erziehang im gymnasiam. 1 1 

2war entläuft er ihm manchmal, wenn ihn 86« gewissen anklagt, 
dasz er gegen erkannte grondsStze und bessere Überzeugung gehaa- 
delt hat, dann aber kehrt er reuevoll wieder um. er schwankt zwi- 
schen dem wundch, sein strenger Sittenrichter m^ge nicht mehr auf 
der weit sein, und dem «quälenden gedanken , mit ihm seinen besten 
balt EU verlicrren. 

Mit einem wort ist der unterschied zwischen ehrliebe und ehr- 
geiz zu erwähnen, die der Sprachgebrauch des tages mehr und mehr 
durch einander zu wwfen beginnt, wir werden diesen irrtum des 
iDpitalters der schneidigkeit nicht teilen wollen, ehrgeiz und ehr- 
liebe verhalten sich wie ihre grund begriffe, wie dasjenige laster, das 
der apostel die wm^zel «lies ttbels nennt, zu der tugend, die er unter 
den christliehen am hCcfasten stellt, der geiz, in unserem wirtschaft- 
lichen leben seltener geworden, wühlt jetzt als ehrgeiz in den herzen 
und vermehrt ^s Strebertum die einem gesteigerten yerkehrsleben 
eigentümlichen Übel über das masz. in dem stillen garten der schule 
sollte dieses giftkraut nicht gepflanzt werden, denn es raubt unsem 
besten Studien, die ohne leidenschaftslose betrachtung nicht gedeihen 
können, das Sonnenlicht, diejugend, deren temperament jeder Wett- 
eifer 80 gemäsz ist, weisz doch den neidvollen gesellen von der 
6o{OiBt\ €pic sehr wohl zu trennen, sowohl in ihren spielen wie ins- 
besondere in der Wertschätzung ihrer Umgebung, und angesichts 
der angriffe, welche in diesen zeiten socialer Umwandlungen von 
-oben und unten auf unsere alten anstalten und ihre kaum zu be- 
neidenden lehi^r anstürmen , wird es nicht unangemessen sein , auf 
die wirkliche quelle hinzuweisen, aus der ein groszer teil der auf 
«ns geschobenen Übel flieszt: die Überspanntheit der socialen an- 
Sprüche vieler familien und ihre damit zusammenhängende wirt- 
schaftliche notlage und physische erschöpfnng. 

Ober die Wirkungen des schulehrgeizes findet man manche be- 
richte in den krankengescbichten der irrenärzte ; Güntz hat ein eignes 
buch über den ^Wahnsinn der Schulkinder' geschrieben, das unsere 
«cbulerziehung verantwortlich macht, dem gegenüber beobachtete 
£mminghaus , dasz einzelne in den letzten jähren des knabenalters, 
unabhängig von dem einflusz der schule, eine individuelle disposition 
für ehrgeiz von solcher stärke zeigten , dasz diese ihre anläge allein 
gehimerkrankungen erkläre; den hauptgrund aber der häufigen 
kinderpsychose findet er in der eitelkeit der eitern, hier ein lehr- 
reicher fall, den Oüntz (a. ztschr. f. psych. XVI 215) mitteilt, ein 
«elfjähriger zarter, gutbegabter knabe hat einen hypochondrischen 
Tater und eine nervOse mutter. aus ihm dachte der vater etwas 
ausgezeichnetes zu bilden und sorgte mit ernst nicht nur für tüch- 
tige lehrer, sondern auch für zahlreiche lehrstunden und aufgaben, 
jede anerkennung der lehrer diente dem vater dazu, den knaben nur 
noch stärker anzustrengen; derselbe arbeitete daher tag und nacht, 
ohne doch sich und den lehrem zu genügen, allmählich yerlust der 
lieiterkeit, verdrossenes gehen zur schule, in derselben unaufmerk- 



12 Die aufgäbe der erziehung im gymnasiom. 

samkeit, daher bald schlechte censuren, deren folgen schwere, nn- 
barmherzige strafen des vaters. das ende eine gehimkrankheit und 
die Unterbringung in Güntz' anstalt. 

Es ist noch zu fragen, wie weit sich körperliche Züchti- 
gungen mit der ehrliebe des schülers vertragen, diese werden, da 
wir nicht mit Eton und seinen birkenwäldem zu rechnen haben, für 
jenes alter in betracht kommen, das, mit sich selbst unbekannt und 
uneins, sich hartnäckig selbst vergiszt, und ftlr jenes, das den noch 
unentbehrlichen zügel mit trotz und gewalt zu zerreiszen strebt, da 
aber wird sich jedes gesunde schulleben zu dem bekennen müssen, 
was Nfigelsbach in seiner gymnasialpftdagogik aufstellt. *es ist eine 
thorheit', sagt er, 'und ein unrecht, körperliche strafen für daa knaben- 
alter (bis etwa zu 13 jähren) verwerfen zu wollen.' er beschränkt 
sie auf zwei anlasse, er Ifiszt eine leichte ohrfeige gelten als eine 
mehr symbolische strafe gegen leichtsinn und träumerei; erfordert, 
wenn die mittel der geduld erschöpft sind , empfindliche Züchtigung 
gegen bosheit und eigensinn. 'sonst strafte man ein kind mit den 
Worten: du willst es nicht anders haben, du willst wieder schlüge, 
in diesen werten liegt ein sehr tiefer sinn , dasz nemlich dem men- 
schen als einem zurechnungsfähigen individuum zugetraut wird, 
wenn er das böse wolle, wolle er auch zugleich die strafe dafür.* 
eine volle classe zählt immer einige, die zu Unaufmerksamkeit und 
unfug neigen, kommt ein neuer lehrer, so probieren die abgehärtet- 
sten, was er sich bieten läszt; es ist nicht persönlich und eigentlich 
gar nicht böse gemeint, sie stellen nur die kraftprobe; unter kraft 
aber ist in den flegeljahren ein für allemal die physische kraft mit- 
gemeint, greift der lehrer den geeigneten heraus (er wird ihn vom 
Spielplatz her kennen, wo er schwächere mitschüler tyrannisiert), 
so entscheidet vielleicht die erste demonstratio ad hominem auf 
Semester hinaus; das bessere selbst ist sofort beruhigt, wenn sich 
die kraft, die herausgefordert worden ist, da kundthut, wo sie sein 
soll, wissen dagegen die interessenten , dasz sie nur durch Über- 
redung geleitet werden dürfen , so geht viel zeit unnütz verloren, 
auch wenn ein entschiedener lehrer die classe fest in die band nimmt 
und sie anregt, die unfähigen und übermütigen zwickt es doch immer 
wieder, auch hier wenigstens durch eine kleine demonstration sich 
tapfer zu zeigen und zu beweisen, dasz sie sich auch vor diesem 
lehrer nicht fürchten, und bei dem durchschnittslehrer, der die 
trägen geister nicht umschafifen kann , schleicht sich dann leicht ein 
dauerndes misbehagen ein, das den erziehungszweck ganz vereitelt, 
wer es gut meint und sein bestes hergibt, der mag ingnerhin, wenn 
er einmal gereizt wird, seinem unmut lufb machen, sei es mit einem 
schlag oder auch mit einem derben wort, das hat für das gefühl der 
Schüler nichts bleibend wehethuendes , wohl aber für den lehrer 
wie für die schüler die Wirkung der tragischen katharsis. dagegen 
wirkt niederdrückend, wenn er, durch vielfache, unklare neckereien 
und halbe störungsversuche belästigt, mit mehr vorsieht und höflich- 



Die aufgäbe der erziehung im gymnasium. 13 

keit seine gute meinung zurückzieht, von Luther hier zu schweigen, 
80 hat Lessing über die wegwerfende und dechirante, aber den tadler 
selbst salvierende und erhöhende litotes sehr ernste anmerkungen 
gemacht, weil er den falschen schein auch hier nicht leiden mochte. 

Man pflegt auf die veränderte empfindung der zeit hinzuweisen, 
ist der ton , wenn nicht edler , so doch gemäszigter geworden , so 
wird sich die schule dem nicht entziehen, so viel ich sehe, ist übri- 
gens hier ein bemerkenswerter unterschied nach ständen vorhanden. 
der höhere officier oder beamte pflegt die straffere behandlungsart 
angemessen zu finden und gewöhnt seinerseits den söhn, dasz er den 
lehrem freiwillig die schuldige ehrerbietung erweist; den weich- 
licheren geschmack dagegen vertreten in der kindererziehung die 
priester und akoluthen des sonst harten geldes, da ist unter um- 
ständen für den lehrer nichts zu schlecht, und für den söhn nichts 
gut genug, im ersten fall leben dann regelmäszig schule und haus 
in frieden , und man trennt sich mit wohlwollen ; im andern fall ist 
der einigungspunkt nicht immer leicht zu finden. 

Das Wahrheitsgefühl, zu den erfreulichsten zügen, die mir 
in dem nordelbischen lande , das ich erst als lehrer kennen gelernt 
habe, aufgefallen sind, gehört eine echte, sich nicht vordrängende 
und nicht viele worte machende Wahrhaftigkeit, bei eitern und kin- 
dem der hier einheimischen familien, besonders auch der ländlichen 
kreise, habe ich sie selten vermiszt; ich denke, dasz diese in einem 
gesunden familienleben wurzelnde ehrfurcht vor der Wahrheit nicht 
der letzte erklärungsgrund dafür ist, dasz aus diesem lande so viele 
Zierden der Wissenschaft hervorgegangen sind. 

um so ernster ist die aufforderung, ein so hohes gut zu schützen 
und die gefahren, die es bedrohen, ins äuge zu fassen, derartige ge- 
fahren aber liegen in den dem familien- und schulleben ungünstigen 
yerhältnissen der neuzeit, besonders der groszen städte: in den 
weiten , die controle erschwerenden entfemungen , in der hast , mit 
der das arbeits- und vergnügungsieben der eitern verläuft, in dem 
reiz, welchen die überall ausgelegten genüsse auf die kinder üben, 
dem mangel an gelegenheit, den spieltrieb auf naturgemäsze weise 
zu befriedigen, und den zweifelhaften Surrogaten, diese übelstände 
haben einflusz auch auf die Wahrheitsliebe der schÜler. es fragt sich, 
ob und wie die schule helfen kann. 

Betrachten wir zunächst die anlasse, welche das Übel im schul- 
leben hervortreiben, wann lügt der kleine junge? er hat sich ver- 
spätet, ein buch vergessen, eine arbeit nicht gemacht, er hat sie 
nachträglich von einem kameraden abgeschrieben, dafür hat er eine 
strafe zu erwarten , und um dieser zu entgehen , bringt er eine aus- 
rede, sagt eine Unwahrheit, am kleinen ort läszt sich der that- 
bestand unschwer ermitteln, in der gröszem stadt gar nicht, oder 
nur selten einmal und dann mit unverhältnismäszigem kraftaufwand 
und Zeitverlust, und doch ist der groszstäd tische junge mehr zur 
yergeszlichkeit geneigt, ohne strafe ist der fehler nicht auszutreiben, 



14 Die aufgäbe der erziehung im gymnasimn. 

die Strafmittel aber sind schwerer zu brauchen, das wortpnlver ist 
bald verschossen, Freiheitsentziehung wirkt hSrter, sowohl das zu- 
rückbehalten nach fünf zusammenhängenden lehrstunden wie das 
wiederkommenlassen aus weiter entfemung. der vater hat wenig 
lust, die bestrafung zu übernehmen, er kommt spät aus dem geschäft 
oder bureau, bringt vielleicht auch den abend in gesellschaft zu. daa 
rechte masz zwischen milde und strenge, nachsieht und nachdrucke 
billigkeit und verhältnismäszigem zu treffen fordert ungemeinen 
takt; nicht das letzte ist hierbei, im accent der strafe durchklingen 
zu lassen, welche Sünden läszlich sind und welche innerlich belasten* 

Oeföhrlich sind lange Untersuchungen über quisquilien und di* 
schraube ohne ende, welcbe einem strafbaren, aber an sich uner- 
heblichen delict eine unverhältnismäszige ausbreitung gibt, diese 
methode trifft ein nicht geringer teil des hasses, den die heutige 
schule erntet, früher strafte jeder einzelne lehrer nach befund ^ und 
war der fall nicht kritisch , so machte sich verbaszt, wer es den eol- 
legen weiter sagte, auch der lehrer, meinten die jungen, solle nicht 
aus der stunde plaudern, hielt man sich des weiteren brav, kams 
auch nicht aufs zeugnis. zwischen beiden teilen bestand ein Ver- 
trauensverhältnis , gewissermaszen auf gegen seitigkeit basiert, der 
lehrer erschien für die tagesvorkommnisse als eine potenz für sich» 
nicht als agent gesetzlicher normen , gegen die er nichts vermag. 
so empfanden die schüler. ähnlich haben auch die gewiegtesten er- 
zieher gefühlt, z. b. der vortreffliche Scheibert. dieser setzt denn 
auch (das gjmnasium und die höhere bürgerschule, Stettin 1836, 
2, 108. 110) mit der ihm eignen kraft der einsieht und des heraens 
den hebel da an, von wo aus der druck gehoben werden müste : 'der 
lehrer erscheine nie, nirgend, von keiner seite her als eine vom Staate 
hingestellte person, bringe nicht blosz sein amtskleid in die schule 
und übe in ihr blosz seine amtspflicht, sondern er bringe — seine 
person mit hinein.' dagegen : 'beim heutigen gesetzlichen zuschnitte 
wird man nicht mehr nach der gesamtwirkung, nach der gesamt- 
frucht gefragt, sondern musz jede einzelne isolierte handlung vor 
dem gesetze rechtfertigen können.' 

Wen etwa diese sätze erschrecken, der prüfe, ob sie wahr sind ; 
das evangelium vom sonntag misericordias (Job. 10, 12) gibt an- 
haltspunkte. und darum weisz natürlich auch die Staatsbehörde den 
Standpunkt zu würdigen; sie selbst spricht es in der Schleswiger 
Instruction für die directoren (§ 18 am ende, s. 8) aus, dasz ihr im 
gebiet der willföhrigkeit die achtung und persönliche autoritftt als 
hauptquelle gilt und die geltendmach ung des subordinationsverhält- 
nisses als der anfang vom ende, dort ist der satz auf männer be- 
zogen, sein bereich erstreckt sich aber so weit, als nicht blosz äuszerer 
gehorsam bezweckt wird , sondern inneres Überzeugen und geistige 
nachfolge, ist in dieser hinsieht erziehliche tbätigkeit in einen zu 
engen rahmen eingespannt, so verliert sie an rein menschlicher 
Wirkung. 



Die uufgabe der erziohung im gymnasium. 15 

Auf einen pnnkt dieser art , der im gebiet der Wahrhaftigkeit 
liegt, will folgendes licht werfen. § 4e unserer instruction (s. 4) ver- 
pflichtet die lehrer, dasz ein jeder 'von allen wichtigeren Vorkomm- 
nissen des schuUebens, insbesondere von der irgendwie notwendig 
gewordenen entlassung eines schülers aus dem unterrichte, von 
disciplinarföllen und anstöszigem oder bedenken erregenden ver- 
balten der Schüler in und auszerhalb der schule den betrefifenden 
classenordinarien und gegebenenfalls dem director auch unaufgefor- 
dert baldigst mitteilung macht.' der zweck der Verordnung, einheit 
in die erziehung zu bringen, scheint ebenso richtig als das mittel 
zweckentsprechend, vergleichen wir nun die Wirkung im schulleben. 
der tertianer E. hat sich in der dritten Januarwoche wiederholt nach- 
lässig im lernen der griechischen formen und vocabeln gezeigt und 
ist nach wiederholten milderen erinnerungen am Sonnabend nach- 
drücklichst an seine pflicht gemahnt worden, leider ohne erfolg; 
denn am dienstag den 28 Januar liefert er ein ganz flüchtiges scrip- 
tum ein. soll er eine disciplinarstrafe haben? wenn er sich weiter 
geben läszt, wird er das versäumte schwer einholen, also, zu be- 
strafen ist er. mit einer stunde arrest? scheint unvermeidlich. — 
Dieser erwägung folgt die ausfdhrung. der lehrer des griechischen 
trägt den tadel, wie oben, ins classenbuch ein, den arrest aber kann 
er , einer bestimmung zufolge , nicht selbst verfügen , das ist sacbe 
des Ordinarius, er teilt also diesem den fall mit; der Ordinarius ist 
nicht erfreut, aber einverstanden und fügt am mittwoch im classen- 
bach hinzu: '£). erhält eine stunde arrest.' pflichtmäszig ermahnt 
auch er den saumseligen, freitag, 31 Januar, hat sich der verurteilte 
um 6 uhr zu gemeinsamer arreststunde einzufinden. — Ist das Un- 
glück zu hause schon berichtet? wird er es heute thun? — Den 
arrest überwacht der Ordinarius von secunda, der nach den namen 
fragt und auch dem E. einen strafzettel aushändigt, diesen hat er 
morgens 9 uhr, am Sonnabend den 1 februar, mit der Unterschrift 
des vaters versehen , dem Ordinarius zu präsentieren, um 10 uhr 
holt der pedell das classenbuch zum director. was wird dieser thun ? 
ach j der spricht eben mit dem Ordinarius. — Ist diese angst vor- 
über und der 29 märz in aussieht, wo die ferien beginnen, so taucht 
das entsetzliche exercitium wieder auf. wird *der eingetragene fall' 
ins Zeugnis kommen? wird er auch im aulabericht erwähnt werden? 
war er dann im zeugnis bemerkt, so genieszt ihn der vater, wenn er 
am 13 april unterzeichnet, noch einmal, und falls der junge versetzt 
wäre, der Ordinarius von secunda am 14n, wenn er die Zeugnisse 
durchsieht, letzterer vielleicht unter erinnerung an die am 31 Januar 
in der arreststunde gemachte bekanntschaft. 

Dieser simple fall zeigt den normalen verlauf eines Zusammen- 
wirkens der lehrer unter sich und der schule mit der familie. das 
heiszt mit hochdruck arbeiten, und doch ist alles rapportfähig vor 
sich gegangen, ja der einzelne lehrer konnte, wenn er anders von 
den geführten listen notiz nimmt, kaum irgendwo anders handeln 



16 Die aufgäbe der erziehung im gymnasiam. 

als angezeigt, in allem wesentlichen beruht das verfahren auf an- 
Ordnungen der behörde und genehmigten einrichtungen. 

Sollte nicht auch hier klar geworden sein, dasz die wohlwollende 
absieht 'nebenerfolge' hatte, wie deren jüngst Cauer in seiner schrift 
'staat und erziehung' ein ganzes register zusammenstellte? um den 
Schüler vor willkür des einzelnen lehrers zu schützen , ist seine be- 
strafung mit so vielen garantien umgeben, aber gerade durch die 
Vielheit der garantien ist um des einen exercitiums willen, neben 
dem übrigens noch einige andere kleinere delicte, moralisch unerheb- 
liche , angenommen werden können , ein ganzes beer von schrecken 
über den armen sünder hereingebrochen, das ihn auch nach be- 
Zahlung der kriegskosten noch durch monatlange einquartierong 
demütigte, wer sich in die seele eines jungen versetzen kann, wird 
nicht erschrecken, wenn er hört, dasz auch der ehrliebende schttler 
in der wähl zwischen jener procedur und kurzer abfertigung ohne 
weiteres rapportieren und ohne die saat, welche mit tinte gesät 
wird, sich für den altmodischen stock entscheidet, und dasz der lehrer 
denselben act vorzieht — nicht weil er roh ist, sondern weil er ein 
herz hat. erschrecken aber musz jeder, der miterlebt oder hört, wie 
der tage lang geängstigte schüler gerade durch die complicierte 
Strafart darauf vergilt, an der einen oder andern stelle zu verheim- 
lichen , dann , von der einen angst in die andere getrieben , zur be- 
deckung der ersten Unwahrheit eine zweite, dritte und folgende er- 
findet und schlieszlich dazu kommt , eine Unterschrift zu fftlscben. 
wenn es gelingt, welche aussieht! und wenn es nicht gelingt, ist 
doch der anfang gemacht, controlierende controle der controlierten 
controle ausklügeln , wird nicht viel fruchten , vertrauen ist nötig, 
welcher lehrer wird eine körperliche Züchtigung vornehmen , ohne 
selbst mitzuleiden? der schmerz, der auch ihm zugefügt wird, das 
gefühl der schände, dasz derartiges in der classe nötig wurde, sind 
nicht die niedrigsten erziehungsmittel. 

Sind die natürlichen triebe , welche auf der untersten stufe xur 
Unwahrheit verleiten, träumerisches wesen und plötzliche angst, so 
tritt wohl in den flegeljahren eine trotzige absieht auf, die strafende 
gewalt herauszufordern und sich ihr dann um jeden preis zu entziehen, 
daneben i:^t in dieser lebensepoche ein überwiegen der phantasie 
wahrnehmbar« die nicht nur heldenthaten träumt^ sondern auch nach 
leidenschaftlicher orrvgung halb absichtslos thatsächliches und ge- 
träum tes durch einander m«^ngt. 

Unter den anlä^i^en bestehen die aus versäumter arbeit her- 
rührenden fort und steigern sich zu gröszerer dreistigkeit. andere 
treten hintu« welche die Wahrheitsliebe auch der schuldlosen ge- 
f^hrvicn. die haupthähne unternehmen dinge, die von der yer- 
schwit'genheit der ganzen classe abhängig sind: in den standen eines 
uubeliebteu lehrers tönen undndbare geräusche u. a.; wer nicht pro 
pMria schweigt und rvdet« vertllU der unbarmherxigsten vehme. 
wie dieser geist cm bannen i»t durvh schütz der beä«ereA elemente 



Die aufgäbe der erzieh ung im gymnasium. 17 

und niederhaltung der tyrannen^ wurde oben auseinandergesetzt, die 
ftuszeren mittel gewährt die schulzucht , und sie musz hier durch- 
greifen nach Oiceros regel: ubi rerum adsint testimonia, nihil opus 
esse verbis. war bei den jüngeren und zarteren der schmerz des 
lehrers wirksam , so ist es hier der zom , der die ungebtthr und das 
darin verstrickte gewebe von Umgehungen und beschönigungen, 
halbem und unmöglichem zerreiszt und niedertritt, da aber der 
zürnende weisz, wie groszen anteil an der Unordnung, die hier zu- 
weilen losbricht, die natur hat, und dasz dieses lebensalter den 
raschesten Stimmungswechseln unterliegt| so wird er diese kenntnis 
manigfaltig nützen, gelegentlich auch durch überraschende Straf- 
losigkeit bei einem entdeckten streich, der ehrlich eingestanden 
wurde, der werdende mann verehrt die kraft; dasz die lüge feige 
ist, ist ein argument, das eindruck macht. 

Wir wenden uns zu erfreulicherem, die Unwahrheit wird am 
wenigsten gedeihen , wenn wir die Wahrheit pflanzen , und die be- 
obachtung ihres Wachstums gestattet eine genaue erörterung. 

Bei dem kind wird die Vorstellung von gottes äuge, das bei- 
spiel der eitern, der eindruck, mit dem eine Unwahrheit die familie, 
den lehrer und den unverdorbenen mitschüler trifft, die lebhaftesten 
antriebe zur Wahrhaftigkeit enthalten. 

Im knaben verstärkt sich dieser trieb , wenn ihm das bewust- 
sein dämmert , wie innig die Wahrheit mit dem menschlichen geist 
in seiner tiefe verwandt ist, wie alle Sympathien den wahrhaftigen 
beiden und den aufrichtigen menschen jedes alters und geschlechtes 
zugewandt sind, wie verachtet und niedrig der Verräter, der unge- 
treue und unehrliche dasteht, dies schlägt auf sein eignes wesen 
zurück, er fühlt sich männlicher, wenn auch er der Wahrheit ein 
opfer bringt, unfrei und entehrt, falls er dieses grundgesetz seines 
Wesens verletzt hat; denn ist auch die äuszere beschämung vorüber- 
gegangen, die Unruhe des gewissens, der flecken in der seele, das 
peinigende in der erinnerung, fühlt er, will nicht weichen. 

Dem Jüngling tritt die macht der Wahrheit auch in ihrem ob- 
jectiven Charakter entgegen, wenn die ahnung erwacht, in ihrem 
dienst thne nicht genug, wer so spricht und handelt, wie er just 
denkt und fühlt, dasz es unleidlich und vergeblich sei, wider- 
sprechendes zusammendenken zu wollen, davon hat ihn die geo- 
metrie überzeugt, die ihn auch die mOglichkeit entdecken liesz , das 
falsche auszusondern und die anerkennung des richtigen zu erzwingen» 
hat er sich hier an eignes prüfen gewöhnt und mit einigem ver- 
trauen zu dieser bethätigung seines Wahrheitssinnes erfüllt, so wird 
auch auf andern geistigen gebieten ein gewisses Schamgefühl in ihm 
rege, falls er unvereinbares neben einander behaupten will, führen 
aber nicht gleich sichere pfade wie die des mathematischen Ver- 
fahrens zum ziel , er kann sich doch nicht wieder der anerkennung 
des Lessingschen satzes entziehen, 'dasz die aufrichtige mühe, die er 
anwendet, hinter die Wahrheit zu kommen, den wert des menschen 

N. Jahrb. f. phil. n. päd. U. «bt. 1892 hft. 1. 2 



18 Der gpriecluBche nntemcht auf unBeren gynmaBien. 

macht*, alle fbbrer and beiden der menschheit bestätigen ihm, daaz 
entdeckuBg and Verteidigung der Wahrheit, meist durch den weg der 
entsagvng und des leidens bezeichnet, die würde unseres gescblecbtea 
am meisten darstellen. 

Hier schlieszt sich denn auch ftbr ihn das geistige streben zur 
einheit des sittlichen und intellectuellen zusammen, denn erschei- 
nungen und tbatsachen möglichst adSquat zu erkennen und darzu* 
stellen, des Schülers anteil an der Wahrheit, ist ebenso wohl sache 
seiner Intelligenz und seines fleiszes als der reinheit seines willens. 
Tor anderem wird ihn der gegensatz zwischen Sokrates und den 
Sophisten erkennen lassen , welcher wert für auffindung der Wahr- 
heit und zum verharren und fortschreiten in derselben der Selbst- 
verleugnung und dem verzieht auf vorgefaszte meinungen und 
wünsche beiwohnt. 

(fortaetsung folgt.) 

Altox^a. Fb. Bbut£r. 



2. 

DER GRIECHISCHE 
UNTERRICHT AUF UNSEREN GYMNASIEN. 

eine apologie. 



Demjenigen , der die heutige pädagogische litteratur aufmerk- 
samer verfolgt, bietet sich ein interessantes^ wenn auch bisweilen 
überraschendes bild dar. die bevorstehende reform der höheren 
schulen hat die geister mächtig erregt, und von allen Seiten beeilt 
man sich, fehler aufzudecken, ratdchläge zu erteilen und neue gesichts- 
punkte aufzustellen; und da dies von fach- und nicht-fachmännem, 
von berufenen und unberufenen, von realisten und Idealisten ge- 
schieht^ so bietet, wie gesagt, der pädagogische bttchermarkt ein 
buntes und höchst eigenartiges Schauspiel, ein aus zahllosen bunten 
&rben kaleidoskopisch zusammengesetztes bild, in dem nicht selten 
die crassesten contraste sich finden, gegensätze, die so unvermittelt 
neben einander stehen , dasz man sich wundem musz , wie ein und 
dieselbe sache sich in den köpfen so verschieden malen kann, das 
auffallendste bei dieser erscheinung ist indessen der umstand, dasz 
gerade innerhalb der fachkreise sich solche contraste entwickelt 
haben, dasz solche männer, die, bildlich zu reden, bisher an dem- 
selben stränge gezogen, sich jetzt feindlich ins äuge sehen und 
mancher diesem stränge jetzt eine ganz andere richtung geben möchte, 
als die war , der er bisher ohne widerstreben folgte ', kurz dasz ein 

^ behauptet doch z. b. neuerdings ein gymnasialprofessor ganz ernst* 
haft, das tibersetien aus dem deutschen schwäche das ohnehin schwäch- 
liche deutsche nationalbewnstsein, yermehre die Zerfahrenheit des geistes» 



Der gpriecIliBche Unterricht auf aneeren gymnasien. 19 

Zwiespalt in die lehrerweit selbst gekommen ist, auf die yor der 
reformbewegung wenig oder nichts schlieszen liesz. es könnte diese 
thatsache den objectiyen beobachter mit unruhe erfüllen ; liegt doch 
für ihn der gedanke nahe, dasz es um einen betrieb schlecht bestellt 
sein mflsse, in dem die treibenden kräfte so wenig einig seien in 
der rechten richtung ihres wirkens, bei dem die alte frage: was ist 
Wahrheit? weniger als anderswo eine befriedigende lösung gefunden; 
indessen mag auch hier wohl das alte wort yon dem kriege als dem 
yater aller dinge zutreffen und auf die zeit unruhigen gährens der 
erwünschte zustand der klärung und ruhe folgen. 

Dasz selbst über fandamentalfragen des höheren Unterrichts 
unter den yertretern desselben keine einigkeit herscht, beweisen die 
meisten Kuszerungen über den griechischen Unterricht auf den gym- 
nasien. begeisterte yerehrer dieses faches stehen Skeptikern gegen- 
über, die seine berechtigung in zweifei ziehen, ja^ ihn geradezu für ent- 
behrlich halten ; während jene der beschfiftigung mit dieser spräche 
eine hohe bedeutung für die Jugenderziehung beimessen, glauben 
diese, die bisher dafür yerwendete zeit besser und erfolgreicher 
anderen disciplinen zuweisen zu können, auf diesem Standpunkt 
steht ein kürzlich im druck yeröffentlichter yortrag, den professor dr. 
Bahnsch auf der letzten generalyersammlung des yereins von lehrem 
höherer Unterrichtsanstalten der provinzen Ost- und Westpreuszen 
zu Danzig gebalten hat, und der durch eine gewandte beweisführung 
und manchen blendenden grund, durch eine gewinnende spräche 
und ein yon reicher Sachkenntnis zeugendes urteil nicht yerfehlt hat 
und vermutlich nicht verfehlen wird, eindruck zu machen, und auch 
unter fachgenossen manche anhänger finden dürfte; schlieszt doch 
eine jedenfalls aus fachmännischer feder stammende ankündigung in 
der 'täglichen rundschau' mit dem triumphierenden ausruf : es be- 
ginnt zu tagen! um so mehr scheint es mir bei der eminenten 
Wichtigkeit der vorliegenden frage geboten, auf besagten vertrag 
näher einzugehen und die dem resultat desselben entgegenstehen- 
den bedenken offen auszusprechen, 'die zukunft des griechischen 
Sprachunterrichts auf den gymnasien' lautet das thema ; am Schlüsse 
faszt der Verfasser seine erörterungen in dem satze zusammen: ich 
schliesze mit dem freundlichen ausblick in die zukunft, wo es uns 
gestattet sein wird, mit unseren knaben und Jünglingen den rückzug 
der zehntausend, die freiheitskämpfe der Griechen, die irrfahrten des 
Odysseus, den zom des Achill und die klagen der Antigene in unse- 
rem geliebt-en deutsch zu lesen, dann werden sie vielleicht auch zeit 
gewinnen und die neigung verspüren, den chören des Aeschylus zu 
lauschen und im Phädon zu lernen , wie ein weiser heiteren blicks 
dem nahen tode entgegensieht; und sie werden ein voUgegründetes 



sebädige die ideale geistesrichtnng, gewöboe an ein denken mit bloszen 
Worten ohne klare und deutliche Torstellungen, und was dergleichen 
abenteuerlichkeiten mehr sind. 

2* 



20 Der griechische Unterricht auf unseren gymnasien. 

recht haben mit unserem lieblingsdichter, der nicht griechisch vor- 
stand und doch ein heros griechischer Schönheit geworden ist, freudig 
zu rufen: die sonne Homers, siehe sie iSchelt auch uns! 

Es soll also , das ist der wünsch und die ho&ung des redners, 
in Zukunft an den gymnasien nicht mehr griechische spräche , son- 
dern nur griechische litteratur getrieben werden, und zwar so, dasz 
diesem Unterricht gute Übersetzungen zu gründe liegen; es sei ein 
Irrtum , heiszt es , zu glauben , dasz die Jugend in die gedankenweit 
der Griechen nicht auch ohne deren spräche eingeführt werden 
könne, und dasz letztere schon an sich um ihrer hohen Vollkommen- 
heit willen gelehrt und als zuchtmittel ftlr den jugendlichen geist 
schulmSnnisch verwertet werden müsse, der in diesen werten aus- 
gesprochene gedanke würde, falls er zur Wirklichkeit werden sollte, 
eine so einschneidende Wirkung für unsere gymnasien haben , dasz 
es der mühe lohnt, die gründe, durch die er empfohlen wird, ein- 
gehend zu prüfen , zumaJ auch Paulsen in seiner geschichto des ge- 
lehrten Unterrichts in Deutschland zum teil aus ähnlichen erwägungen 
zu demselben Schlüsse gelangt (s. 777). 

Der erste grund, den B. anführt, ist ein historischer; der grie- 
chische Sprachunterricht, sagt er, habe offenbar an umfang und 
Wirkung seit 50 jähren sehr verloren; damals seien auch Euripides 
und Aeschylus, Piatos Phädon, sowie komödien des Aristophanes 
gelesen worden, heute sei die dramatische lectüre auf Sophokles be- 
schränkt, an den Phädon und die reden des Thucydides wage sich 
kein lehrer mehr, es ist eigentümlich, dasz eine andere schrift, die 
sich mit der fr&ge des griechischen Unterrichts beschäftigt (Hecht, 
worin besteht die hauptgefahr für das humanistische gymnasium, 
und wie läszt sich derselben wirksam begegnen? Oumbinnen 1890), 
zu dem resultate gelangt: die historische betrachtung führt zu dem 
ergebnis, dasz das griechische in den schulen ungeföhr seit der mitte 
des achtzehnten Jahrhunderts bis auf unsere zeit entgegengesetzt 
dem lateinischen sich in aufsteigender richtung fortentwickelt hat. 
auf welcher seite ist hier die Wahrheit? 

Allerdings wurde, woran B. erinnert, durch circularverfügung 
vom 11 april 1825 die am gymnasium zu Danzig sich findende ein- 
richtung, dasz die schüler der drei oberen classen angehalten wurden, 
griechische und lateinische Schriftsteller für sich privatim nach 
einem festen plan zu lesen , auch den übrigen gymnasien zur nach- 
ahmung empfohlen, und es finden sich angaben, nach denen in den 
ersten decennien dieses Jahrhunderts die griechische lectüre eine 
weit ausgedehntere war als jetzt so wurde in Frankfurt a. 0. im 
jähre 1820 in prima Plutarch, Isocrates, Thucydides, Demosthencs, 
von Plato auszer kleineren dialogen der Phädon, Homer, Hesiod, die 
Bukoliker, Euripides, Sophokles, Aristophanes, Aeschylus und Pindar 
gelesen (Paulsen s. 577), aber wohl gemerkt, der griechische Unter- 
richt erstreckte sich über einen Zeitraum von 8V2 jähren, in den 
letzten 4t^/2iBhren mit 8 stunden! auch amFriedericianum in Königs- 



Der griechische Unterricht auf unseren gymnasien. 21 

berg wurde Euripides, Lucian, eine grosze zahl Platonischer dialoge, 
unter anderen die ganze republik, gelesen, das sind freilich leistun- 
gen, die manchen candidaten der philologie neidisch machen könnten ; 
aber so gieng es auch nicht überall her. in Wittenberg z. b. be- 
schränkte sich zu derselben zeit die griechische lectüre in prima auf 
Piatos apologie und Gorgias, die Ilias und Sophokles, privatim kam 
noch einiges aus den tragikem, Plutarch und Demosthenes hinzu, 
überhaupt musz man bei beurteilung jener zeit zwischen schul- und 
privatlectüre unterscheiden, hier kann nur die erstere in betracht 
kommen, da die letztere nicht nur im griechischen, sondern in allen 
sprachen, die deutsche nicht ausgeschlossen, zurückgetreten bzw. 
geschwunden ist. vor mir liegen die alten programme des Gumbinner 
gymnasiums, mit dem jähre 1823 beginnend; in den ersten fehlt 
noch die angäbe der lehrpensa, indessen ist aus den mitteilungen 
über die Öffentliche prüfung zu ersehen, dasz bei 7 wöchentlichen 
lehrstunden in den classen I — III, 8 stunden in IV, in prima Thucy- 
dides, Sophokles, Isocrates und Piatos republik, in secunda die Ilias 
gelesen wurde, vom jähre 1829 an werden die lehrplftne veröffent- 
licht; da finden sich als Schriftsteller der prima dieselben angegeben, 
die wir jetzt lesen , einmal statt des Sophokles die Alcestis und die 
Phoenissen des Euripides, ein andermal die beiden Iphigenien, von 
Plato wird angeführt Laches, Charmides, Menezenus, das programm 
von 1835 führt Herodot buch 5 und 6, den Philoctet des Sophokles 
und die cursorische lectüre von Ilias buch 13 und 14 auf, sicher 
kein groszes penRum für ein Schuljahr; im jähre 1841, also gerade 
vor 50 Jahren, wurde in prima Thucydides buch 6 und 7 , Sophokles 
Ajax, Euripides Medea zur hälfte, in secunda Xenoph. Cyrop. buch 1 
bis 3, cap. 2, Homer Odyss. buch 5 — 8, Ilias buch 6 — 9 gelesen. 

Interessant sind auch die berichte über die lectüre, welche die 
abiturienten einzureichen hatten, sie erstrecken sich über lateinisch, 
griechisch, französisch und deutsch, aus dem jähre 1836 finden sich 
folgende angaben über die griechische schullectüre : 7 bücher der 
Odyssee, 14 bücher der Ilias, Philoctet und Electra des Sophokles, 
2 bücher der Anabasis, 2 bücher der Cyropädie, 2 bücher der Memo- 
rabilien, 2 bücher des Herodot, Demosthenes de Corona, etwas aus 
Arrian ; hier fehlen z. b. Plato und Thucydides ganz, im jähre 1837 
auszer dem eben angeführten: Sophokles Ajax und Piatos republik 
buch 1 — 3. im jähre 1838 berichtet der kürzlich verstorbene 
Ferdinand Gregorovius, dasz seine griechische schullectüre bestanden 
habe in einigen büchem der Anabasis, Cyropädie, Memorabilien, 
einem buch des Herodot, drei büchem der Platonischen republik, 
dem Ajax des Sophokles, der Odyssee und der Ilias. ich habe mich 
femer nach den abiturientenarbeiten jener zeit umgethan ; im jähre 
1834 waren freilich 40 verse aus dem ersten chorlied des Philoctet 
zur schriftlichen Übersetzung gestellt, dagegen 1836 eine stelle aus 
Piatos apologie, ebenso 1837, und im jähre 1839 aus Xenophons 
Hiero. der lehrplan jener jähre weist also nur unerhebliche abwei- 



22 Der griechische Unterricht auf unseren gymnasien. 

ehnngen von dem heutigen auf, und diese scheinen nicht sowohl auf 
eine verschiedene föhigkeit der schüler als auf eine Verschiedenheit 
des geschmacks der lehrer zurückgeführt werden zu müssen. . die 
privatlectüre bietet, wie schon bemerkt, allerdings ein anderes bild. 
so führt der abiturient des Jahres 1836 mehrere bücher aus Xeno- 
phon, 4 bücher aus Herodot, eine rede des Aeschines, 2 vitae des 
Plutarch, den Eriton des Plato und eine grosze zahl Lucianischer dia- 
loge an, Gregorovius hat nach seiner angäbe auszer Xenophon und 
Herodot auch die olynthischen reden des Demosthenes, Plutarchs 
Ljcurg, die meisten öden des Anacreon und das scutum Heraclis 
des Hesiod gelesen, aber solcher überschusz an privatlectüre findet 
sich in noch gröszerem masze im lateinischen ; hier sind Phaedrus, 
Martial , Vergil , Terenz , die fasten und sogar die ars amandi des 
Ovid, Eutrop, Justin, Florus, Curtius, 10 bücher des Livius, Tacitus, 
8 verschiedene Schriften des Cicero, Plinius, Sallust, Sueton, endlich 
auch die vita infelicis illius hominis nomine Elobinsonis junioris notis- 
simi in latinam linguam omate translata aufgeführt, und wenn man 
weiter umfangreiche angaben über die französische schul- und privat- 
lectüre liest, sowie eine unendliche reihe deutscher litteraturproducte, 
an der spitze 'Schillers sftmtliche werke mit geringen ausnahmen', 
so wird man sicher nicht behaupten können, dasz nur der griechische 
Unterricht oder dieser mehr als andere f&cher seit jener zeit an um- 
fang verloren habe; ja, es scheint vielmehr, als ob die dififerenz 
gerade im griechischen minder auffällig ist, als in den übrigen spra- 
chen, und wenn damals einzelne schulanstalten bedeutend gröszere 
erfolge aufwiesen, so erklärt sich das daraus, dasz damals dem grie- 
chischen eine bedeutend gröszere Stundenzahl zugewiesen war, und 
dasz die directoren sich einer gröszeren freiheit in der inneren leitung 
ihrer schulen erfreuten; denn letzterem umstände ist es sicher zu- 
zuschreiben, dasz unter dem directorat eines mannes, wie Poppe, das 
Frankfurter gjmnasium im griechischen so ezcellieren konnte, es 
wurde nach dem jähre 1833, sagt Paulsen s. 578, dort peinlich em- 
pfunden, dasz der griechische Unterricht durch ministerialrescripte 
und die neue Prüfungsordnung beschränkt wurde. 

Aber es kommt im ganzen weniger auf die quantität der lectüre 
an, als auf ihre qualität, d.h. darauf, wie die schüler im stände sind, 
die ihnen vorgelegten Schriftsteller zu verarbeiten, ich gebe es B. 
ohne weiteres zu, dasz für unseren primaner das Verständnis der 
dramatischen chÖre, der Thucjd ideischen reden aus eigener kraft zu 
schwer ist, während einst die abiturienten des Fridericianums in 
Königsberg schriftlich einen chor des Sophokles oder £uripides in 
freien deutschen versen übersetzten, ist darum aber der schlusz 
gerechtfertigt, dasz der ganze Unterricht wertlos sei? denkt man 
daran , den mathematischen Unterricht zu beseitigen , weil die inte- 
gralrechnung im gjmnasium nicht betrieben werden kann? sagt 
doch F. A. Wolf selbst in seiner gutachtlichen äuszerung über die 
onterrichtsverfassung der gymnasien im jähre 1816 (Amoldt 1 275) : 



Der grieohische unt^richt auf unseren gynmasien. 23 

*ioh mSokte glaaben, dasz in den meisten lehrobjeoten die forde- 
mngen an ein gewöhnliches gymnasium weniger hoch gestellt sein 
sollten , sie könnten dennoch für die meisten noch hoch genug sein, 
selten wird z. b. ein anch guter schttler die schweren teile griechischer 
dramen wirklich zu wahrem, eigenem Verständnis steh deutlich 
machen können, da sehr selten lehrer, wie sie sind und wohl sein 
werden, es können, ja die meisten nicht in einem etwas schweren 
Prosaiker ein paar seiten ohne lexicon verstehen mögen.' so schrieb 
Wolf in der zeit, da das griechische auf dem gymnasium in seiner 
höchsten blute stand ; und allerdings gehören die chorpartien in den 
dramen zu den schwierigsten aufgaben schon aus teztkritischen 
gründen, der ganze Phädon mag auch wohl nicht mehr bewältigt 
werden, aber dafür habe ich z. b. als primaner im jähre 1871 den 
ganzen Phädrus gelesen, auch keine leichte lectüre, und noch erinnere 
ich mich dieser stunden mit groszem vergnügen; ebenso wenig sind 
wir damals den reden des Thucydides aus dem wege gegangeni und 
auch heute geschieht das nicht, die leichenrede des Perikles wird 
vielfach gelesen, und wenn heutzutage, wie B. sagt, von den dra- 
matikem nur noch Sophokles in betracht kommt, so ist diese an sich 
richtige thatsache nicht dadurch zu erklären, dasz der Euripides jetzt 
zu schwer erscheint, sondern weil man aus ästhetischen gründen 
und mit recht jenem dichter den Vorzug gibt: denn Euripides ist 
leichter als Sophokles. 

Femer, wenn man von dem beschränkten umfang der griechi- 
schen schullectüre spricht, wie steht es denn in dieser beziehung 
mit dem lateinischen? diesem fache sind von YI bis Itl^ wöchent- 
lich 9 stunden zugewiesen, durch II und I setzt es sich mit 8 stunden 
fort; es müste bei diesem so viel energischeren betriebe doch auch 
erwartet werden, dasz es in det lectüre einen wesentlich gröszeren 
nm&ng zeige als daö griechische, machen wir die probe I im Schul- 
jahr 1889/90 wurde am königlichen gymnasium in Danzig nach aus- 
weis des programms gelesen in 

prima (ostem): 

lateinisch griechisch 

Tacitus Annalen 1 und 2 (mit Demosthenes 1 und 2 

answahl) Philippische rede; Trepl etpr|VT|C 

Cicero de oratore 1 Plato Eriton, Euthyphron 

Horaz öden, episteln, satiren, eine Sophokles Oedipus Bez 

epode. 4 bücher der Ilias. 

prima (michaelis): 

Tacitus Agricola, Annalen I (aus- Plato Euthyphro, apologie 

wähl) Sophokles Ajax 

Cicero pro Morena von der Ilias 4 bücher ganz, 2 

Horaz odtia, epoden, Satiren, bücher mit auswahl. 

episteln. 



24 Ber griechische Unterricht auf unBeren gymnaBien. 

Man wird nicht behaupten können , dasz sich hier ein erheb- 
liches übergewicht auf Seiten des lateinischen zeigt, und dasselbe 
yerhftltnis weisen im ganzen alle gjmnasialprogramme der letzten 
jähre auf. ich greife noch einige heraus , die mir gerade zur band 
sind, das programm des Eönigsberger Friedrichs -CoUegiums von 
1890 weist an altsprachlicher lectüre auf: 

in Oberprima: 
lateinisch griechisch 

Tacitus dialog. de orat, Germania Demosth. Philipp. I, oljnth. I 
Cicero Tusc. I, de orat. I und m 

Horaz öden, episteln, satiren. Plato Protagoras 

Sophokles Oedip. Rex und Ajax 
nias buch 16 und die folgenden. 

in Unterprima: 

Cicero pro Mil. und de imper. Plato apologie 

Tacitus Annalen I und abschnitte Thucydides buch 6 

aus II Sophokles Antigone 

Horaz öden usw. 9 bttcher der Ilias. 

Stftdtisches gjmnasium zu Danzig 
Programm 1890. 

prima (ostem): 
lateinisch griechisch 

Tacitus Annalen I und Germania Demosth. Philipp. I und 11 und 
Cicero de orat. Trepl elprjvric 

Horaz öden und episteln. Plato apologie 

Sophokles Philoctet 
5 bttcher der Bias. 

prima (michaelis): 

Tacitus Germania und Agricola Demosth. oljnth. reden 
Cicero Somnium Scipionis, de Plato Protagoras 

orat. 1 und 3 Sophokles Antigone 

Laelius (cursorisch) 6 bttcher der Ilias. 

Horaz öden usw. 

Ritterakademie zu Brandenburg a. H. 
Programm 1891. 

prima: 

Cicero de off. 1 und 3 und zwei Plato Protagoras 

kleinere reden Thucjdides buch 6 

Tacitus Annalen I und II, dialog. Sophokles Oedip. Bex und Electra 

de orat. Bias buch 1 — 1 2 zum teil privatim. 

Horaz öden usw. 



Der griechische Unterricht aaf auseren gymnasieu. 25 

Mit einzelnen modificationen wird sich das hier gegebene bild 
überall wiederholen und den beweis liefern, dasz die griechische 
lectüre nicht so wesentlich an umfang hinter der lateinischen zurück- 
steht, dasz man gegen jene einen Vorwurf erheben könnte, der diese 
nicht aach träfe ; vielmehr, wenn wir von Nepos und Caesar absehen, 
welche die lateinische lecttlre erst anbahnen, entsprechen sich un- 
geföhr: 

Ciceros reden und die des Demosthenes, 

Ciceros rhetorische und philosophische Schriften und Plato, 

Livius, Tacitus, Sallust und Herodot, Xenophon, Thucydides, 

Yergil (und Ovid) und Odyssee und Ilias, 

Horaz und Sophokles; 
imd wenn auch von lateinischer prosa mehr gelesen wird, als von 
griechischer, so wird diese differenz doch reichlich ausgeglichen 
durch das plus, das die Homerlectüre vor der des Vergil und der 
sehr fragmentarischen des Ovid aufweist; wenn femer wir den Horaz 
dem Sophokles gegenüberstellen, wird jeder zugeben, dasz wir erste- 
rem eine grosze ehre anthun. 

Übrigens ist es nicht unwichtig, auch darauf hinzuweisen, dasz 
in prima alle zwei wochen eine schriftliche Übersetzung aus dem 
griechischen angefertigt wird, also in zwei jähren deren ungefähr 40, 
zu denen die Stoffe den verschiedensten schriftsteilem entnommen 
werden ; so berichtet z. b. das programm des Eneiphöfschen gymna* 
siums in Königsberg 1891: ^zum extemporieren in piima wurden 
stellen vorgelegt aus Xenophons Anabasis und Hellenica, aus Piatons 
Kriton , apologie , Symposion , aus Herodot ; im anschlusz an diese 
lectüre mitteilungen aus der litterat Urgeschichte' ; ich selbst greife 
bei diesen Übungen und dem an die durchnähme der arbeiten sich 
schlieszenden mündlichen extemporieren häufig zum Thucydides, 
Plato , Demosthenes , bisweilen auch zum Euripides und Aeschylus, 
und dies die kenntnis griechischer litteratur fördernde verfahren wird 
sich überall finden , ohne dasz dessen in den Programmen ausdrück- 
lich erwähnung gethan wird. 

So viel über den umfang der griechischen schuUecttLre. aber 
es kommt vielleicht, wie schon bemerkt, mehr auf die art, wie sie 
betrieben wird, an, als auf das quantum, und hier behauptet B., 
dasz die Wirkung und der erfolg des griechischen Unterrichts über- 
haupt nicht im richtigen Verhältnis stehe zu der aufgewandten zeit 
und mühe, da das ziel desselben auch nicht annähernd erreicht werde ; 
ohne Übersetzung werde nicht einmal Homer gelesen, ja, manche 
lehrer billigten selbst die benutzung von Versionen, wenn wir das 
zugeben mttsten, so frage ich wieder : liegt die sache im lateinischen 
anders? hat nicht der herliche 'Freund' seine verdienstvollen arbeiten 
ebenso auf die lateinischen wie auf die griechischen schulschrift- 
steller ausgedehnt? ist es denn glaubhaft, dasz Vergil und Horaz 
weniger mit Versionen präpariert wird, als Homer und Sophokles? 
nein, dieser gebrauch liegt nicht in dem mangelnden können der 



26 Der griechische Unterricht auf onf eren gymnaaieii. 

Schüler begründet, sondern in der natürlichen trägheii, die sich stets 
unter der Jugend regen und nach erleichterung streben wird, wird 
doch von vielen ein * Schlüssel ' nicht nur zu den schönheitem des 
Homer benutzt, sondern selbst schon zu den Schönheiten der firaa- 
zösischen sätze in der PlOtzschen grammatik, und dasz auch da, wo 
Shakespeare gelesen wird, wie z. b. in der prima des königUohen 
gymnasiums in Danzig , es ohne ein medium , sei es ein Sohlegel- 
Tieck oder ein anderes, nicht abgeht, ist mir nicht zweifelhaft, wenn 
femer B. — mit vollem recht — die unsicheren kenntnisse in der 
griechischen grammatik hervorhebt und sagt: ^besonders seit ein- 
führung des neuen lehrplans von 1882, durch welchen dem griechi- 
schen Unterricht 80 lehrstunden entzogen sind, und das haupi^wicht 
auf die lectüre gelegt ist, hören die klagen über die Unsicherheit der 
Schüler gerade der höheren classen und über ihre gleichgiltigkeit 
gegen die grammatischen formen nicht mehr auf, so frage ich wieder, 
ist das im lateinischen so viel anders? in den Verhandlungen der 
elften directorenconferenz Ost- und Westpreuszens 1886 wird s. 129 
von der Unsicherheit und zum teil bodenlosigkeit des grammatischen 
Wissens im lateinischen gesprochen, und man lese nur daselbst s. 131, 
was director Kretschmann über den gegenwärtigen zustand dieses 
lehrfaches und seine erfolge sagtl in allen classen werden die cui- 
forder ungen ermäszigt, das abiturientenscriptum wird mit äuszerster 
vorsieht zusammengestellt, und doch entsprechen die arbeiten so oft 
nicht der nicht minder vorsichtig ausgedrückten forderung, von 
fehlem, welche eine grobe grammatische Unsicherheit zeigen und 
von Germanismen im wesentlichen frei zu sein und den anfang 
stilistischer gewandtheit erkennen zu lassen, ich glaube , dasz das, 
was B. s. 5 vom griechischen Unterricht sagt, sich im groszen und 
ganzen auch auf den lateinischen anwenden läszt, zumal beide spra- 
chen jetzt einen gleichen Verlust erfahren haben ; denn wenn mit der 
griechischen Übersetzungsarbeit in obersecunda *der letzte wall ein* 
gerissen ist, welcher dem grammatischen wissen noch einigen sehnte 
gewährte', so hat das lateinische zu gleicher zeit das schon lange 
unterspülte bollwerk des aufsatzes dahingehen müssen, also Verluste 
auf beiden Seiten ; betrachten wir dem gegenüber, was beiden fächern 
geblieben ist. das latein ist von seiner höhe heruntergestiegen ; es 
soll nicht mehr auf den schulen, wie einst, geschrieben und gespro- 
chen werden, man hält diese ausdehnnng seines betriebes für zu grosz^ 
und demgemäsz wird es voraussichtlich bei der zu erwartenden reform 
auch an Stundenzahl verlieren, welche Wirkung kann es dann noch 
aubüben? meines erachtens kann noch eine dreifache in hhge kom<> 
men: man betreibt es weiter als wichtiges geistiges erziehungsmittel, 
das immer noch, wenn auch in seinem ziel wesentlich eingeschränkt, 
seines logischen wertes wegen unentbehrlich bleibt; man lehrt es 
zweitens , um das Verständnis lateinischer Schriftsteller zu erzielen, 
oder drittens, um anderer praktischer zwecke willen, die auszerhalb 
der schule liegen. 



Der griechifiche anterricht aaf unseren gymnasien. 27 

Den letzten punkt hebt B. besonders in seinem vertrag hervor, 
die lateinischen Sprachkenntnisse, sagt er, werden noch immer ge- 
braucht und deshalb geschätzt, ein satz, der allerdings keines weiteren 
beweises bedarf; der Jurist, theologe, mediciner und naturforscher 
kann diese spräche nicht oder nur schwer entbehren, sie erleichtert 
nicht unwesentlich das erlernen und das Studium der romanischen 
sprachen , und in vielen anderen fächern noch begegnen uns mehr 
oder weniger zahlreiche spuren derselben. 

Ebenso wenig kann ihre erstgenannte Wirkung verkannt werden, 
ich wenigstens wäre der letzte | der ihre erziehliche kraft leugnen 
wollte, die Schulung des denkens, die sie gewährt, ihre bedeutung 
für entwicklung und Übung des Verstandes , kurz das , was man ge* 
wohnlich ihre formale seite nennt; dieselbe wird und musz von 
heilsamem einflusz auf den jugendlichen geist bleiben, auch wenn 
das endziel nicht mehr so weit gesteckt ist wie früher, auch wenn 
eine fertigkeit in der freien anwendung des lateinischen nicht mehr 
erstrebt wird. 

Wie steht es nun mit dem zweiten punkt, der lateinischen 
lectüre? ist diese auch um ihrer selbst willen so wichtig und uner- 
setzlich, dasz sie ohne groszen schaden nicht entbehrt werden könnte, 
oder ist sie vielmehr nur ein mittel zum zweck, d. h. dem zweck, 
die eben angeführten ziele der logischen verstandesbildung und der 
praktischen Verwertung sicherer und vollständiger zu erreichen? 
ich hoffe nicht misverstanden zu werden; es liegt mir durchaus fem, 
der römischen litteratur ihren wertvollen gehalt abzusprechen, zu 
bestreiten, dasz ein Livius und Tacitus, ein Cicero, Vergil und Horaz 
auch als bildungselemente vortreffliche dienste geleistet haben und 
leisten können, sind sie doch das entzücken ganzer Jahrhunderte ge- 
wesen ; ich meine nur, da es sich jetzt darum handelt, in dem höheren 
Unterricht beschränkung zu üben , auszuscheiden oder zurücktreten 
zu lassen, was entbehrlich erscheint, und so zu sagen jeden luxus zu 
vermeiden, ist es jetzt noch gestattet, einer lectüre gröszeren räum 
2U gewähren, die inhaltlich nicht den ersten rang einnimmt, einer 
litteratur, die in den meisten zweigen hinter der anderer nationen 
zurücksteht, ja, bei der manche bluten, die auf anderem boden sich 
herlich entfaltet haben , verkümmert oder ganz verschwunden sind : 
ich glaube, so schön und eigenartig auch manche erzeugnisse des 
römischen geistes sind, sie können unter den heutigen Verhältnissen 
nicht den anspruch erheben, um ihrer selbst willen als wichtige, un- 
entbehrliche factoren in den gymnasialunterricht aufgenommen zu 
werden, sondern müssen sich mit einer dienenden Stellung begnügen, 
in der sie noch immer reiche gelegenheit haben werden, dem ihnen 
innewohnenden werte entsprechend den geist unserer Jugend auch 
durch ideen zu befruchten. 

In welcher läge befindet sich dem gegenüber der griechische 
Sprachunterricht ? 

Wenn in der lateinischen spräche ein hervorragendes bildungs- 



28 D«r grxeeinaehe u i ilwrrTKht auf 

gjmiiasies aiweniiniig^ findig unft timim zhhsk, ao w&s es gßgaA^ 
faÜA ein ^Inxna', noch, eme zweita ^tfirmtim zu (fitwui hehofa «nm- 
führen : es ergibt ,^efa vieimefaryim aeüist» di^aOe «wJiwww ap ra gW« ^ 
also auch daa gneeiiiBcfae, diasam ziteeka oicfalr, adrar dock mir m 
luitergeordneXiar wmse za dienen, haben: und. ahne mich w «iUa r suf 
die üraga einxolasaen^ ab dia grieehiacha .^iiracfae als aolc&e emen 
gerixx^cen hildnngswert als die lateinificha bat acte- mcht, g^be ich 
ohne weiteres za, daaz, wenn sa aof nnaeren achnlen brabahalten 
wird, dieser gesiehtspnnkt nicht der maBgabenda acan darf, iefc 
gebe B« figmer zu, da^ dia prakcxfichen grtoda &r den m i t^H T it' ht 
im lateiniacfafflfi Sär das grieehiseha nicht, woiigstBns in aolchent 
masze sieht zatre&ui sind^ "tw a« nTw»»^tttw>;;ot| «w-^^^^fi^^iaii ju^ Tnfr,fii 

dceh sehe ich mich hior zu einer andranai bemffidEongTecanlaasct. ^jon. 
das claese&ziel zn arrrachen, welches genögoide acharhst in. der 
fSormenlehre and später in der ^yntaz Tsdangt, ^agt R ^ and wir 
gesrwtuigen j einen groszen tsl der zmt, xnmaL in äat tarts&t^ ledige 
lieh fcrmalen (tbtingen zn. opfern; xmd ist diese plackercL mit den 
fbrmen eine aagemessoie {tbang der goistfökrtfbe ader ein mittel^ säe 
2Q erpraben.?' ich giaobe mm. zonSchst wied^^ das es kein groaaer 
onteiräehied in bexng axxf gexsteserziehnng ist^ ab an knabe menaa 
declinierea lernt odo' ran, qnis ader xic, ab ihm. lateinische odor 
griediisehe zahlen beigebracht werd»i^ ob ihm ^e formen Ton lando 
öder 76& Xuu) in aoceom et aangninem ftbergehen, ebenso kannte 
ieh den schönen Ostermaansehen a&tzen, zmnal denen für sexta^ nicht 
»ehr gesehaack abgewisnäi als d^i^i des Wes««r; diese exereitien 
gind eben die onTermeidliche zugäbe bei d&r eri^snong jeder &emdea 
gpraebe, iie gleichen gewissermaszm den bewegnngen and ftbangan, 
diie mit einem rekruten Torgenommen werden, die diesem selbst wie 
mwEiebem zoeebaoer onaageaehm and imTerstlndlich erschienen wer- 
den, ohne die er aber doch nicht müzt&risch aasgebildet werden kann, 
ioi) a)g^ gneehi^b gelernt werden, so masz aoeh deeliniert and con* 
jngiert werden, aber freilieh mit einer meines erachtens wichtigen 
einsebrinkong« wie oben gesagt, soll die grieehisdie spräche nicht 
lörmtkUfn nnd onmittelbar praktischen zwecken dienen ; für sie bleibt 
lilfi ihre domftne, ihre prorineia, das dritte gebiet tibrig, die litte- 
/niQr; während beim lateinischen das formale and das nützliche den 
lio»»eblsg geben and die gettaltong des onterrichts bedingen mosz, 
i§i er» hier öw inbalt; das was dort dominiert, masz «ich hier anter- 
tjfdmiit WM dort dient, masz hier herseben« daraas ergibt sich, dasa 
die Übungen in formen nnd syntax der griechischen spräche nicht 
über diese grenze binaasgeben dflrfen; and das fürchte ich, ist bente 
n^eh der fall« ich halte es bei der heutigen läge der dinge, d. h. bei 
den tietseitigen snforderangen, die heate an das gymnasiam gestellt 
werden, nlofat für durchaas notwendig , dasz griechische formen mit 
6wne\hm pritcision eingeübt werden , wie lateinische, dasz unsere 
sobttler jen# ntit derselben Sicherheit bilden lernen wie diese, dasz 



^ 



Der griechische Unterricht aaf unseren gymnasien. 29 

in den tertien allwöchentlich, zwei jähre hindurch, formenextempo- 
ralien geschrieben werden, und diese Übungen sich auch noch bis in 
die secunda hinein fortsetzen, behält man die verschiedene Stellung 
und aufgäbe, die, wie oben auseinandergesetzt, beiden sprachen zu- 
fällt, im äuge, so ergibt sich schon für den griechischen anfangs- 
Unterricht eine andere f orderung : nicht die deutsche form in grie- 
chische laute zu kleiden, musz das ziel sein , sondern die griechische 
form behufs des Verständnisses richtig zu erkennen, der Unterricht 
musz weniger vom deutschen wort und satz , als vom griechischen 
ausgehen , nicht von ^er ist erzogen worden% sondern von Treirai- 
bcuTQi; es genügt, wenn der schüler Tre(puXax6€ als zweite person 
plur. perf. pass. erkennt, er braucht nicht die bildungsgesetze zu 
beberschen, die in dieser form zur anwendung gekommen sind, wenn 
wir diesen weg beschreiten, kann aus unseren lehrplänen viel fort- 
fallen, manche ausnähme und einzelheit, auf die jetzt der knabe mit 
peinlichster Sorgfalt achten musz , weil es darauf ankommt , mög- 
lichst fehlerfreie extemporalien zu erzielen , die er aber dem end- 
zweck des ganzen Unterrichts zufolge vorkommenden falls bei der 
lectüre selbst lernen kann, und dann wird diese früher und wirk- 
samer als jetzt in den Vordergrund treten, ich musz es mir hier 
versagen, auf einzelheiten einzugehen, aber ich glaube, dasz dies der 
weg ist, den der griechische Unterricht einzuschlagen hat, um das^ 
was von ihm zu fordern ist, kenntnis der schriftsteiler, schneller 
und umfangreicher zu bewirken, ich begrüsze es daher als eine Ver- 
besserung des bestehenden zustandes und der bisher herschenden 
präzis , dasz die grammatische Prüfungsarbeit in obersecunda fort- 
gefallen ist; mit ihr werden auch die grammatischen classenextem- 
poralien zum groszen teil schwinden und Übersetzungen aus dem 
griechischen platz machen. 

Also noch einmal ; wenn die römische litteratur einen höheren 
wert besäsze, besonders wenn ihre poesie der griechischen gleich- 
käme , würde ich ohne bedenken dem fortfall des griechischen zu- 
stimmen ; da die griechische litteratur aber unzweifelhaft höher im 
ränge steht, da sie für eine ganze reihe sprachlicher erzeugnisse die 
besten, einfachsten, kurz die classischsten muster bietet, deshalb 
musz die griechische spräche dem gymnasium erhalten bleiben. 

Aber warum die spräche? warum nicht allein der Inhalt ohne 
die ursprüngliche form? ich komme jetzt zu dem wichtigsten punkte 
des vorliegenden Vortrags, zu der forderung, die griechische litte- 
ratur dem gymnasium zu belassen , aber im deutschen gewande , in 
Übersetzungen, und demgemäsz den griechischen Sprachunterricht 
ganz aufzugeben, ich stehe diesem vorschlage durchaus ablehnend, 
ja feindlich gegenüber, denn erstens, es ist nicht richtig, dasz unsere 
schüler im griechischen von dem gesteckten ziel so weit entfernt 
bleiben, ich habe diesen punkt schon oben berührt, wenn sie fähig 
werden bei einem unterrieht, der erst in tertia beginnt, zu einem 
Verständnis des grösten epikers, dramatikers, historikers, redners 



30 Der griechische Unterricht aaf miBeren gymnasien. 

und Philosophen der Oriechen za gelangen , wenn sie den gr&sten 
teil der griechischen nationalepen, zwei dramen des Sophokles, 
mehrere httcher aas historischen werken, einige reden des Demo- 
sthenes und dialoge Piatos im urtext gelesen und verstanden haben, 
dann kann man diesem lehrfach einen ausreichenden erfolg nicht ab> 
sprechen, und dasz ein genügendes Verständnis vorhanden, ist gleich- 
falls nicht zu bestreiten; wir erreichen es doch, dasz der Homer 
schlieszHch mit leidlicher fertigkeit gelesen wird, dasz der primaner^ 
allerdings nach eingehender besprechung und vielfacher hilfe, im 
stände ist, eine Demosthenische rede, ein Sophokleisches drama glatt 
und in erträglichem , zum teil selbst gewandtem deutsch zu über- 
tragen, dasz er, den griechischen text vor äugen, rechenschaft über 
den gedankengang einer schrift ablegen und über das gelesene sich 
in oft recht wohlgelungenen aufäätzen schriftlich äuszem kann ; wir 
sehen doch an den regelmäszigen schriftlichen Übungen und an der 
Prüfungsarbeit, dasz er nicht zu hoch gespannten anforderungen 
genügt, ja besser genügt als in anderen lehrfächem. warum wollen 
wir denn das schwerste gerade im griechischen von ihm verlangen 
und unzufrieden sein, wenn er es nicht leistet? ich glaube vielmehr, 
dasz das griechische heute derjenige lehrgegenstand unserer oberen 
classen ist, der lehrern und schülem die meiste freude macht, nicht 
allein des herlichen stofifes wegen, sondern weil beide teile merken, 
dasz sie leisten können, was man von ihnen fordert. 

Aber freilich , ich gebe es zu , es kostet arbeit und mühe auf 
beiden Seiten, bis man so weit gelangt, bis der lehrer in untersecunda 
seine neuen Zöglinge an die Homerischen formen gewöhnt hat, bis 
eine griechische tragödie zur Zufriedenheit durchgearbeitet ist, und 
diese arbeit möchte B. gern der schule und dem schüler ersparen, 
warum nicht Übersetzungen , die den kern der sache enthalten ohne 
die bittere schale? wenn es doch nur auf den inhalt ankommt, 
warum dann noch die beschwerliche form beibehalten? 'einer guten 
deutschen Übersetzung, sagt B., wohnt der anheimelnde, seelen- 
webende Zauber der muttersprache inne, und hierzu gesellen sich die 
groszen und offen zu tage liegenden vorteile: an stelle einer langsam 
und stückweise vordringenden und dadurch das interesse abschwä- 
chenden schanzarbeit und maul wurfs Wühlerei in fremdem idiom — 
ein freieres ausschreiten, ein weiteres ausschauen und was, zumal 
bei dichtungen, sehr wünschenswert ist, ein leichter, ungestörter 
genusz des ganzen, vollends nun die grosze ersparung an zeit, welche 
fortan für andere, ungleich nötigere aufgaben ausgenützt werden 
kann.' dies sind im wesentlichen die gründe, die ich oben als blen- 
dende bezeichnete, und die besonders für laien recht viel verlocken- 
des und bestechendes haben werden, um so notwendiger wird es 
sein, sie auf ihre innere Wahrheit zu prüfen. 

Ich erinnere noch einmal, dasz alles, was hier gegen den grie- 
chischen Unterricht vorgebracht wird, sich mit demselben recht auf 
alle fremden sprachen, insofern sie in den bereich der höheren schule 



I>er griechische Unterricht auf anseren gymnasieiL 31 

falleB, anwenden läszt, mag es nun Horaz, Molidre oder Shakespeare 
sein, immer wird sich auf unseren schulen derselbe Vorgang eines 
langsamen und stückweise erfolgenden Vordringens wiederholen, 
immer wieder wird man sagen kOnnen : wie viel schneller , mühe- 
loser, gennszreicher müste eine deutsche Übersetzung zum ziele 
führen, wie viel zeit würde eine solche ersparen! ja, und wie steht 
es mit der lectüre unserer eigenen deutschen classiker? ist hier kein 
Stückwerk zu finden ? man frage nur die lehrer , die eitf drama mit 
untersecundanem oder gar mit Obertertianern lesen I man versuche 
es nur einmal , die Iphigenie oder gar den Tasso den primanem zu 
einigem Verständnis zu bringen! 

üud doch macht man jene ein Wendung nicht, und doch hält 
man principiell, nicht nur aus praktischen gründen, an der anwen- 
dnng fremder sprachen im höheren unterrichtswesen fest, und doch 
beschränkt man sich bei keiner derselben auf eine leicht und spielend 
za bewältigende lectüre, sondern mutet der jugend das wenn auch 
langsame Verständnis der schwierigsten Schriftsteller zu ! diese that- 
sache beruht auf zwei gründen, und diese sind es, die ich B. ent- 
gegen halten musz, selbst auf die gefahr hin, sie als alte, aber un- 
bewiesene Schlagwörter bezeichnen zu hören, er selbst sieht voraus, 
daszihm der einwand werde gemacht werden : 'Übersetzungen können 
niemals das original ersetzen', und er selbst gibt zu: 'allerdings 
nicht ganz; aber bei dem mühsamen ringen des schul ers mit dem 
fremden idiom geht noch viel mehr von dem wertvollen inhalt ver- 
loren.' es wird das beste sein, nicht abgegriffene phrasen und theo- 
retische gründe ins feld zu führen , sondern einen praktischen ver- 
such zu machen, nehmen wir eine stelle aus der Ilias, z. b. die 
berühmten verse I 528—530: 

f\, Kai Kuav^Tjciv iir* 6<pp0ct vcOcc Kpoviuiv 
dipßpöciat b' dpa xcx^'rai ^ireppUKavTo dvaKTOc 
xpoTÖc dir' dBavdToio' ixiyav b* ^XdXiEcv "OXunirov. 

diese lauten bei Voss: 

Also sprach und winkte mit schwärzlichen brauen Kronion, 
and die ambrosischen locken des königs wallten ihm vorwärts 
von dem unsterblichen baupt; es erbebten die höhn des Oljmpos. 

hier fehlt in dem ersten verse die in lirtveüeiv liegende Vorstel- 
lung des zunickens, die andeutung des seelischen Zusammenhanges 
zwischen dem gewährenden gott und der bittenden göttin ; im zweiten 
ist äpa nicht berücksichtigt mit seiner eigentümlich verbindenden 
kraft: und da wallten — . die Übersetzung dTreppuucavTO — wallten 
vorwärts ist ungenau, die richtung nach vorne ist im griechischen 
überhaupt nicht ausgedrückt, die deutschen worte sind sogar ge- 
eignet , eine falsche und unschöne Vorstellung zu erwecken ; nicht 
vorwärts &llen dem götterkönige die haare, sondern die leise be- 
wegung teilt sich von dem haupte ihnen mit — dTr€C€ic6r]cav erklärt 
der scholiast — , majestätisch und würdig bleibt die ganze haltung, 
aber (b^) die geringe erschütterung der von dem unsterblichen 



32 Der griechische Unterricht auf unseren gymnaeien. 

haupte herabflutenden locken genügt, *um den groszen Olymp zn 
erschüttern', denn der ausdmck ist im griechischen transitiv, anch 
läszt die Übersetzung \i4.yac aus. wie schwerfUllig endlich beginnen 
die beiden letzten verse im deutschen mit dem ton- und begrififlosen 
'und' und Won' gegenüber dem volltönenden und vollwichtigen 
ä)bißpöctai und KpOTÖc, wie ungeschickt ist der aasdruck : die locken 
des königs wallen ihm vorwärts! 

Oder man nehme folgende stelle der Yossischen Odysseeüber- 
setzung b. 5, 408—424: 

Weh mir, nachdem das land mir hoffnung^slosen zn schaneu 

Zeas g^ewährt nnd die wog^* ich bindurcharbeitend besieget, 

öffnet sich nirgends bahn ans des graalichen meeres gewässern. 

auswärts starren gezackt meerklippen empor, und umher rollt 

stürmisch die brandende flut, nnd glatt nmlänft sie der felsen. 

aber tief ist nahe das meer, und nimmer vermag ich 

dort mit den fiiszen zu stehn und watend zu fliehn aus dem elend. 

streb' ich durch, dann schmettert mich leicht an den zackigen meerfeU 

raffend die mächtige wog^ und umsonst wird alles bemühn sein. 

schwimm ich aber noch weiter herum, abhängiges ufer 

irgendwo auszuspähn und sicheren busen des meeres, 

ach dann sorg* ich, dasz wieder der ungestüm des orkanes 

fern in des meers fiscbwimmelnde flut mich erseufzenden hinwirft, 

oder ein meerscheusal aus der tiefe daher mir ein dämon 

reizt, wie sie häufig ernährt die herscherin Amphitrite; 

denn ich weisz, wie mir zürnt der gewaltige länderumstürmer. 

während er solches erwog in des herzens geist und empfindung usw. 

was soll sich der leser denken bei den Worten: 'glatt umläuft sie 
der felsen, tief ist nahe das meer'? ist etwas von dem echten zauber 
der muttersprache enthalten in den ausdrücken : 'die woge hindurch- 
arbeitend besiegen (Homer sagt btaT)bir|Eac) , streb' ich durch (für 
das einfache dKßaivovra) , abhängiges ufer, fem in das meer hin- 
werfen ((p^p€iv), mich erseufzenden (ßap^a CT€vdxovTa), jemandem 
etwas aus der tiefe daherreizen (dTrtceOetv), häufig ernähren (TioXXd), 
in des herzens geist und empfindung'? hört der schüler sein ge- 
liebtes deutsch wieder in versen wie: 'dieser gedank' erschien dem 
zweifelnden endlich der beste' (5,474), oder: 'die freunde hemmten 
mich, andere anders woher, mit freundlichen worten'? was heiszt: 
'sein herz erregte die herscherin Pallas Athene' (5, 427)? was ist 
'ein meerpolyp, den einer hervor aus dem lager aufzog' (5, 431)? 
bedürfen keiner erklärung die ausdrücke 'der bestellende Argos- 
würger' (7, 84), umuferer (3, 55), länderumstürmer (5, 422), ver- 
steht es der schüler sofort, wenn Hermes 'bringer des heils', Apollo 
'der treffer' genannt wird ? man nehme das alles zusammen , und 
man wird zugeben müssen, dasz die Vossische Übersetzung, so sehr 
sie auch ihres alten ruhmes würdig ist, vielfiu^h den sinn und die 
Schönheit des Originals unklar und unvollkommen wiedergibt, dasz 
zu einem eingehenden Verständnis derselben erklärungen nicht ent- 
behrt werden können, und dasz die spräche vielfach eine so undeutsche 
ist, dasz von einer längeren benutzung die schädlichsten folgen für 
den deutschen stil befürchtet werden müsten. im griechischen unter- 



Der griechische Unterricht auf unseren gymnasien. 33 

licht bietet der griechische text das notwendige correctiv, vom lehrer 
wird auf eine verst&ndliche , sinngemäsze und sprachlich correcte, 
wenn auch nicht immer poetische Übersetzung gehalten, nun aber 
stelle man sich vor, dasz eine Übertragung wie die Vossische monate- 
lang die lectüre eines in der entwicklung stehenden schülers bildet, 
denn selbstverständlich soll doch auch ohne griechische spräche in 
der ^litteraturstunde' der Homer gründlich tractiert werden , man 
denke sich, dasz so schwerfällige wort- und Satzverbindungen, so 
undeutsche Wendungen und ausdrücke auf sein empföngliches gemüt 
wirken, und man wird sich der bangen frage nicht erwehren können, 
ob der schade nicht gröszer sein könnte als der vorteil , der vorteil 
nemlich , die herliche dichtung im fluge kennen zu lernen , ob der 
Schüler sich nicht mit dem, was ihm unklar ist, dadurch abfindet, 
dasz er es kurz überschlägt und unbeachtet läszt, und ob er auf 
diese weise wohl eine genügende anschauung von der naturwahr- 
heit, 6iß oft gerade in den unscheinbarsten bei Wörtern enthalten ist, 
von der prägnanz des ausdrucks, die so oft entzückt, von dem rhyth- 
mischen flusz der verse, kurz von alledem enthält, was wir die Schön- 
heit des dichters nennen, es ist etwas ganz anderes, den Voss zu 
lesen, wenn man das griechische original kennt; dann wird man 
seine freude daran haben, die liebgewordenen gestalten in deutschem 
gewande einherschreiten zu sehen , und wird sich gern in die arbeit 
des Übersetzens mit ihrem kernigen , kräftigen ausdruck vertiefen, 
aber ich fürchte sehr, dasz denen, die nur aus der Übersetzung den 
alten epiker kennen lernen wollen , seine sonne nur durch wölken 
scheinen wird, vielfach gehemmt, getrübt und verdunkelt, und dasz 
sie seine gefilde nicht in den frischen färben erblicken, mit denen 
die natur sich schmückt, ein Schiller vermochte freilich mit poeti- 
schem seherblick jene wölken zu durchdringen, aber das darf uns 
hier nicht irre machen. 

Ich wähle eine andere probe, die chöre des Sophokles sind 
schwer, wie B. sagt, zu schwer, für den schüler, er musz sich redlich 
quälen , um sie zu verstehen , aber schlieszlich versteht er sie doch, 
nun nehme man einen solchen chor in der Donnerschen Übersetzung, 
abstrahiere von allen griechischen Vorkenntnissen und suche nur aus 
dem deutschen ein klares Verständnis zu gewinnen 1 als beispiel 
diene die parodos des Oedipus Bex: 

Liebliche stimme des Zeus, wie lautest du, kommend von Pythos* 

goldreichem haus zur heitern barg 
Thebä's? bangend erstarr* ich im geist und erzittre vor schrecken. 

heilschaflfender, Delier, Päanl 
ahnend erbebt mir das herz, was heute du, 
oder in rollender jähr* umlaufe mir 
künftig enthüllen wirst, 
sag' es, der hoffnung tochter, der goldnen, himmlische stimme! 

will man wirklich behaupten, dasz hier alles ohne weiteres klar 
ist, ^die liebliche stimme des Zeus, Pythos* goldreiches haus, die 
heitere bürg, der heilschafifende Delier, Päan, der hofifhung tochter» 

N. Jahrb. f. phil. a. pid. IL abt. 1898 hft. 1. 3 



34 D«r griechische nntemcht auf nnBeren gymnasien. 

himmligefae stimme'? sollten unserem schttler wirklich die worte 
aas dtfr Antigoae: 

Strahl des Helios, schönstes licht, 

das der siebenthori^en Stadt 

Tbebas nimiDer züver erschien! 

da strahlst endlich, des goldnen tags 

aofblick hwlich herauf 

über Dirkes Anten herüberwandelnd usw. 

im einzelnen ohne commentar, und zwar ohne einen ziemlich ein- 
gehenden commentar verständlich sein ? höchstens erhalten sie eine 
dunkle ahnung von dem ganzen gedanken. und wenn es auch kein 
schwer zu entzifferndes chorlied ist, sondern ein einfacher hericht, wie 
in den Persem des Aeschylus nach Droysens Übersetzung (y. 353 ff.) : 

Anhob, o herrin, alles weh ein rächender, 

ersürnter dämon, der woher auch je erschien. 

denn ein hellenischer mann vom Athenäeryolk 

kam hin und sagte deinem söhne Xerxes an: 

sobald die volle finstemis der nacht genaht, 

nicht bleiben würden dann die Hellenen, wSrden schnell 

an ihre mder springen, andre andren wegs 

in geheimer flucht sa retten ihres lebens heil — 

müssen dem des griechischen unkundigen nicht jedenfalls fremdartig 
erscheinen Worte wie : der woher auch je erschien (im griechischeii 
steht kurz q>av€tc ttoOcv), andre andern wegs (für &XXoc dXXoce), 
zu retten ihres lebens heil (für ibc ßioTOV dKCuicaiaTo) , spricht aus 
diesen versen das deutsche so unmittelbar zu ihm, wie etwa aus 
denen eines Schillerschen dramas, wird er nicht stets empfinden, 
dasz hier zwischen ihm und den lauten seiner muttersprache etwas 
fremdes steht? 

und femer, ich meine ja nicht , dasz wir gar keine Übersetzun- 
gen benutzen sollen ; wir thun es doch jetzt schon, um den geistigen 
horizont unserer schüler zu erweitem ; Lessings Laokoon veranlaszt 
die lectüre des Philoctet, Goethes Iphigenie die der Euripideiscben, 
sowie der trilogie des Aeschylus, Schillers Braut von Messina nOtigt 
zu einem vergleich mit dem K9nig Oedipus, zu Geibels classischem 
liederbuch zu greifen , ist häufig anlasz , und so werden viele Sachen 
ebenso in Übersetzungen gelesen, wie Shakespeare, der im urtezt 
Ton schülem gleichfalls nur stückweise und mühsam bewältigt wer- 
den kann ; nur dagegen will ich Verwahrung einlegen , dasz gerade 
das edelste aus allen fremden sprachen, die auf dem gy mnasium ge- 
trieben werden, principiell unserer Jugend nicht in seiner ur- 
sprünglichen Schönheit zugänglich gemacht, dasz ihr die freude 
geraubt werden soll , gerade zu dem besten , was fremdsprachlicher 
Unterricht nur bieten kann, durch eigene kraft zu gelangen. 

Und das führt mich auf den zweiten grund, der mich auf diesem 
Standpunkt verharren läszt, es ist ein allgemein pädagogischer, 
nehmen wir an, dasz auf den gymnasien nur Übersetzungen griechi- 
scher schriftsteiler gelesen werden sollen, wie wird sich diese art 



Der griec^sche untemoht aof uoBeMii |;ymna8ie&. 35 

der lectQre geeMten? veitttttHeb soy wie jetzt die<deat6ohe in prima 
betrieben wird, nur noeh eilender, oorMrisciier, fltt«fatiger; denn es 
soll doch viel gelesen werden, mehr als jetzt in den grieckiechen 
standen; es müssen also von stände tfa stunde grOszere pensen aaf- 
gegeben werden, und nun frage man einmal die lehrer des dentscben 
in den oberen classen, wie sie mitderintensitftt der lectttre «nfrieden 
sind, mit der art, wie die sc^üler das bttosliche pensrnm absolvieren. 
der nftchste zweck ist kenntnis des inka^, ist diese vorkanden, mosz 
mmn sidi begnügen, wie viele gibt es nun in ü^ oder I, die noek 
fttr andere dinge aogen ba^n , är die schönkeit des auadmcks, die 
wähl der beiwörter, die bedentong der gleicknisse, den bau der 
verse ! ick lese jetzt in prima Goethes Iphigenie ; die erste scene des 
zweiten actes sollte zn hause gelesen werden; bei der bespredkung 
zeigte es sick , dasz z. b. das ergreifend schöne wort des Orestes : 
*o wSr' ich, seinen sanrn ergreifend, ihm gefolgt)' kam einziger 
richtig verstanden, viel weniger von selbst bemerkt hatte; das her- 
liche bild von der dunklen blume, um die ein leichter; bunter 
Schmetterling gaukelt, war zweien odcnr dreien aafgeikllen, warum 
gerade an der weiten see den beiden Jugendfreunden die ahnnng 
künftiger heldenthaten aufgeht , wurde erst in der stunde mtthsam 
aufgefunden; auf welche weise der dichter ein bild von der umnach- 
teten seele des Orest gibt, muste erst allinfthlich berausgefragt wer- 
den; die vorkommenden Sentenzen waren nur wenigen bekannt, und 
nun stelle man die griechische dichterlectttre, etwa die der Antigene, 
dem gegenüber; wohl geht es noch langsafloier mit dem lesen vor- 
wärts , wohl werden in jeder stunde nur kleine bruchstücke zu tage 
gefördert; aber der ttstheüsch gebildete und empfindende kkrer, und 
einem solchen sdlte dieser Unterricht nur anvertraut werden, macht 
auf jede einzelheit aufmerksam , jedes gleichnis , jeder tropus wird 
bemerkt, keine sentenz bleibt verborgen, man vertieft sich in die 
Charaktere, weil jedes wort beleuchtet wird, man analysiert den bau 
eines gesprächs, einer rede, den gedankengang eines chorlieds bis 
auf die kleinsten gliedere ich frage: wird und kann das noch ge- 
schehen , wenn die Übersetzungen an stelle des griechischen textes 
getreten sind mit ihren oft undeutschen, unklaren ausdrücken ? ick 
wenigstens kabe das gefühl und die Überzeugung, dasz meine pri- 
maner tiefer in das verstfindnis der Antigone eingedrungen sind, als 
in das eines deutschen dramas , wenn ich zum Verständnis nicht nur 
den gang der handlung, die exposition, Verwicklung und lösung, son- 
dern auch die tiefer liegenden, poetischen Schönheiten rechne, es ist 
eben beim deutschen Unterricht, der auf einen gröszeren umfang der 
litteraturkenntnis bedacht nehmen musz, bei seiner geringen Stunden- 
zahl diese minutiöse behandlung der lectüre nicht möglich ; um so 
wünschenswerter, ja notwendiger ist es aber, dasz irgendwo auf der 
schule an einem gleichwürdigen stoffe ersatz gesofaafift wird, und das 
geschieht im griechischen Unterricht, um der gründlichkeit willen 
musz er beibehalten werden, und man hüte sich ja, diese einer 

8* 



36 Der griechische Unterricht auf unseren gymnasien. 

gröszeren ausdehnung zu liebe aufzugeben, non xnulta sed multum, 
besser zwei dramen des Sophokles, als der ganze dichter! 

Ja, diese grttndlichkeit, die wir so gern die deutsche nennen, 
sehe ich durch einen Vorschlag, wie B. ihn macht, gefährdet, den 
wissenschaftlichen sinn, den wir als eine der besten gaben unseren 
Zöglingen auf die Universität mitgeben müssen , die gewöhnung, die 
dinge zu sehen, wie sie an sich sind, nicht durch fremde vermitte- 
lung, den drang nach ursprünglichem wissen, der sich nicht mit 
Surrogaten und abbildungen begnügt; denn ich möchte das über- 
setzen aus dem original CTTOubaiÖTepov Kai qpiXocoqpiIiTepov nennen 
als die thätigkeit, welche die Übersetzung beansprucht, und ich 
glaube, dasz wenn man mit recht die Deutschen ein volk von denkem 
nennt, auch die beschäftigung mit den humaniora, aber den wahren, 
echten, nicht den übersetzten, zu diesem rühme beigetragen hat. 
ich lege gerade auf die mühe, die dies Studium unseren schülem ver- 
ursacht hat, den grösten wert und fürchte, dasz wir mit dem ver- 
zieht auf dieselbe im Unterricht auch ihre segensreichen folgen mit 
preisgeben würden, den sinn für gediegene und wissenschaftliche 
arbeit, für eine beschäftigung, die nicht ermattet, auch wenn sie 
^Sandkorn nur für sandkom reicht', der sich zwar nicht ausschliesz- 
lich aus Studien dieser art erzeugt, aber durch sie nicht unwesent- 
lich beeinfluszt und verstärkt wird. 

B. citiert gegen ende seines Vortrags folgenden vergleich von 
Cauer (leider ist mir die betreffende schrift ^unsere erziehung durch 
Griechen und Römer' nicht zu gesiebt gekommen): die gedanken 
der Schüler gleiten am deutschen text ab wie das rad an der zu 
glatten schiene , es fehlt an reibung. ich halte dies bild für so tref- 
fend , wie nur ein bild sein kann, zwar stellt B. ihm ein anderes, 
sehr anmutiges und einschmeichelndes gegenüber : gute Übersetzun- 
gen führen gleich geebneten wegen durch einen fremden wald und 
gestatten dem wanderer alle reize desselben ohne anstrengung zu 
genieszen. ja , aber wer hält denn diesen weg beständig inne ? der 
ernste, gereifte mann, der seine erholung sucht, vielleicht auch ein- 
mal der knabe, wenn er am sonntag einen Spaziergang macht, aber 
diesen wird sein jugendblut nicht lange auf gebahntem pfade dulden, 
er will, wenn er ein rechter knabe ist, lieber über einen graben 
springen, einen steilen berg erklimmen, durch gebüsch, das ihm 
über dem köpf zusammenschlägt, vordringen, das ist seine lust, 
dabei wird er sich seiner kräfte bewust; und wenn er mühsam und 
atemlos auf die höhe gelangt ist, wo ein klarer quell entspringt, 
wird ihm das kühle, helle nasz, das er langsam mit hohler band 
schöpft, nicht besser schmecken und auch besser bekommen, als 
seinem kameraden der trunk schaleren und trüberen wassers, den 
dieser in der ebene am ström stehend sich von einem gefälligen 
freunde im bequemen becher reichen läszt? 

Indessen wir wollen uns nicht mit gleichnissen 'hin und wieder 
spielen' ; ein bloszes gleichnis, wie Lessing sagt, beweist und recht- 



über colonisation bei den alten HeUenen. 37 

fertigt nichts ; jedes hat einen lahmen fasz. mein ceterum censeo 
ist: man nehme von den bisherigen hauptfftchem des gjmnasial- 
nnterrichts so viel fort^ wie das bedttrfnis der heutigen zeit fordert, 
man stecke berechtigten rücksichten zu liebe die ziele in den alten 
sprachen weniger weit als früher, nur lasse man dem kern und rest, 
der bleibt, unverkümmert seinen bewährten wissenschaftlichen Cha- 
rakter, dann wird derselbe auch ferner einen festen und tüchtigen 
teil des fundaments bilden, das als grundlage einer höheren bildung 
erforderlich ist.' 



' vorstehende abhandlang warde im aagust vorigen Jahres unmittel- 
bar nach erscheinen des besprochenen Vortrags geschrieben und der 
redaction eingesandt, konnte aber aus äuszeren gründen erst jetzt zum 
abdmck gelangen. 

GUMBINNEN. 6. KaNZOW. 



3. 

ÜBER COLONISATION BEI DEN ALTEN HELLENEN. 



Nicht jedes land hat die geographische läge und geschichtliche 
bestimmung, in einer ausgedehnten coloniegründung seine kräfte zu 
verwenden, nicht jede nation hat das natürliche geschick hierzu, 
manigfache bedingungen müssen zusammentreffen, um diese erschei- 
Bung in einem gröszem umfange hervortreten zu lassen, so die karg- 
heit des bodens, ein misverhältnis zwischen der bevölkerung und 
dem masz der naturalproduction , hungersnot, krieg und andere 
calamitäten, politische und religiöse parteikämpfe, glückliche ge- 
staltung der küsten , die gelegenheit zum überseeischen verkehr er- 
öffnet, günstige läge und anlockender reichtum der gegengestade. 
schon der eine oder andere dieser umstände genügt vielleicht eine 
colonieaussendung zu veranlassen, wo mehrere oder fast alle der 
genannten momente zusammentreffen, wie dies im alten Hellas der 
fall war, da läszt sich von vom herein erwarten, dasz die colo- 
nisatorische thätigkeit in der geschichte des Volkes eine auszer- 
ordentliche bedeutung an umfang wie an tragweite für die gestal- 
tung des gesamtlebens gehabt haben musz. es hat nicht weniger 
als drei perioden umfänglicher colonisation bei den Hellenen ge- 
geben, die erste schlieszt sich an die ältesten Wanderungen der 
stamme wie eine Völkerwanderung an, wobei kriegerische gefolg- 
schaften das erschütterte mutterland verlieszen und jenseits des 
meeres an den küsten Eleinasiens neue niederlassungen begründeten, 
in der zweiten periode zwischen 780 — 580 ward eine grosze anzahl 
von colonien in sporadischer Zerstreuung an allen gestaden des Mittel- 
meeres teils von einzelnen abenteurern gegründet, teils von gröszem 
verkehrscentren planmäszig entsendet, die dritte epoche gehört der 
zeit Alexanders des groszen und seiner nachfolger an , wo sich das 



38 Über ooloniaatioa bei den alten Hellenen« 

vordere Asien mit belleniscben städteanlagen anfüllt, die als militär- 
colonien die wichtigsten beer- und bandelsstraszen bebsrscbtea and 
zogleiob die belleniscbe bildung den unterworfenen gebieten zu- 
führten, diese drei perioden bild^ wichtige phasen in der gesamt- 
entwicklung des heUeoischen Yolkes. mit stets sich steigernder 
ezpansiykraft ist es in immer weitere ferne Torgedrungen, um aus 
dieser neue lebensanregung zurückzuerhalten, wodurch seine gesamte 
nationale oultur nach form und Inhalt die durchgreifendsten Ver- 
änderungen erfahr, so angesehen erscheinen sie als abschnitte und 
Wendepunkte des geschichtlichen lebens, in denen ein inneres gesetz 
fortschreitender entwicklung zu tage tritt, wir versuchen in ge- 
drängter Übersicht der thatsachen die wichtigsten ergebnisse jener 
drei groszen Wanderungen festzustellen, um womöglich den fort- 
laufenden faden zu entdecken , der sie zu gliedern eines geschicht- 
lichen processes in organischer lebensentfaltung verknüpft. 

Die geschichte der Hellenen beginnt wie die der Germanen mit 
einer Wanderung der ältesten stamme, von den nördlichen gebirgen 
der Balkanhalbinsel lösten sich kriegerische volksmassen, welche im 
allmählichen vordringen nach sUden den alten besitzstimd erschüt- 
terten und eine neue teilung von land und leuten nach dem recht 
des Siegers durchführten, aiolische scharen erfüllten die tiefebenen 
von Thessalien und Boiotien , wo sie in den alten Ortschaften neue 
herschaftssitze errichteten. Derer wanderten von ihrer kleinen felsi« 
gen landßchaf t am Pamass in die balbinsel des Peloponnes , deren 
wichtigste landschaften sie mit kleinen kriegerischen banden in zer- 
streuten Stationen besetzten« die von der nordküiite der halbinsel 
aufgescheuchten bewohner ionischen Stammes flüchteten nach dena 
stammverwandten Attika, wo sie einstweilige aufnähme fanden, wäh- 
rend in die von ihnen verlassenen sitze vertriebene Acbaier aus dem 
Peloponnes einrückten, die der landschaft nunmehr den namea 
Acbaia verliehen, dieser dreifachen Wanderung auf dem helleni- 
schen continent entsprachen drei überseeische auszüge, welche nur 
als folge und fortsetzung jener sich diurstellen. so erfolgte ein durch- 
greifender rückschlag der binnenländer gegen die küste und übev 
diese auf die gogengestade Asiens hinaus , während in ältester seit 
die küstengebiete durch phönikische und syrische Seefahrer eine«^ 
starken einflusz auf das binnenland ausgeübt, ein einströmen alt- 
asiatischer oultur auf das noch barbarische Griechenland bewirkt 
hatten, von Aulis, dem Sammelplatz der Hellenen, die einst zur 
troischen heerfahrt zogen, fuhren jetzt wiederum fahr^euge mit 
äolischem kriegsvolk unter leitung eines achäischen fürstea Pen- 
thilos in lang dauernder , labTrinthischer meerfahrt , die endlich ihr 
ziel an der küste der insel Lesbos und am gestade von Troas er- 
reichte, hier wurden zwölf äolische städte neu begründet, worunter 
Mitjlene und Methymna auf Lesbos , Kjme und Smjma auf dem 
gegenüberliegenden festland die bedeutendsten waren« ein alt«r des 
ApoUon au Grjnaion vereinigte alle zu gemeinsamer festfeier und 



über colonisatioii bei den alten HeUenen. 39 

gab ihrem bände eine sacrale weibe. wie die Aioler im mutterland» 
waren sie weniger dem Seeverkehr als dem ackerbau zagetha«^ doch 
hinderte ihr derb sinnliches naturell sie keineswegs an der beiei]»- 
gong eines höheren geistigen lebens in der entfaltung poetischer und 
musikalischer kunst. nicht ohne tiefe der empfindung und beweg* 
lichkeit der phantasie besaszen sie anläge zur lyrischen dichtung, 
doch das politische leben entbehrte der strengen zncht und verdarb 
in dem streit particularer selbstsüchtiger interessen. nur in ein- 
seinen spitzen vermochte es der äolische stamm sich zu den ver- 
feinerten formen eines erhöhten culturlebens zu erheben, wie aus 
der land Wanderung der Aioler eine äolische see Wanderung hervor- 
gieng, so hatte der zug der lonier nach Attika und die dadurch ver- 
ursachte Übervölkerung eine auswanderung ionischer scbaoren ttber 
die see zur folge, es geschah unter der führung des Neleus und 
Androklos, söhne des Eodros, die für sich ein königtum in der fame 
erstrebten, das ihnen zu hause versagt war. sie besiedelten zunftchst 
die gruppe der Eykladen, dann die Inseln und küsten von Ljdien 
und Karien, wo ein reicbgegliedertes küstenland mit fluszmündungen 
das bild der hellenischen bodengestaltung wiederholte, ja sogar über- 
bot, wie das neuentstehende mischlingsgeschlecht, das aus der Ver- 
bindung hellenischer krieger und orientalischer weiber hervorgieng, 
an rührigkeit des handelns und bildsamkeit des geistes die alten 
autochthonischen lonier des mutterlandes noch übertraf, in dem 
natürlichen particularismus dieser neuen heimat, mit fruchtbarem 
boden unter mildestem himmelsstrich und auf den Seeverkehr hin- 
gewiesen, erlangte dieser stamm die ihm zusagende locale Umgebung, 
wo seine individualit&t sich aufs glücklichste entfalten konnt-e« 
elastisch den fiuszern eindrücken nachgebend und sie manigfaltig 
refleetierend , heiterem lebensgenusz ebenso zugethan, wie forsch- 
begierig zu kühnem unterfangen bereit, bildete er den vollkommen- 
sten gegensatz zu der dorischen art, die ernst und fest in sich abge- 
schlossen, weniger dem lebensgenusz als fester lebensgestaltung und 
staatlicher Ordnung zugewendet erscheint, zwölf blühende städte» 
darunter Milet und Ephesus, lagerten sich an dem reichgesftumten 
küstenland, gegenüber den inseln Chios und Samos, gleich *den 
plastischen figuren eines fortlaufenden reliefs oder den aneinander- 
gereihten gesängen des Homerischen epos, dessen verklärender glänz 
ihr jugendfrisches dasein verschönte« am Vorgebirge Mykale, Samos 
gegenüber, war die gemeinsame Opferstätte dieser städte am heilig- 
tume Poseidons , und die festleier der Panionien bildete das einzige 
band, welches die vielfach rivalisierenden orte zu einer lockeren ge- 
meinschaft verknüpfte, hier unter dem heiteren himmelsstriohe 
loniens spielte das kindesalter des beweglichen Stammes , gewisser- 
maszen auf der stufe des epos und seiner naiv sinnlichen Weltanschau- 
ung sich ab. bei gröszerer reife entwickelte er auf den inseln die blute 
dw lyrischen dichtung, die sein Jünglingsalter bezeichnet, und erhob 
sieh zuletzt in seinem Stammsitze Attika zur vollen männlichen kraft 



40 Über colonisaÜon bei den alten Hellenen. 

in der Spannkraft politischen handelns nnd dramatischen dichtens, 
gleichwie in der natur Attikas die landschaftlichen elemente von ge- 
birge, ebene und kttste in einheitlichem zusammenschlusz erscheinen 
nnd von einem mittelpnnkt aus, von der hauptstadt des landes, wie 
von einer leitenden kraft beherscht werden, auch die landwande- 
rung der Dorer in den Peloponnes führte zu einer entsprechenden 
auswanderung über die see. achäische scharen machten sich unter 
dorischer führung auf und besetzten die inseln Melos , Thera und 
Kreta, das mit 100 städten prangte, während ein anderer dorischer 
zug von Lakonien ausgehend Rhodos und das land an der karischen 
küste erreichte, hier erblühten stSdte wie Halikamassos und auf 
weit vorspringender halbinsel Enidos, wo sich der alt^r Apollons 
erhob , der diesem dorischen bunde von sechs städten als sacraler 
mittelpunkt diente, die dorische eigenart unterlag jedoch bei manig- 
facher mischung der elemente in diesen gegenden in spräche und 
Schrift dem lonismus, der somit als die vorhersehende culturform in 
diesem östlichen colonialgebiete erscheint. Solisches , ionisches und 
dorisches stammesleben hatte sich somit im colonialgebiet neu organi- 
siert , durch manigfache mischung und bewegung zu neuen formen 
krystallisiert , worin der ursprtLngliche grund Charakter manigflEU^he 
abwandlungen erlitt, und zum teil energischer zu gröszerer bestimmt- 
heit herausgearbeitet zu sein scheint, doch der vierte der alten helle- 
nischen Stämme, die Achaier, vor der Wanderung der angesehenste 
von allen, ausgezeichnet durch hervorragende herschergeschlechter^ 
heldentum und heldengesang , war nunmehr zur unbedeutendheit 
herabgesunken, nur im nördlichen küstenlande im Poloponnes , in 
der landschaft Achaia hatte er sich behauptet, doch ein achäischer 
dialekt ist nicht zur ausbildung gekommen, jedoch bei den Wande- 
rungen standen Überall achäische fUhrer und fürsten an der spitze, 
achäisches volk war den zügen fast überall beigemischt, und indem 
dieser stamm unter den andern aufgieng, ist er durch seine reiche 
begabung ihnen anregend und ein die allgemeine entwicklung f5r* 
derndes element gewesen. 

Als wichtigstes ergebnis der groszen Wanderung stellt sich zu- 
nächst die erweiterung des geschichtlichen Schauplatzes dar. das 
ägäische meer war zum griechischen binnenmeer geworden, von 
hellenischer bevölkerung ganz erfüllt und umsäumt, seine glück- 
liche läge zwischen verschiedenen continenten und meeren machte 
es zur wiege der hellenischen Schiffahrt, zur agora des östlichen 
Völkerverkehrs, die stamme im coloniallande waren ihrer bisherigen 
abgeschlossenheit entrückt, von mancherlei fremden volksbestand- 
teilen durchsetzt^ und durch die verbindende see enger mit dem 
mutterlande verknüpft, als es früher bei continentalem zusammen- 
wohnen der fall war. der küstensaum Eleinasiens, von der natur so 
hoch begünstigt, war ein vorland der orientalischen weit, deren ein- 
flüsse er mit leichtigkeit aufnahm, um sie dem mutterlande zuzu* 
führen, ein griechisches Phoinikien entstand hier, welchem die ver- 



über colonisation bei den alten Hellenen. 41 

'bindung mit den gold- und cnlturreichen ländern von Lydien und 
Phrjgien offen stand, wie mit dem culturbedürftigen mutterlande, 
mit jenen durch fluszth&ler als bequemen handelsstraszen , mit die- 
sem durch die kette der inseln des arcbipels verbunden, gleich weit 
Ton den pontischen gew&ssem im norden und den syrischen küsten 
im Süden entfernt: so war dieses reich ausgestattete land berufen in 
die erbschaft der alten Phoinikier einzutreten , deren kauffahrtei es 
aus den griechischen meeren völlig verdrängte, das ganze colonial- 
gebiet erscheint somit als das vorgeschobene organ der griechischen 
weit, wodurch sie die fühlung mit den alten reichen des Orients, die 
assimilation ihrer cultur, den ausblick in weite fernen und anregung 
zu immer neuen Unternehmungen gewann, viele einflttsse auf sitte 
und lebensweise giengen vom Orient auf die griechischen colonisten 
nnd durch sie auf das mutterland über, die tracht der lonier, ihr 
linnenes oder purpurnes schleppgewand war von den Syrern und 
Karem entlehnt, ihre musik von den Lydern und Phrygern, ihre 
baukunst durch elemente der ägyptischen und persepolitanischen 
architektur bereichert und zu einem eignen stil, dem ionischen, 
entwickelt, der auch bei den stammgenossen im mutterlande ein- 
gang fand. 

Auch das politische leben muste durch die Wanderung manche 
Umgestaltung erleiden, das königtum kam durch die erscbütterungen 
in den Staaten des mutterlandes meistens in abgang, doch in die 
colonien verpflanzt hat es hier noch Jahrhunderte lang in manig- 
fachen abstufungen seiner machtbefugnis bestanden, daneben ge- 
langte ein neuer adel der angesehensten geschlechter zu höherer be- 
deutung, bis er endlich als eine abgescblossene aristokratie das über- 
gewicht über den könig gewann, tüchtige heerführer konnten bei 
den Wanderzügen auszeichnung und höhere lebensstellung gewinnen, 
neue zugewanderte geschlechter kamen zu den alten hinzu , deren 
leben sie durch neue culte, sagen und mythische traditionen be- 
reicherten, bei der occupation des neuen gebiets erhielten die an- 
geseheneren gröszem grundbesitz als lohn ihrer kriegerischen Ver- 
dienste, reisige kriegsübung, der sie diesen besitz verdankten, 
gewährte ihnen auch weiterhin persönliche Überlegenheit über die 
nnterthanen, wie der besitz selbst reichliche musze zu gymnastischer 
nnd bald auch musischer ausbildung verschaffte, dazu kam die aus- 
schlieszliche kenntnis des noch ungeschriebenen rechtes , dasjenige 
wissen , das allein in jener alten zeit einen praktischen wert hatte; 
und endlich die ausübung der sacralen pflichten und Observanzen, 
wovon der segen der götter zur gedeihlichen Wohlfahrt aller abhängig 
erschien, dies waren die grundlagen der adelsherschaft, wie sie bald 
in allen griechischen Staaten zur ausübung gelangte, das adelige 
standesprincip ward endlich durch consequente feststellung der ge- 
schlechterinnungen und ihrer kleineren corporativen verbände überall 
scharf und bestimmt durchgeführt, den eingewanderten adelspbylen 
einheimische zugesellt und so dem ganzen stände ein fester zu- 



42 Über colonisatioa bei den alten HeUenea. 

sammenschlusz und eio erhöhtes bewustsein seiner sociale atdlnng 
verliehen. 

Weiter entstanden durch die Wanderungen religiOse einigongeB 
und festgenossenschafteni die unter dem namen Amphikijoni« 
bekannt sind, indem die auswandernden die beziehungen sn den 
alten cultusstätten festhielten, deren opfer und spiele sie zu be- 
schicken fortfuhren, schlangen sich bände religiöser einigung um 
entlegene landschaften und stamme, die so allgemein waren, dass 
man in der personificierenden spräche der Griechen Amphikijon 
zum bruder des Hellen machte und hierdurch amphiktjoniscbe Ver- 
bindungen als ein notwendiges kennzeichen des hellenischen Volks- 
tums charakterisieren zu müssen glaubte, zu Delos, dem heUigen 
herd der Kjkladen, stand der weihrauohduftende altar Apolloas« 
der die ionischen stammesgenossen von hüben und drüben tn 
fröhlicher festfeier einlud: dort erklangen die lieder des blinden 
Sängers von Chios, dort schlangen Jünglinge und Jungfrauen dqn 
zierlichen reigen. wer sie so sah, mochte ihnen wohl ewige Jugend 
wünschen , der Schönheit nie alternden glänz, am bekanntesten ist 
die einigung von sechs kleinen thessalischen Völkerschaften , mit 
denen sechs andere in Mittelhellas in amphiktjonisehe Verbindung 
traten, abwechselnd zu Delphi und im pass von Thermopjlai hatten 
sie ihre Zusammenkünfte, feierten sie ihre opfer und spiele, die ihnen 
zugleich die pflicht gemeinsamer Verteidigung und erhaltung des 
heiligtums auferlegten« daran schlössen sich bald bestimmungen 
völkerrechtlicher art, keine hellenische stadt im krieg von grund 
aus zu zerstören, noch ihr das wasser abzuschneiden, mithin gegen 
Hellenen keinen barbarischen kriegsbrauch zu üben, man erkennt 
hierin die anfange eines keimenden nationalbewustseins , das zwar 
fehden unter einander gestattete, doch die beobachtung einer mensch* 
licheren kriegssitte gebot, die spiele und wettkämpfe hatten fttr 
alle Hellenen eine gleichartige erziehung in gymnastik und musik 
dieselbe ausbildung der leiblichen und geistigen fähigkeiten zur 
folge, daher auch Aithlios, der Wettkämpfer, für einen bruder 
des Hellen galt, eine regulierung und übereinstimmende formung 
des cultuswesens konnte nicht ausbleiben, so jenes System der zwölf 
groszen götter, welches eine art von officieller theologie bei allen 
Hellenen darstellt, unbeschadet der manigfaltigkeit und fülle der 
localculte und rnjUien, wie sie in allen landschaften und stftdten ta 
finden war. zu jenen heiligtümem wurden wege auf dem felsigen 
boden geführt und mit eingehauenen geleisen versehen, da sie überall 
dieselbe Spurbreite aufweisen, so müssen darüber wohl amphiktjo» 
nische bestimmungen getroffen sein, diesen geleisen folgte der gotlee- 
friede durch das land , der die pilger und Wallfahrer unter seinen 
schütz nahm , und bald eine allgemeine Sicherung des Verkehrs her- 
beiführte, die Waffen in friedenszeit abzulegen ward allgemeine helle- 
nische Sitte, es ist erfreulich zu sehen, wie aus den einfachen Ord- 
nungen des cultus sichere grundlagen eines befriedeten bürgerlichem 



über colooisation bei den alten Hellenen. 43 

gemeindelebens erwuchsen, worin für meuscblich ecböne gesittung 
räum uud wirksamer gchut^ gewährt war. 

Von allen folgen der Wanderung die schönste und wertvollste 
war die entfaltung der epischen poesie , die durch die kraft des be- 
flügelten Wortes das leben des Volkes selbst und alle Zerstörung der 
zeit überdauert hat, in den colonien strömte durch die Vereinigung 
verschiedener stamme der gesamte sagenstoff der älterexi zeit zu- 
sammen, wurde zu fortlaufenden gesängen durch die kunstgerechte 
Übung der rhapsoden entwickelt und in schulmäsziger tradition zu 
gröszeren complexen zusammengefaszt« diese dichtung, die erste 
Offenbarung des griechischen geisteslebens in seinem künstlerischen 
vermögen war zugleich das erste geschenk, das die colonien dem 
mutterlande darboten, die morgengabe, welche die fruchtbare Ver- 
bindung von Orient und abendland glückverheiszend begleitete, wie 
das meer mit starkem arm die zerstreuten inseln und gestadeländer 
zusammenhält, so umschlang der ström der Homerischen dichtung 
<iie getrennt wohnenden stamme und brachte sie in eine engere 
gei9tige berührung, als früher bei örtlichem zusammen wohnen der 
fall war. das epos war die älteste religions- und geschichtsurkunde 
des Volkes, der Spiegel seiner Vergangenheit, darin es die zeit seiner 
kindheit und die wesentlichsten züge seines Charakters an groszen, 
idealen typen ausgeprägt vorfand, im kindesalter des volkes ent- 
standen, blieb es immer das rechte erziehungsbuch für die Jugend, 
verständlich den unmündigen und ungebildeten, doch auch den höchst 
gebildeten und weisesten stets wert und geläufig, ein unerschöpf- 
licher quell künstlerischer anregung auch für die lyrischen und dra- 
matischen dichter — Aeschylus nannte seine werke brocken von der 
tafel Homers •*^, eine belebende kraft für die phantasie des bilden- 
den künstlers, dem sie die würdigsten und plastisch gedachten vor* 
Vilder gewährte — Phidias schuf nach einem verse Homers das 
idealbild des olympischen Zeus — , kurz ein unentbehrliches dement 
des hellenisoben gesamtlebens in seiner fortschreitenden cultur. kein 
anderes volk hat wie das hellenische das glück gehabt, sich seine 
älteste dichtung bis in das späteste alter lebendig zu bewahren ; wie 
aus einem Jungbrunnen schöpfte es daraus stets erneute frische und 
schante in ihm einen abglanz der alten heroischen zeit, bis in die 
römische kaiserzeit und bis in die entferntesten winkel der erde , so 
weit die hellenische zunge gedrui^en war, fand der Homerische 
gesang andauernde pflege und blieb neben den leibesübungen der 
palästra ein wesentliches kennzeichen der griechischen bildung und 
nationalität. es wäre unnütz, über den wert der Homerischen dich- 
tung hier weiteres zu sagen, denn die sonne Homers, siehe sie lächelt 
auch uns. 

Oberschaut man die resultate der groszen hellenischen Völker- 
wanderung, so liegt es nahe, sie mit den ergebnissen der germani- 
schen Wanderung beim beginn des mittelalters zu vergleichen, die 
Übereinstimmung von zwei so weit von einander liegenden epocben 



44 Über colonisation bei den alten HeUenen. 

musz überraschen, ist aber durch eine vergleichende betrachtong 
unschwer als eine historische thatsache zu erweisen, auch durch die 
germanische Wanderung wurde der Schauplatz der alten geschichte 
vom Mittelmeer über den continent und über die nördlichen meere 
hin erweitert, durch mischung der stamme traten neue Völker* 
gruppen sowohl in germanischen als auch romanischen Völkern her- 
vor, die sich doch ihrer inneren Verwandtschaft bewust blieben und 
wie die st&mme in Deutschland als eine gröszere volksfamilie an- 
sahen, das königtum erstarkte, zumal in den von der wandenmg 
occupierten l&ndem, zu erhöhter bedeutung, aber daneben bildet« 
sich durch heerdienst und belehnung ein feudaler adel, welcher die- 
selben grundlagen seiner existenz aufzuweisen hatte , wie die helle- 
nische aristokratie« edle geburt, zumal seit das princip der ritter- 
bürtigkeit geltung gewann, grundbesitz, sei es allod, sei es leben, 
ritterlich -kriegerische Übung, da alle beere aus reiterei (wie auch im 
alten Hellas) zusammengesetzt waren, wozu wenigstens in der besse- 
ren zeit sich auch musische bildung gesellte, die ausübung einer 
feudalen und patrimonialen gerichtsbarkeit und endlich die beklei- 
düng der einfluszreichsten priesterlichen Kmter, die zwar allen offen 
standen, thats&chlich aber im besitz der jüngeren sprossen fürst- 
licher und adeliger häuser waren : das sind die kriterien einer adela- 
herschaft, die den anschauungen eines Aristoteles von einer echten 
aristokratie ebenso entsprechen, als die herschaft der vornehmen 
geschlechter in Hellas, die römische kirche bildete sodann unter 
den abendländischen völkem eine art amphyktionischer einigong, 
die zwar kriege und fehden ihrer glieder nicht verhinderte, doch ein 
religiöses gesamtleben unter ihnen schuf und die wirksamste er* 
Ziehung zu einer höheren gesittung und fortschreitenden cultur ge- 
währte. Rom wurde, wie oft gesagt ist, das Delphi des christlichen 
Völkerverbandes, das mit seinen religiösen und moralischen Satzungen 
die abendländische weit regierte, endlich bildete sich der gesamte 
sagenstoff der älteren zeit zu neuen formen um, und wurde in dichte- 
rischen gebilden niedergelegt, für welche die Vorgänge der Völker- 
wanderung selbst den historischen hintergrund abgaben, aus einer 
zeit stürmischen heldentums gieng auch hier der volkstümliche beiden- 
gesang als reife frucht am bäume des geschichtlichen lebens hervor. 
Ein paar Jahrhunderte vergiengen, als sich die neu begründeten 
Verhältnisse so festgestellt hatten, in einem stillleben patriarcha- 
lischer Staatsordnung, das nur gelegentlich von localfehden und 
gröszeren kriegen unterbrochen ward, dann um den beginn der 
Olympiadenrechnung (476 vor Ch.) macht sich eine neue bewegang 
bemerkbar, der räum wird für die anschwellende volkskraft zu eng. 
wie von einer centrifugalkraft wird die hellenische weit ergriffen 
und in Schwingung versetzt, so dasz sie fort und fort neue atome in 
die ferne ausstöszt, welche bald als selbständige körper gleich Satel- 
liten den heimischen mutterherd umstehen und das von ihm ent- 
lehnte licht in manigfacher Strahlenbrechung zurückgeben. 



über colonisation bei den alten Hellenen. 45 

Fragen wir nach den gründen dieser erscheinung, so stellen sich 
uns hauptsächlich vorgftnge des wirtschaftlichen und politischen 
lebens als anlaszgebende dar. 

Zun&chst war auf den kleinen agriculturebenen Griechenlands 
übervölkerang eingetreten, industrielle Unternehmungen waren noch 
unbedeutend« auf demselben räum , wo später bei vorgeschrittenen 
Wirtschaftsverhältnissen eine weit gröszere menschenmenge unter- 
halt fand, konnte bei bloszer naturalprodaction eine viel geringere 
bevölkerung nicht mehr existieren, ein überschusz der arbeitskräfte 
über den anderen wirtschaftlichen factor^ die naturkraft, war ein- 
getreten, der dritte, das capital, fehlte fast ganz, so blieb nichts 
übrig als eine emission der überschüssigen arbeitskräfte, die in der 
ferne neue agriculturstaaten gründen und wohl auch der kornproduc- 
tion des mutterlandes zu hilfe kommen sollten, nicht nur das niedere 
Volk, sondern auch vornehme adelige, junge söhne des erbadels ohne 
eignes besitztum und misliebig gewordene personen von adel mochten 
sich an dieser auswanderung beteiligen, allerlei abenteurer und glücks*- 
ritter schlössen sich an, welche in der colonie nunmehr den herschen- 
den stand bildeten, hierzu kam nun als politischer anlasz der kämpf 
des adels mit dem aufstrebenden bürgertum der städte. eine unbe- 
rechtigte schiebt der gesellschaft strebte nach höherer Stellung und 
erweiterung des bürgerrech ts, das bisher in vollem umfang nur dem 
erbadel zukam, hier und da hatten sich auch mischclassen gebildet, die 
in den rahmen der Verfassung nicht passten und der bestehenden Ord- 
nung gefährlich wurden, es lag daher nahe eine ausscheidung der un- 
zufriedenen demente vorzunehmen, um die innere ruhe zu erhalten, 
und diese maszregel konnte von zeit zu zeit als das geeignetste und 
schnellste bilfsmittel wiederholt werden, hierbei mag die aufkom- 
mende geldaristokratie , die auch aus dem bürgerstand hervorgieng 
und ihre politischen ansprüche daheim nicht befriedigt sah, besonders 
berücksichtigt worden sein, man konnte ihr in den colonien eine her- 
schende Stellung anbieten, wo sie zugleich zu kaufmännischen Unter- 
nehmungen reiche gelegenbeit fand ; denn aus den ersten gründungen 
ergaben sich bald mercantile vorteile, die sie ursprünglich nicht 
bezweckt hatten, die städte fiengen an zum activhandel Überzugehen 
und sie benutzten die zuerst begründeten colonien als Stationen für 
weitergehende Unternehmungen, und so gelangte man zur durch- 
führung eines handelspolitischen Systems, zu den griechischen colo- 
nien , die als gelegentliche ausschei düngen — e secessione , wie ein 
römischer schriftsteiler sagt — sich ergaben, schlössen sich solche 
an, die nach einem vorbedachten plan — e consilio — zur ausfüh- 
rung kamen. 

Jene stellten eine nur negative auswanderung dar , diese eine 
positive, auf bestimmte vorteile abzweckende gründung. einmal in 
gang gekommen, setzte sich die bewegung in immer weiteren ablei- 
tungen fort, die bedeutenderen colonien schufen sich wieder ihr 
eignes pflanzungsgebiet und kleinere lebenskreise fügten sich so in 



46 Moli^res Avare. 

die grOszeren ein. wer einmal yon der beimat sich losrisz, dem ward 
es nicht schwer , aach dem neaen wohnsitz den rücken zu kehren, 
wenn er hier keine befriedigung fand, nnd wie hente in der neuen 
weit ein weiterwandem rastlos in den westen erfolgt, so fiel auch 
den alten schon die unstetigkeitdes lebensin dem sicilischen colonial- 
gebiet auf, da die lente sehr oft ihren wohnsitz ans der einen Stadt 
in die andere verlegten« 'die st&dte sind dort, bemerkt der geschicht- 
schreiber Thukydides, von dichten massen beyOlkert^ bei denen sehr 
leicht eine Umwälzung der Verfassungen und aufnähme fremder ins 
bürgerrecht stattfindet, das Vaterland betrachten die meisten nicht 
als ihnen angehörig, jeder trifil seine maszregeln darnach , wie er 
vom Staate etwas gewinnen will , mislingt ihm dies , so zieht er auf 
ein anderes gebiet hinüber.' endlich trieb auch der f^iheitssinn, der 
bei den Hellenen noch mächtiger war als die liebe zur heimat, manche 
in die ferne, um der knechtschafb durch auswanderung zu entgehen, 
wie die Messenier vor den siegreichen Spartanern , die Phokäer vor 
dem einbruch der Perser entflohen. 

(fortsetzung folgt.) 

Cassel. Dondorpf. 



4. 

MOLlfiEES AVARE. 



Meine auffassung des Moli^rescfaen Avare weicht in manchen 
punkten von der gewöhnlichen ab. Harpax ist ein edelmann, und 
man sieht ihn als einen bürgerlichen an ; und, auf seine aussage hin, 
seinen soliden söhn Cleant als einen Verschwender; und endlich die 
harmlosen dienstboten, die kein wasser trüben, als schelme, die ihren, 
herm bestehlen und wohl gar noch bei jeder gelegenheit sich über 
ihn lustig machen. 

Auf diese einzelheiten habe ich schon in meiner ausgäbe bei 
Seemann aufmerksam gemacht; ich glaube sie aber am besten xa 
begründen, wenn ich sie an der band des dichters, als ein ganses, 
aus der handlung sich entwickeln lasse, diese entwicklung zeigt 
auch den festen, vortrefflichen aufbau des kunstwerks und ist somit 
zugleich die beste Verteidigung gegen gewisse, in dieser hinsieht dem 
dichter gemachte vorwürfe. 

Das herz des menschen ist ein trotzig und verzagt ding, himmel- 
hoch jauchzend, zum tode betrübt, bald oben auf dem söller, bald 
unten im keller*, und wie zwischen hoffnung und furcht, Übermut 
und mutlosigkeit, Selbstüberhebung und selbstverachtung, schwankt 
es hin und her zwischen allen möglichen andern gefühlen. wohl 
zeigen einzelne, unter ihnen der geizhals, infolge bestimmter, durch 
das leben entwickelter anlagen, ein festeres gepräge — darum pflegt 

' sprichwörtliche ostfriesische wendang. 



Moli^res Avare. 47 

man eben sie besonders als Charaktere zu bezeichnen — aber selbst 
ihre fesügkeit iet die des oceans , selbst ihr bild wechselvoll , wie 
die welle des meeres. heute die ruhige welle, sind sie morgen eine 
beute des sturmes, ebbe folgt der flut, der Strömung gegenströmung, 
nnd Wasser und wind werden yon einander bekämpft oder gehoben. 
auch bei des geizigen bild darf man über der ihm eignen festigkeit 
im zustand der ruhe jene stürme, bei den stürmen den Wechsel der 
Strömungen und winde, den kämpf zwischen beiden nicht yergessen, 
noch die im kämpf unter der oberfl&che sichtbar werdende tiefe, 
selbst der geizhals wird nicht stets in gleicher weise von seiner 
leideuschaft beh^rscht ; auch läszt ihre kraft sich nur an dem wider- 
stand, den sie Suszem und Innern hindemissen entgegensetzt, 
ermessen. 

Moli^res Ayare ist ein Charakter- und familienschauspiel : worte 
und handlungen gehen aus den Charakteren börvor^ und der des 
geizigen ist es, der das ganze beherscht; seine leideuschaft aber 
oilenbart sich im kämpf mit seinem innem, wie mit der auszenwelt, 
und diese auszenwelt ist — seine familie. 

I. Die komiBOh-dramatiflohe entviokliing der handlung 

und der Charaktere. 

ezposition I 1^-2. 

Der geiz macht den geizhals zum feind seiner kinder ; sie sind 
der hintergrund, von dem er sich abhebt ; darum führt man uns erst 
sein Verhältnis zu ihnen vor. aber durch sie, nicht durch ihn; wer 
zuerst kommt, mahlt zuerst, und wir sollen nicht sie nach seinen 
aussagen beurteilen', sondern ihn nach den ihren. 

Die ezposition ist zugleich schon dramatische handlung. die 
Charaktere der kinder , ihre läge , des vaters geiz , der sie darin ge- 
bracht hat, zwingen sie zum reden, und, indem sie sich aussprechen, 
machen sie uns mit allem bekannt, bereiten sie die zukünftigen 
ereignisse vor, ohne sie zu verraten — wichtig für die durch Über- 
raschung wirkende komik! — wirken auf einander und auf die 
weitere handlung. 

Der Schauplatz eine veranda, im schlösse' des Harpax. im 
hintergrunde ein garten. 

Harpax ist ein edelmann. stand und wohnung zwingen ihn, 
viele diener, selbst einen haushofmeister zu halten, und ein italieni- 
scher cavalier bekleidet unentgeltlich den posten. in frühester 
Jugend durch einen Schiffbruch von seiner familie getrennt, sucht 



' man hat es trotzdem noch gethan und hält, auf seine aussagen 
hin, seinen söhn für einen Verschwender, und wohl gar alle seine be- 
diente für diebe. hierüber später. 

' im schlösse; denn Harpax ist ein edelmann. dies trat zu Moli^res 
Zeiten dem zuschaner durch Schauplatz und tracht der personen deut- 
lieh entgegen, geht aber für uns erst aus der betrachtnng des ganzen 
herror; der beweis folgt daher erst später. 



48 Molieres Avare. 

er seine eitern, er hat Harpax' tochier das leben gerettet und die 
liebe zu ihr k&lt ihn zu Paris fest, unter dem namen Valer bat er 
sich dem yater genähert , und der geiz des birten führte selbst den 
wolf in den schafstall. 

Die liebenden sind heimlich verlobt, das liesze auf leichtsinn 
schlieszen, wenn nicht das gesprSch, zu welchem es Veranlassung 
gibt , den adel und die reinheit ihrer geftthle offenbarte. 

Elise fürchtet des vaters zom, die vorwürfe der familie, den 
tadel der weit und , mehr als alles , ein etwaiges erkalten der liebe 
des geliebten. *aber wozu denn diese unruhe ?' fragt er, und es folgt 
die geschichte ihres Verhältnisses, um zu zeigen, wie ganz anders 
andere ihren schritt beurteilen müssen , als sie selber. 

Yaler erinnert an den geiz des Harpaxj in schonender weise, 
dieser könne vor der weit noch schlimmeres rechtfertigen; auch 
würden ihn Yalers familienverhältnisse schon günstig stimmen* er 
ist seinen eitern auf der spur und erwartet alle tage nachricht. zu 
Elisens beruhigung will er gern selbst die nachforschungen fort- 
setzen, aber das wort trennung l&szt sie alles andere vergessen: 
^bleibe bei mir und gewinne meinen vater.' Yaler hat sich schon 
mit erfolg darum bemüht und beklagt nur, dasz man ihn nicht ge- 
winnen könne, ohne seinem geize zu schmeicheln. 

Auch den bruder soll er auf seine seite ziehen. Elise hat die 
haushälterin Claude^ ins geheimnis gezogen; wenn sie plaudere, 
hätte man an ihm eine stütze, aber Cleant und der vater sind zu 
verschieden ; man kann nicht der freund beider zugleich sein. Elise 
selbst musz ihn zu gewinnen suchen; sie sind durch geschwister- 
liebe verbunden, ihr wird es leicht werden. 

Der söhn unterscheidet sich also von dem vater. ob nur zu 
seinem vorteil? Elises freundschaft läszt darauf schlieszen; doch er 
kommt und Yaler läszt die beiden allein ; er mag uns selbst von der 
richtigkeit unserer Vermutung überzeugen. 

Cleant kommt der Schwester zuvor, mit einem ähnlichen ge- 
ständnis. der Jüngling zeigt weniger scheu als die Jungfrau, frei- 
lich hat er weniger zu bekennen. 

Auch er ist sich seiner pflichten bewust. Elise wundert sich, 
dasz er etwas zu beichten habe, und er fürchtet die vorwürfe ihrer 
sagesse, beider scheu stellt jedem selbst und dem andern das beste 
Zeugnis aus. Cleant entwaffnet uns schon durch seine begeisternng 
für Marianne, nicht ihre körperlichen reize preist er ; ihre sittsam- 
keit, die kindliche liebe, die not der kranken, darbenden mutier 
haben sein herz gerührt, in zarter weise, ohne dasz sie es merken, 
möchte er ihnen helfen, und kann nicht; schon um sich anständig 
zu kleiden, nehmen ja er und die Schwester den credit der kaufleute 
in ansprach. Cleant will den vater um seine ein willigung in die 
doppelheirat bitten, verweigert er seine Zustimmung, so fliehen sie 

* dies erfordert ihr jungfräuliches anstandsgefühl, da sie mit Vmler 
in demselben hause wohnt. 



Moliöres Avare. 49 

allesamt in eine gegend, wo die väterlicbe gewalt ihnen kein fainder- 
nis in den weg legt, schon treibt Cleants bedienter dazu geld auf. 
die weniger bedrängte und schon deshalb ruhigere, sinnige Schwester 
gedenkt der seligen mutter. jeden tag gibt ibüen Harpax mehr Ur- 
sache , ihren tod zu beklagen. 

L&rm hinter der scene. des vaters stimme! Cleant musz an- 
derswo das bekenntnis der Schwester entgegennehmen, dessen Wieder- 
holung man uns so erspart, wir kennen jetzt den geiz des beiden, 
die liebe der beideo paare, Yalers weltmännische klugheit, die ver- 
gangenen ereignisse, die gegenwärtige läge, die befUrchtungen und 
hoffnungen für die Zukunft^ das ziel der handlung ist ein dreifaches : 
eine doppelheirat und die herbeischaffung desgeldes. 

I. Der conflict : Torpostengefe^ßlite und kleinere scharmfitzel. 

J,, Das geld oder B.arpax und Pfeil (I 3). 

Der held ist eio geizhals ; daher die Wichtigkeit des geldes. sie 
ist noch gröszer als wir ahnen ; das geld soll ihn in seinem geize 
strafen. 

Das Werkzeug dazu ist der bediente Cleants. Pfeil ist Harpax' 
gefährlichster gegner. deshalb, als äuszerlicher grundstein des ganzen, 
und weil er später in dem conflict der hauptpersonen zurücktritt, 
wird er gleich jetzt mit breitem pinsel vorgemalt ; doch weniger er 
selbst, seine an sich unbedeutende persönlichkeit, als sein eben des- 
halb um so bedeutungsvolleres Verhältnis zu dem beiden. 

Cleant hat ihn in den garten bestellt, dort soll er über seine 
bemühungen berichten und dort trifft ihn Harpax. dieser aber hat 
10000 thlr. , die er kürzlich zurück erhielt und nicht gleich wieder 
unterbringen kann — geldschränke sind nur lockspeise für diehe — 
in demselben garten vergraben. 

Mistrauisch treibt er den Pfeil hinaus , auf die veranda. sein 
schreien schon versetzt in eine heitere Stimmung; weisz man doch, 
es ist der geizhals. wir lachen über seine furcht, um so mehr, als 
wir von ihrem besondem gründe , dem schätz , noch nichts wissen ; 
in Pfeil aber weckt erst sein mistrauen den gedenken, er habe geld 
versteckt; und die lust ihn zu bestehlen, der geiz, die furcht 
zu verlieren, zieht sich selber den dieb grosz und den 
verlustzu. Harpax durchsucht den Pfeil und jagt ihn aus dem 
hause, für den augenblick siegreich, legt er den grund zu dem 
schlieszlichen siege der gegner. 

B. Die heiraten im allgemeinen; besonders die der 
tochter (I 4 u. 5). 

Dem mistrauen gegen den bedienten — das kunstgesetz der 
steigeriMigl — folgt das gegen die kinder. 

Der geiz ist eine monologisierende leidenschaft. verschlossen 
gegen andere, entschädigt er sich durch reden mit sich selbst. Harpax 
spricht von den ihn quälenden 10000 thlr. da sieht er die kinder. 
haben sie gelauscht? hörten sie^ dasz er geld hat? klagen über die 

N. Jahrb. f. phil. a. päd. II. »bt. 1892 hft 1. 4 



50 Moli^res Avare. 

schlechte zeit sollen den eindruck wieder verwischen, sie erinnern 
an seinen reichtum; da brüllt er sie als feinde an. ihre reden, ihr 
aufwand werden noch schuld sein, dasz man ihn in seinem eignen 
hause erdrosselt, um den staat zu machen % musz Cleant ihn be- 
stehlen, dieser schiebt ein modelaster, das spiel, vor: 'er hat glück 
und wendet den gewinn an seine kleider.'* jetzt zeigt sich die geld- 
gier : der söhn soll damit wuchern , zu dem einen laster noch ein 
anderes hinzufügen, dann, in höherer potenz, kommt die furcht 
wieder zum Vorschein : Harpax will das gespräch auf etwas anderes 
lenken , durch zeichen fordern sich die scheuen kinder gegenseitig 
auf, zu beginnen, und — er glaubt, sie wollen ihm die börse rauben. 

Folgt das eigentliche Scharmützel. Elise möchte etwas mit- 
teilen, 'über heiraten', fügt Cleant hinzu; doch Harpax selbst will 
von heiraten reden, und voller furcht erwartet man, was kommen 
soll, erst läszt sichs recht schön an. er fragt, wie dem söhn Marianne 
gefalle, 'das sei ein prächtiges mftdchen! eine tüchtige hausfrau! 
die werde einen mann glücklich machen!' was Cleants urteil über 
sie und unseres über Cleant selber bestätigt, nur fehle es an geld ; 
doch das lasse sich an anderm wieder einbringen, wir sahen schon, 
wie die gebratene taube dem söhn in den mund fliegt , da schnappt 
der vater sie selbst weg. Cleant macht sich fort, unter dem verwand^ 
des schwindeis , und der nur an sich denkende egoist merkt nicht 
einmal, was in ihm vorgeht: 'der Schwächling! mag sich durch ein 
grosz glas wasser stärken !' 

Der erste überraschende, groszartig-komische effect, ein zu- 
sammenprall widerstreitender interessen, und doch natürlich aus 
den Charakteren entwickelt, die schöne, spar- und sittsame Marianne 
gefällt dem sinnlichen geizhals ebenso wie dem edlen söhne, da die 
familienbande zerrissen, weisz er von dessen absiebten nichts; sein 
nur an sich denkender egoismus merkt nicht einmal jetzt , dasz die 
von Cleant so warm besprochene Marianne die sein musz, um derent* 
willen auch er von heiraten zu reden wünschte, ebenso wenig kennen 
Cleant und wir die absiebten des Harpax; sein lob Mariannens haben 
wir zu Cleants gunsten gedeutet, und so treten des alten heirats- 
projecte gerade in dem augenblick hervor, wo man sie am wenig- 
sten erwartet, mit einer für Cleant tragisch-, für uns komisch- 
verblüffenden Wirkung, auch dieser Wirkung wegen muste Moliöre 
die kinder zuerst vorführen. 

Nun hört Elise allein", was man mit ihnen beiden vorhat: 

^ schlimmeres kann er ihm nicht vorhalten; wieder ein beweis, das* 
Cleant kein leichtsinniger mensch ist. 

* dies kann nicht der fall sein; wir wissen ja, dasz er nnd Elise, 
um sich anständig kleiden zu können, bei den kaufleaten borgen, dies 
aber darf Cleant dem vater nicht verraten. 

^ siehe II 1 Cleante: 'j'ai cu toutes les peines du monde k lui 
cacher le trouble oü cette nonvelle m'a mis.* 

^ dies erspart uns eine scene mit Cleant, die der mit Elise gleichen 
würde. 



Moli^res Avare. 51 

Cleant soll eine witwe heiraten und sie noch heute sich mit einem 
reichen witwer verloben, sie weigert sich; nach frauen art in 
spöttisch-ironischer weise. 

Valer kommt darüber zu. er ist beider vertrauter und soll ent- 
scheiden: für alle eine komische läge. Valer gibt dem alten recht, 
schon ehe er weisz, um was es sich handelt, dann aber 'kehrt'! 
doch nicht schroff! um anstosz zu vermeiden : 'mit dem heiraten frei- 
lich ist es eine eigne sache. manche väter würden doch die neigung 
der tochter berücksichtigen.' das treibt den fuchs aus dem loch, 
soll gar der einzige freund ihn verlassen? möcht ers im busen gern 
bewahren , jetzt musz es heraus und — wir erfahren , wie das bei 
Marianne vermiszte geld gewonnen werden soll, an den kindem!* 
'Anselm nimmt Elisen ohne mitgift !' (und ebenso, nicht wahr, den 
söhn die gewis reiche witwe?) 'ohne mitgift!' heiszt der zauber- 
staby der alle angriffe abwehrt. Valer, um nicht aus der rolle zu 
fallen, zieht die sache ins lächerliche, indem er den geizhals noch 
überbietet, doch dieser sieht sich nach seinem schätz um, und Valer 
kann sich aussprechen ^° : Elise soll passiven widerstand leisten und 
wenn man ernst macht, sich krank stellen, von Harpax über- 
rascht, donnert er sie dann selbst an: 'ohne mitgift! ohne mit- 
gift!' und — der hirt befiehlt seinem schaf, blindlings dem wolfe 
zu folgen. Elise läuft davon, ihr lachen zu verbergen; Valer ^ ihr 
nach, setzt die ermahnungen fort, Harpax aber macht einen gang 
in die stadt und dankt dem himmel, der ihn mit einem solchen 
diener gesegnet. 

Valers 'ohne mitgift!' mit den überbietenden Zusätzen und die 
freude des geizhalses über den trefflichen diener bilden einen passen- 
den actschlusz; sie bestätigen, was Valer anfangs über die not- 
wendigkeit des schmeichelns bemerkte. 

Elises liebschaft ist vorerst abgethan. am abend kommt sie 
wieder hervor, wo, mit dem diebstahl des geldes und mit Anselm^ 
die frage von neuem an die verlobten herantritt, die vorläufige 
niederlage zwingt die kinder zu desto kräftigerer, gemeinsamer 
abwehr. 

Der hauptwiderstand geht natürlich vom söhn aus. der mann 
spielt die thätige rolle, will er doch auch geld schaffen, geiz und 
liebe zugleich führen den vater ihm als Widersacher entgegen, ihr 
kämpf bildet den hauptinhalt des Stücks; daher folgt er auf den mit 
Elise; der Steigerung wegen; dieser war nicht so heftig, auch wirft 
die respectlosigkeit der tochter auf die spätere des sohnes ein mil- 
deres licht, selbst die we^iger getroffene Jungfrau hat alle scheu 



^ die Übersetzer und die erklärer, welche sich nm die stelle ge- 
kümmert, denken nnr an Mariannens Sparsamkeit; diese aber genügt 
dem Harpax nicht, wie er schon dort zn Cleant und später zu Frosine 
sagt. Zschocke legte deshalb auch die werte an der ersten stelle dem 
söhn (bei ihm neffen) in den mund. 

^^ also wieder eine folge des geizes. 

4* 



52 Moli^roB Avare. 

and rücksicht aus den äugen geseilt, der söhn mofiz erst raefat 
hammer sein , soll man ihn nicht als ambos zertrümmern, wem er 
sich grün macht, friszt ihn die ziege! 

IL Hamptconlliet: Tater und solui* 

Ä. Erfolgloser kämpf um das geld (II 1 — 2). 

Harpaz ist fort und Pfeil wieder auf der veranda. er teilt Cleant 
den erfolg seiner bemühungen mit. man hat ihnen den makler 
Simon " empfohlen ; er wird die 5000 thlr. schaffen ; aber durch 
einen andern ; und d e r ist einmal ein sicherheitscommissarius I ge- 
heimnisvoller noch als Cleant! selbst ungenannt, im hanse eines 
dritten will er sich von ihm die familien- und vermögensverhilt- 
nisse berichten lassen; doch Harpaz' name werde ihm schon ge- 
nügen. *' dazu ein Wucherer, wie ihn nie die sonne beschienen ! 

Pfeil sieht schon seinen herm auf dem wege zum bankrott, and 
das bringt diesen wieder auf den geizigen yater. der sei an allem 
schuld. Pfeil stimmt bei. trotz seiner ehrlichkeit und vorsieht ge- 
lüstets ihn, den zu bestehlen. 

Cleant ist noch in die haarsträubenden bedingungen vertieft, 
da taucht Harpax auf mit dem makler. er ist es, der, seine Standes- 
ehre zu wahren , sein wuchern so ängstlich yerheimlicht. ^' Simon, 
der die familien Verhältnisse nicht kennt *^, verrät jetzt das geheim- 
niS; indem er glaubt, es sei schon verraten, der wucherische vater 
steht dem scheinbar verschwenderischen söhn gegenüber, fürchter- 
liche carambolage ! flucht des Pfeil und des entsetzten Simon. 

Man beachte, wie sich alles wieder aus den Verhältnissen und 
Charakteren entwickelt. Simon ist Harpax' geschäftsfreund, und ihn 
hat er auf dem gang in die stadt aufgesucht, hätte er dessen zweck 
angegeben, was er übrigens nicht konnte, so wäre es geschehen am 
die durch die Überraschung groszartige Wirkung; und diese wird 
noch dadurch gesteigert, dasz die vorige scene uns ganz in die 
Wuchergeschichte versenkte und den blick von Harpax ablenkte'*, 
obwohl sie von ihm handelt. 

Harpax wünscht sich glück zu der rettung der 5000 thlr. erst 
recht ein Pyrrhussieg ; Pfeil wird ihm jetzt 10000 stehlen, er freut 
sich noch sonst über den doppelt schimpflichen verfall, sein geiz 
zieht eine klugheitslehre daraus, er wird dem söhn noch mehr auf 
die finger sehen. 

*' sie kannten ihn also noch nicht. Cleant nimmt wohl zum ersten 
male geld aaf. 

i> 'am so mehr', fü^t Cleant hinza, ^Is die matter tot ist, deren 
vermögen mir nicht genommen werden kann.' die bemerknng über 
Harpax erinnert übrigens wieder an diesen, indem sie zugleich den 
gedanken, er sei der wacherer, abwehrt. 

'* Pfeil bemerkt, sieber habe er irgendwo ein bans, wo er gewisae, 
in den bedingnngen genannte alte scharteken aufspeichere. 

'^ nur 80 war die geschichte möglich. 

'^ wir kannten ihn ja noch nicht als vmcherer. 



Moli^res A?are. 53 

B, Erfolgloser kämpf um Marianne, yorbereitende 
bemübungen des Harpax (II 3 — III 3). 

Die bauptliebesfrage tritt auf den Schauplatz, dem makler Simon 
folgt die beiratsvermittlerin Frosine. auch sie hatte Harpax aufge- 
sucht, sie hat dann fttr ihn um Marianne angehalten und, da doch 
ein verlobungsmahl gegeben werden musz, auch sie eingeladen; zwei 
fliegen mit 6iner klappe! die darbende mutter gab zustimmende 
antwort. 

Ehe aber der verliebte den bericht entgegennimmt, sieht noch 
der geizige '* nach seinem schätz , zugleich eine gelegenheit für den 
in der nähe wartenden *^ Pfeil, die spätere Verbindung Frosinens mit 
den gegnern, sowie die komische Wirkung der folgenden scene, vor- 
zubereiten. 

Frosine hofft auf belohnung; aber Pfeils werte: ^je te d6fie 
d'attendrir du cöt6 de Fargent Thomme . . .' zeigen, was man zu er- 
warten hat. während sie den verliebten geizhals zwingt, seine innem 
Widersprüche zu offenbaren, stellt dieser ihre bemühungen in ein 
komisches licht, sie bringt Mariannes tugenden als mitgift in rech- 
ntmg. Harpax aber will 'toucher quelque chose de r^el'. sie streicht 
ihm honig um den bart; und obwohl der verliebte alte fast glaubt, 
was er wünscht: er habe Mariannes aufmerksamkeit auf sich ge- 
zogen, sie ziehe einen würdigen Nestor, Priam, Anchises, den win- 
digen milchbärten Aeneas, Paris, Achill vor, speist doch der geiz- 
hals sie mit Versprechungen ab. als sie ihn um eine kleine gäbe 
bittet, hat er plötzlich depeschen zu besorgen, . . . musz sehen, dasz 
die kutsche bereit steht, nach dem markte zu fahren . . ., dasz man 
früh esse, damit niemand krank wird (ich denke an den almosen 
verteilenden Tartuffe) , und dann , das gerade gegenteil des sourd 
qui ne veut pas entendre'^; sagt er, man rufe ihn, und — ver- 
schwindet. 

Pfeils Prophezeiung ist bestätigt ; doch hofft Frosine noch auf 
belohnung von der mutter^' Mariannes, dies alles führt zugleich zur 
haupthandlung zurück und bereitet den dritten act vor, wie der tour 
en ville den zweiten. 

in. Der geizhals und die dienerschaft. der feldherr vor der 
Schlacht; er erteilt die nötigen befehle. 

Man soll das mahl billig bestreiten. Harpax stöszt auf den 



>• das geld steht ihm höher als die liebe, dies bereitet, wie alles 
ähnliche, anf den schlieszlichen tausch vor. 

*' Vgl. lY 6: Pfeil lauert stets dem geizhalse auf, nm den schätz 
sn erhaschen. 

IS 'il n'y a pire sourd que qui ne Veut pas entendre' französisches 
Sprichwort. Harpax hört rufen, obgleich er nicht gerufen wird. 

'* ihre worte werden allgemein auf Cleant bezogen. Frosine aber 
weisz von dessen liebe nichts. Zschocke: 'geht's beim oheim nicht, so 
geht*s beim neffenl' Auguste Cornelius: 'wenn ich hier nichts aus- 
richte, schlage ich mich zur andern partei.' andere wieder übersetzea 
wörtlich, die commentare schweigen. 



54 Moli^res Avare. 

widerstand Jakobs (kutscher und koch in einer person), wie dieser 
auf den seinen und den des hausfaofmeisters Valen der gegensatz 
hebt alle komisch hervor, der alte diener ärgert sich über den sich 
einschmeichelnden fremdling, der den herrn in fehlem bestärkt, die 
ihn bloszstellen. er hängt an ihm wider seinen willen , wie er ihm 
selbst sagt, und der znsatz zeigt, dasz er eine ehrliche haut ist, eine 
echte bedientennatur, faszt er sein amt pedantisch-gewissenhaft auf; 
daher auch die anhänglichkeit an die von gott ihm gegebene her- 
schaft, besonders bethätigt er seine treue an den pferden; diese 
zieht er, wie er wieder ihm selbst sagt, auch dem herrn vor. wäh- 
rend Harpaz für die eignen kinder kein herz hat, nimmt ihm sein 
amour du prochain das brot vor dem mund weg (viel gibt es so 
schon nicht), um die tiere zu füttern, seine fragen: ^wollen Sie den 
koch oder den kutscher sprechen?' . . . *wen zuerst?' . . . das aas- 
ziehen des kutscherkittels, welches das kochkostüm sichtbar werden 
läszt, enthalten wohl eine kritik des Harpaz, sollen ihn aber nicht 
lächerlich machen, sondern sind mehr ein ausdruck sittlichen ärgers 
und machen so beide zugleich lächerlich. ^° zu dem doppelposten 
hat sich der geizhals einen ausgesucht, dem er trauen kann. Jakobs 
pedantisch-kleinliche gewissenhaftigkeit kritisiert den heim, ohne 
etwas arges dabei zu denken ; und nur weil dieser solche tugenden 
schätzt und nicht entbehren kann, läszt er sich diese und ähnliche 
bemerkungen gefallen. 

Während Yaler schmeichelt, berichtet der gewissenhafte Jakob, 



^ dr. Albert Klapp vergleicht in seiDer abhandlang TAvare ancien 
et moderne tel qu*il a ^te peint dans la litt^ratnre* (programm des 
groszherzoglicheD Friedrich- Franz -gymnasiams zu Parcbim 1877) den 
Jakob mit der magd des berühmten Balzacschen geizhaUes Grandel: 
'en parlant de rattacheraent pour son maitre', heiszt es da s. 17, 'oe 
n'est qa'avec Ironie qae maitre Jacqaes dit: tje me sens potir voos 
de la tendresse, en d^pit que j^en aie et, apris mes cbevaux, voos dies 
la personne qae j*aime le plas.»' die magd des Orandet hingegen sei 
ein wahres original, tel qa^on doit se figarer les domestiqaes des avares: 
'Orandet devina le parti qn^on ponvait tirer d*ane cr^atare femelle, 
taill^e en Hercale, plant^e sar ses pieds comme nn chSne de soixante 
ans aar ses racines, forte des hanches, carree da dos, ajant des mains 
de charretier et ane probite' vigoareuse comme T^tait son intacte verta.* 
eben darum habe er sie gemietet, die wegen ihrer häszlichkeit von allen 
Terstoszene. und dankbar dafür diene sie ihm nan mit treue und eifer. 
sie würde für ihren herrn durchs feuer gehen und fühlt sich als glied 
der familie, deren frend und leid sie teilt, ohne wünsche und bedürf- 
nisse verbrauche sie nicht einmal ihren geringen lohn, wie der herr, 
so lege auch sie einen groschen zum andern und erspare sich in 36 jähren 
ein ziemlich bedeutendes vermögen, man nimmt wohl gar an, bloss 
auf Uarpax^ wort hin, er werde von allen seinen dienern bestohlen, 
ebenso wie man ihm geglaubt, wenn er sagt, sein söhn sei ein leicht- 
sinniger Verschwender, man kennt ihn schlecht; er ist kein homme 
volable, um Pfeils ausdruck zu gebrauchen. Balzac, der für poetische 
Schönheiten ein schärferes äuge hatte, nahm sich gerade Moiiire sam 
muster. was aber der dramatiker nur hatte andeuten können oder er- 
raten lassen, hat der romandichter ausgeführt, motiviert and begründet» 



Moli^res Avare. 55 

wenn anch widerstrebend und nur auf befehl, das schlimmste, das 
über den herm gesagt wird , selbst , wie einst sein Vorgänger ihn 
abfaszte und prttgelte, als er des nachts den pferden das futter stahL 

Man umarmt den Schmeichler, und die ehrlichkeit erhält stock- 
schläge , die sie mit befriedigung einsteckt, denn — sie hat es vor- 
her gesagt und der herr wollte es nicht glauben! — der pedant 
freut sich , dasz er recht hat. 

Folgt eine dito scene mit Valer. dieser macht sich einen spasz 
mit dem ihn verachtenden bedienten, bezeugt ihm scherzend sein 
beileid , thut als fdrchte er seinen zom und weist den mit schlagen 
drohenden durch neue wirkliche schlage in seine schranken zurück. 

Wieder eine scheinbar unwichtige persönlich keit weitläufig be- 
handelt, der diener zeugt eben von dem geiz und der vorsieht des 
herm ; Jakob bestiehlt ihn gewis nicht ; ebenso wenig wie die noch 
dümmeren Stockfisch und Strohhalm.'^ auch nehmen sie alle vor- 
lieb mit ^schmaler kost und wenig geld'. drum eben läszt der herr 
sich gefallen, dasz ihre dummheit ihn bloszstellt. Jakob ist aber 
noch sonst von Wichtigkeit; für die handlung: er leistet für Elise 
und Valer, was Pfeil für Marianne und Cleant. doch warum tritt er 
später auf als dieser? weil seine hauptthätigkeit erst beginnen 
kann, nachdem die des Pfeil beendet, an die sie sich anschlieszt. 
jetzt aber muste er auftreten , sollte er nicht am schlusz als deus ex 
machina vom himmel herabregnen, und tritt er uns nicht gerade 
hier am natürlichsten entgegen, als zwiefach unentbehrliches glied 
des Harpazschen hauses? wo der herr und die handlung des koch- 
kutschers** bedürfen? so wird er denn jetzt unserer aufmerksam- 
keit empfohlen und zugleich sein späteres benehmen vorbereitet und 
begründet, die stockschläge nemlich wecken in ihm den grilligen 
entschlusz, der Wahrheit zu entsagen, und steigern noch seinen Wider- 
willen gegen den eindringling und Schmeichler.*' drum verleumdet 
er später den Yaler als dieb der von Pfeil gestohlenen cassette, 
zwingt ihn, zu seinem heil, 'denn es reiszt ihn nach oben', selbst 
seine liebesgeschichte aufs tapet zu bringen, und veranlaszt, mit 
hilfe Anselms, ihre, und teils auch der andern, glückliche lösung. 

*' an diese wendet sich Harpax vorher schon (III 1). für die nicht 
weniger zuverlässige darae Claude hat er g&r ein kleines wort der an- 
erkennnng. sie ist offenbar die klügste von der gesellschaft nnd — 
schweigt, der ehrliche , zu seinem schaden redende Jakob ist wenig- 
stens selbständig und klug genug, um den herm zu kritisieren. Stroh- 
halm und Stockfisch sind fast reine nullen und dies entspricht auch 
ihrer, im vergleich mit Jakob und dame Claude, untergeordneten Stel- 
lung, so sind auch die diener mit geringer mühe hinreichend von ein- 
ander unterschieden. 

*' der kutscher soll Marianne zum markt fahren. 

** die commentatoren und kritiker, welche die Wichtigkeit Jakobs 
für die handlung nicht erkannt , finden die besprochenen scenen über- 
flüssig, wie oft bei Shakespeare, dem man es als groszmut anrechnet, 
spielen hier an sich unbedeutende personen eine wichtige rolle, beide 
Buchten mit recht ganz bedeutungslose rollen zu vermeiden. 



56 Moli^res Arare. 

1. Brautbewerbnng des vaters und des sohnes (1114 
—IV 1). 

Frosine hat dem alten weis gemacht, die rerehrerin des An- 
chises and Nestor habe eine verliebe für brillen tragende nasen. er 
hat sieh das Verschönerungsmittel zugelegt und führt sich ein mit 
einem compliment, das daran anknüpft, der verliebte alte und herz- 
lose narr flöszt Marianne einen Widerwillen ein, den Frosine ihr aus- 
zureden sucht '^; in dem söhn hingegen findet sie ihren geliebten 
wieder , dessen nähere Verhältnisse sie nicht kannte, er macht ihr 
erst versteckte, dann, da Harpax diese als grobheiten auslegen 
mnsz, auf seinen befehl liebenswürdig zu sein, offene 
liebeserklärnngen und antrage. 

Sie geht noch weiter, seine liebens Würdigkeit, man mnsz zur 
kirmesz, Frosine erinnert daran, Harpax befiehlt'^ vorzuspannen und 
bedauert (etwas spftt !) nichts vorgesetzt zu haben, da meldet sieh 
Cleant. er hat delioatessen holen lassen, deren unberechenbarkeit 
den geizhals ebenso sehr erschreckt, wie den malade imaginaire die 
ihm unbekannten krankheiten. verzweiflungsvolle klagen an den 
busenfreund Valer machen seinem herzen luft. 

Das reizt den Cleant noch mehr, der löwe hat blut geleckt 
^Papp^tit vient en mangeant.' an des vaters band glänzt ein diamant- 
ring, sonst trägt er ihn nicht**, ob er gleich Vornehmheit und geiz 
in sich vereinigt. Mariannens wegen hat er ein übriges gethan, wie 
mit der briUe. um so komischer, wenn er an s i e ihn verliert. Cleant 
rühmt das strahlende feuer; sie musz den ring sehen, der ärmste 
will ihn verbergen ; zu spät 1 Cleant zieht ihn schon ab und gibt ihn 
Mariannen. Harpax* schimpfen zwingt sie gar ihn zu behalten, zu 
guter letzt soll er noch beide im stich lassen ; denn Strohhalm meldet 
besuch an. geiz und liebe lassen ihn sich verleugnen, doch Stroh- 
halm kennt seinen herm : *man bringt geld !' und : ^entschuldigen 
Sie, bin gleich wieder hier!' Amor streicht vor Mercur wieder 
die segel. 

Nun stürmt er nur desto hastiger davon, und sein eifer und 
der des treuen Stockfisches rennen mit den kGpfen an einander: 
^der schurke! hat mich umgebracht! meine gläubiger haben ihn 
bestocl/en!' doch er kommt noch mit 'nem blauen äuge davon; 



*^ sie denkt also aoch nicht daran, für Cleant sa wirken (vgl. die 
bemerknng über de l'aatre cot^). 

*^ die aQftgabe von 1734 Ȋfft: 'dem Strohhalm'; aber Stock fi seh 
meldet nachher, dass die pferde keine hufeisen haben, nach der ersten 
aosf^abe ist anfangs kein bedienter soffegen; Tielleicht überbrachte Bliae 
den befehl, da sie sonst nichts zu thun hat. 

** um nicht die diebe za locken, man könnte ihn ja für reich 
halten und um des rin^es willen erwfirgen. dieser rOhrt Ton den eitern 
oder der fraa her oder — von einem nngl&ckliehen knnden. Lion 
meint, Harpax erscheine Ton vom herein mit dem in die an(i;-en fallen- 
den ringe, den er mit Wohlgefallen trage und so am sichersten anf- 
gehoben wisse. 



Moli^res Arare. 57 

schlimmer ist die von Stockfisch gemeldete hotschaft: ^die pferde 
ohne hnfeiseii! müssen heschlagen werden!' der vereitelte versuch 
zu sparen stürzt ihn so noch in andere kosten, je länger der auf- 
enthalt , desto gröszer die gefahr für die delicatessen ! 

Yaler soll möglichst viel retten — die reste schickt Harpax 
dem kaufmann zurück — die pferde rasch beschlagen werden, und 
liun fort zu dem manne^ der geld bringt! die übrigen aber geleiten 
Mariannen in den garten , wo Cleant sie bewirtet. 

So Wird selbst Harpax' Verlobung ein Pyrrhussieg; sie führt 
dem üebenbuhler die braut zu, und da Harpax* geiz Frosine ins feind- 
liche lager treibt, vermehrt sie noch die zahl der gegner, die sich 
nun in seinem eignen hause gegen ihn verschwören. 

Die schlag auf schlag erfolgenden gegensätze von derb komi- 
scher Wirkung erfreuen nicht blosz den janhagel , sondern auch den 
denkenden leser; sie dieneü zur Charakteristik des herrn und der 
diener, und Harpax' Verzweiflung über die kleinsten ausgaben zeigt 
wieder, wie wenig man, auf sein wort hin, den Cleant für einen Ver- 
schwender halten darf und seine dienstboten für diebe. 

IV. Die gesellschaft ist wieder auf der veranda. Frosine 
überlegt, wie zu helfen sei. eine freundin soll, als marquise 
oder vicomtesse'^ verkleidet, sich in Harpax verliebt stellen, 
bereit ihm ihr groszes vermögen zu vermachen; dann würde er 
auf Marianne verzichten, diese musz noch ihre mutter zu gewinnen 
suchen. 

2. Offener kämpf bis zur krisis (IV 2 — 5). 

Harpax kommt drüber zu^ wie Cleant Mariannen die band 
küszt. er thut, als wolle er sie ihm überlassen und entdeckt ihm 
sein geheimnis. dann soll der söhn wieder verzichten, neue caram- 
bolage ! der alte schreit nach einem stock, der herbeieilende Jakob, 
det ihm doch den willen nicht thun kann , stellt einen veifsöhnungs- 
yersüch an. (zeit gewonnen, alles gewonnen!) mit erfolg; weil er 
von der Wahrheit abweicht, dann aber ein krach, der alles dage- 
wesene überbietet, aprds nous le d^luge. 

Jakob ist also wirklich zur unwahrhaftigkeit bekehrt, der ge- 
wissenhafte manu nimmt es ernst, selbst mit dem nicht gewissen- 



" die msrqnise ist weit her, aus der Basse Bretagne, ein selt- 
samer name (bas-breton war gleichbedeutend mit kauderwälsch) soll 
die Wahrscheinlichkeit erhöhen, wegen der groszen entfernang kann 
sich Harpax auch nicht leicht aüfklarnng verschaffen. — Der diebstahl 
der cassette macht später den plan überflüssig. Diderot tadelt dies. 
man solle keine erwartiingen erregen, die nicht erfüllt würden. Laon 
meint, seltsamerweise, Moli^re habe erst diesen plan ausführen wollen 
nnd dann, aus Unachtsamkeit, die werte stehen lassen, nach Lion soll 
es zur Charakteristik der Frosine dienen: es dient aber wohl noch mehr 
zu der des Harpax und bereitet, in Verbindung mit den früheren be- 
merknngen über seine liebe zum gelde, das spätere verzichten auf 
Marianne vor. übrigens muste man überlegen, was zu thun sei; und 
dieser plan war dem Charakter des H. angepasst. 



58 Moli^res Avare. 

haften entschlusse. ee wird uns nicht wundem, wenn er sp&ter 
gegen Valer ebenso handelt^ wie hier für Cleant und fttr die ehre 
des hauses. 

in. Schlnsz« 

Ä. Lösung der geldfrage, zugleich erster schritt 
zur lösung beider liebesgeschichten, durch Pfeil QY 6). 

Die wut über die der Versöhnung folgende enttäuschung*^ liesz 
den geizhals eine zeit lang seinen schätz vergessen. Pfeil , der den 
ganzen tag darauf gelauert, bringt ihn nun dem Cleant. so bereitet 
er dessen sieg in der liebe vor und, mit hilfe Jakobs, dann auch den 
von Valer und Elise. 

B, Zweiter schritt, durch Jakob (V 1 — 5). 

Harpax hat einen polizeicommissar geholt, er m u s z sein geld 
haben und hält sich an den eintretenden Jakob ; dieser verd&chtigt 
den Valer, was die Ungeduld des geizhalses in komischer weise er- 
leichtert; Valer aber, eines Verbrechens angeklagt, denkt an die yer- 
lobung und offenbart sein Verhältnis zu Elise, nun soll er an den 
galgen und Elise in ein kloster, wenn sie nicht den Anselm nimmt. 
die aus den misverständnissen zwischen herzens- und geldschatz, ans 
den gegensätzen zwischen dem blinden liebeseifer Valers , geldeifer 
des Harpax und dem besonnenen geschäftsei fer des commissars, ans 
dem verdutzten erstaunen des schadenfrohen Jakob , wie aus dem 
des klarer blickenden commissars hervorgehende komik läszty selbst 
trotz des rührenden flehens der Elise, rührung nicht aufkommen. 

C. Sieg der liebenden mit hilfe** Anselms: 

1) des Valer. 

Auch Frosine hat sich wieder eingestellt; sie will die lösung 
herbeiführen; doch der vom geize des Harpax selbst heraaf- 
beschworene Anselm soll sein werk vernichten, seine aufopfernde 
liebe hebt zugleich, als leuchtender hintergrund, den finstem egois- 
mus des geizhalses kräftig hervor; auch gibt sie ihm neue gelegen- 
heit^ sich zu offenbaren. 

Anselm will keine zwangsheirat , und so macht Valer seine 
ansprüche wieder geltend, er ist der tochter des Harpax nicht un- 
würdig, der söhn eines Neapolitaner edelmanns, Marianne entpuppt 
sich als seine Schwester und — der reiche Anselm als der vater von 
beiden. 

2) des Cleant. 

Gegen Valer kann jetzt Harpax nichts mehr einwenden, und, 
als ihm Cleant die cassette verspricht, unversehrt, mit ihrem ganzen 
inhalt, ebenso wenig gegen seine heirat mit der jetzt auch reichen 
Marianne, aber — keine mitgift! für kein s seiner kinder! 

Der überglückliche Anselm bestreitet die kosten beider hoch- 



*^ sie ist also eine folge von Jakobs qd Wahrhaftigkeit, diese eine 
folge von dem geize des Harpax. 

** einige nennen sie eine übet flüssige snthat. 



B«Bogge: das buch von den preuszischen königen. 59 

Zeiten, schenkt ihm einen hochzeitsrock, bezahlt den commissar, und, 
während die andern eich mit Mariannens matter des Wiedersehens 
freuen , fliegt der geizhals — zu seiner cassette. 

Und so schlieszt das sich ernst romanhaft ankündigende , aber 
dann den komischen Charakter nicht mehr verleugnende gemälde 
Tom adeligen geizhals, zu aller Zufriedenheit, mit romanhaft-heiterer 

komik. 

(schlusz folgt.) 
Bielefeld. C. HuiiBERT. 



5. 

DAS BUCH VON DEN PREUSZISCHEN KONIGEN. VON D. BERNHARD 
BOGOE, HOFPREDIOER IN POTSDAM. MIT NEUN BRUSTBILDERN. 

Hannover, Carl Meyer (Gustav Prior). 1891. V u. 644 s. 

Schon einmal hat ein Potsdamer hofprediger einen wichtigen teil 
der geschichte seines königshauses dargestellt, der bischof Ejlert, 
der das leben Friedrich Wilhelms III beschrieben hat. es war das 
gefühl der pietät, die dankbarkeit für das vertrauen, das ihm sein 
königlicher herr entgegengebracht hatte, was dem bischof den an- 
trieb gab, die biographie zu verfassen; nebenbei mochte er von der 
absieht geleitet werden, die grosze kirchliche neuschöpfung des 
kOnigs , die union , gegen vorwürfe und tadel sicher zu stellen. 

Die gleiche anhänglichkeit an sein fürstenhaus ist natürlich bei 
dem verf. des voranstehenden buches vorauszusetzen, und er nimmt 
sie in dem vorwort ausdrücklich in anspruch. gleichwohl wäre er 
vielleicht nicht dazu gekommen , dasselbe zu schreiben , wenn nicht 
eine äuszere veranlassung hinzugetreten wäre, die directe aufforde- 
rung des Verlegers, ybnd wenn dem letzteren ein kaiserliches wort 
den gedanken an die herstellung des buches nahe gebracht hat, so 
ist es ein glück für dasselbe , das wir für ein sehr gelungenes und 
für die zwecke der lectüre aller gebildeten stände höchst empfehlens- 
wertes halten, dasz es so gearbeitet ist, wie es vor uns liegt, dasz 
es die hohenzollemschen könige von Friedrich I an bis auf kaiser 
Wilhelm II in der historisch gegebenen reihenfolge vorführt, von 
den misgriffen, die von andern unter denselben umständen gethan 
sind , hat es sich frei gehalten. 

In ähnlicher weise wie von Bogge ist die brandenburgisch- 
preuszische geschichte schon vor 50 jähren von W. Zimmermann, 
und zwar trefflich , behandelt worden, dieser faszt seinen umkreis 
weiter, insofern er von der gründung der Mark anhebt, indessen 
widmet er den ersten fünf Jahrhunderten doch nur ein viertel der 
Seitenzahl, so dasz auch für ihn die zelten nach dem westfälischen 
frieden die hauptsache ausmachen, bei unserem buche möchte man- 
cher wünschen, dasz auch die regierungszeit des groszen kurfürsten, 
in welcher die anfange des aufbaus der Hohenzollernmonarchie ent* 



60 B. Rogge: das bnch von den preoszischen kOnigeii. 

halten sind und an welcher ihre lebensbedinguDgen klar werden, 
hehandelt wäre, und es mag dem verf. ttberwindong gekostet habeDy 
diese lohnende aufgäbe beiseite zu lassen, jetzt znmal, nachdem 
durch die archivalischen pnblicationen wie durch bedeutende einzel- 
forsehungen so manches dunkel aufgehellt worden ist allein die ge* 
wählte grenzbestimmung hat ihre berechtigung; die annähme der 
königskrone bezeichnet einen so wesentlichen abschnitt; dasx man, 
wenn überhaupt die neuere zeit in frage kam , nicht weiter znrfick- 
greifen durfte , ganz abgesehen davon , dasz in diesem fiiUe der titel 
zu ändern gewesen wäre, allerdings hätten können in der einleitnng 
die linien so gezogen werden , dasz die erfolge wie die moti^e des 
kurfürsten eine breitere darlegung fanden. 

Fragen wir nun ; wie hr. Bogge innerhalb dieser grenzen seine 
aufgäbe gelöst hat, so ist zunächst zu sagen, dasz er zwar die ein- 
schlagende litteratur kennt und beherscht, jedoch darauf verzichtet 
hat, selbständige forschungen anzustellen, fttr die form der dar- 
Stellung ist dies günstig gewesen, die zünftigen forscher in Dentseh- 
land haben noch immer nicht die methode aufgegeben, den leaer an 
der Untersuchung über den wert ihrer auctoritäten , über die glanb- 
würdigkeit ihrer quellen teilnehmen zu lassen und ihm damit eine 
last aufzubürden, durch die er um den reinen genusz der lectOre ge- 
bracht wird, unser verf. übernimmt die ergebnisse der für zurer* 
lässig erkannten gewährsmftnner , um sie als fftden in seinem ge- 
webe zu verwerten, doch nicht so, dasz er sein urteil überall von 
ihnen abhängig machte, auch nicht ohne aus der fülle des materials 
das auszuwählen, was ihm für seine absiebten angemessen erscheint. 
vielmehr hat er Scharfblick genug, um selbständig das wahrzunehmen, 
was im wettkampf der verschiedenen kräfte an dem preoszischen 
königtum dauernd ist und die keime wie die zusammenhänge weiterer 
entwicklung enthält, zweierlei betont er in dieser beziehong wieder» 
holt, zuerst das principielle moment des protestantismus und seiner 
beschützung, auf dem der Staat seit den tagen des kurfürsten bemht| 
dem er die berechtigung seines ansehens in Deutschland wie seine 
Stellung als groszmacht verdankt, hat er im allmählichen anwachsen 
eine beträchtliche anzahl von katholiken in seinen schosz aufnehmen 
müssen , denen er in echt evangelischem sinne volle freiheit der be- 
wegung gestattete, so ist er doch dieser eigentlichen Wurzel seiner 
kraft nie uneingedenk geworden, das zweite moment ist ein persön- 
liches, wie wäre es möglich gewesen, dasz der ärmste teil Deutsch- 
lands der kräftigste , dasz die sandbüchse des römischen reiches die 
wiege des neuen kaisertums wurde, wenn nicht seine regenten, und 
zwar jeder einzeln in seiner zeit nach seiner weise , sich als sittlich 
bewegte persönlichkeiten bewährt hätten , wenn sie nicht, statt sich 
ein bequemes genieszen ihrer absoluten machtvoUkommenheit zu 
gönnen, sich immer zu opferfreudiger, unermüdlicher arbeit, tu 
strenger Selbstzucht, zu gewissenhaftem, stetem sorgen und schaffen 
bereit gezeigt hätten ? 



B. Rogges das bach von den preuszischen königen. 61 

Daran knüpft sich eine andere frage, die nach der objectivität 
und nnparteilicfakeit. ist das wort des lord Acton (in 'die neuere 
deutsche geschichtswissenschaft') richtig, dasz es für den geschicht- 
schreiber in erster linie auf den curs des schiffes, nicht auf die 
pAssagiere ankommt? mag man es anfechten oder billigen — und 
wir Deutsche sind so sentimental, auch auf das wohl und wehe der 
Passagiere wert zu legen, während es sich vielleicht für einen Eng- 
länder mehr um die ladung handelt — : jedenfalls ist für eine glück- 
liche fahrt Yomehmli(^ der Steuermann verantwortlich, seiner ein- 
sieht und erfahrung, seiner ausdauer wird der richtige und wenig 
zeit in ansprucfa nehmende curs verdankt, nun sind es gerade die 
führer des Staatsschiffes, von denen der verf. bericht erstattet, wir 
wissen , dasz sie dasselbe in den hafen geleitet haben, aber wir er- 
fahren auch von den klippen und untiefen ; von stürm und Wellen- 
gang, welche die fiahrt gefilhrlich machten und das fahrzeug zeit- 
weise entmasteten; es werden uns die fehler und irrungen nicht 
versehwiegen, in welche die Steuerleute verfallen sind, selbst äuszer- 
lieh nillt das bestreben in die äugen, ein unbefangenes, gerechtes 
urteil zu geben, die regierung Friedrich Wilhelms 11 wird auf einigen 
zwanzig Seiten abgethan. freilich, wer bei uns als bürger eines 
monarchischen Staates die geschichte seiner dynastie schreibt, welche 
diesen staat grosz gemacht hat, hat nicht die schrankenlose freiheit, 
die sich ein Engländer nehmen kann , die sich z. b. Thackeray in 
seinem buche über die vier George in einer solchen ausdehnung 
nimmt, dasz sie den leser verletzt; aber die Wahrheit hat er trotz- 
dem nicht preisgegeben, wir wüsten keinen fall des gegenteils an- 
zuführen, nur einige auslassungen können wir notieren , welche die 
wirkliche thatsächlichkeit wenn nicht verdunkeln, doch verschieben. 
so ist bei dem stürze Danckelmanns die mitwirkung der kurfürstin 
Sophie Charlotte, welche auf unreine weifische Umtriebe zurückzu- 
führen sein wird, übersehe; femer hätte über die kriegführung des 
grossen Friedrich die abfällige beurteilung des prinzen Heinrich und 
seiner Bheinsberger Umgebung erwähnt werden können, wennschon 
sie von Theod« v. Bernhardi als eine ungerechte und unlautere zu- 
rückgewiesen worden ist. was Friedrich Wilhelm III angeht, so ist 
es thatsache, dasz er von der nation, die mit ihm gelitten hatte, 
nicht nur verehrt, sondern auch geliebt wurde, anderseits haben 
neuere Untersuchungen dargethan, dasz M. Duncker (in 'aus der zeit 
Friedrichs des groszen und Friedrich Wilhelms lU') ihn überschätzt, 
ihm manches zuschreibt, was andern gebührt; und dasz eine gewisse 
härte, eine misgünstige auOehnung gegen die üb^legenheit anderer 
in seiner natur lag , ist durch die aufzeichnungen Bojens klar ge- 
worden, mit der berufung auf die äuszerung Treitschkes (242), 
dasz er durch das unglück 1806 das vertrauen zum volke verloren 
habe, wird nicht alles erklärt, am wenigsten das bittere wort über 
Schamhorst, der nichts verschuldet hatte, am tage von Orosz- 
Görschen. 



62 0. Richter : weibeBtunden im scbulleben. 

Sollen scblieszlicb noch einige einzelheiten erwähnt werden, die 
in einer hoffentlich bald erscheinenden zweiten aufläge zu yerbeaien 
sein werden, so nenne ich ein paar dmckfehler: Villards, Wilsdmp, 
Cramer statt Carmer, der curat or Schmidt statt curatue. ich madie 
femer darauf aufmerksam, dasz (19) der tod Schombergs nicht gau 
richtig dargestellt ist , dasz bei der ostfriesischen erbschafb orsadw 
und Wirkung nicht genau auseinandergehalten sind, dasz die polniflch» 
frage sich auch yon einem andern Standpunkte ansehen lässt, als es 
im buche geschieht, endlich hat das jüngst erschienene buch HOfien 
über die persönlichkeit Lombards aufklärungen gebracht, die den 
viel gescholtenen mann in ein günstigeres licht stellen. 

Über die gewandtheit der formgebung, die Sicherheit und leidi- 
tigkeit des Vortrags noch ein wort hinzuzufügen, halten wir ftür on- 
nötig. wir begnügen uns ; das buch ebenso dringend für die kreise 
der familie wie der oberen classen der höheren schulen zu empfdilea 
und dem hm. verf. für seine gäbe zu danken, hat ihm die vollendoDg 
des Werkes selbst freude gemacht, so hat er sich in gleichem masM 
auch Verdienste um das lesende publicum erworben. 

Halle a. S. Na8em ahh. 



6. 

WEIHESTUKOEN IM SCHULLEBEN. REDEN, ANSPRACHEN UND QBBSTI 
AN FROHEN UND ERNSTEN TAGEN GEHALTEN IM KÖNIGL. GYMNA- 
SIUM ZU WÜRZEN VON DR. OsWALD RiCHTER, PROFESSOR UND 
ERSTEM RELIQI0N8LEHRER DASELBST. Leipzig, Verlag VOn B. 6. 

Teubner. 1890. X u. 162 8. 

Echte weifaeetunden sind es, die das büchlein dem leser bereitet, 
weihestunden, erfüllt von dem geiste innigster religiosität, getragen 
von edler begeisterung für den hohen beruf an der Jugend und mit 
frischer kraft und in schöner form dargeboten, bei der Seltenheit 
von Sammlungen religiöser schulreden, die nur zu oft schon beklagt 
worden ist, können wir diese Sammlung jedem, der ein herz hat für 
die schule, jedem, der die bedeutong der religiösen erziehung unserer 
Jugend erkannt hat, und jedem, der über die innere thätigkeit unserer 
höheren schulen auch nach dieser seite hin ein den that&acben ent- 
sprechendes urteil gewinnen will , namentlich in der gegenwärtigen 
ära unseres viel umstrittenen schullebens, auf das angelegentlichste 
empfehlen. 

Die Sammlung umfaszt ein weihegebet bei eröffnung des g^ymna- 
siums , zwei Jubiläumsreden zu dem Lutherjubiläum und dem Jubi- 
läum des Wettinerhauses, vier ansprachen zu den kaisertagen ans 
der jubelzeit Wilhelms I, aus der ü-auerzeit von kaiser Wilhelms I 
und Friedrichs 11 tod und aus den tagen des regierungsantritts 
kaiser Wilhelms II , femer fünf ferienandachten zu beginn der som- 
mer- und weihnachtsferien und acht vorbereitungsreden zur feier 



0. Bichter : weihestunden im Bcbulleben. 63 

eiligen abendmahls und endlich zwei totenklagen beim begrab- 
nes lehrers und eines scbülers mit einem Verzeichnis der heim- 
igenen aus der lebrer- und schülerzahl des gymnasiums. 
Das buch ist in erster linie von dem verf. als ein erinnerungs- 
den ehemaligen und jetzigen schülem des königl. gymnasiums 
arzen gewidmet zur erinnerung an gemeinsam verlebte frohe 
ernste tage; es wendet sich aber auch an alle, die dem jungen 
asium freundlich gesinnt und seiner entwicklung mit teilnähme 
^t sind, und hofift endlich den als religionslehrem an höheren 
m eintretenden theologen wenigstens mit einigen teilen einen 
t zu erweisen, wir können aber wohl hinzufügen, dasz es durch 

fruchtbaren anregungen sicher allen religionslehrem einen 

dienst erweisen wird und dasz es um des trefflichen ein- 

I willen, den es in die religiöse erziehungsweise unseres 

men gymnasiums gestattet, auf ein allgemeines interesse an- 

h machen darf. 

V^erf. verfügt über eine grosze fülle von gedanken und einen 
groszen reichtum an formen, die historischen reden sind mit 
ler sach- und quellenkenntnis geschrieben, überall ist in den 
ichtlichen bildern licht und schatten sorgsam und gerecht ver- 
und die groszen packenden momente der geschieh te treten be- 
am und plastisch hervor, die WettineiTede , eine reiche histo- 
i arbeit, welche mit der innigen liebe zu dem fürstenhaus den 

freimut der Überzeugung paart, bietet das vollste interesse 
Sachsen, der seine heimat liebt und schätzt, die Lutherrede 
^en führt uns als evangelische Christen auf die höhe der ge- 
lte unserer kirche, und die kaiserreden bieten uns als Deutschen 
[er nationaler gesinnung bewegte Zeugnisse aus den miterlebten 
• und trauertagen unseres jungen deutschen reiches dar. 
Das meiste interesse aber werden für diejenigen, welche das 
e schulleben erkennen wollen, und speciell für die fachgenossen 
ndachten und die vorbereitungsreden zur communion, welche 
echt den größten räum der Sammlung einnehmen, hervorrufen, 
irden wohl alle dem verf. beifällig zustimmen, dasz er dem 
\lelanchthons: zu den quellen! folgend allen seinen reden eine 
che grundlage gegeben hat. die biblischen texte sind sorg- 

und passend gewählt und, was die hauptsache ist, gründlich 
3rtet. wir werden ferner wohl alle dem verf. darin beistimmen, 
das classische ideal in unsern gymnasien überall das christliche 
ige tragen musz , dasz alle classischen mit den christlichen be- 
ugen in die engste Verbindung gebracht werden müssen, damit 

allem edlen und guten , was im gymnasium gelernt wird , der 

steht, der über alle namen ist', was aber den reden des verf. 

besondern Charakter und ihre besondere bedeutung gibt, das 
ine glückliche combinationsgabe, die alles aus dem bereich des 
lebens in den kreis der betrachtung zieht, und die ebenso glück- 
gabe einer feinen psychologischen individualisierung. der verf. 



64 0. Richter: weihestimden im aehollebeii. 

kennt die gedanken seiner zuhörer, und an alle weist er anzaknfipfen. 
die äusseren erfahrungen des schuUebens vom scholbaa bis eu den 
reyisionen und gemeinsamen festen, die Schicksale der leluier wie 
der Schüler mit ihren angehörigen, selbst bedeutsame disciplinar- 
fUlle werden treu beachtet und eingefügt in den religiösen und sitt- 
lichen zweck der reden, am meisten tritt der vorzng seiner psycho- 
logischen beobachtung und inüiyidualisierung in den abendmahlsredea 
hervor, mit recht stellt yerf. in jeder derselben zunächst die grosza 
praktische bedeutung des abendmahls, die yersöhnande und heilende, 
reinigende und st&rkende, tröstende und erbauende kraft des gegen- 
wärtigen heilands in den mittelpunkt^ mit ablehnung aller reflee- 
tierenden und dogmatischen erkl&rungen. er weist ausdrücklich dea 
selbstgerechten; einseitigen kritischen sinn der jagend zurück, der 
die verstandesarbeit über die sittliche aufgäbe setzt; und indem er 
zugleich den jugendlichen leichtsinn ; der über den ernst des sitt- 
lichen lebens sich hinwegsetzen will, mit kräftigen worten er- 
schüttert, appelliert er ganz allein an das sittliche gewissen der 
Jugend , an das unmittelbare bewustsein jedes Jünglings von seiner 
groszen aufgäbe zu wachsen wie in allen ding^, so auch im heilig- 
sten kernpunkt alles wahren lebens. und um dieses bewustsein sn 
wecken, folgt er mit aller schärfe des geistes, aber auch mit aller 
freundlichkeit herzgewinnender liebe den verschiedenen gedanken- 
gängen der jugend. wie er die gedankenlosigkeit und gleichgttltig- 
keit und ihre gefahr eines religiösen und sittlichen Sinkens in der 
Jugendzeit trifft ; so nicht minder die andern Untugenden und ge- 
fahren , welche unserer jugend mehr denn je drohen , den hocbmoty 
die unkeuschheit, das wandeln in der lüge mit sein^i falschen ent- 
schul digungen aus angeblicher freundschaftstreue und freondschafts- 
ehre und die Verschlossenheit, die mit unversöhnlicher gesinnong 
gegen lehrer und mitschüler die vergebende liebe gottes glaubt 
empfangen zu können, anderseits kommt er dem reinen jagsod- 
liehen verlangen nach gottesgemeinschafk und sittlicher erheboBf 
frei entgegen und weisz ebenso die neuconfirmierten und die neu* 
eingetretenen schtller wie die abiturienten bei ihrer letzten aehal- 
communionfeier besonders anzufassen. 

Wir halten die reden des verf. demnach für eine höchst schätaeni* 
werte leistung auf einem noch wenig angebauten gebiet der littentv 
und für einen wertvollen beitrag zu der groszen aufgäbe der rali- 
giösen erziehung unserer jugend im gymnasium, und indem wir dem 
verf. aufrichtig dank wissen für seine schöne gäbe, wünschei wir 
ihr zugleich die weiteste Verbreitung, besonders unter d«i ÜMh- 
genossen. 

Der druck ist von der Verlagshandlung vorzüglich ausgesiaüeti 
nur musz auf s. 145 z. 8 v. o. statt * morgende' wohl 'heutige' und 
z. 9 V. unten statt ^morgen' wohl 'heute' zu lesen sein. 

Chemnitz. 0. KrOobb. 



ZWEITE ABTEILUNG 

FÜB GYMNASIALPiDAGOGlK UND DIE ÜBRIGEN 

LEHRFÄCHER 

MIT AUSSCHLUSS DBB CLA8BI8CHEV PHILOLOOIB 

HERAU80B0BBBN VON PROF. DR. HERMANN MaSIUS. 



(1.) 

DIE AUFGABE DER ERZIEHUNG IM GYMNASIUM. 

(fortsetzuDg und schlusz.) 



3. Auszer der schule. 

Ehe auf das Verhältnis zu den eitern eingegangen wird, mögen 
hier noch ein paar bemerkungen über einwirkungen des lehrers auf 
den schfiler, die nicht innerhalb der eigentlichen schulsphäre liegen, 
platz finden. 

Hier gilt denn vor allem, dasz zwischen lehrer und schttler auch 
das Verhältnis des menschen zum menschen stattfindet, der lehrer 
wird an den freuden und leiden, die das junge herz bewegen, nicht 
ohne teilnähme und ein freundliches wort vorübergehen, er wird 
wohl auch einmal zu Weihnachten oder neujahr eine stunde übrig 
haben, die üblichen wünsche zu beschaffen, auch für den geburtstag 
einmal einen freundlichen vers oder spruch zur band haben, das 
sind kleine dinge von groszer bedeutung, doch so zarter natur, dasz 
sie nicht viele worte vertragen. 

Für die aufmerksamkeit auf die Verwendung der von arbeiten 
freien zeit wird der satz gelten: verdirb nie ein spiel, das nicht an 
sich verwerflich ist, wenn du nicht ein besseres an die stelle zu 
setzen weiszt. 

Das kind spiele im freien, so harmlos und absichtslos, wenn es 
trifft, auch so kindisch, als das herz es treibt, für abwechslung sorgt 
die Jahreszeit und die mode, eine gewaltige herscberin auch in der 
kinderweit, am abend mag es zeitig zu bett gehen, hat man als 
passend zum geschenk ein buch oder dergleichen zu empfehlen , so 
wird es gut sein , den eitern sagen zu lassen , sie möchten sich nach 
dem preis erkundigen ; denn sonst hören diejenigen , denen die an- 

N. Jahrb. f. phii. n. pid. II. abt. 1892 hft. S. . & 



66 Die aufgäbe der erziehung im gymnasium. 

Schaffung am schwersten föllt, die witwe zum beispiel, vom jangen, 
dasz dies und das von der schule gefordert wird. 

Fttr den knaben kann in einem teil des Jahres der naturwissen- 
schaftliche Unterricht viel leisten, der groszstädtische junge ist sehr 
zu haben fttr ezcursionen , die ihn pflanzen und steine , käfer nnd 
Schmetterlinge entdecken lassen ; dann wieder will er auch allein maf 
beute ausgehen, in der zeit des sammeltriebes ist er unermfidlich 
zu bestimmen und seine schätze zu ordnen, auch dankbar für rat nnd 
beihilfe. in den rauheren monaten wird das zeichnen als Sport be- 
trieben, andere suchen lectttre. da sich dies alter mit der weiten 
weit bekannt machen will und vom fernen und fremden angelockt 
wird , sind jetzt die biographien und reisebeschreibungen willkom- 
men; welche die schulbibliothek anbietet; der lehrer mag gelegent- 
lich auch im Unterricht von dem gebrauch machen, was der einzelne 
gerade fttr sich gelesen hat. 

Auf die freie beschftftigung der älteren schttler einzuwirken 
fehlt durchschnittlich der Spielraum; denn leider ist nahesa wahr, 
was V. Treitschke (die zukunft des deutschen gymnasiums s. 37) mit 
bekannter parrhesie ttber entwttrdigende ezamensangst sagt, die 
belastung wächst, wenn man, was das gedächtnis auf der einen stufe 
aufgenommen hat, gedieh te zum beispiel und kirchenlieder, auf der 
ihr folgenden darum als vorhanden voraussetzt oder mit geringer 
mtthe durch repetitionen präsent zu hallen meint, abgethanes nea 
thun mttssen stört oft die liebe* auch zum herlichsten, die forderung, 
dasz der primaner nicht ohne einen gedächtnisschatz bedeutender 
vaterländischer dichterstellen abgehe , scheint die berechtigtste und 
natürlichste von der weit zu sein, und doch hat er gerade jetzt so 
vieles zugleich mit dem verstand und gedächtnis zu bewältigen, dasi 
diese freiesten gaben der muse in steter bereitschaft zu haben nicht 
recht räum bleibt, verderben wir ihm nicht durch drängen den ge- 
schmack, der student wird uns rechtfertigen, darin hat v. Treitschke 
gewis recht, dasz das erzwungene und alles, was nach Vorschrift der 
schule gelernt werden musz, schwerer eingeht als das freiwillige, 
pflegen wir also , was sich noch hie und da von freier und gemein- 
samer geistiger thätigkeit regt, auch dadurch, dasz wir nicht mit 
den Schulaufgaben die ganze freie zeit und kraft des mittelbegabten 
und treuen Schülers erschöpfen. 

Hier ist auch des Vereinslebens der schttler zu gedenken. 
es sei gestattet ttber einen Studienverein , der am Altonaer gymna- 
sium besteht, einiges mitzuteilen, er ist unter dem namen 'wissen- 
schaftlicher primaner-verein' (Elio) am 5 november 1828 gestiftet, 
ursprttnglich von fttnf mitgliedem. die zahl der Musen scheint nie 
überschritten zu sein, die gründer, von Gittckstadt herübergekom- 
men, übertrugen, was dort in Übung war, nach Altona: alle acht 
tage interpretierte man eine dichterstelle (es finden sich u.a. HoraXf 
Terenz, Theokrit, Anakreon, Pindar), worüber dann disputiert wurde, 
bald aber erweiterte man den arbeitskreis durch hinzufügung dent- 



Uie aufgäbe der erziehung im gymnaBium. 67 

scher oder lateinischer aufsätze und extemporierter vortrage, das 
xDuster hierfür und für eine neue fassung der gesetze scheint ein 
Hamburger verein gegeben zu haben, ähnliche Studienvereine be- 
standen in Lübeck und Ratzeburg, und sie hatten, zeitweilig wenig- 
stens, schriftlichen verkehr unter einander, täuscht nicht alles, so 
stammen sie aus nachwirkungen des Hainbundes , der aller orten in 
Deutschland nachahmung fand und fttr die Holstein • Eutiner ecke 
dnrch Elopstock und Gerstenberg , Voss und Boie besondere bedeu- 
tnng hatte, die Göttinger lasen in ihren sonnabendlichen Zusammen- 
künften erst eine Elopstocksche oder Bammlersche ode, sprachen 
diese genau durch und beurteilten auch den vertrag, darauf wurden 
eigene dichtungen der genossen vorgelegt und ein kritiker ernannt, 
der acht tage später schriftlich seine meinung abzugeben hatte, von 
dieser einrichtung fand in Altena der kritiker am meisten beifall. 
eine andere den Hainbündlem charakteristische seite, die schwärme- 
rische begeisterung für gott, Vaterland, treue und freundschaft; tritt 
bei dem Altonaer verein nicht hervor; die zeiten des bundestages 
hatten diese ströme austrocknen lassen, poetische versuche sind 
selten, das verständige, kritische dement wiegt vor und eine bald 
an die debattierclubs der englischen Colleges, bald an die fehdebriefe 
der Halleschen Jahrbücher erinnernde ernsthafte kampflust. an jedem 
versammlungsabend war ein aufsatz vorzulegen , hier und da findet 
sich ein lateinischer; dieser circulierte zehn tage lang behufs recen- 
sierung bei den mitgliedem. die kritiken folgten der Vorlesung ; oft 
liefen ihrer mehrere ein, aus Semestern, wo gute köpfe da waren, 
manchmal vortreffliche, in jeder zweiten Versammlung war disputa- 
iorium, das tbema wurde acht tage vorher jedem mitglied zugestellt, 
einer als Opponent verpflichtet, die aufgäbe für den extemporierten 
vertrag wurde zwei stunden vor beginn der Versammlung ausgegeben, 
dann muste sich jedes mitglied der reihe nach über das gehörte 
änszem. 

Was dabei herausgekommen ist? zu zeiten sehr viel; noch heute 
zählen mitglieder der dreisziger und vierziger jähre diese agone unter 
die fördemdsten eindrücke ihres Jugendlebens, ende der dreisziger 
jähre gehörten die drei brüder Mommsen, Theodor, Tycho und 
August, der gesellschaft an; der grosze historiker verschmähte nicht, 
den wert, welchen er diesen jugendspielen beimiszt, durch wieder- 
holte geschenke zu bekunden, welche er dem verein gemacht hat. 
dasz zu anderen zeiten , wenn die talente für das spiel fehlten , fade 
schwatzhaftigkeit und altkluges raisonnement sichtbar werden, wird 
niemanden überraschen. 

Gegenwärtig besteht der verein aus etwa acht mitgliedem, 
deren eitern wohl alle ortseinheimisch sind. Versammlungen finden 
alle vierzehn tage von 7 — 10 uhr abends statt; ab und an erscheint 
ein ehemaliges mitglied, zuweilen aus besonderem anlasz ein lehrer. 
die Sitzung beginnt jetzt (auch ein zeichen der zeiti) mit geschicht- 
lichen und geographischen repetitionen in usum examinis futuri; 

6* 



68 Die aufgäbe der erziehung im gymnasiam. 

dann wird ein aufsatz verlesen und , wie in alten tagen , kritisiert 
den scblusz macht geroeinsame lectüre , ein yortrag oder erklftrong 
eines bildwerkes. den idealen genttssen folgt ein abendbrot; aber, 
soweit sich referent hat kenntnis verschaffen können, ist diesem 
62 jähre alten schülerverein nachzurühmen, dasz der materielle teil 
nie zur hauptsacbe geworden ist das will viel sagen; aber traditioa 
thut in diesen dingen groszes. für die vereinsbibliotbek von Aber 
1500 bänden ist innerhalb der scbulräume ein zimmer angewiesen, 
statutenverftnderungen und mitgliederbestand werden regelmlsug 
dem director angezeigt 

Letzteres ist auch der fall bei einem anderen verein, der seit 
fünfzehn jähren zum zwecke der erlemung und Übung der Steno- 
graphie besteht auch hier hat sich allen anzeichen nach eine gute 
tradition befestigt; es sind gute schüler, die ihn bilden, nnd sie 
treiben das, was sie zusammenführt, mit eifer. sie verwenden aof 
ihre liebhaberei wöchentlich oder vierzehntägig V/^ standen nnd 
nehmen nach gethaner arbeit in dem eiternhaus , in dem sie so* 
sammengekommen sind, das abendbrot. 

Gelegenheit zur Vereinigung in freierer form bieten die spiel- 
nachmittage auf öffentlicher wiese, die regelmäszig von lehren 
überwacht und von den jüngeren schülem fleiszig besucht werden. 
die älteren nehmen lieber an dem abend teil, an welchem einer oder 
mehrere von den fachlehrern bereit sind, mit den liebhabem lo 
turnen, in zwangloser weise, die auch für den einzelnen abend das 
erscheinen freistellt; kommen an einem Wochentag während des 
winters diejenigen primaner zusammen, welche zu gemeinsamer latei- 
nischer oder griechischer lectüre Inst haben, die zahl wechselt wie 
im coUeg ; sind es anfangs zwei dutzend, so hält wohl etwa die hälfte 
bis zu ende aus. bemerkenswert ist hierbei einerseits, dasz in diesen 
stunden , weil sie freiwillig sind und nicht im gemenge mit anderen 
stunden liegen , bei leitung desselben lehrers mehr beschafft wird, 
als in der gleichen zeit in der schule, anderseits, dasz auch befthigte 
Schülergenerationen bitten, dasz man im kreise der Schriftsteller 
bleibt, die für das ezamen in betracbt kommen. 

Wie soll sich nun der lehrer dem Vereins wesen gegenüber ver- 
halten? 

Wenn der mensch zur geselligkeit geboren ist, wird der lehrer 
schülervereine als äuszerungen eines natürlichen triebes ansehen; 
und wenn jugendfreundschaften und Jugenderinnerungen eines der 
kostbarsten erdengüter sind, wird er beklagen, wenn ihm keine spar 
von Schülervereinigungen begegnet, er wird daraus nicht scbliesseOi 
dasz sie wie die Cyklopen einzeln und in ihren höhlen oder gar wie 
Demosthenes bei der lampe leben, aber in jedem fall, auch wo er 
gutes vorauszusetzen grund hat, wie hier infolge guter tradition oder 
in einem anderen fall, wo er der ersten generation sicher ist^ wird er 
die äugen offen haben, er wird sich in steter kenntnis dessen halten, 
was da getrieben wird, das ist nicht schwer; sie kommen oft genug 



Die aufgäbe der erziehung im gynmasium. 69 

um rat zu fragen , wenn sie wissen , dasz die frage mit discretion 
aufgenommen wird; dasz man heute sagt: da helft euch selbst, und 
ein andermal, wenn man rät, ausdrücklich offen läszt, ob und wieviel 
sie davon befolgen wollen, und warum sollte man nicht so ver- 
fahren? wer immer über anderen stehen zu müssen meint, kommt 
nie unter sie, tritt ihnen nicht nahe; er gewinnt selten lebendige 
einsieht, und wahren einflusz kaum je. sie machen ja den ersten ver- 
such, sich in freiheit zu bewegen ^ dies ist nicht anders möglich, als 
auf gefahr des irrtums ; was sie hier an lehrgeld geben, brauchen sie 
auf der Universität nicht zu bezahlen, femer aber, wenn man das 
ganze weisz, soll man nicht alles und jedes wissen wollen ; auch sein 
geheimnis will das menschenherz haben, ist man ins vertrauen ge- 
zogen, musz man auch der classe gegenüber den schleier des geheim- 
nisses nicht freventlich lüften, denn eine lobende bemerkung ver- 
ursacht leicht die eifersucht und späterhin den spott der kameraden; 
ein abfälliges urteil gibt anlasz zu nachträglichen auseinandersetzun- 
gen, die schwerlich zum vorteil der sache und gewis nicht zu dem 
des unvorsichtigen lehrers ausfallen. 

Um der Wirtshaus frage nicht ganz aus demwege zugehen, 
die überall von zeit zu zeit den schulen sorge macht, sei die erfah- 
rung eines nachbargjmnasiums mitgeteilt, auf der schule, die unter 
anderen die brüder Curtius, Geibel, Wattenbach bildete , suchte der 
trefQiche director Jacobs den Wirtshaus verkehr der schüler dadurch 
unschädlich zu machen , dasz er ihn den primanem für bestimmte 
stunden in der woche und in einem bestimmten locale freigab ; um 
ihn zu veredeln, wurde für passende lectüre sorge getragen und ge- 
legentlicher besuch der lehrer zugesagt. ClasseU; der dies berichtet, 
macht die treffende anmerkung: 'die ausführung des bestgemeinten 
gedankens, für welche mühe und opfer nicht gescheut wurden, schei- 
terte an dem inneren Widerspruch, der in der sache liegt, das seinem 
Wesen nach mit keiner beschränkung verträgliche beschränken und 
das auf materiellen genusz berechnete in eine höhere richtung lenken 
zu wollen.' 

Noch mag ein frommer wünsch hier ausdruck finden. 

Wäre es möglich , einen versuch anzustellen , der geld kosten 
dürfte, so liesze sich ein solcher im anschlusz an eine Universitäts- 
einrichtung der neueren zeit denken, in Straszburg, Berlin und 
anderwärts ist etwa seit einem Jahrzehnt für die mitglieder einzelner 
seminarien ein arbeitszimmer bestellt, in dem die wichtigsten nach- 
schlagewerke des faches zur benutzung an ort und stelle bereit 
stehen, dementsprechend könnte für die schüler der oberen classen 
ein leseraum eingerichtet werden, wo diese etwa in glasschränken 
das fänden, was ausfüUung ihres horizonts und zugleich dessen natur- 
gemäsze erweiterung bezweckte, z. b. eine vollständige Ciceroausgabe, 
Drumanns geschieh ts werk, Weigands deutsches Wörterbuch, karten- 
und bild werke, ein physikalisches Wörterbuch usw. was jetzt viel- 
fach in den bibliotheken verstaubt, würde hier seinen zweck besser 



70 Die aufgäbe der erziehung im gymnasiam. 

erfüllen, wären nur die äuszeren bedingungen gegeben, so würden 
sich zu Zeiten auch lehrer finden, die freiwillige bescbauer mm 
sehenlernen anleiten, sinn für kunst wecken und einiges Terständnis 
ihrer geschichte anbahnen könnten, letzteres möchte namentlich an 
kleineren orten den im winter oft so Öden sonntagnachmittagen 
einen dankenswerten inhalt geistiger art zu geben geeignet sein. 

Vielleicht nimmt sich, wenn der verschlag sinn bat, jemand 
seiner an, der ihm durch seinen namen nachdruck geben kann. 

4. Das Verhältnis zu den eitern. 

Wir betreten hier ein schwieriges feld. suchen wir das senti- 
mentale fernzuhalten, das sich zum verwundem bei der realistischen 
nüchtemheit unserer zeit und doch eben wieder erklärlich durch 
den mangel an innerlichkeit und tiefe in dies gebiet eingedrängt hat 

Bei der aufnähme eines schülers erhält der lehrer die Schema* 
tischen angaben über die lebensverhältnisse der eitern, diese dürfen, 
wenn sie dem gymnasium söhne übergeben, erwarten, dasz diese 
dort von stufe zu stufe eine ausbildung erhalten, die für universitlts- 
studien vorbereitet, eine einwirkung ihrerseits auf gestaltong dsB 
lehrplans oder die art der disciplin ist ausgeschlossen ; diese dinge 
sind Sache der aufsichtsbehörde. von dem schüler wird ein ans* 
reichendes masz geistiger kraft und sittlichen ernstes vorausgesetst 
ob und in wie weit dieses masz in den einzelnen Stadien erreicht ist, 
darüber erteilt die schule durch quartalzeugnisse auskunft. anszer- 
dem hören die eitern von der schule dadurch, dasz ihnen einladongen 
zu deren öffentlichen feierlichkeiten, kaisersgeburtstag, abiturienten- 
entlassungen, Sedanfeier, zukommen, manche eitern stellen sich bei 
letzterer gelegenheit, einzelne beim eintritt ihres sohnes in eine neue 
classe den lehrern vor, die meisten gar nicht. 

Nimmt alles seinen glatten verlauf, dann bleibt es dabei, ver- 
anlassung zu weiterem verkehr pflegen in der regel erst allerlei 
hemmnisse zu geben, der schüler erkrankt und musz entschuldigt 
werden ; er bleibt plötzlich im lernen zurück oder sein betragen gibt 
zu ernsterem tadel anlasz. da werden sie durch besondere mitteilung 
benachrichtigt, auf der unteren stufe werden die kleineren Sünden, 
wie Verspätung, vergeszlichkeit, in einem verkehrsbuch angeieigt 
und quittiert, also , ein lebhafterer verkehr entsteht nur durch Stö- 
rungen, der lehrer hat zu klagen, die mutter besucht ihn, nm zn 
entschuldigen, dauert die Störung fort, so kommt es oft zu weiteren 
anschuldigungen, man erhält da mitteilungen, welche einblick geben 
in die familiengeschichte. ein junge lügt gewohnheitsmäszig ; da 
vertraut uns der vater an, dasz diese Untugend von der mutter oder 
deren mutter ererbt sei , diese dagegen leitet die erbschaft von der 
schwertseite ab. 

Die familien , in denen häusliche zucht herscht und sorgsame 
eitern ein gefühl auch für das lernvermögen des kindes haben, fallen 
der schule selten zur last, und über ausnahmsweise auftauchende 



Die aufgäbe der erziehung im gymnasium. 71 

Peinlichkeiten kann man sich meist so auseinandersetzen ; dasz als 
rest eine concertatio benevolorum bleibt, die Cicero sinnig von der 
lis inimicorum scheidet, doch nicht als ob jederzeit augenblicklich 
positive resultate erzielt würden; wieder und wieder musz darauf 
hingewiesen werden, dasz in den pubertStsjahren dem hause wie 
dem lehrer zuweilen solche proben aufgegeben werden, denen gegen- 
über auch nur zu richten und zu verdammen einiges gefühl der Ver- 
antwortlichkeit am platze wttre. 

Gerät die schule mit anständigen eitern in Zwiespalt, so ist fast 
ausnahmslos Ursache des ärgemisses die sociale läge und das dem 
erzieh ungswesen an sich fremde berechtigungswesen , dinge, über 
welche weder der eine noch der andere teil macht hat. für die lehrer, 
für die eitern und für die kinder wäre das natürliche, dasz der lem- 
gang abgebrochen würde, wenn die geistige kraft nicht reicht, so 
lange die bedingungen des äuszeren lebens jedem teil gestatteten, 
diesen wink der natur zu befolgen, brauchte von überbtlrdung nicht 
die rede zu sein ; jetzt musz allzu oft um des äuszeren fortkommens 
willen in schülerseelen eingefüllt werden, wofür sie keinen räum 
mehr haben, wir wollen die Danaidenfftsser weiter füllen, aber man 
verlange keine pädagogischen auseinandersetzungen über diese Hades- 
arbeit; auch keine mit den eitern, denn sie schaffen nur gegenseitigen 
unmut. alle teile sind hier auf stille und geduld angewiesen. 

Das wären die friedsamen eitern, sie zerfallen in zwei hälften : 
diejenigen, deren kinder gute fortschritte machen und diejenigen, 
die von der schule nicht verlangen, was sie nicht leisten kann. 

In zwei classen teilt sich auch die zweite art des eltempubli- 
cums, diejenige, welche der schule not macht, hier wird von der 
ersten classe gefordert — es sind meist wohlhabende leute oder deren 
nachbeter — dasz der söhn ebenso, wie etwa die liebe tochter in der 
etwas teueren, aber humanen und durchaus vortrefflichen privat- 
schule, auch ohne eigene nachhaltige anstrengung fortschritte mache 
and gelobt werde, von der anderen classe der unzufriedenen oder 
feindseligen wird, meist im gedränge der öconomischen oder socialen 
läge, erwartet, dasz sich die schule durch äuszerlichen fleisz und 
standhaften Schulbesuch bestimmen lasse, die mangelnde innere kraft 
des Schülers zu übersehen , oder auch dasz sie ihrerseits dieselbe er- 
setze, jedenfalls aber, dasz sie ihn ans ziel fördere. 

Ein regerer verkehr findet nun naturgemäsz nur mit diesen 
eltemclassen statt, es würde vergeblich sein zu leugnen , dasz er in 
der regel unerfreulich und dazu im wesentlichen unfruchtbar ist. 
niemand will zugeben, dasz er ungezogene oder gar dumme kinder 
habe, hat er dennoch das gymnasium mit solchen beglückt, so wird 
dafür dem lehrer als dem allgemeinen sündenbock elterlicher con- 
versation die schuld aufgebürdet. 

Indes entbindet dies den lehrer nicht, auch derlei eitern, wie 
sein amt erfordert, anzuhören und nach kräften zu beraten, aber 
hiermit wird es sein bewenden haben dürfen; denn dasz er mit eitern 



72 Die aufgäbe der erziehoDg im gymnaaiam. 

jeder art näheren verkehr pflege^ ist natürlich eine unsinnige und 
unmögliche forderung. 

Ein paar elternhaustypen, nach eigenen erlebnissen gezeichnet, 
mögen der schematischen darstell ung folgen, rein erfreulicher natur 
sind die beziehungen zu familien, die geistig und sittlich hochstehend 
und meiöt auch äuszerlich unabhängig, uns kinder anyertraoeB, 
welche die gute art der familie auch in der schule nicht verleugnen, 
'wem edle sitte und feiner ton durch die ganze Umgebung von Jugend 
an ohne dressur angelebt worden ist, dem wird das anständige so 
einem sittlichen maszstab, das schickliche zuchtmeister seines be- 
tragens und der geschmack am feineren Wegweiser zum edleren, die 
vortrefflichsten stützen der Schulbildung.' ' ich erinnere mich von 
meinem ersten gymnasium her mit vielem vergnügen zweier reihen 
von brüdem, die bei sehr verschiedener intellectueUer begabung den 
gleichen typus solcher familienbildung zeigten, natürlich , dass der 
verkehr mit den eitern so gearteter schüler auch die anschanongen 
und ziele des lehrers erweitert und erhöht. 

Eine gute ausstattung bringt in der regel auch der sehn das 
landmanns mit. auch wo das talent gering ist, zeigen eitern und 
kinder meist verständige auffassung der läge, geht es gar nicht , so 
scheidet man ohne groll von einander, fern von sentimentalitit ist 
auch der talentvolle bauemsohn. er hat selten etwas von der not 
des lebens erfahren , ist aber in guter sitte erzogen und an tüchtige 
beschäftigung gewöhnt; seine lust zum lesen und zum lernen haben 
die eitern begünstigt, keineswegs aber vorausgesetzt, dasz dieses 
Interesse anderweitige thätigkeit ausschlieszen müsse, noch in den 
ferien nimt der söhn an der feldarbeit teil, wird nicht gearbeitet, 
so gönnen sich vater und söhn auch leibliche erholung, mögen gnt 
essen, gern eine partie karten spielen, das trinken kann gefthrUch 
werden, doch verhält sich der junge vom lande anders zum gennsz 
als der städtische; jener gibt sich ihm nicht so leicht gefangen und 
läszt sich von ihm nicht aufdiedauerbeherschen, wird nicht lüstern 
und begehrlich; er nennt ihn zeitverderb, legt ihn aber als inter- 
mezzo ein. dem studierenden söhn gegenüber knausert der vater 
nicht ; er gibt ihm geld, sich bücher über den schulbedarf hinaus in 
kaufen , ebenso damit er sich mit freunden einen guten tag mache* 
ein erziehungsgrundsatz des sächsischen und friesischen bauem ist, 
dasz kinder in gegenwart der erwachsenen schweigen; wenn sie aus- 
kunft zu geben haben, ist es über thatsächliches, nicht über gedenken 
und empfindungen. diese Zurückhaltung hat eine gewisse Schwer- 
fälligkeit der geistigen mitteilung zur folge, und diese letztere wird 
verstärkt durch eine weitgehende scheu vor sprachfehlem, die das platt- 
deutsche idiom verraten könnten; auch darum erscheint schweigen 
besser als reden, da ist nun oberflächliches raisonnement schnell 
fertig, gleichgiltigkeit des wesens, mangel an geistiger regsamkeit 

' Scheibert, die höhere bürgerschale 8. 49. 



Die aufgäbe der erziehung im gymnasium. 73 

wärme der empfindung zu constatieren. wem es nicht gelingt, 
spröden und anscheinend yerschlossenen naturen im innem 
en zu lernen, mag die behaupteten mängel an ihrer wahren 
e aufsuchen ; wer aber durch die schale hindurch auf den kern 
elangen weisz; dem wird sich anderes offenbaren: durchdrin- 
es beobachtungsvermögen , starkes , das wesentliche und auch 
Hinter der maske verborgene treffendes urteil und neben dem 
und der kraft dinge durchzudenken jene innigkeit des gefühls, 
eiche uns Cl. Groth und Th. Storm einen einblick verschafft 
Q, ein ding freilich von der art, dasz es zuverlässig dann nicht 
Vorschein kommt, wenn ein beliebiger damit parade zu machen 
einbildet. 

Manchen vorteil hat der söhn eines studierten vaters. da der 
' die lauf bahn selbst durchmessen hat, die der söhn antritt, so 
sieht er die Verhältnisse ; er kann helfen und abmahnen, er weisz, 
davon zu halten ist, wenn lehrer oder mitschüler angeschuldigt 
en, zumal in der lebensperiode, in welcher die knabenphantasie 
grellen färben aufträgt, wenn er erinnert, dasz zu seiner zeit 
egel galt, man dürfe nicht aus der schule schwatzen, fühlt der 
ohne weiteres , dasz die regel gut war. wie er den vater mit 
igen dingen beschäftigt sieht, ist er selbst von klein auf an 
iges beschäftigtwerden gewöhnt, und hoffentlich geht auch aus 
gefühl der mutter etwas wie ehrfurcht vor dem stillen ernst 
T Pflichterfüllung auf den söhn über, dann sieht er mit den 
n der eitern die Vollendung seiner Studien als das glück seiner 
nft vor sich. 

Schwieriger wird das Verhältnis da, wo die geistigen kräfte be- 
Inkt sind und auch mechanisches talent fehlt, was soll der söhn 
Igen? vor wenigen generationen gab es berufsarten, in die er 
flüchtete; er mochte herschaftlicher Jäger oder gärtner oder 
' reichsstadt ratskellermeister oder doch buchbindermeister wer- 
oder er fand einen platz im niederen verwaltungs- oder justiz- 
it , aus dem ein aufsteigen denkbar war. alle lebensstellungen 
rt fordern jetzt längere vorbereitungszeit oder capital (was will 
solches der apotheker- oder buchhändlergehilfe?), die meisten 
Iternposten führen durch den unterofficiersstand. also musz 
lohn des studierten vaters die schule durchmachen, wenn er es 
nicht leisten kann , wenn die kraft zum lernen versagt ; wenn 
b wieder und wieder fehlschlagende versuche der schüler mutlos 
verdrossen wird, und schlieszlich auch der lehrer zur Verzweiflung 
mt? beide, die eitern und der lehrer, sind da in der peinlich- 
lage; wie man auch anfänglich einander zu verstehen, wie viel 
zu helfen suchte, die Unnatur der Verhältnisse wird beide teile 
einander treiben, und klagen rufen gegenklagen hervor. 
Führt hier die not des lebens das misverhältnis zwischen 
le und haus herbei, so ist es in anderen fallen die Wirkung einer 
ehrten lebensauffassung, zumal seitens unbeschäftigter mütter. 



74 Die aufgrabe der erziehang im gjmnasiam. 

solche suchen , wenn die jugendreize schwinden und sie in den ge- 
seilschaftlichen spielen der eitelkeit nicht mehr in der yordersten 
reihe zu stehen kommen, in der kindererziehung ersatz und widmen 
sich ausschlieszlich ihren mütterlichen pflichten, so sagen sie, in 
Wirklichkeit aber suchen sie in der beschftftigung mit den kindem 
nichts als ihr gewohntes amüsement, sind unermüdlich, ihre puppen 
umzukleiden und anderen zu zeigen und das tollste zeug in sie hinein 
und über sie herauszureden, allein diese als puppen behandelten 
dingej sind nicht aus papiermach^ und leder, es sind lebendige ge- 
schOpfe, mit sehr empfindlichen und sehr gebrechlichen Organen 
ausgestattet, man kann sie leicht verderben, wenn die geistige 
Spannkraft bereits gelähmt ist, schickt man sie in die schule und 
bttrdet dieser die schuld auf, wenn nun keine der natürlichen trieb- 
federn mehr leistungsfähig ist. 

Hierfür erst ein bild aus der kleinstadt. ein vater hat zwei 
söhne, er ist ein studierter mann, in guten Verhältnissen, yon yiel- 
seitigen interessen, der gymnasial bildung dankbar und geneig:t, den 
lehrern der anstalt mit herzlicher freundlichkeitzugethan, ein ganzer, 
selten begabter , feiner und starker mann und in allem thatkräfüg, 
bis auf den erziehungspunkt. wie stellt dieser seinen häuslichen 
kummer dar? er sei glücklich verheiratet und habe zwei söhne, die 
er für körperlich und geistig wohl veranlagt halten müsse, aber, 
die schule ! erst habe er die jungen unbekümmert ihren weg ver- 
folgen lassen , wie es auch sein vater gehalten , und sich nicht ge- 
sorgt , als der ältere der beiden ein jähr in quinta zugeben muste. 
nun aber seien die schulfortschritte leider ins stocken geraten ; bald 
habe ein deficit im latein, bald ein solches in mathematik oder fran- 
zösisch die Ursache abgegeben, dasz sie nicht aus der stelle kamen. 
er selbst habe ein jähr lang alle freie zeit daran gesetzt, ihre arbeiten 
von tag zu tag zu beaufsichtigen , dies habe aber nicht viel mehr 
verändert, als dasz alles häusliche behagen geschwunden sei. der 
treffliche mann bekannte sich ratlos und seufzte über die unquali- 
ficierbare schulcalamität. 

Was er für sich behielt, war dies: die mutter hatte bis über 
sexta hinaus den jungen eine bonne gehalten, an deren arm sie sitt- 
sam spazieren giengen, wenn die altersgenossen knabenspiele trieben; 
sie versüszte ihnen nachmals jeden tadel der schule durch tröstlichen 
Zuspruch und ungünstige Zeugnisse durch längere oder kürzere ferien- 
reisen, zur ermunterung der häuslichen arbeit aber wurde ihnen ein 
Studierzimmer mit nuszbaumschreibtisch, allerlei nippes und antiken 
köpfen eingerichtet, wie schwer wurde ihr nicht die entsagung, 
die sich entwickelnden söhne während der Schulstunden zu entbehren, 
da durfte sie sich doch nicht in der schulfreien zeit ihre mutter- 
freuden rauben lassen, dann wenigstens wollte sie fröhliche gesiebter 
sehen, die Unterhaltung mit ihnen über die wirklichen oder einge- 
bildeten mängel der lehrer gab der lemlust der aus dem geleise 
gekommenen Jünglinge den letzten rest. plötzlich aber besann sich 



Die aufgäbe der erziehong im gymnasiam. 75 

•die klage frau eines anderen : einem lebrer wurde die regelmftszige 
beaufsichtigung und ermunterung der nacbzügler übertragen, die 
übrigen collegen wurden zu gesellschaftlicben freuden herangezogen, 
und an derlei stützen sollten nun die boffhungen der faniilie empor- 
wachsen, aber die stamme hatten nicht mehr eignen halt genug, 
immer wieder knickten die stürme der Versetzungsprüfungen die 
hoffnungsblüten. dann hiesz es: infolge eines lehrerwechsels und der 
neuen methode des ankömmlings seien die gewonnenen resultate in 
frage gestellt , oder ein den gesellschaftlichen talenten der sprossen 
abholder barbar habe sich an diesen Vorzügen geärgert, wenn das 
griechische versetzungsscriptum nicht gelungen war. das ende der 
gemeinsamen schul- und haustherapie war der abgang der überalten 
tertianer auf eine presse zur gewinnung des einjährigenzeugnisses. 
o, über das zusammenwirken von schule und haus , wenn es andere 
grundlagen und absiebten hat, als dasz jeder teil seine natürlichen 
aufgaben an den kindern zur rechten zeit erfüllt und demgemäsz 
den anderen unterstützt! 

Ein verwandter tjpus ähnlich erziehender und demzufolge mit 
dem gymnasium unzufriedener mütter ist in Universitätsstädten zu 
beobachten, mit charakteristischer Verschiedenheit aber zeigt ihn die 
Sphäre des groszhandels. in der kaufmannsstadt ist gelegenheit, 
eine classe wohlhabender eitern zu studieren, die mit leidenschaft- 
lichem an teil die erziehung betreiben und das leben in der schule 
mit rat und wünschen verfolgen, sie sind durch informationen jeder 
art über bildungsfragen orientiert und halten sich darum für beson- 
ders befähigt und berechtigt, ein gewichtiges wort über leistungen 
der schule mitzureden, diesen begegnet es zuweilen, dasz das söhn- 
chen, während es in den ersten lebensjahren ungemessene hoffhungen 
erweckte, in der schule nicht fortkommt, da werden die bitteren 
klagen, welche die allwissende mutter im salon über die entsetz- 
lichen lehrer ausströmt, der zweifei an ihrer Urteilskraft und herzens- 
bildung , den der vorsichtigere vater im eisenbahncoup^ oder wäh- 
rend der badesaison an die einfluszreiche adresse zu bringen weisz, 
bedeutsame factoren für den ruf einer groszstädtischen anstalt. der 
biedermann , welcher die nchulthätigkeit durch die gläser der sorg- 
samen, in allen berechtigten hofifnungen getäuschten eitern be- 
trachtet, fühlt sich geneigt zu helfen, zu retten, gegen das Unwesen 
einzuschreiten. 

Betrachten wir unsererseits die Verhältnisse, in welchen der- 
artige insinuationen ihre grundlage haben, wir treten in die kreise, 
in denen der reichtum seine schwere band auf die erziehung des 
kindes legt, den nur auszer dem hause beschäftigten vater hat der 
söhn nie in ernster, männlicher beschäftigung gesehen, so rastlos 
und drängend er vielleicht im comptoir, auf der börse und auf reisen 
arbeitet: sobald er in den kreis der familie tritt, verschwindet der 
kaufmännische Charakter, auch in der Unterhaltung wird kein wort 
über geschäftliche Unternehmungen, erfolge oder gar sorgen laut; 



76 Die aufgäbe der erziehung im gymnaHinm. 

hier wird nur die Sicherheit der über öconomische kleinigkeiteii er- 
habenen geister zur darstellung gebracht, in der familie will der 
vornehme geldmann ausruhen, freude verbreiten und gennsz ernten, 
vor allem aber unbedingt den stolzen genusz an seinen kindem. fXtr 
sie denkt er täglich auf neue genüsse, feuert sie an durch verheiezong 
von solchen, und entziehung von solchen ist die einzige strafart, dk 
er anwendet, die mutter ihrerseits hat sich angelegen aein lassen, 
möglichst früh des aufblühenden sohnes schöne anlagen zu entfalten 
und zu genieszen. kein sinniges Spielzeug ist ihr entgangen , mit 
dem sie ihn nicht selbst bekannt gemacht hätte, wechselnde ein- 
drücke von Stadt und land , kindergesellschaften und bftlle haben in 
ihm, von dem sich die mutter nie trennen konnte, einen breiten 
grund allseitiger ausbildung gelegt, an bonnen und hanslehrem hat 
es nie gefehlt, und nur die vorzüglichsten waren auf empfefalong 
der maszgebendsten autoritäten ausgewählt, diesen wurde ernstlieh 
zur pflicht gemacht, das kind auf alles wissenswürdige hinzuweisen 
und auch auf Spaziergängen den frühzeitig hervorbrechenden gettt 
mit nützlichen kenntnissen, durch sprach- und rechenttbungen, zn 
bereichern, im hause selbst hat es keiner zeit an typen gefehlt, 
welche als geradezu vorbildlich für den gentleman gelten konnten; 
in diesem umgangskreis sah und hörte man nur achtsamkeit aof 
kleidung und haltung, lebendige kenntnis des neuesten , respectable 
mäsziguDg in gedanken und ausdruck. und die mutter versäumte 
nie, die empfindung vor dem Charakter des gentleman in die junge 
seele zu pflanzen; sie selbst wachte kraft dieses gefühls beim kinde 
über reinheit des gewandes, gebildetes benehmen und jede art von 
gebildetem anstand. 

Was wird das resultat sein? ein gemüt, das jede Schönheit in 
kunst oder natur mit glück und dankbarkeit erfüllt? oder Thaoke- 
rays wahrer gentleman, dessen lebenszweck edel ist, der fest an der 
Wahrheit hält und nach hohem strebt; ein mann, der schlicht ist, 
weil frei von aller niedrigkeit, der der weit ehrlich ins gesiebt siebt 
und eine gleiche teilnähme für hoch und gering hat? nein, dieser 
wächst auf anderem boden. jene weichliche erziehung liefert ein 
fades und ausgehöhltes , begehrliches und schlaffes wesen , das , bla- 
siert und stumpf, unbändig ist in der genuszsucht. der geist, den 
man vor der zeit aufgestört, ohne vertief ung gelassen und aller inner- 
lichkeit beraubt hat, flattert ruhelos herum an den auszenseiten der 
dinge, hascht und kann nichts ergreifen, will immer bemerken nnd 
kann nichts wahrnehmen, ist geneigt auf alles zu achten und hält 
kein einzelnes fest — sieh da, der Ursprung und zustand der toten 
kritiker, denen nichts mehr fehlt als trieb und kraft zu eignem 
schaffen und durchführen, und die nichts ernstlicher hassen als treue 
bescheidene arbeit und eignes denken, mit diesem geist anmass- 
licher Überlegenheit tritt der geputzte äffe in die schule; seine geistige 
habsucht aber zu befriedigen ist keine schule und kein mensch mehr 
im Stande; den willensmatten zur arbeitsfähigkeit zurückzuführen 



Die aufgäbe der erziohung im gymnasium. 77 

bleibt ein wenig aussicbtsvolles bemühen, aucb wenn teuer bezahlte 
privat- und bilfslehrer die anstrengungen der schule unterstützen. 

Die grosze mehrzahl unserer schüler stammt natürlich nicht aus 
solchen häusem , und wir bedauern es nicht, sie kommt vielmehr 
ans dem mittelstand , zum groszen teil auch aus classen , für welche 
schon der besuch der unteren und mittleren gymnasial stufen ein 
aufstreben über den bildungsstand der eitern hinaus bedeutet, will- 
kommen , wenn sie geistige kräfte und ernsten willen mitbringen. 
denn der staat kann eigentlich solche organe gar nicht entbehren, 
die aus eigenster lebenserfahrung heraus mit den schwachen und 
starken Seiten auch dieses teiles der Volksseele vertraut sind, um 
die unteren stände nach ihrer eigen tümlichkeit zu regieren und nach 
rechtem masz dem ganzen einzuordnen , handelt er also nur gerecht 
und klug, wenn er was wahren gehalt hat, auch aus den tieferen 
schiebten heraufzieht und in leitende Stellungen bringt, und abge- 
sehen von dem volkswirtschaftlichen und politischen Standpunkt ist 
aucb für den eigentlichen scbulzweck nichts förderlicher, als wenn 
schüler, die grosze ttuszere hindemisse zu überwinden haben , die 
Überlegenheit des geistigen über irdische beschränkungen in leben- 
diger anschaulichkeit darstellen. 

Auch bei mittlerem geistigen niveau können die eitern den 
ernst und die pflichttreue, in der sie selbst leben, ihren kindem 
überliefern , und dadurch unterstützen sie die absiebten der schule. 
ein misliches freilich tritt hier leicht dem lehrer seitens der eitern 
entgegen : da wo die eigentliche geistige thfttigkeit beginnt, wo über 
die Pensenerledigung hinaus spontane regsamkeit eintreten soll, fehlt 
diesen die rechte anschauung und sie erwarten von der schule Wir- 
kungen , die sie nicht haben kann, so lange die söhne leidlich vor- 
wftr^ kommen , geht alles gut ; wenn sie zurückbleiben , ist die Ver- 
ständigung sehr erschwert. 

Freilich finden sich in diesen lebenskreisen auch familien, in 
denen nicht der stille ernst der arbeit regiert, wo gelegentlich zu- 
fällige einnahmen in gehäuften genüssen angelegt werden, woran 
die kinder flott teilnehmen, so mag es geschehen, dasz derselbe 
qnartaner oder tertianer am freitag abend bis zwölf in der Flora, 
am Sonnabend bei Benz, am sonntag in Blankenese und nachträg- 
lich im theater anzutreffen ist, immer in begleitung der eitern, setze 
man den fall, dasz der lehrer unmittelbar darnach bei den eitern 
über Zerstreutheit und unfleisz des jungen klage führt , so erscheint 
erst die mutter. sie versichert zunächst den herrn doctor, wie sebr 
ihr söhn gerade an ihm hängt , wie er unablässig mit begeisterung 
von seinen interessanten stunden erzählt und noch gestern abend 
erklärt hat, er würde für ihn durchs feuer gehen; sodann, wie das 
ganze bauswesen, auf Wahrhaftigkeit und Sparsamkeit aufgebaut, 
sich nur um die erhaltung der Zufriedenheit des unendlich beschäf- 
tigten, äuszerst strengen vaters dreht — und um die geistigen fort- 
schritte des einzigen sohnes und dessen Schwester, die ebenfalls die 



78 Die aufgäbe der erziehung im gjmnasium. 

fremden sprachen lernt, hält man sie bei der sacbe : am Sonnabend 
hatte der junge nicht aasgeschlafen , gähnte fortwährend nnd war 
gänzlich ohne Vorbereitung, da heiszt es nach einigem zögern: 'ja, 
ausnahmsweise hatten wir am freitag ein concert besucht and nodi 
ausnahmsweiser den söhn mitgenommen ; er ist so sehr masikaliach 
veranlagt.' einige wochen später tritt der vater an: ob der aohn 
nicht noch versetzt werden könne? ähnlicher honig für den lehrer, 
ähnlich rührende Schilderung der häuslichen entsagung und zukunfts- 
sorgen, dazu andeutungen über die unbezahlbaren dienste, welche 
der ehemalige civilanwärter dem Staate leistet, endlich der nachweis, 
welcherlei aussiebten dem söhn durch zurückbleiben verloren sein 
würden, der lehrer nennt die defecte, welche die erfüllong des 
Wunsches unmöglich machen und fordert ernstliche arbeit, jetzt 
wird es mit einer vertraulichen mitteilung versucht: bis da und 
dahin war unser einziger söhn trefflich, ja wahrhaft musterhaft; 
freilich, als er in die schlechte gesellschaft der mitscbüler C. nnd P. 
geraten war , die schadeten , jetzt aber ist diesen das haus verboten, 
nach einigem zögern: der herr Ordinarius Z. ist auch an vielem 
schuld. 

Hat man dem menschen auf letzteres hin mit oder ohne glimpf 
die thür gewiesen, so kommen trotzdem nach einem halben jähr beide 
eitern nach einander wieder behufs der Versetzung und versidiera, 
wenn sie erfolgt sein würde, ewige treue, anhäoglichkeit und dank- 
barkeit des schülers und der eitern, trägt nun der junge die nene 
mutze und unterrichtet man nicht in der folgenden classe, so wird 
man, wenn er einem demnächst mit dem vater zusammen auf der 
strasze begegnet, in der regel richtig vermuten, dasz er einen nicht 
mehr kennt, dies hindert aber nicht, dasz das eiternpaar zwei jähre 
später frisch auf der bühne erscheint und die scenen der eraten Vor- 
stellung wort für wort wieder aufführt, nachdem es in den dazwiadwn 
liegenden Semestern dem jedesmal besuchten Ordinarius im tiefisten 
vertrauen den anfangs so heisz geliebten und am ende in ewigkeit 
zu verehrenden doctor als den gewissenlosen Urheber der miserfolge 
des sohnes denunciert hat. 

Mit eitern, die auf diesem niveau sittlicher bildong stehen, 
mögen sie auch in kleidern und selbst in werten die formen des ge- 
bildeten daseins nachahmen, ist eine Verständigung über das, was 
das gymnasium will und soll, schlechthin unmöglich, der knabe, 
der in einer dem leben der schule so widerwärtigen atmosphire 
heranwächst, verdient das lebhafteste mitgefühl. es ist zu versuchen« 
so lange er der schulgemeinde angehört, ihn auf jede weise empor- 
zurichten und ihm halt zu geben; dem lehrer aber gestatte man auch 
in diesem fall, maszregeln aller art so zu treffen, dasz er auf irgend- 
welche mitwirkung des häuslichen kreises verzichtet 

Bei alledem bleibt es für die schule feststehende Voraussetzung : 
alle erziehung bat ihre wurzeln in der rechtschaffenen familie. eine 
solche setzen wir im verkehr mit dem schüler voraus und auf diese 



Die aufgäbe der erziehung im gymnasium. 79 

lein beziehen wir uns. welcher abfall von der idee uns in der wirk- 
shkeit vorkommen mag, darüber haben wir mit dem schüler nicht 
i verhandeln, wir halten uns an die idee, glauben dadurch den 
ihüler an unserem teil zu einem guten söhn und treuen familien- 
ied zu erziehen , dasz wir die ehrfurcht für das wesen der familie 
s solche in seinem herzen befestigen und bei sich entwickelndem 
tellect mehr und mehr ausbreiten und vertiefen, dazu fordert 
iser beruf fortwährend auf. allerlei erste tugenden , die wir vom 
laben fordern, etwa die, welche sich in reinlichkeit seiner person 
id Ordnungsliebe in seinen Sachen bethfttigt, werden durch die be- 
ifung auf das eltemhaus zu befördern sein , und es ist vielleicht 
cht die unwirksamste weise, noch in prima, wenn das classen- 
mmer unordentlich aussieht, zu fragen: was würde Ihre mutter 
erzu sagen? aller Unterricht, der den geschichtlichen und idealen 
enschen zum gegenständ hat, führt von allen Seiten dabin, das 
esen der familie zu beachten, das wort muttersprache und vater- 
nd und jenes erste gebot , das verheiszung hat , stehen in der vor- 
Jle; wenn dann unser lateinvon filius zu pater, mater und parentes 
)rgedrungen ist , haben wir bereits den gehalt der idealen familie 
reicher manig faltigkeit umschrieben : die thätigkeit, strenge und 
jrechtigkeit des vaters, die liebe und sorge der mutter, die treue 
ir eitern , gehorsam und pietät der kinder. und ist der Unterricht 
m anbeginn an mit der familie verknüpft, die fäden reiszen nie ab, 
Q werden zu immer dichterem gewebe; überall beschäftigt uns 
ese erste form menschlicher gemeinschaft, in manchen verfassungs- 
)schichten direct, bei darstellung anderer staatlicher formen wenig- 
ens als zugänglichstes mittel der veranschaulichung. vollends in 
iT poesie gibt es kaum ein gebiet, wo dieses nemliche grosze thema 
cht anklingt, so viele, wo es herscht, in Iphigenie z. b. und Anti- 
me und Hermann und Dorothea. Goethe erzählt, er habe den 
Isten, denen er sein epos zuerst las, thränen ins äuge gelockt, das- 
Ibe gefühl überwältigte einst den director in E. beim lesen in der 
asse, einen mann voll männlicher kraft und von affectation weit, 
eit fem. primaner, die zeugen dieser bewegung waren, erinnerten 
zh nach mehr als einem Jahrzehnt, welchen eindruck ihnen das ge- 
acht habe, wie lieb der mann seine mutter haben müsse. 

Gar nicht zu billigen und kaum zu begreifen sind dagegen die 
underlichen einfalle derer, die der sache der erziehung damit zu 
enen meinten, wenn sie auf irgend welche künstliche veranstaltun- 
in sannen, das publicum an die schule heranzuziehen ; sie scheinen 
3h vorzustellen, sie könnten diese belua centum capitum durch ge- 
^entliche conversation oder belehrung auch noch irgendwie er- 
•"hen. wir wollen uns begnügen, unseren Schülern das zu sein, was 
ir ihnen sein sollen und sein können, dazu ist nötig, dasz wir fest 
if uns selbst stehen und festhalten an dem einfach rechten , unbe- 
3gt von dem wind, der um uns herum wehen mag. je reiner und 
icher der begriff ist, den wir von der bestimmung der familie in 



80 Die aufgäbe der erziehang im gymnasinm. 

uns tragen, um so zuverlässiger werden wir nicht nur jedes einielne 
baus in allem guten unterstützen, sondern aucb an unserem beachei* 
denen teil dem Vaterland den segen edeln familienlebens erhalteii. 
gewfthrt uns der beruf anlasz, edeln eitern näher zu treten, so sind 
wir dem geschick dankbar; um uns aber die idee der familie nicht 
über not zu verkümmern, tbun wir wohl, wenn wir von der actnellen 
thorbeit und gemeinheit anderer nicht zu viel notiz nehmen. 

Also, die summe wäre: 

Der lehrer steht nach amtspflicht allen eitern zu geböte , wenn 
sie auskunft oder rat von ihm begehren. 

Sein zusammenwirken mit dem haus bethfttigt er auf geistigem 
wege dadurch , dasz er sinn und Verständnis für die idee der familie 
in ihrer reinheit aufschlieszt und die ehrfurcht vor dieser befestigt. 

Im übrigen hält er sich zurück, denn ein mehr verspricht wenig 
erfolg, bei einem zuviel bezahlt er mit seiner person und beein- 
trächtigt seine Wirksamkeit. — 

Zum schlusz ein wort über eine frage, die sich heute dem gjm* 
nasiallehrer, quem rodunt omnes, aufdrängt: warum ist man gerade 
gegen uns so feindselig? der soldat wird härter behandelt als der 
Schüler, und die richter strafen nicht glimpflicher aU wir. wir plagen 
uns nicht weniger als jene beiden stände und haben weder auf der 
Schulbank hinten gesessen, noch sind wir in den kämpfen der Uni- 
versität hintenan gestanden, warum weisz gerade von uns jeder- 
mann übles zu reden ? 

Wir dürfen doch wohl mit einigem stolz sagen: weil unsere 
aufgäbe die schwerere ist, weil wir die feinsten geistigen agencien 
anzuwenden haben und diese weder in hartgesottene delinquenten 
noch in das derbe alter des commisses hineinarbeiten. 

Es gibt zwei arten von ein Wirkung auf menschen, von denen 
die eine nur auf das äuszere tbun und lassen gerichtet ist. von den 
persönlichen beziehungen, von der inneren weit des menschen kann 
und musz der of6cier absehen , Soldaten werden nicht um ihrer un- 
sterblichen Seele willen ausgebildet, desgleichen vor dem gesets, 
vor dem richter gelten alle als gleich ; auch hier liegt das im bereicli 
der möglicbkeit, denn es wird über äuszere handlungen gerichtet| 
nicht über innere Vorgänge. 

Aber ein edles volk kann das beste, wozu es geschaffen, nicht 
entfalten y wenn dieses formalistische princip einseitig oder allein 
berscht. hierüber belehrt die römische geschichte im gegensats tar 
griechischen, in Rom sind 'härte, Sorglosigkeit, trägbeit die attri- 
bute des einzelnen , der nur dadurch eine edlere haltung bekommt, 
dasz der ganze Charakter und das pnncip des Staates untadelhafte 
formen des äuszeren erscheinens verlangt', in Griechenland dagegen 
ist die bedeutung der geistigen persönlichkeit das durchschlagende, 
und kann man von Christentum sprechen und zugleich die würde 
der einzelseele vergessen? 

Unsere aufgäbe steht zu jenen harten aufgaben des staatesi 



Die aufgäbe der erziehung im gymnasium. 81 

deren träger naturgemäsz in der harten Wirklichkeit den vorrang 
behaupten, in scharfem gegensatz. zu uns bringt man kinder, mäd- 
chenhafte und wilde, gutartige und bösartige, regsame und träge 
and mit all den trieben, die oben geschildert sind, die eitern sehen 
in jedem derselben ein unvergleichliches etwas, das ein recht habe, 
nach seiner art genommen zu werden, auch die behörde ruft uns 
zu: individualisiert, pflanzt christliche gesinnung. was will dies? 
doch wohl : nehmt rücksicht auf die besonderen kräfte und schranken 
der einzelnatur, nicht auf Unvermögen , auf trübung des Verstandes 
und willens; wisset, dasz die aufgäbe nicht ohne rest aufgeht, und 
dasz es dabei nicht nur des treibers und richters bedarf, sondern 
auch des Seelsorgers und freundes, der aufrichtet und ermuntert; 
habt geduld, seid menschen, nicht frohnvögte. 

Kommt aber der tag der abrechnung, dann werden gleiche lei- 
stungen verlangt, die Ziegelsteine müssen gebrannt sein, das persön- 
liche moment ist aus dem gesichtskreis verschwunden, oder noch 
schlimmer: es gilt nicht, insofern es lehrern und schalern zu gute 
kommen könnte, aber es lastet, sofern zufällige und persönliche 
neigungen und anschauungen des aufsichtsbeamten als forderungen 
hervortreten, die Schwierigkeit liegt in der sache, sie läszt sich nicht 
aus der weit schaffen; wir lehrer machen es ähnlich mit den Schülern, 
aber der druck wird gemildert in dem masze, als der lehrer selb- 
ständig gelassen und nicht von oben bedrängt wird , sondern' unter 
anrechnung der individuellen Verhältnisse beurteilt wird. 

Welche norm können wir finden, die dem lehrer und dem 
Schüler eine erträgliche ezistenz sichert? vielleicht eine allgemein 
menschliche, die durch den begriff der nächstenliebe umschrieben 
wird: beurteile dich und deine handlungen so, dasz das reine ziel 
(Matth. 5,42) vorgesetzt bleibt, den anderen aber lasz zu gute kom- 
men, dasz du die schranken seiner existenz in die rechnung mit ein- 
stellst , denn letzteres thust du bei dir von selbst, liegt aber die 
nächstenliebe nicht in deiner naturanlage , so sei um so mehr ein- 
gedenk der forderung der gerech tigkeit: habe achtung vor der 
andersartigen persönlich keit, wolle sie nicht vernichten, indem du 
sie mit härte nach deinem masze missest und zu deiner art zwingest; 
denn es gibt keine geistige bildung und Wirkung ohne die persön- 
lichkeit. 

Das leben besteht in dem durcheinanderwogen der animalischen, 
affectiven und geistigen demente, auf ihrer mischung beruht die 
kraft und fülle des lebens , wofür Shakespeare das eminenteste bei- 
spiel abgibt, der natur entspricht, dasz in der Jugend das TTdOoc 
vorwiegt, im mann soll das fjOoc herschen. jenes, die natürlichen 
und persönlichen triebe ausdrückend, läszt sich nicht vernichten, 
und soll es auch nicht, wir müsten denn an heilige glauben; es 
stecken ingredienzien darin, die wir zum erdenleben notwendig 
brauchen, der ehrtrieb z. b. , ein irdisches kleid zwar, ohne das wir 
aber in der erdenluft nicht dauern können, und das fjOoc, geist und 

N. j«hTb..f. phil.n. p&d. II. «bt. 1892 hH. 2. 6 



82 Über coloniBation bei den alten Hellenen. 

liebe, soll zwar herseben ; wer aber sein ansschlieszliohes Torliaiiden- 
sein unter sterblichen menseben prftsnmiert, ist des Pharisiertiin» 
verdächtig, sollte Augustin in diesem sinne von seinem sur rohe 
gekommenen herzen gesprochen haben, die erschöpfong wftre ans 
seinem vorleben begreiflich; Paulus aber und Luther, LesaiDg und 
Stein, alle männlichen seelen protestieren, und Schiller vemriaUt 
mit flammendem zom diesen Werderblichen misbrauch, der von dem 
ideal der Vollkommenheit gemacht wird'. 

Altona. Fr. Bbuteb. 



(3.) 

ÜBER COLONISATION BEI DEN ALTEN HELLENEN. 

(fortsetsang.) 



In der geschiebte der griechischen colonisation bei den grO«ere& 
Städten, die als centren der bewegung hervortraten, dürften ai^ 
zwei Perioden der aussendung nachweisen lassen, durch die ersten 
anlagen mochte dem socialen bedürfnis für einige zeit gentkgi eein 
und ein stillstand trat ein. eine anzahl grOszerer kriege, worin vide 
Staaten verwickelt waren, wie die messenischen, lydischen, die laliB- 
tischen auf Euböa nahmen die heimischen kräfte eine seit lang in 
anspruch, worauf abermalige aussendung von colonien, meist wohl 
aus der mittleren und unteren volksclasse, erfolgte, dies findet seine 
analogie in der geschichte der modernen Völker, eine erste epocbe 
der colonisation im mittelalter bildeten die kreuzzttge, zu einer seit, 
wo die agricultur nicht mehr ausreichte, die geldwirtschaft noch nioht 
genügend entwickelt war. diese züge erfolgten nach Syrien, Griechoi- 
land und dem baltischen norden, sie gaben dem feudalen erbadel ge- 
legenheit zur ausstattung seiner jüngeren und überflüssigen gliedert 
wobei auch viel niederes volk seine rechnung fand, das den glflckt- 
rittem auf ihrer fahrt sich anscblosz. dann war dem wirtschaftlichoi 
bedürfnis fürs erste genügt uiid es trat eine pause ein, in welcher die 
abendländische ritterscbaft durch grosze einheimische kriege beschif* 
tigt ward, dahin gehören die englisch-französischen, spanisch «maori- 
schen, schweizerisch- burgundischen, die polnisch-preuszischen, die 
Hussiten und endlich die Türkenkriege, als alle diese kämpfe am ende 
des fünfzehnten Jahrhunderts zu einem ende oder zum stillstand ge* 
kommen waren, suchten die müszigen kräfte anderweitige bethfttigong 
und es warf sich ein ström überschüssigen lebens aus dem abend- 
land in den neuentdeckten continent. die germanischen colonien in 
Nordamerika wurden von solchen gegründet, die sich einer religiösen 
oder politischen Verfolgung entzogen, meist leute, die aus dem 
mittelstande hervorgiengen. die romanischen colonien im süden 
wurden vom niederen adel, hauptleuten, Soldaten, abenteurem und 



über colonisation bei den alten Hellenen. 83 

dem Yolk der unteren classen besiedelt, dies mag uns eine vorstel- 
Inng geben, wie es bei den griecbiscben ansiedelangen in der ersten 
und zweiten epocbe zngieng. 

Vor allen stttdten in Hellas ragten drei durch ihre beteiligung 
an der colonisatorischen thätigkeit hervor. Milet, die königln der 
ionischen stSdte, war eine kaufmannsstadt , wo der gegensatz einer 
überreichen plutokratie von speculacten und schiffsberm, der herren 
*immer zu schiff' mit einer groszen, cravallsüchtigen Fabrik- und 
arbeiterbevölkerung reichlichen anlasz zur aussendung von pflanz- 
städten geben mochte; sie soll 80 städte entsendet haben, freilich 
nicht alle aus dem schosz der eignen bevölkerung, es war eben der 
hafen , wo sich auswanderer von nah und fem zu gemeinsamer ab- 
fEJirt sammelten. 

Strabo sagt, viele werke der Milesier seien grosz und herlich, 
doch am bewunderungswürdigsten seine colonien, womit es alle ge- 
stade des schwarzen meeres umsäumte, der Pontus bildete die ver- 
mittelung zwischen der hellenischen culturwelt und den barbaren- 
ländem des nordenS; wo sich die handelswege des kaufmanns bis 
zum goldreichen Ural und den fundorten des bemsteins erstreckten, 
während auf dem östlichen ufer in Dioscurias der warenzug mfin- 
dete, der die indischen schätze auf dem landwege zum abendlande 
führte, unter unsäglichen Wagnissen und gefahren hat der handel 
der Milesier sich bahn gebrochen, ihre colonien schlössen einen 
kränz von Sinope im Süden bis Pantekapeon Eertsch auf der Krim 
und Tanais an der mündung des Don im norden. Olbia an der mün- 
düng des Dnjepre hatte seinen namen von der segensfülle, die ihm 
zuströmte, Apollonia am westufer erfreute sich eines solchen handels- 
flors, dasz es auf ein bild seines schutzgottes 500 talente silber 
verwenden konnte, reichen gewinn lohnte der Umsatz aller erzeug- 
nisso der industrie gegen die fülle der rohproducte, die das barbaren- 
land billig gewährte, holz, kom, flachs und hanf, metalle aller art, 
feile , pech , wachs , honig und was sonst die nordischen Waldungen 
lieferten, auch die delicatessen des fischmarktes, wie caviar, waren 
in fülle vorhanden, wogegen die Skythen sich bald an den genusz 
der griechischen weine und an den gebrauch des Öls gewöhnten, die 
Krim mit Theodosia wurde der ausgangspunkt des kornhandels. der 
Sklavenhandel wurde in den Pontusländern besonders grchwungvoll 
betrieben, die städte an der südküste profitierten vom fang der 
thunfische , wofür eigne warten an der küste errichtet waren , und 
der für sie vorzugsweise die quelle ihres reichtums geworden ist. 
auch in Ägypten, dem lande uralter cultur und priesterweisheit, er- 
langten die ionischen kaufleute den lange verwehrten Zugang, seit 
königPsammetich, der griechischen sÖldner bedürftig, ihnen handeis- 
platze im Nildelta gewährte, hier gründeten sie in befestigten quar- 
tie ren gleich den Hanseaten des mittelalters ihre factoreien, von wo 
sie weit reichende handelsverbindungen pflogen, die bis in das innere 
des continents und bis zum fernen Indien reichten, um von den 



84 Über colonisation bei den alten Hellenen. 

exportartikeln nur eins hervorznbeben , der ägyptische papyroe 
lieferte jetzt ein billiges and bequemes scbreibmateria), desaen man 
früher ermangelte, das schriftwesen, dem die Hellenen als ein Tolk 
des Bingens und sagens nur langsam sich zuwendeten, kam dadnrch 
zur allgemeinen Verbreitung, die poesie mag ohne schreiberei ge- 
deihen, die prosa vermag es nicht Eadmos von Milet galt den alten 
als der ftl teste Prosaschriftsteller, in der stadt am Meander, der 
pflegerin kaufmännischer und philosophischer speculation, scheint 
demnach die mündigkeit des verstandös erwacht zu sein, die ihn be- 
fähigte, die dinge nach ihrer Wahrheit anzuschauen und sn begreifen 
und die eignen gedanken in streng logischer Verknüpfung sa ordnen. 

Was Milet unter den ionischen städten im osten geworden ist, 
das war im westen im alten heimatlande der lonier ChalUs auf Eoböa, 
die Stadt an der schmalen meerenge des Euripos, blühend dnrch 
ackerbau, Schiffahrt und uralten kupfer- und eisenbetrieb, hier 
herschte damals ein reisiger adel, lieblinge ApoUons, dem achwert- 
kampf wie dem Musendienst eifrig ergeben, sie lenkten ihre scbiffD 
in gewagter meerfahrt am frühesten zu den fernsten zielen , za den 
küsten Italiens, wo sie schon in Homerischer zeit den Umtausch tob 
eisen und kupfer besorgten. 

Der golf von Neapel empfieng sie als ein stück griechiseher 
landschaft. am fusz des Vesuves siedelten sie sich an, in Kjme nnd 
NeapoliSy wie am Äüia in Naxos, Eatana, Leontinoi. und die meer- 
enge Siciliens, welche das bild des heimischen Euripos wiederholte, 
hüteten ihre städte Messana auf sicilischem , Begium auf italischem 
ufer. auf der breiten halbinsel an der macedonischen kflste, die mit 
ihren drei zinken wie ein dreizack Poseidons in das ägäische meer 
vorspringt, gründeten sie städte, einige 30 an der zahl, die dnrch 
rührige betriebsamkeit in ackerbau und eisenindustrie sich henror- 
thaten und der ganzen halbinsel den namen Chalkidike gaben, alle 
diese colonien hatten gleichartige Verfassung und erfreuten sich einer 
guten inneren Ordnung, da die gesetze des Charondas aus Katana 
um 600 vor Ch. , welche viele städte in Unteritalien angenommen 
hatten, auch auf die thrakischen übertragen wurden, sie seichneten 
sich durch altvaterische strenge und zucht im öffentlichen wie im 
Privatleben aus. daher sprachen die alten von einer chalkidischen 
art, die als eine nüancierung innerhalb des lonismus sich darstellt 
und mit der geistigen beweglichkeit aller stammgenossen grösseren 
ernst und sittlichen halt in glücklicher mischung verband. 

Am Isthmus, der länderverbindenden brücke zwischen demPelo- 
ponnes und dem mittleren Hellas, lag Rorinth, ein kreuznngspnnkt 
der wichtigsten land-und wasserstrasze, und daher von dernatnrsum 
handel bestimmt, das Venedig der griechischen weit, gleich der 
lagunenstadt, entbehrte sie eines genügenden landbesitzes, nnd warde 
dadurch, auf die beherschung der see hingewiesen, die reichste der 
städte , wo Orient und occident ihren verkehr austauschten, gleich 
Venedig hatte Korinth einen kaufmännisch gearteten adel, der eine 



über colonisation bei den alten Hellenen. 85 

klug berecbnete siaatsordnang erhielt, sorgfältige durchbildung des 
geldwesens und der finanzpolitik , betrieb es den schi£Esbau und die 
pflege der schönen künste, und, wie Venedig, hat es sich die gestade 
des adriatischen meeres mit ihren inseln und buchten zu eigen gemacht. 
Eorcyra (Corfu) wurde als knotenpunkt des Verkehrs zwischen adria- 
tischem und ionischem meer wie zwischen Griechenland und Italien 
zum Stützpunkt weiterer Unternehmungen gemacht, südwärts und 
nordwärts bis zur illjrischen küste entstanden mit sorgföltiger wähl 
des ortes an meerbusen, Vorgebirgen und inseln pflanzstädte wie 
Actium, Ambrakia, ApoUonia und Leukas, das durch einen durch- 
stich vom festlande getrennt und zur insel gemacht war« so wurden 
hier die meeres wege geregelt, landstrecken gebahnt und der schiff- 
fahrt durch canäle und signalstationen ihre sichere bahn gewiesen, 
und allen diesen besitz' faszte die mutterstadt zu einem colonialreich 
mit festen rechtsordnungen und einheitlicher münzprägung zusam- 
men, auf der Chalkidike gründete sie an dem Isthmus der halbinsel 
Pallene , also in einer läge , welche ihrer eignen sehr ähnlich sah, 
Potidea, die Stadt des Poseidon, bald die bedeutendste unter den 
Städten der ganzen halbinsel. ebenso lieszen die Eorinther sich in 
chalkidischem colonialgebiet auf Sicilien nieder, wo sie nur eine 
Stadt anlegten, doch die perle der insel und nicht selten ihr haupt. 
Sjracus, welche Pindar preist als die herliche stadt, des Ares 
heiligtum, schnellfüsziger rosse und eisenliebender männer göttliche 
pflegerin. 

Was Athen im kreise der ionischen stammesgenossen für den osten 
war, das wurde Syracus im westlichen colonialgebiet als chorführerin 
der dorischen städte. mit einem landgebiet, das dem attischen an 
grösze gleichkam, zu zelten es noch übertraf, vereinigte es eine 
Seemacht, die auf herschaft in den italischen gewässern anspruch 
erbeben durfte, wie Athen für die freiheit der östlichen colonien 
gegen die angriffe der Perser eintrat, so hielt Syracus schirmend den 
Schild über die sikeliotischen Griechen gegen den karthagischen erb- 
feind. an demselben tage, wo die Athener die glorreiche schlacht 
von Salamis schlugen, hat Gelon von Syracus, den sieg der Hellenen 
über barbaren vervollständigend, ein karthagisches landungsheer 
bei Himera zu paaren getrieben, auf den erfolg der waffen drückte 
er das Siegel der humanilät, indem er den besiegten die Verpflichtung 
auflegte, sich fortan der menschenopfer enthalten zu sollen, unmittel- 
bar darauf hatte Syracus gleichzeitig mit Athen sein Perikleisches 
Zeitalter, wo die stadt des Ares auch als Musensitz glänzte und für 
die edelsten geister fern und nah eine anziehungskraft hesasz. könig 
Hieron hatte ein eifriges Interesse an den Wissenschaften und übte 
selber die dichtkunst. Pindar und andere berühmte lyrische dichter 
unterhielten intime beziehungen zu dem fürsten und unterlieszen 
nicht , ihm und seinem aufblühenden staat den tribut ihrer huldi- 
gungen zu weihen. Aeschylus fand hier gastliche aufnähme und die 
anerkennung, die er in Athen schmerzlich entbehrte, das drama er-. 



86 Über colonisation bei den alten Hellenen. 

freute sieb überhaupt sorgfSltiger pflege, ein festes theater ward« 
errichtet, hier entfaltete Epicharmos als lustspieldichter sein glin- 
zendes.talent in feiner Charakterzeichnung, gleichzeitig wurden rfae- 
torik, Philosophie, mathematik und medicin mit eifer betrieboL 
die Prachtbauten der Stadt, welche cultus und luxos ins leben riefen, 
wie die Schönheit der münzen, die zum teil numismatische meisier- 
werke sind , bezeugen den gediegenen geschmack , der im grosien 
und kleinen die künstlerische technik beherschte. so wnrde Sjracos 
der Yorort der ganzen inseln , deren materielle und geistige krifte 
es an sich zog , um sie zu reicherer blute zu steigern , fthnlich wie 
Athen als ein leitendes culturcentrum für den osten henrortrat. es 
wollte der unstem von Hellas, dasz beide st&dte, die segenareieh 
neben einander wirken konnten, in feindliche Verwickelung mit ein- 
ander gerieten, als Athens Streitkräfte im peloponnesisehen krieg 
vor Syracus erlagen , da war sein stürz und mit ihm der niedergang 
des hellenischen lebens entschieden, wiederum wurde der kämpf 
der beiden groszmächte Rom und Karthago um den besitz Sicilieas 
vor den mauern von Syracus ausgefochten und mit seinem &U der 
römischen weltherschaft die wege gebahnt, von dem beaits dieeer 
Stadt schien eben die herschaft über Sicilien und von dieser die be- 
herschung des Mittelmeeres abhängig zu sein, übrigens hat sieh 
Korinth dieser seiner tochterstadt stets hilfreich angenommen, als 
Syracus durch innere parteikämpfe zerrüttet und verödet war, führte 
der Korinther Timoleon (344) , unterstützt durch einen zuzog von 
Leukas und Korcyra , gleichfalls korinthische pflanzungen , ihr eine 
neue ansiedlung zu und stellte eine bessere, staatliche Ordnung her. 
hierfür wurde der beirat von korinthischen gesandten erbeten und 
die pietätvolle dankbar keit der Syracusaner sprach sich in dem volks- 
beschlusz aus, dasz man bei jedem künftigen kriegszage sich einen 
Strategen aus Korinth erbitten wolle : Vorgänge , die wohl geeignet 
sind, das enge Verhältnis, welches nach griechischer anschaanag 
mutter- und tochterstadt mit einander verbinden sollte, ansohaalif^ 
zu machen. 

Neben diesen mctropolen entfalteten auch kleinere städte eine 
rührige thätigkeit. auch das kleine Megara hatte seine zeit , wo es 
colonien entsendete und that einen glücklichen griff, da es Bjzans 
gründete, die wächterin am goldenen hom, und ihm gegenüber am 
asiatischen ufer Chalkedon. bald wurde Byzanz eine der reichsten 
Städte, da die pontische küstenströmung schwärme von thunfischen 
gerade in seinen hafen hineinführte, im Süden erstand am saome 
der lybischen wüste, doch auf fruchtbarer terrasse, Kyrene mit dem 
gebiet seiner fünf städte. Battos von Thera hatte sich hier naoh 
orientalischer sitte eine königsmacht eingerichtet und die stadt er* 
blühte bald zu erstaunlicher Wohlfahrt und kriegerischer macht, die 
ihm auch bei den nachbarn achtung verschaffte. Spartas ausge- 
stoszene söhne, die Parthenier, zogen zu dem fernen Japygien, wo 
am purpurreichen Strand und schafreicher trifft Tarent als reiche 



über oolonisation bei den alten Hellenen. 87 

bandeis- und Industriestadt erstand, die jedocb in der fülle des 
reicbtams allzu scbnell der doriseben art sieb entäuszerte. die Bbo- 
dier trieb es zur südküste von Sicilien bin, wo auf bobem ufer Agri- 
gent mit colossalen pracbtbauten entstand, die Pbokeer entflohen 
Yor der lydiscben berscbaft vom ioniscben strande, und sie waren 
die ersten, die auf langen fünfzigruderem , wie kühne Wikinger, 
bald bandel treibend, bald als piraten die äuszersten winkel des 
adriatischen und des westlichen meeres durchforschten, an der gal- 
lischen küste erbauten sie an einem bafen, der dem von Phokäa auf- 
fallend ähnlich ist, Massilia (Marseille) mit bochgetürmter akropole, 
das sich bald mit einem kränz blühender tochterstädte umgab und 
seine bandelslinien durch das keltische land bis zum hohen norden 
in die länder des bemsteins hinzog. Pbokeer, Bbodier, Samier wett- 
eiferten mit ansiedelungen im fernen Tartessos bis zu den säulen 
des Herakles und enthoben den dortigen silberminen fabelhafte 
scbfttze. Spanien wurde das Peru und Eldorado in dieser zeit über- 
seeischer entdeckungen und die sage von den goldenen ftpfeln der 
Hesperiden im abendlande ist damals den Griechen zur geschicht- 
lichen Wahrheit geworden, nur die steme erster grösze sind hier 
genannt, wer beschreibt das gewimmel der kleineren, deren namen 
oft nur durch eine flüchtige notiz oder durch eine trümmerhafte in- 
Schrift bekannt ist, und wer erzählt uns die abenteuer jener conqui- 
stadores, die im ersten anlauf oft genug scheitern mochten, bis stete 
beharrlichkeit zuletzt doch alle hindernisse bezwingend zum er- 
wünschten ziele führte, genug, die gestade des mittelländischen 
meeres und des Pontus waren fast überall von hellenischen ansied- 
lem besucht und besetzt, bis tief ins binnenland drang mit dem 
bandel spräche, schrift und sitte der Hellenen vor und misch Völker 
bildeten sich von barbaren und Griechen, die alten heroen und götter 
folgten den menschen zu den neuen altären , deren feuer, mit einem 
brande vom heimischen herd entzündet, die übertragene lebenskraft 
symbolisch bezeichnet. Herakles, der überall thätige, kann geradezu 
als repräsentant der sich bahnbrechenden hellenischen civilisation 
gelten, zu diesem Schutzpatron der gjmnastik gesellt sich Apollo 
mit dem segen des sanges und der musik. seine leier, sein dreifusz 
findet sich nicht selten auf den münzen der städte und ihrer viele 
tragen den namen des gottes, der durch Orakelspruch und wirksame 
beihilfe die seefahrt zu glücklichem ziele führt, nicht ohne religiöse 
weihe hat sich die ganze bewegung vollzogen. 

Am dichtesten und vollständigsten war die colonisation in Sici- 
lien und Unteritalien gelungen, wo nicht blosz die küstensäume, son- 
dern auch das innere der halbinsel mit griechischem leben erfüllt ward, 
die ansiedier im osten mieden die umseglung der südspitze und zogen 
ihre landstraszen über den Apennin zur westlichen küste , wo neue 
emporien entstanden, so dasz das ganze innere gebiet als hellenisches 
culturland gelten konnte. Groszgriechenland nannte man dies ganze 
colonialgebiet. wie das asiatische colonialland im osten war es dem 



88 Über colouisatiou bei den alten Hellenen. 

mutterlande im westen als ein flflgelpaar beigegeben, welches 11 
zum höheren schwunge des lebens verhalf, colonien eilen dem muttar- 
lande in der entwicklung voran, ist ein bekannter erfahningsnti 
und er findet seine bestätigung an diesen groszen griechischen pflaa- 
Zungen, deren bevölkerung einen feinen, spfirkrftftigen sinn mit 
praktischer geschicklichkeit verband, sie hatten den vorteil, dass 
sie aus dem althellenischen mutterlande in verhftltnismftszig frflher 
zeit, mithin noch aus einfachen zuständen hervorgiengen , die aie 
selber als agriculturstaaten längere zeit festhalten konnten, wShraid 
die colonien am Pontus und im westen von ihren asiatischen mntter* 
Städten, die selber abgeleitete pflanzungen waren, weniger ursprflng- 
liehe frische mitbrachten, in weiter entfemung von der heimat in 
sporadischer anläge am säume eines barbarischen hinterlandee, tot- 
zugs weise zu commerciellen zwecken begründet, könnten sie sich 
nicht zur culturhöhe des hellenischen lebens erheben. 

Die folgen dieser umfassenden und unausgesetzt betriebenen 
colonisation musten überaus manigfaltig für die verschiedensten 
lebensgebiete sein, sie entsprachen den anlassen, aus denen sie ber^ 
vorgiengen, die teils politischer, teils socialer natur waren, wozu end- 
lich vielseitige rückwirkungen auf das geistige und allgemeine coltiir- 
leben hinzukamen, die coloniegründungen hatten zunächst doi 
zweck gehabt, durch aussendung der unzufriedenen volksclassen die 
herschaft des adels zu sichern, und dieser wurde anfangs für längere 
zeit erreicht, doch zuletzt schlug dies mittel in das gegenteil der 
beabsichtigten Wirkung um. gerade das bürgertum war es, das ans 
der Verbindung mit den colonien neue kraft schöpfte, die vermeb- 
rung des handeis führte zu gröszerer Wohlfahrt und erhöhtem selbst- 
bewustsein der unteren classen auch im mutterlande, trotz der 
anfänglichen Verminderung gewannen sie in den neu eröffneten lebens- 
Verhältnissen zusehends an tücbtigkeit, energie und politischer bil- 
düng, die reisen und geschäftlichen Unternehmungen des kanfmanns 
wurden für ihn eine schule des Charakters und der bildang nnd 
gaben ihm ein Selbstgefühl, das hinter dem des adligen mannes nicht 
zurückstand, ja noch mehr berechtigt erschien, weil es in selbst- 
erworbener tücbtigkeit begründet war. der politische geist in den 
colonien entfaltete sich fast überall in demokratischer richtung. die 
individuen standen hier freier zu einander, alle kamen hier mit den- 
selben rechten und ansprüchen und ein jeder ward nur nach dem, 
was er leistete und wirkte, geschätzt, so wurde der einzelne der 
Schöpfer seiner existenz , der schmied seines eignen glucks und trat 
allen anderen in freier concurrenz mit anforderungen entgegen, wie 
sie ihm seine bedürfnisse oder die energie seines strebens als ge- 
rechtfertigt erscheinen lieszen. alte gewohnheiten, Standesvorrechte 
und verurteile hatten sie hinter sich gelassen, ein neues leben ohne 
alle geschichtlichen Voraussetzungen muste begonnen werden, statt 
der mancherlei rechtsanschauungen, welche die einwanderer ans ver- 
schiedenen gegenden mitbrachten, muste ein neues, einheitliches 



über colonieaüoii bei den alten Hellenen. 89 

recht ersteben, welches die ansprüche aller auf gleiches recht mög- 
lichst befriedigte, der adel liebt das ungeschriebene gewohnheits- 
recht, das ihm eine Überlegenheit über die anderen classen der ge- 
sellschaft gewährte, er hielt es als eine stütze seines ansehens fest, 
und in Sparta, dem aristokratischen musterstaat, bestand ein gesetz, 
welches die aufzeichnnng der gesetze geradezu verbot, der bürger- 
stand war dem überlieferten herkommen weniger zugethan , als der 
adel, und verlangte vielmehr eine rationelle , den jeweiligen bedürf- 
nissen sich anschlieszende durchbildung aller lebensverhältnisse. das 
herkommen als solches wurde weniger respectiert, als die ftuszere 
zweckmSszigkeit. das gewohnheitsrecht sollte durch ein geschriebe- 
nes, das standesrecht durch ein allgemeines bürgerliches ersetzt 
werden, die klare , bündige fixierung aller rechtsverhältnisse wird 
als die wesentlichste -garantie für das wirtschaftliche und politische 
wohl erstrebt, das letzte ergebnis war der begriff eines naturrechts, 
das gegen das bestehende historische recht angerufen ward und zu 
bürgerlicher gleichheit drängte, es war also natürlich, dasz in den 
colonien zuerst geschriebene gesetze aufkamen , die für das bürger- 
liche leben einen festen rechtsboden schufen und dem einzelnen ge- 
sicherten rechtsschutz gewährten. Zaleukos in der unteritalischen 
Stadt Lokroi (650 a. Ch.) führte diese wichtige neuerung ein, was 
alsbald nachahmung im mutterlande wie in AÜien fand, wo Drakon 
die ersten geschriebenen gesetze um 620 verfaszte. die politische 
bewegung war hiermit in flusz gekommen und konnte nicht wieder 
zum stillstand gebracht werden, der bruch mit den alten formen war 
nicht mehr aufzuhalten und neue Verfassungen von demokratischer 
art traten ins leben, die dem bedürfnis nach freier bewegung und 
allgemeiner Wohlfahrt besser genügen sollten, das politische leben 
durchläuft eben in den colonien schneller alle Stadien der entwick- 
Inng j da eine feste Überlieferung aus alter zeit fehlt und die über- 
kommene Stammessitte leicht getrübt und durch fremdartige ein- 
wirkungen durchbrochen wird, sucht man nach vergangen in der 
neueren geschieh te, die zur vergleichung sich darbieten, so mag an 
den deutschen orden in Preuszen erinnert werden , diese Schöpfung 
der ritterschaft aus dem gesamten reich, ein neues Deutschland, 
welches dem mutterlande in der entwicklung voraneilte und die 
formen des modernen Staatswesens vielÜEich anticipierte. näher noch 
liegt es an den einflusz zu denken, der von dem demokratischen 
Nordamerika auf die alte weit ausgieng, der das feuer der revolution 
in Frankreich schürte und seitdem nicht aufgehört hat, die euro- 
päische gesellschaft in ihren tiefen zu durchwühlen und zu er- 
schüttern. 

(fortsetzang folgt.) 
Cassel. Dondorff. 



90 Molieres Avare. 

(4.) 

MOLIÄRES AVARE. 

(schlasz.) 



n. Die moral und die sittliche bedeutong des stüoks. 

Die spitze des Stücks ist gegen die yftter gekehrt; Molidrei 
komische helden sind eben Charaktere, and diese findet man weniger 
unter jangfrauen, Jünglingen und knaben, am wenigsten den aus- 
geprägten typus des geizes. der geizhals mnste also ein mann sein. 

Und verheiratet und yater. wir sollen sehen, wie sich das laater 
selbst über elternliebe hinwegsetzt.'^ 

Der geiz ist die egoistische leidenschaft. Harpax kennt onr 
sein geld und eigne interessen. eine heftige, sinnliche natnr, ist er 
wohl noch für sinnliche liebe empfänglich — auch diese ist ja 
egoistisch , und , kommt es zum klappen , so musz sie der geldliebe 
weichen — doch abgestumpft für jede andere, edlere regnng nnd 
tugend. seinem gelde opfert er, wie das eigne standesgeffthl , ehre 
und ansehn , so auch das leibliche und geistige wohl seiner kindsr. 
er hOrt, sein söhn gewinne beim hazardspiel, und, statt za waraen, 
rät er, dem einen laster noch ein zweites hinzuzufügen, er sidit, 
wie Cleant zu wucherischen zinsen geld aufiiimmt und freut sidi 
fast über die entdeckung: er wird ihm jetzt noch mehr auf die finger 
sehen, der versuch der kinder sich zu nähern erweckt in ihm mia- 
trauen und furcht: 'sie wollen ihm die bOrse rauben!* kümmert er 
sich einmal um sie, so geschieht es als gegner, um seiner selbst 
willen , im eignen interesse. die tochter verlobt sich, ohne dasx en 
merkt, in seinem eignen haus, unter seinen äugen, sein geiz tritt 
ihrer unschuldigen neigung in den weg. dem söhn tritt gar der 
egoist als nebenbuhler gegenüber, für seine kinder hat er fiberiMmpt 
kein äuge, kein herz mehr; er bofiPt sie zu grabe zu tragen« nnr, weil 
er selber ihnen fremd, hat er auch sie sich entfremdet", nnd so fttlt 
ihre pietätlosigkeit auf das haupt des vaters zurück. 

Nicht umsonst erinnert er stets von neuem daran, wie entsels- 
lich es sei, dasz man so ihm begegne: 'cela est Strange qae mes 
propres enfants me trahissent et deviennent mes ennemis (I 4). 
A-t-on jamais vu une fille parier de la sorte ä son pdre? (14). 
n'est - ce pas une chose ^pouvantabie qu'un fils qui veat entier en 
concurrence avec son p^re et ne doitil pas, par respect, s'abstenir 



"^ ähnliches frilt von fast allen, von dem mann and vater Holiire 
geschriebenen stücken, man hat ihm einen vorwarf daraas gemacht. 
es ist aber nur eine folge der gesetze seiner knnst and seigt lagleich, 
dass er es ernst nahm mit seinen väterlichen pflichten. 

" an sich sind beide gat geartet, and, wo sein benehmen sie nieht 
dasa heraasfordert, verlieren sie nie den respect vor ihm aas den aagee. 
dasz selbst solche kinder so gegen ihn aoftreten, vergrössert noch seine 
schnld. 



Moli^res Avare. 91 

de toucfaer 4 mes inclinations?' (IV 4). auch das ist eine hervor- 
hebung and zugleich Verschärfung seiner eignen schuld und der sitt- 
lichen lehre, vor dem, durch ihn selber gepflegten Splitter in ihrem 
äuge entsetzt, ahnt er nicht den balken im eignen, mit der liebe hat 
der geiz alles sittliche bewustsein getötet, und der nur an seine rechte 
denkende egoismus erinnert uns, in komischem Widerspruch, an 
seine pflichten, aus der pietätlosigkeit der kinder hat man wohl dem 
dichter einen Vorwurf gemacht, dieselbe wäre eine abschwächung 
der väterlichen schuld, der künstlerischen Wirkung und der sitt- 
lichen lehre, gerade sie macht das stück zu einem familienschau- 
spiel von tief sittlicher bedeutung. menschenwerk ist Stückwerk ; 
auch die kunst kann nicht zwei herren dienen ; wenn sie nach einer 
Seite hin sich gründlich verbeugt, stöszt sie an nach der andern.** 
Shakespeares Othello und Bomeo und Julie predigen den Selbstmord. 

Wird aber Harpax nicht zu wenig in seinem gelde bestraft? 
läszt nicht die freude über den wieder gewonnenen schätz ihn alles 
andere verschmerzen? selbst die verlorene achtung und liebe der 
kinder? einen Harpax schützen Schlauheit, herzlosigkeit und geiz 
mehr vor geldverlust als jeden andern, auch ist die freude weit- 
herzig, und Moli^re schrieb ein heiteres lustspiel. mit dem guten 
Anselm freuen wir uns über den glücklichen ausgang und gönnen 
gar dem armen schlucker noch den hochzeitsrock obendrein, die 
gröste , die schrecklichste strafe des lasters ist das laster selbst mit 
seinen inneren folgen, die des geizes aber, dasz die furcht zu ver- 
lieren, die sucht zu gewinnen, seinen opfern keine ruhe Iftszt, sie tot 
macht für edlere freuden und — die pietätlosigkeit der kinder. 

Dies ist die moral unseres stücks , die mit der handlung aus 
den Charakteren hervorgeht« vor allem aus der leidenschaft des das 
ganze beherschenden beiden: 'Meliere lobt nicht und tadelt nicht, 
er zeigt die dinge, wie sie sind, züchtigt das laster, indem er es in 
seiner Wahrheit schildert und die moral ergibt sich von selbst.'" 

m. Der Avare als komisohes Schauspiel. 

Dies eindringliche gemälde von der die familienbande lösenden 
macht des geizes ist endlich ein komisches Schauspiel , und , wie die 
ernste moral, geht auch die heitere komik, wie von selbst, aus den 
Charakteren der personen hervor, sie ist daher nach ihrer natur und 
ihren eigentümlichkeiten verschieden. 

Da haben wir zuerst die dumm - ehrliche pedanterie meister 
Jakobs und die einfalt der andern bedienten.^ diese gibt sich in 



'* wie Goethes 'meister von der ländlichen schuP'. 

" Worte Qoethes in den EckerniHnDschen besprächen. 

** dame Claade bildet eine ausnähme, weil sie keine handhabe bietet, 
dies ehrt sie ebenso sehr, wie das von Elise ihr geschenkte vertrauen, 
ob die verstorbene matter sie ins haus brachte, wo sie, trotz Harpax, 
um der kinder willen blieb? 



92 Moli^res Ayare. 

'possenhaften momenten und scenen' kund, die aber nicht bloex"* 'die 
gallerie zum lachen bringen', sondern erst recht den denkenden leset, 
weil sie , wie in der '6cole des femmes', zugleich die bedienten cha- 
rakterisieren und den herrn, der durch sie hereinfällt, nnd die ihm 
eigne schwäche allein schon läszt auch ihn die grenze der feinen 
komik überschreiten, sein mistrauen, die furcht bestoblen za wer- 
den, die Verzweiflung nach dem diebstahl, das wahnsinnige haschen 
nach dem dieb, mit den daraus sich entwickelnden misverstfindnisflen 
zwischen ihm und Valer, alles folgen seines geizes, die thorheit end- 
lich, Vornehmheit und geiz vereinigen zu wollen, und, mehr als alles, 
der unglückliche versuch sich als liebhaber aufzuspielen, machen ihn 
zu einem gegenständ der posse, während wieder die dem geiz eigne 
energie ihn in eine höhere Sphäre emporhebt, die er als wadierer, 
im kämpf mit seinen kindem, bis an die grenze des tragischen oder 
erhabenen durchschreitet — Die edleren personen werden weniger 
von der komik berührt. 

Diese manigfaltigkeit, höhere und geringere würde, prSgt sich 
schon aus in dem Charakter der spräche, in den unteriialtiuigea 
Valers mit Elise , in denen Cleants und Elises unter sich , wie mit 
Marianne, in der erkennungsscene am schlusz und anderen hersdit 
ein gewählter, höherer ton ; da ist manches in freien, reimlosen veraen 
geschrieben, schon der schwung der spräche verrät personen ans 
den höchsten kreisen der gesellschaft, die, wenn nicht andere sie 
daraus vertreiben, sich in den idealen regionen bewegen ; und, sticht 
die rücksichtslose Schroffheit des denselben kreisen angehOrendoi 
beiden davon ab, so ist dies wieder eine folge seiner eigentüm- 
lichen natur, seiner leidenschaft, die sich über alle schranken hin- 
wegsetzt ; die komik dieser individuell-leidenschaftlichen Schroffheit 
aber, sowie die der allgemein - volkstümlichen ausdmcksweise der 
niederen personen tritt, durch den gegensatz jener idealen Feinheit, 
erst recht kräftig hervor, und^ mit ihr, die darin ansgeprigten, 
mehr allgemeinen oder persönlich-eigentümlichen eigenschaften der 
Charaktere. 

IV. Molieres Harpaz ein edehnann. 

Eine der wichtigsten fragen für die beurteilung des Avare nnd 
für seine darstell ung auf der bühne ist der stand seines beiden, er 
ist ein edelmann und wird als ein bürgerlicher au^fastt. dies 
bringt in das ganze einen miston , der lähmend auf die darstellong 
wirkt, den eindruck schwächt, stört oder gar vernichtet, nnd alles 
das, was, nach des dichters absieht, dazu dienen soll, um ihn vom 
bürgerlichen zu unterscheiden , wird , wenn man es nicht übersieht, 
ein gegenständ des tadeis. der erste, bei dem mir der irrtnm be- 
gegnet; ist der Italiener Biccoboni, aber er fuszt wohl schon auf der 
stillschweigend allgemeinen ansieht der damaligen Franzosen; denn 

'^ ein dem dichter gemachter vorwarf. 



Moli^res Ayare. 93 

keiner widersprach ihm und die späteren schlössen sich ihm an. 
erst Pritsche erklärte in seiner ausgäbe des stttcks Harpax für einen 
edelmann, aber ohne es zu beweisen; daher, nach ihm, Knörich in 
der seinigen die sache wieder als zweifelhaft hinstellt ; und in der 
besten und neuesten Molidreausgabe (von Despois - Mesnard) ist er, 
wie immer, ein bürgerlicher. 

Der bauptgrund ist wohl der, dasz man den Charakter des sohnes 
folsch auffaszt. 4 pöre avare fils prodigue, sagt das Sprichwort, xmd 
80 betrachtet man von vorn herein Cleant als einen Verschwender ; 
dies kann er aber nicht sein , wenn man den vater als einen reichen 
edelmann ansieht. 

Der idealismus des classischen dramas erleichterte die täuschung. 
Moli^re war sparsam mit angaben über Charakter , stand und klei- 
dnng der personen ; beim Avare fehlen sie ganz, für die Zeitgenossen 
freilich ward dies durch die aufführung ersetzt; allmählich gieng 
aber die tradition davon verloren, auch ist das stück in prosa ge- 
schrieben , und dies , sowie die besonders derbe spräche des beiden, 
mochte den glauben an eine weniger vornehme herkunft verstärken, 
überhaupt sieht man die komischen personen eines Schauspiels leicht 
als bürgerliche an; ist doch der tonangebende adel zu sehr mit den 
Umgangsformen vertraut und hält zu sehr auf äuszere ehre und 
anstand, um sich leicht komische blöszen zu geben, besonders solche, 
wie Molidres geizhals; geizhälsevon seinem kaliber endlich, so schon 
rares nantes in gurgite vasto, trifft man unter den wenigen adeligen 
noch um so seltener an , je mehr sitte und erziehung dazu angethi^n 
sind, die entgegengesetzten eigenschaften in ihnen zu entwickeln. 

So wirft denn schon Biccoboni Moli^re vor, dem Harpax vier*^ 
bediente gegeben zu haben und einen seinem söhne, weil er ihn 
nicht als einen adeligen oder sehr reichen, mann darstelle. 

Oeo£Eroy tadelt kutsche, pferde und die vier bedienten; denn 
wir erftlhren nicht, dasz geburt oder Stellung den Harpax zu sol- 
chen ausgaben zwinge; Taschereau endlich, der es als Moli^res ver- 
dienst preist, den geizigen durch den ihm aufgezwungenen aufwand 
genötigt zu haben sich zu offenbaren, beklagt mit Geoffroy, dasz er 
den grund dieses aufwandes verberge. 

Der held ist aber ein reicher edelmann und jener widersprach 
nicht vorhanden. Meliere hat nicht blosz zuerst einen geizigen in 
einer zu solchen ausgaben zwingenden läge geschildert, sondern läge 
und ausgaben sind durch geburt und reichtum motiviert, über letz- 
tem brauche ich kein wort zu verlieren, alle personen des Stücks 
bezeugen ihn — auszer dem geizhalse selber — und , dasz er ein 
edelmann, geht aus seinem benehmen gegen andere und aus dem der 
andern gegen ihn so klar hervor, dasz dieser indirecte beweis den 
besten directen aufwiegt. 

*^ es sind derer sogar noch mehr (siehe unten); dies aber, sowie 
alles das, was Riccoboni u. a. tadeln, beweist gerade, dasz Moli^re einen 
reichen adeligen darstellen wollte und dargestellt hat. 



94 Moli^res Ayare. 

Gleich in der ersten scene verrftt Valer, der verlobte der ioehtor, 
seine eigne adlige herknnft; and die verlobang mit ihr, sowie dar 
hanshofmeisterposten, den er bei dem geizigen vater bekleidet, Uww 
anf die ihrige schlieszen ; ebenso der zarte ton der anterhaltnng, die 
gewählte, nur den höchsten kreisen eigne, poetisch angehaachte, 
durch leichten rhythmischen schwung gehobene spräche. 

I 4 nennt Harpax seinen söhn ^damoiseau', ein aasdrack, der, 
wie unser 'Junker', junge adlige zu bezeichnen pflegte, dazu stimmt: 
*yous donnez furieusement dans le marqnis', seine schildernag 
von Cleants kleidung'^ und leben; das von diesem selbst vorgesefao- 
bene gewinnen im spiel — hazardspiele grassierten besonders ontor 
dem adel — ; vor allem aber die thatsache, dasz der söhn eines so 
argen geizhalses , noch im hause des vaters , sich einen eignen be- 
dienten hftlt."^ wie könnte er da, als bürgerlicher, behaupten, dasi 
er seiner darbenden Marianne nicht helfen kann? utn sidi <^ff^M^n^^ 
zu kleiden, müsse er bei den kaufleuten borgen? kann er nicht den 
'Pfeil' entlassen ? nicht weniger vornehm als der söhn kleidet sidi 
endlich die von Marianne, als adliges frSulein, 'madame' angeredets 
tochter (I 4). '• 

Der von Pfeil und Anselm dem Harpax selbst beigelegte tiiel 
'seigneur' (11 4) kam gleichfalls nur adligen zu. Cleants vorwarf, 
er opfere dem geiz seine 'gloire"* und 'condition* ", hat, weü wir 
nichts näheres von ihnen hören , nur dann sinn , wenn wir an die 
selbstverständliche condition eines edelmanns denken and an die 
gloire, die er von den vätem ererbte, wenn femer Frosine Mariannes 
tugenden ihm als mitgift vorrechnet, vergiszt auch sie nicht Mariannes 
Widerwillen gegen die gerade unter adligen damen grassierende 
spielwut; und, um ihn später durch eine andere partie von ihr ab* 
spenstig zu machen, denkt sie ohne weiteres an eine vicomtesse oder 
marquise. würde eine solche einen schmutzig-geizigen bürgerlichen 
heiraten? könnte dieser glauben, dasz sie ihn nähme? mfiste er 
nicht gar selbst eine anspruchslosere bürgerliche vorziehen ? 

und nun Harpax' sonstiges benehmen ! dasz der söhn sich einen 
bedienten hält, findet selbst der knauser in Ordnung; bei dem Tor- 
wurf 'vous donnez furieusement dans le marquis' fehlt der zosati, 
dasz sich dies für einen bürgerlichen am wenigsten ziemt; er selbst 
hat einen haushofmeister, kutscher, koch und wenigstens zwei andere 
männliche und, auszer der alten Claude, noch andere, in der wahn- 
sinnsscene erwähnte, nicht auftretende, weibliche bediente(serTantes), 
sowie ein haus, das ihn zwingt, sie zu halten. gekauA hat eres 
gewis nicht; und, selbst wenn er es erheiratet oder geerbt, als 
bQrgerlicher würde er, schon der damit verbundenen zahlreichoi 



'^ diese und die der Schwester Elise verrieten auf der bfihne 
gleich im ersten aufrenblick ihren adligen nrspmng. 

'"^ auch dies erfahrt man schon in der zweiten soene. 

^ das nähere über die sprachlichen bemerkungen und einige andere 
punkte siehe in meiner ausgäbe des Stücks (Seemann, Leipzig). 



Moli^res Avare. 95 

dienerscbaft wegen, es yerkaofeD. und dann seine tracht! auszer 
chapeau, perruque, souliers — eines edelmanns — un manteau, 
chansses et pourpoint de satin noir, gami de dentelle ronde, de 
soie noire^^ sowie ein kostbarer diamantring (III 7). 

Der tocbter gegenüber bebt er den adel ibres bewerbers Anselm 
nicbt als besondere ebre bervor; aucb ergebt eben davon aas, 
dasz dieser ein edelmann sein musz, und bemerkt nur, er sei es, 
im gegensatz zu denen , die sieb den adel anmaszen (I 4). als end- 
licb Valer (Y 5) behauptet, aus seiner Verlobung mit Elise werde 
man ihm kein verbrechen mehr machen, 'lorsqu' on saura ce que je 
suis' (wes Standes ich bin), scbliesztHarpaz schon allein hieraus, 
Yaler masze sich den adelstitel an, der sicherste beweis, dasz 
dieser seiner tocbter zukommt; und die heftigkeit, womit er ihn 
dann als adelsdieb brandmarkt, verrät einen adelsstolz, der nicht 
hinter seinem geize zurücksteht. 

Zu alledem kommt noch das benehmen Anselms und der seinen, 
diese sind adlig (I 5 und V 5), und man hat überall das gefühl, dasz 
die zwei Familien wie gleich und gleich mit einander verkehren. 
Valer streicht seine geburt nicht als einen vorzug heraus , bemerkt 
nicht, dasz Harpax nicht berechtigt sei, einen adligen Schwiegersohn 
zu beanspruchen, sondern im gegenteil, seine condition mache Elise 
kein.e schände (V 3). sein vater aber tritt dem geizbals noch be- 
scheidener und demütiger gegenüber, kein geldgieriger bankerotteur, 
freigebig und reich, was in aller weit konnte den edelmann Anselm be- 
wegen, die tocbter eines schmutzig-geizigen bürgerlichen zu beiraten, 
zu der ihn nicht einmal mächtige leidenschaft hinzieht? und gar 
ohne mitgift! und findet nicht gar zuletzt zwischen den zwei familien 
eine doppelheirat statt, ohne dasz davon, als von einer unter solchen 
Verhältnissen damals geradezu unerhörten m6salliance die rede wäre? 
ja, der adlige Anselm verzichtet gar bei Elise und Cleant auf jede 
mitgift, trägt die verlobungs- und hochzeitskosten , schenkt dem 
Harpax einen hochzeitsrock und bezahlt die durch den cassetten- 
diebstahl verursachten Schreibereien. 

Alles dies und die schon erwähnten andern, soweit sie den kri- 
tikem aufgefallen sind, als flecken von ihnen getadelten punkte, 
weil sie den geizbals als einen bürgerlichen ansahen, erscheinen als 
ebenso viele künstlerische feinheiten und Schönheiten in dem bilde 
des von dem dichter geschilderten geizigen edelmanns. 

Und auch sonst noch ist der stand des beiden für die Würdi- 
gung des Stücks von groszer bedeutung. je höher seine gesellschaft- 
liche Stellung, desto mehr erscheint sein geiz als eine dämonische, 
nicht durch äuszere Verhältnisse entstandene naturmacht, desto natür- 
licher die Widersprüche , in die der kämpf mit seiner Stellung ihn 
verwickelt, um so gewaltiger die leidenschaft, die ihn zwingt, sich 

*^ Moli^re selbst spielte den Harpax, and dies war seine kleidunj^ 
in der rolle , die wir erst ans dem inventar seiner nachlassenschaft 
kennen lernen (siehe Soulie, recherches sur Moli^re, Paris Hachette). 



96 6. LandgiUf : lateinische schalgrammatik. 

gar darüber hinwegzusetzen, um so erklärlicher die klagen und das 
benehmen der kinder, besonders GeantS; um so eindringlicher die 
in dem ganzen gemälde gepredigte sittliche Wahrheit, nnd d^tto 
wirksamer, groszartiger , und ich füge hinzu, zugleich reiner die 
durch diese gegensätze erzeugte komik. ich sage reiner, weniger 
widerlich in ästhetischem sinne, ein in sammt und seide gekleideter 
geizhals ist ein ganz anderer kerl als einer in abgetragenen Jornpen; 
die ästhetik kennt nicht den grundsatz, dasz das kleid nieht des 
mann macht. 

Und wie der komische held, wird auch alles übrige in eine 
höhere Sphäre gehoben, die liebenden paare werden edellrftnlein nnd 
cavaliere, und das ganze, statt einer bürgerlichen posse, eine art 
raantel- und degenstück *^, dessen romanhafter schlusz durch wieder- 
erkennnng der idealen haltung des anfangs und der hanptchanktere 
entspricht, und dessen tragischer ernst nur durch die genialste komik 
verdeckt wird. 



*^ ohne das diesen stücken sonst eigne versteckspielen. 
Bielefeld. C. Humbbrt. 

7. 

LATEINISCHE SCBULGRAMMATIK. BEARBEITET VOM DR. GüBTAV 

Landgraf. Bamberg, gebr. Buchner. 1891. VI u. 246 t. 

Dazu: LITTERATURNACHWEI8E UND BEMERKUNGEN, ebd. 56 t. 

Die eigentOmlichkeit dieser grammatik kennzeichnet sich haupt* 
sächlich durch zwei eigenschaften. die eine ist eine beschrftnknng 
des Stoffes ; welche das von andern, z. b. Stegmann, darin geleistete 
noch über-, oder nchtiger unterbietet, der verf. begründet diese 
behandlung des Stoffes auf s. 3 und 4 seiner Hitteratumaohweiee nnd 
bemerkungen', wo es u. a. heiszt : *die schulgrammatik soll nur flir 
den Schüler geschrieben sein, nicht für den philologen. sie soll also 
nur das rüstzeug enthalten, das der schüler unumgänglich nötig hat« 
um den anforderungen des gjmnasiums gerecht zu werden, d. h. sie 
musz ihn so heranbilden; dasz er in den stand gesetzt ist, die ihn 
vorgelegten schulautoren unter anleitung des lehrers mit veratind- 
nis und genusz zu lesen.' wer würde nicht mit diesen allgemeinen 
Sätzen einverstanden sein? die frage ist nur: was gehört dazu, um 
einen autor mit Verständnis zu lesen? eine unbefangene antwort 
müste doch lauten : es müssen — abgesehen etwa von singnlaritlteB 
— alle bei ihm gebräuchlichen ausdrucksformen ihre erklämng finden, 
aber dazu ist der stoff in jener starken beschränkung, sogar mit rflck* 
sieht auf Caesar, wenigstens in der sjrntaz nicht ausreichend, es mnn 
also doch wohl noch ein anderer grund hinzukommen, den uns verf. 
denn auch auch einmal verrät, in den bemerkungen zu § 101 wird 
nemlich die wähl der selbstgemachten beispiele mit den werten be- 
gründet: 'weil der schüler an solchen am besten die regel ein* 



6. Landgraf: lateinische schulgrammatik. 97 

lernt.' aber ist denn das 'regeln einlernen' zum Verständnis der 
aatoren nötig? dazu gehört doch nur, dasz man das sprachliche 
gesetz in der dargebotenen form erkennt, und bekanntlich ist es 
yiel leichter, an der fertig vorliegenden form der fremden spräche 
das gesetz zu erkennen, als sich die regel 'einzulernen', d. h. sie sich 
zur anwendung bei der Übertragung aus dem deutschen anzueignen, 
eine so weit gehende beschränkung , eine so ausgesucht kurze fas- 
sung aller regeln hat ja auch gar keinen sinn , wenn dac^urch dem 
schtüer nicht das dem gedächtnis einzuprägende gegeben werden 
soll, *das rttstzeug, das der schUler unumgänglich nötig hat' — zum 
kämpf der exercitien und extemporalien. diesen Standpunkt der 
schulgrammatik halte ich für eine verirrung. ich billige im ganzen 
die meinung von P. Worms, wie er sie in der besprechung einer 
andern grammatik (Gymnasium 1888 s. 226 — 29) darlegt, aus der 
ich einige sätze ausheben will, 'kann eine grammatik dem primaner 
genügen, die nur notdürftig gerade das enthält, was ein tertianer 
unbedingt wissen musz?' 'der Schriftsteller soll gewis um seiner 
selbst willen gelesen werden; aber wohl gemerkt «gelesen» ; d.h. so, 
dasz man nicht ungefähr weisz oder zu wissen glaubt — infolge von 
herumraten — , was der Schriftsteller sagt und will, sondern so, 
dasz man den inhalt scharf eifaszt, im einzelnen, wie im ganzen, und 
nicht nur das, sondern der schüler musz auch — soweit das ihm auf 
seinem Standpunkte möglich ist — klar den unterschied erkennen 
zwischen der lateinischen und deutschen ausdrucksweise und denk- 
weise.' 'um den Schriftsteller aber so zu lesen, dazu gehört tüch- 
tige grammatische Schulung, die von unten auf gegenständ der Sorg- 
falt sein musz. dabei kommt es freilich nicht darauf an, ob der 
schüler ein paar regeln mehr oder weniger gehabt hat; mag man 
den eigentlichen lernstoff auf das knappste masz beschränken.' 'die 
grammatik soll [aber] nicht nur ein lern buch sein.' 'der gewissen- 
hafte und strebsame schüler ... in allen classen, besonders aber in 
den obem, musz .sich rats erholen können aus seiner grammatik für 
daS; was ihm nicht klar ist, und gerade besonders in bezug auf das, 
was auswendig zu lernen und speciell zu üben er n i c h t in die läge 
gekommen ist.' ich will nun auf diese beschränkung des Stoffes im 
einzelnen nicht eingehen , sondern das gebotene betrachten. 

Da macht sich denn sofort eine andere, sehr viel wohlthuendere 
eigenschaft des buches bemerklich, das ist seine wissenschaftliche 
anläge, der Verfasser, der ja auf der höhe der modernen Sprach- 
forschung , insbesondere auf dem gebiete der lateinischen gram- 
matik steht, hat sich bemüht, die resultate der gegenwärtigen 
Sprachwissenschaft, soweit sie für den schüler faszbar und zu einem 
tieferen Verständnis der sprachlichen erscheinungen förderlich sind, 
in schulmäsziger fassung zu gest&lten, und das ist ihm an einigen 
stellen vortrefflich gelungen ^ insbesondere da^ wo es die aufgäbe 
war, das hypotaktische satz Verhältnis aus der paratazis abzuleiten, 
so § 187 (absichtssätze), § 191 (sätze mit quin), § 193 (mit quod). 

N. jahrb. f. phil. n. pld. II. abt. 1892 hft. 2. 7 



98 6. Landgraf: lateinische scbulgrammatik. 

in andern fällen freilich scheint es mir, als habe er nicht hinreichend 
sichere ergebnisse der forschong etwas voreilig aufgenommen, dies 
gilt besonders von der nach Schmalz gestalteten ableitong des 
accusativus cnm infinitivo aus doceo te artem auf dem wege: 
doceo te legere, cogo (prohibeo, impedio» assuefacio) te legere, audio 
(yideo) te legere, allerdings bildet in doceo te legere der infiniti? 
ebenso eine unmittelbare ergftnzung des yerbums wie artem in doceo 
te artem,, und läszt sich wegen seiner indeclinablen form ebenso wie 
dieses als sachobject bezeichnen, die gleiche erklftning Iftszt sich noch 
anwenden auf den acc. c. inf. nach cogo, prohibeo, (impedio,) assue- 
facio, sowie volo, nolo, malo, cupio, iubeo, yeto, patior, sino. bei 
dieser beschränkten anzahl von yerben hat der Infinitiv aoszerdem 
folgende eigentümlichkeiten. er läszt erstens deutlich seine ur- 
sprüngliche dativische (finale) oder locativische natur erkennen, wie 
aus den andern constructionen hervorgeht, die bei jenen verben 
möglich waren, man vergleiche: cogo te ezire und cogo te, utezeas; 
prohibeo (veto) te accedere und ne accedas; (in meo iure impedior); 
assuefacio corvum loqui und sermoni (Plinius); iubet sententiam ut 
dicatsuam (Plautus); volo, nolo, malo, cupio, ut redeat; non patior, 
non sinam; ut dicat. der infinitiv hat infolge dessen nach alloi 
diesen verben futurischen sinn, der sich auch einem sugefügtea 
nebensatze mitteilt, z. b. Valerie lex eum, qui provocasset, virgis 
caedi vetuit «» ne caedatur, qui provoeaverit. sodann steht nach 
allen jenen verben nur der acc. c. infinitivo praesentis (wenn man 
von prägnanten ausdrucksweisen, wie hoc factum esse volo, absieht), 
durch alles dies unterscheidet sich der acc. c. inf. nach jenen verben 
scharf von dem nach den verbis dicendi et sentiendi. hier hat er nach 
meiner meinung seine dativische oder locativische natur völlig ver- 
loren, denn Deeckes versuch (Mülhausen progr. 1890 s. 35 ff.) 
überall einen locativischen sinn nachzuweisen, halte ich für ge- 
künstelt, er bat infolge dessen auch nicht mehr futurischen sinn, 
sondern für diesen musz eine besondere form eintreten, und über- 
haupt erscheinen hier die infinitivformen in ihrer ganzen maiüg* 
faltigkeit, zum ausdruck der verschiedensten temporalen verhüt- 
nisse. woher dieser unterschied ? der grund liegt, meine ich, darin, 
dasz bei den verbis dicendi et sentiendi der infinitiv nicht die un- 
mittelbare ergänzung des verbalbegriflfs bildet, denn sonst mflste 
er, wie im griechischen, auch hier finalen sinn wenigstens haben 
können, vgl. dKripuEe touc CTpaTiujTac dEi^vai und pronuntiavit, 
ut ezirent. vielmehr wird die abhängigkeit des infinitivs hier ver- 
mittelt durch den accusativ, zu dem er als prädicat hinzutritt, dasz 
ein infinitiv im lateinischen einem nomen unbedenklich als pridicai 
beigegeben werden konnte , zeigt der infinitivus historicus. dasz er 
auf einen accusativ als prädicat bezogen werden konnte, zeigt der 
acc. c. inf. im ausrufe, der doch im gebrauch sicher nicht als von 
irgend etwas abhängig empfunden wurde, me miserum! tein tantas 
aerumnas propter me incidisse! von den verbis die. et sent. ist 



G. Landgraf: lateinische Bchulgrammatik. 99 

natürlich zunächst nur der accusativ abhängig (audio te ich höre 
dich) , und 2U diesem wird jene nominalform des verbs als prädicat 
gesetzt (audio te legere), ich kann es daher nicht billigen , wenn 
verf. § 161 sagt: 'dieser ursprünglich als object vom regieren- 
den yerbum abhängige accusativ wurde allmählich als subject dös 
mit ihm verbundenen infinitivs betrachtet.' der accusativ ist und 
bleibt object im Verhältnis zu dem verbum finitum (audio te) , aber 
sobald ihm ein infinitiv als prädicat hinzugefügt wird, ist er im Ver- 
hältnis zu diesem subject ; wie denn von den anfangen des latein der 
infinitiv mit allen nominalen erweiterungen sich stets nach seinem 
subjectsaccusativ in der form gerichtet hat, und eine construction 
wie im deutschen 'lasz mich dein freund sein' stets unmöglich war. 
diese relative doppelbedeutung des accusativs als gleichzeitiges ob- 
ject und subject läszt dich übrigens schon dem quintaner klar 
machen, wenn man ihn daran erinnert, dasz sein vater doch zu ihm 
vater, zu seinem groszvater aber «ohn sei. die einzige Veränderung, 
weiche der acc. c. inf. durch den gebrauch und insbesondere durch 
die ausbildung der obliquen rede erfahren hat, ist die, dasz das 
bewustsein für die Zusammengehörigkeit des accusativs mit dem in- 
finitiv lebhafter wurde und beide zusammen wohl als eine art ab- 
hängiger satz empinnden wurden, dagegen das gefühl für die ab- 
hängigkeit des accusativs, als eines objects, von dem verbum finitum 
sich abstumpfte. — Die Schmalzsche ableitung des acc. c. inf. aus 
linguam te doceo wird auch in der recension von J. Weisweiler 
im Gymnasium 1891 s. 235 beanstandet. 

Ein anderer fall, in dem mir die erklärung der neueren Wissen- 
schaft, der auch verf. § 112 gefolgt ist, zu unsicher erscheint, um 
sie der schulmäszigen darstellung zu gründe zu legen , ist : vitae me 
taedet «» vitae taedium ine tenet in dem sinne, dasz der genitiv von 
dem nominalen demente des verbums abhängig sei. denn in dem 
verbum taedet liegt gar kein nominales dement, der durch den ge- 
meinsamen stamm taed dargestellte begriff ist weder nominal noch 
verbal; er wird erst nominal durch das suffix io in taedium, und 
verbal durch das suffix der zweiten conjugation. nur in einem von 
einem wirklichen nominahtamme abgeleiteten denominativum , wie 
ßaciXeuuj und andern griechischen , kann möglicherweise der nomi- 
nale bestandteil noch so viel geltung haben , dasz ein genitiv von 
ihm abhängig gedacht werden kann, aber selbst bei diesen verben 
finden wir im lateinischen nicht den genitiv, den das zu gründe 
liegende nomen verlangt, sondern verbale rectlon. man vgl. custos 
arcis , custodit arcem ; dominus gentis , dominari in aliquem ; dux 
gregis, duceregregem; nomen urbis, nominare urbem ; laus oratoris, 
laudare oratorem usw., auch Studium litterarum, studeo litteris. nun 
haben einige verwandte verba auch im griechischen den genitiv der 
Sache bei sich (okTeipu), dXeuj ce iflc xuxiic = miseret me fortunae 
tuae). dasz dieser genitiv nicht etwa Vertreter einer ablativischen 
funetion ist, zeigt der gebrauch verwandter verba mit dem dativ; 

1* 



100 G. Landgraf: lateinische schulgrainmatik. 

der sicher einem ablativus (causae) entspricht, z. b. XuircTcOcu, 
dviäcOm, aicxuvecOai Tivt. und da wir auch im deutschen einige 
yerba verwandter bedeutung mit dem genitiy verbinden (*ich sehäme 
mich, ärgere mich, erbarme mich; mich jammert dessen'), so dfirfle 
es geratener sein, dem schüler die construction der lateinischen verbs 
durch hinweis auf diese deutschen beispiele zugftnglich zu machen, 
bei denen unser Sprachgefühl nicht erst der hilfe eines nominsl- 
begriffs bedarf, um den genitiv berechtigt zu finden, überhaopt aber 
ist es ein fehler der herschenden ansieht, den genitiv lediglich ftr 
den casus nominaler abhängigkeit zu halten, schon seine aasgedehnte 
anwendung bei verben sehr verschiedener art im griechischen und 
deutschen hätte davor warnen sollen. 

Für verfehlt halte ich auch die vom verf. angenommene er- 
klärung Wölfiflins opus est «= opis est 'es ist geholfen mit' (§ 140). 
zunächst findet doch der Wechsel zwischen i und u in der litterator- 
sprache nur in mittlerer, tieftoniger silbe statt aber anch in den 
inscbriften scheint er sich im ausgange der Wörter fast auf die siiboi 
•rus und -nus zu beschränken, wenigstens finde ich in den indiees 
des corpus inscr. neben ziemlich zahlreichen formen wie Cererns, 
homonus nur zwei auf -tus: partus, salutus. ■ aber es kommt hinso, 
dasz, wenn auch gelegentlich die Übersetzung 'es ist geholfen mit' 
anwendbar ist, doch im allgemeinen der klare sinn von opus est ist 
'es ist bedürfnis, ist nötig, man braucht, bedarP. und dieser sinn 
ist in dem worte opus gegeben, wenn man es als nebenform zu opera 
(= opesa) 'mühe' betrachtet, den Übergang von der bedeotong 
'mühe' zu der bedeutung 'mangel, bedürfnis' zeigt das deutsche 
'not', man vgl. im mhd. Wörterbuch von Müller -Zamcke nnter 
'Not' s. 410 z. 9 'mit not, mit groszer mühe* (noch heute 'mit müh* 
und not, er hat seine liebe not') und s. 412 z. 11 'des ist n6t, da» 
ist nötigt, z. 22 'mir ist not eines d., ich habe nätig*. dies ist 
»s mihi opus est aliqua re. der ablativ ist derselbe wie bei careo, 
egeo ('ich bedarf eines dinges'), und die zusammenstellong mit 
diesen ist sicher auch dem schüler einleuchtend. 

Aber nach vorwegnähme dieser einzelnen punkte müssen wir 
die darstellung des buches im zusammenhange verfolgen, am licht- 
und Schattenseiten gebührend zu vergleichen. 

In der formen lehre ist die behandlung der declination in- 
sofern zu rühmen, als sie von der Zusammensetzung von stamm nnd 
endung ausgeht und diesen gesichtspunkt durchzuführen sacht, so 
werden § 11 die vocalischen stamme in den genitiven plnnlis 
passend zusammengestellt: mensa-rum; cervo-rum; civi-nm; 
f r u c t u - um ; d i e - rum. warum L . jedoch den ebenso bequemen wie 
bezeichnenden ausdruck 'stammauslaut' verschmäht, um statt dessen 
'kennlaut' zu gebrauchen, den er nun §11,3 erst als 'auslaut des 
Stammes' definieren musz, sehe ich nicht ein. aber der auf den rieh* 
tigen weg geleitete schüler wird bald wieder irre gemacht dnrch 
den druck der paradigmen der ersten und zweiten declination: 



G. Landgraf: lateinische schulgrammatik. 101 

mens-a vent-iis don-um 

mens-ae vent-i don-i 

mens-am usw. vent-iuii don-uin usw. 

nur im gen. pl. wieder mensa-rum , yentö-rum. 

Musz das der schüler nicht so lesen : stamm mens , endung a ; 
stamm vent, endung us; stamm don, endung um? ohne trennungs- 
strich waren unbedingt zu schreiben mensa, mensä, ventö, dönö, 
welche nach verlust der endung im ablativ (und dativ der 2n decl.) 
nichts enthalten als den stamm, wenn auch mit verschiedener 
quantität des auslau ts. reinlich trennen aber läszt sich stamm und 
endung auszer im gen. plur. noch in mensa-m, ventu-s, ventu-m, 
bellu-m , wenn auch die verdumpfung von o und u erwähnt werden 
musz. die übrigen formen werden am besten ohne trennungsstrich 
geschrieben, bei den beispielen puer , vir, liber hätte der abfall des 
Stammauslauts im nom. und voc. sing, bemerkt werden müssen. 

Für die dritte declination gibt verf. zunächst § 23 eine ^ein- 
teilung nach stammen' und scheidet hier die consonantischen stamme 
wieder in die vier gruppen : muta-stämme, liquida-stämme , nasal- 
stfimme, spirans- stamme, an den beispielen dazu wird dann mit 
hilfe von vier Zusätzen in petitdruck auch gleich die wichtige bil- 
dung des nominativs gezeigt, übersichtlich zwar, aber so kurz, dasz 
dieser abschnitt nur durch ziemlich eingehende erläuterungen des 
lefarers für den schüler nutzbar gemacht werden kann, da nun aber 
in den paradigmen auf die einteilung der consonantischen stamme 
gar nicht mehr rücksicht genommen wird , so dasz es § 24 höchst 
summarisch heiszt: Wiele stamme bilden den nom. sing, ohne s' und 
man nicht einmal erfährt, welche ihn so bilden (pulvis !), so ist doch 
zu befürchten, dasz jener § 23 in der praxis vollkommen — ^un- 
schädlich' sein wird, um aber vollends jene einteilung nach stam- 
men als einen luxusartikel für liebhaber erscheinen zu lassen, sind 
die genusregeln § 27 ohne rücksicht darauf nach den nominativ- 
ausgäogen geordnet, so dasz z. b. nach alter ^bewährter' manier 
finis, cinis, sanguis, unguis, lapis, pulvis usw. wieder in gemischter 
gesellschaft friedlich bei einander erscheinen. Landgraf hat sich, 
wie er bem. s. 10 zu § 12 sagt, 'nicht dazu entschlieszen können, 
auch die genusregeln aus dem stammauslaute abzuleiten , weil von 
selten praktischer Schulmänner schwerwiegende bedenken dagegen 
geltend gemacht wurden', und er führt mit genugthuung (s. 35 fusz- 
note) die ansieht eines recensenten (Franz Müller) an, der Berl. phil. 
wochenschr. 1891 s. 415 von der grammatik von Lattmann-Müller 
sagt: 'die genusregeln nach dem stammauslaut neunjährigen sextanern 
bequemer beizubringen als nach irgend einem andern princip, das 
halte ich für ein unding.' nun, an dem gymnasium in Göttingen 
werden die genusregeln seit fast 15 jähren in dieser weise in sexta 
gelernt , und wiederholt haben sich die collegen , die diesen Unter- 
richt hatten, erfreut über die leichtigkeit dieser lehrweise und 
namentlich die anregung, die der Unterricht dadurch erhalte, ge- 



102 6. Landgraf: lateinische schnlgrammatik. 

Suszert , und co liegen, die von hier an andere schulen versetzt wor- 
den , wo sie andere bücher vorfanden , haben — oft in starken ans* 
drücken — ihren Widerwillen gegen die änszerliche abfaesong tob 
regeln in diesen zu erkennen gegeben, z. b. gerade gegea die dar- 
stellung der genosregeln nach dem nominativausgange. mir ist ea 
unbegreiflich, wie man heutzutage, wo doch die ansieht, dasi aoeh 
die Schulgrammatik auf dem boden der Wissenschaft stehen mflssei 
mehr und mehr durchdringt, es noch übers herz bringt, dem schfiler 
ein solches gemüse wie 'die Wörter auf ö, Ss, ans, es, is, x' vorza- 
setzen, dasz man aber noch so allgemein die erlemnng der genos- 
regeln nach dem stammauslaute für schwieriger hfilt als die nach 
alter weise, kann ich mir nur daraus erklären, dasz man das einübai 
der genusregeln als ein besonderes stück für sich ansieht, wie es das 
ja bei der anordnung nach dem nominativausgange, vollends wenn die 
declination selbst anders geordnet ist, sein musz. aber bei der an* 
Ordnung nach dem stammauslaute ist gerade das der vorzog, dasz 
genus und declination zusammen gelernt wird, so heiszt es in dem 
zu der grammatik von Lattmann-Müller gehörigen 'elementarboch 
für sexta' (6e aufl. 1891) in nr. 42; 'ein teil der sobstantiva der 
3n dccl. zeigt den reinen stamm im nominative, nemlich die 
stamme auf r und 1.' als beispiele folgen passer und labor, sodann 
eine anzahl vocabeln, an welche die aufforderung geknüpft ist: 
'decliniere passer parvus, labor magnos, honor magnos' n. a. dies 
praktisch geübte wird dann in nr. 43 als regel aufgestellt: 'die 
r-stämme auf er und or sind masculina. ausnähme: arbor alta.' 
der Übersetzungsstoff in nr. 43 bietet dann gelegenheit zur Qbong 
der formen wie des genus. in nr. 44 lautet der text: 'die andern 
stamme der dritten declination erleiden im nominative Verände- 
rungen, stamme auf n. nominativ auf o. die sobstantiva aof o 
haben im nominativ den stammauslautn abgeworfen, sie haben 
im genitiv teils önis, teils inis.' beispiele leo und homo. vocabeln, 
links 0, önis, rechts o, inis. in nr. 45 als besondere groppe 'aadi- 
namen auf io' und an diese beim lernen der declination und vocabelB 
gewonnene gruppierung anschlieszend : 'decliniere : sermo iuoondnii 
consuetudo mala, suspicio falsa' u. a. nebst regel : die n-stämme aaf 
(nom.) 0, (gen.) önis sind masculina, die auf (nom.) o, (gen.) inis 
sind feminina, die auf io, ionis sind feminine, ausnähme ordo pri* 
mus. in nr. 46 folgen die ' Wörter auf men', die sich schon in ihrer 
declination (acc. <=» nom. usw.) als neutra darstellen, wiederom 
dienen in nr. 45 wie 46 Übungen zur befestigung des genoa der 
Wörter zugleich mit den formen, dasselbe verfahren wiederholt sieh 
bei den stammen auf p-, k- und t*laut, bei den stammen aufs und 
den stammen auf i. wenn man aber meinen sollte, dasz aof diese 
weise die erlernung der declination zu weit auseinandergeaogen 
würde, so ist doch einmal zu bedenken, dasz eine besondere ein- 
übung der genusregeln so fortfällt , und sodann, dasz die erlemnag 
der dritten declination , sowie die aneignung einer gewissen aazahl 



G. Landgraf: lateinische schulgrammatik. 103 

Yocabeln so wie so ein längeres verweilen und öfteres wiederholen 
zu erheischen pflegt, so ist auch die durchnähme der verschiedenen 
stammesarten zum guten teil nur erneute Wiederholung, aber immer 
unter hinzutritt von etwas neuem, das die Wiederholung anregender 
macht. 

Während ich so bei der declination die wissenschaftliche darr 
Stellung strenger durchgeführt zu sehen wünschte , kommt mir der 
verf. bei der conjugation der wissenschaftlichen auffassung weiter 
entgegen, als ich es für die schule für wünschenswert erachte, vgl. 
bem. s. 17 zu § 62: ^in zusatz 3 wurde |der seit Buttmann in lat. und 
griech. grammatiken spuckende (sie) bindevocal verabschiedet.' 
es ist ja unzweifelhaft richtig, dasz diese vocale nicht als flickmittel 
zwischen stamm und endung treten, sondern entweder sind sie ein 
bestandteil des Stammes, nemlich im ind. praes. und ind. und conj. 
impf, und den zugehörigen nominalformen, aber ebensowohl in allen 
formen des perfectstammes (i, e, e), und in den participien auf i-tus 
(genirtus). oder sie sind moduszeichen , nemlich a im conj. praes. 
der 2n, 3n, 4n conjug. und e im conj. praes. der In und fut. dei: 3n 
und 4n conjug. , insofern es das optativische i wenigstens enthält, 
wenn nun aber verf. § 62 zusatz 3 sagt: 'der zwischen stamm und 
personalendung tretende kurze vocal heiszt stammerweite- 
rungsvocaP, so ist das insofern nicht genau, weil im ind. impf, 
(lege-bam) der 'stammerweiterungs vocal' lang ist; und in'leg-a-m, 
leg-a-t der kurze vocal kein stammer weiterungs vocal ist. vollends 
aber durfte das i in ama-i-m (amem) nicht so genannt werden , wie 
es daselbst geschieht, wenn der schüler aber fragt, was der zwischen 
stamm und endung tretende lange vocal inleg-ä-mus, leg-e-mus 
sei, so erhält er bei L. keine auskunft. es muste daher ein unter- 
schied in der bezeichnung gemacht sein, das a und e im conjunctiv 
praesentis und im futurum . nenne man 'modusvocal' oder 'modus- 
zeichen', für die andern vocale aber ist das siebensilbige 'stAmm- 
er-wei-te-rungs-vo-cal' statt bindevocal ein schlechter tausch, und 
wenn verf. sich doch genötigt sieht, ihn den 'zwischen stamm und 
endung tretenden vocal' zu nennen, was wissenschaftlich auch 
ungenau ist, so verschlägt es wahrlich nichts, ruhig den ausdruck 
'bindevocal' beizubehalten, wenn man nur über die sache richtig 
denkt und bei dem schüler eine richtige Vorstellung, sobald es seine 
fassungskraft verträgt, anbahnt, da dies aber beim ersten lernen 
in diesem falle kaum möglich ist, so ist es hier besser, sich mit 
einer etwas mehr äuszerlichen bezeichnung zu begnügen, so hat die 
grammatische Wissenschaft auch sonst alte kunstausdrücke bei- 
behalten , auch wenn sie ihren sinn berichtigte ; man denke nur an 
die bezeichnungen der casus, der verbalen nominalformen u. a. 

Dasz in dem 'Verzeichnis der wichtigsten verben nach ihren 
Stammformen' (§ 74 ff.) nur die drei eigentlichen Stammformen auf- 
geführt sind ohne den infinitiv, erscheint mir nicht zweckmäszig. 
denn die mühe, die dem schüler die erlernung des infinitivs bereitet, 



104 H.U]ibe8cheid: beitrag zur behandloDg der dramatiBchen leetllie. 

ist zu gering, um dafür zu sprechen, und anderseits leistet der In- 
finitiv zur erkennung der conjugation bei verben wie rapio, sapio, 
patior, fateor, partior doch gute dienste. dasz der infinitiT keine 
Stammform ist, ist Belbstverständlich , aber darum kann man ihn 
doch als 'nennform' des verbums den Stammformen anschliesiOL 
das participium perf. pass. hat als dritte Stammform, wie es L. gibt, 
den Vorzug der leichtem Verständlichkeit für den schQler. aber es 
durfte § 64 nicht heiszen: *III. vom participialstamme werden ge- 
bildet: 1. indicativus und coniunctivus perfecti' usw. diese formen 
werden nicht vom participialstamme gebildet, sondern mit dem 
fertigen declinierten participium zusammengesetzt, dagegen waren 
part. fut. act. auf turus und das supinum auf tum nicht als selb- 
ständige stamme aufzuführen, sie sind vielmehr von dem stamme 
des part. perf. pass. abgeleitet, wenigstens liegt bei allen das gleiche 
nominale suffix zu gründe , das nur in verschiedener weise differen- 
ziert oder erweitert ist. daher ist es nicht unrichtig und jedenfalls 
für den Schüler am einfachsten zu sagen: vom participialstamme wer- 
den abgeleitet das part. perf. pass., das part. fut. act und das supinum* 

(fortsetsang folgt.) 
GÖTTINQEN. EÜBRMAHN LaTTM ANH. 

8. 

DR. Hermann Unbesoheid: Beitrag zur behandlüno der dra- 
matischem LECTÜKE. zweite AUFLAGE. Berlin, Weidmannsche 
buchbandlung. 1891. 

Die dramatische lectüre gewährt erst dann wahren nutzen and 
ästhetischen genusz , wenn wir die fUhigkeit besitzen , ^geschaffenes 
nicht blosz nachzuempfinden, sondern auch nachzudenken', es mass 
daher bei der behandlung von dramen im Unterricht die vornehmste 
sorge des lehrers sein, den plan derselben so klar auseinanderzusetten, 
dasz dieser die zweckentsprechende anordnung, die zusammenfügong 
der einzelnen glieder zu einem harmonischen, den gesetzen der kirnst 
gehorchenden ganzen erkennen lernt, nun ist es aber im vergleich mit 
den übrigen poetischen gattungen auch für den geschulten geist nicht 
selten schwierig, den kunstvollen aufbau des dramas in seine einzelnen 
bestandteile richtig zu zerlegen, den risz des gebäudes zu zeichnen und 
so zu sagen das rückgrat der dichtung scharf und genau zu bestimmen, 
dies ist dem sachkundigen verf. in der vorliegenden schrift gelangen. 
wie sehr dieselbe dem bedürfnis entspricht; beweist der umstand, 
dasz sie schon nach wenigen jähren in zweiter aufläge erscheint. 

Zu gründe gelegt ist das von G. Frejtag in seiner 'technik des 
dramas' über den bau desselben gesagte, die anwendung dieser ge* 
setze beschränkt verf. in der hanptsache auf die Schillerschen dramen, 
welche ja auch ihrer geschlossenheit und durchsichtigkeit halber im 
Schulunterricht vorzugsweise zur behandlung kommen; zum schlasz 
ist der plan von Goethes 'Iphigenia' und 'Egmont', einiger dramen 



Bericht über die 28e yereammlang des yereins rhein. schnlmänner. 105 

Lessings, von Kleists 'prinz von Homburg' (in form einer lehrprobe) 
nnd Grillparzers 'Sappho* angefügt, ein groszer vorzug der schrift 
ist die klar und treffend zusammenfassende kürze des ausdrucks; 
gev^issenhaft sind selbst die kleinsten für den aufbau wichtigen stufen 
berücksichtigt, so dringt der leser an der band des verf. ohne sonder- 
liche mühe in die Werkstatt des dichterischen genius ein und sieht 
deutlich, wie sich die seelen Vorgänge entwickeln, hinstrebend zur 
werdenden that, wie sich so aufbaut das gerüst des herlichsten ge- 
bildes menschlicher kunst. 

Verf. hebt die eigen tümlichkeiten der Schillerschen muse in 
dem bau des dramas besonders hervor, dahin gehört neben der 
feinsinnigen behandlang der eröfihungsscene (bzw. des Vorspiels), 
welche uns mit der 'atmosphäre des Stückes' vertraut macht — es 
sei u. a. nur an den lyrischen beginn im *Tell' erinnert — , in erster 
lihie die Vorliebe Schillers, das drama durch das gegenspiel steigen 
zu lassen, d. h. durch das wirken der feindlichen gewalten den beiden 
zur handlung zu bringen; nur ^ Wallenstein' und ^die Jungfrau von 
Orleans' machen hiervon eine ausnähme, desgleichen betont verf. 
die neigung des dichters zu doppelhelden. auch die wunderbare 
kraft desselben, den höhepunkt energisch herauszutreiben und glanz- 
voll zu gestalten, erfährt gebührende Würdigung, eine dramatur- 
gische tafel bietet an gleichschenkligen dreiecken eine anschauliche, 
leicht faszliche Übersicht der einzelnen stufen im auf- und abstieg. 

M. 

9. 

BERICHT ÜBER DIE ACHTUNDZWANZIGSTE VERSAMM- 
LUNG DES VEREINS RHEINISCHER SCHULMÄNNER (1891). 

Die diesjährige versammlang des yereins rheinischer Schulmänner 
fand am 31 märz, dem osterdienstag , zn Köln im Isabellensaale des 
Gürsenich statt, die einige wochen vorher den höheren lehranstalten 
der provinz zugegangene tagesordnung hatte angekündigt: 

1) begrnszang and geschäftliche mitteilangen durch den versitzenden. 

2) welche bedeutung kommt dem ebrgefübl im erziehenden Unter- 
richt zu? Vortrag von Oberlehrer Evers. 

8) discutables aus der letzten directorenconferenz. 

4) vertrag über die Cansteinsche methode von Oberlehrer Ernst. 

Nach 11 uhr eröffnete gjmnasialdirector Oskar Jäger die verband- 
langen; er begrüszte die zahlreiche Versammlung — in die präsenzliste 
haben sich 77 teilnehmer eingetragen — und gedachte zunächst des iu 
der Zwischenzeit verstorbenen prof. Eocks (Köln, Friedr. Wilh.-gymn.), 
der noch in der letzten Versammlung wieder in den vereinsausschusz 
gewählt worden war. mit recht konnte von dem geschiedenen gesagt 
werden, dasz er seine person mit amt und beruf vollständig identificiert 
habe, dasz seine persönlichkeit ganz und gar im amt aufgegangen sei; 
ohne rücksichtnehmerei habe er dem, was er dachte, unumwundenen 
ausdrnck und dadurch ein beispiel gegeben, wie der schulmann überall 
und namentlich in Versammlungen wie die unsere sprechen soll, die 
versammelten ehrten das gedächtnis des verdienten maunes durch er- 
heben von den sitzen, in fesselnder weise legte darauf director Jäger 



106 Bericht über die 28e versammlang des Vereins rhein« ichnlinlnner. 

die bedeutung des abgelaafenen, für die entwicklang des höheren lehiil- 
wesens geradezu kritischen Jahres 1890 dar. der redner lieferte nieht 
eine Übersicht oder Zusammenfassung der sattsam bekannten betehlBsM 
der Berliner schulconf erenz , sondern gab den eindruck wieder, den er, 
selbst teilnehmer, von dieser empfangen hatte, aus der ffiUe dee ge- 
botenen heben wir hervor: der mächtigste eindruck, wie natfirlieh, sei 
der der kaiserlichen reden am 4 und 17 december gewesen. xnnKcbst 
habe es auf alle, die zugegen gewesen seien, doch eine tiefe Wirkung 
üben müssen, den enkel und nachfolger so vieler könige mit lebendiger 
teilnähme und eindringlichkeit seine anschauangen und wünsche ffir 
die gestaltung des höheren Schulwesens unseres Staates aasspreehen la 
hören, bekannt sei es, dasz diese kaiserlichen werte mehr oder minder 
empfindlichkeiten wachgerufen hätten, auch er sei bei zwei stellen be- 
troffen gewesen, einmal da, wo die auflösung der realgjmnasien als der 
Stätten der halbbildung ausgesprochen worden sei, zum andern da, wo 
gegen die höhere schule die anklage erhoben werde, sie habe das ge- 
fecht gegen die socialdemokratie nicht von selbst eröffnet nnd bitte 
es seit 1870 an der pflege des deutschen einheitsgedankens fehlen lassen, 
was den kämpf gegen die socialdemokratie anlange, so habe die kaiser- 
liche schluszrede selbst die modification gebracht, welche sieh den 
Schulmann aufdränge: die schule könne die unmittelbare bekftmpfnnf 
dieser ansteckenden volkskrankheit nicht übernehmen; es handele sich 
darum, dasz man in mittelbarer weise die schUler stähle den eontagiösen 
Wirkungen der krankheit zu widerstehen, was am besten dadurch ge- 
schehe, dasz man sie befähigte die f^esellschaftlichen und staatliehen 
erscheinungen ernsthaft zu würdif^en, und dasz man ihren Charakter 
zu kräftigen trachte, so dasz sie das als richtig erkannte anch festsa- 
halten wissen, der zweite Vorwurf, dasz die schule seit 1871 den ein- 
heitsgedanken nicht gepflegt habe, sei ihr seines erachtens nicht mit 
recht gemacht worden, die schule, d. *h. die lehrerschaften hfttten viel- 
mehr in ihrer ungeheuren mehrzahl mit grosser freudigkeit den ge- 
denken an die neugewonnene einheit, an die neugeschaffene ordnnng 
der deutschen dinge in den seelen der schüler wirksam in machen ge- 
sucht; an manchen orten sei in redlichem eifer eher zu viel geschehen. 
er ersehne die zeit, wo schüler und lehrer das nationale gef&hl als 
etwas selbstverständliches, als die unentbehrliche lebensluft betrachtetaa 
und bei feierlichen gelegenheiten einfach das gefühl freudiger hingäbe 
an dasselbe gepflegt werde, noch werde die eiuheit von unserem volke 
gleichsam als ein ungewohntes, nicht als selbstverständliches empfnn* 
den; wir seien gewissermaszen über nacht eine nation in politiaehMi 
sinne geworden, ein weiterer der empfangenen eindrücke sei» dass 
man sich jetzt bei der neuordnung unseres Schulwesens nicht mehr rein 
kritisch verhalten dürfe, dasz nicht mehr 'harmlose plandereien' an der 
zeit seien, (redner erinnerte mit diesem ausdruck an eine reihe von 
vielbesprochenen aufsätzen eines rheinischen schulmannes, die unter 
dieser bezeichnung in der Kölniscfien Zeitung erschienen.) das natür- 
liche Interesse, das die nation an ihrem unterrichtswesen nehme* habe» 
unter allerlei einflüssen, eine meinung und Strömung hervorgemfen, als 
ob unser gesamtes höheres Schulwesen kranke, von irgend jemand sei 
gesagt worden, man habe da unserer nation einen gewaltigen hären 
aufgebunden, dasz unsere höhere schule einer radicalen Umgestaltung 
bedürfe, er stimme der äuszerung bei, aber der bär sei einmal da, und 
wir hörten sein brummen: die Berliner commission habe sieh zwölf tage 
redlich damit beschäftigt, diesem brummenden hären die besten worte 
zu geben, sehr zu bedauern sei, dasz solche commission von männern 
aus verschiedenen lebenskreisen nur einmal ad hoc zusammentrete und 
nicht häufiger; zwölf tage reichten eben aus den anfang der Verständi- 
gung zu finden, sich gegenseitig näher zu treten; als man angefangen 
habe sich zu verstehen, sei man wieder auseinandergegangen. wQrde 



Bericht über die 28e Versammlung des Vereins rhein. schulmänner. 107 

aber eine solche commission von zeit zn zeit znsammentreten, so werde 
sie in der that viel znr klärnng der fragen beitragen; dann wäre viel- 
leicht auch die lösnng der realgymnasial frage in anderem sinne erfolgt, 
er wolle sich nicht über alle beschlüsse der commission hier verbreiten: 
bedenken aber errege es, dasz die Stundenzahl an den höheren schulen 
vermindert werden solle; die classischen sprachen würden davon haupt- 
sächlich betroffen, ein bedürfnis dazu vermöge er nicht anzuerkennen, 
und zudem werde das lebensprincip des humanistischen gymnasiums 
durch solche minderung schwer getroffen; das wesen des gymnasiums 
beruhe eben darin, dasz ein Wissensgebiet mit einer groszen zahl 
stunden als centmm, als basis . gegeben sei. schnitten wir aber hier 
nnd da ab, so werde das gymnasium nicht mehr für die Universität, 
für die Wissenschaft im höchsten und strengsten sinne vorbereiten 
können, wenig erbaut sei er davon, dasz der Unterricht im deutschen 
'thunlichst' an Stundenzahl verstärkt werden solle, die äuszerung, dasz 
das deutsche den mittelpunkt des Unterrichts bilden soll, sei irre- 
führend, das deutsche sei ja viel mehr als dieser: es sei die luft, in 
der alles atme, der äther, in welchem jegliches unterrichten schwimme, 
deutsch sei alles, jetzt bildeten die deutschen stunden , die zwei und 
drei in jeder classe, die perle und kröne des Unterrichts; vermehre man 
aber die stunden, so laufe man gefahr, dasz der Unterricht sich schema- 
tisch gestalte, auf körperliche ertüchtigung sei viel zu geben; eine 
Vermehrung der tum lehr stunden aber sei nicht nötig; mit zwei stun- 
den eigentlichen Unterrichts habe man vollkommen genug; wohl aber 
sei zu wü]^schen, dass viel mehr als bisher geturnt, also gelegenheit 
zum freien tnmen und spielen geboten werde, doch dies sei eine geld- 
frage; dazu mfisten erst platze geschaffen werden und gerate; das übrige 
mache sich dann von selbst, was den Schularzt anlange, so sei er so 
frei denselben för unnötig zu halten; in vielen fällen werde sein amt 
eine sinecure und in andern eine lästige gesundheitsschnüffelei sein, mit 
genngthuung sei zu begrüszen, dasz wenigstens das gestreift worden sei, 
was die Universitäten ihrerseits thun könnten; die mittelschule sei der 
allgemeine sündenbock, dem man alles aufbürde, was in der kinder- 
stube und auf der Universität gesündigt werde; an die Universitäten 
wage sich niemand, vieles sei in der conferenz bestimmt worden, was 
den eindruck irrealer bedingungssätze mache; der Vordersatz beginne 
immer mit ^wenn geld da ist', es sei ja schön, dasz keine schule über 
400 Schüler zählen solle, dasz weiter für die einzelnen classen normal- 
nnd maximalziffern festgesetzt seien, aber es müste sich erst ein oÖTic 
oder ^i^tc finden, der das nötige geld dazu schaffe, derartige dinge 
würden wohl in absehbarer zeit nicht realisiert werden, schlieszlich 
bleibe noch der einwurf, den seine majestät schon selbst gemacht habe, 
dasz man dinge in die conferenz hineingezogen habe, die in parlamen- 
tarischer bebandlung hätten unfruchtbar bleiben müssen, beispielsweise 
gehöre dahin die frage, was die schule zur sittlichen hebung der schüler 
thnn könne, samt ihrer these von der vorbildlichen haltung der lehrer. 
dazu habe man nicht bis 1890 zu warten brauchen, um zu wissen, 
dasz die lehrer honnete leute selber sein müsten, um honnete schüler 
zu erziehen, mit freude sei es von der conferenz begrüszt worden, 
dasz man den einzelnen anstalten in ihren Stundenplänen nnd im unter- 
richtsbetrieb je nach ihren bedürfnissen eine gewisse freiheit lassen 
wolle, diese erklärung sei denn auch, wie die gedruckten Verhand- 
lungen auswiesen, sofort von der conferenz in einer resolution fest- 
genagelt werten, der Wortlaut derselben sei; 'die conferenz spricht 
der hohen königlichen schulverwaltung für die zu eingang ihrer be- 
ratungen abgegebene erklärung, in- den Stundenplänen nnd dem unter- 
ricbtsbetrieb den einzelnen schulen je nach besonderen bedürfnissen 
derselben eine gröszere freiheit und manigfalti^keit walten lassen zu 
wollen, ihren ehrerbietigsten und wärmsten dank aus in der Überzeugung, 



108 Beriebt über die 28e versammlnng des Vereins rhein. finhnlmlnmir. 

dasz gerade dadurch das höhere schalwesen in besonderem mmsie ge- 
fördert werden würde.' eine erfreuliche botschaft, sa der er sieli mar 
etwas mehr glauben wünschte, wenn man vielmehr sehe, wie die frei- 
heit, Individualität beim Unterricht immer mehr zarückgedrXiifft werde, 
dann beschleiche einen ein melancholisches gefähl; nieht als ob die 
vorgesetzten es wftren, die diese freiheit bedrohten, sondern das vor- 
gehen der Schulmänner selbst thue es , die «illzn künstlich ins eInselM 
ausgearbeitete, dogmatisch festgelegte methode. man spreche immer 
von lehrkunst, davon dasz die einzelnen stunden knnstwerke sein 
sollten, wenn aber die erziehung eine kunst sein solle, dann sei ein 
element nötig, das er die naivetät des Schaffens nennen möchte; dieser 
aber bleibe kein räum, wenn der lehrer statt des einfachen gedankeas 
'du must jetzt der Jugend diesen Wissensstoff vermitteln so gut da 
kann8t% mit dem gedanken eintrete 'du must jetzt eine stände geben, 
die man in den lehrgängen und lehrproben abdrucken könnte', das 
gebe kunststücke, keine knnstwerke. die frische, freiheit, anmittelbar- 
keit des Schaffens, deren die wahre kunst bedürfe, müsten bei soldisr 
methode schwinden, er komme zum schlnss : nur mit sorge sehe er da 
Zukunft des höheren unterrichtswesens entgegen; man seä überall ein 
schwanken, unruhe, Unklarheit; man suche nach neuen formen nad 
Organisationen statt das heilinder täglichen reformarbeit an saehea. 
in einer solchen versammlnng aber, wie die gegenwärtige, stärke oad 
erbaue man sich gegenseitig; aus diesen vereinig^gen würden wir 
das hinwegtragen, was uns über die Widrigkeiten der gegenwart hia- 
überhelfe! er hoffe, dasz auch unsere freunde von der realaehale 
wieder zahlreicher in der Vereinigung erscheinen würden, ans der sie 
nie hätten scheiden sollen, er sei kein gegner einer lebenden sehale; 
er beklage es, dasz die realgymnasialfrage eine gewissermaszen gewalt- 
same lösung finden solle; aber allerdings sei er ein gegner des reiüscbal- 
männervereins. die folge der agitation desselben sei, wie sich jetzt zeige, 
denn auch eine unglückliche; die gewaltsame lösnng der realschnlf rage 
hätte sich vermeiden lassen, wenn die realschulmänner mehr die ver* 
ständigung im kreise der fachgenossen gesacht und nicht das laientam 
oder vielmehr den dilettantismus zu hilfe gerufen hätten, im übrigen 
tröste er sich des gedankens, dasz, was auch immer kommen werde» 
es überall auf die ausführenden persönlichkeiten ankomme, so scblieese 
er mit den werten, die einst in einer schweren zeit, wo es sich nm 
noch ernsthaftere reformen gehandelt habe, gesagt worden seien: 'dass 
jeder stand so leben, regieren und sich halten solle, wie er es vor gotl 
und kaiserlicher majestät zu verantworten vertraue.' ein anszerordent- 
lieber beifallssturm zeigte den dank und die Übereinstimmung der an- 
wesenden mit den ausführungen des redners. 

Vor der weiteren durchführnng der tagesordnung lenkte gymnasial« 
lehrer Moldcnhauer (Köln, Friedr.- Wilh.-gymn.) die anfmerksamkeit 
der Versammlung auf eine ausstellung, die auf Veranlassung des Kölner 
Vereins für bandfertigkeitsunterrieht für knaben veranstaltet war. die 
auf mehreren tischen ausgelegten papparbeiten, kerbholzschnitsereiea 
und hobelbankerzeugnisse waren alle von knaben — elementarschftlem 
und gymnasiasten — verfertigt und durchweg mit Sauberkeit und fein* 
heit ausgeführt, einen zwan^sunterricht erstreben bekanntlich diese 
vereine nicht, sie wollen gelegenheit zur aneignung von handfertigkeil 
geben, die bedeutung solchen Unterrichts ist namentlich nach seiner er* 
ziehlichen seite nicht zu verkennen. 

Auf der letzten Versammlung unseres vereine war beschlossen worden, 
auf den groszeo, bei dem provincialschulcollegium liegenden schats von 
themen, welche von den einzelnen lehrercoUegien der provinz für die 
rheinische directorenconferenz vorgeschlagen sind, znrUckzugreifen nnd 
für unsere Versammlung nutzbar zu machen, diesem schatse von vor* 
schlagen, aus dem das provincialschulcollegium in dankenswertem enl* 



Bericht über die 28e versammlang des vereiiis rhein. schulmänner. 109 

gegenkommen dem Tereinsausschnsz zn schöpfen gestattet hatte, war 
auch das thema entnemmen, dessen bearbeitnng sich Oberlehrer Evers 
(Düsseldorf^ gymn.) unterzogen hatte: ^bedeutang des ehrgefühls bzw. 
ehrbegriffs im erziehenden Unterricht.' las ist schwer, dem gründlich 
durchdachten, eine unerwartete fülle von stoff darbietenden vortrage 
des Oberlehrers Evers hier irgendwie gerecht zn werden, dem zuhörer 
selbst wurde das Verständnis der ausführungen des vortragenden er- 
möglicht durch eine bis ins einzelne aufs genaueste durchgeführte dis- 
Position, die auf sechs groszen, enggedruokten Seiten vorlag und an die 
der redner erklärend anknüpfte, um dem leser eine Vorstellung von 
der art und weise der behandlung dieser ebenso interessanten als für 
die erzieher wichtigen frage zu geben, möge der erste paragraph der 
disposition, der Voraussetzungen zur frage der ehre im allgemeinen ent- 
hält, hier folgen: 1) die frage vielfach einseitig behandelt (Schopen- 
hauer, V. Kirchmann) ; neuerdings ins grosze publicum geworfen (Suder- 
mann). — 2) Schwierigkeit, reiz, bedeutung der aufgäbe, wenn man 
s. b. die ehrbeg^iffe vergleicht bei cannibalen, dnellanten, trinkern; bei 
leugnenden schülerverbindungen, streikenden arbeitern; anderseits bei 
beiden und weisen alter und neuer zeit; beim apostel Paulus (1 Kor. 
9, t5), beim heilande (Job. 8, 50) und (vermenschlicht) bei gott selbst 
(Jes. 42, 8). — Wo das gemeinsame? — Währ^d die para^rraphen 1 — 17 
die frage der ehre im allgemeinen behandelten, waren die Paragraphen 
18 — 60 der bedeutung der ehre im erziehenden Unterricht gewidmet, 
abschlieszend bemerkt der sechzigste paragraph: krönung von allem 
durch Schaffung guten gemeingeistes. pflege, leitung, erziehung des sich 
von selbst bildenden und oft verirrenden classen- und schulgeistes durch 
die lehrerschaft selbst, insbesondere director und Ordinarien, neben 
a) dem gesetz über den schülern, b) den lehrerpersönlichkeiten vor 
ihnen, kann c) dieser geist in ihnen eine pädagogische hauptmacht 
werden! einwirkung: unmittelbar nur durch die Ordnung § 30; sonst 
nur mittelbar, jedoch 1) möglich, sofern im zusammenleben der schüler 
in arbeit, spiel, gespräch, verkehr, erlebnissen, freuden und leiden der 
lehrer stets die hauptrolle spielt; 2) erreichbar durch ein- 
heitliches zusammenwirken der lehrer, je in den classen mit dem 
Ordinarius, in der gesamtanstalt mit dem director, a) im allgemeinen 
nach den gesichtspunkten § 41 — 44, ß) im besonderen durch pflege aller 
gegenseitigkeitsyerhältnisse zwischen lehrern und schülern. — 
Ob dies heute, ob in groszstädten und massenanstalten noch völlig er- 
reichbar? — Das ideal wäre jedenfalls: Solidarität, lebendigste Wechsel- 
wirkung der lehrer-, schüler- und schulehre unter einander! — Wie man 
sieht, war das von Oberlehrer Evers gebotene die disposition zu einem 
buche, möge es bald erscheinen; an aufmerksamen lesern wird es 
nicht fehlen, um so weniger, als die frage in der pädagogischen litte- 
ratur (Herbart, Niemeyer, Palmer, Schrader, Ackermann erwähnte Evers) 
und auf directorenconferenzen entweder nur gestreift oder in bestimmten 
punkten behandelt ist. 

Nachdem die Versammlung eine halbstündige pause hatte eintreten 
lassen, wandte sie sich dem weiteren punkte der tagesordnung zu: 
'discutables aus der letzten directorenconferenz.' auch hierzu war eine 
gedruckte vorläge verteilt worden, derjenige teil derselben, welcher 
an die frage der behandlung der grammatik und des lesestoffes im 
deutschen unterrieht anknüpfte, hatte folgenden Wortlaut: 

Nr. 8 der angenommenen thesen: 'die behandlung des deutschen 
lesestoffes hat zum zweck: a) lesefähigkeit, b) völlige auffassung des 
inhalts, c) mehrung des Sprachschatzes und sprach Vermögens der schüler, 
d) allgemeine geistesbildung, insbesondere sittlich gute gesinnung und 
Vaterlandsliebe.' 

Ist damit die aufgäbe der deutschen lectürestunden auf ihren richtig- 
sten und kürzesten ausdruck gebracht? 



110 Bericht über die 28e versammlang des Vereins rhein. sdmliiiliuier. 

Nr.. 20. 'der kanon der in den einzelnen classen xq erlemeadei 
g^edichte darf nicht so en{^ begrenzt sein, dass dorn lehrar nieht eise 
gewisse freiheit in der auswahl znstände.' 

Ist mit dem zweiten satzteil der erste noch vereinbar? iat ein kanoa 
überhaupt zu wünschen? 

Nr. 21. Mramen sollen frühestens in II gelesen werden.* 

Im correferat über den dentschen Unterricht ist der aatx ans der 
vorrede zu einem verdentschungswörterbuch angeführt: 'es bedarf kaoM 
des hinweises, dasz maszhalten in dem kämpfe gegen das fremdwörter- 
unwesen am besten den erfolg verbürgt, darum iat so lange vorsieht 
bei der Verdeutschung der ausländischen kunstansdrncke, welche in der 
schule allgemein im gebrauche sind, geboten, bis die deatsehen regls- 
rungen, wie zu hoffen ist, gemeinsam heimische Wörter dafür antwiUea.* 

Darf oder soll man diese hoffnung teilen? 

Nachdem diese vorläge zur besprechung gestellt war, begann sofoit 
eine lebhafte debatte, an der viele sich beteiligten, director Ziatisek- 
mann (Mülheim an der Ruhr, gymn.) konnte aus seiner teilnähme la 
der directorenconferenz heraus erklären, dass die damals in spiter 
stunde angenommene these 21 'dramen sollen frühestens in seconda ge- 
lesen werden' bedeuten solle 'dramen sollen mindestens schon in seennda 
gelesen werden', director Schmitz (Köln, k aiser- Wi Ih elm-gymn.) leigte 
die unglückliche fassung von 8b, wo 'völlige' anffassung des inhiuls 
verlangt werde; dann führte er zu 8d, wo für die behandlang des 
deutschen lesestoffes als zweck 'insbesondere sittlich gute gesinnimg 
und Vaterlandsliebe' angegeben ist, überzeugend ans, wie es sich hier 
um ergebnisse handele, die ungezwungen, still und langsam reilea 
müsten, wo alles gezwungene von übel sei. zu nr. 20 übergehend, be- 
merkte er: in dem begriffe kanon liege implicite die beschränknng ; wem 
solche da sei, dann sei keine freiheit mehr; nur neben dem kanon habe 
sie noch platz, prof. Stein (Köln, Marzellen-gymn.): in den leisten 
Jahren sei zuviel kanonisiert worden; neben dem dentschen gedichts- 
kanon habe man solchen für die geschichte und vielleicht bald für die 
geog^aphie; vorsieht sei in dieser sache geboten, der kanpn sei meisteM 
so gross, dasz keine freiheit mehr möglich sei. man müsse im gegen* 
teil nur eine kleine znhl von gedichten als kanon aufstellen, vierieieht 
nicht 15, sondern nur 6 oder 6. director Zahn (Moers, gjmn.): der 
kanon müsse so eng beschränkt sein, dasz daneben noch freiheil m5g* 
lieh sei. director Uppeukamp (Düsseldorf, gymn.) hält eine bestimmte, 
bindende auswahl von gedichten für nötig, damit nicht ein nnd die- 
selben beständig durch alle clussen hindurch zum lernen anfge|^ben 
würden; häutig genug komme noch dazu, dass es gedichte seien, die 
für die bildung des Vortrages durchaus nicht wirksam seien; so wisse 
er aus eif^ncr erfahrung, dasz das 'nächtlich am Busento lispeln- dnrch 
alle clnssen hindurch zum lernen aufgegeben sei. besser eigneten sich 
gedichte, wo der gegensatz von siun und vcrs Schwierigkeiten bereiteten. 
darum solle man wenig, aber streng binden. Zahn: wenn ein Vorredner 
einen kanon für etwas unnatürliches erklärt habe, insofern es vielleieht 
500 gedichte gebe, die alle sehr würdig seien von den schQlem ans- 
wendig gelernt zu werden, so liesze sich dem gegenüber dnreh den 
gesunden menschenverstand leicht finden, was zum kanon gehöre, wenn 
man jetzt zettel herumschickte, damit jeder anwesende die sechs schön- 
sten gedichte aufschreibe, so würde sich bald Übereinstimmung ergeben. 
damit die bestimmten gedichte lileibendes eifrentum der schüler würden« 
müsten sie durch alle classen hindurch wiederholt werden, für mehr- 
faches wiederholen des einmal gelernten sprach sich auch Uppen- 
kamp aus, indem er ausdrücklich feststellte, dasz er sich nnr dagegen 
gewandt habe, dasz man ein und dasselbe gedieht in verschiedenen 
classen wiederholt als ein neu zu lernendes behandele. Zietzsch- 
mann erklärte, wie man auf der dircctorcnvcrsammlnng zn dieser fav- 



über die 28e yersammlaDg des vereinB rhein. schulmänner. 111 

sr these nur deshalb gekommen sei, um notwendigkeit und frei- 
t einander zu vereinigen, für jede classe sollten etwa sechs 
e vorgeschrieben sein ; die auswahl der anderen, die daneben zu 
seien, solle dem lehrer freistehen, nachdem noch die herren 

nhauer, rector Fischer (Lennep, realprogjmn.)) Zahn, Jäger 
ihen und Oberlehrer Evers energisch die Unterordnung der sub- 
i freiheit des einzelnen lehrers unter die bestimmung der ge- 

lehrerschaft gefordert hatte, wandte sich die besprechung der 
II zu: 'dramen sollen frühesteus in secunda gelesen werden.* 
ber Jäger, der Uhlandsche und Körnersche dramen als eine 
ite lectüre für tertia empfiehlt, und gegenüber Schmitz, der 
ills den beginn der dramatischen lectüre in dieser classe ver- 
endet sich rector Brüll (Andernach, progymn.) : eine lectüre von 

in der schule sei dazu bestimmt, die schüler zu einem ver- 
s der dramatischen poesie zu führen, nicht nur einen inter« 
n Stoff vorzuführen. Moldenhauer widerspricht dem Vorredner 
[istatiert Zahn gegenüber, dasz zeit zu solcher lectüre in tertia 
srhanden. Brüll hält dem gegenüber an seiner ansieht fest, 
n Verständnis des dramas auf dieser stufe nicht zu erzielen sei. 

tritt für das lesen mit verteilten rollen ein. nachdem noch auf 
reg^ng hin mit recht bemerkt worden war, das Kleistsche schau- 
Prinz von Homburg' sei wegen der psychologischen schwierig- 

die es biete, nicht für tertia und untersecunda geeignet, führte 

die debatte weiter: man habe von Verständnis, tiefem verstand - 
I dramas gesprochen und doch handle es sich um etwas ein- 
ts, um die einführung in die dramatische poesie: man solle das 
zutiächst stofflich wirken lassen; metrum und gehobene spräche 
hinzu, um die Wirkung zu steigern, erst später gelte es den 

in höhere regionen hinaufzuheben, schon in der tertia könne 
3n Schüler dahin führen, dasz er die personen des dramas wie 
he betrachte, womit das Verständnis beginne, seine erfahruugen 
ie dramatische lectüre in tertia habe er bei Uhlands ^herzog 
on Schwaben' gemacht, er habe den Schülern den begriff tragisch 
erklärt, dasz es das bezeichne, was zugleich traurig und erhebend 
enn daran die frage geknüpft worden sei, was im Schicksal der 
en personen, des grafen Werner z. b., zugleich traurig und er- 

sei, so hätten die schüler das ganz gut herausbekommen, bei- 
?urde bei der besprechung des letzten, dem correferat über den 
len Unterricht entnommenen satzes die erklärung des Oberlehrers 
off 8 (Trier, gymn.], der versitzender eines Sprachvereins ist, 
3mmen. er entwickelte, dasz die wissenschaftlichen fremdwörter, 
h auch in den anderen gebildeten sprachen, also im englischen, 
tischen fanden, beizul^ ehalten seien, an beispielen, wie metrisch 
osodisch, parodie und travestie, die durch 'versmäszig', bzw. 
hafte umdicbtung' wiedergegeben worden seien, zeigte er, wie 
gend diese wiedergäbe sei. ganz lächerlich seien die versuche, 
(drücke der lateinischen und griechischen grammatik, wie supi- 
loristus, ablativus absolutus zu verdeutschen, nicht die fremd- 
auf dem wissenschaftlichen gebiet seien zu bekämpfen, sondern 
iliegende feld, die spräche des Umgangs und Verkehrs, falle den 
rereinen zu. auch beim sprechen brauche man nicht ängstlich 
remde wort zu vermeiden, wohl aber, wenn man schreibe, und 
esonders, wenn man drucken lasse. Moldenhauer: wir lehrten 
schule eine ortliographie, die im leben nicht angewandt werden 

wer beispielsweise von den abiturienten in den postdienst trete, 
seine Orthographie vollständig umlernen; das seien zustände, aus 
man auf die eine oder die andere weise heraus müsse, ebenso 
man endlich einmal mit der horrenden, durch das erlernen von acht 
Heu herbeigeführten unnötigen beschwerung der Jugend aufräumen 



112 Bericht über die 28e yersammlung des Vereins rhein. soholmiiiiMr. 

und die lateinschrift als die einzige einfähren. J&ger: dem gesagten sei 
beizustimmen, eine deutsche regierung habe eine officielle Orthographie 
eingeführt, ohne dasz derselben zur allgemeinen geltnng verholfen seL diei 
sollte warnen , durch eingreifen der- regiemng solche fragen regeln n 
wollen, hätte man die Orthographie von staatlichem zwange frei gehaltes, 
dann hätte sich die regelung von selbst weiter ergeben, so aber sei ast- 
lich jagd anf das h gemacht worden, und umgekehrt sei dann das maebtwort 
Bismarcks ergangen, rath nicht ohne h zu schreiben, thatsaebe sei, dsu 
unsere orthographischen Verhältnisse jetzt verworrener seien, als foriisr. 
an den falschen 'h* werde übrigens die nation nicht zu grnnde gehen« Mrt- 
willig aber werde die spräche mishandelt, wenn man sie mit lange nud sud 
von Wörtern, wie addieren, subtrahieren usw. säubern wolle, w&breod ei 
doch sehr erwünscht sei, dasz dafür europäische ausdrücke vorhandan 
seien, vollends aber sei es ihm ein greuel, wenn man, wie auf diesem bodes 
bekanntlich geschehen, zur beseitig^ng der fremdwörter nach der politei 
rufe, hier musten der vorgerückten zeit wegen die Verhandlungen abgebro- 
chen werden, der Vollständigkeit halber seien hier noch die thesen Te^ 
zeichnet, deren besprechung als ^discutables' noch ins ange gefasst wir: 

1) Die geographie ist eine selbständige disciplin und als solch«, 
wo es der ihr zugemessenen Stundenzahl entspricht, auch auf dem 
Zeugnis zu behandeln. 

2) Bei aufnahmeprüfungen für eine höhere dasse als sexta, bei dar 
Versetzung und der reifeprüfung ist auf die geographie gebührende rück* 
sieht zu nehmen, (was heiszt gebührend?) 

3) Die physische geographie darf nicht grundsätzlich vor der poli- 
tischen bevorzugt werden. 

4) Der Unterricht in der geographie beginnt mit der heimatknnde. 

5) Der Unterricht in der geographie musz in erster linie ansehaa- 
lich sein, daher müssen dem schüler diejenigen objecto, welche er ii 
der natur der Umgebung sehen kann, auch gezeigt und an ihnen dit 
entsprechenden begriffe klar gemacht werden, geographische anaflÜgi 
sind daher auf den verschiedenen stufen zu machen, (wie viele arten 
von ausflügen gibt es jetzt und welche weitere sind noch zu erdenken?) 

Der Vortrag des Oberlehrers £rn8t (Langenberg, realprogjmn.) ist 
für die nächstjährige Versammlung vorgemerkt, an stelle der sntxnngs- 
gemäsz aus dem ausschusz ausscheidenden herren rector Fischer und 
prof. Stein, sowie des verstorbenen prof. Kocks wurden rector Thomtf 
(Köln, höhere bürgerscbule), gymnasiallebrer Popp.elreuter (8i 
brücken) und rector Becker (Düren, realprogjmn.) gewählt. 

Nachdem die Verhandlungen mit halbstündiger pause gegen 
stunden gedauert hatten, wurden dieselben um 3 nhr durch ein echli 
wort des Vorsitzenden, der dabei an seine eingangsrede anknfipfte, be- 
endigt: ernster und bestimmter noch als bisher müsten die lehror Utk 
bei der erziehnng auf den boden des Staates stellen, früher habe es 
genügt, gute Privatleute zu erziehen; seit dem grossen umsehwnag aber 
des Jahres 70 und besonders seit der einführung des allgemeinen etina- 
rechtes gelte es, diese Jugend zu stählen für die kämpfe des öffentUehea 
lebens, sie zu Staatsbürgern za erziehen, die im stände seien, ihre stmat* 
liehen pflichten zu erfüllen, nicht ohne eine elegische Stimmung könne 
mun an die zeit zurückdenken, wo nur dumpfe laute der anszenweltan die 
schule gedrungen seien; anderseits aber hebe und stärke es unsere krifln, 
dasz wir unsere schüler nicht mehr für eine idealweit, für ein schwelgea 
im reich der ideen, sondern zum wirken für die deutsche nation so er- 
ziehen hätten, dadurch sei die Verantwortlichkeit der scbnle eine grossere 
geworden und heilige pflicht der lehrer sei es, hier im sinne der kaiserliebea 
Worte mitzuwirken. — In gewohnter weise vereinigte sich die grossere 
hälfte der mitglieder zum mittagessen im civilcasino, wo dann nach der 
anstrengenden thätigkeit die rheinische fröblichkeit zu ihrem rechte kam. 

Köln. Ferdimahd Stbix. 



ZWEITE ABTEILUNG 

FÜB GYMNASIALPiDAGOeiK UND DIE ÜBRIGEN 

LEHBFÄGHEB 

MIT AU88CHLU8Z DER CLA88I8CHEN PUILOLOOIE * 

HERAUSGEGEBEN VON PROF. DR. HERMANN MaSIUS. 



10. 

DER WEGFALL DES LATEINISCHEN AUFSATZES 
UND DIE DEUTSCHE AUSARBEITUNG. 



Mit dem 1 Januar 1892 ist auch in Sachsen der lateinische auf- 
satz als ziel- und prüfnngsleistung gefallen, die gründe, die dazu 
geführt haben , die frage , ob diese Veränderung zu beklagen oder 
meht, das alles ist hier nicht zu erörtern, wichtiger ist es, den punkt 
in der entwicklung unserer gjmnasien zu bestimmen, den diese that- 
Sache bezeichnet, und die folgen zu erwägen, die sich daraus für den 
nnterrichtsbetrieb überhaupt ergeben. 

Der Wegfall des lateinischen aufsatzes bezeichnet den abschlusz 
des verdeutschungsprocesses der alten lateinschule. schritt für schritt 
ist das latein seit dem 17n Jahrhundert aus dem praktischen gebrauche 
der schule zurückgewichen, die lateinschule, wie sie aus den bänden 
der homanisten und reformatoren hervorgegangen war, behandelte 
das latein nicht nur als den ohne vergleich wichtigsten unterrichts- 
gegenstand, sondern auch als fast ausschlieszliche Unterrichtssprache, 
zuerst im 17n Jahrhundert wurde ihm diese rolle bestritten, doch 
behauptete es sich bis in die zweite hälfte des 19n teilweise in der 
intevpretation , in lateinischen disputationen und andern Sprech- 
übungen, sowie im freien aufsatz. die neueren regulative und Ver- 
ordnungen beseitigten die lateinische interpretation und die lateini- 
schen Sprechübungen, die Unterrichtssprache wurde also allmählich 
allein die deutsche , und wenn der lateinische aufsatz noch blieb, so 
konnte das als der unorganische rest eines früheren zustandes er- 
scheinen, denn alle die lebendigen wurzeln, aus denen er natur- 
gemäsz erwachsen war, waren ihm durchschnitten worden. 

Wenn nun heute die unvermeidliche folgerung aus der Ver- 
änderung der Verhältnisse gezogen worden ist, so erhebt sich doch 

N. jfthrb. r. phil. u. pid. II . abt. 1892 hH. 8. 8 



1 14 Der Wegfall des latein. aufsatzes und die deatache aniaibeitiiqg. 

■ 

die frage, ob denn da doch nicht eine lücke entstanden ist, die 
irgendwie ausgefüllt werden musz. denn das beste » was der latei- 
nische aufsatz in der gegenwart bot, war ohne xiTeifel die nStigaqg, 
jeden gedanken in seinem wesen, alles böiWeilcä entkleidet, anfini« 
fassen and ausEndrücken. daftlr einen eraatz 2ii.aol94iFn TF^l^U 
durchaus empfehlen, aber auch darüber hinaus dfirfU em iMi 
unvermeidlich sein, galt do6h der lateinische au£sats lange zeit g^ 
wissermaszen als die blute der lateinischen gymnasialstadien, ili 
die ausschlaggebende schriftliche leistnng der abiturienten. 

Soll nun der deutsche aufsatz schlechtweg an die atalWiteten, 
also das leisten, was der lateinische bis jetzt geleistet hat oder wenig- 
stens leisten sollte ? vielfach ist das bereits frdher gefordert wordea. 
aber manche erhebliche bedenken sprechen doch dagegen, du 
deutsche hat zunächst zu wenig stunden , auch ist eine wetaotliehe 
erweiterung dieser zahl, mit ausnähme der obersecanda, nicht ia 
aussieht, genommen und schwerlich überhaupt wünschenswert, di- 
mit ist auch eine erhebliche Vermehrung der deutschen aufiBätxe am- 
geschlossen, sodann überwiegt in d^ oberclasaeB, diu hi&t alhia 
in betracht kommen, darohaus die form der abhandlung'. diese dir* 
Stellungsform ist zu einseitig und ehrlich gesagt auch zu wenig prak- 
tisch , denn die wenigsten schüler werden im späteren leben in die 
läge kommen, abhandlnngen zu sehreiben; was in den nMiBtai be- 
rufsarten gefordert wird , das ist vielmehr die fthigkeit, eisen f^ 
betonen stoff scharf zu erfassen und in seiner natürlichen gliedeinag 
darzustellen, auszerdem liegt vielleicht in der fbrdenmg, ^Baidä 
deutsche abhandlting die blute des gymnasialstadiams , die warn* 
gebende leistung in der reifeprüfung sein soll, geradem eine gefliAr, 
denn sie zwängt die doch sehr verschieden gearteten piHfliBge In cum 
Schablone, hinein , der manche widerstreben , in der sie dafaer aadi 
nichts recht befriedigendes leisten, obwohl sie sonst vielleicbt ganz 
tüchtig sind, endlich ist der stoffkreis für die denteeben mftlto e 
zu beschränkt, oder vielmehr zu einseitig, wenn die etoffe vor 
dem deutschen unterrichte, also aus der dentschen litteralnr 
sollen, thatsächlich werden deshalb gelegentlich sog. *allgemeiBe 
themen' gestellt, die sehr leicht zur phrasenhaftigkeit verleiteil vri 
oft bei dem schüler eine lebenserfahrung voraossetien , Mergv 
nicht haben kann , oder man greift in andere stoSkreise über, ftBe 
der lehrer des deutschen, wie es ja häufig der fall ist, nodi eiB ■■• 
deres &ch in der classe vertritt, gesteht aber doch anefa duut die 
Unzulänglichkeit der Stoffe zu , die sich ans dem devtschea «Bier» 
richte allein ergeben. 

Damit wird aber zugleich ein ausweg gezeigt, die dentaehe 
arbeit darf nicht allein auf die deutsche stunde und die in ihr be- 
handelten gegenstände beschränkt sein, vielmehr müssen mmIi an- 
dere fächer das recht erhalten , deutsche ausarbeitungen tn fotdeni, 
aber nicht in der form der abhandlnng , sondern in fr ei er e r weise 
und zugleich in weit kürzerer iassung. diese praxis befolgt muk an 



Der Wegfall dee latein, aufsataes nnd die deutsche ausarbeitang. 1 15 

den badieehen gymuasien Tind n. a. auch in Gieszen unter H. Schillers 
leitung, der im letzten osterprogramm yon 1891 darüber ausführlioh 
reobensobafi gibt, es eei gestattet, daraus das wesenÜiobste anzu- 
filhren. in Oiessen werden *freie arbeiten' neben den deutseben *aaf- 
tStaen' Ober gegenstfinde ans allen fKcbem und in allen classen ge* 
liefert, wir beracksiebtigen hier indes nur die drei oberolassen. von 
diesen bearbeitete die obersecunda 34, die unterprima 24, die Ober- 
prima 24 themeni und zwar aus der deutschen litteratur (in ober- 
seennda 5^ z. b. inhalt des ersten liedes aus der Nibelungen not, 
Ottnther» und Siegfrieds kämpf mit Brunbilde; in unterprima 6, 
z. b. wie teilt Lessing die fabeln ein? der cbarakter Justs; in ober* 
prioMk 1 : waB hat der dichter gethan , um die Sympathien der Zu- 
schauer für Maria eu eiohem?), aus dem lateinischen (in ober- 
secanda 7, z. b. des Glodins ermördung und bestattung, vergleich 
zwischen den reden Scipios und Hannibals vor der sohlacht am 
Teesin, inhalt des 4n bnches der Aeneis, erklftrung der lateinischen 
ansdrüoker für wfiblen; in unterprima 7, z. b. wie soll man wohl* 
thfttigkeit üben? nach Gic. de off., Zusammenhang und Verknüpfung 
der einzelnen sechs ßOmeroden, der bau einer periode aus der letzten 
kteiniachen olaseenarbeit; in oberprima 7, z. b. die gründe für die 
BoMatenmeutereien beim regierungsantritte des Tiberius, die ent- 
wioklnng Kölns im ersten christlichen Jahrhundert nach Tacitus, 
gedABk»nzatammenbang in Horaz carm. I 7), deüi griechischen (in 
oberseonnda 7 , z. b. das leben des Ljsias mit hervorhebung des in- 
halts der narratio der rede gegen Eratostbenes; Theramenes in den 
jähren 413«— 404; das haus des'Odjsseus; des Mardonius und des 
ArtaUanns ansichten über den feldzug nach Griechenland ; in unter- 
prima 7y z. b. gedankengang der dritten olynthischen rede; der 
tiefere gmnd des Streites der beiden kOnige im ersten buche der 
Dias ; entwioklung der handlung in Sophokles Antigene bis zu dem 
sweiten stasimon; in obeiprima 7, z. b. gedankengang der einleitung 
in Thukydides buch I ; gedankengang der leichenrede des Perikles ; 
wekhes ist der tragische gehalt der Antigene ?), dem französischen 
(ia obersecunda auf grund der lectüre von Bollin und Montesquieu 2, 
t. b. wie rechtfertigt Montesquieu Hannibals verhalten nach der 
scMaoht bei Cannae? in unterprima 5^ z. b. Vorbereitungen Wil- 
helms m auf den einfall in England, nach Gnizot; die folgen der 
normannischen ein Wanderung in England, nach Thierry; in ober- 
prima 5, z. b. vergünge in Vefsailles nach Neckers stürz, nach 
Migaet; warum unterlag der Johanniterord^n so leicht Bonaparte? 
nach Thiers) , aus der geschichte (in obersecunda 7 , z. b. höhe und 
fall der etrnskischen macht; Caesars reformen; in unterprima 2, 
z. b. die folgen der kreuzzüge für die einzelnen standesclassen ; in 
oberprima 4, z. b. in welcher weise hat sich in der ersten englischen 
revolution die schwSchung der königlichen gewalt vollzogen? was 
verstobt man unter merkantilsjstem?) , aus der geographie (nur in 
obersecunda 1 , die Alpen) und der phjsik (nur in obersecunda 5, 

8* 



116 Der Wegfall des Utein. aufeatzes und die deutdche aoiarbeitQiig. 

z. b. wie wird ein galvanoskop geaicht? erklämng der elektrischen 
einheiten des Ohmschen gesetzes). 

Verlangt werden also in Oieszen inhaltsangaben über gelesenes, 
beantwortong wichtiger fragen, die dabei aufsteigen, zergliederoBg 
eines längeren und schwierigeren gedankenganges , heraasarbeümig 
einzelner beziehungen aus dem gegebenen, Charakteristik hervor- 
ragender dichterischer und geschichtlicher Persönlichkeiten o. dgL 
mehr, bei allen diesen leistungen wird das hauptgewicht zu legn 
sein auf die scharfe logische entwicklung, die klare und sachgemiiM 
darstellung; das tenue genus dicendi, nach des alten Cato so oft u- 
geführtem und so oft unbeachteten satze : rem tene, verba seqnentor. 
damit wird alles phrasenwerk abgeschnitten , und indem die manig- 
fachsten gegenstände zur bearbeitung gelangen, erhftlt die indin- 
duellere anläge besseren und weiteren Spielraum, der deutsche auf- 
satz soll natürlich daneben bestehen bleiben, aber er könnte seltennr 
gefordert werden und dürfte dann auch zuweilen eine etwas om- 
fänglichere leistung sein, die den schüler womöglich veranlasste, 
sich tiefer in einen bestimmten gegenständ hineinzuarbeiten und 
ihm dabei dann und wann bis zu einem gewissen grade die frue 
wähl liesze. die erfahrung zeigt , dasz solche arbeiten , die ja auch 
schon jetzt gelegentlich vorkommen, von den schfllem banden 
gern und deshalb auch mit besonders gutem erfolge geliefert werden. 

Wie aber steht es mit der beurteilung der vorgeschlagenen 
'freien ausarbeitungen' ? ohne zweifei stehen hier zwei gesichts- 
punkte gleichberechtigt neben einander, der sprachliche und der 
sachliche, die beurteilung von döm letzteren aus ist natürlich aus- 
schlieszlich sache des faches, das die aufgäbe gestellt hat, musz also 
auch auf die fachcensur einwirken ^ die sprachliche leistung dagegen 
müste, obwohl sie selbstverständlich auch der .die aufgäbe stellende 
fachlehrer zu erteilen haben würde, die censur im deutschen be- 
einflussen, gewis liegt darin eine gewisse Schwierigkeit, indessen 
wird sie doch schon dadurch gemildert, dasz der lehrer des deutechen 
in der regel auch noch ein anderes fach vertritt, und sie wird wM 
ebenso zu überwinden sein , wie jetzt die ähnliche , dasz auch jetzt 
oft genug der Unterricht im lateinischen oder griechischen dichter 
in andern bänden liegt als die behandlung des prosaikers, oder dasi 
sämtliche lehrer einer classe sich über die censur im fleisz ond im 
betragen verständigen müssen, das zusammenarbeiten der verschie- 
denen fächer wird dadurch nur gefördert werden. 

Wird dies so gehandhabt, dann wird das deutsche , zumal da 
schon jetzt in den oberclassen die Übersetzung aus dem griechischen 
ins deutsche das alte specimen verdrängt hat, wirklich der niittel* 
punkt des gesamten Unterrichts werden , aber nicht die 'deutsche' 
stunde , und die ^blflte' der gymnasialstudien wird die schriftliche 
deutsche leistung sein, aber nicht der deutsche aufsatz im alten sinne. 
damit wäre die Verdeutschung' des gjmnasiums durchgeführt, aber 
durchaus nicht zum nachteile der antiken bildungsstoflfe, die im 



Der Wegfall des latein. aafsatzes und die deutsche ausarbeitung. 117 

gegenteil auf diese weise nur um. so besser zur Verwertung kommen 
würden. 

•Aber woher gewinnen wir die zeit für diese Übungen ohne eine 
Mehrbelastung der schüler^ die doch nicht beabsichtigt sein kann? 
zunBchst wird doch eine ziemlich erhebliche arbeitszeit frei eben 
dnreh den wegfall des lateinischen aufsatzes , der ja auch die kraft 
des lehrers durch die schwierige correctur auszerordentlich in an- 
sprach nahm, sodann wird man an die. stelle ein«r fremdsprachlichen 
aufgäbe dann und wann eine freie ausarbeitung setzen können, und 
endlich wird es kein unglück sein, wenn eine mathematische arbeit, 
die ohne zweifei bei den meisten Schülern einen sehr starken Zeit- 
aufwand beansprucht, gelegentlich durch eine ausarbeitung aus dem 
gebiete der phjsik abgelöst wird. Übrigens sollen ja diese ausarbei- 
tungen immer nur wenige Seiten umfassen, sie können also dann 
und wann z. b. in der geschichte geradezu an die stelle der fepeti- 
tiohen treten und zuweilen in der .stunde selbst angefertigt werden. 

Immerhin dürfte es sich für die sächsischen gjmnasien empfehlen, 
einmal die ganze Übung wesentlich auf die drei oberclassen zu be- 
schränken, weil eben in diesen der lateinische aufsatz weggefallen 
ist, sodann eine beträchtlich geringere zahl von ausarbeitungen an- 
zusetzen ^ als in Oieszen gefordert werden, jedenfalls wird es sich 
lohnen, einen versuch damit zu machen, nachdem die generalverord- 
nong vom 6 december v. j. den Vorschlag als beachtlich der erwägung 
anheimgegeben hat. 

Leipzig. Otto Kaemmel. 



(3.) 

ÜBER C0L0NI8ATI0N BEI DEN ALTEN HELLENEN. 

(fortsetzung and schlusz.) 



Was von dem politischen leben der Griechen gilt, ist auch von 
den wirtschaftlichen Verhältnisse!^ zu sagen.' die zustände im mutter- 
lande' wurden durch die befreiung von der übergroszen menschen- 
zahl^ durch die sich schnell erschlieszenden und immer weiter ver- 
breitenden handelsverbindungen, wie durch das einströmen von 
capitalien und entwicklung der gewerblichen thätigkeit völlig um- 
gewandelt, die drei factoren des wirtschaftlichen lebens, natur, 
arbeit und capital, standen am ende dieser epoche in einem ganz 
anderen Verhältnisse zu einander, als bei deren beginn, die korn- 
production war im mutterlande nicht mehr ausreichend und zum 
teil in die überseeischen gebiete verlegt, durch massenhafte korn- 
zufuhr aus dem Pontus, Sicilien und Ägypten, den drei wichtigsten 
komkammern der alten weit, muste die einheimische production so 
gedrückt werden , dasz grund und . boden im werte sank und der 
kleine besitz sich nicht mehr halten konnte, dazu stiegen die preise 



118 über colonisation bei den alten Hellenen. 

durch Vermehrung der edelmetall^. verschaldang and verkwif te 
baueiiigüter waren die folge davon, der adel sachte allerdings durch 
gesetzgebung seinen grundbesitz vor verkauf und serBi^itienuig n 
schützen und seinen bestand in form von miyoräten in bMtimmUr 
anzahl der guter zu sichern, was aber doch nur beweist, dasi er aoeh 
schon mobilisiert und in die freie bewegung des gQterlebena hinan* 
gezogen war. nicht selten warde das ackerland in der nSha gewerb» 
reiisher stfidte, wie Tarent und Milet, in Weideland verwandell, in 
es der Wollindustrie dienstbar zu machen and seine ertnigafiÜbigM 
zu steigern, an anderen orten, gieng man xam anban eintrlcUdMr 
handelsge wachse tlber ; wein und olivenöl^ wordeii wichtige ansfok^ 
artikel , besonders nach dem Pontus and Ägypten, so erkennt 
in der Solonischen Verfassung die steigende bedeatong des 
und Olivenbaues, da ein bestimmter ertrag die anwarts^Mft in .du 
höchsten politischen ehren gewährte, so gut wie die pioduetion eim 
gewissen maszes von körn, und upter der hersebaft des Peisistnloi, 
der die auswärtigen handelsbeziehungen begünstigte, soll der elives- 
bau in Attika seine höchste blute enreicht haben, aodi die edittli 
weincultur, die mit dem aufschwang des Bakcfaoscnltnsi eebKi 
mjsterien- und seiner poesie in enger Verbindung stand, fibtenicU 
minder auf das sociale leben einen tief greifenden einfluai ans« - dsr 
Weinbauer ist in anschauungen und charakter ein anderer OMBSth 
als der kombauer, da er zugleich auf kaufmännische untemehmuBga 
und speculationen hingewiesen ist. das leben wurde bewei^idhv 
und unsteter, der ackerbau hatte aufgehört, die vorhersehende grund- 
lage des erwerbes zu sein , und ein anderes geschlecht wuchs heran, 
das, indem es seine beschäftigungen änderte, auch seine sitten, seine 
Stimmungen, seinen charakter verwandelte, eine tiefe aufi^gnng 
begann die in ihrem besitz bedrohten oder nach neuem erwarb tnch- 
tenden massen zu erfüllen, sociale krisen und Unruhen , nicbt ohne 
communis tische begehrlichkeit, traten hervor, forderungen auf Schul- 
dentilgung und rückzablung der zinsen wurden laut, und in Megara 
geschah es, dasz das niedere volk, wenn die reichen ihm hieriniSdit 
willfahrten , in ihre häuser drang und gastereien an wohlbeseUter 
tafel verlangte, solche zustände sind auch nach der eiitdeckn^ 
Amerikas durch die Umwandlung des wirtschaftliclien lebens und 
Veränderung der preise bei uns nicht ausgeblieben, und die haunrn 
kriege beim beginn der neueren geschichte hatten tum grossen tsQ 
hierin ihren grund. 

Der andere wirtschaftliche factor, die arbeit, erhielt jetit 
bedeutende Verstärkung durch sklavenkräfte, die man aua den 
barenländern in masse einführte, xu der ackersklaverei der alten 
zeit, die aus eroberung hervorgegangen war, kam nun der gebraaeli 
der kaufsklaven hinzu. Chics brachte diese neuerung auf, und noeb 
später noch war die zahl der Sklaven auf dieser insel am grOstea. 
wie durch die entdeckung Amerikas eine neue form der skUvt 
aufkam, da man die neger zur Verstärkung der arbeit in die 



über colonisfttipii bei deu alten Hellenen. 119 

v^Veinfttturtr^, SkQ gesebab tUitkliehes. im damaligen Hellas» in allen 
fcmctelfistildteii worden die aduffe^ fabriken, comptoira mit sklaven 
l^ffit^t^v ^^»o.Mfal die der freie» bürger niobt selten w^t ttberti»f, 
d(W :baxi<Mab0trieb und die gewerblidbe tbäl^igkeit mußten so einen 
gtwaltigeA anbohwiaig gewinneii; eine rttokwirkung aol dae p^li* 
tiadie MM9& .konnte »i^bt/a^bieiben. indem die arbeitslast auf eine 
unfreie classe abgewälzt war, erhob sieb die untere eobiobt der freien 
be?ü^eiiing;tu.:eiiiem heberen AAVeaipLdds lebena, da sie die musze 
^c^tjedta«^] wabild^ngf.wie eie:&ttber:Piir der adeldclasee eignete, 
lUld inifc ibr^.di^.YOirbedingiuig gewuinf um sU einer höhcoren stufe' 
^•iHb'giafftuw nnd sn einer i:egeyen beteiligung am politisohen 
}<^lbm aa)£w$i)eigen;: das i^ultat: konnte nur eine auegldiefaung der 
g e$ ei tee lwfta(clfiw>i> im. demokcaliecbeh sinne sein, da gleiebariige 
Ittl^mffillPt^WidigatirdnroblmQbung der atandeauntetscbiede fUbrt« 
^e ^nßUbruligiiNr eklaterei in jen^ieit gewi&brte eomit grosse 
ifqri^l»f : Yrirffe aber dennotih. einen dunklen eohatteiii über die helle* 
niflck«: w^ti^: melebev^. sii(^, der liehtFollea cultareninioklung jener 
«^ unb^vollsknsQbHett^ 

a.i. :I^.0a|^Uld^ der :diitit0 Factor des wirteebeitliohenlel>ena; erfuhr 
Mjaniebr...diardb'jdim'kaad^l .und das einatrömen von edelnu^tallen 
aM fif^QJi^n Md. A4ien ,eint ge.waltige Verstärkung, die m.iUiapr8gu3]^ 
wnj49 naäk^^Torbild;4erBabjlonier. und Fhönikier allgemein einge^' 
fHbr^ki^iwnd indem 'das geldal^w aller gtttetr in gebrauch 

kwi^^ der lüierA :4er beweglicben habe erst aur Yollen geltung ge- 
brftobt« ;(di« wiohtiigsten. kandelsplKtse emtwiekdlten ihr . eignes mUnz- 
cgFStw^.'.tMilet i^cttgt^ naebiden babyloniBehen mttnzfuss^, dessen 
ivertieinhisiiNdaBrsilbdrtaletitiwar. .>auf JSoböa :g]«ng manaur gold* 
^^ügmg ttber^ und das iBubttiasl|e talent fand, im bfundelaT^riiefar w«tte 
verbrei<inng...iabeatf0 na^BMn Jkgix^ und Korintfa ihre« besondere steL- 
Jgngin.der mttatpriigiuig euut so zagen. Jen» aUidte gewiesermaasen 
donraneal^ieoeUnien diatob- das meer fiflr ihr handiriagebiet» worüber 
mftnebe 'nachbarliche fohdie gefiahirt isi die «nlegungivoa eapitalien 
im denioQjkoiiea gewObctä gcoszen gewinn und< trieb den zinsfusyi 
iia di^ bdiw* iw^ die geUwiiHisohaft in.Eorinth und in seinem 
glttaan. j^oloiiialgebiali:- hodi enimckelt war, lehrt die gründung 
woniEpidiattAea^ einer' Stadt ander illjtisdben küste* hier geeehah 
fH^, id»ob. Arislotekfi, daas die »geseasene htrgersehaft wie eine 
haiidislsgaaeUaebaft' mit gemeiaaamem. oaptlaltauf gemeinsehafiliohe 
nsobnong:: arhellete« sie' wihlte. jibrlieh. aue der mibte der ange- 
ashe^atea-bttifpsr einen oommissar, der mit seinem personal Ton 
freioni.nndiekksyen.im binnenland reiste und den markt besorgt«! 
aqFmreWusmdiegrteehiai^n manufaeituFen gegen die nsiorproduete 
(bdla-i metalLt yieh) umgeaetat wurden, die ganze coloinio, bemerkt 
£fi CSorldua» war «wie eine actiengeselkcibaft von capitalisten, die 
den grosshattdel als monopol in jhren bänden hatten^ ala in späterer 
imtSpidamnoslPo^Konnthem neu bev^Slkert werden sollte, wurden 
die Peld^nnesier auffordert, sich entweder persönlich oder durch 



120 Ober colonigation bei den alten Hellenen. 

eine geldeinlage an dem unternehmen zu beteiligen, die ansiedlimg 
wurde also als eine vorteilhafte capitalanlage angesehen , wobei alle 
ohne unterschied nach maszgabe ihrer einlage gewinnen aoUien. dan 
die capitalien sich gerne nach den colonien zogen , ist wohl erkll^ 
lieh , da sich hier ein weites feld für kaufmännische specalation dar* , 
bot und bei schnellerem Umlauf der gelder ein entsprechend hobar 
gewinn zu erzielen war. 

In den colonien überhaupt kamen alle factoren des wirtschift- 
liehen lebens zu erhöhter geltung und gegenseitiger durcfadringoiig. 
'die naturkraft bot sich in einem reichlich zugemessenen, nochut- 
verbrauchten ackerboden zu gewinnreicher ausbeutung dar. arbeiti- 
kräfte strömten aus dem mutterlande schnell herbei, hiermit scbof 
man grosze capitalien , mit diesen kaufte man wieder neue arbeiti- 
krttfte, d.h. Sklaven, so dasz die beiden letzten factoren in andauern- 
der wechselseitiger Steigerung des kaufmftnnischen betriebes dia 
herstellung complicierter formen des wirtschaftlichen und Boeialaa 
lebens bewirkten, die meisten der colonien waren in gegenden ge- 
gründet, welche durch ausgedehnte ackerfluren, ausnntzong tob 
fischerei und bergwerk^ durch handelsverbindungen alle bedingung« 
wirtschaftlichen gedeihens in hohem grade vereinten und so ema 
intensive! hoch gesteigerte cultur ermöglichten, wie solche im mutta^ 
lande bisher nicht zu erreichen war. bei solcher leichtigkeit des ar- 
werbs und fülle des äuszeren Wohlbehagens stellte sich als natQrlidia 
folge bald der den colonien eigne geist des materialismus , der aaf 
gewinn und genusz als des lebens höchstes ziel gerichtete sinn bermui. 
die groszgriechischen städte zeichneten sich im allgemeinen dureb 
edlere lebensgestaltung aus, doch auch hier bildete Sjbaris dordi 
seine übel berufene Völlerei eine frappante ausnähme, im kalender 
von Tarent standen mehr fest- als werkeltage verzeichnet« die Agri- 
gentiner, sagte man, bauen, als wollten sie ewig leben, und essen, 
als wollten sie morgen sterben , die leckereien der sicilischen tafal 
waren allbekannt, die pontischen und thrakischen stftdte hatten sieh 
der scjthischen trink weise ergeben und der Korcyräer ungebandena 
zttgellosigkeit kennzeichnete ein derbes unflätiges Sprichwort, neben 
dieser materiellen richtung tritt aber auch eine geistige regsamkeiti 
ein geist des prüfens und des forschens und eine erfindungskr»ft in 
der lösung neuer aufgaben hervor; der kaufmännischen specalation 
schlosz sich die wissenschaftliche alsbald an. was bisher f&r iiniui- 
stöszlich galt, wurde in zwei fei gezogen, init der heimat hatte man 
alle grun'dlagen des bisherigen daseins aufgegeben und neue mosten 
gelegt werden, deren zweckmäszigkeit erst nach vemunft und er- 
fahrung zu prüfen war. alle einrichtungen wurden hier vom gesichlt- 
punkt der nützlichkeit geprüft, was man im mutterlande gewöhn* 
heitsmäszig übte , muste hier erst in der praxis neue bereditignog 
gewinnen, und nur was rationell begründet war und in der erfahmng 
sich bewährte, konnte auf anerkennung rechnen, jede beschlftigimg 
ward hier zur kunst gesteigert, jede praxis fand ihre theorie.' es galt 



Ober colonisation bei den alten Hellenen. 121 

stSdte zu bauen, neue gesetze zu machen, aber auch die gym- 
k, die arzneikunde, die redekunst usw. möglichst rationell zu 
Ites. der geist suchte seine Überlegenheit an dem höchsten wie 
em alltäglichsten zu bewähren und fand ein vergnügen darin, 
pmndprincipien aller dinge und die seines eignen wesens ans 
zu ziehen, dieser geist des rationalismns ist es, den man recht 
lUich als den colonialgeist bezeichnen könnte, er kam vorzüg- 
der philosophischen speculation zu gute, wie der Seefahrer kühn 
e ferne steuerte und die weiten der erde erschlosz^ so erhob der 
ake den flug zu den höchsten problemen des daseins und den 
iipien , die das wesen der dinge bestimmen, die freude an der 
m erzählung vergangener dinge macht der forschung nach dem 
de des Werdens platz , statt der fesselnden erscheinung tritt die 
*e bedeutung der dinge in den Vordergrund der betrachtung. 
} bemerkenswert, dasz alle älteren philosophischen Systeme den 
lien, teils im osten den älteren, teils im westen den neueren, 
ammen. in Milet, am Mäander stand die wiege der abendlän- 
en Philosophie, von wo sie ihren weg durch alle civilisierten 
)r bis in die moderne zeit durchmessen hat, dies bleibt der 
iste ehrentitel Milets in der geschichte. Pjthagoras von Samos 
Lrug die naturphilosophie der älteren lonier auch in das grosz- 
ihische colonialland. er zuerst hat das bild eines weltganzen, 

kosmos, indem er physik, ethik und politik von einheitlichen 
htspunkten der speculation erfaszte. daneben entwickelten die 
ten eine scharfsinnige dialektik und Empedokles aus Agrigent 
)fte sein eklektisches System zum teil aus ägyptischer Weisheit, 
atomistische System des Demokritos aus Abdera wurzelte recht 
itlich in der colonialwelt, die doch selber aus der Verbindung 
Vermischung versprengter atome sich zu einem kosmos ge^ 
ete. Sinope am Pontos lieferte die philosophie des kynismus, 
ne die des hedonismus; jene suchte in der entbehrung der äusze- 
B^üter, diese in ihrem vollgenusz dad menschliche glück, man 
, dasz die grösten gegensätze der menschlichen anschauung 
n einander räum fanden und dasz mit Wenigen geographischen 
engraden auch der gesichtswinkel, unter dem die menschen die 
eben fragen betrachteten, leicht sich verschob, wie nun der 
ich sein nachdenken auf sein eignes wesen richtete ^ muste er 

die formen des denkens und die gesetze der spräche als des 
Qs der gedanken zu ergründen suchen. Tisias und Korax auf 
ien galten als die ersten ^ welche über rhetorik geschrieben und 
latürliche redeweise zu gesteigerter Wirkung zu erheben ver- 
ten. Gorgias von Leontinoi glänzte zuerst in der prunkvollen 

und indem er dem logischen process nachgieng und in seiner 
richtigen entfaltung die rede schluszkräftig zu einem bestimm- 
iel hinleitete , ward er der Urheber der sophistik , die er zuerst 
b seine lehrvorträge auch in Athen einführte, am ende der 
nischen culturepoche langte in der östlichen colonialwelt die 



123 Über colonisatioa bei den alten Hellenen« 

beredsamkeit durch die schule von Bhodos bei .einem fttnl i Aea 
schwulst und ttberladung der formen an, wie sie jenem Bophistoa 
sugeschrieben wird, nur auf der mitte ihres WQgea, in Ath^, ge* 
lang es ihr,, mit der entfaltung aller ihrer mittel «igleioh edle winU 
und maszvolle haltung EU behaupten. 

Unter den erfabrungswissenschaften muste dieULnder-UAdTSttttf* 
künde zu grossen fortschritten gelangen« mit der erweitemn|»deegeO' 
gi*aphischen horiaonts wandelte sich das bild der weit selber um, od 
die mjthisdie Weltanschauung Homers mit ihren fabeln uad wnideni 
ward nunmehr durch eine nüchterne ansohauimg der.wirUieUeit 
verdrängt, die in ihrer wahren natur su erforschen dem Kvet ein 
lohnendere au%abe erschien, als sie mit dem glana eriniUmitar wniidv 
zu schmücken, dem reisenden kaufmenn folgte der wistenschafUieko 
forscher auf dem fusze nach. Heeatäus von Milet durchreiaie dv^Tüf- 
dere Asien und sein kritischer raüottalismus, mit dem er diedioge.be» 
obachtete, ist für das ooloniale leben bezeichnend, das so geoiaimslti 
geographische, ethnographische und historische matorial geetelMi 
sich in der band eines Herodot, des vaters der geschiehie, sa einem JUt 
fassenden Weltbild der Völkergeschichte, d^ß für nna noeh henteeiiii 
qu^e reicher belehrung ist später noch hat Fytlieaa Ton Mawalii 
seine entdeckungsreisen bis zum fertienThule im norden nnrifedfilwt 
kartographische darstellungen waren schon firüfa inHileiim gebnid^ 
ähnlich wie im mittelalter die kartographie in Venedig alaAin ei^geb' 
nis seiner levantischen handelsbesiehungen und colomiegrOndaiiigwi 
erschien, und wie am ende des mittelalters deroh die flbegpoeiacbai 
entdeckungen nicht nur die ansichten von der geatalt der erde,.BOB» 
dern auch gleichzeitig durch die astronomischen stndien die anffM* 
sung vom Universum eine andere wurde, so geschah Khaliähaeim 
damaligen HelLss. Pythagoras schöpfte ans den jetronemiechuB 
kenntnissen der Babylonier und Ägypter und censtmierte eis weltr 
System von beweglichen , ni^ch mathematischen geaetsea gaordnelm 
Sphären, die Pythagoreer begründeten somit das erste aatronomisdbt 
System und sie giengen in dieser theorie so weit von der gewAs* 
. liehen vorsteUungsweise ab, nach welcher die erde der mittelpoBkl 
des alls ist, dasz sie in stufen weiser entwicklang snletai bei der ift» 
nähme der drehnng der erde um ihre eigne axe tmd um die aonnfl M* 
langten, freilich fehlte es den alten noeh an den mttteln»die briianp* 
tung des Eopernikus zur evidenz einer wissensohaftlieh «rwiMeMB 
Wahrheit zu erheben. 

Wie muste dies alles nun seine rückwirkmig auf dn religidee 
bewustsein ausüben? die mythische weltanschaunsg-war dnndi die 
neuen entdeckungen zerstört, die vergleichende betraditongdtr 
heimischen götter mit den fremden weckte den zweifei an den 
der bisherigen gottesverehrung. die philosophen suohtfln die volki* 
tümliche Vorstellung von den göttem rationell za erkliren «nd an 
die stelle der götter legende einen geläuterten gottesbegriff aa setaen. 
dazu kamen aus dem auslande neue religiöse anregungen, wie aaa 



über colonisation bei den alten Hellenen. 123 

ten die lehre von der Unsterblichkeit, der geelenwanderung, 
MTgritnug naefa dem tode mit ihren unerlSsslichen sehluszfolge« 
n fftr das leben im diesseits , deren sieh besondere die Pytha^ 
r als mner dogmatischen grondlage ihrto* ethik bemächtigten, 
tonten den leib das grab der seele , das jenseits schien eine 
e bedeutnng erhalten zu haben als das diesseits, das für Homer 
der Inbegriff alles lebens gewesen war. alle diese elemente, 

und altes, einheimisches und fremdes, mytheh und sjxnbole 
m durch relig^onsphllosophisohe speculationen zu einem theo- 
lehen System verbunden , das durch mysten($ee weihen und 
^he begehungeo in allerlei sOhnnngien und atreng geregelter 
»weiseaueh eine ftuszere rituelle einkleidung und einen gewissen 
iohen abechlusz gewann/ eo entstanden die mysterien, secten- 
abgeschlossene genossenaohaften, man unterschied Orphhohe 
^ythagorttische, deren anhfinger die möglichkeit eines flecken- 
Wandels und die anwartsdiaft «uf ein seliges fortleben im jen** 
gewonnen zu haben vermeinten« entstanden nicht auch ^m 
des mittelalters durch «j»kehr von dem verfiuazerlichten reli'' 
I leben die genossenaekaften der mystiker , die gleiehfalla eine 
e gotteserkenntnia'nnd eine läuteruttg - des sittliehen lebene 
weck hatten ? wenn es im altertum nicht feu einer reformation 
dlksglaubena und der officiellenetaatsreligion gekommen ist, 
le beim beginn der neueren zeit sieh baha brach, eo lag der 
i darin, dasz die religiösen dpeculationen einzelner denker 4em. 

unzugänglich blieben und sich^ statt auf miasion und {»ropa* 
k auszugeben, von vom berein in das dunkel geschlossener ge* 
laften mit ihren geheimlefaren zurückzogen, auch konnten sie 
lieht auf .eine göttliche uroffenbamngi wie die reformatoren, 
aon, die das volk doch vielmehr in den traditionellen myihen 
»gen selber zu finden genügt war. 

!^icht blosz die religiöse Phantasie, sondern auch die dichterische 
t durch die bewegung der zeit einen neuen; künftigen impuls. 
Jeannten epischen stoffe gewannen sich ein neues interesse, da 
mcher kühne Seefahrer selber eine Odyssee» eine Argonanten- 
in iabelhafber ferne erlebte, wie man zur zeit der kreuzzttge 
tofie, die Alexandersage, die Trojanersage hervorholte, um sie 
aer bearbeitung zum Spiegelbild selbsteorlebter schiicksale zu 
m , so geschah ähnliches damals in Hellas, die Argonauten- 
erweiterte ihren geograpbiBchen gesichtskreis über die colonien, 
irde beispielsweise von Korinth nach Korc^a verpflanzt, wo 
ason und Medea gelandet sein sollten. Eumrios, ein epischer 
r um 730, verherlichte die thaten der Eorinther, wie ein Gamoens 
)r Lusitanier und wüste die entlegensten punkte des korinthi- 
coloniallandes mit der mutterstadt durch sinnreidie mythische 

in beziehung zu bringen, doch mehr noch erregt in dieser 
BS Sturmes und dranges das hervortreten einer neuen poetischen 
lg der lyrischen dichtung die teilnähme, wie solche auch beim 



]24 Über colouisation bei den alten Hellenen. 

beginn der kreuzzüge neben dem herkömmlichen epos zur geltang 
kam. es wäre zu viel gesagt, wollte man die lyrische dichtnng aU 
ein product der colonisation bezeichnen, doch dasz sie an dieser einen 
wichtigen, fast unerläszlichen hebel gefunden, wird kaum zu be- 
zweifeln sein, es ist daher kein bloszer zufall, dasz .der erste nam- 
hafte Ijriker, Archilochos von Faros, unter den coloniegrfindem 
erscheint der einzelne risz sich aus dem gewohnten geleise des 
lebens los und wurde unter mancherlei mühen und gefahren der 
Schöpfer aeines eignen Schicksals, seines eignen glückes sefamied. 
der inhalt seines daseins war bedeutender und reicher geworden, 
aus dem kern der persönlichkeit trat die subjectivitftt mit gestei- 
gerter empfindung und erhöhter lebenskraft hervor, nicht mehr von 
den thaten alter beiden und vergangener geschichten mochte der 
dichter reden ; es drängte ihn , was ihn innerlich bewegte y zum ans- 
druck zu bringen, wodurch er im wechselnden spiel der Stimmungen 
und leidenschaften des eigensten, was er besasz, froh sich bewnst 
ward, dieser ausdruck subjectiver Stimmung wurde durch die ent- 
faltung der musikalischen technik unterstützt und erweitert, der 
gleichmäszig hinströmende flusz des hexameters wurde aufgeg^eben. 
in der künstlich gegliederten strophe schlosz der gedanke mit der 
musikalischen empfindung einen harmonischen bund und an dem 
wechselnden spiel der rhjthmen fand der bewegtere pulsschlag des 
lebens und seine auf- und abflutende Stimmung sein begrenzendes 
masz. an dieser neuen dichtart nahmen denn auch die colonien, die 
älteren wie die neuen , die Sänger von Lesbos , die chalkidischen in 
Sicilien, lebhaften anteil. endlich mag noch die idjlle als eine neue 
gattung erwähnt werden, sie entstand in Sicilien, wo das primitive 
hirten- und bauemleben den hintergrund zu einem hochcultivierten 
überfeinerten städteleben an der küste abgab und die Sehnsucht 
nach einfacheren naturzuständen erweckte, später fand sie in Ale- 
xandria, wo ganz ähnliche locale Verhältnisse bestanden, freundliche 
aufnähme und in Theokrit einen dichter, der ihr zur classischen Voll- 
endung verhalf, da die idylle somit zwei verschiedenen epochen der 
colonisation angehört, darf sie füglich im garten der griechischen 
poesie als ein colonialgewächs bezeichnet werden, dasz die bil- 
denden künste, besonders die baukunst, in den colonien einen erhöhten 
aufschwung gewannen, begreift sich leicht, die fortschritte in der 
mechanik und technologie, die anregenden eindrücke, die das kunst- 
reiche Ägypten gewährte, die zahlreichen anlasse, die sich zur ans- 
führung groszer bauanlagen darboten, bewirkten, dasz das künst- 
lerische vermögen auf diesem*gebiet zu schneller entfaltung gelangte, 
die Städteanlagen der colonien waren weiter und geräumiger, mit mehr 
bedacht auf Schönheit und gesundheit ausgeführt, der prachtbauten 
der Agrigentiner ward schon gedacht, die ruine des Neptuntempels 
zu Posidonia (Pästum) zeigt, welcher adel die griechische tempel- 
structur zu umkleiden vermag, während der daneben stehende tempel 
durch seine zu weit ausladenden capitäle sich wie eine schwülstige 



Ober colonisation bei den alten Hellenen. 125 

rbetorik in stein ausnimmt, die zu früb das recbte künstleriscbe masz 
abbanden kommen liesz. die münzprägung der groszgriecbischen, be- 
sonders acbäiscben Städte gibt einen beweis von der Vollendung der 
künstlerischen tecbnik, die oft vorzüglicher erseheint, als bei den 
münzen des mutterlandes, die gleichzeitig geprägt wurden, doch die 
neigung zum colossalen und überladenen scheint die reinheit des stils 
bald getrübt zu haben in plastik und baukunst, und die Vollendung 
der bildenden kunst hat als eine voll erschlossene blute erst das 
hellenische mutterland in der zeit nach den Perserkriegen gesehen. 
Die lehr- und wanderjahre der Hellenen giengen vorüber, die 
weit schien wieder zur ruhe zu kommen, doch wie die Griechen un- 
ablässig auf das barbarenland eingewirkt hatten, so erfolgte nun 
eine rückwirkung, als das mächtige Perserreich sich zu einem schlage 
gegen das hellenische mutterland erhob, in der abwehr einer groszen 
gefahr faszten sich die zerstreuten kräfte und die einzelnen strebun- 
gen zur einheit nationalen handelns zusammen, die langwierigen 
kämpfe, die hieraus entstanden, führten zur Schwächung und end- 
lich zum Untergänge des persischen reichs. Alexander erfüllte das 
sehnen der Griechen , die es längst nach einem neuen Trojanerkrieg 
gelüstete, die Übervölkerung in Hellas und die hieraus hervor- 
gehenden socialen nöte schienen eine colonisation in Eleinasien zu 
erfordern, deren umfang man nach osten zu bis Sinope und Elilikien 
bestimmte. Alexander gewährte weit mehr, er machte das wort des 
Aristoteles zur Wahrheit, dasz, wenn die Griechen nur einig wären, 
sie der ganzen weit gesetze vorzuschreiben vern^Öchten. was das 
hellenische volk in den tagen seiner Jugend sich gewünscht, das 
ward ihm im alter in fülle zu teil, nicht Troja, nicht lonien mehr 
war der preis, das ganze Perserreich, das ganze Yorderasien wurde 
die beute des siegers. am Nil , am Indus und am laxartes konnte 
der makedonische könig städte und Zwingburgen errichten, und 
diesen ungeheueren ranm erfüllte er mit seinen coloniegründungen 
— ihrer siebzig werden gezählt — , über welche sein groszer lehrer 
ein eignes werk verfaszt hat. sie waren knotenpunkte in dem natür- 
lichen netz der verkehrsstraszen und zugleich . militärisch wichtige 
posten , energisch pulsierende mittelpunkte des hellenischen lebens, 
wie Drojsen sie nennt, sporadisch in die barbarenweit ausgestreut| 
um die frucht abendländischer civilisation dem morgenlande zuzu- 
eignen, vor allen das königliche Alexandria , die neue hauptstadt 
Ägyptens, die erbin des Tyrischen handeis. im mittelpunkt der 
alten weit gelegen, gleich weit von den Säulen des Herakles wie vom 
Indus, von Äthiopien und vom Pontus in einem maximum der an- 
näherung der drei groszen continente, in einem Vereinigungspunkt 
der ganzen weit, wie Dio Chrysostomus sagt, im kreuzungspunkt 
der landstrasze von Babylon nach Carthago und der wasserstrasze 
vom Mittelmeer bis zum indischen ocean, in der nähe eines landver- 
bindenden Isthmus, wie Korinth, doch vor Korinth bevorzugt durch 
ein weites, fruchtbares hinterland und ein mächtiges Stromgebiet, 



128 Über coloniBation bei den alten Hellenen. 

das seine wurzeln bis ins innere des coniineBts hineinU^ibt } so war 
es zam mittelponkt der hellenischen weit bestimmt, w<AiB alle fftdoi 
des commerciellen aiid geistigen Verkehrs zusammenliefen. Alexatt- 
ders nachfolger, die Diadocben, wetteiferten in ihren reichen mit 
der grttnduBg zahlreicher stftdte. das n&chste Jahrhundert war von 
dieser rastlosen thfttigkeit erfttUt. so entstanden stftdte wie Antioohiai 
Pergamos, Seleocia, Ktesiphou; im sohosze des reiehtoms md der 
civilisation , durch königliche manificenz mit tempeln, theaterS| 
Säulenhallen und statnen geschmückt, welche dievollöidetete teeteik 
und die manig&ltigkeit aller stilarten aufwiesen, wohl die sofeOnsten 
stftdte, die je die sonne beschien, von ihnen strahlte eine reiche 
Cttltur ttber weite bezirke aus: die menschen vermischten üA mit 
einander, ihre götter verschmolzen sich in eins, das grieebisehe 
wurde das gemeinsame medium der verstftndignng, der hdleniBmna 
die kosmopolitische bildungsform, welche die ganse Ostliohe bemi» 
sphftre der alten weit umfiaszte, worin die nationalit&ten, ihre imtn^ 
schiede und gegensfttze erloschen, die alten gehftssigkeiten bOrtmi 
auf und wichen dem gefflhl der Verbrüderung, der Philanthropie imd 
humanitftt, eine Stimmung, welche die philosophisdie specnlatkni 
der zeit als deren köstlichstes gut zu pflegen und zu nfthr^d b^MIbi 
war. die Völker, sagt Plutarch mit gezierter rhetorik, wurden wie 
in einem mischkrug der liebe vermischt, eine zeit echter, wahrer 
mensohenliebe schien im anzuge zu sein. 

Ich verzichte darauf, diese vorgftnge und ihre ergebnisse im 
einzelneu zu schildern, sie würden uns in eine weit führen, 
überraschende fthnlichkeiten mit der modernen weit aufweist, 
mag es genügeUi in einem orientierendem rückblick auf die grosien 
gebiete, die unsere betrachtung durdilaufen hat, ihren inneren zn^ 
sammenhang im lebensgange des hellenischen Volkes noch nfther m 
bestimmen, die Völkerwanderung der Hellenen eröffnete das jagend* 
alter des volkee, dessen erste hftlfte wir als das knabenalter und die 
andere als das reifere Jünglingsalter beseichnen können, jenes erfüllt 
von der epischen , dieses von der lyrischen poesie. das letzte nahm 
die zweihundert jähre der mittleren colonisationsepoche ein. der 
drang in die ferne, das losreiszen von den herkömmlichen formen, 
die Steigerung der empfindung, der durchbruch der subjeotrvitftt 
kennzeichnen diese altersstufe, wo alle triebkrftfte ziqn aufWud» 
einer reicheren und krftftigeren lebensgestaltung zusammenschieeten, 
wo die individualitttt, ihrer selbst bewust werdend, nach dem ab- 
schlusz einer festen charakterform ringt, die zeit zwischen der zwei- 
ten und dritten Wanderung füllt das mannesalter aus, zuerst das 
Vollreife, krafterfüllte, dann das zum niedergang sieh neigende, sie 
verhalten sich zu einander wie thatkrttftige präzis und theoretische 
speculation. jenes ist erfüllt von dem ausbau der politischen Ver- 
fassung, der groszeo action der Perserkriege und der hegemonie 
Athens im Perikleisohen Zeitalter, dazu gesellt sich das drama, die 
dichtung der handlung, die zugleich die fülle sittlicher probleme 



über eolömeätioii bei den alten Hellenen. 127 

toftfasztj welche die «tellong des ehizelnen ixun schiokBal und zur 
sittlioheii weltordnuB]^ bedtimmen. auch die baukttnst erreicht in 
dieser teit ihre VoUettidtin^; eie bat das mit der etaatskunst gemein, 
dasz sie die -maB^oi darcn ein beherschendes gesetz zu bin^n nnd 
in eine rfaytiimisehe ordnong za verteilen gdemt hat. endlich er* 
sehliegzt aueh die plastische knhst ihre blüte, da sie in dem glücklich 
gewonnenen ebenmasz der teile die volle 8chön)ieit zur ^soheinung 
zu briBgeüireidz, ents];nreelsBlid der einzelbildung, die^nen sittlichen 
Charakter erstreiyt in dem gleichgewieht der persönlichen lebens- 
triebe tmd <ler schränken^ vroniit die objective weit sie umgibt. — 
Diaa weaen des mannes ist aufgeschlossenes geistesleben, dae sich 
zum handeln ün dienst groszw praktischer zwecke bestimmt, die 
Vernunft sitzt 'jetzt am Steuer -und prSgt allem thun ihr hOchetes 
gesetz auf. ^icht ein femliegei^des ideal wird erstrebt, sondern die 
idee, soweit 'thnnlich in die Wirklichkeit eingeführt, das griechische 
leben vollendete sich so in der letzten inteneiven duroharbeitung 
seiner anlägen und der guter, die ihm seine bisherige entwieklung 
sdxott eingetragen hatte, natur, gemftt und vemunft sind nach und 
nach zur entwieklung gekommen und ihre harmonische Verbindung 
bexeieixnet den bohepunkt menschlicher entwieklung und die ge- 
sHttigte r^fe der mannhnt. doch eben diese harmonie gieng nur zu 
bald in der zweiten httlfte des mannesalters seit dem zerstörenden 
peloponnesischen kriege verloren, der geist löste sich einseitig und 
abstract von den andern Seiten des menschlichen wesens ab, um in 
der abgezogenen Sphäre speoulativer reflexion eine einseitige steige^ 
rung sdner krafb zu gewinnen, das politische leben, ftlr den Griechen 
der trSger aller sitUicfaeai tUchtigkeit, geriet in heillose Zerrüttung. 
Philosophie ) geschiehtschreibung und rhetorik sind die gebiete, in 
welchen die verstandesthfitigfteit jenes Zeitalters vorzugsweise pro- 
ductiv erscheint, jene stellte der weit die ideale der pditik und ethik 
aus den erfkhrungen früherer zeit vor aiugen, die das gegenwftrtige 
gesdilecht nicht mehr zu erreichen vermochte; sie enthüllte damit 
Dur den klaffenden Widerspruch , der die Idee von der Wirklichkeit 
tteimie, ohne ihn überbrücken zu können, die geschiehtschreibung 
ö&ete den blick in die weite und breite des Völkerlebens und schärfte 
ihn für das Verständnis des innem Zusammenhangs der dinge, ohne 
doch die ziele der zukunfl; zu deuten und einen weg dafür mit Sicher- 
heit weisen zu können, während die rhetorik die einzelnen Vorgänge 
des büigerlichen und politischen lebeüs einer allseitigen beleuchtung 
unterzog, die dem logischen Scharfsinn und praktischen verstand zur 
entfaltnng reiche gelegenheit bot , doch zu leicht durch das partei- 
interesse verblendet zur dienerin selbstsüchtiger bestrebungen und 
niedrer leidenschaften herabsank. 

Als Alexander das halbe Asien eroberte und in die herscher- 
sitze der persischen könige einzog , da beklagten viele die fHiheren 
gesehlechter, welche diesen tag des glüekes und des triumphes nicht 
nfidhr geschaut hatten, die also dachten, ahnten nicht, dasz mit diesem 



128 Über colonisation bei den alten Hellenen. 

groszen erfolge das hellenische volk doch nur die schwelle seines 
greisenalters betreten habe, auch hierin sind zwei abschnitte su 
unterscheiden, zunächst das rüstige 'wenn auch nicht mehr prodne- 
tive alter, das aufgehäufte, reiche capital hellenischer.cultur wurde 
aufs neue flüssig gemacht und trug wucherische Zinsen , aber neue 
principien und schöpferische ideen traten nicht mehr ins leben, die 
geistigen kräfte waren noch klar und scharf, verstand, witz nnd 
geschmack sind überwiegend , während das phantasie- und gemttta- 
leben zurücktritt, oder gänzlich verkümmert erscheint, in den 
groszen centren des Verkehrs wurden die geistigen Schöpfungen aller 
früheren Zeitalter gesammelt und kritisch gesichtet, eine ästhetische 
Würdigung aller gattungen und der einzelnen werke begründet, der be- 
griff einer litteraturgeschichte entwickelt, der ertrag früherer lebens- 
Perioden wird gegenständ wissenschaftlicher forschung. der helle- 
nische geist läszt die erinnerung seines vergangenen lebens an eich 
vorübergehen, das inventarium des gesamten hanshaltes wird aof- 
gestellt, das testament für die nach weit abgeschlossen, wie die 
ägyptische Isis der sage nach die glieder des toten Osiris, welchen 
Tjphon zerstückelt hatte, wieder zusammensetzte, ohne ihn ins leben 
zurückrufen zu können, so hat die alexandrinische gelehrsamkeit 
die zerstre^uten glieder des göttlichen leibes, den einst die griechiBche 
Volksseele belebte, gesammelt, um wenigstens sein bild der nach- 
weit hinterlassen zu können. 

Erst mit dem siege Borns über die hellenistische weit im Osten 
tritt diese in ihre äuszerste lebensstufe eine^ wo zunehmende phy* 
sische und geistige erschöpfung an das bevorstehende ende mahnen. 
die letzten geistesfunken erscheinen und verglinunen, der einseitigen 
aufklärung aus der früheren epoche geht nunmehr ein bestreben 
nach einer tieferen, religiösen befriedigung zur seite, die man in den 
mystischen culten des Orients zu finden vermeint, und während ein 
gefühl von lebensüberdrusz durch die weit geht, erhebt sich halb 
gläubig, halb zweifelnd der sinn zur Vorstellung eines höchsten, gött- 
lichen , die weit umfassenden Wesens, mitten unter solchen specu- 
lationen breitet noch das Christentum seine neue lehre mit der gewis- 
heit einer göttlichen Offenbarung aus und dieser glaube gewährte der 
ermüdeten weit ein neues licht^ das auch über den tod hinausleuchtete, 
dann erst löscht der griechische genius die eigne fackel ans. — 

Mancherlei analogien zwischen den Wanderungen und coloni- 
sationsepochen in der alten und in der modernen weit haben wir im 
obigen gefunden, ist es erlaubt, diese parallele noch weiter zu 
führen, indem wir dem biologischen entwicklungsgang des griechi- 
schen Volkes, wie wir ihn soeben skizzierten und durch die drei 
groszen Wanderungen gliederten , auf die geschichte der modernen 
weit zu übertragen und die entsprechenden lebensstufen nach den 
gleichartigen vergangen zu bestimmen? — Die meisten werden es 
behutsam verneinen und eine schluszfolgerung auf so weit entlegene 
epocben nicht für statthaft erachten, doch unter dem vorbehält, 



über colonisation bei den alten Hellenen. 129 

dasz wir es biier nur mit einer construierenden betrachtung der dinge 
zu thun haben , die keinen anspnich auf zwingende beweiskraft er- 
hebt, mag ein solcher versuch den eingeschlagenen pfad bis zu seinem 
letzten ende zu verfolgen als ein harmloser ezcurs in das reich der 
Vermutungen das nachdenken wohl einen augenblick beschäftigen, wir 
meinen also, dasz die grosze, germanische Wanderung auch ein Jugend- 
alter unseres volkes eröfifnete; dessen erste hälfte die episch- heroische 
zeit im knabenhaften ungestüm des zertrümmems und im knaben- 
haften Ungeschick des aufbauens in patriarchalischen Ordnungen des 
Staats und der kirche in einem unentwickelten vernunftleben doch 
sinnig -naiver Weltanschauung verlief; dessen andere hälfte, die 
ritterlich- romantische zeit, die auch der lyrischen empfindungs weise 
gerecht wird, vom beginn der kreuzzüge bis zur Vollendung der 
groszen überseeischen entdeck ungen als das Jünglingsalter sich dar- 
stellt, es trägt dieselben charakteristischen merkmale, welche die 
entsprechende epoche im leben des griechischen volkes kennzeichnen, 
der abenteuernde sinn suchte die fernsten ziele und ungewöhnlichsten 
lebenslagen ; aus denen der einzelne reicher an kraft und erfahrung 
hervorgieng. die zeit des kindlichen anschauens war vorübef , die 
des praktischen zweckbewusten handelns noch nicht gekommen, 
aus der erregten gemütsweit gehen die impulse zu einer mehr stosz- 
weise als gleichmäszig wirkenden thätigkeit hervor, das selbst- 
be wustsein sucht sich in sich zu sammeln und zu verdichten, doch 
da es noch ganz in der gemütssphäre befangen, noch nicht von Ver- 
nunft und geist hinlänglich geklärt ist, so wird es zu einem medium 
für bunte prismatische farbenbrechungen , die einen täuschenden 
schein über die auszenwelt breiten und nicht selten auf das eigne 
streben irreleitend zurückwirken, es war die zeit der ideale, der 
Phantasien, der Illusionen, die volle reife 'des mannesalters trat für 
die abendländischen Völker seit den überseeischen entdeckungen 
mit der reformation und dem humanismus ein, worunter wir die 
emeuerung der gesamten ästhetischen und geistigen cultur verstehen, 
erscheinungen, die auch am ende des hellenischen mittelalters in 
analogen vergangen von uns beobachtet sind, diese epoche kündigt 
sich an mit einer neuen Staatenbildung und staatskunst, die den 
modernen begriff vom wesen und aufgäbe des Staates nach und nach 
zum bewustsein und zur realen Verwirklichung bringt. 

Gleichzeitig erwacht der dramatische trieb, die architectur und 
die übrigen bildenden künste treten mit überraschendem glänze her- 
vor, von Italien aus macht diese bildung der renaissance die runde 
durch ^ie abendländische weit unter verschiedenartiger beteiligung 
der nationen in Spanien, den Niederlanden, England und Frankreich, 
überall gipfelt die poetische Schöpferkraft in der gestaltung eines 
dramas von nationalem colorit und die angeborene culturanlage eines 
jeden volkes erscheint zur vollen männlichen reife erschlossen, auch 
in Deutschland hatte diese entwicklung am ende des mittelalters 
eingesetzt, es durfte mit Italien in den werken der architectur, der 

N.jahrb.f.phil.a.pftd. II. «bt. 1892 hft.S. 9 



130 Über colonisation bei den alten Hellenen. 

bildnerei und maierei wetteifern, doch ward sie hier durch den 
eigentümlichen gang, den die reformation nahm, und durch den 
darauf folgenden 30 jtthrigen krieg auf lange' zeit gehemmt erst Ter- 
spätet und nachtrftglich konnte der dramatische trieb, der sich schon 
in den kreisen der meistersftnger geregt hatte, zum durchbruch 
*kommen, zu einer zeit, wo die philosophische speculation bereits die 
geister beherschte. daher kommt es, dasz unser classisches drama nicht 
die originale frische Shakespearescher diehtung zeigt, .nicht die fiurbe 
angeborener entschlieszung, wohl aber des gedankens angekränkelte 
blässe trägt, seitdem haben philosophie, geschichtschreibung und 
rhetorik ihr werk reichlich unter uns gethan. die philosophie be- 
ginnt, wie schon oft bemerkt ist, ihren flug erst in der abenddämme- 
rung des yölkerlebens ; sie erscheint schon jetzt in einem zustand 
von erschöpfung, da sie ihre letzten ausfaserungen im materialismus 
und Pessimismus Tollzogen hat. die geschichtschreibung^ der stok 
unserer zeit, hat zur Voraussetzung ein manigfaches, aus allen 
Perioden reichlich zuströmendes material , ein geschärftes pragma- 
tisches Verständnis für den causalnexus und die Wechselwirkung der 
that&chen, eine philosophische auffassung, welche die groszen zu- 
sammenhänge der dinge bis in ihre letzt-en principien und leitenden 
ideen zurückzuführen bemüht ist und so gewissermaszen leib, seele 
und geist des geschichtlichen Vorganges zu einem gesamtbilde repro- 
duciert. je massenhafter der stoff herandrängt , um so mehr wächst 
die gefahr, der sie nicht immer entgeht, dasz sie im blo3zen sammeln 
und sichten des materials aufgeht, und schon genügendee für die 
erklärung gethan zu haben meint ^ wenn sie, statt composition und 
idee des gemäldes zu entwickeln, die leinwandfasem, worauf es ge- 
malt ist , zählt und seine farbenstoffe chemisch analysiert, die rhe- * 
torik, lange zeit bei uns Hur eine papieme, ist durch die Umwandlung 
unseres lebens auch in den mündlichen verkehr und die OffisnÜidien 
Verhältnisse übergegangen, wo sie durch das politische parteitreiben 
ebenso gefördert als gefährdet erscheint, die beredsamkeit ist an 
sich , wie Oregorovius einmal bemerkt , eine kunst sinkender leii- 
alter. soweit sind wir gelangt, das schwärmen von der ewigen 
Jugend unseres volkes mag billigerweise dichtem und Schönrednern 
überlassen bleiben, die gestaltung der gesamten äuszeren welÜage 
wie die Vorgänge auf dem gebiet des inneren lebens, des geistigen 
wie des socialen, weisen mit hinreichender deutlichkeit auf die stunde 
hin, bis zu welcher der lebenstag der modernen weit vorgerückt ist. 
wird sie auch noch eine dritte colonisationsepoche, der makedonischen 
ähnlich, erleben? es wäre allzu kühn, hierauf eine bestinupte ant- 
wort geben zu wollen. Buszland und England haben in dieser art 
mächtig in Asien vorgearbeitet, wenn die ^orientalische frage, die 
zuletzt doch auf den gegensatz jener beiden mächte in Asien sich 
zuspitzt, zur endlichen lösung gelangt, dann wird auch auf diese 
frage die geschichte die antwort nicht schuldig bleiben. 

Cabsel. Hellmuth Dondorff. 



6. Landgraf: lateinische schulgrammatik. 131 



(7.) 

LATEINIBCfBE SOHÜLORAMMATIK. GEARBEITET VON UR. GuSTAV 

Landgraf. Bamberg, gebr. Bachner. 1891. VI u. 246 s. 

Dazu: LITTERATURNACHWEISE UND BEMERKUNGEN, ebd. 56 8. 

(fortsetzung und schlasz.) 

In der Satzlehre wird zuerst die lehre von der congruenz be- 
handelt (§ 96 — 106). nachdem in § 99 von dem prädicate gesagt 
ist, dasz es a) durch das verbum finitum, b) durch ein adjectivisches 
oder substantivisches wort in Verbindung mit dem hilfsverbum esse 
ausgedrückt werde, fährt § 100 so fort: ^auszer esse werden eben- 
fallfi immer durch prädioatsnomina ergänzt die verba fio werde 
usw. doppelter nominativ.' ^immer' ist nicht richtig, be- 
kanntlich werden sowohl esse wie die andern verba auch als selb- 
ständige prädicate .gebraucht (est deus, tumultus fit u. a.). aber 
auch der ausdruck 'doppelter nominativ' ist trotz seines langen ge- 
brauches in den schulgrammatiken wenig glücklich, er verdunkelt 
die erkenntnis des sachlichen Verhältnisses und leistet einer mecha- 
nischen behandlungsweise Vorschub , zumal da die regel , dasz das 
prädicatsnomen im casus mit seinem subject übereinstimmen musz, 
noch nicht dagewesen ist , sondern erst § 101 folgt. Stegmann hat 
jene äuszerliohe bezeichnung vermieden, nach dem letzten beispiele 
aber des § 101, wier Socrates parens philosophiae dicitur, Numa 
Pompilins rex creatus est, musz ein jeder, dem es darum zu thun 
ist , seinen schülem den zusammenbang der erscheinungen klar zu 
machen, einen schmerzlichen risz empfinden, wie bequem stellte 
sich dnrch blosze Umwandlung des passiviscbeif satzes in den activen, 
die ebenso wie das umgekehrte für den schüler in mancher beziehung 
von bedeutung ist, daneben : Socratem parentem ph. dicunt, Numam 
rogem creaverunt! aber wir müssen uns gedulden, erst nach 12 
weitem §§ tritt in der casuslehre § 113 der 'doppelte accu- 
sativ' auf. über den ausdruck gilt dasselbe, was über den 'dop- 
pelten nominativ' gesagt ist. er ist aber hier noch um so verwerf- 
licher, weil unter ihm zwei ganz verschiedenartige dinge zusammen- 
geÜEiszt werden, nemlich 1) ein objectsaccusativ mit dazu gehörigem 
prädicatsnomen bei den verben 'nennen, wählen, halten^ u.a. (§ 113) 
und 2) ein doppelter objectsaccusativ, der person und der sache, bei 
doceo, celo usw. (§ 114). wenn man den ausdruck auf diesen zweiten 
fall beschränkt, so ist er zulässig | da hier die beiden aceusative 
.gleichartig sind, aber eben deswegen musz die anwendung des 
gleichen ausdrucks auf den ersten fall, wo die aceusative nicht 
gleichartig sind, ein richtiges Verständnis erschweren, dieser erste 
fall (Numam regem creaverunt) gehört auch gar nicht in die casus- 
lehre, denn der eine, von dem verbum als objecto abhängige accu- 
sativ steht bei diesen verben selbstverständlich, da sie (im lateini- 
schen wie im deutschen) verba transitiva sind, der andere aber, der 

9» 



132 



G. Landgraf: lateinische schnlgrammatik. 



prädicatsaccusativ, steht gar nicht in eigner kraft qua casoB, sondern 
wird durch das für den andern accusativ geltende gesetz mit be- 
h erseht, offenbar ist das nomen rez in Numam regem creayeront^ 
Numa rex creatus est, auch Numa rege creato stets in gleicher weise 
zu erklären, das gesetz aber, dem es folgt, ist nicht ein casusgesetx« 
sondern das gesetz des nominalen prädicats, als welches es sich nach 
seinem subject richtet, gleichviel, in welchem casus dies steht, wenn 
wir nun aber bedenken , dasz viele von den v^rben , die passivisch 
ein praedicativum im nominativ neben ihrem subject, activisch ein 
solches im accusativ neben ihrem object haben , verba dicendi oder 
sentiendi sind (wie dico, puto, existimo, indico, videor), und wenn 
man sich erinnert , dasz wir nach diesen verben auch im aoc 6. inf. 
den infinitiv als prädicatsnomen zu dem objectsaccusativ fassen zn 
müssen glaubten (vgl. das frühere), so springt sofort eine nene ver- 
knüpfungsreihe in die äugen. ofiFenbar stellt sich Caesarem dioo 
victorem neben Caesarem dico vicisse, und Caesar dicitnr yictor 
neben Caesar dicitur vicisse. die kategorien aber, welche alle diese 
ausdrucksformen beherscht, ist die des pr&diclitiven nomens 
oder des nominalen prädicats. darum ist zur erklftrung aller dieser 
Wendungen auszugehen von der einfachsten form des nominalen prft- 
dicats : Caesar est victor, und die entwicklung kann man paradigma- 
tisch so darstellen: 



Caesar est victor 

Caesar videtur victor 
Caesar dicitur victor 



Caesar videtur vincere 
Caesar dicitur vicisse 



Caesarem video Y^^torem — Caesarem video vincere 

(vinoentem) 
Caesarem dico victorem — Caesarem dico vicisse. 

Freilich ist das nicht so zu verstehen , dasz damit die sprach- 
geschichtliche entwicklung gegeben sei , aber es ist die einzig mög- 
liche logische entwicklung. und diese ist, wo sie sich mit jener ni<£t 
deckt, für die lehrhafte dar Stellung in der regel zu bevorzugen, wenig- 
stens wenn sie wie hier ein so klar durchsichtiges gebftude , eine so* 
notwendige Verkettung zeigt, dasz man kaum eine bessere, sehen 
für den jugendlichen geist geeignete gelegenheit zur logischen ver* 
Standesbildung finden kann.* 



* dasz das prädicative nomen die stelle einer wichtigen kategorie, 
die ihr von der grammatik von Lattmann-Mttller unter der Überschrift 
'nominales prädicat' von anfang an gegeben ist, verdient, hat an^ 
Schmalz in seiner lat. schnlgrammatik s. 143 ff. durchaus gewürdigt, 
nur hat er leider den rahmen zu weit gezogen und vieles hineingebracht, 
das engeren anschlusz an andere abschnitte hat. wenn daher J. Weis- 
weiler a. o. auch* das capitel im ganzen, dessen innere einheit er ver> 
kennt, nicht so hätte angreifen sollen, so ist seine kritik in manchen 
einzelnen punkten doch nicht unzutreffend. 



0. Landgraf: lateinische schulgrammatik. 133 

Der accnsativus cum infinitivo nach den früher besprochenen 
Verben gehört nun zwar eigentlich in ein anderes capitel. aber da 
es fOr die schule sicher nicht rätlich ist, das, was man unter der be- 
Zeichnung acc. c. inf. zusammenfassen kann und was im wesentlichen 
die gleiche form zeigt , namentlich bei der Verwandlung ins passiv, 
von einander zu trennen^ so ist es am angemessensten, dasz der acc. 
c. inf. nach verbis dicendi et sentiendi maszgebend für den platz 
in der grammatischen darstellung ist. die verba volo, nolo, malo, 
cupio u. a. würden sich also hier anschlieszen können. Landgraf 
sagt bem. zu § 164: 'die darstellung der construction der verba 
volo, nolo, malo, cupio beruht auf Stegmann.' er hätte wohl 
erwähnen können, dasz Stegmann (vergl. seine schulgrammatik 
§ 187,3) im wesentlichen die fassung von Lattmann- Müller § 83,1 
adoptiert hat. 

Doch kehren wir zur casnslehre zurück, in § 115 und 116 
'acensativ bei räum- und Zeitbestimmungen' ist zu tadeln, 
dasz der gebrauch dieses casus mit der präposition per hier gar 
nicht erwähnt ist, zumal da doch regnavit annos triginta und per 
annos tr. völlig gleichwertig ist. denn wenn man wie der verf. in 
den bem. s. 29 sich zu der ansiebt bekennt: ^abgethan ist die Vor- 
stellung zu betrachten, dasz die präp., sofern sie echt ist, . . .einen 
casns regiere, vielmehr ist der casus, unabhängig von der präp., 
der beziehungsausdruck zwischen verbum und Substantiv' usw., so 
darf man den gebrauch des bloszen casus und des gleichartigen mit 
der präposition nicht auseinanderreiszen. es wäre dadurch in dem 
langen abschnitt über präpositionen (s. 114 — 121) in § 151 aus 
nr. 20 per 1 und 2 fortgefallen. — Beim genitiv ist die einteilung 
des attributiven genitivs (§ 128) nicht gut. es werden als arten auf- 
gestellt : 1) gen. subjectivus, 2) gen. possessivus, 3) gen. objectivus, 
4) gen. appositivus oder definitivus, 5) gen. qualitatis. es ist doch 
natürlich und sonst auch wohl allgemein üblich, dasz gen. sub- 
jectivus und objeetivus zusammengestellt werden, aber die haupt- 
Sache ist, dasz diese beiden gar keine dem gen. possessivus usw. 
coordinierten arten sind, diese ausdrücke lassen sich nur anwen- 
den , wenn das Substantiv, von dem sie abhängen ^ einen verbal- 
begriff enthält, durch diesen erhalten sie ihren verschiedenen 
sinn 9 ihrerseits aber, als genitive, gehören sie zur art des pos- 
sessiven genitivs. denn in odium Herculis 'der hasz des H.' ist 
Hercnlis genau der gleiche genitiv wie in uzor Herculis. Her- 
cules hat den hasz und hat die gattin. aber ebensowohl ist in 
odium Herculis = 'hasz gegen H.' Herculis seiner art nach nur 
possessiver genitiv. auch dies bedeutet den hasz, den H. hat, 
insofern er gehaszt wird. gen. subjectivus und objeetivus lassen 
sich also nur als besondere anwendungen oder allen&lls Unterarten 
des gen. possessivus, wo er von einem Substantiv mit verbalbegriff 
abhängt, darstellen, sie aber mit diesem auf eine stufe zu stellen 
und noch dazu in jener anordnung, hoc est non dividere, sed 



134 G. Landgraf: lateinisohe Bcholgranimatikb 

frangere. eine solche division ist nicht geeignet, den jungen geist 
-logisch zu schalen. 

üin ähnlicher yorwnrf ist gegen die einteilong des conjunctiya 
inhauptsätzenzu erhebeni die ich daher gleich hier anschliessend 
besprechen will, es heiszt § 184 : 'der conjnnotiy bezeichnet den in- 
halt eines satzes als blosze annähme oder vorstellnng. er steht 
in hauptsätzen 1) als exhortativ ... 2) als optatiy ... 3) ala 
jussiv ... 4) als concessiy ... 5) als deliberatiy ... 6) als poten- 
tialis ... 7) als irrealis . • .' ich sehe dayon ab, dasx es nidlit 
richtig ist , die bedeutungen des conjunctiys (so wenig wie die dm 
ablatiys) auf eine gmndbedeutnng znrttckzoflUiren; denn da er ana 
conjuncüyischen und optatiyischen elementen znsaifimengewachBeiL 
ist , musz er mindestens zwei grundbedeutongen haben, aber nach 
der bloszen form sondert sich zunächst der Irrealis' yon den andern 
arten aus. der übrige gebrauch aber zerfällt durch den unterschied 
der negaüon deutlich in zwei gruppen. die erste , mit negation ne, 
läszt sich als jussivus bezeichnen, 'denn der *ezhortatiy' ist nur 
die anwendung des jussiyus auf die erste persoui wie der jossiT ond 
prohibitiy im engem sinne (§ 185) seine anwendung auf die dritte 
person. der 'optatiy' aber ist wiederum der jussiyus in seiner ab- 
geschwächten bedeutung in Wunschsätzen, die andere art, mit nega- 
tion non, ist der potentialis. denn der 'deliberatiy* ist ni^ts 
anderes als seine anwendung in fragen, es ist kein unterschied swi- 
sehen dem conjunctiy quid fiEicerem? den yerf. als deliberatiT, ond 
dem coiy. quis crederet? den er als potentialis bezeichnet, der 
'concessiy' wird wegen seiner abweichenden form (coiQ. perf. filr 
die yergangenheit) am besten für sich besprochen, die 'übertriebene 
anwendung grammatischer kunstausdrüoke', die yerf. an anderer 
stelle (bem. s. 35 zu § 177) scharf tadelt, hätte sich hier durch yer» 
meidung dreier bezeichnungen auf das notwendige masz einschrUken 
la^en. 

Es folgt die behandlung des wichtigsten casus, des ablatiys. 
hier ist es in hohem masze zu billigeUi dasz -yerf. auf grundlage yoB. 
B. Delbrücks abhandlung 'ablatiy, localis, instrumentaüUs im 
altind., lat., griech. u. deutschen' (1867) die yersohiedenen arten 
des abl. nach den drei grundcasus geordnet hat. nur auf diese weise 
ist es möglich , in die so manigfaltigen bedeutungen lieht und m* 
sammenhang zu bringen, während sie sonst als willkürliche ge- 
brauch s weisen planlos aneinandergereiht erscheinen, yerf. befolgt 
nun folgende disposition: 

I. der instcumentale ablatiy. 

§ 137—140 abl. instrumenti. 

§ 141 — 142 abl. causae. 

§ 143 abl. modi. 

§ 144 abl. limitationis. 

§ 145 abl. mensurae (discriminis). 



G. Landgraf: lateinische schulgrammatik. . 135 

II. der eigentliche ablativ. 

§ 146. 147 abl. separativus. 
§* 148 abl. bei natue , ortus. 
§ 149 abl. comparationis. 

III. der locale ablativ. 

Vorbemerkung. 

§ 150 abl. temporis« 

Da fUllt zunächst die reiche ausstattung der ersten gruppe in 
vergleich zu der zweiten und gar dritten auf. und während unter 
I und n die grundbbdeutung, die der benennung der gruppe am näch- 
sten steht, vorangestellt ist (abl. instrumenti und separativus), er- 
scheint unter III ^der locale ablativ' nach einer kurzen Vorbemer- 
kung , in der man auf alte locativformen aufmerksam gemacht und 
sonst auf die Ortsnamen (§ 154) verwiesen wird, nur abL temporis. 
der verf. hat zwei gesichtspunkte , welche die leitenden hätten sein 
müssen, nicht genügend berücksichtigt, zunächst musz ich ihn 
wieder an die auch von ihm gebilligte richtige auffassung von den 
Präpositionen erinnern, von der beim accusativ die rede war. nach 
dieser steht der casus auch in Verbindung mit einer präposition 
in eigner kraft, die durch die präposition zwar verstärkt, verdeut- 
licht oder verschieden schattiert werden kann, nicht aber durch sie 
ihm erst verliehen wird, dann ist es aber im principe gleichgültig, 
ob der casus mit oder ohne präposition steht, gleiche oder ver- 
wandte bedeutungen gehören zusammen, einerlei ob piit oder ohne 
präposition. ja, streng genommen müste das ganze capitel über die 
Präpositionen aus den grammatiken schwinden und unter die casus* 
lehre verteilt werden, dem steht jedoch entgegen, dasz die bedeu* 
tung eines casus durch eine präposition oft eine eigentümliche ^ von 
seinem sonstigen gebrauche etwas abweichende richtung erhält, 
oder auch, dasz der casus in Verbindung mit einer präposition eine 
alte bedeutung bewährt hat, die ihm sonst abhanden gekommen ist. 
diese sei es rudimentären organe , sei es protuberanzen der bedeu- 
tungen der casus kann man nun unbedenklich unter einem capitel 
über Präpositionen zusammenfassen, was aber von dem gebrauch 
eines casus mit präpositionen mit seinem gebrauche ohne präposi- 
tionen sich irgendwie berührt oder verknüpft, ist unbedingt unter 
dem gebrauch des casus zu besprechen, was L. dieser art an abla- 
tiven mit präpositionen bietet (§ 143. 146. 148. 150), ist unzu- 
reichend, daraus erhellt, dasz die klaffende lücke unter III so aus- 
zufüllen war: 1) ablativus loci in der regel mit in, ohne in gewisse 
Ortsnamen, locus, totus usw. 2) abl. temporis. zweitens aber ver-. 
miszt man in der einteilung oben klarheit über das Verhältnis der 
einzelnen bedeutungen unter einander; auch in dem texte der §§ 
wird sie uns nicht gegeben, vom abl. causae heiszt es § 141: 'der 
ablativ bezeichnet häufig eine sache als grund . . , und steht auf die 



136 G. Landgraf: lateinische Bchulgrainmatik. 

fragen: infolge wovon? woran? weshalb?' kann man daraus seinen 
Zusammenhang mit dem abl. instrumenti, der doch die grundbeden- 
tung dieser gruppe darzustellen scheint, erkennen? wie unterschei- 
den sich überhaupt die drei grundbedeutungen von den abgeleiteten? 
was den localen ablativ betrifft, so dürfte das wohl allgemein zuge- 
standen werden, dasz der ursprüngliche sinn des locativus ein rftam- 
lieber war, und dasz dieser in übertragener bedeutung von der zeit 
verstanden wurde, das wo? vom räume wird zu einem wann? von 
der zeit, es ist auch natürlich, dasz die sinnliche räumliche anschau- 
ung die grundlage bildete für die abstracto zeitliche Vorstellung, so 
aber ist es nicht nur hier, sondern auch bei den beiden andern 
gruppen. auch das woher? und das womit? sind in der grundbedeu- 
tung des ablativus und instrumentalis sinnlich r&umlich zn verstehen, 
daher musz an der spitze des eigentlichen ablativsder abl. separativus, 
aber nicht bei den verben 'berauben , mangel haben' (veif. § 146), 
sondern bei den verben 'entfernen, trennen, sich entfernen, fern- 
halten' (§ 147) stehen , wo seine eigentliche separative bedentong 
am klarsten hervortritt, dasz er hier gern mit pr&positionen steht, 
kann die nicht beirren, welche wissen, dasz 'unbeschadet der vollen 
formalen und bedeutungskraft descasus, dasselbe Verhältnis, wel- 
ches durch den casus allein ausgedrückt wurde, in der präposition 
. . . nur entschiedener zum ausdruck gebracht wurde' (vgl. verf. 
bem. s. 29). aber ebenso wenig stellt der abl. instrumenti die grund- 
bedeutung dieses zweiges dar. Delbrück sagt a. o. s. 50 ganz mit 
recht: 'der' grundbegriff des instrumentalis aber ist der des Zu- 
sammenseins', und stellt an die spitze (s. 51) den 'sociativen instru- 
mentalis'. ebenso Withney Sanscrit grammar 278. so war im 
lateinischen voranzustellen 'der sociative ablativ'. dasz dieser wie- 
derum fast nur mit präposition (cum) gebraucht wird, durfte nicht 
dazu führen , ihm den gebührenden platz zu entziehen, es ist auf- 
fällig, dasz verf. jenen klaren satz Delbrücks unbeachtet gelassen 
hat. sollte er ihn nicht billigen? ich fürchte eher, hier haben andere 
er wägungen mitgesprochen, es ist lange in den schulgrammatikini 
üblich gewesen , mit dem abl. instrumenti oder dem abl. causae zu 
beginnen und jenem oder diesem dann eine möglichst weite anffas- 
sung zu geben, es schien sich dies auch dadurch zu empfehlen, dasz 
der abl. instrumenti insbesondere dem anfönger am leichtesten üasz- 
lieh ist und ihm in seinem lese- und übungsstoff zunächst wohl am 
häufigsten begegnet, aber diese bevorzugung der einen art des abl. 
hat den groszen nachteil gehabt, dasz nun — wie wohl mancher es 
noch als schüler erlebt hat — alle möglichen ablative als abl. instru- 
menti erklärt wurden , die nichts damit zu thun haben, noch heute 
trifft man die neigung des schülers, jeden ablativ mit 'durch' zu 
Obersetzen, ziemlich häufig, der ausgedehnte gebrauch des abl. instru- 
menti aber darf nicht dazu verleiten , ihn an die spitze zu stellen, 
wenn ihm dieser platz in einer rationellen entwicklung der bedeu- 
tungen des abl. nicht gebührt, will man ihn praktisch zuerst be- 



G. Landgraf: lateinische schulgrammatik. 137 

sprechen, so ist es dem schüler auch einerlei, ob man ihn am anfang 
des ablativs oder in der mitte oder am ende, in § 137 oder § 150, 
findet; denn das ganze übersieht er jetzt doch noch nicht, auch geht 
wohl überall der grammatik ein elementarbuch voran, welches die 
einfachsten gebrauchsweisen des abl., besonders abl. instrumenti, 
auch abl. temporis, lehrt, so dasz die grammatik um so mehr die 
aufgäbe hat, diesen einzelnen gebrauchsarten nun ihren rechten platz 
in einem entwicklungssjstem zu geben, dieser ist aber für den abl. 
instrumenti nicht am anfange , sondern am ende seiner grüppe, wie 
auch Delbrück den ^instrumentalis des mittels' ans ende stellt, dem- 
nach sind die drei köpfe so darzustellen: 

abl. sociativus abl. separativus abl. loci 

mit cum. häufig mit ex , de , — ab. mit in. • 

Ich wiederhole nochmals, dasz uns der umstand, dasz gerade 
diese arten des abl. fast nur mit präpositionen gebraucht werden, 
nicht beirren darf, und sollte das zufall sein? freilich unterliegt 
es keinem ziyeifel , dasz ursprünglich der casus allein, ohne prttposi- 
tion , seinen sinn klar darstellte , wie denn im sanskrit der besser 
sociativus als instrumentalis genannte casus auch ohne präposition 
in seiner grundbedeutung des Zusammenseins gebraucht wird , z. b. 
agnir dev^bhir ägamat = Agnis möge mit den göttem .herankom- 
men, aber wenn, wie nicht zu bezweifeln ist, die präposition dem 
casus hinzugefügt wurde, um seinen sinn zu verstärken oder zu ver- 
deutlichen, so kann dies nur geschehen sein, als seine bedeutung 
schon anfieng sich zu verdunkeln oder ins schwanken zu geraten, 
dies geschah aber zunächst dadurch , dasz die ursprüngliche, sinn- 
lich-räumliche bedeutung des casus auf allerhand andere Verhält- 
nisse, insbesondere auf das geistig-abstracte übertragen wurde, da 
wurden die präpositionen als stützen der grundbedeutung zu hilfe 
genommen , wie denn auch im sanskrit *the ptepositions taking the 
instrumental are those signifying with and the like: thus, saha, 
säkam'. Withnej Sanscr. gr. 284 (beide «» cum), also gerade in 
dem gebrauche mit präpositionen zeigen sich die grundbedeutungen 
des lat. ablativs am meisten, aber der ausdruck mit der präposition 
blieb nicht auf das sinnlich-räumliche beschränkt, sondern eroberte 
sich ein^ wenn auch enger begrenztes gebiet abstracter, übertragener 
bedeutung. dadurch wurde der gebrauch des bloszen casus ent- 
lastet und konnte sich auf ein weiteres, freieres geistiges gebiet 
ausdehnen, so wird die präp. cum auch mit der übertragenen be- 
deutung des abl. sociativus verbunden , in der er den begleitenden 
umstand, die art und weise bezeichnet, ebenso kommt im sanskr.. 
saha mit dem sociativus vor, z. b. uttlshthan öjasä sahä =» exsistens 
(snrgens)- cum violentia (s. Delbrück s. 68). aber die bedeutung des 
mittels oder Werkzeugs hatte sich von der sinnlichen grundbedeu- 
tung zu weit entfernt, als dasz die präposition hier hätte eindringen 
können, daraus ergibt sich, dasz der grundbedeutung zunächst die 



138 6. Landgraf: lateinische schulgrammatik. 

bedeutuDgen zu stellen sind, welche noch mit präpositionen. yer- 
banden werden können , am fernsten dagegen die , welche eine priU 
position nicht mehr zulassen, auf den abl. sociatiruB hfttte daher der 
abl. modi, und zwar mit Voranstellung seines gehraaches mit com, 
auf diesen der abl. instrumenti folgen müssen, und an diesen hätte 
sich der abl. discriminis anschlieszen können, der nur eine besondere 
anwendung des abl. instrumenti (beim comparativ) ist. der abL 
qualitatisi welcher dem abl. modi am nächsten steht, ist vom Torf. 
mit dem gen. quäl, behandelt, dann bleiben aber von den Tom Terl 
unter I eingereihten arten noch übrig abl. caosae und shl. limita- 
tionis. um diese richtig zu beurteilen, bedarf es noch einer andern 
erwägung. 

Im sanskrit, wo die drei casus ja noch gesondert vorliegen, sind 
ihre gebiete keineswegs scharf von einander geschieden, so wird 
von der zeit auf die frage *in welcher zeit?' sowohl der locativ, 
wie der instrumentalis , wie der ablativus mit geringen bedeutongs- 
unterschieden gebraucht (s. Withnej a. o. 281 d. 291b. 302 b); bei 
den verben 'sich erfreuen' (wie ran, mad) steht die sache, woran man 
sich erfreut, sowohl im locativ wie im instrumentalis (s. Delbrück 
8. 38 und s. 65); der grund, die veranlassung wird sowohl durch 
den ablativ wie durch den instrumentalis ausgedrückt, z. b. ^aknomi 
brihattvät (abl.) ceshtitum *ich kann mich vor grösze nicht regen' 
(Delbrück s. 17), tvad bhiyS (instr.) vi9a äyan asiknih 'ans furcht 
vor dir flohen die schwarzen scharen' (ebd. s. 67). es ist auch ganz 
natürlich, dasz gerade ein abstracter begriff von verschiedenen sinn- 
lichen grundanschauungen aus gewonnen werden konnte, wie oft 
zeigt sich das beim vergleich des deutschen ausdrucks mit dem latei- 
nischen! der Lateiner sagt ex vulnere aeger (Cic. de rep. 11 38) 
ablativiscb, wir 'krank an der wunde' locativisch. nur daraus er- 
klärt es sich auch , dasz jene alten drei casus im lateinischen ihre 
verschiedenen bedeutüngen auf eine form vereinigt haben, deshalb 
wird es in einigen fallen zweifelhaft bleiben, ob eine übertragene 
bedeutung dieser oder jener grundbedeutung unterznordnen ist. ja, 
es ist wahrscheinlich , dasz von den ausdrücken , die uns jetzt unter 
einen begriff zu gehören scheinen , einige auf eine , andere auf eine 
andere sinnliche anschauung sich gründen, dies trifft nnn beson* 
ders , wie schon aus den aus Delbrück angeführten stellen hervor- 
geht, den abl. causae. will man diesem umstände rechnung tragen, 
so ist es am geratensten den abl. causae hinter den drei gruppen 
gesondert zu behandeln, im übrigen aber ist noch ein moment zu 
beachten , welches in zweifelhaften fällen eine entscheidung herbei- 
führen kann, wieder sind es die präpositionen, welche uns den 
rechten weg zeigen können, wenn wir sie nur aus der rumpelkammer 
des § *pi*äpositionen' hervorholen , wo weder sie noch ihre casos zu 
ihrem rechte kommen. Delbrück sagt s. 22 mit recht: 'wenn ein 
adverbium [vgl. vorher: 'die präpositionen sind vielmehr adverbien'] 
einen casus näher bestimmen soll , so musz es auch begrifflich mit 



G. Landgraf: lateinische Bchulgrammatik. 139 

« 

ihm eine berührnng zeigen, man kann einen casus, welcher bedeutet 
€Yon etwas her», nicht durch einadverbium erläutern, welches «mitten 
darin» bedeutet.' dann ist aber die präposition, falls man ihren sinn 
recht Tersteht, ein kennzeichen, ein exponent der bedeutung des 
casus, demnach ist der abl. limitationis von L. nicht richtig dem 
Instrumentalis untergeordnet, denn mag man auch zugeben, dasz 
bei den verben des messens das masz unter umständen: als mittel 
gedacht werden kann , wie denn Delbrück (s. 62) auch ein beispiel 
mit instmmentalis aus dem skr. anführt und danebenstellt 'modio 
nnmmos metiri, Petron.', so zeigt doch die präposition' ex, welche 
bei fast allen verben des messens, schätzens, beurteilens vorkommt 
und bei aestimare das gewöhnliche ist (wovon L. weder § 144 noch 
unter den präpositionen etwas erwähnt), dasz der Lateiner den 
ablativ in der regel als separativus empfand, vgl. Kühner ausf. gr. 
der lat. spr. s. 368 : er aliarum ingeniis nunc me iudicat (Ter.) , er 
artificio aestimare, ponderare ex fortuna, pendere causam ex veritate, 
fidelitatem ex mea conscientia metior, ex eventu probari. ebenso 
steht neben aeger pedibus , das verf. als erstes beispiel hat : ex vul- 
nere aeger (s. o.) und ex renibus laborare (Cic. Tusc. II 60). hier- 
mit wiederum vergleicht sich duobus vitiis (könnte auch ex vitiis 
heiszen) laborare, das § 141 unter abl. causae erwähnt ist. diese 
letzten ausdrücke vereinigen sich am besten mit § 146 abl. bei 
natus, ortus, da auch hier zuweilen ex steht, bei Lattmann-Müller 
ist dieser ablativ als nächste übertragene bedeutung des separativus 
hingestellt und abL originis genannt, die verba des schätzens usw. 
aber müssen unter dem abl. limitationis vorangestellt werden, da 
sie den gebrauch der präposition zulassen und durch sie (der schüler 
würde nur aestimare ex zu merken haben) die lateinische auffassung 
am klarsten hervortritt, an diese würden sich die ausdrücke more, 
consuetudine, mea sententia, meo iudicio anschlieszen, welche § 141 
unter abl. causae nicht passend stehen ; aber es wäre hinzuzufügen : 
^daneben ex more, ex foedere, ex consuetudine, ex oraculi responso 
u. a.' dann erst solche ausdrücke, bei denen die präposition unzu- 
lässig ist, z. b. natione Oallus, cedere alicui virtute, auch abl. bei 
dignus. 

MOgen nun die hier aufgestellten gesichtspunkte gebilligt wer- 
den oder nicht, so wird man doch, glaube ich, so viel zugeben, dasz 
sie einer ernsten berücksichtigung für wert zu halten sind. verf. 
hätte diese gesichtspunkte aber schon ausgeführt finden können in 
der von ihm nie ohne tadel erwähnten grammatik von Lattmann- 
Müller, wo die lehre vom ablativ seit dem jähre 1864, also drei 
jähre bevor Delbrücks buch erschien, auf derselben grundlage, aber 
unabhängig von diesem gestaltet ist. dasz verf. diese grammatik in 
diesem punkte zu rate gezogen und ihre anläge misbilligt haben 
sollte, ist deshalb unwahrscheinlich, weil er dann sicher nicht unter- 
lassen hätte, seinen tadel zu begründen oder doch auszusprechen, 
einmal jedoch erwähnt verf. die grammatik von Lattmann-Müller 



140 G. Landgraf: lateinische schnlgrammatik. 

zur casuslehre, nemlich in den bem. zu § 149: ^ablat. comp arm - 
tionis' in folgendem zusammenhange (s. 28): 'bezüglich der fas- 
sung beherzigte ich mit Schmalz die wiederholten rügen, die Ziemer 
in diesem punkte mit recht verschiedenen grammatiken erteilt, so 
z. b. in der w. f. cl. phil. 1886 sp. 595 der gr. von Latimann*Müller.' 
dann führt er aus Ziemer Mndogerm. comparation' einige sätze an, 
besonders: 'auch im latein ist der abl. comp, kein Surrogat für 
einen casus mit quam, welche später erfundene (?) partikel auf 
das sprechen desjenigen nicht von einflusz sein konnte, der sich des 
uralten indogermanischen ablativs bediente.' danach scheint es, 
dasz die grammatik von Lattmann - Müller diesen ablativ als ein 
Surrogat für einen casus mit quam hinstelle, dasz dies aber ent- 
fernt nicht die meinung der Verfasser war, zeigt die fassnng des 
§ 52, 1: 'ablativus beim comparativ. 1) ein ablativus mensarae 
steht bei dem comparativ statt quam mit dem nominativ oder accn- 
sativ.' dieser ablativ ist also nicht als eine besondere art hingestellt^ 
sondern nur als eine besondere Verwendung des abl. mensarae ge- 
kennzeichnet, über diesen abl. heiszt es es dort (6e aufl. s.'118): 
'ß. das locale woher? wird übertragen: ... § 51. 2) anf das 
masz oder die rücksicht, von welcher man ausgeht bei der be- 
urteilung oder behandlung eines gegenständes, ablativus mensnrae.' 
dazu anm. 2 : 'die dem ablativus mensurae zu gründe liegende an- 
schauung ist der dem deutschen üblichen entgegengesetzt, wir 
messen, beurteilen , behandeln einen gegenständ nach etwas, mit 
rücksicht oder hinsieht auf etwas (hinsichtlich); der Lateiner 
nimmt sein masz von etwas her (gleichsam her sichtlich), also 
iure = von dem rechte aus betrachtet, gehandelt.' da nun in der 
auf diese anm. folgenden nächsten zeile von dem abl. mensurae beim 
comparativ die rede ist (§ 52), glaubten die .Verfasser das nötige ge- 
than zu haben, um zu zeigen, dasz der satz 'der abl. mens, steht bei 
dem comp, statt quam mit nom. oder acc* nicht in dem sinne ver- 
standen werde : 'ist ein Surrogat für quam mit nom. oder acc.', son- 
dern nur bedeuten solle: in denselben fallen , wo quam mit dem 
nom. oder acc, entsprechend dem deutschen 'als' stehen kann, kann 
ebenso wohl ein abl. mensurae stehen , der dann selbstverständlich 
aus seiner bedeutung als abl. mensurae nach § 51 zu verstehen ist: 
'von . . . aus betrachtet, beurteilt' wenn aber Ziemer iü jener recen- 
sion sagt, dasz der abl. comp, zwar 'von den Verfassern nicht un- 
richtig als eine aus der separaüven übertragenen function', richtiger 
aber als 'eine rein und echt separative' gedeutet werde und nicht 
als ein abl. mensurae hingestellt werden dürfe, zumal diesem bei 
Lattmann-Müller das bereich des von andern sog. abl. limitationis 
zufalle , so kann ich dem nicht in gleicher weise wie Landgraf zu- 
stimmen, denn der reine, echte separativus bezeichnet eine räum- 
liche trennung, welche selbst in seiner freiesten anwendung, nem- 
lich bei den verben 'berauben, entbehren' noch deutlich durchgefühlt 
wird, dagegen in dem 'abl. comparationis' ist das 'ausgehen von' 



G. Landgraf: lateinische schulgrammatik. 141 

lediglich geistig , als denkvorgang zu fassen , weshalb auch der ge- 
brauch einer prftposition im classischen latein unzulässig ist. es ist 
also nicht der abl. separativus selbst , sondern eine seiner über- 
tragenen bedeutungen. unter diesen aber steht er offenbar derjeni- 
gen am nächsten , welche bei den yerben des messens, schätzens ge- 
braucht wird, wie ihn denn verf. selbst § 149 so erklärt: 'der abl. 
comp, steht bei comparativen und bezeichnet den Standpunkt, von 
dem aus der höhere oder geringere grad einer eigenschaft be- 
messen wird.' der comparativ beruht bekanntlich ebenso wie die 
ausdrücke 'messen, schätzen', sowie par, similis, praestare, superare, 
aequare , cedere u. a. auf einer vergleichung. bei allen diesen ist es 
derselbe ablativ, welcher den punkt bezeichnet, von dem aus die 
vergleichung, das masz genommen wird, und man kann ihn nicht 
passender nennen als abl. mensurae. wenn aber verf. § 149 fort- 
fährt: 'für diesen ablativ kann im lateinischen auch quam mit dem 
nominativ oder accusativ eintreten', so ist diese umkehrung noch 
um kein haar besser, als die von ihm getadelte fassung. denn da 
quam mit nom. oder acc. nicht den punkt bezeichnet, von dem aus 
man bemiszt, sondern den vergleich dadurch entscheidet, dasz es die 
verglichenen gegenstände neben einander, auf gleiche linie stellt, 
so kann es nicht für einen ablativ stehen, aber jene umkehrung ist 
auch geradezu falsch, 'niemandem bist du lieber als mir' musz der 
Schüler nach L. Übersetzen: nemini me carior es ; denn für den ablativ 
kann nach ihm nut* 'quam mit nominativ oder accusativ ein- 
treten', nicht aber quam mihi, umgekehrt ist es als praktische an- 
weisimg richtig: 'der abl. steht statt quam mit nom. oder acc.', nur 
musz man verhüten, dasz dies in dem ausgewichen sinne eines Sur- 
rogats verstanden werde, und dafür hat die gramm. von Lattmann- 
Müller durch ihre ganze entwicklung der ablativ bedeutungen wahr- 
lich gesorgt, wenn verf. aber einmal eine solche subtilität des 
ausdrucks verlangte, so hätte er sich selber doch an einigen stellen 
mehr vorsehen müssen, sollte es wirklich correct sein zu sagen: 
das participium steht prädicativ 'in Stellvertretung eines con- 
junctionalsatzes' wie verf. § 173? oder wie § 210: 'auszerdem steht 
der conjunctivy wenn qui statt des finalen oder consecutiven ut, 
statt des causalen, concessiven oder adversativen cum steht'? ist 
qui ein 'surrogat' für ut und cum? oder vne 8 40: 'von den ad- 
jectiven der zweiten declination werden adverbia gebildet, indem 
man an stelle der genitivendung die endung 6 setzt.' hatte 
etwa die genitivendung adverbiale bedeutung, so dasz die adverbial- 
endung an ihre stelle treten konnte? 

Den abl. absolutus behandelt verf. unter dem participium 
§ 173, was zulässig erscheint, wenn er aber (bem. s. 35) dazu be- 
merkt: 'die definition <)es abl. abs.', die auch Schmalz angenommen 
hat, geht zurück auf £. Hoffmann, Fleckeis. jahrb. 1875 s. 783. 884', 
so hätte nicht verschwiegen werden dürfen, dasz a. o. s. 884 offen- 
bar nicht von Hoffmann , sondern vom herausgeber auf § 58 der 



142 G. Landgraf: lateinische scholgrammatik. 

grammmatik von Lattmann-Mttller hingewiesen ist, wo die richtige 
definition des abl. abs. schon seit 1864, also e^lf jähre vor Hoffinanna 
äuszerung, klar und deutlich gegeben ist. 

Zu §§ 177 — 182 Hempora des yerbnms* rechtfertigt yerf. 
nochmals eingehend die kurze fossung gerade dieses abschnittes, and 
in der that, eine tempuslehre von sechs Seiten ist wohl noch nicht 
dagewesen und dürfte das ideal der Vertreter dieser riohtung seiB. 
ich werde mich auch hier auf den Standpunkt des Verfassers stellen, 
obwohl ich ihn, wie oben dargelegt ist, nicht billige, und will von 
diesem aus das gegebene betrachten, verf. unterscheidet § 177 
neben den drei zeitstufen: ^egenwart, verg^genheit, zokunft, die 
drei zeitarten : eintritt, dauer, Vollendung, ich habe in meiner schrift 
'tempora im lateinischen' (Göttingen 1890) bei der behandlung des 
perfectums (s. 19 — 25) und der umschriebenen Zeitformen (s. 30 — 35) 
mich bemüht zu zeigen, dasz die bedeutungsentwicklnng der lat. Zeit- 
formen eine enge beziehung zwischen zeitarten und zeitstnfen er« 
kennen lasse, und dasz, wie der zeitstufe der Vergangenheit die seit- • 
art der Vollendung, wie der zeitstufe der gegenwart die zeitart der 
dauer, so der zeitstufe der Zukunft auch eine zeitart (der bevor- 
stehenden handlung) entsprechen müsse , dasz aber die aoristisehe 
bedeutung der tempora auszerhalb dieser dreiteilung als aUgemeiner 
ausdruck der zeitstufe aufzuführen sei. auch Weisweiler wendet sich 
a. 0. s. 236 gegen jene gliederung und sagt mit recht: 'jedenfüls 
ist die zeitart cdes eintrittst der handlung aus der lat. grammaiik , 
zu entfernen, so gut wie der eintritt in der Vergangenheit mit 
coepi umschrieben wird, .musz das auch im praesens und futonun 
geschehen, falls es an entsprechenden inchoativformen fehlt.' wie 
nützlich aber die symmetrische anordnung der zeitarten und zeit- 
stufen für eine verständige auffassung des zeitgebrauchs, auch in 
der schule, ist, zeige ein beispiel. wenn ich direot jemand frage: 
quid fecisti pridie? quid nunc facis? quid cras facies? so werden 
diese fragen , wenn ich die ant wort des gefragten berichte, indireet: 
narravit, quid fecisset, quid faceret, quid facturus esset, das heisst: 
aus den ausdrücken der drei zeitstufen: Vergangenheit, gegenwart» 
Zukunft, sind indireet innerhalb der zeitstufe der Vergangenheit die 
ausdrücke der drei zeitarten: der vollendeten, dauernden', bevor- 
stehenden handlung geworden. 

Nachdem das praesens, einschlieszlich des historischen, in zwei 
Zeilen abgemacht ist, heiszt es § 178, 2: 'das perfect bcoeichnet 
a) das , was in der gegenwart vollendet ist.* diese üassung kann so 
verstanden werden , als falle der act der Vollendung in die gegen- 
wart. dasz dies nicht der sinn des prftsentischen perfecta ist, hat 
Wetzel beitrage zur lehre von^der consec. temp. s. 18 gezeigt, ta- * 
satz 2 lautet : 'im deutschen werden oft noch dauernde handlangen 
als vollendet bezeichnet, der Lateiner setzt genauer die tempora der 
dauer.' hier musz ich Verwahrung dagegen einlegen, dasz unserer 
muttersprache der Vorwurf einer so verkehrten temposbeseichnung 



6. Landgraf: lateinische schnlgrammatik. 143 

gemacht werde, betrachten wir die beispiele : 'terra herbis vestitur 
die erde ist mit kräutem bekleidet. Sicilia mari undique cingitur 
Sicilien ist rings vom meere umgeben, portus ab Africo tegebatur 
der hafen war geschützt gegen den stldwestwind.' ist das deutsche 
wirklich' fehlerhaft oder auch nur ungenau, wenn es aasdrückt, dasz 
die erde ein grünes kleid anhat, dasz das meer ein fertiger gürtel 
ist um Sicilien, dasz der hafen infolge des Schutzes der felsen sicher 
war ? verf. yerkennt, dasz auch die tempora der Vollendung, die wir 
im deutschen hier setzen , einen zustand bezeichnen können, natür- 
- lieh läszt sich auch die lateinische auffassung rechtfertigen, die ver- 
schiedenartigkeit der auffassung war hervorzuheben, nicht aber durch 
den Vorwurf der ungenauigkeit gegen die eine oder andere spräche 
zu verdecken. 

Über den gebrauch der tempora in nebensätzen wird § 179 
(A. indicativische nebensätze) gesagt: 'der Lateiner verfährt in der 
Unterscheidung der Zeitverhältnisse, welche zwischen der handlung 
des haupt- und nebens^tzes bestehen, viel genauer als der Deutsche.' 
auch. dieser satz. wirft in seiner allgemeinheit ein zu ungünstiges 
licht auf unsere muttersprache. er hat seine geltung eigentlich nur 
für die zeitsphäre der zukunft und für cum historicum. denn bei 
Sätzen wie : feci , quod potui 'ich habe gethan , was ich konnte' ist 
die auü&ssung wiederum in beiden sprachen verschieden, ohne dasz 
sich sagen läszt, welche genauer ist. anderseits gibt es fälle, wo die 
deutsche spräche genauer im ausdruck des Zeitverhältnisses ist als 
die lateinische, namentlich drückt sie, wenn schon eine conjunction 
oder ein adverb Vorzeitigkeit bezeichnet/ dieselbe auch im verbum 
aus, z. b. 'nachdem Caesar dort angelangt war, forderte er geisein' 
lateinisch * angenauer': eo postquam Caesar pervenit, obsides 
poposcit. 'diefrauen, welche noch eben den Römern die bände ent- 
gegengestreckt hatten, fingen an . . .' lateinisch 'ungenauer': 
matres familiae, quae paulo ante Bomanis de muro manus tende- 
bant, suos obtestari .'. . coeperunt (b. 0. Vn48. vgl. tempora im 
lat s. 98 und s. 77). verf. fährt dann in § 179 fort: 'ist die hand- 
lang gleichzeitig, so setzt er im indicativischen nebensatz dasselbe 
tempus wie im hauptsatz.' folgen beispiele wie : bene fecisti , quod 
mansisti; dum ego scribebam, tu legebas. dasz verf., wie er bem. 
8. 37 sagt, 'die Unterscheidung zwischen coincidenten und con- 
gmenten nebensätzen als für den schüler zu subtil fallen gelassen' 
hat, will ich ihm von seinem Standpunkt der beschränkung des Stoffes 
nicht eben zum Vorwurf machen, zumal da temporal zwischen beiden 
Satzarten gar kein unterschied besteht (vgl. meine schrift de coinci- 
deiitia, Göttingen 1888, s. 15— 19). aber sehr zu tadeln ist der un- 
klare sinn des ausdrucks 'gleichzeitig', nach den beispielen sieht es 
aus, als sei er im sinne von 'congruent' verstanden ; und man könnte 
sich damit zurecht finden , dasz der bezogene gebrauch des imper- 
fects z. b. neben perfect nach § 178, 3b 'gleichzeitig dauernde 
(noch nicht vollendete) zustände' bezeichne, immerhin wäre dann 



144 0. Landgraf: lateinische schalg^ammatik. 

doch eine bezeichnung wie 'streng gleichzeitig* (um ^congmeni' zu 
vermeiden) zur Unterscheidung von 'gleichzeitig dauernd* am platze 
gewesen, wenn wir nun aber § 180 (B. conjonctivische nebensfttze) 
finden, dasz der conjunctiv des praesens wie des imperfecta 'zur be- 
zeichnung der gleichzeitigen handlung* diene; und unter den 
beispielen finden vidi, quid faceres, so erscheint hier der aas- 
druck 'gleichzeitig' wieder im sinne von 'gleichzeitig dauernd* oder 
doch 'allgemein gleichzeitig', wenn wir aber in § 179 weiter lesen: 
'ist die handlung des nebensatzes der des hauptsatzes vorzeitig, 
so steht sowohl im indicativischen wie im conjunctivi- 
sehen nebensatze ein tempus der vollendeten handlung', und wenn 
wir diede auf Fassung mit der der ersten regel aus § 179 (s. oben) 
und mit § 180 vergleichen, so musz es scheinen, dasz verf. auch 
§ 179 den ausdruck 'gleichzeitig' nicht im sinne von 'congruent*, 
sondern allgemeiner verstanden habe und ernsthaft der meinung ge- 
wesen sei, dasz gleichzeitigkeit im indicativ durch das gleiche 
tempus, im conjunctiv nur durch praesens und imperfectum be- 
zeichnet werde, statt dessen muste gesagt werden, dasz gleiches 
tempus nur bei strenger gleichzeitigkeit (congruenz) die regel ist, 
dann aber sowohl im indicativ wie im conjunctiv, z. b. tu homa- 
nissime fecisti, qui me certiorem feceris (Cic. ad Att. XIII 43, 1). 
praeceps amentia ferebare, qui existimares ... (Verr. V 46,121). 
satis significavit, quantum esset in actione, qui orationem eandem 
aliam fore putarit actore mutato (de or. Ul 56, 213). mit zahl- 
reichen beispielen aus Cicero habe ich diesen gebrauch de coinc. 
s. 72—78 als regelmäszigen nachgewiesen, als ausnähme aber die 
Verwendung des conj. imperfecti neben perf. im hauptsatze, den der 
Schüler nach Landgraf als regel ansehen müste. eine grammatik, 
die wie die besprochene die 'Vorführung aller möglichen ab weichun- 
gen vom gewöhnlichen tempusgebrauch' (verf. bem. s. 35) vermeiden 
will, durfte daher den schüler nicht zum gebrauch des conj. imper- 
fecti in solchen fallen verleiten, zweitens aber war zu sagen, dasz 
allgemeine gleichzeitigkeit* durch die tempora der dauernden hand- 
lung (praes. impf, fut.) ausgedrückt wird, und zwar wiederum so- 
wohl im conjunctiv wie im indicativ, wobei der cox^'. praes. auch 
als conj. futuri dient, in diesem sinne steht z. b. das imperfectam 
nicht nur neben perfectum, sondern neben allen Zeiten gleicher zeit- 
stufe, vgl. tempora s. 54. wenn verf. hier die sachgemäsze Scheidung 
zwischen allgemeiner gleichzeitigkeit und congruenz aufgenommen 
hätte , so würde dadurch nicht allein jene Unklarheit im gebrauch 
des wertes gleichzeitigkeit und jene wunderliche , spitzfindig er- 
scheinende Unterscheidung zwischen -einer gleichzeitigkeit in indica- 
tiyischen und einer gleichzeitigkeit in conjunctivischen sfttzen ver- 
schwunden sein, sondern es hätten sich auch § 179 und § 180 
kürzer in einen § zusammenfassen lassen. 

Aber es wäre zuvor noch ein anderer fehler zu berichtigen ge- 
wesen, in § 180, wo von der folge der tempora in innerlich abhta-» 



6. Landgraf: lateinische schulgrammatik. 143 

gigen nebensätzen die rede ist, ^ird als regel gegeben, dasz auf die 
^hanptzeiten' der conjunctiv des praesens , auf die 'nebenzeiten' der 
conj. des imperfects folgen, beide 'zur bezeichnung der gleich- 
zeitigen handlung', und als erstes beispiel dazu wird angeführt: 
yenio ut videam, veniebam ut viderem. es dürfte schwer halten, den 
Schüler zu überzeugen, dasz in solchen Sätzen das videre dem venire 
gleichzeitig sei , dasz überhaupt finalsätze eine mit dem hauptsatze 
gleichzeitige handlung ausdrückten, und es wäre auch ganz verkehrt« 
denselben fehler habe ich tempora s. 35 f. schon der altem fassung 
bei Lattmann-Müller nachgewiesen (vgl. auch ebd. s. 106), und jetzt 
findet sich die richtige ajiffassung der sache von Schmalz in seinen 
'erläuterungen' (progr. Tauberbischofsheim 1890) s. 30 mit folgen- 
den Worten vertreten : 'zunächst sind auszuscheiden alle diejenigen 
nebensätze, welche Wunschsätze sind oder durch fortbildung der 
construction der Wunschsätze zu erklären sind, d. h. alle sätze nach 
den verba timendi, alle aufforderungs- und absichtssätze. hier ist 
der conjunctiv durchaus entsprechend dem optativ.' da nun aber 
der conjunctivus optativus oder jussivus in hauptsätzen ein 'futuri- 
scher ausdruck' ist (vgl. darüber tempora s. 36), so kann er im 
nebensätze nicht gleichzeitigkeit, sondern nur nachzeitigkeit aus- 
drücken, alle diese nebensätze gehören also, obgleich sie ^innerlich 
abhängige' nebensätze sind, nicht unter die 'consecutio temporum', 
wenn man dabei nur gleichzeitigkeit und Vorzeitigkeit berücksichtigt, 
wohl aber gehören einige conjunctivische Satzarten hierher, obwohl 
sie nicht 'innerlich abhängige* nebensätze sind, nemlich die sätze 
mit cum historicum , causale , concessivum und die entsprechenden 
relativsätze. wenn verf. aber diesen begrifif so weit faszt, dasz er 
ihn (fusznote zu § 180) so definiert: 'innerlich abhängig, d. h. aus 
dem gedanken des subjects im regierenden satze gesprochen [also 
e= oblique] sind alle conjunctivischen nebensätze mit ausnähme 
der consecutivsätze mit ut und quin', so ist das offenbar nicht richtig, 
es zeigt sich also, dasz die innerliche abhängigkeit nicht maszgebend 
für den tempusgebrauch der nebensätze ist. auszusondern sind viel- 
mehr alle die nebensätze, welche im lateinischen nie anders als con- 
junctivisch gedacht sind, in denen der conjunctiv ein den sinn mit 
constituierendes, wesentliches merkmal ist, oder, was dasselbe ist, 
in denen der conjunctiv noch sein wesen als unabhängiger modus 
(in hauptsätzen) sei es als optativus oder potentialis erkennen läszt. 
dazu gehören alle finalsätze, fragesätze mit potentialem conjunctiv 
(nicht die blosz obliquen), consecutivsätze und indefinite relativsätze. 
in allen diesen Sätzen findet sich im allgemeinen nur conj. praesentis 
oder imperfecti, beide zum ausdruck der nachzeitigkeit, jener neben 
'hauptzeiten', dieser neben 'nebenzeiten' ; bei den consecutivsätzen 
ist dann noch ihr selbständiger zeitgebrauch zu erwähnen, etwa 
wie verf. § 181 thut. für alle übrigen conjunctivischen nebensätze, 
einerlei ob innerlich abhängig oder nicht, gilt dasselbe gesetz wie 
für indicativische nebensätze. 

N. jatirb. f. phil. u. pftd. II. abt. 1892 hft. 3. 10 



146 6. Landgraf: lateinisclie schnlgrammatik. 

In § 180, 4 heiszt es weiter: *wenn der conjonctiyische neben- 
satz von einem infinitiv, particip, gerond (sie) oder supin abhftngig 
ist , so richtet sich die consecutio temporam nach dem yerbam fini- 
tum des satzes.' jeder einigermaszen nachdenkende schüler wird sich 
da doch sagen: also (nach § 180, 2) praesens und imperfect zar 
bezeichnung der gleichzeitigkeit , perfect und plusquamperfect zur 
bezeichnung der Vorzeitigkeit zu dem y erb um finitum. aber in 
fällen wie : dici potest eius esse eum locum, quem quisque occuparit 
(sc. in theatro) (Cic. de fin. III 67). non esse, cum fueris, miserri- 
mum puto (Tusc. I 12). animos hominum censebat Socrates esse 
divinos iisque, cum ex corpore excessissent, reditum in caelum patere 
(de div. I 54) wird es doch nicht angehen , die formen occuparit, 
fueris, excessissent aus yorzeitigkeit zu dici potest, puto, censebat 
zu erklären, obgleich sie durchaus regelmäszig gebraucht sind; denn 
die abhängigen aussagen oder gedanken enthalten hier ganz allge- 
meine urteile, man sieht, so lange man jene regel rein äuszerlich 
faszte , war sie wenigstens nicht falsch, wenn man aber einmal die 
begriffe Vorzeitig' und ^gleichzeitig' anwenden will , so darf man 
nicht auf halbem wege stehen bleiben, sonst wird die alte regel 
falsch und die neue nicht richtig, die weitere folge dieser halb 
rationellen, halb mechanischen regel ist, dasz nun dem infinitiy per- 
fecti eine ausnahmestellung gegeben werden musz ('jedoch auf den 
infinitiy perfect' usw.) , fElr die kein grund einzusehen ist. 

Hier wäre vielmehr yor allem der temporale wert der nominalen 
yerbalformen zu erklären gewesen, woraus sich dann der tempus- 
gebrauch der nebensätze folgerichtig ergeben hätte, yon der tem- 
poralen bedeutung der nominalformen ist zwar an zwei andern , ge- 
trennten stellen die rede, aber an beiden unvollständig, in § 172 
wird bei besprechung des participiums gesagt, dasz das part. praes. 
gleichzeitigkeit, das part. perf. yorzeitigkeit bezeichne; yom part. 
futuri erfährt man nichts, zu § 161 wird bei gelegenheit des aca 
c. inf. der zusatz gegeben : *beim accusativ mit infinitiy bezeichnet 
a) der infinitiy praesentis das der handlung des fibergeordneten 
Satzes gleichzeitige: . . . b) der inf. perfecti das zur zeit des 
übergeordneten satzes yollendete: . . . c) beim inf. futuri wird 
die zeit der handlung durch das regierende yerbum bestimmt.' ab- 
gesehen davon, dasz das, was von der bedeutung des infinitiys im 
acc. c. inf. gesagt wird , richtiger vom infinitiy überhaupt zu sagen 
war, so ist ^gleichzeitig' und 'vollendet' kein richtiger gegensatx 
(entweder: gleichzeitig — vorzeitig, oder: dauernd — vollendet); 
die definition von c aber verstöszt gegen die einfachste regel der 
logik. definitio fit per genus proximum et differentiam spedficam. 
dasz die zeit seiner handlung durch das verbum finitum bestimmt 
wird, mit der er verbunden ist, gilt nemlich für jeden der drei in- 
finitive. wodurch aber der inf. futuri sich von den beiden andern 
unterscheidet , bleibt im unklaren. 

In Zusatz 2 zu § 181 heiszt es: 'beachte in folgesätsen, deren 



147 

fibergeofdaeter siti Bc^gmliT ist oder BcgadTca siam bal, die ob- 
gcmmere mätgAmmg der dests^ca spnAt^ wrkht troii ^^gleid^ 
snügkeit der hitn i im^iM madk enea liM|Htfimin!i des eo^. imp«rl 
luid Badi COMB »ebf tffipes dem ccny. ptnsquamperf. mawesdeC* 
musK der s^filer watkt dem endmck gcwimmem^ däsi sein geliebtes 
deots^ eise gamz liededidie «|ir«cbe ist, wcbb ihr wiederliolt soldie 
iiiidil*<«igkfitwi Toegeworfea werdea! aber wesn irgeadwo, so ist 
der Torwiirf kier nBberecktigt uhI sengt war Toa maagelbafter eia- 
sidit ia die deatsckea »odasbcieiehamigeB, weaa wir aemo est, 
qnm sciat *es gibt aienuad, der aicbt wfiste' aad aeaio Imt, qaia 
sdzet 'es gabaiemaad, deraidit gewast bitte' flbersetKa, so ist 
'wfiste' da coaditi<»ali8 der gegeawmrt, weldior im deatschooi sa* 
gleicb als poteatialis der gegeawart dieat, ebeaso wie der coa* 
ditioaalis der Tergaageabeit 'gewast bitte' zugleicb poteatialis der 
Tergaagoibeit isL ia demselbea siaa erscheiaea diese formea ia 
uaabbiagigeii sStsea als flbersetznag der lateiaiscbea poteatial- 
formen: qnis neseiat 'war wOste aicht!' quis aesciret 'wer b&tte 
nidit gewast!' aacb uaserm sprachgefftbl wird jeae form ('wttste') 
deatlich als fHriseatisdie empfoadea, sie kaaa also sebr wobl im 
siaae der gleiebzeitigkeit neben einem praeseas sieben, die andere 
form aber Chitte gewast') ist ebenso lediglich -ausdnick des prae- 
teritoms, ohne im geringsten die bandlong als vollendet^ wie 'hatte 
gewost'f xn bezeichnen; sie kann also neben einem praeteritum gleich- 
fslls im sinne der gleichxeitigkeit verstanden werden und hat durch- 
aas nicht den sinn der Yoneitigkeit, wie es nach den worien Land- 
grftfs scheint vgl. J. Lattmann 'die deutschen modalit&tsverba in 
ihrem verh&ltnisse zum lateinischen' (progr. Claosthal 1879) s. 13 f. 
and s. 28 mit note *^). auch bei Harre § 96 findet sich die sache 
in aller ktlrze richtig angegeben. 

§ 182 lautet: *1. der Lateiner ersetzt a) den fehlenden conj. 
fut I durch den conj. praes. und imperf. (nach den regeln der 
cons. temp.), wenn die handlang des co^junctivischen Satzes mit 
einer kflnftigen gleichzeitig ist: Galli poUicentur se facturos, quae 
Caesar imperet' usw. dazu zusatz : 'die ersetzung ist besonders ge- 
brftudüich in finalsfttzen und nach den yerb. timendi, z. b. valde 
timeo, ne patria pereat' aber hier haben wir ja gar keine 'kQnflige' 
handlang, mit der pereat gleichzeitig sein kOnnte! die Schwierig- 
keit I9st sich durch die im früheren gegebene be trachtung. Schmalz 
^Lhrt in der dort angefahrten stelle richtig also fort: Venn wir auch 
sagen «ich fürchte, dasz er kommen wird», so darf uns das deutsche 
futurum Ober den ursprtlnglichen Charakter des lateinischen neben- 
satzes nicht hinwegsehen lassen, der schUler aber lernt gelegentlich 
des Überganges aus der satzbeiordnung in die Satzunterordnung den 
Charakter dieser nebensätze kennen und kann daher nicht in Ver- 
suchung kommen timeo ne venturus sit zu schreiben.' der zweite 
abschnitt des § 182 lautet sodann : 'soll aber der begrifif der n a c h - 
zeitigkeit (der entfernteren zukunft) nachdrücklich hervorgehoben 

10* 



148 G. Laudgraf : lateinische schulgrammatik. 

werden , so geschieht dies a) bei dem conj. fut. I actiyi darch die 
Umschreibung mit dem conjunctiv der conjug. periphrast. act. 
(so besonders in folgesätzen, indirecten fragen und nach non dubito 
quin).' hier tritt uns als neu ^der begriff der nachzeitigkeit' ent- 
gegen , der aber durch den zusatz 'der entfernteren zukunft' nichts 
weniger als erklärt wird, was soll man sich darunter denken? man 
könnte vergleichen, dasz das plusquamperfect nach einer alten, aber 
jetzt übelberüchtigten erklärung die ^Vorvergangenheit' bezeichne, 
und in dem beispiel : non dubitabam quin legiones ventnrae essent 
ist doch venturae essent kein ausdruck der zukunft, geschweige 
denn der entfernteren, jedenfalls scheint der verf. hier seinem grund- 
satze, 'die schulgrammatik hat mit dem geistigen fassungs vermögen 
des Schülers zu rechnen' (bem. s. 37) untreu geworden zu sein, 
man sollte meinen, ohne diese Verdunkelung wftre der aasdruck 
'nachzeitigkeit* wohl ebenso verständlich wie 'Vorzeitigkeit', aber 
es scheint, als solle der schüler vor dem gebrauch der conj. periphr. 
möglichst gewarnt werden, da er sie ja auch nur anwenden soll, 
wenn 'der begriff der nachzeitigkeit' nachdrücklich hervorgehoben 
werden soll, das ist nun unnötige vorsieht, wenn man bedenkt, dast 
die s. 62 aufgeführten Satzarten mit optativischem oder potentialem 
conjunctiv unter einem andern gesichtspunkt vereinigt hier fort- 
fallen, so läszt sich unbedenklich die regel geben: nachzeitigkeit 
wird (im activ) durch die coi\j. periphr. ausgedrückt, sowohl im 
indicativ wie im conjunctiv: laude id quod facturus es, rogo 
quid facturus s i s. dasz aber anderseits der schüler die ermutigung 
erhält, die Umschreibung anzuwenden 'besonders in folgesätzen', ist 
doch wohl ein versehen. 

Die meisten der erwähnten Unklarheiten und Widersprüche haben 
nun darin ihren grund, dasz verf. die ausdrücke 'gleichzeitigkeit' 
und 'Vorzeitigkeit' anwendet, ohne doch die Unterscheidung des selb- 
ständigen und bezogenen tempus durchzuführen, man wird sich 
fragen: warum ist er so auf halbem wege stehen geblieben? zumal 
da er bem. s. 37 bekennt: 'dasz der grundgedanke derselben [der 
Lattmannschen theorie] gesund ist und der einzig richtige fnnda- 
mentalsatz für den auf bau einer wissenschaftlichen darstellong, be- 
zweifle ich keinen augenblick.' verf. erklärt uns zu § 177: 'nach 
den erfahrungen vieler collegen und auch der meinigen trägt diese 
Unterscheidung, wenn sie zu einseitig betont wird, mehr zur Ver- 
wirrung als zur klärung bei.' nun, die erfahrungen dürften bei 
dem mangel ein lehrbuches, das die tempuslehre nach jenen gesichts* 
punkten darstellte, doch wenig gründlich sein; zudem erlaube ich 
mir meine bescheidenen zweifei zu hegen, ob der vertrag des Ver- 
fassers wohl die nötige klarheit besessen hat, um klärend zu wirken, 
'wenn in irgend einem capitel der schulgrammatik', fährt verf. fort, 
'so musz in diesem sorgfältigst darauf geachtet werden, dasz man nicht 
durch ein übermasz von doctrinären Vorschriften, durch Vorführung 
aller möglichen ab weichungen vom gewöhnlichen tempusgebrauch, 



6. Landgraf: lateinische schulgrammatik. 149 

durch übertriebene an Wendung grammatischer kunstausdrücke wie 
coincidenz , congruenz , antecedenz dem schüler von vornherein den 
appetit zu dieser schon an und für sich für einen schülermagen nicht 
allzu schmackhaften kost verleidet.' danach scheint es, als seien 
diese übelstände mit dem aufbau der darstellung auf dem 'einzig 
richtigen fundamentalsatz', der Unterscheidung des selbständigen 
und bezogenen gebrauches, notwendig verbunden, wie unberechtigt 
dieser Vorwurf ist, könnte man schon aus der 6n aufläge der gram- 
matik von Lattmann-Müller ersehen, wo § 96 ff. die tempuslehre 
nach meiner theorie dargestellt ist. um aber noch übersichtlicher zu 
zeigen, dasz die einzig richtige wissenschaftliche auffassung auch die 
einzig klare, von Widersprüchen freie schulmäszige fassung liefert, 
will ich die grundzüge einer solchen darstellung dem leser in aller 
kürze vorführen : 

Tempora, 
Drei seitstnfen: 

gegenwart Vergangenheit zukunft. 

als reine (aoristische) ausdrücke derselben, ohne andere nebenbedeutung, 
dienen; 

praesens perfectum (bist.) futnrnm. 

in jeder zeitstufe kann die handinng aber auch gedacht werden als: 

dauernd vollendet bevorstehend. 

Zorn ansdmck dieser drei 'zeit arten' dienen 

in der gegenwart: 

praesens. perfectum (praes.) praes. conj. periphr. 

in der Vergangenheit: 

imperfectum plnsqnamperf. impf. conj. periphr. 

in der zukunft: 

futurum futur. exactnm fut. conj. periphr. 

A. Selbständiger gebrauch der tempora. 

L tempora praesentia. 1] praesens. 2) perf. praesens. 

n. tempora praeterita. 1) perf. hist. 2) imperf. 8) plnsqnamperf. 

III. tempora fntnra. 1) futurum. 2) fat. exactnm. 

lY. conjugatio periphrastica. 

Selbständig werden die tempora vorzugsweise in hauptsätzen ge- 
braucht, nebensätze mit selbständigem tempus s. § . . (postqnam), 
§ . . (anteqnam), § . . (vergleichsätse), § . . (folgesätze). 

B. Bezogener gebrauch der tempora. 

I. Gleichzeitigkeit 
bezeichnen 

a) die Zeiten der dauernden handinng neben allen Zeitformen 
gleicher zeitstufe, sowohl im indicativ wie im conjnnctiy. 

dico, qnod sentio quid sentiam 

dixi, qnod sentiebam quid sentirem 

dicam, qnod sentiam (ind. fut.) quid sentiam (conj. praes.) 

NB. der conj. praes. dient auch als conj. fut. 

b) strenge gleichzeitigkeit (congruenz) wird durch gleiche 
tempora ausgedrückt. 



150 G. Landgraf: lateinische sdmlgram matik. 

Dum ego legebam, tu scribebas. bene fecisti, quod me adiiiTistL 
fecit, quod potuit. fecerat, quod potuerat. tu humanissime fecisti, qoi 
me certiorem feceris. 

II. Vorzeitigkeit 

bezeichnen die zelten der yoUendeten bandlang neben allen Zeit- 
formen gleicher zeitstufe. 

dico, quod audivi quid audi?erim 

dixi quod audiveram quid audivissem 

dicam, quod audivero quid audiverim 

NB. conj. perf. dient auch als coig. fut. ex. 

Besonders bei wiederholten handlungen. quotiens cecidit, sar- 
git usw. 

IIL Nachzeitigkeit 

bezeichnet die conj. periphr. neben den formen gleicher zeitstofe. 
laudo id quod facturus es rogo, quid facturus sis 

laudavi id quod facturus eras rogayi, quid factoros esses 

laudabo id quod facturus eris rogabo, quid facturus sis 

NB. aucb der potentiale und optatiyische conjunctiv bezeichnet in 
nebensätzen nachzeitigkeit, vgl. § . . absichtssätze, § . . folgeslize, 
§ . . dubitative fragen u. a. 

Die nominalen verbalformen 

bezeichnen die bandlung neben allen Zeitformen nur als: 

dauernd vollendet bevorstehend 

(gleichzeitig) (vorzeitig) (nachaeitig) 

inf. (part.) praes. inf. (part.) perfecti Inf. (part.) futuri 
die zeitstufe wird für sie durch das zugehörige verbum finitom be- 
stimmt, (beispiele.) 

Daraus erklärt sich der bezogene gebrauch der tempora (vgl. B I. 
II. III) in nebensätzen neben den nominalen verbalformen ohne weitere 
regel von selbst, zur veranschaulichung diene folgendes beispiel: 

a) neben infinitivus praesentis. 

crednnt me dicere («a dico) fquid sentiam — gleichzeitig, 
oder credent me dicere (^ dicam)^ quid audiverim — vorzeitig. 

vgl. I und II NB. (quid facturus sim — nachzeitig. 

{quid sentirem — gleichzeitig, 
quid audivissem — vorzeitig, 
quid facturus essem — nachzeitig. 

b) neben infinitivus perfectL 

Iquid sentirem — gleichzeitig, 
quamdiu potuerim - congment. 
quid audivissem — vorzeitig, 
quid facturus essem — nacnzeitig. 

Iquid sentirem -« gleichzeitig, 
quid facturus essem — nachzeitig. 
c) neben infinitivus futuri. 

„e dictnnun (- dictnrn. .nm) {^-^ ^^ct^^^ITÄW 



me 



credidenint i'"!^ "»V'.«» " K»«««»««''»»«- 

dictnmm (- dietnrns eram)!"»"?^ •""^"••«"' " '»"•"•?: ... 
uivtuiiuu V ••'•" " »•" ■'^quid faetanu «Mein — naehseiUg. 



6. Landgraf: lateinische schulgrammatik. 151 

Selbständige zelten der nebensätze werden in abhängiger rede 
anf das regierende yerbnm finitum bezogen, ohne rücksicht anf die 
Infinitive, z. b. 

nuntiat Snebos discessisse, postquam Caesaris adventum cognoyerint. 
nuntiavit Snebos discessisse, postquam C. adventum cognovissent. 

Enthält diese skizze nun ein 'übermasz von doctrinären Vor- 
schriften', von 'allen möglichen abweichungen vom gewöhnlichen 
tempnsgebrauch' oder eine ^übertriebene anwendong grammatischer 
kunstansdrücke' ? sie enthält nur wenige klare, aus dem wesen der 
Sache sich ergebende regeln, nur den ganz regelmäszigen , gewöhn- 
lichen tempusgebrauch und , auszer den üblichen bezeichnungen der 
Zeiten y nur einen terminus technicus, 'congruenz'; aber sollt« der 
einem mathematik lernenden schüler zu schwer faszbar sein? dabei 
aber enthält sie auch keine, die feste entwicklung schädigende lücken 
und gibt dem schüler einen einblick in das wesen der sache, ver- 
zichtet freilich darauf, dem jungen tertianer gewisse fälle 'mund- 
gerecht zu machen', wie verf. bem. s. 36 als ziel hinstellt, sondern 
setzt die erö£bung des Verständnisses über die äuszerliche aneignung. 
dies ist zugleich die antwort auf die werte des erwähnten recensenten : 
'es ist ja möglich, dasz den schülem allmählich das «einfache gesetz 
der temporalen beziehungen» und das «etwas schwierigere von dem 
jeweiligen werte der nominalen verbalformen» erschlossen werden 
kann, aber weshalb soll man sie ohne not einen umständlicheren 
und beschwerlicheren weg gehen lassen?' ohne not? ist nicht die 
anregung zu scharfem denken und erfassen des innem Zusammen- 
hangs sprachlicher erscheinungen an stelle des gedächtnismäszigen 
einprägens oder gewohnheitsmäszigen einübens in einem haupt- 
capitel der lat. grammatik , die doch als beste schule der logik ge- 
priesen wird, grund genug den schüler diesen weg zu führen? 
übrigens mag man an der gegebenen skizze beurteilen, wie viel 
'umständlicher und beschwerlicher' der von mir vorgezeichnete 
weg ist. ich will nur darauf hinweisen , dasz die Sonderstellung des 
inf. perfecti , das capitel von ersetzung und Umschreibung der con- 
junctivi futuri und die Scheidung vom gebrauch der zeiten in in- 
dicativischen und conjunctivischen Sätzen ('consecutio temporum') 
fortgefallen ist die 'beschwerlichkeit' dürfte wohl nur auf den 
lehrer fallen , von dem verlangt wird , dasz er sich von einer alten 
gewohnheit losreisze und sich in eine neue auffassung hineinarbeite. 

Versuchen wir unser urteil über das buch des Verfassers kurz 
zusammenzufassen , so wäre zu sagen : die beschränkung des Stoffes 
ist übertrieben, der lobenswerte versuch einer wissenschaftlichen 
darstellung des gegebenen ist wegen zu starker rücksicht auf die 
traditionelle, zum teil unwissenschaftliche fassung der schulgram- 
matiken oft misglückt. auch fehlt einigen abschnitten die wünschens- 
werte klarheit. 

Göttingen. Hermann Lattmann. 



152 Ph. Eautzmann, K. Pfaff u. T. Schmidt: lat. lese- a. Übungsbücher. 

11. 

LATEINISCHE LEBE- UND ÜBUNGSBÜCHER FÜR SEXTA BIS TERTIA DC 
ANSOHLUSZ AN DIE LATEINISCHE SCHULGRAMMATIK VON C. St EG- 
MANN. VON Ph. Eautzmann, E. Pfaff und T. Schmidt. 
ERSTER teil: FÜR SEXTA. Leipzig, B. G. Teubner. 1891. 169 s. 

Als die fünfte aufläge der anerkannt praktisch angelegten latei- 
nischen Schulgrammatik von C. Stegmann erschienen war (1890 bei 
B. G. Teubner in Leipzig), wurden vielfach stimmen laut nach ttbungs- 
btichem, welche sich der erwähnten grammatik anschlössen, unter- 
zeichneter hatte selbst in diesem sinne bei dem herm amtsgenossen 
in Geeätemünde brieflich angefragt, ob er zu seiner grammatik auch 
Übungsbücher schriebe oder vielleicht wüste , ob von anderer selte 
solche in angrifif genommen würden, infolge dieser anfrage traf bald 
die nachricht ein, dasz badische collegen derartige Übungsbücher bei 
Teubner in Leipzig angekündigt hStten. diese mitteilung war um 
so freudiger zu begrüszen, weil ein tüchtiges Übungsbuch, nament- 
lich für sexta und quinta, im anschlusz an die treffliche grammatik 
Stegmanns der wünschenswerten Verbreitung derselben nur forder- 
lich sein kann ; denn diese verdient in der that eine möglichst weite 
Verbreitung, da in ihr der pädagogische grundsatz zur vollen geltung 
kommt : non multa, sed multum. überall tritt in der fünften aufläge 
das streben des Verfassers nach Vervollkommnung seines baches 
durch fleiszige benutzung der einschlägigen litteratur unverkennbar 
hervor. 

So liegt denn das Übungsbuch mit dem am eingange dieser be- 
sprechung angeführten titel vor. dieses zerfällt in zwei abteilungen : 
L lateinische sätze und lesestücke, s. 2 — 64; 11. deutsche sätze und 
lesestücke, s. 67 — 121. hieran schlieszen sich ein vocabularium 
s. 122 — 165 und ein Verzeichnis von 230 eigennamen s. 165 — 169. 

Es ist zwar eine unleugbare tbatsache, dasz ein endgültiges ur- 
teil über ein Schulbuch nur dann er^t gefällt werden kann , wenn 
man dasselbe beim unterrichte nach allen Seiten hin eingehend ge- 
prüft hat. wenn unterz. trotzdem einen kurzen bericht über das vor- 
liegende buch zu veröffentlichen unternimmt, so hat ihn dazu ausser 
der anerkennung des wertes von Stegmanns lat. schulgrammatik vor 
allem die freude darüber bewogen, dasz zu der von ihm hoch- 
geschätzten grammatik ein passendes Übungsbuch erschienen ist, 
dem der ankündigung zufolge bald andere folgen werden, für 
dieses mühevolle unternehmen musz man den badischen collegen 
nur dankbar sein. 

Das für sexta bestimmte Übungsbuch, auf dessen ausstattung 
die Verlagshandlung in anerkennenswerter weise grosze Sorgfalt 
verwandt hat — der klare und deutliche druck verdient besondere 
beachtung — ist ganz geeignet zur einübung der regelmäszigen 
formenlehre, wie diese Stegmann in seiner grammatik vorträgt, 
nur wäre zu wünschen^ dasz in dem Übungsbuche über jedem neuen 



Ph. Eautzmann, E. Pfaff u. T. Schmidt: lat. lese- u. übangebüclier. Iö3 

abschnitte der entsprechende § der schalgrammatik angegeben wäre, 
in einer neuen aufläge kann dies nachgeholt werden; so z. b.: erste 
declination § 12; deponentia der ersten conjugation § 71. 72 usw. 
Das buch enthält im ganzen 310 Übungsstücke und zwar 186 
lateinische und 124 deutsche, so dasz, das Schuljahr zu 40 wochen 
gerechnet, wöchentlich etwa acht stücke durchgenommen werden 
müssen, mit recht überwiegen die lateinischen stücke, auf 
welchen, wie die herren Verfasser selbst in der vorrede ausgesprochen 
haben, beim Unterricht der Schwerpunkt ruht, wenn diese in der 
classe nach allen seiten hin erschöpfend behandelt worden sind, so 
ist für die deutschen Übungsstücke gut vorgearbeitet , so dasz diese 
mit nicht allzu groszer nachhilfe des lehrers von den sextanem in 
die fremde spräche übertragen werden müsten. ist diese Übertragung 
in der classe wiederholt vorgenommen worden , bei der sich mög- 
lichst alle Schüler beteiligen müssen , so ist eine schriftliche Wieder- 
holung als hausarbeit keine zu hohe forderung. auszerdem kann 
eine solche Übung auch sofort in der classe vorgenommen werden, 
was nnterz. noch mehr zusagt, weil die Selbständigkeit des einzelnen 
alsdann sicherer beurteilt werden kann, dazu brauchen nicht alle 
Übungsstücke schriftlich wiederholt zu werden , denn nach der an- 
sieht des unterz. sind die Übersetzungen aus der muttersprache zu- 
meist mündlich vorzunehmen: das ttbei*setzen aus dem lateinischen 
verdient stets den vorzug vor dem übersetzen in das lateinische, die 
bis untersecunda gesetzlich vorgeschriebenen wöchentlichen scripta 
usw. sollten nur in der schule gefertigt werden , dagegen dürften 
zur erzielung einer guten deutschen stilbildung Übertragungen aus 
der fremden spräche als hausaufgaben sehr am platze sein, 'das 
herübersetzen ist gleichsam ein zweischneidig schwert für das 
muttersprachgefühl. es schneidet zum grösten nutzen bei rich- 
tiger, zum grösten schaden bei unrichtiger handhabung. die rich- 
tige methode ist eine bildnerin, die falsche eine ver- 
derberin des deutschen stils' (vgl. Bothfuchs 'vom übersetzen 
in das deutsche und manchem andern', Jahresbericht des gjmn. zu 
Oütersloh 1887 s. 5). das ziel der Übertragung bleibe immer ein mög- 
lichst treuer und doch echt deutscher ausdruck, der in gemeinsamer 
arbeit von der ganzen classe zu finden, vom lehrer in einer muster- 
verdeutschung zusammenzufassen ist, welche am ende der stunde 
ein Schüler wiederholen musz. eine schriftliche Wiederholung als 
hausarbeit wöchentlich einmal vorgenommen dürfte ein wertvolles 
mittel zur stilbildung und zur erarbeitung einer echten Verdeutschung 
sein, wenn dieser grundsatz bei erteilung des lateinischen — über- 
haupt fremdsprachlichen — Unterrichts die classen aufwärts genau 
durchgeführt wird, wenn die lehrer dabei einander band in band 
arbeiten, dann, sollte man meinen, würden die schüler in der fremden 
spräche so weit gründlich gefördert, dasz ihnen die lectüre fremd- 
sprachlicher schriftsteiler nicht zu grosze mühe verursachen wird, 
dasz ihnen diese arbeit eine lust, keine last sein musz. haupt- 



154 Ph. EantzmanD , E. Pfaff u. T. Schmidt: lat lese- u. fiboogabficher. 

erfordernis bei der erlemung der lateinischen spräche — und fttgen 
wir hinzu, auch der griechischen — wird fQr die untern classea 
immer sein, schlagfertigkeit in der formenlehre zu erstreben, 
weiter aufwärts gewandtheit im übersetzen aus dem lateinischen 
— oder griechischen — in mustergültiges deutsch zu erzielen. 
hierzu werden hoffentlich die lat. Übungsbücher der badischen col- 
legen trefiTlich Yorbereiten, wenn man von dem vorliegenden buche 
einen schlusz auf die später erscheinenden ziehen darf, inhaltlich 
nemlich sind die zusammenhängenden lesestücke des Übungsbuches 
für sexta recht anziehend und zugleich belehrend, denn die stoffe zu 
diesen sind zunächst der sagen- und fabelwelt des griechisch-römi- 
schen altertums (das trojanische pferd , Midas bekommt eselsohren 
8. 44 ; Hercules s. 45. 53. 58. 63 ; Achilles s. 24. 29 ; Tantalus 8. 48 ; 
Sisyphus s. 57 u. a. m.) ; sodann auch dem naturreiche (steme und 
Sternbilder s. 17; das meer, die geschöpfe s. 18; die yOgel s. 19; 
über die metalle, über das klima s. 23 ; mondfinstemis s. 33; Sonnen- 
aufgang 8. 59 u. a. m.) entlehnt, daneben sind auch geschichtliche 
Stoffe — sogar aus der deutschen Vergangenheit und gegenwrart, wie 
Sitten der alten Germanen s. 15; Arminius s. 38; Karl der grosza 
s. 42 ; kaiser Wilhelm I s. 52 u. a. — nicht unberücksichtigt ge- 
blieben, es mag hierfür der hin weis genügen auf lesestücke wie 
Salamis s. 19 und 46; Alexander der grosze s. 16. 22. 38. 50. 51. 
57. 63; das macedonische beer s. 4; die Gallier in Born 8. 49; 
römische bürgerkriege s. 26; die punischen kriege s. 41. noch zu 
erwähnen sind kleine beschreibungen von ländem (Deutschland, 
Attika, Campanien s. 6), von städten (Athen s. 25; Mainz s. 41), 
von Aussen (Rhein s. 7) u. a. m«, sowie kleine erzählungen, welche 
die Schüler mit verschiedenen göttem und güttinnen bekannt machen : 
Diana und Minerva s. 6; Neptun, Mercur, Aesculap s. 8; Bacchus 
8. 10; Apollo s. 13; Ceres und Proserpina s. 15; Juppiter s. 16; 
Mars 8. 22. eine reiche abwechslung bietet hiemach das Übungs- 
buch den Sextanern , welche nach der meinung des unterz. die dar- 
gebotenen Stoffe unter der leitung eines geschickten lehrers ohne 
grosze Schwierigkeiten werden bewältigen können, es werdeti zu- 
nächst die lateinischen stücke, sodann die an diese inhaltlich sich 
anschlieszenden deutschen abschnitte eingehend durchgenommen und 
besprochen (z. b. s. 55 und 111: Codrus* opfertod), wobei auch die 
gebräuchlichsten Wörter gelernt werden, doch nicht alle, welche 
zu den betreffenden lectionen in das vocabularium (s. 122 — 165) 
aufgenommen worden sind, wahrscheinlich wollen doch die herren 
Verfasser nur die durch den druck besonders hervorgehobenen Wörter 
gelernt wissen, im ganzen etwa 800, so dasz der kleine sextaner 
wöchentlich sich ungefähr 20 vocabeln fest und sicher einprägen 
musz, eine Zumutung, die für ihn keine zu grosze sein wird. 
die einmal gelernten Wörter müssen aber von zeit zu zeit in der 
classe wiederholt werden, damit sie ein dauerndes besitztum der 
Schüler werden, alle übrigen noch im Wörterverzeichnisse vorhan- 



dener TonkhetTi . ledeBBcnBi. im«, aufurrünkt $itnrif «hi i^j^ft^nnvi^^r 
UL ende ösr fitnnijrBOncBer icmeiL an «schfil«*: i«^ i«^hm>«^)uii}: i^f^-. 
leBCBtüeiK immw. . smc Aoe: sich: «u?wim«ii^ n. )^ni^ . <^mr ii>< 
dEDfi w&mE: dii xatL öer emzoprttpeiuiflt ^«TnA: ?). ^r^tjK; ««^4^?<^An. 
jmgeßhr 300(' v^^iuk 19öfi.. iiooL nie: ji^ym; ii> m ouic. iim>>i«. 

In bezog aal ax giiA2iiiiiiisnr.7«;r.MMinp 4ov w?<i*foi )vl 
mxterz. gmz dAZDiiemT«r5uai4ie[&. dam dif ii«rr»ri t>^rfk^j(^v im v^vnbn 
larimn. dodi xiicin ic det laüPTniBriiffr. tibmapftsiluHron, nur <)fr )Ktif?rn 
durch ÖBt übliciie xeietMC m^edeate; bähen, itif<>)pr <kv!«<»n <\ny ^«nvirr 
einec wohlifanendeL emämok auf den lewr ai»>llhk ^ii«v. in <)on Inf im 
zÜBcben flbimgBBtttiaEeii }edt qoantiifitshezeichnnnir nnf^rbliobon ini, 
wirkt in der tliai «ngeneiiiL anf das au^re, sot«t Ab<>r K«i^)^ioli v«»fitiii, 
dasz die zn lemenäen wQrtsr sowohl als auch al)^ Uloinifrli^n ah 
schnitte den achülexn in der classe vom lohrw ^[oniin narli «1t*t 
qnantitfit ▼oz^geiesen werden mttsMn. 

In rnnkffJRln anf dk orihcgraphi« nimmt un(«'t-R iin«ft)»y nn 
der BclirBibweiBff adolescens f&r adu)ei»c«««> (k .S'i. .IM. 47 ti M ), 
p oenitet (s. 46. 47) ffir paenitet, wie man im voi^alMitm Inttt (« nri ) 
richtig liest. 

Was die lateinische an€druck«w«»i«(> ili>t rtiMtM»HvM 
blngenden stficke betrifft, so werd<'n di« hc>ti-«>n vi*»lN»«'t«» vt»}U\ 
nicht immer anf aller fachgenossen x\)>iimmtmit tc»i'liN(«M ^mm»mm' 
es mag nnr an ee necare, medicari (k, C«2) n. m, t<HHH*»»( m*»*U»i 
doch in anbetracht der £chwierigkoit<»n , W0|<*lti» «hti tUn vi'»<«i^'!<»»i 
zu8ammenh£ngender stficke ffir die unioriitii(f»ili»» yy»MHH»>ttt|oM^t*>it* m 
stets entgegenstellen werden, verdient da» nvtiiHi'Hw v*/il* »ifM»i»iM 
nong. diese musz man den herrcn amt»Ki'»M»»*i>M iim*'|i w» l;i>i»* <* '<* i 
deutschen fibungsstficke zollen, int cIcmIi Im \iUi¥Uiii »•>•< '(>i»'< 
gerade rühmlich anzuerkennen, da«x dk« lii^Mi^N vwlufF'-* ilui^ilü* 
in mustergfiltigem deutsch gescbri<*boii liabw», di^ }#i <iwi «i'i"i<'i> 
fremdsprachlichen fibnngsbttchem leld«<r »i)«^^ld UuhtM f*« Iiiiai«!* • i 
sie haben es yermieden, inhaltHliMri«« , n^vtki Umi^'l^\*t>A . >*i"'' 'ii''). 
einzelsätze zu bilden, damit aber zui{l«'f«li t^i-wMfMwi, 'W/ t>i./"it •« 
der untersten stufe zur fibertraguui; m iihi in^utn* ^|«««y'J-i «.i y / 
ausdruck und ein mustergfiltigcT imhAm*j ^ii^/^/ivn ^«.«ili.i' l^ri'/ 
haben jene unabweisbare forderuu^ ku wJl^iU««! ^t^'i' Ih*44*h>,> t...', , ■' 
eher yerfa^ser von fibungssiOckf« Oi^- umUiuI«,^.]^.«. in** «/•/' y ^. / 
durch welche sie zudem fr^ixidf|/fa<'iili<!i«i<<' m«»>^«'«-'/> /•*/'*' /'" 
wollen, zur erreichung ein^ lÄjtaAfm *i>.i" 4. i * > .4 t t • /• 
den tezt setzen, sondern, w«iiii hi* ii''A.>' r..^^ «.«i/ 
in anmerkungen anbringen uiXtmM* ^i*« m.««.-^/.,}</ 
Yorliegenden fibnngtitdCLck^« utt'A»* p^h^'^u.»^^.' » s'»»** » 
wfirde der deutschen fcobwk iif<;4i* «hiv^i^'i^'«^ • -^ 
enShlungen de^ fibungfauw;u«;# ^'/« '«*^ o>4.#^iyr /^ 
spräche mit seinias bi^ut^rt uu^*yt #^ 1^.0^.4.4. » *'• 
auch etwafc ffir ihr ti<»nfUK>L *;- .»'„iv.-^- **./ ^' /' 
schSdigt, dtt bj^ücii^eltiu ii«'><r «^vj^^" -•''f^' ' ' //'/ // 






156 Pb. Eantzmann , E. Pfaff n. T. Schmidt: lat. lese- u. übaDgabficher. 

nicht verletzt, bleiben die herren Verfasser diesem einmal ange- 
nommenen grundsatze auch bei abfassung der folgenden fibongs- 
bücher bis tertia treu, so werden wir in der tbat recht mustergültige 
Übersetzungsbücher erhalten, welche einen bildenden einflnss auf 
das muttersprachgefübl und den stil des Schülers ausüben werden. 
Q. D. B. V. 

^In der Verwendung syntaktischer und stilistischer 
eigentümlichkeiten glauben die Verfasser das masz dessen, 
was einem sextaner zugemutet werden darf, nicht überschritten zu 
haben', heiszt es in der vorrede zu dem lese- und Übungsbuche« 
unterz. bat die 310 abschnitte desselben darauf hin geprüft und nichts 
gefunden , was über die kOpfe der kleinen sextaner hinweggienge, 
man müste denn *metuo, vereor ne' für diese als zu schwer ansehen 
(s. 57 und 58 metuens ne; s. 61 und 64 vereor ne: vgl. die deutschen 
abschnitte s. 115 und 118). im übrigen finden sich die coigunetionen 
ut finale und consecutivum, ne damit nicht, dann ne beim imperativ 
und conj. adhortativus sowie cum enarrativum und cansale (126 mal). 
ut coDsecutivum liest man 17 mal, ut finale 47 mal, namentlich nach 
Verben wie orare (s. 29. 31. 32. 35. 45. 62. 64), rogare (s. 32. 37. 
49. 50. 53); implorare (s. 33), imperare (s. 30. 31. 32. 59), mandare 
(s. 53. 58. 62. 63), admonere und hortari (s. 47. 54. 58. 59. 61) 
u. a. m. entbehren kOnnte man wohl noch auf dieser stufe die 
nominalform des verbums auf -urus; vgl. s. 35 (XVUl): poetremo 
vulpes appropinquavit leonem salutatura; dafQrutl. salataret 
und dazu s. 93 (12). 

Das gesamturteil über das erste im anschlusz an die lateinische 
Schulgrammatik von C. Stegmann verfaszte lese- und Übungsbach 
Ittszt sich dahin zusammenfassen, dasz wir in ihm ein recht brancb- 
bares hilfsmittel zur einübung der lateinischen regelmftszigen formen- 
lehre begrüszen , dem wir von herzen eine recbt weite Verbreitung 
wünschen, möchte es sich viele freunde unter den fachg^ossen er- 
werben und an zahlreichen schulen eingang finden ^ dann ist der 
zweck dieser besprechung erreicht. 

Döbeln. Wilhelm Fobtzbcb. 



12. 

Friedrich Seiler, der lateinische primanbracfsatz aup 
den preu8z18chen gymnasien und die lehrplanb von 1882. 
Halle a. S., buchhandlaug des waisenbauses. 1890. 82 s. 

Es könnte als ein anachronismus erscheinen , eine schrift über 
den lateinischen aufsatz zu besprechen zu einer zeit, wo er schon 
zu den toten gelegt ist. doch wird diese schrift stets ein inier- 
esse behalten als eine mit gewissenhafter Sorgfalt hergestellte Schil- 
derung des wirklichen zustandes, aus der hervorgeht, dasz und warum 



F. Seiler: der lat. primaneraufsatz auf den preuszischen gymnasien. 157 

(zum teil durch die eigne schuld der amtlichen Verfügungen) die 
Wirklichkeit mit dem sollen nicht übereinstimmt, diese darlegung 
dürfte einmal in 'zeiten, wo es vielleicht keinen lateinischen aufsatz 
mehr gibt, für die geschichte des lehrbetriebes an unsem höheren 
schulen' (s. 3) von Interesse sein. 

Um zu einem sicheren urteil zu gelangen , hat Seiler die Pro- 
gramme der beiden provinzen Preuszen, Berlins, der provinz Sachsen 
und der Bheinprovinz, also aus dem osten, der mitte und dem westen 
Preuszens, für 1888/89 durchmustert, er ordnet die themata nach 
kategorien und führt sie (mit Übergehung geringerer unterschiede) 
in ihrem Wortlaute an. es war oft schwer die hauptfrage zu ent- 
scheiden, ob das thema nach den forderungen der lehrpläne von 
1882 eine vei*arbeitung der lectüre verlange oder nicht, bei man- 
chen aufgaben ist dieser anschlusz so äuszerlich , dasz er sicherlich 
nicht dem sinne der Verfügung entspricht, geschichtliche aufgaben 
behandelt verf. mit recht als freie , d. h. als tadelnswerte , wo nicht 
die gleichzeitige classen- oder privatlectüre deutlich zeigte, dasz sie 
sich an bestimmte gelesene schriften anlehnten. 

Unter allen den gruppen von aufgaben, die der verf. zusammen- 
stellt , entspricht nun voll und ganz den lehrplänen von 1882 nur 
die erste: themata, die sich an die lateinischen schriftsteiler an- 
scblieszen (s. 5 — 24), denn der lateinische aufsatz soll dienen 'zur 
Vertiefung der lectüre in hinsieht auf sprach e und gedankengang' ; 
das fällt aber schon weg bei der zweiten gruppe von aufgaben , die 
sich an griechische schriftsteiler anlehnen (s. 25 — 31). es folgen 
geschichtliche themata mit manchen Unterarten (s. 32 — 51), nebst 
einigen bearbeitungen ganz modemer stoffe (de Guilelmi I rebus 
gestis et moribus ; argumentum Iphigeniae Goethianae), ferner 'bei- 
spiele' (s. 52 — 57) und endlich allgemeine betrachtungen und Sen- 
tenzen (s. 58 — 61). in genauen tabellen wird nun das ergebnis ge- 
zogen, dasz von den sämtlichen 1587 aufgaben nur 558, d. h. etwas 
über 35% normal sindl 

Doch sind in den provinzen diese procentsätze sehr verschieden ; 
Berlin hat 52% gute aufgaben, Ost- und Westpreuszen 38%, 
Sachsen nur etwas über 28% (schon zwei programme, in denen 
kein einziges thema sich an die lectüre anlehnt; die beiden 
Preuszen haben ein solches programm), endlich die Bheinprovinz 
gar nur 25 %I (hier finden sich zwei anstalten mit 17 bzw. 18 auf- 
gaben ohne allen anschlusz, eine mit 20 aufgaben, unter denen 
nur eine sich auf einen lateinischen Schriftsteller bezieht.) 

Seiler betrachtet mit recht diesen zustand als ^nicht eben er- 
freulich'; der lateinische aufsatz ist 'der am weitesten vorgeschobene 
und am heftigsten umstürmte posten des humanistischen gymna- 
siums', er ist aber augenblicklich nicht 'in verteidigungsfähigem 
zustande'. 

Diese unerfreuliche läge der dinge erklärt sich teils aus dem 
'gesetze des beharrens', teils daraus , dasz es keineswegs leicht ist, 



158 F. Seiler : der lat. primaneraufsatz auf den preasusehen gymnaiien. 

stets passende themata im anschlusz an die lectfire zu finden, ich 
möchte zur entschuldigung hinzufügen, dasz der lehrer jetzt ttbendl 
und in jedem fache das bewustsein hat, selbständig seböpferiBch, 
frei formend vorgehen zu müssen, dasz dadurch Oberhaupt die 
arbeitslast in hohem grade gesteigert ist trotz der schon vorhan- 
denen überbürdung mit dem maximum der pflichtstunden. 

Als dritten und zwingenden grund erkennt Seiler mit Haake 
(zeitschr. f. d. gymn.-wes. 1869 s. 581 ff.) die thatsache, dasz fttr 
den lateinischen prÜfungsaufsatz dem königlichen commissar drei 
aufgaben eingereicht werden sollen, sie lassen sich gar nicht alle an 
die lectüre des letzten Vierteljahres anschlieszen , weil diese schon 
für die classenarbeiten ausgeschöpft wird; so musz man zunftchst ftlr 
die Prüfung, dann aber zur Vorbereitung auch schon für die classen- 
arbeiten nach freien aufgaben greifen. 

Wenn so dem lateinischen aufsatz in manchen bezieh ongen 
enge grenzen gezogen sind, so darf man in andern beziehungen über 
die bisherigen grenzen hinausgehen. Seiler empfiehlt deshalb s. 73 
die einfache inhaltsangabe mit recht als einen auch für prima an- 
gemessenen aufsatz. er empfiehlt femer eine classe von themen, die 
auf 'Wechsel der darstellungsform' beruhen; aus rhetorischer dar- 
stellung ist einfach erzählende oder referierende zu machen, umge- 
kehrt zu einer einfachen erzfthlung sind nach dem vorbilde von 
Sallust; Livius, Tacitus reden anzufertigen, ohne propositio und 
partitio und regelrechte Übergänge, das letzte ist von besonderer 
Wichtigkeit, die aufdringlich breite aufzfthlung der teile und Über- 
leitung zu einem neuen abschnitt, wie sie vielfiEu;h beliebt ist, hatte 
in Born ihren vernünftigen platz in einer volksrede, die auf eine nn- 
gebildete menge rücksicht zu nehmen hatte, welcher es ohne das un- 
möglich war lange darlegungen zu übersehen; sie gehört bei uns 
also in eine predigt, nicht in einen /tufsatz, wo sie den geschmack 
verdirbt. — 'Ausnahmsweise und gleichsam zur erfrischnng' beftbr- 
wortet der verf. auch die behandlung modemer stoffe, die sieb eng 
an bestimmte abschnitte der lectüre anlehnen kann, so die belage- 
rung und Zerstörung Magdeburgs nach der Sagunts^ eine rede Na- 
poleons I vor seinem Alpenübergange nach Liv. 21^ 40—44. 

Um eine besserung herbeizuführen, verlangt Seiler, dass von 
der einreichung dreier aufgaben für die abgangsprüfung abgesehen 
werde, und dasz der lehrer ein thema aus der lectüre stelle, welches 
er sich zu diesem zwecke 'vom anfang des halbjahres an gleichsam 
ausgespart hat'. 

Die Schrift schlieszt mit den Worten: 'zur Vertiefung der lectüre 
aber wird der lateinische aufsatz stets ein unentbehrliches Unter- 
richtsmittel bleiben, so lange noch die lateinische lectüre im bis- 
herigen umfange auf den gymnasien betrieben wird.' inzwischen ist 
er nun in der bisherigen form weggefallen, wir müssen uns über eins 
klar sein : soll anders in zukunft noch eine kenntnis des lateinischen 
erreicht werden, welche bis zu einer gewissen herschaft über die 



Neide: W. v. Homboldt als richter usw, bei Schillers lyr. gedichten. 159 

spräche , zu einem freudigen kOnnen sich steigert , so brauchen wir 
einen ersatz. und zu diesem ersatz sind die wege geebnet durch die 
lehrplftne von 1882 und die Verwirklichung ihrer Forderungen , so 
weit sie nun eben gediehen ist. die schüler aller classen müssen 
lernen mehr oder weniger frei über das gelesene zu verfügen, dazu 
sind lateinische Sprechübungen notwendig, und diese müssen sich 
niederschlagen in kürzeren oder längeren niederschriften, die an die 
stelle der gewöhnlichen classenarbeiten treten, das ist schon an 
manchen anstalten geschehen; es ist für lehrer und schüler eine er- 
freuliche arbeit, und durch alle classen fortgesetzt wird es wohl 
ziemlich vollgültigen ersatz bieten für den lateinischen aufsatz , der 
bisher in den drei obersten classen etwas unvermittelt auf den an- 
dern Unterricht aufgesetzt wurde. 

SCHLAWE IN POHMEBN. Th. BeCKER. 



13. 

WII.HELM VON Humboldt als riohteb und batgebeb bei Sohillebs 

LYBISCHEN GEDICHTEN VON DB. NeiDE. 

Die Programme des gjmnasiums zu Landsberg a. W. für die 
jähre 1890 und 1891 enthalten als beilagen zwei abhandlungen des 
Oberlehrers dr. Neide Über * Wilhelm von Humboldt als richter und 
ratgeber bei Schillers lyrischen gedichten'. eine weitere fortsetzung 
wird am Schlüsse der zweiten abhandlung versprochen, es sei indes 
gestattet, schon jetzt auf diese abhandlungen hinzuweisen, da die- 
selben, auch ohne zum abschlusz gelangt zu sein, dem lehrer des 
deutschen in trefflicher weise ratend und fördernd zur seite stehen 
werden; sie gestatten nicht blosz einen einblick in die eigentümlich- 
keit der Humboldtschen kritik, sondern werden sich auch als höchst 
vorteilhaft erweisen für das Verständnis von Schillers dichterischer 
eigenart und speciell seiner gedankenlyrik ; endlich, und das ist nicht 
ihr geringster Vorzug, werden sie ein vorzüglicher Wegweiser sein 
für die art, wie in den oberen classen die werke unserer classiker 
überhaupt dem Verständnis des Schülers nahe zu bringen sind. — 
Der Verfasser verhält sich meist referierend; da sein referat klar 
und durchsichtig ist, wird es demjenigen die arbeit erleichtern , der 
aus den quellen unmittelbar sich unterrichten wollte ; viele werden 
hierzu nicht in der läge sein; ihnen bieten die abhandlungen bei 
ihrer genauigkeit und ihrem ernsten eindringen sowie bei ihrer der 
empfindungs- und gedankenweit beider männer sympathischen dar- 
stellung einen ersatz, mit dem sie sich immerhin begnügen können, 
wo dr. Neide durch sein eignes urteil über einzelne sich bietende 
Schwierigkeiten aufklärung oder zu blosz angedeutetem ergänzungen 
gibt, scheint er mir in der regel das richtige zu treffen ; so in seinen 
bemerkungen über die bedeutung des reims für die Unterscheidung 



1 60 Personalnotizen. 

der prosodiscben periode und ihrer teile in der 'macht des gesanges', 
über Humboldts tadel des wertes 'minne', Über die absieht, welche 
derselbe mit seiner schilderang von Schillers *geistesform' verfolgt 
und über den Zusammenhang dieser Schilderung mit der vorangehen- 
den kritik. vermiszt habe ich eine genügende sprachliche begrün- 
düng für die II anm. 27 vertretene auffassung des sinnes der Strophen 
8 und 10 in dem gedieht *das ideal und das leben', femer einen hin- 
weis auf den engen Zusammenhang zwischen strophe 4 und 5 in der 
'macht des gesanges' und endlich die berücksichtignng des accents 
und der aufeinanderfolge von drei trochftisch gebrauchten wOrtem 
in dem verse 'ein reiszend bergab rollend rad'. dasz atrophe 14 in 
*das ideal und das leben' eine doppelte abänderung erfahren, hat 
Neide zwar dargethan, aber unklar wird es dem leser bleiben, in wie 
fern diese Snderungen früher erfolgt sein sollen, 'als Schiller die 
Strophe seiner gattin dictierte'. einige druckfehler, die mir auf- 
gefallen sind, möchte ich noch erwähnen: I s. 16 'luft' statt 'lust', 
ebendaselbst 'wild' statt 'verwirrt'; II s. 16 'schrecken' statt 'schran- 
ken', der ausdruck 'gekennzeichnet' I s. 12 beruht wohl auf einem 
versehen, auf diese kleinigkeiten bin ich eingegangen in der hoff- 
nung, dasz wir die abhandlungen nach ihrem abschlusz zn einem 
ganzen vereinigt und in handlichem format erhalten werden, bei* 
einigen kürzungen dürfte sich dann der leserkreis auch über den der 
fachgenossen hinaus erweitem. 

Osnabrück. Zillbr. 



14. 

PERSONALNOTIZEN. 



CraeBBangeB, befÖrderBngeB, versetBBBgCBt «BSBelchBBBf 

Kirsch, dr., prof. am gjmn. in Leobschiitz, erhielt den k. pr. kronen- 
orden III cl. 
Krüger, ord. lehrer am realgjmn. in Garde- 1 

Lohmey «, dr., ord. lehrer am realprogymn. f " »»«ri«»««™ bererdert 

in Altona, ) 

Mann, dr., Oskar,! Oberlehrer am realgjmn. in Frankfurt a. O., er» 
Noack, dr. , Karl,/ hielten das prädicat 'profesfor'« 

Venediger, dr., Oberlehrer am stadtgymn. in Halle, tum rector der 

höheren bürgerschale in Erfurt berufen. 

GestorbeBt 

Franz v. Löher, dr. geheimrat, ord. prof. an der anir. München, 
historiker, am 2 m&rz, im 74n lebensjahre. 



ZWEITE ABTEILUNG 

FÜB GYMNASIALPÄDAGOGIK UND DIE ÜBRIGEN 

LEHRFÄCHER 

MIT AÜSSCHLUSZ DBB 0LASSI8CHBN PHILOLOOIB 

HERAUSGBOEBEN VON PROF. DB. HeBMANN MaSIÜS. 



15. 

ZUB DI8CIPLIN DEB HÖHEBEN LEHB ANSTALTEN. * 



Wenn heutzutage in büchem^ broschüren und tagesblSttem 
nicht blosz eine reform ^ sondern eine wahre revolution des höhern 
Schulwesens verlangt wird, und zwar eine derartige, dasz sie nicht 
blosz den lehrstoff, sondern auch die erziehung der schüler einer 
durchgehenden änderung unterwerfen will, und wenn dabei von vielen 
ratgebern die miene angenommen wird, als müsten schlechterdings, 
wenn das deutsche volk bestehen sollte , ganz neue directiven für 
Unterricht und erziehung gegeben werden, so will uns scheinen, als 
ob die gegebenen anregungen und die gestellten forderungen nur 
bewiesen, dasz sich die meisten dieser ratgeber dessen zu wenig be- 
wüst sind, was wir bereits längst an Unterrichts- und erziehungs- 
mittein haben, man mag die bestehenden nur richtig gebrauchen und 
gewissenhaft anwenden , so wird sich zeigen , dasz unsere höheren 
lehranstalten auf viel zu gutem gründe stehen , als dasz wir einen 
andern lehrstoff oder eine andere erziehungsmethode , etwa die in 
der Güssfeldtschen broschüre aufgestellte des zwölfstflndigen arbeits- 
tages, notwendig hätten, um zu zeigen, wie das, was die höhere 
schule an recht und gewalt für die erziehung unserer schüler bereits 
hat, in der that alles wünschenswerte für die heranbildung der 
deutschen Jugend bietet, und um die grenze festzustellen für die an- 
Wendung dieses ihres rechts und ihrer macht , wollen wir uns hier 
auf die beantwortung der beiden fragen beschränken : 

Wieweit ist bei den schülem der höheren lehranstalten auch 
ihr leben auszer der schule von seiten der lehrer zu überwachen, und 



* den vorliegenden aufsatz bieten wir unsern lesern aus dem litte- 
rariscben nachlasz eines früh vollendeten, des am 28 mai 1890 ver- 
storbenen gymnasialoberlehrers Oustav Paul in Rendsburg. 

N. Jahrb. L phll. a. päd. II. abt. 1892 hft. 4 a. 5. 11 



162 Zur disciplin der höheren lehransialten. 

welche mittel und wege stehen den letztern zu diesem zwecke zu 
geböte ? 

Die höheren lehranstalten in Deutschland haben stets das recht 
beansprucht und auch geübt, das leben ihrer schfller auch auszerhalb 
der schule mittels der lehrer zu Überwachen, obwohl sie damit offen* 
bar eine ihnen fremde rechtssphttre, die des hauses, auf das empfind- 
lichste berühren können und in der that oft berührt haben, ist doch 
die frage nach der berechtigung zu solcher praxis kaum zu erbeben. 
dieser griff über die eigne grenze kommt eben nicht von nngef&br 
oder etwa aus anmaszlicher überhebung, sondern er ist notwendig» 
weil im begriff und wesen der höheren lehranstalten begründet. 

Kann demnach das *ob' überhaupt nicht gegenständ der dia- 
cussion sein, so stellt sich die sache ganz anders betreffs der frage 
des * wieweit' und des * wodurch'. 

Also zunächst das 'wieweit'! 

Da dasselbe die forderung auf die bestimmung einer genauen 
grenze enthält, innerhalb deren sich die höheren lehranstalten behufs 
Überwachung ihrer Zöglinge auch auszerhalb der schule zu bewegen 
haben, so ist die Untersuchung zuvörderst darauf hin anzustellen. 

Nun sind die höheren lehranstalten Organismen eigner art, mit- 
hin eignen begriffs und eignen zwecks, sie werden deshalb das leben 
ihrer schüler auch auszerhalb der schule so weit zu Überwachen haben, 
wie weit es ihr begriff, und was aus diesem folgt, ihr zweck nnd 
ziel , bedingt und erfordert, damit aber sind wir vor die frage ge- 
stellt: welches ist dieser ihr begriff? worin besteht dieses ihr ziel? 

Fachschulen, blosze vorbereitungsanstalten für gewisse berafs- 
arten, schulen von lediglich unterweisendem Charakter mit lediglich 
unterrichtender thätigkeit sind sie nicht und haben sie nie sein wollen« 
was sind sie? die richtige antwort ergibt sich ohne weiteres aus dem 
hinweis auf ihren geschichtlichen Ursprung, insofern dieser in dem 
geiste des wiedererwachenden wissenschaftlichen und religiösen 
lebens, in dem geiste der renaissance und der reformation zu suchen 
ist; und femer ergibt sich diese antwort aus dem hinweis auf ihre 
bisherige und noch gegenwärtige Organisation, denn in Wirklich- 
keit tragen die höheren lehranstalten auch heute noch den Stempel 
dieser ihrer herkunft zu ausgeprägt auf allen ihren lebensftuszerun- 
gen, als dasz sie nicht als pflanz- und pflegestätten der ideaÜtftt, 
das will sagen, als einrichtungen bezeichnet werden müsten mit 
dem klaren und be wüsten ziele, ihre Zöglinge mit allen mittein und 
kräften zu typen des idealen menschentums umzubilden und zu ge- 
stalten^ also zu menschen zu machen, an denen der menachheits- 
begriff in möglichst vollkommener darstell ung zum durehbruch 
komme, in denen seine beiden vornehmsten teile, intellect und 
moralprincip; geist und wille, zu menschenmöglicher entfaltung sich 
entwickeln. 

Ist damit ihr begriff in richtiger weise umschrieben, sind die 
höheren lehranstalten, um nun die definition auf ihre kürzeste forme! 



Zur disciplin der höheren lehranstalten. 163 

zn bringen, wirklich ihrem wesen nach anstalten zur erzielung idealer 
menschen, so bleibt freilich noch die grosze frage zur erledigung, 
welcher art dieser idealismus sein solle, mit welchem inhalte er aus- 
zufüllen sei. spricht doch z. b. der materialismus auch von einem 
solchen^ hat er doch, und der heutige zumal, seinen ihm eigentüm- 
lichen menschheitsbegriff, d. h. seinen idealen menschen, und würde 
er doch auch in seinen schulen die erzieh ung zu ihm sicherlich mit 
aller energie betreiben. 

Also welcher art ist der ideale mensch , den die höheren lehr- 
anstalten erstreben? 

Die entscheidung kann nicht zweifelhaft sein: der hinblick auf 
ihren Ursprung, auf ihre geschichte, endlich auf das arbeitsgebiet, 
für welches sie ihre Zöglinge vorbereiten , nemlich das arbeitsgebiet 
der sittlichen mächte des Staates und der kirche, fordert mit aller 
consequenz den sittlichen idealismus, die heranbildung ihrer Zög- 
linge zur sittlichen idealiiät, zu sittlichen, und wie die Verhältnisse 
zur stunde noch liegen, zu christlich-sittlich-idealen menschen. 

Mit dieser position ist fester boden unter die füsze gewonnen, 
denn ist der menschheitsbegriff der höheren lehranstalten der der 
christlichen Weltanschauung und sind sie ihrem wesen nach anstalten 
zur erzielung idealer menschen, d. h. erstreben sie mit den ihnen zu 
geböte stehenden mittein die Verwirklichung dieses ihres mensch- 
heitsbegriffs an ihren Zöglingen, so liegt der inhalt ihrer eigentlichen 
aufgäbe klar und deutlich genug vor äugen — es ist kein geringerer 
als die auswirkung der ihnen anvertrauten , von ihnen in obhut ge- 
nommenen Jugend ZU sittlich freien persönlichkeiten, zu nach dem 
bilde gottes geschaffenen menschen, zu menschen göttlichen ge- 
schlechts. 

So ist der präcise, inhaltlich klare begriff gewonnen , mit dem 
sich nun leicht und sicher die gegebene frage in behandlung nehmen 
läszt. man hat ihn nur als maszstab in die band zu nehmen und 
nach ihm und an ihm das leben der schüler wie inner-, so auch 
auszerhalb der schule zu regeln und zu bestimmen, entspricht das- 
selbe diesem schulbegriff, dient es diesem schulzweck , so ist es als 
normal anzusehen und in freiheit zu gewähren; widerspricht es 
diesem schulbegriff, droht es diesen schulzweck zu vereiteln , so ist 
es als anormal anzusehen und demgemäsz seitens der lehrer zu 
hemmen. 

Es fragt sich: was heiszt hier leben der schüler? leben wird 
erkannt an seinen äuszerungen; die art eines bestimmten lebens an 
der art dieser seiner äuszerungen. danach ist, für unsem zweck ge- 
nügt die definition, leben der schüler hier zu bestimmen als die 
summe aller äuszerungen ihres seins, und es erübrigt zur gänzlichen 
begrifflichen erschöpfung des aufgegebenen 'wie weit' nur noch die 
beantwortung der frage, einmal, welches diese äuszerungen seien, 
und dann, welche derselben dem überwachungsrecht, der Über- 
wachungspflicht von Seiten der lehrer zu unterliegen haben, die 

11* 



164 Zur disciplin der höheren lehranstalteiL. 

antwort liegt in den beiden Sätzen: das leben der schüier der höheren 
lehranstalten verläuft und äuszert sich als körperliches, ah 
geistiges, als sittliches; die Überwachung auch aoszerhalb der 
schule von Seiten der lehrer ist für diejenigen dieser lebensSnsze- 
rungen zu fordern , welche in enger beziehung zur erreichong des 
schulzwecks , nemlich der erzielung sittlich freier Persönlichkeiten, 
stehen. 

In enger beziehung zur erzielung sittlich freier persönlichkeiten 
steht aber, und ist deshalb bei den schülem der höheren lehranstalten 
von Seiten der lehrer auch auszerhalb der schule zu überwachen, 
erstens : 

Ihr körperliches leben. 

Ihren endzweck, die auswirkung ihres menschheitsbegriffis an 
ihren Zöglingen, die heranbildung derselben zu christlich-sittlich- 
idealen menschen, zu sittlich freien persönlichkeiten, suchen die 
höheren lehranstalten zu erreichen durch anwendong der beiden 
hierzu allein brauchbaren mittel des unterrichte und der zncht, 
d. h. durch bestmögliche pflege des intellects und des willens, das 
irdische substrat jedoch , vielleicht beider, jedenfalls des einen, des 
intellects, ist der körper, und es leuchtet nun sofort ein, welche 
hohe, geradezu maszgebende bedeutung der normalen beschaffenheit 
dieses für die entsprechende normale thätigkeit jenes zukommt, 
welche Sorgfalt deshalb der erhaltung des körpers, oder, wo die 
körperliche beschaffenheit geschädigt, welche Sorgfalt dann ihrer 
Wiederherstellung , kurz ihrer pflege zu widmen und mit welchem 
nachdruck darum auch ganz besonders von Seiten der höheren lehr- 
anstalten die Überwachung des körperlichen lebens ihrer Zöglinge 
zu üben ist. 

Schon die alten kannten sattsam den bedingenden Zusammen- 
hang, die innige beziehung von körper und geist: die Ghriechen be- 
trieben nicht ohne guten grund auch die körperliche aosbildong 
ihrer Jugend mit geradezu virtuosem geschick; die Bömer verstan- 
den ihr in sano corpore sana mens und auch das Christentom hat 
wie für alle menschheits Verhältnisse , so auch für das des kOrpers 
zum geiste das licht auf den leuchter gestellt ; das schöne wort des 
apostels Paulus vom tempel des heiligen geistes stempelt den leib 
geradezu zu einem heiligtum, und heiligtümer pflegt man mit heili- 
ger scheu zu pflegen, erst hochgehenden philosophischen denkem 
blieb es vorbehalten in falscher Verehrung den begriff 'geist' zu 
überspannen, ihn absolut, für seine thätigkeit hier auf erden los- 
gelöst von seinen irdischen bedingungen zu fassen und so, wie so 
manches andere, auch dieses Verhältnis zu verkehren, nein, der 
körper ist , ich sage nicht mit dem raaterialismus : das werdeorgan, 
aber er ist das organ des geistes als sein Instrument ist aber das 
Instrument schadhaft, so bleibt auch der beste künstler ein stflmper. 

Kraft dieser anschauung ist zu sagen : wollen die höheren lehr- 
anstalten das eine der mittel, durch deren anwendnng sie die er- 



Zur disciplin der höheren lehranstalten. 165 

Ziehung ihrer schüler zu idealen menschen, zu sittlich freien per- 
sönlichkeiten betreiben, nemlich den Unterricht, d. h. die pflege 
des intellectes , wahrhaft fruchtbar machen, wollen sie den intellect 
ihrer zÖglinge zu menschenmöglicher Vollkommenheit entwickeln, 
so haben sie den boden, ohne den diese fruchtbarkeit nie und 
nimmer ersprieszet , mit höchster Sorgfalt zu bebauen , nemlich das 
Werkzeug des geistes , den körper der schüler unter ihre obhut zu 
nehmen, ihr körperliches leben auch auszerhalb der schule zu über- 
wachen, da fragt sich aber nun weiter — und damit tritt die 
zweite der zur beantwortung gestellten fragen : welche mittel und 
wege stehen den lehrern zu diesem zwecke zu geböte? mit in die 
behandlung ein — wie^ mit welchen mittein ist diese Überwachung 
zu handhaben? 

Als vornehmstes, weil wirksamstes nenne ich zuerst das, dessen 
sich die höheren lehranstalten überhaupt vornehmlich zur darstel- 
lung ihres begriffes an ihren Zöglingen, zur erreichung ihres Zweckes 
mit ihnen , zu bedienen haben und auch bedienen : den Unterricht, 
die Unterweisung derselben in gesundheitlichen dingen, diese will 
ich nicht als die forderung auf einführung einer neuen disciplin in 
den lectionsplan , etwa unter der firma 'gesundheitslehre' oder der- 
gleichen verstanden wissen; ehe davon die rede sein könnte, müste 
erst die bezügliche Wissenschaft, die medicin, und mit ihr die pro- 
fessionellen gesundheitslehrer , die ärzte, über eine solche als eine 
einheitliche allgemeingültig angenommene verfügen; für die höheren 
lehranstalten liegt glücklicherweise die sache noch einfach genug, 
um mit geringen mittein zum ziele zu kommen: die ihnen in den 
kindem zugeführten menschennaturen sind zum kleinsten teile durch 
schwere , in ihren folgen irreparable krankheiten angebrochen^ oder 
gar geknickt; etwa eingedrungene schaden stöszt der jugendliche 
Organismus vermöge seiner ihm innewohnenden strebekraft mit und 
durch den process der körperlichen entwicklung, des Wachsens, im 
laufe der jähre fast natumotwendig wieder aus , falls stärkere hem- 
mungen nicht eintreten und widerstreben; aber gerade dasz dieses 
nicht geschehe, dazu vermag die schule gar sehr zu helfen, denn 
wenn auch die ärztliche kunst am schweren krankenlager meistens 
ratlos steht und versagt, für die gesundheitliche prophylaxe hat sie 
die regeln gefunden und festgestellt; diese aber sind so selbstreden- 
der art; dasz ihre anwendung auf führung des körperlichen lebens 
auch für den laien Schwierigkeiten nicht bietet, wer diese Unter- 
weisung gibt, ob der religions- oder der lehrer für Wissenschaften, 
ist eine frage untergeordneten wertes ; auf alle fälle musz jeder zu 
ihrer erteilung im stände, d. h. mit den principien der gesundheit- 
lichen Prophylaxe vertraut sein, um auch nach dieser schwerwiegen- 
den Seite hin seines pädagogischen amts, das heil der ihm ver- 
trauungsvoll in die band gegebenen kinder nach bester kraft und 
nach vermögen zu fördern, in jedem augenblicke warten zu können, 
und das heiszt nicht: dem arzte ins handwerk pfuschen, sondern es 



166 Zur disciplin der höheren lehranstalten. 

heiszt : eine nur zu lange versäumte allgemeine menschenpfiicbt end- 
lich aufnehmen und zum nutzen und segen der Jugend Oben. 

Geht dann den schülem unter der ausübung dieses amtes, unter 
den eindringlichen aus besorgtem herzen kommenden werten ihres 
lehrers, nun auch ihres leibesberaters, die einsieht auf in die natnr- 
gesetzliche bedingtheit der möglichst freien , ungeschmälerten und 
ungeschwächten thätigkeitsäuszerung des geistes durch die normale 
beschaffenheit des entsprechenden organs, der nerven, des gehims; 
lernen sie den causalen Zusammenhang verstehen von rechter be- 
dienung des körpers und rechtem befinden , rechter leistnngsffthig- 
keit , erfassen sie das gesetz vom masz in seiner unverbrflchlichen 
gttltigkeit auch für die gesundheit des leibes — wie es auch hier 
keine Verletzung duldet ohne die gegengabe schwerer schädigong — ; 
erfassen sie dieses gesetz vom masz in allem körperlichen thon, im 
essen und trinken, im schlafen und wachen, in der arbeit und ruhe, 
in der entsagung und im genusz; geht ihnen endlich der unterschied 
auf vom richtigen und vom falschen genieszen, von einem geniesxen 
zum segen und einem zum fluch auch für ihr leibliches gedeihen, so 
kann die frucht solcher Unterweisung nicht ausbleiben, die groaze 
schar d6r schüler , die nicht der schwäche des willens , sondern die 
ihrer Unwissenheit in gesundheitlichen dingen noch jetzt zum opfer 
fällt ^ indem sie in trauriger unkunde der wahren Sachlage ihren 
körper zum tummelplatz für verwegenste leistungen und kralt- 
übungen des geistes und der seele erküren und in falscher Würdi- 
gung seiner wahren bedeutung dieses edelste irdische gebilde oft 
geradezu mishandeln und verwüsten, sie wird aus einem, infolge 
solcher Verwüstung oft nur noch dumpfen, vegetierenden schuldasein 
erlöst werden zu energischem , gemütsfreudigem thun. 

Selbstverständlich dürfen die höheren lehranstalten durch 
keine ihrem begriffe und zwecke nicht entsprechende innere Organi- 
sation, etwa durch nicht gemäszen inhalt und umfang des lehrplans, 
durch zur jugendlichen durchschnittsföhigkeit nicht passende forde- 
rungen, durch verkehrte aufstellung des lectionsplans und deren 
folgen, wie ungleiche belastung der jugendlichen kraft, durch an- 
gleiche arbeitsverteilung , durch mangel an den für erholung not- 
wendigen pausen nach der arbeit , oder auch nach dem essen , ich 
sage , sie dürfen durch das und vieles andere in dies capitel schla- 
gende ihren schülem eine den regeln der gesundheitlichen prophj- 
laxe gemäsz gewollte lebensführung nicht erschweren , geschweige 
unmöglich machen und dürfen auch ihre lehrer damit nicht zwingen, 
die gute theorie an der rauhen Wirklichkeit zu zerschlagen. 

Gesundheitsschädigungen , die nicht durch erfüllung sittlicher 
pflichten bedingt sind, sind für das sittliche urteil sündhaft; nicht 
notwendige gesundheitsschädigungen rubriciert das Strafgesetz je 
nachdem unter Werbrechen', und so können auch die höheren lelu-- 
anstalten, um ihres Zweckes, der erzielung des idealen menschen, 
willen, für die gesundheitliche Überwachung ihrer schüler ihr ge- 



Znr disciplin der höheren lehranstalten. 167 

wissen nicht genng schärfen , damit nicht durch ihre schuld manche 
gute menschenkraft vor der zeit geknickt, manche menschenblüte zu 
früh abgestreift werde und so die reiche in ihr schlummernde fracht 
nicht zur vollen entwicklung komme. 

Musz also bei den schülem der höheren lehranstalten die Über- 
wachung ihres körperlichen lebens auch auszerhalb der schule durch 
eine zweckentsprechende thStigkeit von Seiten der lehrer innerhalb 
derselben verlangt werden, so ist mit dieser Forderung ihre aufgäbe 
jedoch noch nicht für erschöpft anzusehen. 

Bei dem leben der schüler auszerhalb der schule kommt ja das 
haus mit in betxacht und sie gehören , das ist wohl keine frage , in 
erster linie diesem an, in zweiter erst der schule, betreffs der ge- 
sundheitlichen lebensführung seiner söhne kann aber die Stellung 
des hauses zur schule — und das gilt, um diesen punkt gleich hier 
zu erledigen, für alle noch übrigen fälle — nur eine zwiefache sein: 
die erziehungsgrundsätze des hauses sind entweder denen der schule 
conform; dann sind differenzen von vom herein abgeschnitten; oder 
sie sind anders geartete, was dann? 

Die höheren lehranstalten haben ein recht über das haus und 
unter umständen ein sehr weitgehendes ; dasselbe ist aus ihrem be- 
griff und zweck zu folgern ; den freien gebrauch der zur darstellung 
dieses begriffes und zur erfüllung dieses Zweckes notwendigen mittel 
dürfen sie sich nicht verkümmern lassen, selbst nicht für den fall 
einer starken Verschiebung der rechtsgrenzen zu gunsten des hauses. 

Also, wenn betreffs der körperlichen lebensführung der schüler 
der höheren lehranstalten eine zusammenstimmung zwischen schule 
und haus nicht herscht, was dann ? dann musz die schule durch ihre 
Organe, allen voran durch den director, die nötige zusammenstim- 
mung zu erwirken suchen; die wähl der mittel ist eine zu sehr von 
den individuellen Verhältnissen gebotene^ als dasz sie sich hier speci- 
ficieren liesze; takt und einsieht sind für die behandlung dieser 
dinge die beste mitgift; vernünftige, von wirklicher teilnähme für 
das loos der kinder zeugende worte, verbunden mit dem hinweis auf 
die unausbleiblich eintretenden, auch wohl schon zu tage liegenden 
nachteiligen folgen im leiblichen befinden derselben werden oft 
schon genügen die gewünschte Umänderung der hausordnung anzu- 
bahnen. 

Ist aber das haus unzugänglich, entzieht es sich, sei es infolge 
lüderlichen geistes, gottsträflicher gleichgültigkeit gegen das ge- 
deihen seiner kinder, oder aus grundsätzlich abweichender lebens- 
anschauung; diesen ein Wirkungen , dann steht die schule an der 
grenze ihres überwachungsrechtes, sie hat jenem alle aus seiner ver- 
kehrten Stellungnahme zu ihr früher oder später sicher entspringen- 
den schaden, wie zurückbleiben seiner söhne hinter den fortschritten 
anderer, vielleicht schlieszliche Unfähigkeit derselben den an sie zu 
stellenden anforderungen zu genügen, und die damit notwendig ge- 
gebene entfernung zuzuschieben. 



168 Zur disciplin der höheren lehranstalten. 

In hinsieht auf die auswärtigen schulet stellt sich die ganze 
frage fttr die besprechung einfach, schon das wohnungszu Weisungs- 
recht des directors ist so ausgibiger natur, dasz mit seiner umsich- 
tigen handhabung allen mUhewaltungen seitens der lehrer von vom 
herein nachgeholfen wird; auftauchende unzuträglichkeiten aber 
lassen sich eben durch jenes leicht und schnell beseitigen. 

In enger beziehung zum letzten schulzweck , zur erzielung sitt- 
lich freier persönlichkeiten , steht und ist deshalb bei den schttlem 
der höheren lehranstalten von selten der lehrer auch auszerhalb der 
schule zu überwachen, zweitens: 

Ihr geistiges leben. 

Konnten betreffs enger beziehung des körperlichen lebens zu 
dem letzten zweck der höheren lehranstalten bedenken obwalten und 
schien deshalb eine eingehendere begrilndung am platze, so sind 
solche an und für sich ausgeschlossen hinsichtlich des geistigen, der 
begriff des gelstes ist ein in dem des idealen menschen, der sittlich 
freien persönlichkeit, so vorwiegendes moment, dasz der weitere 
nachwels dieser engen beziehung erspart werden kann ; deshalb dazu 
nur so viel: 

Die hauptsächlichsten thätigkeitsäuszerungen des gelstes liegen 
auf dem gebiete der Wissenschaft und der kunst« das geistige 
leben der schüler der höheren lehranstalten kann sich sonach auch 
nach diesen beiden richtungen bewegen ; als wissenschaftliches« 
als künstlerisches, thatsächlich äuszert es sich vorwiegend als 
ersteres ; mit gutem gründe, die höheren lehranstalten bedienen sich 
eben zur pflege des intellectes ihrer Zöglinge des mittels des wissen- 
scaftlichen unterrichte , und nicht aus zufall ; zur menschenmög- 
lichen entwicklung desselben steht ein anderes von gleicher Zugkraft 
einfach nicht zu geböte, gelst nährt sich an geist; wie leib an leib. 
Wissenschaft aber Ist der gelst der Vergangenheit, der Jahrtausende 
gewlssermaszen auf lager gehalten ist. wollen die höheren lehr- 
anstalten den gelst ihrer Zöglinge zur menschenmöglich höchsten 
entwicklung emporführen, so haben sie von diesem lager zu ent« 
nehmen und sie entnehmen von ihm und speisen damit ihre pfleglinge. 

Nun ist aber ihre Organisation leider nicht der art, dasz diese 
pflege , diese geistige speisung , ganz Innerhalb der schule gereicht 
werden kann; diese musz, wenn sie auch den Schwerpunkt ihrer 
arbeit bei weitem in sich enthalten wird, doch ein gutes teil der 
lösung ihrer aufgäbe dem häuslichen fleisz zuweisen und deshalb ein 
wissenschaftliches leben ihrer Zöglinge auch auszerhalb ihrer eigent- 
lichen grenzen fordern, dasz ihr daraus aber das recht, die pfllcht 
dieses wissenschaftliche leben auch auszerhalb der schule zu über- 
wachen erwächst, bedarf keines wertes; ist ja dasselbe wesentlich 
doch nur die fortsetzung des in der schule geführten und vollzieht 
sich nur in bewältigung der dort gestellten aufgaben. 

Die frage kann nur die sein : mit welchen mittein, auf welchen 
wegen hat sie dieses recht zu gebrauchen, zu antworten ist auch 



Zur disciplin der höheren lehranstalten. 169 

hier: in erster und vornehmster reihe durch den lehrer innerhalb 
der schale und selbstverständlich nicht wie bei Überwachung des 
körperlichen lebens durch das mittel des Unterrichts, sondern durch 
das der controle. Übt der lehrer, jeder in seinem fache, mit Sorgfalt 
die correctur, unterzieht er die prSparationshefte seiner genauen ge- 
regelten durchsieht, prüft er bei einsichtnahme dieser schriftlichen 
häuslichen arbeiten sie ganz vornehmlich auch auf ihre Selbständig- 
keit, arbeitet er den vorliegenden Übersetzungsstoff mit der classe 
gründlich durch, unterwirft er das aufgegebene pensum einem 
genauen, umfassenden durchfragen, kurz, überzeugt er sich von der 
gewissenhaften lösung der von ihm gestellten aufgaben, faszt er 
dabei die verdächtigen, unsi ehern schüler scharf und stetig ins äuge, 
ahndet jede unbegründete Unterlassung sofort und in der entspre< 
chenden weise, so verfügt er für den weitaus grösten teil der classe 
über ein mittel für Überwachung des häuslichen fleiszes, für ge- 
ordnete wissenschaftliche lebensführung seiner zöglinge, von bei- 
nahe unfehlbar sicherer Wirkung, der lüderlichkeit , grobem aus 
faulem willen stammenden unfleisze, rückt er mit allen mittein der 
schulischen disciplin energisch zu leibe, nimmt die hilfe des directors, 
wenn es sein musz der conferenz, in anspruch und bringt den zu- 
stand des Zöglings in der quaiialscensur zur kenntnisnahme des 
hauses. 

Aber auch bei Überwachung des wissenschaftlichen lebens der 
schüler auszerhalb der schule von Seiten der lehrer ist deren thätigkeit 
mit der in der schule geübten nicht erschöpft, auch hier hat das haus 
seine rolle, und gebührt ihm sein recht, die von mancher seite zu 
besserer Überwachung des häuslichen fleiszes gepriesenen anbahnungen 
freundschaftlicher beziehungen der lehrer mit dem hause sind nicht zu 
loben ; einmal sind sie in ansehung der in betracht kommenden zahl 
eine utopische f orderung I wo soll ein lehrer — und das gilt schon 
für kleine, zu schweigen von groszen und grösten städten — die ge- 
legenheit hernehmen , solche beziehungen anzuknüpfen ; wo die zeit 
sie wirklich fruchtbringend für die vorstehende aufgäbe zu unter- 
halten, ja wo die weite seele? sie sind aber auch gefährlich, der 
lehrer hat seinen ruf und sein gewissen so intact zu halten wie der 
richter; zu viel intime beziehungen dürften für beide zur correcten 
erfÜUung ihres amtes nicht taugen, zu verwerfen sind auch häus- 
liche besuche zwecks der controle jeder art, auch für auswärtige 
schüler; deren gute familiäre Versorgung läszt sich aus dem bereits 
angegebenen gründe weit sicherer bewerkstelligen als die der meisten 
einheimischen ; fehlt es an guten , zuverlässigen pensionshaltem , so 
schaffe man solche , wenn es sein musz durch Staatssubventionen ; 
der lehrer ist erzieher zur sittlich freien persönlichkeit ; er ist kein 
Polizist, und nach polizei schmeckt solch ein behufs irgendwelcher 
ermittelung angestellter besuch gar leicht, diese besuche sind aber 
auch nutzlos ; welcher schüler verstände nicht mit dem scheine des 
rechten, hier des fleiszes, sich jeden augenblick zu umhüllen ? also : 



170 Zur disciplin der höheren lehranstalten. 

fttr den weitaus grösten teil der schüler reicht zwecks überwacbang 
ihres wissenschaftlichen lebens auszerhalb der schule eine gute 
methode in innerschulischer controle aus; versteht sich ein lehrer 
nicht auf sie, dann dürfte er gewis noch viel weniger verstehen, f&r 
den beregten zweck mit erfolg häusliche besuche zu machen. 

Wo aber die schule der rücksprache mit dem hause notgedrungen 
bedarf, was da? dann hat dieselbe amtlicher weise zu erfolgen, die 
rücksprache mit dem hause darf die schule nur in wirklich bedenk- 
lichen fällen , wo gefahr im Verzuge , suchen und dann ist der amt- 
liche verkehr der würdigste und auch wirkungsvollste, der etwaige 
Vorwurf der härte solcher praxis ist mit dem hinweis auf die viertel- 
jährlichen censuren , die das haus stet« auf dem laufenden erhalten, 
hinreichend zu entkräften. 

Wurde oben das wissenschaftliche leben der schüler auszerhalb 
der schule rundweg als fortsetzung des in derselben geübten be- 
zeichnet, so sollte doch sein begriff damit nicht völlig umschrieben 
werden ; seine zweite noch mögliche erscheinung ist — auszer den 
des privatstunden nehmens und gebens in schulischen disciplinen, 
die beide von der bewilligung des directors, bzw. des ordinarins, 
abhängig zu machen sind — die der privatstudien; ihr hat nun die 
betrachtung zu gelten. 

Rein begrififlich gefaszt kann von privatstudien bei den schQlem 
der höheren lehranstalten gar nicht die rede sein, denn die richtige 
Organisation dieser vorausgesetzt, beuten sie die arbeitskraft der 
schüler bis auf das letzte erlaubte masz mit ihren forderungen für 
ihre laut pensum obliegenden aufgaben aus ; die möglichkeit zu jenen 
wird damit hinfällig, anstalten, an denen das privatstudium in blttte 
steht, müssen demnach unter bösen Übeln leiden: sie sind entweder 
nicht richtig organisiert, disciplinen schmarotzen an disciplinen, oder 
sie sind es; dann treiben sie mit der forderung und förderong des- 
selben nichts mehr und nichts weniger als raubbau; die zahl ihrer 
Opfer nehmen sie, wie der schlechte arzt^ nur nicht wahr; die ent- 
schwinden im laufe der zeit ihrer fühlung. man führe als zeugen 
dagegen nicht die erfahrung vor. sie bestätigt wohl die ungeheure 
leistungsfähigkeit des einen oder des andern, das zeitweilige auf- 
treten einer enormen arbeitskraft, sonst nichts, wem vom schöpfer 
ein körperlich kräftiger und guter Organismus mitgegeben wurde, 
dem resoniert es stark, da ist der ton voll, das ist der sogenannte 
geistesstarke, der grosze mann ; aber die zart und fein besaiteten in- 
strumente sind wie in jedem , so auch in dem groszen concerte der 
weit die bei weitem meisten und erfordern besondere hut nnd 
Schonung, so dürfen auch die höheren lehranstalten ihr leben nicht 
nach den hochtalentierten , vielleicht genialen naturen normieren 
und auf deren leistungen für ihre forderung sich berufen; der haupt- 
teil ihres schülermaterials ist mittelgut und das verträgt eine Über- 
spannung seiner kraft nicht lange, privatstudien als dem lehrplan 
wesentlich inhärierende weise ich von dem richtig organisierten 



Zur dißciplin der höheren lehranstalten. 171 

gymnasium, aus der schule der zucht weg, dahin wohin sie gehören^ 
auf die anstalten der freieren geistesbewegung , die Universität. 

Anläszlich aber der ihrem betriebe innewohnenden Versuchung 
zu selbst unsittlichem thun, zu liebedienerischem feigen wesen, zur 
«rheuchelung von wissenschaftlichem enthusiasmus, zu strebertüm- 
lichem arbeiten von selten der schüler, ehrgeizigem ambieren für 
ihre specialföcher von selten der lehrer, wünsche ich die privat- 
fitndien für richtig organisierte, gut geleitete höhere lehranstalten 
sogar verboten; denn in enger beziehung zum letzten schulzweck, 
zur erzielung sittlich freier persönlichkeit stehen sie nicht , können 
ihn aber empfindlich gefährden. 

Die andere thätigkeitsäuszerung des geistigen lebens der schüler 
der höheren lehranstalten konnte die künstlerische sein. 

Kunst ist das gebiet für die gestaltungen des schönen geistes, 
des Schönheitssinnes, dasz seine pflege in beziehung zur erzielung 
des idealen menschen^ der sittlich freien persönlich keit steht, er- 
heischt keinen erweis, die Griechen bezeichneten mit ihrem koXöc 
k' dtotOöc schlechtweg ihren idealen menschen; ihre gy mnasien 
standen fast vorwiegend im dienste dieser pflege; auch unsere 
höheren lehranstalten ziehen sie in den kreis ihres thuns: gesang, 
zeichnen und nun auch turnen haben platz in ihrem lehrplan ge- 
funden, dasz die sorge um sie im vergleich zu derjenigen um die 
aosbildung des intellects, um das wissenschaftliche leben ihrer 
Zöglinge, keine eingehende ist, liegt in der, wohl auch berechtigten, 
modernen höheren Wertschätzung des wissenschaftlichen wissens 
gegenüber dem künstlerischen können ; ob dieses doch nicht die 
Zuwendung reichlicherer pflege verdiente, ist hier nicht zu erörtern, 
wir folgern nur aus der begrifflichen läge der sache und aus dem 
factischen thatbestand , zwar nicht die Verpflichtung der schüler der 
höheren lehranstalten, wohl aber ihre gute berechtigung zur aus- 
übnng künstlerischen lebens auch auszerhalb der schule , und es ist 
nar die grenze festzustellen und anzugeben, wie weit von Seiten der 
lehrer hier Überwachung zu üben. 

Über die kunstart, ob maierei, ob plastik, ob architektonik, ob 
musik, ob dichtkunst, darüber haben die lehrer kein bestimmungs- 
recht und können ein solches nicht haben : die kunst ist etwas zu 
individuelles, die künstlerische Veranlagung und neigung durchaus 
persönlicher natur. für die entscheidung , ob und welche kunst zu 
pflegen sei , gebührt dem hause der vortritt, die botmäszigkeit der 
schule beginnt mit dem Vie weit', wie weit also darf, ja soll die 
sdiule einer künstlerischen lebensführung ihrer Zöglinge rechnung 
tragen? so weit ihr durch dieselbe die möglichkeit der erreichung 
ihres Zweckes an dem schüler nicht geraubt, d. h. so weit dieser an 
der erfüllung seiner Schulpflicht durch das genügen seines künstle- 
rischen strebens nicht gehindert wird, dasz diese grenze aber eine 
sehr bewegliche sein , dasz dem einen ein sehr weiter Spielraum frei 
gegeben und mit ihm die schöne gelegenheit gewährt wird, auch 



172 Zur disciplin der höheren lehranstalten. 

auf dem felde der konst über die niedrigen regionen und zu dem 
glücke wahrhaften genusses emporzusteigen, dasz andere schttler 
auf dem kunstgebiete sehr eng umgrenzt werden müssen, nnd dann 
besser gar nicht sich künstlerisch beschäftigen, liegt eben in 
dem weiten umfang menschlicher leistungsffthigkeit und kraft, sieht 
aber die schule die erreichung ihres Zweckes an ihren Zöglingen 
durch den betrieb künstlerischen lebens bedroht, bei beharren in. 
demselben vereitelt, so musz sie, sei es durch ein Wirkung auf den 
Schüler, sei es unmittelbar und zwar wiederum lediglich auf ami- 
liche weise, einschrSnkung, bzw. einstell ung der künstleriBchen 
lebensführung zu erreichen suchen; im falle der renitenz seitens des 
hauses hat sie endlich zur gegebenen zeit sich des sie in ihren freien 
bewegungen nur hemmenden ballastes ohne bedenken zu entledigen. 

Im enger beziehung zum letzten schulzweck, zur erzielong 
sittlich freier persönlichkeit, steht und ist deshalb bei den schttlem 
der höheren lehranstalten von selten der lehrer auch anszerhalb der 
schule zu Überwachen drittens: / 

Ihr sittliches leben. 

Die enge beziehung des sittlichen lebens zu dem der sittlich 
freien persönlichkeit beweisen zu wollen, hiesze etden nach Athen 
tragen, der begriff der freiheit hat ja seine spitze in dem sitt- 
lichen, die frühem momente, das körperliche und das geistige, 
sind nur accidentien, wohl notwendig, aber unterartigen wertes; 
erst das des sittlichen reicht das wesentliche, eigentlich constitutive 
merkmal für den begriff der sittlich freien persönlichkeit dar ; sie ist 
selbst gar keine andere , ist schlechthin identisch mit der sittlichen, 
d. h. mit derjenigen, die ihr leben führt in freier, selbstgewfthlter 
und selbstgewollter Übereinstimmung mit dem willen gottes; ihr 
leben ist die zur erscheinung gewordene, verkörperte harmonie des 
menschlichen und des göttlichen, das zusammenklingen dermenschen- 
seele mit gott und seinem geiste. und das gibt einen guten klang, 
die höheren lehranstalten wissen es und daher alle ihre mühe, ihn 
immer wieder zu erzeugen, aus den ihnen zugeführten seelen sittlich 
freie persönlichkeiten zu erzielen, sie zu erziehen zu kindern gottes. 
dies ist ihr letzter zweck und musz es bleiben, sie brauchen dann 
sicherlich nicht zu sorgen, wie sie ihr ziel, heranbildung ihrer zOg- 
linge für bedienung menschlicher dinge, des Staates, der kirche, kurz 
für befähigung jeder arbeit im dienst und zu nutz und frommen 
der menschheit erreichen, der ideale mensch , der mensch mit dem 
so gut als möglich entwickelten intellect, dem sittlich guten willen, 
die sittlich freie persönlichkeit, wie die höheren lehranstalten sie er- 
zeugen , ist jeden beruf des menschlichen lebens zu erfassen nicht 
blosz geschickt, er allein ist geeignet für seinen rechten betrieb; die 
befUhigung dazu empfSngt er aus seiner sittlich gestimmten natnr. 
man sehe auf das beliebigste arbeitsfeld I ist das treibende rad der 
niedrige, gemeine egoismus, wächst die mühwaltung seiner bearbeiter 
nicht aus dem gründe des sittlichen, da entsprieszt höchstens taube 



Zur disciplin der höheren lehranstalten. 173 

fruchtl nur wo die menschlichen dinge von wahrhaft sittlichen, eben 
von sittlich freien persönlichkeiten bedient werden, gedeihen sie und 
können sie gedeihen. 

Haben demnach die höheren lehranstalten in ihrer eigenschaft 
von Yorbereitungsanstalten für staat und kirche, für das gesamte 
höhere praktische wirken das sittliche leben ihrer Zöglinge ohne 
frage mit höchstem nachdruck zu pflegen, wie steht es mit seiner 
Überwachung von Seiten der lehrer auch auszerhalb der schule ? 

Dasz eine solche geboten ist, folgt aus der begrifflichen einheit 
des sittlichen; eine zwiefache sittliche lebensführung, eine auszer- 
halb der schule gestatten zu wollen , eine andere innerhalb , ist ja 
ein nonsens. aber wie weit hat diese Überwachung zu gehen? eben 
aus dieser einheit des begriffs des sittlichen ist zu folgern: sie hat 
sich auf das ganze sittliche leben der schüler , d. h. auf den ganzen 
umfang der lebensäuszerungen auszerhalb der schule zu erstrecken, 
welches sind diese Suszerungen? 

Das sittliche leben kommt zur erscheinung 

a) an dem Verhältnis seines trSgers zu ihm selbst, es ist das 
persönliche ; 

b) an dem zu seiner familie, das familiäre; 

c) an dem zu seinen mitmenschen, das gesellig-gesellschaftliche; 

d) an dem zum staat, das politische; 

e) an dem zu gott , das religiöse leben. 

Damit hat der gang der Untersuchung ein gebiet von groszer 
weite eröffnet ; wir wollen hier nur das wichtigste kurz angeben. 

(fortsetzung^ folgt.) 



16. 

DIE BEHANDLUNG DES LEBENS JESU 
AUF DEN VERSCHIEDENEN STUFEN HÖHERER LEHR- 

ANSTALTEN. 



Die seit Jahrzehnten gemachte beobachtung, dasz die schüler 
unserer höheren lehranstalten, wenn sie der zucht derselben ent- 
wachsen sind, sehr häufig gleichgültigkeit, ja sogar abneigung gegen 
religiöse dinge zeigen, dasz also ihre religiöse bildung in dem spätem 
leben sich nicht nachhaltig erweist, hat zu ernsten bedenken veran- 
lassung gegeben, wohl mag ja die Ursache solcher bedenklichen er- 
scheinungen in den manigfachen hemmnissen und erschwerungen, 
mit denen der religionsunterricht ganz besonders zu kämpfen hat, 
liegen; aber nicht minder hat man diese erscheinungen auch auf die 
beschaffenheit des Unterrichts selbst zurückführen müssen, und so 
fehlt es auch nicht an geeigneten versuchen , in richtiger weise ab- 



174 Die bebandluDg des lebens Jesu auf den höheren lehranstalten. 

hilfe zu schaffen, teils durch hervorhebung der schaden formaler und 
materialer art , die sich auf umfang , Verteilung, darbietung nnd An- 
eignung des unterrichtlichen lehrstoffs beziehen, teils auch in posi- 
tiver weise durch die betonung der hohen aufgaben nnd ziele, denen 
ein richtig angelegter religionsunterricht zuzustreben habe, wfthrend 
nemlich die einen die begründung eines selbständigen urteile in kirch- 
lichen und religiösen fragen durch die kenntnis der geschichte des 
Christentums oder die weit stärkere betonung der sittlichen grund- 
lagen und Wirkungen der christlichen religion als zweck und ziel des 
Unterrichts hinstellten^ forderten die andern die feste begründung 
einer religiös sittlichen Weltanschauung und bildung des willens als 
des kemes der menschlichen persönlichkeit oder sprachen andere be- 
rechtigte forderungen aus. so verschieden nun auch diese fordemn- 
gen, in form von bedenken, vorschlagen und gutachten aufgestellt, 
unter einander sein mögen, so zieht sich doch bei näherer verglei- 
chung durch alle ohne ausnähme die eine grundforderung hindurch : 
der eigentliche mittelpunkt des religionsunterrichts unserer höheren 
lehranstalten musz die heilige schrift sein , und die einftthrung in 
dieselbe ist in allen classen die hauptsache. ' und wenn Kehr be- 
merkt, dasz der religionsunterricht ein Unterricht in und aus der 
bibel sein musz , so weist er damit auf das geeignete mittel, das der 
schule zur erreich ung jenes Zieles zu geböte steht, hin, nemlich 
auf die notwendigkeit einer planmäszigen und zusammenhängenden 
bibellectüre. 

Das zusammenhängende bibellesen ist ein Unterrichtsgegenstand, 
dem man einfachheit nicht absprechen kann, dessen Schwierigkeit 
aber auch nicht jeder sofort erkennen wird, nicht als ob dasselbe 
früher im unterrichte ganz unberücksichtigt geblieben wäre; ja, es 
sind sogar forderungen aufgestellt, vor denen wir jetzt zurück- 
schrecken, wenn z. b. der Frankfurter kirchentag vom jähre 1864 
den beschlusz gefaszt hat, dasz die ganze bibel in der schule gelesen 
werden müsse, so erklärt sich dieser allerdings aus dem eigentüm- 
lichen inspirationsbegriffe^ nach welchem alle bücher der bibel, weil 
sie einmal in dem kanon vereinigt sind, auch gleiche bedeutung für 
unsem glauben und unser religiöses leben haben, die Schulpraxis 
jedoch urteilt ganz anders darüber, aber abgesehen davon, dasz 
wenigstens unsere höheren schulen aus mangel an zeit nie daran ge- 
dacht haben , solche ideen im unterrichte zu verwirklichen , so ist 
doch auch hier die bibellectüre trotz ihres weit geringeren umfangs 
auf mancherlei Schwierigkeiten gestoszen, als deren folgen die oft 
wenig befriedigenden resultate dieses untenichtsgegenstandes an- 
zusehen sind, man mag zugeben^ dasz eine ganze reihe solcher 
Schwierigkeiten darauf beruht, dasz der Jugend nun einmal die 
innere erfahrung abgeht , um empfindungen , eindrücke und lehren, 



* Trosien über den religionsunterricht an evangelischen gymnasien. 
Halle 1889. 



Die behandlang des lebens Jesa anf den höheren lehranstalten. 175 

wie sie in den verschiedenen teilen der bibel niedergelegt sind , zu 
-würdigen und in sich aufzunehmen , dasz sie ferner auch nicht das 
richtige Verständnis für den eigentümlichen Sprachgebrauch, für die 
epische breite und bildliche darstellung der biblischen erzählungen 
zeigt, dasz endlich das jugendliche gemüt gar zu leicht mit religiösen 
eindrücken übersättigt wird und die aufmerksamkeit infolge dessen 
sich nicht selten an der Schwierigkeit des gegenständes bricht, aber 
diese momente erklären doch noch nicht für sich allein jenen um- 
stand, auch objective factoren kommen hinzu, die entweder in dem 
zu groszen umfange des pensums oder in der schiefen auswahl und 
darbietung des sto£fs oder auch in andern Ursachen begründet sind, 
zu denen ich vor allen den mangel einer allgemein anerkannten und 
als Schulbuch eingeführten schulbibel rechne. 

Die ganze bibel ist anerkanntermaszen kein buch für die Jugend, 
und wenn ein so erfahrener und christlich gesinnter pädagoge wie 
Wiese offen bekennt: 'ich nehme keinen anstand, es auszusprechen, 
dasz ich es auch für unpädagogisch halte, die ganze bibel schon dem 
frühen kindesalter hinzugeben', so fragt man doch mit recht , wes- 
halb dieser hochwichtigen sache bisher nicht mehr beachtung ge- 
schenkt ist. allerdings sind ja einige sogenannte bibelauszUge oder 
schulbibeln von Thudichum und Hofmann vorhanden; auch die 
Glamer familienbibel gehört hierher, und neuerdings ist auch eine 
schulbibel von Völker erschienen, aber alle , nach Inhalt und form 
geprüft, entsprechen noch nicht völlig den anforderungen der Schul- 
praxis, wie mir scheint, hindert zur zeit noch die ganz berechtigte 
achtung vor der Lutherschen bibel, das richtige zu treffen ; man kann 
sich deshalb nur zu den notwendigsten auslassungen entschlieszen 
und vermeidet, wenn es irgendwie angeht, änderungen im ausdrucke 
vorzunehmen, auch wir erkennen diesen conservativen grundsatz 
gern an ; aber anderseits schrecken uns auch etwaige bedenken nicht 
zurück, mit der consequenteren beschneidung des umfangs der bibel, 
sowie der planmäszigeren Sichtung des stoffs mehr ernst zu machen, 
um dann in diesem buche das passende und notwendige, überhaupt 
das beste und schönste, was die heilige schrift bietet, beisammen zu 
haben, die sprachliche form ist natürlich die biblische nach dem 
revidierten texte, aber so wenig eine willkürliche und leichtfertige 
abweicfaung von diesem zu billigen ist, so wenig darf man, wenn 
der ausdruck etwa anstöszig, misverständlich , unverständlich oder 
wohl gar irreleitend sein sollte, eine änderung desselben unterlassen, 
nach derartigen grundsätzen bearbeitet, wird ein solcher bibelauszug 
ohne bedenken schon den schülem der unteren classen in die band 
gegeben und auch von denen der mittleren stufe mit erfolg benutzt 
werden können; ja, wir sind sogar der ansieht, dasz auch secundaner 
und primaner, obwohl im besitz der vollständigen bibel, oft zu die- 
sem buche zurückgreifen , und dasz so allmählich an stelle der bis- 
herigen gleichgültigkeit und unerfahrenheit eine liebende Vertraut- 
heit mit biblischen dingen treten wird. 



176 Die bebandlung des lebens Jesu auf den höheren lehranstalten. 

Wenn auf dieser grundlage der religionsunterricht unmittel- 
barer als bisher auf die bibel als die lauterste quelle der göttlichen 
Offenbarung zurückgeht, indem er der mahnnng Luthers folgt : trink 
doch so mehr aus dem brunnen selbst, als aus den flflszchen, die dich 
zum brunnen geleitet haben, so gestaltet er sich za einem unter- 
richte mit vorzugsweise historischem Charakter, der die geschichte 
des Christentums zum gegenstände hat.' selbstverständlich haben 
bei dieser darstellung der geschichtlichen entwicklung des heils die 
historischen bücher der bibel und unter diesen die evangelien , als 
die quelle der geschichte des lebens Jesu , des Stifters und gründen 
unserer christlichen religion, die gröste bedeutung und werden, 
gleichwie die bibellectüre in dem mittelpnnkte des religionsunter- 
richts stehen soll , den wesentlichsten teil dieser lectüre bilden, so 
erklärt sich denn auch aus der centralen bedeutung jener biblischen 
Schriften für den ganzen umfang des religionsunterrichts der fol- 
gende versuch , einen kurzen beitrag zu der behandlung des lebens 
Jesu auf den verschiedenen stufen höherer lehranstalten zu liefern. 

Aus diesem gründe bedarf auch die in dem lehrplan der gjmna- 
sien und realgymnasien wiederkehrende behandlung desselben keiner 
weitem rechtfertigung , zumal da auch Schrader in einer volUtftn- 
digen geschichte des lebens Jesu den besten unterrichtssoff für die 
religionsstunde erblickt, so ist es ganz natürlich, ja geradein er- 
forderlich, dasz die bedeutungsvollen geschichtlichen thatsacben and 
grundwahrheiten seiner lehre auf den verschiedenen stufen wieder- 
kehren, und aufgäbe des Unterrichts ist auf allen diesen, die persön- 
lichkeit Christi in einfacher, klarer und anschaulicher weise vor die 
Seele der schüler zu malen, als des sündlosen gottes- und menschen- 
sohnes , der die absieht hatte , ein gottesreich auf erden za gründen, 
aber von seinen gegnem verkannt^ angefeindet und gehaszt scbliesz- 
lieh den freiwilligen opfertod Übernahm, um durch diesen höchsten 
liebesdienst, den er der weit erwiesen hat, seine sache zum herlichen 
siege zu führen und als auferstandener sie bis an das ende der tage 
in seinen schütz zu nehmen, aber wie diese eben angedeuteten 
grundzüge, nach oben nicht nur einfach repetitorisch aufgenommen, 
sondern dem Verständnis und der geistigen fassungskraft der schüler 
angepasst, einer weitern entwicklung und ausführung bedürfen, so 
ändert sich auch damit der ganze Charakter der darstellung. indem 
sie sich nemlich anfangs mit der berücksichtigung der geschicht- 
lichen thatsachen begnügt und das lehrhafte nur gelegentlich streift, 
schreitet sie allmählich zu einer tieferen betrachtung fort, die auf 
breiterer grundlage ruhend jene beiden momente mit einander ver* 
bindet, so wird dann endlich auf der oberen stufe der nnterricht 
ein vollständiges lebensbild , in welchem das in Jesu persönlichkeit 



* vgl. die weitere ausführung bei Höfer 'vorschlafe und bedenken 
zum religionsunterricht auf höheren schulen^ in diesen Jahrbüchern 1881 
heft 6 u. 7. 



Die behandlang des lebens Jesu auf den höheren lehranstalten. 177 

verwirklichte ideal des sittlich guten und schönen zur darstellung 
kommt, entwerfen und nach kräften dahin wirken müssen, dasz 
dieses ideal nicht nur mit dem geiste von den schülem erfaszt wird, 
sondern auch in ihren herzen als nachahmenswertes vorbild bleibende 
aufnähme findet 

I. Die untere stufe, wie bekannt, hat sich die praxis noch 
nicht endgültig entschieden, welcher von den beiden in betracht 
kommenden classen, der sexta oder quinta, die sogenannte pro- 
pädeutische behandlung des lebens Jesu zuzuweisen sei. geschieht 
nemlich das erstere, so geht man allerdings von dem richtigen 
grundsatze aus, den sextanem möglichst früh etwas von dem leben 
des Stifters der religion, in die sie weiter eingeführt werden sollen, 
mitzuteilen, übersieht aber meines erachtens den organischen Zu- 
sammenhang zwischen dem alten und neuen testamente. bemüht 
man sich aber anderseits, durch eine teilung der biblischen ge- 
schichten des alten und neuen testaments in je zwei hälfben, so dasz 
die alttestamentlichen erzählungen dem Sommerhalbjahr, die neu- 
testamentlichen dagegen dem Winterhalbjahr als pensum der beiden 
classen zufallen , den beiden teilen der bibel gerecht zu werden , so 
tritt eine Unterbrechung des geschichtlichen Zusammenhangs ein, die 
auf dieser stufe lieber zu vermeiden ist. demnach wird es vom päda- 
gogischen Standpunkte aus richtiger sein, mit den biblischen ge- 
schichten des alten testaments, wie bisher üblich, in sexta anzu- 
fangen, aber zugleich auch vor und nach der feier der christlichen 
feste die betreffenden erzählungen aus dem neuen testamente zur 
besprechung mit heranzuziehen; und erst in der quinta wird die be- 
handlung der neutestamentlichen erzählungen der reihenfolge nach 
zu erledigen sein. 

So findet also die darbietung des Stoffes nicht in der form einer 
zusammenhängenden geschichte, sondern in einzelnen erzählungen 
statt, in der weise, dasz diese einzelbilder ein leicht übersehbares 
und wenig umfangreiches ganzes bilden, das der kindliche geist 
leicht erfaszt und aufnimmt, trotzdem dürfen sie aber auch nicht 
als zusammenhangslose geschichten ohne irgendwelche beziehung 
zu einander dastehen ; vielmehr ist es ratsam , am ende oder im an- 
fange der geschichten den Zusammenhang mit wenigen werten an- 
zudeuten und so einen vermittelnden Übergang von der einen zu der 
andern herzustellen, erst dann erreichen wir, dasz mit der fort- 
schreitenden aufeinanderfolge der erzählungen das interesse der 
scbüler sich unwillkürlich steigert, letzteres ist jedoch wesentlich 
mit bedingt durch die richtig getroffene auswahl, die auf Vollständig- 
keit verzichtend andere momente zu berücksichtigen hat. so wird 
z. b. die ehrwürdige gestalt des greisen Nicodemus, der einst in der 
nacht zum herrn kam , ihren eindruck auf die schüler jener alters- 
stufe nicht verfehlen; aber welchen gewinn werden diese von der 
darauf folgenden Unterredung über die geistige Wiedergeburt haben? 
oder wie soll ihnen die geschichte von der Verklärung Jesu auf dem 

N. Jahrb. f. phil. n. p&d. II. abt. 1H92 hft. 4 u. 5. 12 



178 Die behandlung des lebens Jesu auf den höheren lefaraDttaliai. 

berge nahe gebracht werden, zumal da doch die bedeatnng jened 
ereignisses mehr in dem innem erlebnis Jesu als in dem ttnszem Vor- 
gänge liegt? ja, prüfen wir die biblischen geschichten darauf hin 
noch weiter, so werden sich leicht manche andere noch aus der ge- 
wohnlichen zahl streichen lassen ; und eine verständige answahl be- 
gnügt sich mit der betrachtung der geschichten , die von der kind- 
heit Jesu, seinen wunderthaten und Wanderungen, seinen leiden nnd 
seiner auferstehung berichten, zwar bleibt das lehrhafte moment 
nicht ganz unbeachtet, aber es tritt von selbst vor dem geschicht- 
lichen zurück; und wenn auch von den gleichnissen solche berfick- 
sichtigt werden, die allkekannte Vorgänge aus dem nator- and 
menschenleben zum Inhalte haben und deren erklärung keine schwie- 
rigkeiten darbietet, so ist doch ein weiteres eingehen auf die berg- 
predigt und sonstige lehrreden gänzlich ausgeschlossen, überhaupt 
hüte man sich auch vor einer gehäuften aneinanderreihung von 
gleichartigem, sei es von gleichnissen, wunderthaten oder sonstigen 
aussprüchen Jesu^ denn gar zu oft erreicht man dadurch das gegen- 
teil und schwächt möglicherweise das Interesse der jagend für jene 
dinge ab. 

Einer solchen gefahr dürfte sich auch leicht die methodische 
behandlung dieser einzelbilder bei anwendung der Herbartschen 
formalstufen auf dieselben aussetzen, auch ich habe dem versache 
nicht widerstehen können, einzelne besonders inhaltreiche and zu 
solchem versuche geeignete erzählungen nach den präparationen von 
Staude in der tertia des hiesigen realprogjmnasiums durchzunehmen, 
aber abgesehen davon , dasz eine derartige ausführliche behandlang 
den schülem anfangs befremdend war, hat mich vor allem das be- 
denken , die Übrigen geschichten nicht mit gleicher aasführlichkeit 
betrachten zu können , zu der alten behandlungs weise zurückkehren 
lassen; und ausschlaggebend war für mich der umstand, dasz man 
dabei leicht in den fehler verfällt, die biblischen geschichten ver- 
standesmäszig zu zerpflücken und darch die vielen fragen das reflec- 
tieren und grübeln darüber zur hauptsache zu machen, auch mir 
sind die Schwierigkeiten einer erfolgreichen behandlung, die sowohl 
in der höhe der eigentümlichen gedankenweit als in der sprachlichen 
form ihren grund haben, wohl bekannt; indessen als das beste mittel, 
diese zu überwinden, erweist sich immer die methode, dasz der lehrer 
die geschichte in der einfachheit und Schlichtheit der bibelsprache 
vorerzählt, sodann von einigen begabteren schülem nacherzählen 
läszt, zugleich auch gelegentlich für das Verständnis von schwierigen 
ausdrücken und Satzverbindungen sorgt, um endlich die geschichte 
als ganzes auf die schüler wirken zu lassen, und die natürliche folge 
ist, dasz sich ihr wissen in ein mitfühlen und miterleben der erzählt^ 
thatsachen umsetzt. 

Wenn sich hiernach die erklärung auf das notwendigste be* 
schränkt, so ist doch die lehrhafte seite der erzählung nicht gänzlich 
unberücksichtigt zu lassen, sondern am Schlüsse der Unterrichtsstunde 



Die behandlung des lebens Jesu auf den höheren lehranstalten. 179 

in einem spräche oder liederverse zusammenzufassen, solche Sprüche, 
kemsprüche im eigentlichen sinne des wortes, die aber nicht aus 
dem zusammenhange herausgelöst werden dürfen, sondern, wie Höfer 
richtig bemerkt, wegen ihres bedeutsamen inhalts, ihrer ansprechen- 
den form und der gelegenheit, bei der sie gesprochen, den knaben 
lieb und wichtig werden , in passender weise herangezogen und dem 
gedächtnisse eingeprägt, ersetzen vollständig etwaige ermahnungen 
und nutzanwendungen und lassen auch die religiöse bedeutung der 
geschichte für das praktische leben deutlich erkennen, und wenn 
dann die sextaner, bei einer solchen behandlung, am ende des Schul- 
jahres auf die durchgenommenen erzählungen, vielleicht 40 an zahl, 
zurückblicken, in welchen sie den heiland bei seiner geburt in der 
krippe zu Bethlehem geschaut , ihn auf seinen Wanderungen durch 
das jüdische land begleitet, mit ihm die zeit des galiläischen aufent- 
halts durchlebt, ja schlieszlich ihm auch zum todespassah nach Jeru- 
salem gefolgt sind, um zeugen seines todes, seiner auferstehung und 
himmelfahrt zu werden : dann setzen sich schon auf dieser stufe die 
einzelnen eindrücke als glieder einer fortlaufenden kette zu einem 
übersichtlichen gesamtbilde zusammen , das unauslöschlich in ihren 
Seelen haften bleibt. 

n. Die mittlere stufe, der quinta der vorigen stufe ent- 
spricht die Untertertia der mittleren, da die schüler hier zum ersten 
male ein vollständiges buch der bibel im zusammenhange lesen , so 
sind einige werte der aufklftrung über den gebrauch derselben, über 
die manigfaltigkeit und Schwierigkeit der biblischen anschauungs- 
und ausdrucks weise am platze und leiten vermittelnd zu dem be- 
treffenden gegenstände über, im gründe genommen besteht das 
pensum der untertertia nur in einer ergänzung und weiteren aus- 
führung der früheren einzelbilder; aber trotzdem wird, da der zu 
behandelnde stoff in einer andern form vorliegt und auch die dar- 
stellung einen andern Charakter annimmt, das ziel des Unterrichts 
ein höheres sein, denn was zunächst den stoff betrifft, so liefern uns 
diesen, nicht wie auf der vorigen stufe, einzelne biblische geschichten, 
sondern die fortlaufende erzählung eines der drei synoptischen evan- 
gelien, da selbstverständlich das Johannesevangelium nicht in frage 
kommen kann, welches aber von jenen dreien das geeignete sei, 
darüber streitet man. einige erklären sich, altem herkommen gemäsz, 
für das Matthäusevangelium, weil es neben einer kurzen Vorgeschichte 
mit gröszerer ausführlichkeit die bergpredigt, reden und gleichnisse 
Jesu berichtet, andere wieder geben bei der vergleichung des 
Matthäusevangeliums mit dem Lucasevangelium dem letztem den 
Vorzug, weil es die vollständigste kindheitsgeschichte und eine reihe 
ihm eigentümlicher erzählungen enthält, und weil das evangelium 
wie die apostelgeschichte, welch letztere im darauffolgenden jähre 
in der obertertia zu behandeln ist , von einer gleichartigen Paulini- 
schen auffassung durchzogen sind, endlich empfehlen noch viele 
andere , besonders wegen der kürze , auch wohl wegen der frischen 

12^ 



1 80 Die behandlung des lebenB Jesu auf den höheren lehruistaltan. 

und lebendigen ausdrucke- und darstellungsweise und wegen des 
mangels an längeren reden , das Marcusevangelium, bei genanerer 
Prüfung der drei evangelien pflichten wir schliesslich der letzten 
ansieht bei, indem wir das etwa erhobene bedenken, es enthielte das 
Marcusevangelium zu wenig lehrhaftes, damit zurückweisen, dasz 
das gleiche hervortreten des lehrhaften moments auf dieser stufe nicht 
wesentliches erfordemis ist, die fehlenden geschichtlichen erzfth- 
lungen aber sich leicht aus den beiden andern evangelien ergftnzen 
lassen, es würde dann , nachdem im eingange kurze angaben Aber 
die person des Verfassers, über plan, zweck und eigentümlichkeit 
des evangeliums in seinem Verhältnis zum Matthäus- und Lucas- 
evangelium, wobei wir das gleichartige und verschiedene aus der 
benutzung gleicher und verschiedener quellen ohne Schwierigkeit 
erklären können , vorausgeschickt sind, mit der lectüre des Marcos- 
evangeliums anzufangen sein. 

Wichtiger noch als die auswahl des Stoffes nach einem der drei 
evangelien scheint mir die besprechung desselben im unterrichte zu 
sein, denn das ziel ist ein wesentlich höheres, als wenn wir ein 
capitel nach dem andern lesen, in bestimmte abschnitte zerlegen 
und nach einigen hinzugefQgten erläutenmgen das gelesene recapi- 
tulieren wollten, um dann inhalt und Zusammenhang noch einmal 
oder mehrere male wiederholen zu lassen, ohne wirklicher erfolge 
sicher zu sein , hat ein solches verfahren , sowohl bei gleicher aus- 
führlichkeit als auch gleicher kürze der behandlung, mit Schwierig- 
keiten mancherlei art zu kämpfen , sei es dasz entweder die nötige 
zeit fehlt, oder dasz die schüler allen teilen und abschnitten der 
Schrift nicht das gleiche interesse entgegenbringen, wenn wir da- 
gegen einzelne partien mehr cursorisch und nur zur herstellnng des 
Zusammenhanges lesen, andere dagegen einer eingehenderen betrach- 
tung gewürdigt und mit den entsprechenden abschnitten aus den 
andern evangelien verglichen werden, so ergibt sich damit allerdings 
ein anwachsen des stofflichen materials ; aber anderseits ermöglicht 
uns auch die cursorische lectUre vieler stellen ein tieferes eingehen 
auf den hauptgegenstand selbst; und dieser gesichtspnnkt ist um 
so mehr zu berücksichtigen, als im gegensatz zu der vorigen stofe, 
wo das eigentlich geschichtliche raittelpunkt der darstellong war, 
hier der versuch einer gemischten behandlung des geschichtlichen 
und lehrhaften aufgäbe ist. zwar weit entfernt davon, an einen 
systematischen entwurf der lehre Jesu zu denken, halten wir es 
doch für möglich , dieselbe auf grund der bergpredigt , der gleich- 
nisse und anderer leicht verständlicher aussprüche und reden in 
einer dem geistigen Standpunkte der schüler angemessenen weise zn 
entwickeln. 

Aber damit ist noch nicht die eigentliche durcharbeitung des 
Stoffes erklärt, was gerade die art und weise dieser letztem betrifft, 
so dürfen einige praktische winke hierüber, die sich in den Verhand- 
lungen der directorenconferenz der provinz Sachsen finden, nicht 



Die behandlung des lebens Jesu auf den höheren lehranstalteii. 181 

unerwähnt bleiben, treffend heiszt es an jener stelle': man hat sich 
jedenfalls vor der schablonenhaften behandlung der sache zu hüten, 
welche ohne unterschied capitel für capitel zu hause durchlesen läszt, 
um es dann in der schule abzufragen und hinterher zu besprechen, 
dadurch wird schwerlich lust am bibellesen erzeugt, man verzichte 
auf häusliche Vorbereitung und begnüge sich mit der gründlichen 
besprechung der lectüreabschnitte nach den wichtigsten didaktischen 
grundsätzen. man sorge vor allem für leicht übersehbare metho- 
dische stoffeinheiten , für deutliche bezeichnung des jedesmaligen 
Zieles, für klare dispositionen und repetiere von stunde zu stunde 
gelegentlich und unmittelbar und sorge für ruhepunkte mit rück- 
blicken nach neuen gesichtspunkten u. dgl. versucht nun der Unter- 
richt obige winke im einzelnen zu befolgen, so musz er von selbst 
auf die lectüre längerer abschnitte verzichten , dagegen durch eine 
gründliche besprechung und manigfache abwechslung in der Wieder- 
holung den inhalt kleinerer teile nach allen selten vertiefen, um 
durch solche vergleichenden und vertiefenden überblicke und rück- 
blicke das gelesene in dem rahmen einer stoffeinheit zusammen- 
zufassen, so entsteht vor dem geiste der schÜler etwas, was wir 
auch als bild bezeichnen können, aber dasselbe unterscheidet sich 
doch wesentlich von den einzelbildern der unteren stufe, denn wäh- 
rend im mittelpunkte jener äuszere thatsachen, meist historische 
ereignisse stehen, heben die so verarbeiteten stoffeinheiten die ver- 
schiedensten Seiten aus dem leben und der lehre Jesu hervor, ge- 
währen uns auszerdem einen tiefern einblick in das geistig sittliche 
leben biblischer persönlich keiten und verschiedener menschenclassen 
und lassen endlich auch manche der damaligen zeit Verhältnisse 
genauer erkennen, und so tragen sie zur gewinnung von charakter-, 
gruppen- und Zeitbildern bei. 

Zur erläuterung des gesagten mögen einige beispiele angeführt 
werden, gleich im anfange der evangelien tritt neben dem messias 
die persönlichkeit Johannes des täufers hervor, dessen Charakterbild 
wir nach den vorhandenen biblischen angaben ohne mühe entwerfen 
können.^ indem wir nemlich die auf Johannes zielenden Weis- 
sagungen des alten testaments zuerst berücksichtigen, wird dann kurz 
seiner kindheit; seines ersten auftretens und Zusammentreffens mit 
Jesu gedacht; ganz besonders sind auch auszer dem Inhalte seiner 
buszpredigt die aussprüche des Johannes über seine eigne person 
und deren Verhältnis zu Christo, dasz er nicht wert sei, ihm die 
schuhriemen aufzulösen, dasz er nur mit wasser taufe, jener dagegen 
mit feuer, recht zu würdigen, und dazu kommen noch die urteile 
Christi über Johannes, er tröstet sich mit ihm, dasz sie beide trotz 
ihres verschiedenen Verhaltens ungünstige aufnähme bei dem jüdi- 



' vgl. die Verhandlungen vom jähre 1886 8. 152. 
* Ritter 'charnkterbild Johannes des tänfers', Zeitschrift für den 
evangelischen religionsanterricht von Fauth und Köster 1889 heft 1. 



182 Die behandlung des lebeus Jesu auf den höheren lehranttalteiL 

sehen volke gefunden hatten^ und stellt seinen Vorläufer wohl als 
den g rösten propheten hin , zählt ihn aber auch zugleich den klein- 
sten im himmelreiche bei. es ist dies ein nur in flüchtigen nmrissen 
gezeichneter entwurf, und doch zeigt er zur genüge, wie es bei einem 
solchen charakterbilde weniger auf die einzelnen zÜge der äuszem 
lebensführung, als vielmehr auf einen tiefem einblick in das geistige 
leben der biblischen persönlichkeiten ankommt, gehen wir weiter, 
80 ist es auch möglich, von andern personen, die in den evangelien 
vorkommen , in ähnlicher weise Charakterbilder zu entwerfen, and 
wenn es auch einleuchtet, dasz die biblischen angaben nicht oft einen 
so reichlichen stoff zur bearbeitung liefern wie gerade bei dem obigen 
beispiele, so stöszt die lectüre doch gelegentlich auf eine anzahl von 
aposteln , wie Johannes , Petrus , Judas Ischarioth , oder auf persön- 
lichkeiten, die nicht zu diesem engem jüngerkreise gehören, oderanch 
endlich auf einige der biblischen frauen und sucht dann auch diese 
alle nach maszgabe des weniger ergibigen stofflichen materials zu 
charakterisieren. 

Eine innere Verwandtschaft mit den eben genannten Charakter- 
bildern haben auch die bilder, die eine ganze classe von menschen 
mit gleichartiger anschauungs- und handlungs weise zusammenfassen, 
und die schon oben als gruppenbilder bezeichnet sind, auch hierzu 
fehlt der stoff nicht in unsern evangelien. da tritt uns unter den 
feinden Jesu die partei der pharisäer entgegen , deren Standpunkt 
auf strenger, äuszerlicher gesetzlichkeit beruht, schon die berg- 
predigt allein würde beinahe genügen , um auf grund derselben ihr 
bild richtig und einigermaszen vollständig zu zeichnen, nun sind 
aber die evangelien, besonders die streitreden Christi, voll von 
aussprüchen, die ihre falsche denkweise immer wieder bloszstellen, 
offen angreifen und heftig geiszeln; ja, auch die pharisäer selbst 
verraten oft wider willen bei den verschiedensten gelegenbeiten ihre 
innerste herzensansicht, indem sie entweder schwierige fragen an 
Christum richten oder zu seiner beglaubigung von ihm ein zeichen 
fordern oder auf eine durch sie veranlaszte gegenfrage Christi zur 
antwort gezwungen werden, und mit ihnen gehen band in band die 
schriftgelehrten, die Juristen und theologen des jüdischen Volkes, 
während die aristokratischen sadduzäer, andere ziele verfolgend, sich 
gleichgültiger zu den damaligen religiösen fragen verhielten, wäh- 
rend nun die pharisäer, sadduzäer und schriftgelehrten eine feind- 
liche Stellung zu Christo einnahmen , gab es auch gewisse classen 
von menschen , die ihm anhiengen und sein werk in jeder weise zu 
fördern suchten, zu dieser classe gehört der freundeskreis Jesu in 
Capemaum , Bethanien und in andern orten , und auch der 'soge- 
nannten stillen' im lande mit ihren geläuterten messiashoffhungen 
wäre hier zu gedenken, auszerdem erwähnen die evangelien viele 
namen von historiäcben personen, die, entweder einzeln für sich oder 
je nach ihrer Zusammenstellung, uns gelegenheit geben, die wechseln- 
den politischen Verhältnisse des jüdischen Staates in seinen beziehan- 



Die behandlang des Lebens Jesu auf den höheren Lehranstalten. 183 

gen zu dem römischen weitreiche zu betrachten und auch hier und 
da, wo es der Zusammenhang erfordert, einen rückbLick auf die Ver- 
gangenheit des jüdischen volkes zu werfen, und warum sollten ferner 
nicht auch die geographischen namen, die unsere evangelien ent- 
halten , uns in gleicher weise auffordern, gewisse statten der Wirk- 
samkeit Jesu, die gegend am galilftischen see oder die stadt Jeru- 
salem und seine Umgebung oder andere teile des landes genauer zu 
beschreiben, um so aus den einzelnen teilen auch eine gesamtübersicht 
über die geographischen Verhältnisse Palästinas entstehen zu lassen? 
trotz alledem ist doch allgemein anerkannt, dasz sich gerade in der 
lehre Jesu, sowohl den einzelaussprüchen als auch den längeren lehr- 
reden und gleichnissen , das ergibigste material für solche stoffein- 
heiten findet, einerseits nemlich wird der schüler in die eigentüm- 
lichkeit der lehre Jesu eingeführt und lernt den gegensatz der 
alttestamentlichen und christlichen anschauungsweise kennen und 
den Vorzug der letztern schätzen, anderseits ^ber gelingt es dem 
lehrer auch^ falls er richtige griffe in das gemüts- und gefühlsleben 
der Jugend zu thun versteht, sich den Übergang zu dem gebiete des 
religiös-sittlichen lebens zu bahnen und auch dieses , so oft es mög- 
lich ist, in den kreis der betrachtung mit hineinzuziehen. 

III. Die obere stufe, auf dieser stufe, der wir uns jetzt 
zuwenden, kehrt dann der durch die hinzunahme des Johannes- 
evangeliums erweiterte stoff noch einmal wieder, und zwar dürfte 
die behandlung desselben der obersecunda zuzuweisen sein , da das 
alte testament das pensum der untersecunda ausmacht, das pensum 
der prima aber wegen der öfter stattfindenden Wiederholungen schon 
umfangreich genug ist. von der früheren behandlung unterscheidet 
sich diese nach form und inhalt dadurch , 'dasz sie im vergleich zu 
jenen einzel-, gruppen- und Charakterbildern zu einer zusammen- 
hängenden darstellung des gesamtbildes der person Jesu fortschreitet 
und in diesem gesamtbilde die motive, die Jesu wirken geleitet, die 
ziele y die er sich gesetzt , und die art , wie er sie erreicht hat , klar 
hervorhebt.^ wenn aber die mehr wissenschaftliche behandlung, wie 
wir sie nennen möchten, durch die aufgäbe des religionsunterrichts, 
den Schülern der oberen classen zu einer wohlbegründeten wissen- 
schaftlichen und sittlichen Überzeugung zu verhelfen, ohnehin schon 
gerechtfertigt und damit auch das recht der kritik anerkannt ist, so 
handelt es sich für uns hier um die frage, wie weit wir in dem vor- 
liegenden falle von der kritik gebrauch machen dürfen und sollen. 

Es ist merkwürdig, dasz die ansichten über die anwendung der 
kritik in dem religionsunterrichte im allgemeinen weit auseinander- 
gehen, zum teil auch die urteile über diese frage nicht entschieden 
genug lauten, so will Schrader in seiner erziehungsieh re die kritik 
auch von der obersten stufe der gymnasien und realgymnasien zwar 
fern halten und eine apologetik gegen kritische fragen, deren kennt- 



^ Schiller, handbucb der praktischen pädagogik s. 244. 



184 Die behandlung des lebens Jesu auf den höheren lehraBstalten. 

nis und Widerlegung zur bildung des Schülers nichts beitragen könne, 
ausschlieszen ; aber doch hält er es anderseits für die befugnis des 
religionslehrers, die neuen philosophischen Systeme des natnralismos, 
materialismus und rationalismus in kurzen, aber scharfen Worten 
einer kritischen beurteilung zu unterziehen, um die schüler von der 
haltlosigkeit solcher ansichten zu überzeugen, und ebenso findet 
sich in den Verhandlungen der directorenversammlung der provinz 
Sachsen vom jähre 1886 die forderung ausgesprochen : eigentliche 
kritik ist gänzlich fern zu halten; aber an einer andern stelle heiszt 
es: der Unterricht in den höheren schulen darf nicht die tradition 
eines inhalts bewahren, welchen die wissenschaftliche forschung be- 
seitigt hat. doch wofür sollen wir uns bei unserer aufgäbe entschei- 
den, etwa für ein verzichtleisten auf alle kritik? es würde das nichts 
anderes heiszen, als den Unterricht zu einem dogmatisch-erbaolicben 
machen, der weit entfernt davon, über etwa sich regende sweifel 
und Schwierigkeiten die nötige aufklärung zu bringen, den Jüng- 
lingen, die weder von der tageslitteratur noch von dem verkehr mit 
den sogenannten gebildeten abgesperrt werden können , gerade das 
vorenthält, was sie in ihrem spätem leben nötig haben, um durch 
Widerlegung der vielen gegen das Christentum gerichteten angriffe 
ihre eigne persönliche Überzeugung und Zugehörigkeit zu demselben 
wacker zu verteidigen, da nützt auch kein absichtliches vertuschen 
oder umgehen der Wahrheit, wo vielleicht eine irrige aufklärung von 
anderer seite auf dem fusze folgt, wenn also hier schon deshalb der 
kritik das wort geredet wird, so geschieht es nicht in dem sinne, als 
dächten wir dabei an die Vorführung des gesamten kritischen appa- 
rates oder wohl gar an eine umstürzende kritik, die nur Verneinung 
und zweifelsstimmung zur folge hätte, auch von einem einseitigen 
hervorkehren subjectiver ansichten kann nicht die rede sein; son- 
dern wir halten dafür, dasz die gesicherten resultate der freien theo- 
logischen forschung auch hinsichtlich der darstellung des lebens 
Jesu in dem religionsunterrichte der oberen classen Verwendung 
finden müssen.^ und dieser gesichtspunkt soll auch für unsere 
weitere betrachtung maszgebend sein, wo es zunächst gilt, einige 
einleitende fragen kurz zu erörtern. 

Die erste dieser fragen betrifft die vorhandenen darstellungen 
des lebens Jesu, es ist wohl anzunehmen, dasz wenigstens einige 
von den schülern solche darstellungen entweder in den bänden ge- 
habt, oder zum teil auch schon gelesen oder vielleicht urteile darüber 
gehört haben, und wird etwa auf die frage des lehrers die eine oder 
die andere genannt, so kann man ihre zahl leicht durch hinzufügong 
anderer werke vervollständigen und eine zusammenÜEissende und 
sachgemäsze beurteilung derselben mit hervorhebung der wesent- 
lichsten unterschiede zwischen den einzelnen folgen lassen, so ist 



* K. W. Meyer, der evaugeliscbe religionsunterricbt auf den höheren 
schalen. Hannover 1878. 



Die behandlung des lebens Jesu auf den höheren lehranstalten. 185 

also an wenigen aber treffenden beispielen zu zeigen^ wie in dem 
historischen roman von Renan, denn so können wir sein leben Jesu 
bezeichnen, Christus die rolle eines Schwärmers und zuletzt eines be- 
trügers spielt, wie dagegen in dem charakterbilde von Schenkel der 
altrationalistische Christus in neuer gestalt wieder erscheint, und 
wie Strauss in seinem leben Jesu noch consequenter mit der beseiti- 
gung alles übernatürlichen und wunderbaren in dem Christentum 
vorgeht, aber im gegensatz zu dieser subjectiven und willkürlichen 
anffassung der evangelischen geschichte ist es ebenso notwendig^ 
auch auf die andern darstellungen von Neander, Hase, Weiss und 
Bejschlag hinzuweisen , die auf dem boden der freien theologischen 
forschung erwachsen , doch unter objectiver Würdigung der evange- 
lischen quellen die aufgäbe der vermittelung zwischen biblischem 
Christentum und gegenwärtiger bildung mehr oder weniger durch- 
geführt und deshalb das leben Jesu unserem Verständnis wesentlich 
nSher gebracht haben, bezeichnen sie alle einen bedeutenden f ort- 
schritt auf diesem gebiete, so gilt das besonders von den darstellungen 
des lebens Jesu von Weiss und Beyschlag, und mit recht kann man 
wohl die frage aufwerfen, ob nicht einzelne abschnitte aus denselben 
bei gelegenheit in dem unterrichte zu verwerten, d. h. nach durch- 
nähme des betreffenden Stoffes vorzulesen und zu besprechen sind, 
doch davon an einer andern stelle. 

Nächst diesen darstellungen sind es die denselben zu gründe 
liegenden quellen, die hier berücksichtigung finden müssen, abge- 
sehen von vereinzelten angaben, die sich bei heidnischen und jüdi- 
schen Schriftstellern finden und zumeist auf einer irrigen oder von 
parteileidenschaft gefärbten auffassung beruhen, kommen nur unsere 
vier evangelien in betracht. in welcher spräche diese nun die schüler 
lesen , ob in der griechischen des urtextes oder in der Lutherschen 
Übersetzung , berührt unsere aufgäbe nur wenig, nicht wenige Ver- 
treter hat wohl die ansieht, dasz die schüler der obersecunda das 
leben Jesu aus den unmittelbaren quellen kennen lernen müsten. 
auch mir scheint diese forderung nicht zu hoch, denn ein obersecun- 
daner wird sich verhältnismäszig leicht in die einfache historische 
darstellung einlesen und ohne mühevolle präparation späterhin auch 
gröszere abschnitte bewältigen können, da es ja weniger auf einzel- 
beiten der worter klärung, der grammatik und syntax, als vielmehr 
auf das Verständnis des inhalts und Zusammenhangs kleinerer und 
gröszerer abschnitte nach ihren einzelnen teilen oder unter einander 
ankommt, und doch wer wollte zweifeln , dasz die lectüre in der 
Ursprache weit mehr zeit erfordert? aber gerade diese steht uns, 
wenn wir die einzelnen abschnitte des religionspensums der ober- 
secunda berücksichtigen, in so reichlichem masze nicht zur Ver- 
fügung, schon deshalb schiebe man das einführen der schüler in 
die grundsprache des neuen testaments bis zur prima auf, wie sol- 
ches auch eine Verfügung für die gymnasien Anhalts vorschreibt, 
man lese also die evangelien in der Lutherschen Übersetzung und 



186 Die behandlung des lebens Jesu auf den höheren lehranatalten. 

erst da, wo es vielleicht notwendig ist, bei Unklarheit und un- 
genauigkeit des ausdrucks, auch bei wichtigen lehiTeden gehe man 
auf den urtext zurück , und ordne an , dasz diesen die schüler zur 
vergleichung mit der deutschen Übersetzung immer zur band haben. 

Wenn weiter oben das wort quellen genannt ist, so bin ich 
schon auf die etwaige entgegnung, dasz die quellenfrage gar nicht 
hierher gehöre, gefaszt. aber ich denke dabei keineswegs an ein- 
gehende kritische Untersuchungen, in deren tiefe die schttler einzu- 
führen sind, sondern es genügt mir zu zeigen, wie eine möglichst 
einfache behandlung auch dieses gegenständes möglich ist aus- 
gehend von dem allgemeinen unterschiede der drei synoptischen 
evangelien von dem Johannesevangelium, würde man die drei hjpo- 
thesen über die entstehung und das verwandtschaftsverhältnis der 
drei ersten unter einander besprechen und das für und wider dieser 
hypothesen in kürze vorführen können, da aber zur erklftrung dieser 
frage weder eine gegenseitige benutzung, noch die annähme einer 
stehend gewordenen mündlichen Überlieferung ausreicht, so ist es 
nicht anders möglich , als diese gleichheit und Verschiedenheit anf 
die benutzung gleicher und verschiedener, mündlicher und schrift- 
licher quellen zurückzuführen; und diese sogenannte quellenhypo- 
these ist auf grund der angäbe des Papias über die schriftstellerei 
des Matthäus und Marcus zu entwickeln, was dann weiter das 
Johannesevangelium angeht, so ist sein unterschied betreffs des 
lehrinhaltes und der lehrform leicht zu erkennen ; doch die höhere 
bedeutung, die es für uns hat, besteht darin, dasz sein Verfasser als 
äugen- und ohrenzeuge berichtet und sein mehr ergänzender bericht 
dem leben Jesu eine reichere gliederung und abwechslung verleiht, 
als nach den synoptischen quellen ersichtlich ist. 

Aber gerade die art der entstehung unserer evangelien veran- 
laszt uns, eine reihe von andern fragen bei der lectüre zu bedenken 
und zu erwägen, um mit der rechten beantwortung derselben gleich 
zur stelle zu sein, wie werden wir uns in solchen fällen verhalten, 
wenn fragen an uns herantreten, die wir nicht gut zurückweisen 
und auf sich beruhen lassen können : ob die erzählung von der Ver- 
suchung und Verklärung Christi wirkliche geschichten seien, ob Jesus 
die bergpredigt wirklich so gehalten habe, wie wir sie bei Matthftas 
finden, und ob das creignis der tempelreinigung im anfange oder 
am ende der öffentlichen Wirksamkeit Jesu stattgefunden habe? es 
liegt uns fem, solche und ähnliche fragen, deren zahl sich leicht ver- 
mehren liesze, hinter einander zu behandeln oder wohl gar einzeln 
lösen zu wollen, vielmehr begnügen wir uns damit, dieselben nur 
vorübergehend zu berühren und durch einige bemerkungen allge- 
meiner art zu ihrem Verständnis beizutragen, zunächst musz daran 
festgehalten werden , dasz die evangelisten , je nach der auffassong 
der evangelischen geschichte, der kritischen Verwertung der quellen 
und der eigentümlichkeit ihrer persönlichkeit dieselbe aufgäbe in 
verschiedener weise gelöst haben, so finden wir, wie Matthäus einer- 



Die behandlung des lebens Jesu auf den hOhei-en lehraDstalten. 187 

seits die yerschiedenen kürzeren reden des herm, die dieser bei ver- 
schiedenen gelegenheiten gehalten, zu einer groszen antrittsrede zu- 
sammengestellt hat, anderseits Johannes die werte des heilandes erst 
durch das medium seines eignen denkens hindurchgehen iSszt. aber 
nicht allein auf den buchstäblich treuen Wortlaut dieser reden müssen 
wir in vielen fftUen verzichten, sondern auch zugeben ^ dasz es den 
Evangelisten nicht immer gelungen ist, die eigentliche veranlassung, 
zeit und ort von thaten und reden richtig anzugeben und die ein- 
zelnen ereignisse in ihrem ursprünglichen zusammenhange zu er- 
zählen^ ganz abgesehen von den differenzen, die wohl nur eine künst- 
liche erklärung gänzlich beseitigen kann, und dazu kommt, dasz 
auch der innere Charakter mancher erzählungen durch die vermitte- 
lung der mündlichen Überlieferung ein anderer geworden ist, in der 
weise, dasz bildlich gemeinte züge als eigentliche aufgefaszt und 
subjective hergänge zu objectiven ereignissen umgestaltet werden, 
und dasz auch an vielen stellen eine dichterische auffassung des ge- 
schichtlichen, namentlich der wunderbaren thatsachen, bemerkbar ist. 

Da ein weiteres eingehen auf die einzelnen fragen zu weit führen 
würde, so kommen wir endlich zur sache selbst die behandlung des 
lebens Jesu in dem unterrichte ist so einzurichten, dasz in jeder 
stunde ein abschnitt mit Zugrundelegung des Matthäusevangeliums 
nach der Lutherschen Übersetzung gelesen wird, zeigen sich hierbei 
nngenauigkeiten oder Schwierigkeiten , so ist es ratsam, den grund- 
text heranzuziehen und die einzelnen verse in sachlicher weise zu 
besprechen, ein gleiches gilt auch von den parallelen stellen, die 
zur vergleichung mit dem gelesenen aus dem Marcus- und Lucas- 
evangelium, und besonders zur näheren ergänzung aus dem Johannes- 
evangelium, auf dessen bedeutung schon oben hingewiesen ist, heran- 
gezogen werden müssen, dann gelingt es uns meistens, die berichte 
trotz einiger geringen unterschiede zu einem ganzen zusammen- 
zufassen, stoszen wir aber dabei auf Schwierigkeiten^ dann wird 
Johannes unser treuester gewährsmann sein, will man endlich das 
80 erarbeitete Verständnis eines abschnittes noch vertiefen, so er- 
scheint es uns nicht unzweckmäszig, hin und wieder diesen abschnitt 
aus einer der genannten darstellungen von Weiss oder Beyschlag 
Yorzulesen und einige fragen an das gelesene anzuknüpfen, indem 
80 ein abschnitt nach dem andern in der richtigen weise gelesen und 
besprochen wird, und mehrere zu einander in beziehung gesetzt wer- 
den , gelangen die schüler zu einer tieferen erkenntnis des inneren 
Zusammenhanges der einzelnen begebenheiten , und die darstellung 
selbst zeigt eine fortschreitende entwicklung. 

Bekanntlich zerlegt man das leben Jesu in zwei an umfang ein- 
ander sehr ungleiche teile, in die zeit der kindheit und entwicklung 
bis zu dem öffentlichen auftreten und in die zeit der öffentlichen 
Wirksamkeit bis zu seinem tode. über den ersten teil können wir 
uns kurz fassen, zumal da die spärlichen quellen, die anfangscapitel 
des Matthäus- und Lucasevangeliums, nur die kindheitsgeschichte 



188 Die bebandluDg des lebens Jesu auf den höberen lebraiiiUlteii. 

und einen einzigen zug aus der weiteren entwicklnng, den ersten 
tempelgang Jesu, berichten, ausgehend also von der feststellong des 
geburtsjabres auf grund biblischer und anderer angaben , wird sich 
die betrachtung den frühesten anfangen des lebens Jesu zuwenden, 
so dasz sie die beiden berichte entweder trotz ihrer teilweise wider- 
streitenden einzelheiten in einklang mit einander zu bringen sucht 
oder sich zur anerkennung der unvereinbaren differenzen genötigt 
sieht, auch über die weiteren jähre der entwicklung wird sie schnell 
hinwegeilen können; und wenn sie auch vielleicht die fragen Ober 
die naturanlagen und über die häusliche erziehnng und religiöse 
Unterweisung Jesu berührt, so liegt ihr ganz besonders ob, ebenso • 
wohl den kern der erzähl ungen von dem ersten tempelgang, von der 
taufe und Versuchung zu erklären, als auch die grundlegenden be- 
griffe des gottesreiches und des gottes- und menschensohnes zum 
klaren Verständnis zu bringen. 

Ungleich gegliederter und umfangreicher ist der bericht Ober 
das öfifentliche leben Jesu bis zu seinem tode, dessen erste periode 
mit ihren einzelnen ereignissen, zu denen ich das auftreten in Jndia 
und Galiläa, den ersten aufenthalt Jesu in Jerusalem und sein zu* 
sammenwirken mit Johannes dem täufer bis zu dessen gefangen- 
nähme durch Herodes Antipas rechne, uns nur der evangelist Johannes 
in den ersten capiteln seines evangeliums darstellt, es ist die periode 
der ungebrochenen hoffnungen , in der Jesus ein groszes gottesreich 
auf erden zu gründen sucht, bald aber von der erreichung dieses 
Zieles abstehen und sein werk im kleinen aufnehmen musz. das ge- 
schieht dann in dem folgenden abschnitte der Wirksamkeit Jesu, 
der galiläischen periode, wo den geschichtlichen erzählungen das 
lehrhafte moment ergänzend zur seite tritt, und zwar sind beide, 
das geschichtliche und das lehrhafte moment, so zu behandeln, dasx 
wir zuerst die geschichtlichen ereignisse in ihrem inneren zusammen- 
hange bis zum höhepunkt dieser periode fortführen, fragen wir nem- 
lich , weshalb Christus die stadt Capemaum , in der er doch einen 
kreis von freunden und bekannten gefunden hatte, verlassen musz, 
so gibt uns der bericht einer anzahl von capiteln des Matthäus- und 
Lucasevangeliums genügende aufklärung: es ist der ausbrechende 
conflict zwischen Jesu und den pbarisäem, welcher den ersteren 
zwingt, den rückzug anzutreten und mit seinen jungem ein Wander- 
leben zu führen , bis schlieszlich , nachdem er noch einmal versucht 
hat, seine volkstümliche Wirksamkeit aufzunehmen, die Speisung der 
fünftausend und die in der sjnagoge zu Capemaum gehaltene rede 
von dem wahren lebensbrote den unvermeidlichen bruch mit den 
weltlichen messiashofifnungen der Oaliläer herbeiführt. 

Soweit vorläußg das geschichtliche, da aber geschichtliches und 
lehrhaftes in innerer beziehung zu einander stehen , so ist es auch 
notwendig, die lehre Jesu in der anftoglichen, fortschreitenden ent- 
wicklung mit zugmndelegung der bergpredigt und der gleichnis- 
reden in kurzer Übersicht zusammenzufassen und diese flbersicht in 



Die behandluDg des lebens Jesu auf den höheren lehranstalten. 1 89 

die historische darstellung an geeigneter stelle einzufügen, im all- 
gemeinen macht die lehre Jesu, ohne die form eines Systems anzu- 
nehmen , sowohl durch die form , in der wir den alttestamentlichen 
Spruch erkennen und der zu zusammenhängenden lehrreden ausge- 
bildet oder mit betonung des bildlichen Clements zu ausgeführten 
bildem und bildlichen erzählungen erweitert ist, auf jeden einen 
wunderbaren eindruck. und wollen wir uns von derselben ein ge- 
samtbild verschaffen, so genügt schon die bergpredigt, mag dieselbe 
auch weder bei Matthäus noch bei Lucas in ihrer ursprünglichen 
form vorliegen, deshalb musz diese besonders der gegenständ einer 
eingehenderen betrachtung werden, als es hier gilt, an den grund- 
forderungen des Christentums, der wahren gottes- und nächsten- 
liebe, wie sie Christus im gegensatz zu den alttestamentlichen ge- 
boten aufistellt, die Überlegenheit der christlichen religion über die 
jüdische zu zeigen, selbstverständlich bleibt die lehre bei diesen 
sittlichen forderungen nicht stehen, sondern entwickelt sich natur- 
gemSsz in den gleichnissen zu einer heilslehre weiter, welche fülle 
von lieblichen und erhabenen bildem, welche hohen Wahrheiten 
treten uns hier entgegen ! wenn auch eine gleiche behandlung aller 
aasgeschlossen ist, so begnügen wir uns doch nicht damit, nur die 
bekannten sieben gleichnisse in dem dreizehnten capitel des Matthäus- 
evangeliums genauer zu behandeln , sondern auch andere aus dem 
Marens- und Lncasevangelium, in welchen Jesus andere himmlische 
Wahrheiten entfaltet , mit diesen zu vergleichen, um schlieszlich auf 
gnind des lehrinhalts zu einer sachlichen Zusammenordnung und 
vergleichung aller nach gewissen gesichtspunkten zu gelangen. 

Bei der betrachtung der lehrthätigkeit Jesu sind aber auch die 
wunder in kürze zu berücksichtigen, die in den evangelien teils 
summarisch erwähnt, teils in einer reihe von beispielen veranschau- 
licht werden, und die deshalb von unserer betrachtung nicht ganz 
auszuschlieszen sind, weil sie ein die lehrthätigkeit des herrn er- 
gänzendes moment bilden, nachdem wir zunächst die geläufigen an- 
griffe, die man gegen die möglichkeit des wunders überhaupt richtet, 
widerlegt; auch die mythische und natürliche wegerklärung desselben 
zurückgewiesen haben, erfordert unsere aufgäbe, auf den begriff des 
Wunders näher einzugehen, als eines ereignisses, das, so widernatür- 
lich es uns auch scheinen mag, doch seiner letzten Ursache nach in 
der natur und deren gestörten zuständen, wie sie uns in den da- 
maligen krankheitserscheinungen entgegentreten, begründet ist. 
hiervon ausgehend läszt eine solche auffassung auch leicht er- 
kennen, wie die mehrzahl der wunder ihrer abzweckung nach der 
Verwirklichung der himmelreichsideen dient und, um diesen idealen 
zustand des reiches in vereinzelten fallen darzustellen, einen sym- 
bolisch-sinnbildlichen Charakter an sich trägt, wie dagegen die an- 
dern, die sogenannten naturwunder, die nicht unter diesen ge- 
sichtspunkt fallen , der erklärung gewisse Schwierigkeiten bereiten, 
immerhin bleibt zuletzt, was die Stellung der wunder im allgemeinen 



190 Die behandluDg des lebens Jesu auf den höheren lehraoBtalten, 

betrifft, zu beachten, dasz ihr wert, den aussprücben Christi gemftsz, 
nicht zu überschätzen ist und sie demnach auch nicht in das centrum 
des Christenglaubens gesetzt werden dürfen. 

Nach diesem kurzen excurse über die lehrthStigkeit Jesu wird 
der historische faden wieder aufgenommen und mit den geschicht- 
lichen begebenheiten zugleich auch das lehrhafte material verbunden, 
indem daher die darstellung auf jenen oben erwähnten Wendepunkt 
der galiläischen Wirksamkeit zurückgeht, bereitet sie den rückgang 
der Sache Jesu vor. denn als dieser in der bekannten rede zu Caper- 
naum den fleischlichen messiaser Wartungen der Galilfter die geistliche 
messiasidee entgegengestellt hatte, fühlten sich dieselben zunächst 
zurückgestoszen. aber als das gefühl der entfremdnng sich auch 
dem jüngerkreise mitteilte, muste er, um etwaigen nachstellungen 
zu entgehen, sich zu einem flüchtlingsleben entschlieszen, suchte aber 
trotzdem die ihm nahe stehenden jünger in diese lieue messiasidee 
einzuführen, wie erfreut war er daher, als er wenigstens bei dem 
apostel Petrus volles Verständnis dafür findet und dessen lippen 
jenes echt christliche bekenn tnis entlockt: du bist Christus, der sehn 
des lebendigen gottes ! 

Die dritte periode der öffentlichen Wirksamkeit Jesu wird ein- 
geleitet durch das ereignis der Verklärung , das uns diesen fest ent- 
schlossen zeigt, den gang nach Jerusalem, der für ihn ein gang in 
den sicheren tod werden sollte , zu wagen, da ist ganz natürlich, 
dasz die lehre Jesu, die früher die gründung und den Charakter des 
gottesreichs sowie die person seines Stifters zum gegenstände hatte, 
jetzt einen prophetischen Charakter annimmt mit dem hinweis auf 
die durch seinen tod und seine auferstehung zu erreichende Voll- 
endung des gottesreichs. damit ist auch der lehrstoff bezeichnet, 
und die darstellung wird, alle sonstigen einzelheiten auszer acht 
lassend, sich darauf beschränken, hervorzuheben, wie Jesu seine 
jünger an den fremdartigen gedanken eines leidenden und sterben- 
den messias gewöhnt, die bedeutung seines todes für die weitere 
entwicklung des gottesreichs darlegt und dessen herlichkeit in einer 
reihe von symbolischen bildem ausmalt, auch die geschichtlichen 
Verhältnisse zeigen im vergleich damit ein gleichmftsziges fort- 
schreiten, zumal wenn wir das ergänzende und teilweise berich- 
tigende Johannesevangelium genügend würdigen, wie jedoch diese 
ereignisse unter einander zu verknüpfen und zu einander in be- 
ziehung zu setzen sind, musz die darstellung lehren, jedenfalls wer- 
den uns auch hier noch verschiedene wichtige fragen entgegentreten, 
die der lösung bedürfen, und wenn auch nur einige erwähnung 
finden, wie z. b. die frage über die bedeutung des seelenkampfes 
Jesu in Oethsemane, über das gefühl seines verlassenseins am kreuze, 
über das wunder der auferstehung und die über dasselbe aufgestellten 
bjpothescn, über die erscheinungen Jesu nach der auferstehung und 
die art seiner existenz weise, wird da nicht durch diese beispiele allein 
schon die Schwierigkeit der aufgaben angedeutet, die der Unterricht 



Die behandlung des lebeos Jesu auf den höheren lehranstalten. 191 

besonders auch auf der oberen stufe zu erledigen hat ? denn gerade 
in den oberen classen wird er danach streben müssen, irrige auf- 
fassungen zu berichtigen, über zweifei aufzuklären und, was die 
hauptsache ist , das sittliche religiöse bewustsein der schüler immer 
von neuem zu kräftigen und demgemäsz die ethischen forderungen 
des Christentums in den Vordergrund zu stellen. 

Man ist gewöhnt, die ausspräche und handlungen vorbildlicher 
biblischer personen zu dem sittlich religiösen leben unserer zeit in 
vergleichende beziehung zu setzen, um danach den wert oder unwert 
desselben zu beurteilen, nun hat im vergleich mit dem leben anderer 
persönlichkeiten , die in der bibel charakterisiert werden , das leben 
unseres herm und heilandes den einzigartigen vorzug, dasz es in 
jedem einzelnen falle ein untrüglicher prüfstein unserer eignen ge- 
sinnungen und handlungen sein kann, und deshalb soll dasselbe, 
wie die religion überhaupt, nicht blosz ein gegenständ des wissens 
sein , sondern musz auch auf unser gemüt und gesinnung einen ent- 
scheidenden einflusz ausüben, wie daher auf den verschiedenen stufen 
der inhalt des wissens von Jesu leben derselbe blieb, das masz aber 
und die form dieses wissens nach dem geistigen Standpunkte der 
schüler verschieden war , so hatten wir zugleich auch eine mit dem 
lebensalter sich steigernde sittlich religiöse anregung der Jugend im 
ange, um diesen stoff aus der Sphäre des Verstandes in das gewissen 
und dadurch in das leben eintreten zu lassen und ihm auf diese 
weise eine nachhaltigere, über das schulleben hinausreichende Wir- 
kung zu sichern. 

EöTHEN. Alwin Sterz. 



17. 

DEB HEBRÄISCHE UNTERRICHT AUF DEM GYMNASIUM. 

zur abwehr. 



Auf der vom 4 — 17 december v. j.* in Berlin abgehaltenen 
Schulreform - conferenz ist der beschlusz gefaszt worden 'zur Verein- 
fachung der reifeprüfung auf den gymnasien' den Wegfall der schrift- 
lichen und mündlichen prüfung im hebräischen als empfehlenswert 
zu bezeichnen, während die mittlerweile ergangenen ministeriellen 
bestimmungen betreffs anderweitiger entlastung und erleichterung 
des abiturientenexamens ohne einflusz auf das maturitätszeugnis 
und seine berechtigung für spätere Studien sind , erhebt sich ange- 
sichts der absieht einer Streichung der hebräischen prüfung doch ein 
ernstes bedenken , es entsteht die frage : wie will man denn , wenn 
man die staatliche controle der hebräischen leistungen auf dem 
gymnasium aufhebt, staatlicherseits diese beurteilen? würde man 
sich damit begnügen , auf grund des Zeugnisses der reife und des in 

' dieser anfsatz ist vor Jahresfrist an die redaction eingesandt worden. 



192 Der hebrSische Unterricht auf dem gjmuasinm. 

dasselbe eingetragenen , genügende kenntnisse im hebräischen be- 
scheinigenden Urteils des Fachlehrers die Zulassung za den theologi- 
schen, bzw. alttestamentlichen Studien zu gestatten? oder würde 
man eine hebräische prüfung auf der Universität für alle angehen* 
den theologen einführen ? oder würde etwa gar die aufhebung des 
hebräischen examens auf dem gjmnasium nur einen schritt auf dem 
wege bedeuten, der schlieszlich dahin führt, das hebräische über- 
haupt aus dem gjmnasium zu verdrängen? geht man etwa an mass- 
gebender stelle mit der absieht um das hebräische der Universität 
zu überlassen ; wo es als fachstudium des theologen seinen platz 
finden kann?' während derartige fragen die beteiligten kreise wohl 
ernstlich beschäftigen, ist kürzlich eine schrift des durch seine 
leistungen auf dem gebiet der orientalischen Sprachwissenschaft wie 
nicht minder durch seine das hebräische Studium anszerordentlich 
fordernden arbeiten rühmlich bekannten dr. Johannes Bach- 
mann erschienen', welche unter beibringung eines stark belasten- 
den, ja teilweise überführenden materials ernstlich und dringend 
fordert , das hebräische den gjmnasien zu nehmen und es auf die 
Universitäten zu verweisen, der Verfasser der broschüre versichert 
(s. 23) , seine bemerkungen Über den hebräischen gymnasialnnter- 
richt seien *aus dem besten willen herausgeboren', zugleich hofft er 
mit demselben ^dazu beizutragen, das grosze werk, welches insonder- 
heit unser kaiser auf seinem landesväterlichen herzen trägt, in 
bescheidener weise zu fördern', also durch den verschlag der be- 
seitigung des hebräischen Unterrichts aus den gjmnasien zur ge- 
sundung dieser selbst helfen zu können, da auch wir uns dieses guten 
willens für die sache, welche mit dem hebräischen Unterricht vertreten 
wird, bewust sind und die allerhöchsten willensäuszerungen über unser 
höheres unterrichtswesen mit groszer freude begrüszt haben und an 
unserem bescheidenen teile bemüht sind^ den pädagogischen nnd 
didaktischen ideen, welche unserem humanistischen gjmnasium eine 
neue blute zusichern,- zum durchbruch zu verhelfen, anderseits jedoch, 
wenn auch vielfach mit herm dr. Bachmann uns eins wissend und mit 
seinen darlegungen einverstanden, seinen Vorschlag das hebräische 
aus dem gjmnasium auszuweisen, entschieden misbilligen, so halten 
wir es für unsere pflicht, mit derselben Offenheit, mit welcher herr 
Bachmann den angriff eröffnet hat, die Verteidigung des hebräischen 
Unterrichts zu übernehmen, wir halten es für um so nötiger, auch 
unsere stimme in dieser frage zu erheben, als die von herm dr. Bach- 
mann gegen den betrieb des hebräischen auf dem gjmnasium vor- 
gebrachten gründe keineswegs sich mit denjenigen decken, welche in 



' die mittlerweile erschienenen lehrpläne belassen das hebräische 
dem gymnasium — freilich ohne auch nur ein wort über siel ond 
methode dieses Unterrichts su verlieren. ' ^es gebt so nicht 

weiter!' der hebräische nnterricht auf dem gjniBasiom. 
ein zei tgemüszes wort an unsere nnterrichtsbehorden. Berlin, 
Majer und Müller. 1891. 



Der hebräische Unterricht auf dem gymnasium« 193 

dem vor nunmehr schon über 40 jähre um des hebräischen geführten 
kämpfe von seinen gegnem geltend gemacht wurden, es vielmehr 
zum groszen teil neue gesichtspunkte sind, welche auch aufs neue 
eine Widerlegung nötig machen und nicht gestatten uns dabei zu 
beruhigen, dasz bereits damals Schulmänner wie Böttcher, Wiese und 
80 viele andere für unsere sache eingetreten sind. 

Werfen wir zunächst, schon um der gefahr zu entgehen, bereits 
von berufenerer seite gesagtes zu wiederholen, einen blick auf diesen 
streit, der zum grösten teil in der Berliner Zeitschrift für das gym- 
nasial wesen ausgefochten wurde , und prüfen wir die Positionen der 
damaligen angreifer und der Verteidiger, soweit uns das betreffende 
materiaJ zur Verfügung steht, nach H.Schmidt- Wittenberg, dessen 
Programm vom jähre 1844 uns nicht zur hand ist, war es vor allem 
der consistorialrat Funkhänel- Eisenach , welcher in seinem auf- 
satze *über den untenicht im hebräischen auf gymnasien', bd. II 
der genannten Zeitschrift s. 17 £f. entschieden auf wegfall dieses 
Unterrichtsfaches drang, er beantwortete zunächst die frage: ^wie 
kam es wohl, dasz die hebräische spräche unter die unterrichtsgegen- 
stände auf den höheren schulen aufgenommen wurde?' dahin: Veil 
die schule der kirche (oder auch der theologie) diente, kam auch 
das Studium der hebräischen spräche auf die gymnasien' — und die 
weitere frage: 'gehört denn das hebräische unter die lehrgegen- 
stände der gymnasien?' mit einem: 'gewis nicht!' denn es ist eine 
'bevorzugung der künftigen theologen gegenüber den Juristen, medi- 
cinem u. s. w., eine inconsequenz gegen das princip des gymnasiums'. 
auch bedeutet der hebräische Unterricht eine Überlastung, 'um weniger 
Schüler willen wird die thätigkeit des lehrers übermäszig in anspruch 
genommen', endlich zieht F. eine parallele zwischen dem hebräischen 
nnd — dem syrischen, arabischen, sanskrit, altdeutschen I — An ent- 
gegnungen auf diese eigentümliche beweisführung fehlt es nicht. 
in demselben jahrgange der angeführten Zeitschrift war es zunächst 
Hölscher-Herford, welcher s. 358 ff. dahin antwortet, dasz, wenn 
man das gymnasialprincip geltend mache, das hebräische in parallele 
za setzen sei mit dem französischen, welches sich demselben gleich- 
falls nicht einordne, sodann hebt er die Schwierigkeit des theologi- 
schen Studiums ohne die hebräische sprachliche grundlage hervor, 
die Verlängerung der Studienzeit sei die notwendige folge der Funk- 
hänelschen forderung. 'über die last , die durch das hebräische ihm 
aufgebürdet werde, hat wohl noch nie ein schüler geklagt' schliesz- 
lich bemerkt er mit recht, dasz die parallele des syrischen, arabi- 
schen u. s. w. nichts beweise, in demselben jahrgange der Berliner 
Zeitschrift treten noch gegen Funkhänel, G. S au ppe- Torgau 
s. 360 ff., Bäumlein-Maulbronn s. 731 ff., Mützell s. 538 ff. 
und Metzger- Schönthal s. 885 — 9 7 auf. S a u p p e weist in seinem 
aufsatze 'über den Unterricht im hebräischen auf gymnasien' zu- 
nächst darauf hin , dasz die versuche , das hebräische aus dem gym- 
nasiom auszuweisen , nicht neu seien , man habe sich dabei auf 'die 

N. Jahrb. f. phil.a. päd. II. abt. 189S hfl.4 u. 5. 13 



194 Der hebräische Unterricht anf dem gymnaBiom. 

geringen fortschritte der schüler und die Schwierigkeit des unter* 
richts' berufen, die erlemung der hebrftischen spräche sei jedoch ftir 
die künftigen theologen und philologen, wenn auch fttr die letzteren 
nur in beschränkter weise, notwendig, ^der hebrftische Unterricht 
gehört aufs gymnasium wegen des organischen Zusammenhangs 
dieses mit der Universität.' femer 'der 15 — 16 jährige schtller ist 
zu solcher erlemung geschickter als der 19 — 20jährige student'. 
von ttberbürdung sei ganz und gar nicht die rede, 'das ergebnis 
werde leicht und mit freuden erreicht'. Bäum lein macht auf die 
schwierigkeiton aufmerksam, welche es für die Universitätslehrer 
haben müsse , wenn sie die hebräische spräche nicht bloss lehren, 
sondern auch mechanisch üben sollten, der hebräische Unterricht 
ist ihm 'mit den zwecken des gjmnasiums nicht unvereinbar*. *er 
bietet eine bedeutsame ergänzung des Sprachunterrichts überhaupt 
und ist anregend für manche Seiten des menschlichen geistes'. zeigt 
diese spräche doch 'eine ideale erhabenheit neben höchster einfalt 
der sprachlichen form' und ist sie doch auch für die alten sprachen 
förderlich. B. nennt unter ihren Vorzügen noch besonders 'die ent- 
wicklung gewisser sinnlicher begriffe zu übersinnlichen, wobeiin- 
dessen der Zusammenhang zwischen beiden bedentungen noch fest- 
gehalten wird', ihre naivetät , frische und naturwahrheit und bringt 
endlich einige parallelen zwischen dem griechischen und hebräischen 
bei. Mutz eil glaubt 'der meinung, dasz der hebräische Unterricht 
sich aus dem princip des gjmnasiums nicht folgern lasse', mit der 
bemerkung entgegentreten zu sollen, 'dasz es die pflicht der schule 
ist die schüler möglichst individuell zu nehmen'. Metzger endlich 
rühmt die früheren auszerordentlichen leistungen der wttrttem* 
bergischen Unterrichtsanstalten im hebräischen, so dasz die seminar- 
alumnen zum Zeitvertreib auf Spaziergängen mit ihrem prälaten 
die Zeitung ins hebräische übersetzten', beklagt es aber gleichzeitig, 
dasz 'von besondem erfolgen für den wissenschaftlichen eifer der 
geistlichen nicht zu sprechen sei', sodann weist er den vorwarf der 
einseitigen bevorzugung der theologen sowie den der mehrbelastong 
durch das hebräische entschieden zurück, ja, aus dem gymnasial- 
princip folge 'nichts geringeres, als dasz, horribile dictu, das 
hebräische als obligatorisches lehr fach für alle gy mnasialschüler zu 
fordern ist', er begründet diese folgerung mit dem gewinn, welchen 
die hebräischen Studien für die Vorstellungen von der religiösen 
cultur der menschheit, ja dem Christentum gewähren, sowie dem 
formellen bildungswert dieser spräche, auch erheische die bestim- 
roung der gymnasien die schüler für die Universität vorzubereiten, 
die notwendigkeit dieses Unterrichts. — In derselben Zeitschrift UI 
s. 666 — 75 beleuchtet Mühlberg- Mühlhausen in seinem aufsatze 
'sollen die gymnasien aufhören im hebräischen Unterricht zu er- 
teilen?' durch den hinweis auf 'den tiefen blick', welchen dies 
Sprachstudium 'in das orientalische altertum thun lasse', auf die 
ästhetische Schulung mittels der psalmenlectüre (Klopstock I) , auf 



Der hebräische Unterricht anf dem gymna&iam. 195 

den gewinn auch für die classischen Sprachstudien den nutzen des 
hebrfiischen Unterrichts, er dringt auf einen ^connex zwischen dem 
hebräischen und dem griechischen und lateinischen zu gunsten einer 
allgemeinen grammatik' und weist im übrigen den Vorwurf der 
Überlastung, wenigstens bei mäszigen ansprüchen, bestimmt zurück. 

Wir haben gesehen, der damalige angriff auf das hebräische 
richtete sich vor allem gegen den anspruch der theologie, das gjm- 
nasium mit einem ihm wesentlich fremden gegenständ zu belasten 
und gegen die durch diesen Unterricht herbeigeführte überbürdung 
der Schüler wie nicht minder der lehrer ; von anderer seite wurde 
übrigens auch die verhältnismäszige geringfügigkeit der in ihm er- 
reichten resultate ins feld geführt, alle diese vorwürfe haben ihre 
Widerlegung gefunden und wir würden auf sie, soweit sie von herrn 
Bachmann aufs neue vorgebracht werden, überhaupt nicht mehr ein- 
zugehen brauchen, wenn sie nicht in der Bachmannschen schrift 
unter ganz anderer beleuchtung erschienen. 

Welche vorwürfe erhebt nun hr. Bachmann gegen den hebräischen 
gymnasialunterricht? der ausschlaggebende gesichtspunkt erscheint 
in der titelfassung angedeutet: die gjmnasien müssen soviel 
-wie möglich entlastet werden, nach diesem princip 
musz das hebräische fallen, denn es ist an sich ent- 
behrlich, auch steht das auf dem gymnasium erreichte 
hebräische wissen in keinem Verhältnis zu der aufge- 
wandten zeit (4 jahrel). aber auch den gjmnasial- 
lehrern fehlt das erforderliche wissen, um diesen 
Unterricht fruchtbar erteilen zu können, weil dasselbe 
allein bei den Universitätslehrern zu finden ist, und 
weil bei dem jetzigen zustande diejenigen Studenten, 
welche kein hebräisches examen auf dem gjmnasium 
absolviert haben, oft plan- und ziellos her um irren, ge- 
hört der hebräische Unterricht zweifelsohne auf die 
Universität, das ist in aller kürze der Standpunkt und die forde- 
rung Bachmanns : wir wollen im folgenden in eine möglichst objec- 
tive Würdigung der vorgebrachten gründe und der aus ihnen ge- 
zogenen praktischen folgerungen einh'eten. . 

Da die Bachmannsche schrift von der durch die hochherzige 
initiative sr. majestät des kaisers in angriff genommenen reform des 
höheren Schulwesens ausgeht, so müssen wir zunächst zu dieser 
Stellung nehmen und uns die frage vorlegen : gehört der hebräische 
Unterricht in das reformierte humanistische gymnasium oder nicht? 

Der Verfasser dieser zeilen gehört zu den schulmännem, welche 
den gedanken einer erneuerung und gesundung des gymnasialen 
lebens , wie er in der vom kaiser an die Berliner conferenz gerich- 
teten anspräche zum ausdruck gekommen ist , mit hoher freude be- 
grüszt haben, in der that benötigt das humanistische gymnasium, 
soll es nicht seine existenzberechtigung verlieren, dringend einer 
kräftigen reorganisation. nur allzu lange hat es über einer falschen 

18 ♦ 



] 96 Der hebräische Unterricht auf dem gymnasium. 

pflege der alten sprachen — denn wesentlich richten sich die be- 
gründeten klagen gegen das lateinische und griechische, der ledig- 
lich eine formale bildung erzielende betrieb dieser fftcher bat dem 
gjmnasium den Stempel aufgedrückt — seine aufgäbe die heran- 
wachsende Jugend zu erziehen yemachlässigt. während diese auf- 
gäbe fordert, dasz die mächtigen bildungsfactoren , welche in der 
antike liegen, für die Charakterbildung verwertet werden amd im 
verein mit der religiösen und der vaterländischen Torstellungswelt 
dem seelischen leben des schülers die bedeutsamsten und wirkungs- 
vollsten impulse geben , hat man sich im groszen und ganzen nur 
darum bemüht, den schülem ein möglichst eingebendes geschicht- 
liches und sprachliches wissen mit auf den lebensweg zu geben und 
es dann wohl schmerzlich beklagt, wenn Ton einer Wirkung der 
classischen bildung so herzlich wenig zu spüren ist und wenn die 
neun jähre lang und darüber tagtäglich mit dem classischen alter- 
tum genährten schüler froh sind mit dem verlassen des gymEoasiums 
die classiker zum alten plunder werfen zu können, aber das ist die 
notwendige folge der einseitigen, dem leben völlig abgewandten, 
dabei rein verstandesmäszigen erfassung einer abgestorb^ien weit, 
dasz sie nicht liebe zur antike, sondern Widerwillen erregt, herz und 
gemüt hat dieser betrieb des lateinischen und griechischen häufig 
genug kalt gelassen und man hat die Jugend um die schönsten 
fruchte seines Studiums gebracht durch lauter Cicero und Ciceroniuüs- 
mus. glücklicherweise durch einen mächtigen willen gedrängt, wird 
man sich schon dazu entschlieszen müssen die reiche bildnngswelt 
des altertums dem schüler wieder fruchtbar zu machen durch sorg- 
same, zielbewuste aus wähl der lectüre, durch wesentliche be- 
schränkung des Unterrichts auf diese und durch eine didaktisch 
begründete feste Verknüpfung dieses Unterrichtsstoffes mit dem ge- 
samten lehrstoff des gymnasiums und dadurch auch mit dem seelen* 
leben des Zöglings, aufgeben müssen wird man den ganzen ballast 
der grammatisterei , welcher nicht in die schule gehört, aufgeben 
müssen wird man den ganzen apparat der schriftlichen übersetzungs- 
arbeiten, welcher, wenn auch durch die neuerdings erfolgte preis- 
gäbe des lateinischen aufsatzes und des griechischen versetzungs- 
scriptums in etwas beschränkt, doch thatsächlich durch übermässige 
inanspruchnahme von zeit und kraft der lernenden wie der lehrenden 
den altclassischen Unterricht empfindlich schädigt, sondert man so 
den überflüssigen und hemmenden ballast aus, so wird auch zeit 
und kraft frei werden für eine harmonischere erziehung der gym- 
nasialen Jugend, durch eine erhebliche beschränkung der dem latei- 
nischen gewidmeten Stundenzahl wird vor allem dem wichtigsten 
Unterrichtsfache, dem deutschen, räum geschafft werden können, 
durch zurückdrängen des herschenden, besonders des schriftlichen 
grammatikbetriebes wird ebenso wohl eine erfolgreichere behand- 
lung der classiker ermöglicht wie zeit gewonnen werden für andere, 
höhere aufgaben der erziehung. 



Der hebräische osterricht auf dem gynmaBiom. 197 

Die im yorstehenden angedeuteten gesichtspunkte scheinen uns 
für die reform des humanistischen gymnasiums hauptsächlich in be- 
tracht gezogen werden zu müssen ; sie hier wenigstens zu streifen 
schien uns zur beantwortung der oben gestellten frage notwendig, 
dieselbe erfordert aber noch weiter ein eingehen auf den begriff und 
den zweck des humanistischen gymnasiums. dieses hat wie jede 
schule wesentlich die aufgäbe seine Zöglinge zu erziehen^ der Unter- 
richt hat als grundlage für die Charakterbildung wertvolle vor- 
stellungsmassen in der seele des Zöglings zu erzeugen und sie zu 
dessen geistigem besitze zu verarbeiten, wenn nun zur Unterschei- 
dung von andern Unterrichtsanstalten das gjmnasium den zweck 
verfolgt, für diejenigen schichten unserer gesellschaft vorzubilden, 
denen im groszen und ganzen die geistige leitung unseres volkes, 
die Wahrung der grnndlagen unserer cultur obliegt, so erwächst 
ihm daraus die aufgäbe geist und willen seiner Zöglinge so heran- 
zubilden, dasz sie ein tiefes und inniges Verständnis fdr diese grund- 
lagen unseres Volkslebens gewinnen und zu einer spätem freudigen 
mitarbeit an ihrer erhaltung und förderung fähig und willig werden, 
folgt 80 aus dem wesen des humanistischen gymnasiums, dasz es 
durch seinen erziehenden Unterricht den grund zu legen hat für die 
spätere lebensarbeit in den höhern ständen und berufsarten, und 
dasz es die geistige und sittliche reife mitgeben musz für die auf 
den lebensberuf vorbereitenden wissenschaftlichen fachstudien, so 
bat anderseits kein Unterrichtsfach auf ihm platz, welches für ein 
besonderes berufsstudium vorbereitete: weder der Jurist noch der 
Philologe noch der theologe oder der mediciner dürfen von ihm eine 
besondere Vorbereitung für die spätem Studien fordern: der gym- 
nasialunterricht legt für sie alle die gleiche, aus den zwecken der 
gymnasialen erziehung sich ergebende grundlage. wärederhebrä- 
ische Unterricht nichts als ein bloszes fachstudium, 
so hätte er nach dem gesagten keine berechtigung auf 
dem gymnasium, er wäre der Universität zuzuweisen. 
er ist das aber seinem wesen nach durchaus nicht, denn 
gehört zu den grundpfeilern unserer heutigen cultur die christliche 
religion, so darf das gymnasium auf einen Unterrichtsgegenstand, 
welcher ganz vorzugsweise dazu angethan ist, das religiöse Interesse 
zu stärken und zu vertiefen , nicht verzichten, er wird einen Unter- 
richt , welcher den grund legt zu dem Studium der quellen unserer 
religiösen erkenntnis, wenigstens denjenigen seiner Zöglinge dar- 
bieten müssen, die sich berufen fühlen dieses studium zu ihrer lebens- 
aufgäbe zu wählen, sei es dasz sie selbst diener der kirche werden 
woUen, sei es dasz sie durch dasselbe später als lehrer andere auf 
diesen beruf vorbereiten wollen, so wäre denn aber doch das 
hebräische ein fachstudium? nein; einmal folgt seine berechtigung 
als Unterrichtsfach ja aus dem gymnasialprincip überhaupt, und 
wenn wir auf die geltendmachung etwaiger forderungen in dieser 
beziehung verzichten, so geschieht das der hauptsache nach aus 



198 Der hebräische Unterricht auf dem gymnasium. 

praktischen gründen , sodann , und das erscheint uns als besonders 
wichtig, ist der hebräische Unterricht kein auszerhalb des sonstigen 
Unterrichtsbetriebes stehendes oder nur äuszerlich neben ihm her- 
gehendes fach, sondern derselbe steht zu dem geschichtlicheni 
ethischen und sprachlichen Unterricht in engster beziehung, er er* 
gänzt eine reihe wichtiger Vorstellungen auf allen diesen gebieten, 
indem er sie klärt und vertieft, endlich — und damit wenden wir uns 
zu der eigentlichen Widerlegung des Bachmannschen arguments — 
läszt eben infolge dieser seiner nahen Verwandtschaft mit dem 
übrigen vorstellungsleben des Schülers der hebräische Unterricht 
eine stete bezugnahme auf die andern gjmnasialf&cher zu , wie ihm 
schon von hause aus das interesse des lernenden entgegen kommt, 
er führt diesen nicht etwa in eine abseits liegende, fremde sphftre 
ein, was für den fachunterricht charakteristisches merkmal ist, ihn 
trifft daher auch ganz und gar nicht der Vorwurf der überbürdong 
der Schüler. 

Die frage der überbürdung ist eine äuszerst heikle frage, was 
ist nicht alles schon auf dem gebiet des gymnasialunterrichts flber- 
bürdung genannt worden! in den äugen des einen sind die alten 
sprachen eine überbürdung für die arme Jugend, wozu, fragt er, 
all diese quälerei mit dem ewigen griechischen und lateinischen, 
welches so viel stunden der kostbaren zeit in anspruch nimmt, sie 
schädigt geist und körper! und welchem unterrichtsfache vTftren 
nicht schon ähnliche vorwürfe gemacht worden? bald gelten die- 
selben den mathematischen arbeiten, bald den forderungen des 
deutschlehrers nach privatlectüre. oder hätte man nicht thatsächlich 
recht, wenn man gegen den französischen Unterricht, welcher trotz 
der beträchtlichen Vermehrung der ihm zugewiesenen Stundenzahl 
doch nur geringe und für das praktische leben kaum recht zuläng- 
liche resultate aufzuweisen hat, den Vorwurf der überbürdong er- 
hebt? und jetzt plant man gar die einführung des englischen Unter- 
richts , wie wir glauben , zu weit gröszerem nutzen für die jngend, 
als das französische gewähren kann ! da ist es freilich kein wunder, 
wenn man ein Unterrichtsfach, für das doch nur wenige sachkundige 
das rechte Verständnis haben und dem unsere durch eine leidige 
Zeitströmung auch schon mit utilitätsideen erfüllten schüler zum 
groszen teil fremd gegenüber stehen, einfach als eine überbürdung 
für die Schuljugend bei seite schieben will, mit solchen wohlfeilen 
vorwürfen kommen wir nun freilich keinen schritt weiter, wir müssen 
schon die frage der überbürdung auf ihr wesen hin prüfen. 

Wir folgern aus der einheitlichen natur der menschlichen seele, 
dasz jeder Unterrichtsgegenstand , welcher dieser einheit forderlich 
ist, sie vertieft und verinnerlicht, von dem geist des schfllers gern 
und mit leichtigkeit aufgenommen wird , dasz aber jeder diese ein- 
heit störende stoff als ihr fremdartig nur widerwillig, und ohne 
dauerndes eigentum zu werden, in die seele des Schülers eingang 
findet, jeder Unterrichtsstoff, welcher mit schon in ihr vorhandenen 



Der hebräische Unterricht anf dem gymnasiam. ] 99 

und wirksamen vorstellungsreihen mühelos zu verknüpfen ist und 
dessen bedeutsamkeit für das gesamte vorstellungsleben dem schüler 
von vom herein klar ist, bzw. klar zu machen ist, wird von diesem 
als eine ergänzung seiner seelischen krftfte, sein erlernen als ein 
geistiges Wachstum empfunden, als eine lust, nicht als eine last, 
betreffs des hebräischen Unterrichts ist es nun leicht zu zeigen, dasz 
das interesse für diesen gegenständ bei den schülern, welche an ihm 
teilnehmen , bereits vorhanden ist , der religionsunterricht wie der 
geschichtsunterricht haben dasselbe längst geweckt; an ihm selber 
ist es , diese seine Verknüpfung mit dem Seelenleben des schülers 
möglichst eng zu gestalten, wenn der hebräische Unterricht diesem 
etwas fremdes bleibt, so liegt die schuld nicht am gegenstände, 
sondern an seiner behandlung, wie denn nach dem oben gesagten 
die überbürdungsfrage überhaupt im wesentlichen keine äuszere, 
sondern eine innere frage des Unterrichts ist und in letzter linie 
eine frage der methodik ist. in der that, wenn der hebräische lehrer 
seine pflicht damit erfüllt glaubt, dasz er seine schüler die hebräische 
Schrift, dann die verbal- und nominalparadigmen, vielleicht auch 
einige syntaktische regeln auswendig lernen läszt, dazu die dem 
schüler so fremdartig erscheinenden vocabeln und nun mit hilfe des 
lexikons und der deutschen Übersetzung den hebräischen text ^prä- 
parieren' läszt, da ist und bleibt freilich dem lernenden alles in 
diesem fache innerlich fremd , er empfindet daher dasselbe als eine 
ttberbürdung und seine erlemung als eine seine zeit und kraft in. 
ansprach nehmende und doch nicht innerlich befriedigende arbeit. 
da ist freilich das hebräische in demselben sinne eine überbürdung 
für die Jugend , wie es jeder andere in den rahmen seiner sonstigen 
gyinnasialstudien fallende Unterricht sein kann. 

Wie ganz anders aber , wenn das interesse , mit welchem der 
schüler von hause aus diesem Unterricht entgegenkitt, für denselben 
wachgehalten und beständig gesteigert wird, und das ist sicher 
nicht schwierig, schon die einführung in die den neuling anfangs 
80 sehr befremdende hebräische schrift umkleidet sich, sowie dieser 
die namen der buchstaben kennen lernt und in dem aleph, bdth, 
gimel u. s. w. ja die vertrauten töne des griechischen und schliesz- 
lieh des deutschen alphabets wiederfindet, mit dem reize der ehr- 
würdigkeit: er erkennt nemlich unschwer, dasz hier die quelle 
unserer schrift, dasz ihm hier in der hebräisch -phönizischen schrift 
eine der grundlagen all unser heutigen cultnr sichtlich vor äugen 
gerückt ist. im laufe des weiteren Unterrichts wird diese erkenntnis 
in vielfacher beziehung wachsen, erlernt, und das alles mühelos, 
da er angehalten wird es selbst zu finden durch vergleichung und 
schlusz, das Verhältnis der griechischen und damit auch der deutschen 
vocalzeichen zu den hebräisch - phönizischen Urbildern , die abstam- 
mung der römischen Zahlzeichen von den ursprünglich semitischen 
buchstaben. so spinnen sich ihm fäden schon von dem alten hebrä- 
ischen aiphabet, welche bis zu bedeutsamen culturelementen unserer 



200 Der hebräische anterricht aaf dem gymnasium. 

zeit führen, und weiter , welche blicke vermag ihm der hebrftische 
Unterricht zn eröffnen in grosze weltgeschichtliche enltnrbewegangen! 
die Phönizier werden ihm nicht blosz dnrch die schrift erwiesen als 
träger der cultur, sondern sie gewinnen fttr ihn aaoh darch eine 
ganze reihe griechischer eigennamen, die er sich mit hilfe seiner 
hebräischen Sprachkenntnisse zu erschlieszen vermag, und die nun 
anderseits der Unterricht als apperceptionsmaterial benutzt, leben, 
wir denken dabei an Kadmus (vgl. Busolt» griechische geschiebte I 
8. 51), Salamis, Munjchia, Samos, Milet n. s. w. aneh die pbOni- 
zischen sagen und geschichte , welche ihm in der Vergillectfire und 
in der römischen geschichte nahe treten, beleben sich für ihn, wenn 
er nun namen wie Dido, Karthago, Hannibal, Hamilkar n. s. w. 
sprachlich verstehen lernt, weiter sieht er za seinem freudigen 
staunen , wie auch die gestalten der groszen bewegung des Islam 
aus dem hebräischen ihrem namen nach als wohlbekannt entgegen 
treten.^ so ergibt sich ein reiches material, welches wohl geeignet 
ist das geschichtliche Verständnis des Schülers zn vertiefen und 
seinen geschichtlichen blick zu schärfen , für den Unterricht selbst 
aber ein wertvolles stütz- und erleichterungsmittel ist wie an- 
schaulich werden dem schüler endlich die gestalten des alten testa- 
ments und die orte des heiligen landes, wenn er, auf die beseich- 
nungen ihrer etymologie stoszend, ihre charakteristischen merkmale 
und erscheinungen schon aus ihren namen ablesen kann ! auf die ge- 
waltige förderung, welche die bibellectüre überhaupt dnrch diese 
bildungsstofiEe erfährt, brauchen wir wohl nicht erst hinzuweisen. 

Während in der angedeuteten weise der hebräische Unterricht 
vielfach in der läge ist nicht blosz an bereits vorhandene bildnngs- 
interessen anzuknüpfen, sondern diese auch zu benutzen Termag, 
um den lernenden in der scheinbar so fremden weit möglichst bald 
heimisch zu machen, scheint dieser vorteil der erlemung der sprach- 
gesetze in formenlehre und syntax zu ermangeln, die grammatik 
scheint, von den silbengesetzen angefangen bis zur lehre vom 
schwachen verbum und nomen , anknüpfungen an bereits geläufige 
Vorstellungen nicht zuzulassen, und doch ein wie reiches apper- 
ceptionsmaterial dem danach suchenden lehrer sich auch auf diesem 
gebiet erschlieszt, hat der Verfasser in zwei abhandlungen* nach- 
zuweisen gesucht, analogien sprachlicher gesetze der dem schüler 
bekannten sprachen hat das hebräische in formenlehre und sjntaz 
eine grosze zahl, wie denn manche capitel der hebräischen grammatik 
äuszerst geeignet sind das Verständnis für verwandte erscheinungen 
des lateinischen und griechischen, damit auch, zuweilen sogar direct 
des deutschen , erst zu erschlieszen. hier sei nur ganz kurz erinnert 

^ vgl. über die anterstütsang , welche der bebriiische anterricht 
darch den fi:e8chichtlichen anterricht erfährt and welche er selbst 
diesem erweist, des verf. aafsatz in Frick- Richter, lehrproben and 
lehrgänge, heft XV 28-30. » ebenda heft XIX 22—33 und heft XXV 
9—20. 



Der hebräische Unterricht auf dem gymnaBium. 201 

an die bildung der yerbalBt&mme nnd die sjntax der tempora des 
hebrftischen, an die sog. nebensfttze des hebräischen^ und an den 
sinnlichen Charakter dieser spräche, mehr noch als derartige über- 
einstimmangen vermag oft die grundverschiedene auffassung des 
Indogermanen und des Semiten das sprachliche Verständnis zu 
klären : wir denken beispielsweise an die wortbildungslehre und an 
die entwicklung der wurzeln zu stammen, gewinnt so einmal das 
sprachliche Urteilsvermögen des Schülers, wenn der Unterricht an 
die verwandten Spracherscheinungen, bzw. die abweichungen des 
lateinischen, griechischen, französischen und deutschen anknüpft, so 
bedeutet diese apperception zugleich eine wesentliche erleichterung 
des hebräischen Unterrichts selbst, sowohl in dem angedeuteten 
sinne der weckung des interesses wie in dem der einschränkung der 
belastenden gedächtnisarbeit, die methode des hebräischen Unter- 
richts vermag der kundige lehrer auszerordentlich zu erleichtern* 
vom mechanischen erlernen grammatischer formen kann er, etwa 
mit ausnähme des qal des starken verbums und einiger unfUgsamer 
verbaldassen (wie der verba i"3^), so ziemlich ganz absehen ^ verbal- 
wie nominalflexion lassen sich mit hilfe der laut- und silbengesetze 
durch deductions- bzw. analogieschlüsse vom schüler selber auf- 
finden , nirgend ist ein so ausgebreitetes und dankbares feld für die 
deduction als gerade in der hebräischen formenlehre. wird sind auf 
grund einer 10jährigen erfahrung zu der erklärung berechtigt^ dasz 
der Unterricht niemals auf Schwierigkeiten bei der erlemung der 
sog. schwachen verba und nomina gestoszen ist, sondern dasz bei 
zurückgreifen auf die laut- und silbengesetze diese für den schüler 
ihre schrecken ganz und gar verlieren, wo das Verständnis der 
sprachlichen gebilde erreicht wird, da fUllt das mechanische erlernen 
fort und das durch eigenes nachdenken erworbene wissen läuft nicht 
80 leicht gefahr der Vergessenheit anheim zu fallen als die gedächtnis- 
arbeit, einzelne abnormitäten wird der schüler, dessen blick für die 
Sprachgesetze geschärft ist, leicht als solche erkennen, und auch sie 
sind die laut- bzw. punctationsgesetze meist im stände zu erklären. 
die Syntax läszt, wie schon oben angedeutet, in reichem masze an- 
knflpfung an die lateinischen, griechischen und deutschen sprach- 
erscheinungen zu, echt semitische bzw. hebräische Sprachgesetze, 
wie die auffassung gewisser Satzarten , das sog. i consecutivum und 
so manches andere, sind gründlich zu erklären, da in ihnen die 
eigenart der fremden spräche sich am schärfsten ausspricht. — Für 
den nach diesen grundsätzen erteilten Unterricht fehlen freilich lehr- 
bücher, welche dem verfassor so ganz zusagten, die groszen wissen- 
schaftlich angelegten grammatiken von Gesenius - Kautzsch und 
Müller sind für den anfänger zu umfangreich , von Nägelsbach zu 
schweigen, dessen übertriebene Systematik besonders das erlernen 



* vgl. des verf. abhandlnn^ 'zur hebräischen sjntax' in dieser Zeit- 
schrift 1890, s. 115-21. 



202 Der hebräische Unterricht auf dem gymnasiam« 

der sjniax erschwert, deshalb hat der Verfasser wenigstens f&r die 
Syntax eine eigene zusammenstellnng des für den gymnasialanier- 
rieht notwendigen , d. h. der haaptgesetze , welche möglichst scharf 
und klar zu entwickeln sind, im druck erscheinen lassen^, indem 
er bemüht gewesen ist die anknUpfung an den übrigen Sprach- 
unterricht des gymnasiums wenigstens anzudeuten, die specifisch 
hebräischen Spracherscheinungen aber auch deutlich als solche kennt- 
lich zu machen, für die behandlung der formenlehre schwebt uns 
ein kurzer leitfaden als das geeignetste hilfsmittel vor, welcher 
auszer der schrifttabelle und den laut- und Silbengesetzen allein 
die paradigmen mit den notwendigsten erkiSrungen enthielte, die 
Walthersche formenlehre erfüllt im übrigen die an ein hebrftisches 
lehrbuch zu stellenden anforderungen , doch ist sie in der jettigen 
gestalt noch nicht als Schulbuch brauchbar, da wesentliche capitel 
in ihr nicht behandelt sind , anderseits einzelheiten vielfach in za 
groszer fülle gegeben sind. 

Das erlernen der vocabeln endlich , welches in der ersten zeit 
ja ein mechanisches sein musz, aber doch schon da durch hftofige 
Übungen mit dem erlernten wertschätz in den übersetznngsstficken 
(ein lesebuch ist für das erste unterrichtsjahr nicht zu entbehren) 
Isedeutend unterstützt werden kann, verliert nach und nach bei 
wachsender wortkenntnis seine Schwierigkeiten, teils Iftszt die An- 
knüpfung des neuen an bereits bekannte nomina propria — und der 
hieraus sich ergebende gewinn ist ein beträchtlicher — teils die ab* 
leitung von schon geläufigen verbis oder nominibus die sache minder 
schwer erscheinen, vor allem ist aber durch stete entwicklnng der 
bedeutungen aus der ursprünglichen rein sinnlichen grundbedeutnng 
imd durch zurückführen der Wörter auf die ihnen zu gründe liegen- 
den wurzeln sowie durch bildung von Wortfamilien, ja oft durch 
zurückgehen auf die zweiradicaligen ursprünglichen wurzeln die mit 
dem auswendiglemen verbundene arbeit wesentlich zu entlasten* 
freilich je gröszer die vocabelkenntnis ist, welche der anfangsnnter* 
rieht erreicht, um so leichter hat es der schüler später und um so 
gröszere fortschritte kann die lectüre des bibeltextes dann machen, 
zumal das biblische hebräisch eine lexikalisch keineswegs reiche 
spräche ist. 

Sollte nun ein nach den angedeuteten grundsätzen erteilter 
Unterricht wirklich eine überbürdung des schülers bedeuten können ? 
bei zwei wöchentlichen lehrstunden vermag der hebräische Unter- 
richt in drei jähren bequem sein ziel zu erreichen, nemlich eine 
tüchtige kenntnis der hebräischen Sprachgesetze und einen genügen- 
den vocabelschatz dem schüler anzueignen sowie ihm Übung im über- 
setzen der historischen bücher des alten testaments und der psalmen 
zu verschaffen, ohne dasz an den häuslichen fleisz besondere an- 



^ 'Hnaptregeln der bebrHiscben sjntax für gjmnasien'. B.O.Teobner. 
Leipzig 1889. 



Der kebräische nnterricht auf dem gyinnasiam. 203 

Sprüche gestellt würden, die hauptarbeit wird in die classe verlegt, 
dem häaslichen Studium fällt im wesentlichen die Wiederholung der 
bebandelten pensen und die prSparation^ der bibelabschnitte zu, an 
welche natürlich keine übergroszen ansprücbe gestellt werden 
dürfen, an schriftliche arbeiten ist nur in geringem umfange zu 
denken, auch dürften dieselben mehr in der form von ezercitien den 
Unterrichtsstunden zuzuweisen sein als der häuslichen arbeit, sollen 
die von dieser verlangten sog. analysen einer bibelstelle für den 
Unterricht wirklich fruchtbar gemacht werden , so empfiehlt es sich 
wohl, wie der Verfasser dies aus erfahrung bezeugen kann, die 
Schüler zu veranlassen bei ihren sprachlichen erklärungen jedesmal 
bestimmte grammatische capitel ins äuge zu fassen, so dasz die 
schriftliche leistong die bedeutung einer gewisse pensen der formen- 
lehre oder der sjntax abschlieszenden arbeit gewinnt, was sich auch 
für gelegentliche Wiederholungen durchführen läszt. dem schul er 
die auswahl der zu erklärenden formen und formationen ganz zu 
überlassen , dieser grundsatz führt wohl in den wenigsten fällen zu 
einem thatsächlichen gewinn seiner kenntnisse , derartige arbeiten 
werden mit weit mehr erfolg mündlich erledigt, als schriftliche 
häusliche leistungen tragen sie den Charakter einer überbürdung 
des Schülers. 

Vier jahrelang, das betont hr. Bachmann wiederholt mit und 
ohne ausrufezeichen, wird auf dem gymnasium hebräisch getrieben. 
nun , das wird wohl die regel sein, doch die sache selbst erfordert 
diese lange zeit gar nicht, der Verfasser dieser zeilen sucht seinerseits 
die Schüler aus untersecunda nach mOglichkeit abzuwehren — wenn- 
gleich dieofficiellen lehrpläne den hebräischen Unterricht für 'secunda' 
ansetzen — , da seines erachtens drei jähre für das erlernen des 
hebräischen durchaus genügen, denn im ersten jähre (also ober- 
secunda) kann der schüler die formenlehre mit einschlusz der ein- 
facheren classen der sog. schwachen verba sehr wohl bewältigen, 
was dann noch übrig bleibt, etwa die verba i'y und y"y, die zahl- 



^ hier ein wort über die von herrn Bachmann 8. 19 seiner schrift 
empfohlenen bibelpräparationen. herr dr. Bacbmann hatte die gute 
dem yerf. gleich beim erscheinen des ersten heftes seiner psalmenprä- 
paration ein exemplar zu übersenden, und dieser hat damals ihm gegen- 
über mit seinem urteil nicht zurückgehalten: so hoch auch in seinen 
angen der wissenschaftliche wert dieser leistung anzuschlagen ist, und 
so wertvoll er dies hilfsmittel auch in den bänden des fachstudien 
treibenden Studenten erachtet, so wenig erscheint ihm dasselbe doch, 
wenigstens in der gegenwärtigen form, geeignet für den schülergebrauch, 
der Schüler ist anzuhalten sich die hebräischen formen selbständig klar 
zu machen, wird ihm deren analjse, wie das bei Bachmann geschieht, 
ohne sein znthun und Zuhilfenahme seines nachdenkens dargeboten, so 
geht ein groszer gewinn des Unterrichts dadurch einfach verloren: bei 
der beurteilung dieses yerschiedenen Verhältnisses des Studenten und 
des Schülers darf nicht vergessen werden, dasz der letztere erzogen 
werden soll, auch zur wissenschaftlichen arbeit, ersterer hingegen sich 
selbst zu erziehen hat! 



204 Der hebräische unterriebt auf dem gymnanom. 

Wörter und einiges andere, sowie die sjntax verbleiben der primai 
die beendigung des grammatischen cursus der formenlehre ist den 
ersten wochen des primapensums zuzuweisen — die lectflre brancht 
darunter ja nicht zu leiden — , für den ftltem Jahrgang ist die noch- 
malige eingehende behandlung dieser erfahrungsgemäsz schwierigsten 
grammatischen partien eine sehr förderliche Wiederholung, wie denn 
auch sonst jede oder wenigstens jede schwierigere bei der leciOre 
aufstoszende form sorgfllltige analjse fordert, auf der andern seite 
läszt sich freilich nicht leugnen, dasz fOr so manche minder begabte 
Schüler ein repetitionscursus in obersecunda, nachdem sie schon in 
untersecunda am hebräischen Unterricht teil genommen haben , eine 
grosze erleichterung ist und erhöhte Sicherheit verbürgt, doch sind 
die vier jähre keineswegs als regel, geschweige denn als ein sich aus 
der Sache ergebendes gesetz anzusehen, man halte also dieselben 
dem hebräischen Unterricht nicht vor, bei licht besehen, sind es drei 
jähre, mit denen wir für das hebräische zu rechnen haben. 

Ja, aber, fährt unser ankläger fort, wenn diese zeit wenigstens 
so angewendet würde , dasz die schüler etwas rechtes lernen and in 
stand gesetzt werden beim verlassen des gymnasiums das hebräische 
soweit zu beherschen, dasz sie mit erfolg an den alttestamenUichen 
Vorlesungen teilnehmen können! 'das bisher erzielte hebräisdie 
wissen steht in keinem Verhältnis zu der aufgewendeten zeit.' wenn 
dieser Vorwurf thatsächlich berechtigt ist (und herr Bachmann bemft 
sich auf eine reiche erfahrung) , bzw. für die zukunft nicht zn ent- 
kräften ist, da ist es freilich besser den hebräischen Unterricht über- 
haupt fallen zu lassen, herr Bachmann führt seine erfahrung gegen 
das hebräische auf dem gymnasium ins feld, da darf auch ich wohl 
von der meinen sprechen, nun , ich habe mit meinem hebräischen 
Unterricht denn doch günstigere erfolge zu verzeichnen , als herr B. 
im allgemeinen zuzugeben geneigt sein möchte, ich kOnnte ihm 
mit schriftlichen Zeugnissen dafür aufwarten, dasz mancher meiner 
schüler auch auf der Universität ein recht tüchtiger hebräer gewesen 
ist, dasz sogar etliche — ohne eine dahin zielende einwirkung meiner- 
seits — sich orientalischen Studien zugewandt haben ; vielleicht ge* 
nügt das. herr Bachmann führt seinen eigenen hebräischen Jehrer 
als beispiel eines tüchtigen hebräischen lehrers , als eine ehrenvolle 
ausnähme an, nun diese müssen doch nicht so ganz selten sein, denn 
auch ich kann von einem solchen berichten ; mit inniger Verehrung 
und mit dankerfülltem herzen nenne ich den jetzt hochbetagten 
Professor dr. Dühr zu Friedland (in Mecklenburg), und ich mOchte 
jetzt ihm das wort geben in der sache, welche er ohne zweifei viel 
nachdrucks voller vertreten würde als sein ehemaliger schüler, and 
welche er auch schon thatsächlich vertreten hat. er wendet sich 
nemlich im Friedländer programm vom jähre 1865 s. 21 gegen die 
von Ootthold in seinem ^protest' s. 37 gethane äusxerung, 'dasz auf 
der Universität bei mehr musze der student des hebräischen in sechs 
Wochen so viel lernen kann als der gymnasiast in vier jähren sa 



Der hebräische Unterricht auf dem gymnasiam. 205 

lernen pflegt' in den folgenden scharfen werten: ^es scheint fast, 
als wttren die docenten auf Universitäten im besitz einer besondem 
methode oder eines zaubermittels, die studiosos theologiae et philo- 
logiae in sechs wochen so schnell zu fördern, wie wohl manche 
maltres dem publico ihre praktischen methoden anpreisen, in so 
und so viel wochen jemandem gründlich das französische, englische, 
italienische n. s. w. beizubringen .... Ohne viel aufhebens davon 
zu machen, sei bemerkt, dasz nach meist dreijährigem Unterricht in 
der I. des hiesigen gymnasiums mehr denn ein schüler es so weit 
im hebräischen gebracht, dasz er — und so schwer ists am ende doch 
nicht! — leichtere stellen eines historischen buchs auch in einem 
unpanktierten text lesen konnte und verstehen.' 

Herrn dr. Bachmann ist es ja heiliger ernst um ein tüchtiges 
Stadium des hebräischen , darum legen wir auch volles gewicht auf 
die traurigen erfahrungen, welche er mit seinen hebräischen Studenten 
nnd candidaten gemacht hat. ja, wer wüste es auch nicht, wie schlecht 
es im allgemeinen mit den hebräischen kenntnissen der theologen 
bestellt ist! dazu braucht man gar nicht fachmann zu sein, um von 
der hebräischen not in den examinibus der theologischen candidaten 
ZQ wissen, aber man hüte sich aus dieser traurigen thatsache so 
ohne weiteres einen schwerwiegenden Vorwurf für die gymnasien 
herzuleiten, da kommen doch, wie wir später sehen werden, noch 
ganz andere factoren in betracht, ganz abgesehen davon, dasz die 
spätem theologie studierenden — und davon wissen die lehrer des 
hebräischen wie die der übrigen fächer wohl ein lied zu singen — 
nicht immer die besten schüler sind , so dasz aus ihrer Unkenntnis 
doch nicht allemal auf ungenügenden Unterricht im hebräischen ge- 
schlossen werden darf, trotz alledem müssen wir es herm dr. Bach- 
mann nach unsern eigenen beobachtungen zugestehen, dasz zu einem 
beträchtlichen teile die geringen resultate des hebräischen unter- 
ridits diesem selbst zur last fallen ^ dasz dieser thatsächlich 
vielfach im argen liegt, und das musz besser werden, 
wenn wir unsere position gegen angriffe, wie sie herr Bachmann 
gegen das gjmnasium richtet, behaupten wollen, der Unterricht 
darf nicht in einem bloszen erlernen der grammatischen paradigmen 
bestehen, er musz zur beherschung der fremden spräche führen, 
also vnr stehen in diesem punkte herm Bachmann nicht so ganz 
fem, möchten indessen einmal die gemeingiltigkeit seines Urteils 
(wenngleich auch er vereinzelte ausnahmen zugibt) entschieden be- 
streiten, sodann aber aus der berechtigung seines Vorwurfs, soweit 
wir dieselbe zugestehen, nicht mit ihm den schlusz ziehen, dasz das 
hebräische nicht auf die gymnasien gehört, vielmehr sind wir über- 
zeugt — und wir werden im folgenden unsere Überzeugung be- 
gründen — , dasz die bezüglich der geringen resultate des hebräischen 
Unterrichts zu tage tretenden mängel sich beseitigen lassen, sich be- 
seitigen lassen durch den erasten willen unserer behörden. 

Das führt uns auf die weitere behauptung Bachmanns : 'unsere 



206 Der hebräische Unterricht auf dem gymnauam. 

gjmnasiallehrer können nicht das wissen haben, welches zur er- 
teilung eines fruchtbaren Unterrichts in der schwierigen hebrftiachen 
spräche schlechterdings erforderlich ist.' auch hier wollen wir herm 
Bachmann bis zu einer gewissen grenze entgegen kommen, denn 
auch dieser yorwurf, welcher sich gegen die bef&higong der lehrar 
des hebräischen richtet, wird in einem gewissen grade von den 
thatsachen bestätigt, wer einen fremdsprachlichen Unterricht so er- 
teilen will , dasz er seinen schülem die lust und liebe zu der sacbe 
beizubringen vermag , welche allein schon die arbeit wesentlich er- 
leichtert, aber auch den Unterricht so methodisch zu gestalten im 
Stande ist, dasz seine schüler sich in der denkbar einfachsten und 
doch gewinnbringendsten weise des sto£fes geistig bemächtigen, und 
diesen nicht blosz eine oberflächliche, sondern auch eine gründliche, 
in die tiefe gehende Sachkenntnis übermitteln kann , der muss aller- 
dings die Sache selbst tüchtig beherschen , er musz *über dem Stoffe 
stehen', begründete urteile über die sprachlichen anscbauungen, 
welche er vertritt, besitzen, ja auch wohl föhigkeit und neigung 
haben selbständig in dem fache zu arbeiten, und darin müssen wir 
herm Bachmann recht geben, dasz diesen forderungen schwerlich im 
allgemeinen genügt werden dürfte, wie oft mag wohl — und auch 
wir sprechen keine blosze, in diesem falle unverzeihliche mut- 
maszung aus — das an der anstalt eingeführte lehrbuch der codex 
des lehrers sein, wie oft mag dieser sich damit begnügen, paradigmen 
und regeln auswendig lernen zu lassen, und wie selten mag es sein, 
dasz er sich über grammatische fragen des hebräischen aus grOszem 
wissenschaftlichen grammatiken orientiert oder gar die verwandten 
sprachen, besonders das arabische zur klärung seiner anschauungen 
heranzieht! und die gründe für diesen bedauerlichen mangel an 
beherschung des Unterrichtsstoffes durch den lehrer liegen ja nahe 
genug, wo theologen den untenicht erteilen , kann man bei ihrem 
mangel an Übung im sprachwissenschaftlichen arbeiten im allge- 
meinen von vorn herein auf eine rein empirische behandlung des 
Stoffes schlieszen. aber auch die philologen unterrichten gewis viel- 
fach nicht anders, natürlich genug, ihnen fehlt in der regel die 
rechte Vorbereitung auf dies fach, müssen sich doch manche auf 
wünsch ihrer behörde in dasselbe erst 'hineinarbeiten', andere geben 
in ermangelung geeigneter kräfte diesen Unterricht blosz notge- 
drungen, ohne die rechte innere teilnähme, wo die schuld für diese 
bedauerliche erscheinung liegt, davon später. 

Also wir geben herm Bachmann zu, dasz der hebräische Unter- 
richt auf den gymnasien thatsächlich vielfach im argen liegt , weil 
die von den behörden für ihn bestellten lehrkräfle die forderung 
eines fruchtbaren Unterrichts nicht zu erfüllen vermögen, folgt aber 
etwa daraus, dasz die gjmnasiallehrer das erforderlidie wissen, um 
diesen Unterricht mit erfolg zu erteilen, nicht haben können? mit 
nichten, diese behauptung Bachmanns schieszt weit über das ziel 
hinaus, wenn derselbe freilich damit recht hätte, dasz mit dem 



Der hebräische Unterricht auf dem gjmnasiimi. 207 

studiom des hebräischen auch ein gründliches Studium der übrigen 
semitischen sprachen, mindestens des arabischen, äthiopischen und 
syrischen (vgl. s. 18) unbedingt zu verbinden sei, dasz allein mit 
hilfe dieses rüstzeuges der hebräische Unterricht gedeihlich erteilt 
werden könne , so dürfte der hebräische Unterricht wegen der Un- 
möglichkeit für ihn geeignete lehrer zu beschaffen endgiltig vom 
gymnasium auszuschlieszen sein, denn zu umfangreichen orientali- 
schen Sprachstudien lassen die hohen anforderungen, welche die alt- 
classische philologie an ihre jünger stellt — was herr Bachmann 
selbst 8. 18 als 'mildernden umstand' bei seinem harten urteile an- 
gibt — keine zeit, aber wer in aller weit verlangt denn beispiels- 
weise von einem das griechische unterrichtenden lehrer, dasz er 
Sanskrit , eranisch u. s. w. beherscht , weil viele sprachliche gesetze 
der spräche , in welcher er zu unterrichten hat, erst durch derartige 
Studien ihre erklärung und rechtes Verständnis gewinnen? genügt 
es nicht völlig , wenn der classische philologe sich ein wissenschaft- 
lich begründetes, durch einige kenntnis des sanskrit gestütztes Ver- 
ständnis der griechischen spräche erworben hat? genügt es nicht 
vollkommen für einen in wissenschaftlichem geist erteilten unter- 
licht — diesen fordern wir überhaupt für das gymnasium , wenn- 
gleich auch in den altsprachlichen föchern die rein empirische Unter- 
richtsmethode oft genug selbst bis nach prima reichen mag — , wenn 
der lehrer im stände und bemüht ist sich aufgrund wissenschaftlicher 
werke über die Sprachgesetze klarheit zu verschaffen? so ist es für 
den hebräischen Unterricht durchaus ausreichend, dasz der lehrer 
sich mit den gröszem wissenschaftlichen werken von Ewald , Ols- 
hausen , König u. a. vertraut gemacht hat , dasz er mindestens die 
arabische formenlehre beherscht und ebenso das aramäische bzw. 
syrische zur erklärung mancher hebräischen formation für sich ver- 
werten kann, und das würde auszer dem wissenschaftlichen Studium 
des hebräischen auf der Universität noch etwa ein collegüber arabische 
grammatik notwendig machen, das syrische und äthiopische mag er 
dann später gelegentlich für sich erlernen, soweit er diese sprachen 
nötig hat. freilich verkennen wir nicht , dasz zwischen dem erteilen 
beispielsweise des griechischen und lateinischen anfangsunterrichts 
und des hebräischen in den obern classen ein bedeutender innerer 
unterschied ist. in dem letztem fache , welches in gewissem sinne 
Selbstzweck ist, spielt die wissenschaftliche durchdringung des sto£fes 
eine ganz andere rolle als im latein und griechischen der untern und 
mittlem classen , obwohl es sich auch hier später nachteilig fühlbar 
macht; wenn ein nichtphilologe (wir haben den gegensatz des wissen- 
schaftlich gerichteten und arbeitenden philologen im äuge) diesen 
Unterricht erteilt hat. aber wir glauben schon an der grenze des zu 
fordernden und auch erreichbaren angelangt zu sein, wenn wir die an- 
gedeuteten ansprüche an den Wissensstand des hebräischen lebrers 
gemacht haben. 

Was folgt nun aus dem gesagten? doch wohl, dasz herrn 



208 Der hebräische Unterricht aaf dem gymnuium. 

Bachmanns behauptnng, der gjmnasiallehrer kGnne 
überhaupt den hebräischen Unterricht nicht erteilen, 
weil ihm das rüstzeug dazu fehlen müsse, hinfällig ist: 
allerdings nur unter der bedingung, dasz die Staats- 
behörden dafür sorgen, dasz die gjmnasiallehrer ebenso 
wie für den Unterricht in den classischen sprachenauch 
für den hebräischen unter rieht eine ausreichen de grand- 
lage erwerben — und es wird besser werden. 

Das kann freilich nur geschehen, wenn die Universitäten den 
studierenden auch die möglichkeit geben, ein wissenschaftlidies 
Studium des hebräischen zu treiben, nach unserer Sachkenntnis 
müssen wir das Vorhandensein derselben im allgemeinen bestreiten, 
uns ist gerade der Universitätskalender vom sommersemester 1879 
zur band: da finden sich hebräische coUegien, betr. praktische 
Übungen angekündigt allein an den Universitäten zu Halle (A. Müller), 
Leipzig (Fr. Delitzsch) und Rostock (F. M. Philippi), das ist alles, 
was die Universität den Studenten darreicht! I wir geben zu, dasz 
der Orientalist noch andere Vorlesungen zu halten bat als solche 
Über die hebräische spräche — aber wo soll sich denn der studierende 
der hebräischen spräche die fdr seine Studien so notwendigen an- 
leitungen, anregungen und an Weisungen holen ? wir wagen in dieser 
beziehung keine vorschlage zu machen , da das nicht unsere sache 
ist, das eine aber steht fest: geschehen musz etwas seitens 
der Unterrichtsbehörden zu gunsten der hebräischen 
Studien — in letzter linie kommt das ja der theologie und der 
kirche zu gute. 

Damit wenden wir uns zu der die frage des hebräischen in 
letzter iustanz entscheidenden theologie. wir glauben oben den 
nach weis geführt zu haben, dasz das hebräische kein dem gjmnasial- 
unterricht fremdartiger gegenständ ist, dasz es keine Überschreitang 
der ihm eignen grenzen ist, wenn das gjmnasium seinen lOglingen 
die hebräische Vorbildung vermittelt, dabei haben wir stillschweigend 
die Voraussetzung gelten lassen , dasz diese hebräische Vorbildung 
f Qr den Studenten der theologie nötig sei. doch die klagen des herni 
dr. Bachmann — und er steht mit denselben nicht vereinzelt da — 
über die Unwissenheit theologischer Studenten, candidaten, ja theo- 
logischer prüfungscommissare im hebräischen zwingt uns, wenn uns 
auch an sich die kenntnisse und die Unkenntnis seiner consistorial- 
rate nichts angehen, doch der frage näher zu treten: ist denn unter 
solchen umständen das gymnasium noch verpflichtet diesen Unter- 
richt zu erteilen, wenn später die leistangen der theologen im 
hebräischen in ein nichts zusammenschrumpfen und sich allmählich 
völlig verflüchtigen? wenn, wie wir aus seinen klagen entnehmen, 
die Staatsprüfungen im hebräischen wenig mehr als leerer schein 
sind ? wir dürften umso mehr recht zur Stellung dieser frage haben, 
als wir mit ihr einem bedeutsamen culturinteresse, insbesondere der 
evangelischen sache zu dienen glauben. 



Der hebräische Unterricht auf dem gymnasiam. 209 

Wir werden der Zustimmung der lehrer der theologie sicher 
sein,' wenn wir behaupten, dasz die kenntnis des hebräischen beim 
beginn der theologischen Studien unbedingt zu fordern ist. was 
würde auch die folge einer Verlegung des hebräischen Unterrichts 
vom gymnasium auf die Universität sein? der student wäre während 
des ersten, wohl auch des zweiten Semesters auszer stände ein alt- 
testamentliches colleg zu hören, und auch die neutestamentliche 
exegese müste in mancher beziehung für ihn fruchtlos bleiben, daraus 
ergäbe sich selbstverständlich eine Verlängerung der theologischen 
Studienzeit , welche weder auf den beifall der beteiligten kreise zu 
rechnen hätte noch auch im allgemeinen socialen Interesse läge, 
und dann — soll man dem jungen Studenten, welcher soeben die 
akademische freiheit kostet und mit den hohen erwartungen eines 
freien wissenschaftlichen Studiums die Universität bezogen hat, zu- 
muten jetzt sich aufs neue auf die Schulbank zu setzen? denn an 
einen praktischen Unterricht müste da schon gedacht werden , wie 
denn auch Bachmann thatsächlich von solchem systematischen 
hebräischen Unterricht auf der Universität spricht, die wissenschaft- 
liche begeisterung der jungen akademischen bürger dürfte darunter 
denn doch nicht wenig leiden, und wer sollte auf der Universität 
diesen Unterricht erteilen? etwa die theologischen professoren? 
nun, die würden sich wohl hüten, abgesehen davon dasz ihnen die 
zeit dazu fehlte, herr Bachmann macht s. 18 die befremdende be- 
merkung : ^andere (gymnasiallehrer) mögen wohl das gesetzlich vor- 
geschriebene wissen haben , allein ihnen fehlt es an der nötigen lust 
und geduld den schülem die hebräischen nomina und verba immer und 
immer wieder abzufragen.' sollte diese geduld etwa Universitätslehrern 
in höherem masze eigen sein? wer ist wohl mehr als wir lehrer 
darauf angewiesen , den weisen didaktischen satz, dasz die repetitio 
die mater studiorum ist , auf allen Unterrichtsgebieten tagtäglich zu 
verwirklichen? ! es bliebe nichts übrig, als eigene lehrer für das 
hebräische auf den Universitäten zu bestellen, aber alles das sind 
nicht unsere sorgen, fordern wir jedoch, dasz der die Universität 
beziehende studiosus theologiae genügende hebräische Vorkenntnisse 
mitbringe, so ist dafür die Voraussetzung, dasz es der theologie 
selbst mit dem hebräischen ernst ist. von den Vertretern der alt- 
testamentlichen exegese ist das als selbstverständlich vorauszusetzen 
— und gerade sie haben^ wie uns herr Bachmann belehrt, unter den 
bestehenden Verhältnissen schwer zu leiden — , aber warum drückt 
man denn bei den hebräischen Staatsprüfungen ein oder gar beide 
äugen zu (vgl. B.s. 14f.) oder warum läszt man so unwissende con- 
sistorialräte, wie sie Bachmann s. 21 schildert, als prüfungscommis- 
sare zu, 'welchen selbst das hebräische ein buch mit sieben siegeln 
ist' ? da ist das hebräische innerhalb der theologie doch nichts wie 
leerer schein : und doch bedarf es wohl unserer ausführung an dieser 
ßtelle nicht, dasz es ein ^hohn auf die protestantische theologie ist', 
wenn sie das Studium des alttestamentlichen Urtextes preisgibt. 

N. }fthrb. f. phil. u. pftd. II. abt. 1892 hft. 4 a. 5. 14 



210 Der hebrftiache Unterricht auf dem gymnasiom« 

Wir sind am schlasse unserer darlegoBgen angeloBgt. dieaelbes 
haben sich entsprechend ihrem zwecke, die angriffe dee lun. dr. Baoh- 
mann auf den hebr&isehen gymnasialonterricht sn prdfen und 
Zurückzuweisen, in ihrer gedankenfolge nach mögtichkeit aa die 
Bachmannsche schrift, bzw. deren fordemngen angeschloBaen. es 
erflbrigt noch die sich aus nnsem ttberlegnngen fftr das kebifllisoiw 
ergebenden folgerangen auszusprechen, wir mttssem fordern, 

1) dasz die theologie «s mit ihrer fordereng dea 
Studiums des hebrftis<chen textes selbet strenge nehme 
und dasz die behörden die theologischen staatsprttftin- 
gen auch für das hebrttiecke mit ganzem emsle dareh* 
führen, 

2) dasz die universitHt denjenigen philol«g«n, 
welche sich die facultas docendi im hebrftieehen er« 
werben wollen, durch entsprechende Torlesungen und 
praktische Übungen die gelegenheit biete z« einem 
wissenschaftlichen Studium dieeer spräche, und 

8) dasz die philologische Staatsprüfung ameh fttr 
das hebrSieche dennachweis eines tüchtigen studiuma 
fordere. 

Wird diesen wünschen genügt , so ergibt sich von eelbet die 
heilung der leider jetzt vorhandenen schftden auch fiLr die gyta* 
nasien. das hebräische bleibt ein facultativee unieirichtsfaeh, welches 
von obersecunda aufwärts mit zwei wöchentlichen stunden bedaoht 
ist. durch möglichst engen anschlusz an die sonstigen sprachlichen 
und geschichtlichen fScher in sto£flioher und methodischer beai^oiig 
wahrt , bzw. gewinnt der hebrüische Unterricht seine organische sn- 
gebOrigkeit zum gymnasialunterrieht. 

Zum Bchlusz noch einen wünsch betr. die hebrüiaohe reife- 
prüfung. diese ist, besonders unter den augenblicklich herscbenden, 
von Bachmann so grell beleuditeten Verhältnissen, nicht sn ent- 
behren, wir haben es sehr bedauert^ dasz die Berliner conferenz doroh 
den verschlag ihrer aufhebung eine erleichterung für die scfafUer her* 
beiführen zu müssen geglaubt hat. gerade in diesem £Ache, welches die 
berechtigung zu einem besondem Studium zur folge hat^ fordert das 
staatliche interesse die gewfthrleistung einer ausreichenden Vor- 
bildung, mag daher das ezamen auch auf eine mfindHohe prttfimg 
beschränkt werden, fkllen lassen wird man es nicht dürfen, wenn 
nicht für die sache selbst ein wesentlicher schaden erwacteen soll. 
besonders den imsichem elementen gegenüber, welche erfiüiruBge* 
gemäsz, vielfach durch Stipendien angelockt^ sich nnte den theologie- 
aspiranten finden, ist das bevorstehende examen ein gutes mittel zq 
ernster arbeit anzutreiben , sonst verschleppt sich die mangelhafte 
kenntnis des hebräischen wieder auf die Universität: wer das ezamen 
nicht zu bestehen vermag, erhält eine diesbetreffende note im zengnis 
und wird damit gegenständ der besondem beachtung seiner spätem 
theologischen examinatoren. 



D«r keksÜMhe vnteriidit anf dem gyntBannm. 311 

Kim sncbt freflidh herr BachmaTiTi den wert dieser hebrfiischeii 
mmtarititqirfifoiig nicht ohne erfolg stark herabzusetzen, indem er 
dannf himwüt, ian M detteUMH der eKamiaator #ft.gmng der 
einzige sadirerattndige ist, wader der «Krector noch der die prtlfang 
leitende regiemngscommiBsar sind im besitze hebräischer kenntnisse, 
wohl oder übel entscheidet also doch das urteil des Fachlehrers. 
and was das sagen wül, brsaeben wir wohl nicht erst deutlkh zu 
maffcm dem sduwiöer dieser idkn beaeikte einmal ein sraier 
zeit der prtfongaeommisBien «ngehOriger yforrer, nachdem ein auch 
im den Bfangen fl kb em sehwadier schfiler nnr nnter man^acber 
beiUUe die liB b Uieehe prftfnng glftcklich fiberstaden hatte — 
dcreelbe hatte aber doch ganz solide kenntnisse im bebrüschen — : 
*ni hebrliaeiMn thnt man am besten die paradigmen hersagen zn 
IsoBcm, das aneht iauMr einen gnten eindmek*! freilich liegt in 
dieser piltfimg eine groaze gefiüir: auch sie kann wertlos und xom 
aeheinBum^var werden, ganz abges^ien von ihrer abhtngigkeit von 
dem nrtefl dee «inen lehrars. darom liegt es im interesse des hebfS- 
isehmi onterriefatB nnd der durch denselben Tertretenen sa^e, dasz 
auch direetor md schnlrat saehrerstindige sind, und so adiwer 
dflrfle den beh5rden die befriedigung dieser forderong nicht werden, 
doch da begeben wir nns wieder auf ein gebiet, aof welchem be- 
fltimmte wflnsobe aasznspi^cfaen nicht uns zukommt; es wenigstens 
sa streuen gebot der von ans behandelte, nnd wie man uns wohl 
zogestehen wird, mit entstem interesse ftr die sache behandelte 
gegenständ. 

80 haben wir denn alles aosgesproehen , was wir betreflb des 
hebiüsehen onterrichts aaf dem gymnasiom auf dem herzen hatten, 
wie weit es ans gelongen ist die angriffe des herm dr. Bachmann 
auf doi hebrtischen gymnasialnnterricht von diesem abzuwehren 
nnd seise grfinde ftlr dessen abschaffang zu enticxtöen, das zu ent- 
scheiden steht nicht bei ans. als sicheres ergebnis unserer behand- 
lang der frage des hebrftischen dttrfen wir es dagegen wohl bezeich- 
nen, dasz, wenn den gymnasien dieser Unterricht, wie zu wünschen 
nnd zu hoffen ist, belassen wird*; yieles besser werden musz. wir 
haben ans nicht geseheut die band auf die wunde zu legen, ihre 
heilattg liegt in dem willen der beh5rden. die entscheidung, ob das 
hebrftiscihe dem gymnasium gelassen werden soll oder nicht, wird ja 
in bülde fallen : einen beitrag zur beurteilung dieser frage zu liefern 
fühlten wir uns aus liebe zur sache veranlaszt. 

• YgL B. 192. 
Ohlau. Paul Dö&wald. 



u* 



212 Die behandlung der Homerlectüre aaf gymnuien. 

18. 

DIE BEHANDLUNG DER HOMERLECTÜRE AUF 

GYMNASIEN. 



So viel wie über Homer yom wissenschaftlichen Standpunkt 
geschrieben ist, einerseits bezüglich der formen und ihrer erklft- 
rung, andererseits den inhalt und seine composition, den Verfasser 
und die art und weise der entstehung betreffend, so wenig hat 
man die pädagogische behandlung und ausbeutung des groszen dich- 
ters ins äuge gefaszt. denn wenn es gleich anerkannt ist, dasz jene 
beiden epen, und unter ihnen besonders die Odyssee, in keiner 
litteratur, wenn man inhalt und form zusammenfaszt, die Nibe- 
lungen nicht ausgeschlossen, die von einigen ihnen gleichgestellt 
werden , ihres gleichen finden , hat man ihren pädagogischen wert, 
abgesehen von grammatischen und kritischen yersuchsobjecten , zu 
wenig in den Vordergrund gestellt, ein solcher versuch wird, ab- 
weichend von der bisherigen didaktischen praxis, in folgenden Zeilen 
gemacht werden. 

Durch die Stellung, die nach den jüngst getroffenen Umwäl- 
zungen in der pädagogischen thätigkeit des gjmnasiallehrers so dem 
griechischen wie dem altsprachlichen Unterricht gegeben ist, dasz 
die formale bildung wesentlich den zweck habe, die kenntnis des 
inhalts zu fördern, und nicht Selbstzweck sei, wird natürlich auch die 
behandlung des Homer berührt, mit dem beginn des griechischen 
Unterrichts überhaupt, der früher in der quarta stattfand, in der 
tertia, ist auch die Homerlectüre in eine höhere classe, in die unter- 
secunda gerückt, und die einübung der attischen formenlehre ist mit 
der tertia abgeschlossen , wenn sie auch durch Wiederholung in den 
obern classen befestigt wird, bis jetzt war es nun, wenigstens grösten- 
teils, mögen ausnahmen stattgefunden haben, die regel, vor oder 
gleichzeitig mit dem beginn der Homerlectüre, einen cnrsus der 
Homerischen formenlehre durchzumachen, zumal da die meisten 
grammatiken entweder als anhang oder in anmerkungen einen abriaz 
derselben geben, von dieser zeitverschwendenden und mechanischen 
Übung, die auch den geistigen ansprüchen eines untersecnndaners 
nicht mehr genügt, wird abgesehen; statt dessen läszt man frisch 
darauf los übersetzen, aber natürlich in den ersten stunden des Se- 
mesters nur ein minimum , während die Übung der schüler, die neu- 
versetzt sind, nur in der Wiederholung der leistung dee älteren 
Schülers besteht, man läszt die verse attisch lesen und gewöhnt so 
den schüler daran, die Homerischen formen mit den attischen zu 
vergleichen und auf diese weise unbekanntes an bekanntes zu knüpfen 
und zu befestigen, selbstverständlich kann hier nur von den en- 
dungen und partikeln die rede sein, sodasz eine Umsetzung der rein 
Homerischen Wörter in die betreffenden attischen nicht stattfindet. 



Die behandluDg der Homerlectüre auf gymnasien. 213 

auch nicht Btattfinden kann, da ein attisches deckwort sich in vielen 
föUen wohl nicht finden würde, auf diese weise wird man es in 
einem Vierteljahr leicht dahin bringen , eine ausreichende kenntnis 
der Homerischen formen zu erzielen, genügend, sageich, für das 
Verständnis des Homer ^ denn weiter will man doch wohl nichts er- 
reichen, als den Homer verstehen, man will doch nicht den schüler 
beföhigen, exercitien im Homerischen dialect zu schreiben, das hätte 
beinahe den anschein, wenn man bis ins einzelne die genetische ent- 
Wickelung der formen, möglicherweise sogar unter heranziehung 
und vergleichung des sanskrit , erörterte und den köpf des armen 
jungen mit einem wüst unnützen gedächtniskrams belastete. 

Dasz überhaupt nach der neuorganisierten Unterrichtsmethode 
der alten sprachen die schulgrammatiken einer gründlichen reform 
auch zu gunsten ihres umfangs und preises bedürfen, ist selbstredend, 
gehört aber nicht hierher, auszerdem hat der schüler nicht zu prä- 
parieren, sondern nur zu repetieren, die sogenannten Homerlexika, die 
noch immer im schwänge sind und stellenweise wohl den namen der 
vielgeschmähten eselsbrücken verdienen , sind abzuschaffen und die 
vocabelhefte, die unglücklichen notbehelfe eines geistig trägen 
Schülers, sind verpönt, die vocabelkenntnis wird teils durch die 
schon vorhersehende kenntnis des attischen dialectes aus der vor- 
hergehenden classe, teils durch die allmähliche gewöhnung der re- 
Petition, besonders durch eine stete Übung in der erlernung der 
Zusammensetzung der einzelnen Wörter, der Wortbildung und etymo- 
logie, gewonnen, denn keine spräche ist so reich an compositionen, 
wie die griechische, und hier wiederum keine so sehr, wie die spräche 
Homers, der lehrer wird zu diesen Übungen mit groszem vorteil die 
etjmologie der griechischen spräche von G. Curtius, die in dieser 
beziehung fast alles bietet , gebrauchen können, auch wenn infolge 
dieser methode ein schüler veranlaszt werden sollte, die bedeutung 
eines wortes, welches er nicht genau kennt, zu erraten, so kann 
das nur den Vorzug haben , dasz seine erfindungsgabe gestärkt und 
seine combinationsgabe befestigt wird, dasz solches bestreben in 
flüchtigkeit umschlage und ausarte, kann durch ausreichende mittel 
leicht verhütet werden, ein anderer vorzug dieser behandlungs* 
weise leuchtet ein. die wortkenntnis des schülers wird an genauig- 
keit und präcision gewinnen , da er die verwaschenen , vielköpfigen 
Übersetzungen der landläufigen speciallexika sich nicht mehr ein- 
zuprägen braucht. 

Der gang des Unterrichts einer Homerlection wäre darnach fol- 
gendermaszen einzurichten, der schüler der ersten abteilung Über- 
setzt ein möglichst kurzes pensum vor. die fehlenden bedeutungen 
hat der lehrer zu ergänzen oder aus der Zusammensetzung zu ent- 
wickeln, diese Wortbildung ist von dem schüler durch einen blei- 
federstrich, der die einzelnen teile des wortes trennt, zu markieren, 
dabei ist streng darauf zu halten, dasz jedes wort nur eine bedeu- 
tung erhalte , die vom lehrer zu bestimmen ist. bei dieser gelegen- 



214 Die behandhing der Homerleotöre auf gyrnnaaien. 

heit möge auch: bemerkt werden, daaz nur textaiugabeii uunlasseft 
sind, eine einrichtong, die sieh in neoarer zeit immer mehr bahn 
brieht. dann*. werden, die verse attisch. gelesen^ und zwar von jedem 
Schüler O'in vers, um allen möglichst gelegenhett znr s^betthfttig- 
keit ZQ geben, gleichzeitig ist auch das leaesi.des hexaiwsters zn 
ttbenv welches infolge dex betonung nach dem aeoent bei der prosa- 
lectttre.gröszere sehwierigkeiten bietet, als wenn, wie frfiher, nach 
der qoantitftt gelesen wird, beides mit einander zu verbinden würde 
wohl, wenigstens so lange ee noch an einer genaneren kenntnia der 
griecbisohen musik gebrieht, kaum aoefdhrbar, auezerdem auch 
zwecklos sein-, da es zum varstftndms dee Homer nicht b^trOga 
dieser process ist von der zweiten abteilung^ den. schülem des ersten 
Semesters^ abschnittsweise zu wiederhole, das durchgenommene 
pensum wird zur nftchsten stunde repetiert, darin besteht die hftua- 
liehe arbeit des Schülers, auf diese weise wird man in mnem Viertel- 
jahre, auch bei der alten einrichtung, nur zwei stunden wöchentlieh 
Homer zu. lesen, so weit die sohüler fördern^ daas auch die jüngeren 
zum vorübersetzen zugelassen werden köimen;. duraof wird man 
durch rascher fortschreitende lectüre ilmen für den langsameren gMg 
des ersten quartals «rsatz bieten, im zweiten quartal wird man denn 
auch bei immer seltener eintretender einübung der formalen seüt, 
der erkl&rung des inhalts ein weiteres feld einräumen* dabei haben 
alle mitteilungen über die höhere kritik zurückzutreten, denn ffer 
den Schüler genügt zu wissen, daaz die Odjssee, von der hier zu* 
nächst die rede ist,, eine Zusammenstellung mündlich fortgepflanzter 
Volkslieder ist, die man unter dem gesamtnamen dea Homer (öfioO) 
begreift, und dasz daher auch die zahlreichen Wiederholungen der- 
selben verse zu erklären sind, die erläuterung des inbalta hat aidi 
auf die realien zu beschränken, ao daaz z. b. der Homeriecbe pnrpor 
nicht unserm entspricht , sondern einer ÜEurbennüance , die sich vom 
hellgelb mit blauroten zwisohentönen bis zu tiefem seb wars eratreokti 
je nach der Verdünnung des farbstoffea. dabei wird nun eingdiende 
kenntnis des schiffes der Odyssee von eben so grossem intereaae-wia 
nutzen sein, die trachten and landschaften werden am sweckitfaü^- 
sten durch die bekannten gemälde von Preller veranschanlioht anek 
die bedeutung der einzelnen Wörter ist wesentlich auf dem wege der 
anschauung dem schüler zu vermitteln , da Homer mehr ala andere 
ein dichter der phantasie ist. keineswegs ist aber der selbatibfttigkait 
des Schülers vorzugreifen, sondern mehr darch anleitong auf aosn- 
sagen mäeutischem wege, als durch rückhaltalose und überreiche 
auseinandersetzungen das Verständnis zu fördern, jedenfidla sind 
alle ethischen und besonders moralischen bemerkangen an uAter» 
drücken, denn sie verderben dem schüler den unbeOangeaen, naiven 
genuaz der anmutig«! dichtung. 

Auf diese weise wird man erreichen (und ea iat erreicht woidim)^ 
dasz der obersecundaner seine Odyssee mit luat und liebe, oham 
grosze Schwierigkeit; mit ananahme natürlich aeltener Wörter med 



Warum iai erwüBBcht, dasz der lehrer verheiratet sei? 215 

«inzeliier Wendungen , die immer noch der beihilfe des lehrers be- 
dürfuk, lesen md verstehen wird, ohne dasz er den widerwärtigen 
eindraek minntiöser giamnuvtischer bemerknngen; die ihm ihrer 
ganzen nator nach fem liegen, mit sich schleppt exempla oogant. 
Altoka« J. F. Hörn. 



19. 

WARUM IST ERWÜNSCHT, DASZ DER LEHRER 

VBRHEffiATET SEI? 



Die im thema aufgeworfene frage kann paradox erscheinen, 
wenn man in erw&gung zieht, dasz es die moralische pflicht aller 
minnlichMi Individuen ist, eine heirat zu schlieszen, weil andernfalls 
der haoptzweck der mensehlichen gesellschaft, der darin besteht, 
eich fortsupflanzen und den erdkreis zu bevölkern, nicht erreicht 
würde, prüf! man aber, wie dieser process in der praxis sich voll- 
lidit, 80 findet man, dasz ein groszer teil der männlichen bevölke- 
mng dieser pffieht thatsächlich nicht nachkommt, für diese erschei- 
nnng laasen sieh verschiedene gründe anführen, die im wesentlichen 
aiofa auf zw^ haupturaachen zurückführen lassen, die eine beruht 
auf einer gewisses bequemlichkeit, denn dasz nicht jeder Hans immer 
einmal seine Grete finden kann, ist nicht anzunehmen, man stellt 
eich die verschiedensten möglichkeiten vor, man fürchtet alle denk- 
"barem ungelegenheiten, die eine folge des familienlebens und der 
kind^rerzeugung und -erziehung bilden könnten , wenn auch die pe- 
eoniSre Stellung der beireffenden derart ist, dasz sie vollkommen 
anereiebt , aueh eine grosse familie zu emtthren. der zweite grund 
beeilt in der factischen Unmöglichkeit, eine familie zu unterhalten 
»nd m der ohne zweifei lobenswerten gewissenhaftigkeit, sich und 
die Beigen vor unglüek und elend zu bewahren, diese classe des 
eölibats findet man besonders in den unteren und mittleren beamten- 
ümI efficierskreisen. dem beamten nemlich verbietet seine sociale 
alellung mit allen ihren rücksichten , sich , sei es in der wähl seiner 
wdbnuiE^y oder in seinem äuszeren auftreten , oder in seinem häus- 
lidien leben , auf ein minimum zu beschränken , während der kleine 
handwerker sowohl infolge der lebensgewohnheit seiner vorfahren 
als anch seiner socialen Stellung keine Schwierigkeit findet, sich den 
notwendigen einschränkungen zu unterziehen, aus diesen gründen 
ist demnach ein groszer teil des beamtenstandes unverheiratet, weil 
die beeoldung für ein standesgemäszes leben mit einschlusz einer 
ÜMDÜie nicht ausreicht und vermögende heiratspartien sich in der 
xeg^ diesem stände entziehen, dagegen wird dann ja auch , wenn 
der Staatssäckel zu einer höheren besoldung nicht ausreicht, nichts 
an erinnern sein, da der beamte zur ausfüllung seiner Stellung nicht 



216 Warum ist erwünscht, daez der lehrer verheiratet sei? 

minder beföhigt und befugt ist, wenn er Junggeselle als wenn er 
verheiratet ist, und die übrigen glieder seiner familie zu seiner amt- 
lichen thätigkeit in keiner officiellen beziehung stehen, während er 
für den flEunilienkreis in dem wirtshause und sonstigen öffentlichen 
leben ersatz findet, denn dieses bringt ihn zu seiner officiellen Stel- 
lung in keinen absoluten conflict. 

Anders aber stellt sich zu dieser frage der lehrer. er sowohl als 
der Seelsorger nehmen^ dieser seiner gemeinde , jener den eitern der 
ihm anvertrauten Jugend gegenüber, eine Stellung ein , die zu einem 
streng moralischen lebenswandel verpflichtet und beansprucht, dasz 
beide ihrer gemeinde und ihren schülem mit einem guten beispiele 
vorangehen und die lehren, die sie ihnen in der ausübung ihrer amt- 
lichen pflichten predigen und vorhalten, auch durch ihren eigenen 
lebenswandel bethätigen. nun ist es denn ja auch an und für sich 
kein verbrechen und würde in groszen Städten wohl kaum zu der 
bezüglichen künde gelangen , wenn der unverheiratete lehrer seine 
abende im Wirtshaus zubringt, denn man kann ihm doch nicht zu- 
muten , sich nach des tages müh und arbeit in seinen vier pfählen 
einzuschlieszen und jedem verkehr oder sonstigen Unterhaltungen zu 
entsagen, in kleinen städten aber, wo das öffentliche leben noch 
nicht zur tagesordnung geworden ist und jeder schritt und tritt von 
dem lieben nächsten beobachtet und controliert wird, führt der wirts- 
hausbesuch des lehrers leicht zu einem deficit in der öffentlichen 
meinung und wird in der regel in den maszgebenden familienkreisen 
misliebig beurteilt. 

Was soll nun der arme lehrer thun ? von der einen seite bellt 
ihn die scylla der bösen zunge an, auf der andern seite droht ihn 
der Strudel der charybdis in dem meere der einsamkeit zu ver« 
schlingen, sucht er sich diesem dilemma durch eine heirat zu ent- 
ziehen , so gähnt ihm , wenn er mit ihr kein vermögen erlangt (und 
wie häufig geschieht diesi), ein abgrund von sorge jeglicher art ent- 
gegen, so dasz er sich gezwungen sieht, auszer seiner amtlichen 
thätigkeit , die ihn doch voll und ganz in anspruch nimmt , andere 
beschäftigung zu suchen, um das tägliche brot für sich und die sei* 
nigen zu erwerben, wenn nicht gar krankheit und ähnliches Unglück 
eintritt, an irgendwelche erholung , verkehr mit bekannten , ferien- 
reisen ist nicht zu denken, andernfalls aber, wenn er nicht heiratet, 
ist er gezwungen, sich entweder vom geselligen verkehr abzu- 
schlieszen oder mit der scharfen zunge der öffentlichen meinung auf 
dem kriegsfusze zu leben, der lehrer musz daher pecnniär so ge- 
stellt sein, dasz er heiraten kann. 

Dazu kommt aber noch ein zweiter grund, der für die Seelsorger 
nicht maszgebend ist, wohl aber für den lehrer. da nemlich seine 
thätigkeit eine pädagogische ist , so hat er seine Studien der theo- 
retischen und praktischen ausbildung in dieser richtung zu widmen, 
er hat die ansichten bedeutender pädagogen kennen zu lernen und 
nach ihnen sich ein selbständiges urteil zu bilden, diese kenntnisse 



Warum ist erwünscht, dass der lehrer verheiratet sei? 217 

hat er praktisch xa verwerten und so durch Übung diejenige Fertig- 
keit ZQ erlangen, die ihn bef&higt, seinen amtlichen beruf zu er- 
füllen, ist er nun unverheiratet, so vermag er allerdings durch her- 
vorragende pSdagogische f&higkeit, durch gediegene kenntnisse, 
durch tüchtige Schulung und eifrige Pflichterfüllung seinen platz bis 
zu einem gewissen grade in ausreichendem masze auszufüllen, aber 
eins wird ihm doch immer fehlen, diekenntnis des kindlichen herzens. 
denn da er selbst kinderlos ist, so hat er kein geftihl für das pietäts- 
verhältnis, das zwischen eitern und kindem herscht. er wird nach 
bestimmten grundsStzen pflichtgetreu seine th&tigkeit verwerten, es 
aber doch nicht vermeiden können, mit der zeit, im laufe der jähre, 
wenn die frische der Jugend ermattet und das interesse für den beruf 
erkaltet, einem sterüen mechanismus zu verfallen und schlieszlich 
zu verknOchem. ist er aber verheiratet und seine ehe mit kindem 
gesegnet, so wird er einmal ein competentes urteil haben über das 
yerh&ltnis der eitern zu ihren kindem und so manche ein- und aus- 
rede derselben von einem anderen , milderen gesichtspunkt aus be- 
urteilen , femer wird aber auch, während er sonst objectiv und ver- 
standesmäszig seine erziehliche thätigkeit ausübt, ein neuer factor 
hinzutreten, der durch keine pädagogischen künste und fertigkeiten 
ersetzt werden kann, das herz und die kenntnis des kindlichen her- 
zens. manche unregelm&szigkeiten in dem betragen des kindes; die 
er sonst objectiv betrachtet als unart und ungehörigkeit gerügt und 
bestraft hat, wird er, wenn er selbst kinder hat, mit ganz anderen 
äugen ansehen. 

Dagegen könnte man einwenden, dasz einige die kindesliebe für 
ein hindemis einer zweckm&szigen erziehung halten, weil die liebe 
zum eigenen kinde oft vor der gebührenden strafe zurückschrecke, 
aber da kann man doch an den bekannten spruch erinnem : ' wer 
sein kind liebet, der züchtiget es', sogenannte aflenliebe ist hier 
vollständig auszuschlieszen. ein verheirateter lehrer, der kinder hat 
und somit kinderherzen kennt, wird zu seinen schülem eine ganz 
andere Stellung einnehmen , als ein unverheirateter , denn er wird 
durch liebe und gute, durch freundliche behandlung manches er- 
reichen, was sonst durch starren ernst, durch harte rüge und durch 
nachdrückliche Züchtigung nicht bewirkt wird. 

Soll also die erziehliche thätigkeit von dem gewünschten erfolge 
gekrOnt sein und, was auch in der gegenwart in allen pädagogischen 
erörterungen besonders betont wird, durch liebe ihr ziel zu erreichen 
suchen^ so wird man dadurch, dasz man dem lehrer die möglichkeit 
bietet sich zu verheiraten , diesem ziel wesentlich näher kommen, 
diese möglichkeit kann ihm aber nur dadurch gewährt werden, dasz 
ihm eine auskömmliche besoldung zu teil wird. 

Altona. J. f. Hörn. 



218 A. Baumeistdr: bilderhafte aus dem giieeh. und röm. altertam. 

20. 

A. Baumeister, bildbbhefte aus dem gribohisohen und römi- 
schen ALTERTUM FÖR soetQ^ler. 8 HEFTE. I. Waffen, krieg, Spiele, 
gymnastik. 11. g^tterbilder. ITI. eagenkreis dee trorjanisclien k riegee. 
lY. Herakles und andere mjrthen. V. griechische bildnisse and sitten. 
VI. römische bildnisse and sitten. VII u. YIII. kanstentwicklang. 
Manchen 1889. 

In der reproduction von bildwerken hat umhi ia onsertr aoit 
so erfeeuUehe fortschritte gemacht, dasz der gedanke sich Ton selb« 
aufdrärngtO; die resoltaie der archäologie in waitorem um&iig«, ala 
bisher möglieh war, auch ftir die sehole fruehtbar za maebea» 

Es konnte ja nun kaum aoableibeii^ dasz maaclia in der iNüda 
über die neuen, schönen hil&mittel einen su weit gebenden gabrandi 
derselben beftlrworteten. 

Dagegen haben wieder andere der befibrchtinig aiaadmA ga> 
geben, das 'bilderbesehen' würde am ende noch gar dia hawptsaobe 
in der schule werden und wichtige arbeit würde darüber ▼erabaÜMit. 
indessen mehren sich auf dieser seite doch die stiEunen von aakhen, 
die sich dem hohen nutsen einer maszvollen heranurtinng T<m ab- 
bildungen nicht mehr yerschlieszen. 

Aber auch bei den bilderfreunden ist bereits der beilsame rttek- 
schlag eingetreten, und so kann man hoffen, dass nunmabr die 
streitenden parteien sich in ruhe darüber einigen werden, in weleham 
umfange und unter welchen verhSltnissen das yorzeigen Ton büd- 
werken förderlich ist. 

Zuweilen findet man schon anzeicfaen , dasz der rückscklag ws 
sogar wieder zu weit zurückzuführen droht, zu solchen anseichen 
musz ich z. b. eine äuszerung Ton Adolf Trendelenburg redi- 
nen, welcher in einem feuilleton der Kölnischen seitung ▼on 
3. angust 1890 (nr. 223) ' neues von alter kunst' felgendas ans* 
fuhrt: 

*Aucb die hilfe der alten kunst wird für unsere angebliA 
schwerkranken gjmnasien angerufen, natürlich mdit ?on denaBi 
die die alten sprachen je eher j» lieber über bord werfen mOehtan, 
denn was ist diesen der Parthenon oder der Praxiteliaelie Hermai? 
wohl aber von denen, die den Unterricht in den alten sprachen mit 
ihrer hilfe beleben und sie bei der erklfirung der aehriftiielter oder 
im geachiehtsunterricht verwerten möditen. so bereehtigt dioiar 
wünsch ist; so fraglich ist es, ob der zu seiner Terwirkliehung alk 
gemein empfohlene weg der richtige ist, d« h. ob die jetst fahlraieh 
erseheinenden bilderhefte und atlanten mit ihren allen möglichan 
denkmälergattungen entnommenen darstellungen geeignet sind, in 
der band der schüler zu einer lebendigeren anschaunng dea alter- 
tums beizutragen.' 

Da das altertam keine Illustrationen in unserem sinne kenne — 
so führt Trendelenburg weiter aus — , so müsse eben jedee ein- 



iL Banmeiaier: bilderhefbe ans dem grieoh. und röm. altertam. 219 

«elilageade bildwerk mit eeitaufwand erklärt werden, viele ab- 
hüdongen seien tu klein, die älteren zur karikator verzeichnet, 
oft verstOmmolt, und schlieszlich sei viel zu viel auf einer seite 
vereinigt. 

^Es mosz eine weihestunde für die classe werden, wenn bei 
4er leetfire oder im geschichtsunterricht die werktagsarbeit durok 
besprechong eines (in möglichst vollendetem abbilde vorzuführen- 
de») knnatwerkes unterbrochen wird.' 

Diese worte kann ich zunächst vollkommen unterschreiben, 
^och lassen sie noch eine lücke. denn die wamung Trendelenburgs 
bezieht sich zunächst nur auf statuen: und diese sind allerdings 
bisher in billigen ausgaben fast ausnahmslos ungenügend wieder* 
gegeben, sodann auf schwer verständliche vasenbilder: damit ist 
«ber doch der kreis dessen, was wir in der schule durch abbildungen 
TeraoBchauliidien kfinnen, zu eng gezogen, ich denke, auch die ganze 
«aUuigeaehichte darf und soll beleuchtet werden, das ist freilich 
in der bisher ttblichen art und weise der Vorführung kaum möglich, 
wtna aendiek ein oder der andere schüler solche bilderhefte oder 
sthMitfflB besitzt, oder gar der lehrer ein ezemplar der ganzem classe 
worseigeB soU. 

Was mm zunächst einzelne gröszere Photographien betrifft, 
porträts oder besonders schöne götterbilder usw. , so hat man oft 
nvr wenige worte nötig: sie wirken durch sich selber, namentlich 
wenn sie dann noch einige zeit in einem zum wechseln eingerichteten 
zahmeo im classenzimmer ausgehängt werden. 

Die zahl derartiger Photographien kann ja nun naturgemäaz 
iauner nur eine beschränkte sein^ aber wir haben jetzt durch die 
Baumeiste:rschen bilderhefte ein hilfsmittel gewonnen , dasz 
mx aucdh einer ganzen classe die Ficoronische cista, die Dariusvase, 
«iflnzen usw. vor äugen bringen und erläutern können. 

Trendelenburg selbst führt als die besten und verbreitetsten 
(dieser bilderbücher) an: 1) A. Baumeister, bilderhefte, 2) B.Engri- 
mann , bilderatlas zu Homer (Leipzig 1889) und zu Ovid (Leipzig 

1890). 

Was zunächst die Engelmannschen atlanten angeht, so urteilt 

davttber Paul Schönfeld wie folgt' : 

^ Engelmann gibt . . . auch dem minder bemittelten gymnasiasten 
eirsdiwinglich , einen bildlichen commentar zu den beiden epen , wie 
er speciell für schulzwecke kaum brauchbarer und gewinnbringender 
sei» könnte^' über den bilderatlas zu Ovid wird ein ähnlich gün- 
stigeiB^ urteil geflUlt. später heiszt es dann : * den reproductionen ist 
im allgemeinen, selbst bei bisweilen ziemlich kleinem maszstabe 
gjroeaie schärfe und stiltreue nachzurühmen.' 

Diesem urteil kann ich durchaus nicht beipflichten, ich be- 
banpis vielmdbr, dasz beide atlanten allerdings für den lehrer sehr 



< Nationalzeitang vom 3 sept. 1890 nr. 493. 



220 A. Baumeister: bilderhefte ans dem griech. und röm. altertom. 

interessant sind, aber für schüler sich sehr wenig eignen, denn 
wirklich schöne abbildungen bieten sie fast gar nicht, aber weil sie 
möglichst von allem etwas bieten wollen, so liesz sich die aufnähme 
von altertümlichen, verzerrten, kurz in irgend einer weise unschönen 
abbildungen eben nicht vermeiden, es liegt das in der natur der 
Sache, ich mache Engelmann durchaus keinen Vorwurf daraus, im 
gegenteil: jeder philologe, der weisz, wie mühevoll eine solche Zu- 
sammenstellung ist, wird ihm groszen dank wissen und reichlichen 
nutzen daraus ziehen, aber schülem diese bücher in die band zu 
geben, scheint mir nicht rtttlich. 

In jeder hinsieht sind wir nun bei den Baumeisterschen 
bilderheften besser gestellt, trotz ihrer mängel im einzelnen^ die wir 
durchaus nicht leugnen wollen. 

Auch hier lassen manche abbildungen zu wünschen übrig, und 
gerade einige der wichtigsten sind ganz mislungen. aber viele von 
den 'autotjpien' wirken so plastisch^ dasz man glauben kann, eine 
wirkliche Photographie vor sich zu haben ! selbst der gesichtsaua- 
druck bei statuen und porträts, der doch bei der herkömmlichen art 
der wiedergäbe in der regel misriet, ist vielfach wohl gelungen« 
auch wenn man sie mit den originalen und originalpbotographien 
vergleichen kann, wird man eine ganze reihe von diesen reprodnc- 
tionen mit Wohlgefallen betrachten. 

In welcher weise sind sie nun in der schule verwendbar? 
um der ganzen classe ein götterbild zu zeigen und durch einige 
erklärende werte den schülern nahe zu bringen , dazu sind sie frei« 
lieh nicht grosz genug, aber das ist mit den allermeisten Photo- 
graphien ja auch nicht möglich , das kann man eigentlich nur durch 
gipsabgüsse erreichen, um diesem mangel abzuhelfen, sind an 
unserer anstalt von jedem heft je zehn exemplare angeschafft , wo- 
durch bis zu 30 schüler versorgt sind , indem der mittlere in jeder 
gruppe das heft vor sich hat und die beiden anderen mit hinein- 
schauen, auf diese weise sind die bilderhefte von vielen coUegen 
mit dem besten nutzen verwendet worden. 

Für eine solche gemeinsame betrachtung und besprechong von 
bild werken wäre nun allerdings ein groszer teil der abbildungen 
überflüssig, weil zur behandlung in der classe nach den oben von 
uns aufgestellten principien nicht geeignet, aber die hefte sollen 
auch noch einem weiteren zwecke dienen, ich denke, ^(enn schon 
öfter in der classe solche abbildungen behandelt sind, nnd dann be- 
sonders eifrige schüler sie sich anschaffen , dann haben diese so viel 
interesse an der sache, dasz sie auch gern vor- and nacbclassisehe 
werke sehen dürfen, ohne zurückgeschreckt zu werden, wenn sie 
dann durch gute Photographien oder gar durch einige gipsabgüssey 
deren wir mehrere von dankbaren eitern zum geschenk erhalien 
haben, mit der blute der griechischen kunst bekamit geworden sind, 
dann können solche schüler ohne nachteil auch in die historische be- 
trachtungsweise eingeführt werden. 



A. BoomeiBter: bilderhefte aus dem griech. und röm. altertam. 221 

Die übrigen schüler, bei denen sich der kunstsinn weniger regt, 
werden ohnehin sich mit dem begnügen , was in der chisse geboten 
wird, und einen archäologischen Unterricht für sämtliche schüler 
zn befürworten, liegt mir durchaus fern, für die fragen einzelner be- 
sonders interessierter schüler, die natürlich in den bilderheften vieles 
nicht verstehen, wird ja jeder lehrer ein offenes ohr haben. 

Die ideale forderung, dasz auf jeder seite nur eine abbildung 
sei, damit das äuge des Schülers nicht abschweifen könne , liesz sich 
auch in diesen heften meist nicht erfüllen, ich musz aber gestehen, 
-dasz dies bedenken , das ich ursprünglich gegen solche Zusammen- 
stellung verschiedener dinge auf einem blatte auch gehegt, in der 
praxis im wesentlichen hinfällig geworden ist. häufig habe ich mit 
drei werten hingewiesen : 'auf unserer seite findet sich noch das und 
das , davon ein andermal, nun aber wollen wir nr. X genauer be- 
trachten.' dann war die neugier befriedigt und ich habe mich eigent- 
lich nie über erneutes abschweifen zu beklagen, ist einiges von mir 
erklärt, dann wird immer wieder durch eine frage festgestellt, 
ob alle bei der sache sind, ohne dasz die schüler von der nebenher 
geftlhrten controle ihrer aufmerksamkeit etwas ahnen. 

Vor dem umblättern pflege ich in einer neuen classe im anfang 
des Semesters einmal zu warnen und anzukündigen, dasz ich bei 
jedem versuche dies verbot zu übertreten, die hefte wieder einsammeln 
lassen würde, ich habe die drohung noch niemals ausführen müssen. 

Ich gehe nun über zu einer genaueren skizzierung des inhaltes 
von heft I und schliesze daran einige besonders wichtige stücke 
aus den anderen sieben heften. 

Als vortrefflich zu verwenden bei der lectüre des bellum gal- 
licum nenne ich': 

Heft I s. 8 Wurfspeer mit der schleife. 

19 schiffe (für die Veneterkämpfe) dazu III 115, VI 209 und 
212 (die proren auf dem aes grave), VI 234 die Pomp, naumachie, 
VII 274 nr. 779, VIII 277 nr. 791 usw., um prora, rostra, pup- 
pis usw. zu veranschaulichen. 

21 tragen des gepäcks. 

22 pilen; dann die legionssteine. unter diesen vermisse ich 
den so sehr instructiven in Wiesbaden gefundenen legionar C. Va- 
lerius Berta (nr. 2264 der Baumeisterschen 'denkmäler'), zumal auf 
ihm doch die reconstruction der ausrüstung des gemeinen legions- 
soldaten in erster linie ruht. 

26 der Caeliusstein ist vortrefflich, auch die inschrift, nur das 
vielbesprochene O im beginn der zweiten zeile ist in Wirklichkeit 
nicht ganz mehr erhalten , wenn es überhaupt ein O war. dazu ist 
dann heranzuziehen die münze VI 208 mit der Corona civica. 

30 das vorzügliche schilddach, testudo, von der Trajanssäule. 

28 die Germanen mit hosen usw. 



' ich citiere nicht nach der nnmmer, sondern nach der Seitenzahl. 



222 A. Baumeister: bilderhefte aus dem griech. und rOm. altertum« 

Für römische geschichte nenne ich noch die portrits yon 
Caesar (Neapel) s. 21, dasu den Berliner köpf VI 200, der nun doek 
Tielleicht als modern anzusehen ist. anf derselben seile ist auch der 
echte Pompeius zu finden, dessen identitit ja noch auf ganz anderen 
gmndlagen beruht, als sie Heibig (rOmisdie mitteil. 1 1, 37) angeben 
durfte. 

Fflr griechische geschichte erwfthne ich: 

I das löwenthor von Mjcen, das in Wirklichkeit allerdings yid 
imponierender sich ausnimmt, auch natürlich nicht windschief steht. 

4 die merkwürdige mauergallerie yon Tiryns, zu welcher sogMr 
in Karthago analogien gefunden sind, warum jfefah aber das herlidie 
Dörpfeldsche blatt tafel 75 der denkmftler? für Homer ist dodi dies 
anaktenhaus geradezu unentbehrlich ! 

II die peltasten zur anabasis. 

13 Alexanders des groszen wichtigste bildnisse, dazu V 168 
das britische und das Pariser. 

15 eine allerdings nicht farbige aber sehr gute wiedergäbe der 
Alexanderschlaoht bei Issus. diese etwa aus Jttgers Weltgeschichte 
in einem exemplar einer ganzen classerorzuzeigen, hat doch nur wenig 
wert anders ist es, wenn man das ganze mosaik erst in behaglicher 
betrachtung mit den schülem nach den bilderheften studiert biit, und 
dann die farbige reproduction zeigt, als ergftnzung ist dann noch 
die in gröszerem maszstabe gegebene Dariusgmppe Vin 816 zu Ter- 
werten, in welcher die einzelnen steinchen sogar abgeteilt sind. 

Zu den schwächeren stücken (auch wenn ich in rechnnng Biehe^ 
dasz einiges selbst durch Photographie sich nioht zwingen lisst) 
musz ich leider die beiden schönen äalliergrupptn 16 17 reehnen, 
und um gleich die empfindlichsten anderen mttngel hervo nu heben, 
auch die Aphrodite yon Melos VII 269 und den Apoll yon Belye- 
dere 11 48. yon letzterem ist der köpf in grOezerem massstab VlJl 
289 allerdinge gut. die inschrift des Sdpionensarkophags ¥1 197 
bedarf auf jeder zeile der correctur. 

Die indices hätten nach meiner ansieht für die 'denkmller dee 
class. altertums', wie für die ^bilderhefte' eingehender aein mdBsen* 
auch sind mancherlei druckyersehen bei den untereohrifben Torge» 
kommen, die sich zvrar meist leicht yerbess^n lassen, doch aber hMAe 
z. b. die Titusmttnze I 27 nicht «U eine des Ve^paeian angegeben 
werden dürfen. . i. ^ 

Aus den übrigen heften möchte ich nur noch folgendes hennoi^ 
heben. 

Aus heft II eine ganse reihe der treflflichsten götterbiMar, die 
ich zum teil sogar schon in sexta beim erzählen der griedbisAe« 
sagen yerwendet habe, mich dünkt, wenn man den knaben nnf 
dieser stufe auch nur im allgemeinen mit den charakieristisclMii for- 
men und attributen der götter bekannt macht, ist bereits viel ge- 
wonnen, erstaunliche unbekanntschaft mit den wichtigsten gott- 
heiten trifft man ja oft noch in tertia und eecunda, obwohl sie in 



A. BaomeiBtar: bilderhefte wo» dem griech. und rOm. altertom. 223 

den schriftBtellem den schtllern «chon aaf schritt und tritt begegnen, 
wird ihnen aber bereits frflh ein bildnis dargeboten, so kOnnen sich 
um dasselbe, wie nm einen festen mittelpnnkt, die Torkommenden 
onlUangon gruppieren, nmd die kleinen, denen eigentliches knnst- 
verstBndnis nech so lerne Hegt, freuen sich, wenn sie den Hermes 
am cadnceos erkennen and Athena an der aegis. 

n 61 em ftarbiges vasenbild, abschied der Proserpina, wie 1 34 
ebeafiidls lurlrig ein gladiatorenbild ans der Nennigrilla. 

m 81 der Acfailleskopf, dessen übergrosze angen %a vergieichen 
sind mit den ChAÜBdien bildem von El Fajnnu 

in 113 das herliohe imterweltsgemälde Yom Esquilin. ein ein- 
niget blick dacranf genügt, imi die immer noch wieder auch bei gebil- 
deten lenten anftretonde meinmig sa widerlegen, dasz die alten keine 
perspective gekannt, namentlich nicht bei den landschaften. 

Heftl¥ tritt snrttok. in diesen wftren, wie im vorigen, eine 
reihe tob vasenbildem wohl besser w^geblieben. fttr sohttler sind 
sie nichts nfltae. aber ganz zu entbehren ist das heft doch nichrt, 
denn wer wollte 125 die vatieanische Ariadne missen, oder 137 die 
Fieoffonisdie cista, deren umlaufendes bild 138 ganz vortrefiPUch 
wiedergegeben ist; 139 die Medusen usw. 

fibft V ist wieder eins der besten. 

157 ein wunderhübsch ausgeführter plan der Akropolis, soweit 
er nach dem damaligen stände der ausgrabungen sich herstellen liesz. 

158 die Dariusvase, 162 Sophocles und andere gute portrttts, 
167 der auszerordentlich ergreifende köpf des geistvollen denkers, 
sei er nun Aristoteles oder nicht, nr« 426; die ganze statue nr. 424 
isi jucht besonders geraten. 

175 die münze, welche Themistocles als persischer satrap hat 
schlagen lassen, die bisher kaum zu beschaffen war. 

185 der denar der Italiker, der stier hat die wölfin niederge- 
worfen. 

Dazu namentlich reiche ausbeute für culturgeschichte. 

Heft. VI 198 plan von Bom. 

909 u. 210 aes grave. Cauer sagt in seinem aufisatz ^unsere 
erxiehung durch Griechen und Römer' mit vollem recht, der ur* 
Roms als handelsemporium werde den schttlem sofort klar, 
man ihnen die proren auf den Sltesten kupfermünzen zeige. 

Ja, wo ist denn aber dies aes grave sonst leicht zugftnglidi, als 
hier in den bilderheften? 

210, 211 eine vorzügliche forumsansicht nach der Alinarischen 
Photographie. 

225 das paradebett, aus dem sich die aufbahnmg im mittel- 
alter und die marmorgrabmäler der päpste und weltliohen groszen 
entwickelt haben. 

Heft VH und YIII sind besonders reich an schönen statuen. 
dazu "ÜBS die Mycenischen goldbleche mit dem Schmetterling und 
dempolypen. 



224 J. Boehme: Herder und das gymnaBium. 

2Ö0 ff. Parthenon, dazu VIII 292. 

260 ff. Olympia. 

Heft Ym 277 Fergamon mit den beiden prächtigen blättern, 
278 f. Zeasgruppe, 282 f. Athenagruppe. beide wirken gewaltig, 
sobald man sie etwa armweit vom äuge entfernt. 305 Pantheon, 
306 Colosseum, 312 pompejan. haus. 

Doch wir müssen abbrechen, überhaupt können wir ja nur den 
lesern die reichhaltigkeit und im wesentlichen zweckmäszige auswahl 
des gebotenen darthun, und sie dann auffordern , sich selber davon 
zu überzeugen , dasz die Baumeisterschen bilderhefte einen groszen 
fortschritt in der litteratur der reproductionen bilden, denn trotz 
aller gemachten ausstellungen bleibt des interessanten, guten, ja 
wirklich schönen so viel, dasz wir dem herausgeber unseren besten 
dank abstatten müssen. 

Die begleitschrift Baumeisters : gjmnasialreform und anschau- 
ung im classischen Unterricht, zur einführung der bilderhefte usw. 
München 1889, ist der niederschlag reichster lehrerfahrung und reif- 
sten nachdenkens. sie enthält soviel anregendes, dasz wir verzichten 
müssen näher auf ihren inhalt einzugehen , sie würde einen eigenen 
aufsatz erfordern. 

Elberfeld. Hermann Bassow. 



21. 

Herder und das gtmnasium. ein stück aus dem kämpfe der 
realistischen und humanistischen bildung am ende dbs 

VORIGEN JAHRHUNDERTS. VON DR. J. BOEHMO. Hamburg 1890. 

bei Herold. 

Jean Paul sagt von Herder: 'sein edler geist wurde von ent- 
gegengesetzten Parteien verkannt, doch nicht ganz ohne schuld ; denn 
er hatte den fehler, dasz er kein stem erster oder sonstiger grosse 
war, sondern ein fascikel von stemen , aus welchem sich dann jeder 
ein beliebiges stembild buchstabiert, menschen mit vielseitigen 
kräften werden stets^ die mit eigenartigen selten verkannt.' 

Die bekanntesten darstellungen der pädagogischen bestrebongen 
Herders sind zureichende Zeugnisse für die Wahrheit dieses Satzes. 
zu ihnen darf das vortreffliche werk von Hajm : 'Herder nach seinem 
leben und seinen werken' nicht gerechnet werden, wohl aber die 
häufiger gelesenen bearbeitungen Raumers (geschichte der Päda- 
gogik) und der Schmidschen encyklopädie, der Vertreterin der her- 
Bchenden gymnasialpädagogik. so ist nach meiner meinung Heiland 
in der encjklopädie allzu sehr bemüht, Herders plan einer liv 
ländischen schule herabzusetzen als einen gelegentlichen jugend- 
lichen einfall, ^geboren aus stürm und drang', er spricht von 'eitel 
realien', von 'auffallender bevorzugung der französischen spräche'« 
Herder habe , als er zu reiferer einsieht gekommen , es nicht bereat» 



J. Boehme: Herder und das gymnasium. 225 

dasz dieses ideal nicht verwirklicht worden sei. — Diese letztere 
behaopinng ist um so auffallender als doch Herder selbst sonst reich- 
licdie gelegenheit zu einer der Wirklichkeit entsprechenden auslegung 
bietet, schon allein die thatsache, dasz er 20 jähre später auf grund 
vielseitiger erfahrung den lehrplan des Weimarer gjmnasiums in 
der art gestaltete, dasz die untern classen eine real schule 
für nützliche bürger, die obern ein gymnasium für 
studierende wurden, hätte für die sachgemäsze auslegung einen 
fingerzeig geben können, aber die^e thatsache , welche mir als eine 
bestfttigung des livländer schulplans erscheint, erwähnt Heiland 
nirgends. — Anderseits scheint mir das Herdersche reisejournal 
von Baumer eine durchaus nicht vorurteilsfreie beurteilung erfahren 
zu haben, zwar ist er weit entfernt; dasselbe zu unterschätzen^ wie 
Heiland, im gegenteil, er will nachdrücklich daraufhinweisen und 
sagt zum schlusz: er habe davon nur so viel geben wollen als nötig, 
um die pädagogen unsrer zeit zu reizen, Velche bei Überschätzung 
der gegenwart tiefsinnige, gesunde, zeugungskräftige gedanken 
firüherer groszer geister leicht hintansetzen', aber da Baumer es 
nachdrücklich ablehnt, objectiv sein zu wollen, so ist man zu der frage 
berechtigt, ob das, was er über Herders Stellung zur französischen 
spräche und litteratur gibt, ausreicht zu einer erschöpfenden beur- 
teilung. (ich werde an andrer stelle aus Herder selbst den nach weis 
zu führen versuchen, dasz Baumers anführungen einseitiger natur 
sind und dasz Heiland undBaur in der encyklopädie den eigentlichen 
kern der reformatorischen thätigkeit Herders nicht gewürdigt haben.) 

Dies sei nur gesagt, um zu zeigen, dasz jener ausspruch Jean 
Pauls durchaus begründet ist und dasz die auszerordentliche Viel- 
seitigkeit des Pädagogen Herder noch lange nicht hinreichend ge- 
würdigt worden ist. daher ist Boehmes schrift mit dank zu begrüszen 
nach allen über Herder erschienenen einzelschriften. 

Die Vereinigung der beiden gegensätze des humanismus und 
des realismus ist der grundzug der pädagogischen lebensarbeit 
Herders, sehr richtig bemerkt Boehme in seiner vorrede, die ge- 
schichte der dahin zielenden versuche Herders enthalte gar manche 
beherzigenswerte mahnung und Warnung, diese den Schulmännern, 
den Verfechtern der verschiedenen Schularten nahe zu legen, sei 
seine absieht, zugleich hoffe er die zeitraubende lectüre von Herders 
pädagogischen Schriften mit ihren häufigen Wiederholungen zu er- 
sparen, einen einblick zu geben in Herders bildungsgaug und die 
Schulverhältnisse damaliger zeit. — Diese seine aufgäbe hat der 
verf. nach inbalt imd form in trefflicher weise gelöst, seine schrift 
zeugt von gründlichem fleisze, gesundem urteil und ist ohne zweifei 
ein wertvoller beitrag zur Herderlitteratur. 

Sehr zu billigen ist, dasz der verf. den livländischen schulplan 
ausführlich und eingehend behandelt, weil in ihm die keime zu der 
spätem fruchtbaren thätigkeit Herders zu erkennen sind, mit recht 
nimmt verf. den besuch der von Herder geplanten schule als neun- 

N. Jahrb. f. phil. u. päd. II. abt. 1892 hft. 4 o. 5. 16 



226 J. Boehme: Herder and das gymnaBinm. 

jährig an, und zwar so, dasz der besuch der nntem classen drei 
jähre dauerte, worauf die unterste (deutsche) sprachenclasse mit 
einem jahr^ die übrigen sprachenclassen mit je zwei jähren folgten, 
zur muttersprache tritt in der vierten classe, unsrer heutigen q u i n t a , 
das französische hinzu, während in der dritten, der heutigen 
tertia, das latein beginnt, das griechische beginnt in der 
unsrer s e c u n d a entsprechenden classe. 

Hajm hat meines wissens zuerst Herder als freund der real- 
schulen gekennzeichnet, in Übereinstimmung mit ihm faszt verf. 
seine betrachtung des livländischen schulplans passend in folgende 
bemerkung zusammen: ^Herder würde aus derBig&er domschule eine 
realschule gemacht haben ^ die von tertia an die möglichkeit lateini- 
schen und griechischen Unterrichts bietet.' wiederholt äusserte er 
schon damals : ^gründet realschulen , denn an brauchbaren männem 
ist uns gelegen.' — 'Keine schule ist gut, wo man nicht dem latein 
entweichen kann.' — In den fragmenten über die neuere deutsche 
litteratur schrieb er damals: 'die neuere litteratur hat durchaus 
eine lateinische gestalte da wir alles durch die bände der Römer be* 
kommen, so haben sie uns alles geraubt, was wir hatten, die wieder- 
hersteller der Wissenschaften haben allem eine römische form ge- 
geben, und unter der herschaft der lateinischen spräche hat die 
unsrige sehr ihre alte stütze verloren.' mit gutem bedacht hat verf. 
gerade an dieser stelle zur beachtung für uns philologen hervor- 
gehoben, dasz der freund der realschule und reformer Herder sich 
bereits J. M. Gesner, den ehemaligen rector der Leipziger Thomas* 
schule , zum führer in schulfragen erwählt hatte, auch scheint es 
mir nicht überflüssig, mit dem verf. zu erwähnen, dasz der OOttinger 
Heyne nach Herders tode in der einleitung zu den von ihm heraus- 
gegebenen fragmenten schrieb: 'wäre nicht unsere neuere litterator 
ein meer, wo eine welle die andere treibt und ihre spur vertilgt^ um 
wieder selbst zu verschwinden, so hätte z. b. vieles, was Herder über 
das leben der classiker, insonderheit über das Studium der Griechen 
sagt, nicht so in Vergessenheit kommen können ^ dasz es jetzt als 
neu gesagt erscheinen musz.' 

Der Schwerpunkt der schrift liegt in dem abschnitt: Herder 
und das Weimarische gjmnasium. da Herder über seine reform 
dieses gymnasiums nichts veröffentlicht, ja selbst den entwurf eines 
lehrplans herauszugeben verschmäht hat, so sind hier seine schal- 
reden als hauptquelle anzusehen, die denn auch verf. fleiszig benntst 
hat. als beherzigenswerte mahnung und wamung im sinne seiner 
vorrede dürfte die zutreffende bemerkung zu gelten haben, daas 
Herder nur das notwendigste, wahrhafte, wissenswerteste im streng- 
sten umrisz in die schule aufoehmen wollte, dasz er einerseits den- 
jenigen entgegentrat, welche bei jeder aufgäbe nach dem directen 
nutzen im spätem leben fragten, anderseits aber auch nicht alle 
Schüler nach einem allgemein gedachten menschheits- 
ideale formen wollte. 



J. Boehme: Herder und das gymnasiam. 227 

Was wir von Herders reform des Weimarer gymnasiums be- 
stimmt ans den aufzeichnungen seiner gattin wissen, ist die ge- 
staltnng der untern classen zu einerrealschule, so dasz 
das gjmnasinm in der unserer tertia entsprechenden 
classe begann, meine ansieht, dasz Herder auch in Weimar das 
französische dem latein habe vorangehen lassen, finde ich durch 
Boehmes ausfdhrungen bestätigt — trotz der encyklopädie. dies 
musz hervorgehoben werden gegenüber dem versuche Heilands, den 
Weimaraner Herder in gegensatz zu bringen zu dem Rigaer Herder. 
Boehme hat richtig erkannt (s. 47), dasz Herders ungünstige urteile 
über das französische im 111. humanitätsbriefe auf seinen patrioti- 
schen grimm zurückzuführen sind (was übrigens auch Baumer thut), 
dasz er nicht das französische als solches bekämpft ^ sondern die in 
Deutschland herschende gallikomanie. diese auffassung wird durch 
andere stellen der humanitätsbriefe bestätigt, ich führe dafür nament- 
lich den 52 n an. — Unverständlich ist mir freilich, wie Boehme an 
dieser stelle behaupten konnte, der zauber des französischen sei für 
Herder verloren gegangen, thatsache ist, dasz er an seiner Wert- 
schätzung des französischen festhielt, wie er denn seine söhne in die 
französische Schweiz schickte, damit sie dort zum schönen gebrauch 
dieser spräche gelangten, er empfiehlt ihnen dabei fleisziges lesen 
der französischen Schriftsteller und verlangt auszüge in französischer 
spräche. 

Aber freilich dies hinderte ihn nicht auf dem eigentlichen gym* 
nasium dem lateinischen Unterricht einen groszen und tiefgehenden 
einfiusz beizumessen, gerade der rechtzeitige spätere be- 
ginn des lateinischen schien ihm für den guten erfolg 
zu bürgen, er meinte, durch einen ausgibigen Unterricht im 
deutschen und im französischen müsten die schüler für das latei- 
nische ^zubereitet' werden, in tertia liesz er am Weimarer gym- 
nasiam das latein beginnen mit C. Nepos, in secunda wurde im 
jähre 1788 noch Caesar gelesen, für den Herder wegen gröszerer 
Verständlichkeit des inhalts Justinus und Curtius vorschlug. In der 
obersten classe las man 1781: Ciceronis officia, einige seiner besten 
reden, Yergil und Horaz. von deutsch-lateinischen Über- 
setzungen, wie sie heute bei uns brauch sind, ist bei 
Herder nirgends die rede, obwohl er einen echt lateinischen 
Stil zu schätzen wüste. 

Über den griechischen Unterricht in Weimar konnte Boehme 
infolge mangelnder Zeugnisse nur die eine thatsache bringen , dasz 
1781 in der obersten classe u. a. ^ein schönes stück aus Aristoteles 
rhetorik und Lucians lob des Demosthenes' gelesen wurde, wohl 
mit recht nimmt er an , dasz Herder diesen Unterricht in methode 
und ausdehnung ganz nach den Vorschriften Gesners behandelt habe. 

Sehr treffend bemerkt verf. s. 53 : ^stellt man kurz zusammen, 
welche wunderkräfte der Weimarer ephorus dem Studium des alter- 
tums zuschreibt, hält pian daneben seine verschiedenen versuche, 

15* 



228 J. Boebme: Horder und das gymnasiam. 

den begriff der humanitttt zu definieren, so kann man nicht lengnen, 
dasz Herder zu voll yon dem, was er sagen will, zuweilen übertreibt 
und idealisiert, zuweilen begriffliche klarheit vermissen läszl für 
unseren zweck wttrde uns ein in Wirklichkeit eingehaltener Stunden- 
plan lieber sein als diese allgemeinen, fClr ganz Deutschland freilich 
auszerordentlich fruchtbaren gedanken über die bumanität der alten', 
die bei Herder häufig wiederkehrenden schillernden und schwer zu 
fassenden bestimmungen des begrifflB ^humanitttt' haben veranlassung 
gegeben, seine pädagogische Wirksamkeit in einseitig philologischer 
weise aufzufassen. — Nüchterner als diese philologisch pädagogi- 
schen Übertreibungen , aber der Wirklichkeit entsprechend , ist die 
bemerkung Boehmes, dasz der apostel der humanität den realien 
die gröste bedeutung beilegte, was sich ergibt aus den acten des 
Weimarer gjmnasiums , aus den rechnungen und listen von ange- 
schafften büchem, landkarten, naturgeschichtlichen abbildungen, 
geometrischen und physikalischen modeilen und apparaten. auch 
die pfiege des Zeichnens und einer guten handschrift lag ihm sehr 
am herzen. 

Schlieszlich fasztBoehme diejenigen punkte in Herders reformen 
und planen zusammen , die auch bei der erörterung der schulfragen 
unserer zeit von gewicht sein kOnnen. als die wichtigsten führe ich 
folgende an : 

Das gymnasium bereitet vor auf das leben, und zwar suchen 
die untern classen den ansprüchen des einfachen bürgerlichen lebens 
zu genügen, während die obern classen eine vorbereitungsscbule 
bilden für alle , die den hohem berufsarten sich widmen wollen, in 
den untern classen befestigt sich der schüler im mündlichen und 
schriftlichen gebrauch der muttersprache , lernt französisch durch 
Sprachübungen ohne gründlichere grammatische kenntnisse« die 
obern classen, das eigentliche gymnasium, entnehmen die grundlage 
ihrer bildung den Schriften und der cultur des altertums, doch bleibt 
vollkommene beherschung der deutschen spräche im mündlichen und 
schriftlichen gebrauch für alle das vornehmste ziel, bei dem lesen 
der alten steht die erkenntnis des sachlichen inhalts über der wort- 
Wissenschaft, Sprachgefühl über grammatischem einzelwissen, gute 
Übersetzungen vermitteln die eingehende litterarische Würdigung der 
originale. — Die schule ist nicht nur eine lehr-, sondern auch eine 
erziehungsanstalt, erziehliche gesichtspunkte beherschen die auswahl 
und behandlung des lehrstoffes. nicht die masse des gebotenen, 
sondern die Verarbeitung desselben durch das selbständige denken 
macht den gebildeten, die Individualität des Schülers musz berück- 
sichtigt werden, das pensenunwesen darf nicht die arbeit aus neignng 
unterdrücken, einem tüchtigen lehrer ist es gestattet, zuweilen von 
der allgemeinen norm abzuweichen. 

Wer sich nur einigermaszen mit Herder beschäftigt hat, musz 
Boehmes behauptung zustimmen, dasz vieles von dem, was männer 
wie Eöchly, Wiese, Bonitz u. a. vorschlugen, schon von ihm yer- 



J. Boehme: Herder und das gymnaaiinn. 229 

Baeht oder wenigstens in erwSgnng gezogen worden sei. er meint 
nicht mit anrecht, dasz der yerfasser der Wiel angegriffenen, 
ja geschmShten und doch in vielen beziehnngen so an- 
regenden nnd beherzigenswerten' (so nennt Laas Paulsens 
werk in seinem litterarischen nachlasz, yeröffentlicht yon Kerry, s. 64) 
geschichte des gelehrten Unterrichts eine überraschend grosze Über- 
einstimmung mit Herderschen ansichten biete. 

Die schlnszworte lauten: Während heutzutage es noch leute 
gibt, die nur eine einzige bildung als die allein seligmachende hin- 
stellen möchten, um in chinesischer weise die menschen nach den 
durch ezamina erwiesenen bildungsstnfen rubricieren zu können, 
würde Herder heute wahrscheinlich eine zeit herbeiwünschen, in 
welcher, wie auch Cauer, der Verfechter des streng humanistischen 
gymnasiums will, gymnasien, realgymnasien und vielleicht auch 
Oberrealschulen gleichberechtigte anstalten sind; wenigstens kann 
es nach Herder dem deutschen volke nur zum vorteil gereichen, 
wenn der plan der hohem schule als solcher nicht ein für alle mal 
fest normiert ist, sondern wenn entsprechend den neigungen und 
gaben des directors und hervorragender lehrer, je nach localen und 
zeitlichen bedürfnissen , die eine anstalt mehr nach der humanisti- 
schen , die andere mehr nach der realistischen seite sich entwickeln 
und durch tradition die gewonnene Stellung sich nach möglichkeit 
erhalten könnte/ 

Ich möchte lieber sagen : Herder würde , wenn er heute lebte, 
mit Verwerfung der unglücklichen nnd unhaltbaren bezeichnung 
'humanistische' und ^realistische' bildung das wesen der hohem 
bildung nicht erblicken in der föhigkeit, die menschlichen dinge 
nachzuerleben an sich, vielmehr in der föhigkeit, an der Weiter- 
bildung dieser dinge sich lebendig schaffend zu be- 
teiligen. 

SOHONEBBOK A. E. YÖLCKER. 



22. 

DAS WIRTSOHAFTLIOHE LEBEN. VERGANGENHEIT UND GEGENWART. 
DARGESTELLT FÜR SCHULE UND HAUS. VON DR. Ed. MoOR- 

1CEI8TER. Freiburg im Breisgau, Herdersche verlagshandlang, 
180 8. 

Nachdem seit der neugründung des deutschen reichs das deutsche 
volk seine machtvolle Stellung unter den Staaten Europas wieder 
eingenommen hat, ist ein ungeahnter, auszerord entlicher aufschwung 
in dem gesamten wirtschaftlichen leben erfolgt und naturgemäsz hat 
sich das bedürfiiis nach kenntnis der gesetze gesteigert, nach denen 
die wirtschaftlichen Verhältnisse sich regeln, wenn man den begriff 
der erziehung dahin fassen darf, dasz sie eine geistige angleichung der 
heranwachsenden Jugend an den bildungsstandpunkt des erwachsenen 



230 E. Moormeister: das wirtschaftliche leben. 

geschlechts sein soll, so hat die schule die yerpflichtang, ihre Zög- 
linge zu brauchbaren mitgliedem der menschlichen und bürgerlichen 
gesellscbaft zu erziehen, daraus ergibt sich, dasz das sociale leben 
gewisse au Forderungen an den lehrstoff der schule stellt, insofern 
die beziehungen der menschen zu einander der ethik angehören, 
werden sie in dem religionsunterricht berücksichtigt, dagegen die 
betracbtung des gesellschaftlichen gewinnlebens in arbeit, besitz und 
der aus beiden sich ergebenden gesittung fällt nicht in den rahmen 
der ethik , sie wird also auch nicht dem religionsunterricht zu über- 
lassen sein, falls sie überhaupt der schule zufallen soll. 

Die frage der notwendigkeit eines volkswirtschaftlichen Unter- 
richts ist von unsern Schulmännern sehr verschieden beantwortet 
worden, bezeichnend ist, dasz auch die neueste aufläge von Schmids 
encjklopädie diesen gegenständ nirgends behandelt, noch mehr be- 
zeichnend ist, dasz geh. oberregierungsrat Schrader, der herausgeber 
dieser aufläge, es für eine ^abgeschmacktheit' erklärt, eine wie 
immer beschränkte wirtschaftslehre zum gegenständ des jagend- 
unterrichts machen zu wollen. 

Dagegen hat der verein der realschulmänner wiederholt mit 
dieser frage sich beschäftigt, ebenso der verein für socialpolitik, in 
dessen Verhandlungen des Jahres 1884 es u. a. heiszt: ^die jungen 
leute, welche eine höhere schule besucht haben, sind durch ihre 
Schulbildung den guter erzeugenden erwerbsarten fast völlig ent- 
fremdet worden. . . . wenn ein schüler sich eine reihe von jähren hin- 
durch in einer Sphäre bewegt hat, in der die wirtschaftlichen fächer 
eigentlich als mehr untergeordnete kreise menschlicher thätigkeit 
betrachtet werden , so ist es nicht zu verwundem , wenn er es fast 
unter seiner würde hält , zu untersuchen , auf welche weise der ba- 
nause, der gemeine mann sein dasein fristet, welche Stellung dem 
handwerker, dem fabrikarbeiter in dem Organismus der menschlichen 
gesellscbaft angewiesen ist. das ganze getriebe des wirtschaftlichen 
lebens liegt ihm so fern, dasz nicht einmal ein bedtlrfnis wachgerufen 
wird, sich nach den gesetzen umzuschauen, welche die erzeugong, 
die Verteilung und den verbrauch der durch menschliche arbeit her- 
vorgebrachten guter ordnen und regeln'. 

Selbstverständlich behaupten unsere gjmnasiarchen, dasz durch 
solche beschäftigung der sinn der Jugend zum materiellen hinab- 
gezogen, dem geistigen entfremdet werde, während doch die schale 
die dringendste Verpflichtung habe, dem herschenden zug zum mate- 
riellen entgegenzuarbeiten, dagegen ist zu erwidern, dasz ein ge- 
sunder realismus die grundlage eines jeden fruchtbaren idealiamos 
sein musz, dasz das materielle Wohlbefinden der einzelnen wie des 
ganzen Volkes für die entwickelung der bildung und gesittung von 
gröster bedeutung ist. unsere Jugend musz erzogen werden zu jener 
sittlichen und christlichen anschauung, welche das materielle dem 
geistigen unterordnet, aber doch es als eine wichtige Vorbedingung 
menschlichens wirkens anerkennt, sie kann sehr wohl zu der ein- 



E. Moonneister: das nirtschaftliclie leboi. 231 

sieht hingeführt werden, dasz auch in dem wirtschaftlichen Organis- 
mus der geist gottes wirkt, der den menschengeist unaufhörlich su 
kühnen fortschritten treibt, ihn immer neue mittel und kr&fte zur 
hebung des gesamtwohls finden ISszL — unsere gymnasiale erzie- 
hung ist wesentlich schuld daran, dasz diese kenntnis noch nicht 
allgemeingut unseres Yolkes geworden ist, denn sie hat die gerade 
entgegengesetzten grundsätze herausgebildet und zum inhalt unseres 
geistigen lebens gemacht, in keinem culturlande ist die kluft, welche 
die ' gebildeten' vom Wolke' trennt, so tief als in Deutschland, nir- 
gends sonst ist die Scheidung, welche die 'bildung' bewirkt, so nahe 
verwandt mit den schranken , welche durch gehurt , Vorrechte oder 
reichtum gezogen werden. — in meiner schrift : *die schule und die 
sociale frage', Schönebeck 1891, habe ich zu zeigen versucht, wie 
unser Schulsystem zur Vertiefung dieser kluft beigetragen hat und 
wie unser Schulwesen in allen seinen formen als höhere schule, Volks- 
schule, fortbildungs - und fachschule zur überbrückung derselben 
mithelfen könnte. 

Auch oberschulrat Wendt gibt zu, dasz man in Deutschland 
Jahrhunderte lang mit einer allzu entlegenen gelehrsamkeit sich be- 
gnügt und über der pflege der ausschlieszlich ideellen guter die 
Wirklichkeit hintangesetzt habe. 

Von den deutschen lehrem höherer schulen hat der Schlett- 
stadter gymnasialdirector Moormeister sich am eingehendsten mit 
der vorliegenden frage beschäftigt, auszer verschiedenen aufstttzen 
in der katholischen Zeitschrift für erziehung und Unterricht hat er 
zum Jahresbericht seines gymnasiums 1888 — 89 die beilage ver- 
öffentlicht : *über volkswirtschaftliche belehrungen im Unterricht der 
höheren schulen', seine dort entwickelten gründe für solche beleh- 
rungen lassen sich auf folgende drei punkte zurückfahren: 1) die 
bekanntscbaft mit den wichtigsten gesetzen des lebens der gesell- 
Schaft, deren mitglieder wir selbst sind, gehört ebenso zur allgemein- 
bildung wie die kenntnis der gesetze, welche den vergangen in der 
physischen weit zu gründe liegen« 2) die kluft, welche infolge der 
einrichtung der höheren schulen die gelehrten berufsarten von den 
ständen der ge werbtreibenden, handwerker und arbeiter trennt, musz 
80 viel als möglich beseitigt werden. 3) die Verbreitung gesunder 
volkswirtschaftlicher anscbauungen in allen lebenskreisen ist eine 
wirksame waffe in dem kämpfe mit den gesellschaftlichen bestrebungen 
unsrer zeit. — diese arbeit Moormeisters empfehle ich hiermit der 
beachtung der herren coUegen. sie beruht auf gründlicher Sach- 
kenntnis, eingehendem Studium der volkswirtschaftlichen litteratur 
und maszvoller abWägung des in der schule erreichbaren, nament- 
lich die lebrer der. geschichte, der geographie und des deutschen 
können daraus vielseitige fruchtbare anregung entnehmen und sich 
über die möglichkeit und ersprieszlichkeit volkswirtschaftlicher be- 
lehrung für ihren Unterricht klarheit verschaffen. 

In seiner schrift : ^ die arbeiterfrage , ein sociales programm ', 



232 E. Moormeistor: das wirtschaftliche leben. 

weist öchelhttuser die Zumutung eines theoretischen lehrgangs der 
nationalökonomie und socialpolitik für die schule zurück, wohl aber 
fordert er eine Verbesserung der lesebücher nach dieser richtung. 
dahin gehören erzählungen von groszen mftnnern, die aus dem 
arbeiterstande hervorgiengen , die Schicksale und lehren Franklins 
und anderer groszen beiden der arbeit, gemeinfaszliche darstellungen, 
wie die werte entstehen , wie arbeit die alleinige quelle des reich- 
tums ist; notwendigkeit des Zusammenwirkens der drei verschiede- 
nen classen und Verteidigung der bestehenden gesellschaftsform, 
mitteilungen über die bedeutung des handeis, Würdigung der arbeit 
— diese und verwandte gegenstftnde sollen schon in den lesebüchem 
der untersten classe behandelt werden. — im anschlusz an öchel- 
häuser fordert auch Moormeister in seiner erwähnton schrift, dasz 
die Verfasser unsrer lesebücher hineingreifen ins volle menschenleben 
statt ins weite zu schweifen und die Jugend zu untorhalton von ent- 
legenen ländem und vergangen, von der afrikanischen wüste nebst 
löwenjagd, von dem eismeer und anderen dingen, welche die schfller 
niemals aus eigner anschauung kennen lernen werden, mit recht 
führt er als einen bemerkenswerton schritt zur bessernng an Wendts 
Meutsches lesebuch für die beiden erston classen der gymnasien und 
realschulen'. 

Doch wenden wir uns zu der hier zu besprechenden letzten 
Schrift Moormeisters, sie soll den Schwierigkeiten begegnen, mit 
welchen die nach belehrung auf dem wirtochaftlichen gebiet suchende 
Jugend zu kämpfen hat — Schwierigkeiten, die teils in der starken 
ab weichung der hier in betracht kommenden gegenstände von dem 
bisherigen interessenkreise begründet liegen , teils in der vielfach 
zu abstract gehaltenen behandlung derselben in den meisten leit- 
fäden und lehrbüchem. 

In dem ersten teile, welcher die geschichtliche entwickelung 
der wirtschaftlichen thätigkeit behandelt, werden folgende gegen- 
stände erörtert : die wirtschafbsstufen, die morgenländischen Völker, 
die Oriechen , die Bömer , die Sklaverei , die christlich-germanische 
weit , die neuzeit , das jijirhondert der erfindung^n , die landwirt- 
Schaft; die industrie, der handel, der weitverkehr, der zweite teil 
beschäftigt sich mit den dementen der wirtschaftslehre. es sind 
darin behandelt : die Stellung und aufgäbe der wirtechaftslehre , die 
güterweit, die wirtschaftliche thätigkeit, die arbeit, die arbeite* 
teilung und die arbeitevereinigung, das capital, der güterumlauf, 
das geldwesen, das einkommen, die wirtechaftlichen Vereinigungen, 
das endziel der wirtschaftlichen thätigkeit, das eigentum, die wirt- 
schaftlichen aufgaben des Staates, das einkommen des Staates, die 
wirtschaftliche seite der berufswahl. 

Zur beruhigung für ängstliche gemüter, welche bei dieser auf- 
Zählung alsbald die einschmuggelung eines sjstems der national- 
ökonomie in die schule befürchten, will ich folgende werte Moor- 
meisters aus der vorrede anführen: * hinsichtlich der Stellung 



E. Moormeister: das wirtschaftliche leben. 233 

wirtschaftlicher belehrungen im Schulunterrichte bin ich meinen 
fachgenossen eine erklärang schuldig, die .Wirtschaftswissenschaft 
gehört nicht in schulen, welche eine allgemeine geistesbildung ver* 
mittein sollen ; sie ist eine fachwissenschaft und als solche bleibt sie 
der fachschule vorbehalten, aber an den wirtschaftlichen erschei- 
nungen, wo sich solche in dem geschichtHchen und geographischen 
unterrichte oder bei der allgemeinen betrachtnng menschlicher Ver- 
hältnisse geradezu aufdrängen, vornehm und kalt vorüberzugehen, 
wäre eine schwere Versündigung an der jugend. was der schÜler 
gelegentlich des unterrichte über wirtschaftliche dinge gehört hat, 
das soll ihm hier in der form der fortlaufenden darstellung und im 
Zusammenhang mit anderen gleichartigen erscheinungen geboten 
werden '• 

Diese aufgäbe hat Moormeister in vortrefflicher weise gelöst. 
noch mehr: nicht blosz die älteren schüler finden hier belehr ung, 
auch die lehrer werden aus der lectüre dieser schrift, namentlich aus 
dem geschichtlichen teile, eine anregung erhalten, die wirtschaft- 
lichen Verhältnisse verschiedener zeiten und Völker im Unterricht 
mehr hervorzuheben und ihre schüler in das Verständnis dieser dinge 
durch heranziehung bekannter erscheinungen einzuführen, wenn 
auch diese darlegung der geschichtlichen entwicklung des wirtschaft- 
lichen lebens sich meistens an bekannte erscheinungen anlehnt, so 
wirkt sie doch belehrend und anregend auch auf den gebildeten er- 
wachsenen durch die treffliche bündige hervorhebung des typischen, 
den stetig fortschreitenden Zusammenhang und die sich steigernde 
entwicklung, welche allmählich zu der auffassung der wirtschaft- 
lichen zustände der einzelnen Zeitalter hinleitet, in dem zweiten 
teile ist die klippe des trockenen theoretisierens glücklich vermieden, 
durchweg begegnet man anschaulichen beispielen, klaren entwick- 
lungen der wichtigsten thatsachen und gesetze. 

Dies möge man aus den folgenden stellen ersehen : in dem ab- 
schnitt von den wirtschaftsstufen heiszt es s. 10: ^solche guter, die 
für die hervorbringung fernerer guter unentbehrlich sind , nennen 
wir ^capital'. an und für sich betrachtet, erscheinen diese worte 
als ein für die jugend ungeeigneter abstracter lehrsatz, aber in dem 
Zusammenhang der erörterungen ist er es durchaus nicht, ist er viel- 
mehr die sich von selbst ergebende folge, es ist vorher in anschau- 
licher weise entwickelt, dasz der Jäger und der fischer nur eines ein- 
fachen Werkzeugs bedürfen zur beschaffung ihres leben sunterhalts 
und dasz bei den birtenvölkern die Viehherden diesem zwecke dienen, 
dasz also bei den letzteren neben der natur und der arbeit ein wei- 
teres wirtschaftliches dement zu hoher bedeutung kommt, daraus 
ergibt sich dann, dasz die Werkzeuge wie der Viehbestand wirtschaft- 
liche guter sind ; beide haben das gemeinsame, dasz sie den menschen 
zur gewinnung anderer guter dienlich sind und zu diesem zwecke 
längere zeit aufbewahrt werden, während das land allen zur ge- 
meinsamen benutzung freisteht, kann sich der einzelne durch gröszere 



234 £. Moormeister: das wirtschaftliche leben. 

mühewaltung einen gröszeren Viehbestand ver8cha£fen. bei dem 
hirtenvolke werden sich also vermögen und vermögensanter- 
schiede bilden. 

Die socialen zustände des altertnms wie der nenzeit erhalten 
eine besondere beleuchtung durch die erkenntnis der hanptursache 
der Sklaverei im frieden, sie beruht auf der wirtschaftlichenab- 
Bangigkeit, wie s. 1 7 entwickelt ist. für diejenigen, welche durch 
Verarmung ihren ursprünglichen besitz verloren hatten , war es eine 
wohlthat, sich in den schütz eines herm zu begeben, von dem sie 
gegen auflassung ihrer freiheit gesicherten lebensunterhalt erhielten, 
den sie sich durch gewerbliche thätigkeit nicht hätten verschaffen 
können. 

Einzelne bemerkungen gewähren schätzenswerte einblicke in 
die Wirklichkeit des wirtschaftlichen lebens der alten, so wird her- 
vorgehoben, dasz bei Homer dasselbe mit dem zaubermantel der dich- 
tung umkleidet erscheint, es wird erwähnt, dasz Thukjdides als eine 
hauptursache der entwicklung des griechischen handeis und der co- 
lonien nicht genannt habe den gröszeren zuflusz an edlen metallen 
und der einführung des metallgeldes. es wird gezeigt, dasz die 
Bömer bei ihrer misachtung des handwerks und des kleinhandels 
die durch die Phönicier und die Oriechen überkommene technik nicht 
vervollkommneten und dasz sie daher genötigt waren, eine menge von 
waren aus den fabriken der östlichen länder zu beziehen. — scharf 
betont ist der krebsschaden des altertums : das fehlen eines consum- 
tionsfähigen mittelstandes. der um einen sklavenlohn arbeitende freie 
war auch in seiner gesittung von dem unfreien nicht sehr verschieden. 

* Während die antike weit jede arbeit verachtete und des freien 
mannes für unwürdig hielt, lehrt das Christentum, dasz jeder zur 
arbeit verpflichtet sei. wer nicht arbeitet, soll nicht essen, sagt der 
weltapostel. da war mit einem male der fluch von der arbeit genom- 
men, welcher Jahrtausende auf ihr gelastet hatte, die befruchtende, 
sühnende, erlösende und sittigende macht der arbeit blieb dem alter- 
tum unbekannt, erst der weltheiland brachte auch für die arbeit die 
erlösung'. 

S. 38 ist treffend und bündig unterschieden das los der leib- 
eigenen und hörigen des mittelalters. — s. 41 ist entwickelt, 
wie die erlösende macht der arbeit, des gewerbefleiszes unter den 
städtebewohnem den unterschied zwischen freien und unfreien ver- 
wischte, wie die zunftverbände trotz ihrer einschränkenden gesetze 
das ganze leben der zunftgenossen mit echt christlichem geiste durch- 
drangen, wie durch ihre einwirkung die rechte der persönlichkeit 
auch bei der hörigen landbevölkerung allmählich anerkannt wurden. 

Selbstverständlich sind die grundsätze der mercantilsystema, 
der Lawschen zettelbanken , des phjsiokratismus, der lehre des 
Adam Smith erwähnt, ferner die volkswirtschaftlichen ansichten 
Hardenbergs, Steins, die Segnungen des Zollvereins und anderes, 
was der geschichtslehrer verwerten kann, auch die angaben über 



£. Moanneufeer: das irixtBchaftlicbe leben. 335 

die entwicUmig des haadels und der indostrie in Deatschland im 
Tergkich sn aaderoi lindern, über die stellimg Deutschlands unter 
den weltfiilirenden T5lkem, den Terkehr auf deutschen eisenbahnen 
und flössen, den weltpostTerkefar, die Terteilung der auf der erde 
tli&tigen fonnTeriJademden (nicht zum transport dienenden) dampf- 
püerdekxifte weiden wegen ihrer knappen zusammenstellnng man- 
diem lehrer willkommen sein. 

Auch der zweite Ton den dementen der wirtschaftslehre han- 
delnde teil enthilt in kurzer, klarer darstellung eine reihe von grund- 
sitzen und wahiiieiten, mit denen die zukünftigen 'leitenden kreise' 
yertrsnt sein müssen, wenn sie den kämpf mit den mSchten des Um- 
sturzes an&ehmen soUen. ich verweise auf Moormeisters treffliche 
Zurückweisung der £abel von einem 'ehernen lobngesetz'. 
pricbtig geschrieben, insonderheit zu nutz und frommen eines ge- 
wissen humanistischen hochmuts, ist das capitel: die arbeit. 

In der vorrede sagt Moormeister, er werde es als den besten 
lohn seiner arbeit betrachten , wenn sie sich als brauchbar erweisen 
sollte, das interesse des heranwachsenden geschlechts für wirtschaft- 
liche fragen zu wecken und dadurch — nach einem Herbartschen 
aosdmck — die di^>osition zu schaffen zur aufrahme tiefer gehen- 
der kenntnisse auf einem gebiete, dessen Wichtigkeit für die gegen- 
wirtige culturentwicklung unbestritten dastehe. — nach meiner 
Überzeugung ist es ihm vollkonmien gelungen, diese aufgäbe zu 
ISsen. das büchlein wird manchem lehrer zur belebung seines Unter- 
richts dienen, es wird ein wertvoller schätz für schülerbibliotheken 
und den ilteren schülem eine liebe mitgift für ihr späteres leben sein. 

Schössbeck a. E. Völcker* 

23. 

I4EHRBCCH DER FRANZÖSISCHEN SPRACHE. MIT BESONDERER BERÜCK- 
SICHTIOCKG DER ÜBUNGEN IM M€^n>LICHEN UND SCHRIFTLICHEN 
FREIEN GEBRAUCH DER SPRACHE TON DR. OtTO B GERNE R, 
OBERLEHRER AM GYMNASIUM ZUM HEILIGEN KREUZ ZV DRESDEN. 

Leipzig, Verlag von B. 6. Teubner. 1892. 

Nicht flut, sondern hoch flu t ist seit zwei Jahrzehnten das 
characteristicum der pädagogischen litteratnr, der neusprach- 
lichen ganz besonders, seitdem hier die reformfrage aufgetaucht, 
hat man sich allerseits bemüht , für den französischen Unterricht 
elementarbücher und schulgrammatiken zu schaffen, die den von be- 
sonnenen Vertretern der reform gestellten, durch die neuen preuszi- 
sehen lehrpläne sanctionierten anforderongen nach möglichkeit ge- 
nügen, wie schwer ist es aber, diesen so dankenswerten vorsatz mit 
erfolg auszuführen! wie schwer hält es, dem lernenden individuum 
und den lehrstoffen in gleicher weise gerecht zu werden , dabei aber 
mit den eignen subjectiven didaktischen grundsätzen auch die er- 
fahrener fachgenossen zu vereinigen! 



236 0. Boemer: lehrbuch der französischen spräche. 

Dr. Boemer, der Verfasser des wohlgelangenen , hinsichtlich 
der genetischen anleitung zur abfassang französischer 
auf Sätze fast originellen buches scheint nicht ohne sorgsame 
erwägung aller jener probleme an seine wohlgelungene arbeit ge- 
gangen zu sein, insbesondere wird aus dem lehrbuche ersichtlich, 
dasz er alle zweige des französischen Unterrichts — ausspräche, 
Orthographie, lectüre, conversation, grammatik und 
aufsatz — in gleicher weise zu ihrem rechte kommen zu lassen, 
bestrebt gewesen ist; dasz er aber dabei bemüht gewesen ist, dem 
lehrer seinen weg klar und bestimmt Yorzuzeigen, ohne 
ihn in der freien bewegung zu behindern, und dasz er 
weisz , wie bei dem schtller durch die freude am gelingen lemlust 
und mut zu neuem fortschreiten geweckt wird, untersuchen wir 
jetzt des näheren , inwieweit dem Verfasser die lösung aller dieser 
aufgaben gelungen ist. 

Zunächst ist es als zeichen pädagogischer klugheit anzusehen, 
dasz die grammatik im lebrbuche bei jeder lection nur kurz ange- 
deutet ist, daneben aber in einem besondern büchlein (s. u.) 
in entsprechender ausführung besonders gegeben ist. der schtller 
erhält so den Übungsstoff rein und *un verbaut', wird aber durch die 
den kurzen grammatischen andeutungen beigedruckten zahlen be- 
ständig auf das grammatikheft hingewiesen, in dem er dann die 
Systematik klar und Übersichtlich vorfindet: einerseits, um sich 
nötigenfalls rat zu erholen, anderseits, um die grammatik nach und 
nach in ihrer gesamtheit überblicken zu lernen, dem lehrer aber 
wird diese einrichtung eine beständige mahnung, nicht die gram* 
matik, sondern die lebendige spräche in den Vordergrund 
treten zu lassen, hierbei wird ihm aber unser lehrbuch der beste 
helfer: nachdem es die wichtigsten regeln über die ausspräche 
durch bekannte fremdwörter und einfache phonetische zeichen (coup, 

moins), die vielleicht ohne Verdrehung des wortbildes noch hätten 
vermehrt werden können, in praktischer weise eingeführt hat, be- 
handelt es in 88 lectionen und 51 besondern, aber meist mit 
dem inbalte der lectionen in logischer Verbindung stehenden lese- 
stücken den stoff, den eine mittelschule und höhere töchterschale 
als grundlage für das praktische leben zu geben hat, oder 
der in gymnasien und realschulen in vier bis ftinf jähren auf der 
unter- und mittelstufe nach den neuen lehrplänen behandelt 
werden soll, für erstere anstalten, sowie für die aus der untersecunda 
abgehenden erwächst demnach durch einführung unseres buches 
der vorteil, dasz solche schüler eine abgeschlossene, sichere 
grundlage für weitere praktische anforderungen mit- 
nehmen, sie erhalten dieselbe 1) durch die im besten französisch ab- 
gefaszten, dem wachsenden ideenkreise angepassten, unter einander 
und mit der jeweilig zu behandelnden grammatik in engster Verbin- 
dung stehenden lesestücke (geschieh ten, beschreibungen, poesien, 
briefe), 2) durch einen diesen musterstücken entnommenen und mit 



0. Boemer: lehrbuch der französischen spräche. 237 

ihnen verknüpften, dem praktischen leben angehörenden reichen 
Yocabelschatz, 3) durch die erwähnte grammatische grund- 
lag e, 4) durch deutsche, teils in einzelsätzen, teils in zusammen- 
hängenden stücken bestehende, die kraft stählende aufgaben zum 
übersetzen ins französische, 5) durch anregende, mit der 
ersten lection beginnende*, anfangs leicht zu beantwortende, aber 
immer ansprechende conversationsübungen, endlich 6) durch 
die mit den lesestücken verknüpften, höchst wertvollen systemati- 
schen aufsatzübungen. so bringt z. b. lect. 44, welche die 
pronoms interrogatif s behandelt ,1. grammaire: kurze, nach gram- 
matischen kategorien geordnete sätze zur anschauung und entwick- 
lung der leicht ersichtlichen orthographischen und sprachlichen regeln, 
H. exercice: 15 längere sätze, in denen die sub I entwickelten 
Sprachgesetze bestens verwertet sind; lU. th^me : 12 deutsche sätze 
zum übersetzen, d. h. erproben, inwieweit die grammatischen dar- 
legungen verstanden sind; IV. conversation: c. 25 fragen, die 
sich auf die behandelten lesestücke beziehen und mit hilfe des *voca- 
bulaire' leicht zu beantworten sind; Y. composition: 2 themen 
*le8 plaisirs de l'hiver' und 'la föte de Noßl', welche infolge der vor- 
hergegangenen fragen leicht bearbeitet werden können; endlich 
IV. als abschlusz des ganzen die poesie U'hiver'. in ähnlicher weise 
sind alle lectionen bearbeitet, so dasz sie inhaltlich je ein logisch 
zusammenhängendes ganzes, sprachlich zur aneignung des leben- 
digen idioms und der notwendigen grammatik wohl geeignete 
Stoffe bieten, und dem schüler veranlassung zur Schaffenslust 
und Schaffenskraft geben, um das so erarbeitete gebührend zu 
erhalten und zubefestigen, erfolgt nach je 3; 5 oder 10 lectionen 
eine ^recapitulation', in der die vorher behandelten stoffe ent- 
weder an musterstücken bzw. mustersätzen noch einmal kurz vor- 
geführt, oder durch Stichwörter, die zu satzbildungen benutzt werden 
müssen, reproduciert werden, sowohl durch letztere, als durch reich- 
lich gegebene briefmuster und die s. 267 — 275 gebotenen andeu- 
tungen über die briefform und geschäftsaufsätze wird 
der Schüler auf rechte art zur selbstthätigkeit in der 
schriftlichen darstellung der französischen spräche 
angeregt und mit der kraft ausgerüstet den bezüg- 
lichen anforderungen des spätem lebens genügen zu 
lernen, ein ziel, das beim betriebe einer lebenden 
spräche unbedingt verfolgt werden musz. 

Genügt demnach das lehrbuch nach plan und ausführung, nach 
Inhalt und form , nach methodik und idiomatik selbst weitgehenden 
anforderungen auf das beste, so dasz zu erwarten steht, dasz den 
bald nach seinem erscheinen erfolgten einführungen^ rasch weitere 

1 8. lehrpläne s. 41. Berlin 1892. Hertz. 

' in Altenburg, Blasewitz, Cambarg, Coburg, Dresden, Grimma, 
Leipzig, Lübeck, Nerchaa, Plauen, Pleschen (Posen), Regensburg, 
Roszlau, Wettingen (Schweiz), Zittau, Zürich. 



238 0. Boerner : die haaptregeln der französischen spräche. 

sich anreihen werden, so wollen wir aus interesse an der gefälligen 
arbeit und deren weiterer Vervollkommnung folgende Bemerkungen 
machen : 1) in den anfangslectionen — deutschen und französischen 
— könnten manche sätze inhaltvoller, auch logisch correcter ge- 
bildet werden , z. b. 'diese bücher sind nicht so nützlich als jene 
bücher' (s. 22); 'de quelle couleur est le tableau noir'?! (s. 23). 
2) als deutsche Übersetzungsaufgaben hätten wir lieber mehr zu- 
sammenhängende nachbildungen als einzelsätze. 3) zu den aufsätzen 
könnten mehr andeutungen (dispositionen und Stichwörter) gegeben 
werden. 4) wir vermissen jede anleitung zu den freilich auch in an- 
dern büchern oft vergeblich gesuchten etymologischen Übungen. 
5) das gedieht 'le lion de Florence' par Millevoje (s. 243) sollte doch 
den Schülern vollständig ('prds des murs de Florence' beginnend) 
gegeben und der druckfehler s. 246 'Ndtes-vous' verbessert werden. 
Karlsruhe. Wemdt. 

24. 

DIB HAÜPTREGBLN DER FRANZÖSISCHEN GRAMMATIK NEBST FRANZÖ- 
SISCH-DEUTSCHEM UND DEUTSCH -FRANZÖSISCHEM WÖRTERBUCH 

VON DR. Otto Boerner. Leipzig, B. 6. Teubner. 1892. 

Diese mit dr. Boemers lehrbuchein engster beziehung stehende 
grammatik enthält in zwei teilen 1) lautlehre s.l — 12, 2) wort- 
lehre: A. veränderliche, B. unveränderliche redeteile, 
sowie hauptregeln aus der Satzlehre, wie sie auf der unter- und 
mittelstufe, in manchen anstalten auch auf der Oberstufe unentbehr- 
lich sind, die Vorzüge des buches sind neben dem üb er aas 
klaren, die unterschiede, divisionen und subdivisionen bestens her- 
vorhebenden drucke, der dem schüler die einprägung durch loci 
memoriales wesentlich erleichtert, die den wahren bedürf- 
nissen der schüler entsprechende geschickte auswahl 
des grammatischen Stoffes, sowie die kurze, klare und 
prägnante fassung der regeln, das methodische geschick des 
herrn Verfassers wird insofern ersichtlich , als er die schon im lebr- 
buche gegebenen, der veranschaulichung dienenden paradigmen 
(werte und sätze) voranstellt und am ende des paragraphen 
die kurze regel folgen läszt und so dem lehrer einen 
klaren wink gibt, wie er die regel aus dem beispiele 
entwickeln kann, die syntaktischen regeln sind zum teil mit 
der formenlehre verbunden , zum teil selbst&idig gegeben, wie z. b. 
^modes, infinitiP. als besonders gelungen erkennen wir die behand- 
lung der präpositionen im anschlusz an die deutschen Vorwörter, 
sowie die Übersichten s. 29. 69. 83. 115. der schüler wird sich 
leicht in diesem büchlein zurechtfinden und mit demselben befreun- 
den. — Die Wörterbücher lagen mir nicht vor. 

Karlsruhe. Wendt. 



G. Strien: elementarbnch der französischen spräche. 239 

25. 

ELEMENTARBUCH DER FRANZÖSISCHEN SPRACHE VON DR. G. StRIEN, 
OBERLEHRER AM HERZOOL. FRIEDRICHS- 07MNASIUM ZU DESSAU. 

Halle a. S., y erlag von Eugen Strien. 1890. 

Zu der nicht geringen zahl von büchern, welche den Unterricht 
in der französischen spräche an unsem hohem lehranstalten auf 
neuer grundlage aufbauen und denselben naturgemäszer, anziehen- 
der und nutzbringender gestalten wollen , ist im vorigen jähre ein 
neues gekommen, das elementarbuch der französischen spräche von 
dr. G. Strien, das buch scheint mir eine eingehende besprechung 
an dieser stelle in hohem masze zu verdienen. 

Allen reformern auf dem gebiete des neusprachlichen Unter- 
richts ist trotz groszer meinungsverschiedenheiten in andern punkten 
die ansieht gemein, dasz dem Unterricht in den neuem sprachen 
Ton vorn herein ein zusammenhängender lesestoff zu gmnde zu 
legen ist. die bis jetzt in dieser richtung gemachten versuche kön- 
nen, ob sie sich gleich an namen von gutem klänge wie Plattner, 
Ulbrich, Mangold u. a. knüpfen, nicht rundweg als gelungen an- 
gesehen werden, die stücke, um welche sich der anfangsunterricht 
drehen soll , sind sachlich oft recht wenig eingehender behandlung 
wert, sprachlich aber zumeist für den durchschnittsquintaner zu 
schwer, diese erfahrung habe ich selbst mehrere jähre hindurch mit 
dem lehr- und lesebuch von Mangold und Coste gemacht, welches 
ja sonst in mancher hinsieht das lob verdient, das hervorragende 
männer ihm gespendet haben, der verdiente Plattner hat seinem 
elementarbuch Vorübungen folgen lassen, weil viele lehrer die Übungen 
des elementarbucbes zu schwer fanden; auch Kühn kündigt jetzt ähn- 
liches an ; Lowes buch ist teilweise aus demselben gründe nicht recht 
in aufnähme gekommen, und ähnliche bedenken sind auch über 
Ulbrichs elementarbuch laut geworden, andere bücber, die sich vom 
hergebrachten Unterricht noch weiter entfernen, leiden an demselben 
fehler, überall wird dem knaben eine anzahl, oft eine menge sprach- 
licher erscheinungen vorgeführt, die er nicht einreihen und folg- 
lich nicht verstehen kann, die demselben bis auf weiteres ; vielleicht 
noch auf lange hinaus , als toter ballast das gedächtnis beschweren, 
auch der Wortschatz ist in den meisten büchem dieser art nur zu sehr 
dem ungefähr preisgegeben. Wörter, nach denen der schüler sich 
naturgemäsz zuerst in der neuen spräche umsehen musz, wie die 
gruppen schule, haus, stadt, familie, kleidung usw. , kommen oft 
spät, oft verzettelt vor, so dasz wohl mancher lehrer es für nötig 
hält von zeit zu zeit halt zu machen und seine quintaner und quar- 
taner selbst-ändig einen blick in die reale Umgebung thun zu lassen.^ 

Durch diese Schattenseiten werden die vorteile eines zusammen- 
hängenden textes zum teil wenigstens aufgehoben, dasz diese vor- 

* ich sehe nachträglich, dasz aach Walter, französ. classenanter- 
richt 8. 27, dies empfiehlt. 



240 G. Strien: elementarbuch der franzOsischeii spräche. 

teile wirklich und nicht blosz in der einbildang bestehen, davon 
sind wohl die meisten derjenigen lehrer Überzeugt, die, ohne vor- 
eingenommen zu sein, Ploetz mit einem der neuem lehrmittel ver- 
tauscht haben, die materiellen vorteile der neuen methode liegen 
auf dem gebiete der ausspräche, der wortaneignung, der Sprech- 
fertigkeit, auch der grammatik; in ideeller hinsieht wftchst bei der 
gemeinsamen bearbeitung eines zusammenhängenden Stückes die 
lern- und lehrfreudigkeit in nicht zu verkennender weise, die auf- 
gäbe, die der lösung wartete und die zu neuen versuchen aufforderte, 
war demnach, die vorteile des zusammenhängenden lesestückes nicht 
aufzugeben , den lesestofi selbst aber so zu gestalten , dasz derselbe 
sachlich befriedigt, sprachlich die üa^sungskraft des Schülers nicht 
übersteigt, und endlich sich in den Wörtern für diejenigen concreten 
begriffe bewegt, die dem schüler zunächst liegen, diese aufgäbe hat 
Strien in seinem buche zu lösen gesucht , und es scheint mir, als ob 
ihm dieser versuch besser gelungen ist, als einem seiner Vorgänger. 
Ebenso wie F. Schmidt in seinem höchst beachtenswerten 
elementarbuch (Leipzig und Bielefeld 1888), geht Strien von dem 
gedanken aus, dasz für den ersten anfang keine französischen original- 
stücke zu verwerten sind, in der that enthält jedes noch so einfach 
gehaltene Stückchen aus französischen lesebüchem für den deutschen 
knaben eine mehr oder weniger grosze anzahl sprachlicher Schwierig- 
keiten , die ihm auch der geschickteste lehrer nicht aus dem wege 
schaffen kann. Strien hat also die lesestücke für den anfang selbst 
zusammengestellt, dann für die folge nach französischen quellen so 
umgearbeitet, dasz sie sich sprachlich nicht über das grammatische 
erkennen des quintaners versteigen, sie bewegen sich zuerst blosz in 
hauptsätzen (mit der 3n sing, und plur. von a voir, ötre, der ersten 
conjugation) ; allmählich erscheint avoir, ötre, donner ganz anf 
dem plan ; die andern conjugationen , der conjunctiv und erst recht 
alle unregelmäszigen formen sind streng femgehalten, wie die gram- 
matik, so tritt auch die Stilistik in den einfachsten formen auü alle 
haupt- und nebensätze sind klar und durchsichtig; längere perioden, 
verwickelte constructionen , gehäufte participien , Inversionen u. ä. 
sind ausgeschlossen, man wende nicht ein, dasz solchen Sätzen das 
französische colorit fehle; eben dies französische colorit kann anf 
der untersten stufe nicht zur anschauung gebracht werden, viel 
schwerwiegender wäre der Vorwurf, dasz die einfachen Satzgefüge 
eines nennenswerten inhaltes entbehrten, dem ist glücklicherweise 
nicht so. der verf. hat gezeigt , dasz auch einfachen und schlichten 
Sätzen ein wirklicher inhalt innewohnen kann, nicht ans dem alter- 
tum und der neuzeit, aus diesem und jenem lande zusammengeholte 
anekdoten sind es, die dem schüler ein ganzes langes jähr hindurch 
als geistige nahrung dienen sollen , sondern darstellungen ans der 
realen und geistigen weit, in welcher er selbst lebt, welche sein thun 
und denken in anspruch nimmt, sechs stücke handeln von der schule 
und dem schüler; drei vom hause und der familie; bemerkungen 



0. Strien: elementarbuch der französischen spräche. 241 

tlber dorf und Stadt sind über die ersten stücke zerstreut ond be- 
dürfen nur der zosammenfassung von Seiten des lehrers; die zeit wird 
in drei andern nummem behandelt; ebenso findet das essen in einem 
Btttcke genügende berücksichtignng; an der band des briefes in nr. 27 
and der ferienreise in nr. 28 kann man wohl manchen schulbrief 
schreiben ond manche schulreise unternehmen, doch der knabe lebt 
nicht blosz im hause, in der schale, denkt nicht blosz an Schularbeiten 
und ferien. geOffiiet werde sein äuge , wo sich gelegenheit bietet, 
für die ihn umgebende weit; gepflegt aber werde auch sein gemüt 
und seine phantasie. gern wird der schüler die geschichten lesen, 
die Strien in seinem büchlein gibt und die sich zumeist über das 
anekdotenhafte erheben, wie die erzählungvom guten könig Heinrich, 
Tom bauem Lubin , und nun gar vom Rotkäppchen, auch in der 
answahl der poetischen lesestücke, die etwa den dritten teil der 
53 nummem des buches ausmachen, zeigt sich überall richtiger 
pftdagogischer tact. neben einer reihe von kinder- und schulversen 
finden sich rtttsel, aussprachescherze , fabeln (zum teil in prosa um* 
gesetzt), und last, not least die schönen, zu herzen sprechenden lied- 
eben und sprÜche les oiseaux, ma mdre, pridre pour tous 
und la petite mendiante. so passt sich der von Strien dar- 
gebotene Stoff ganz dem alter des quintaners an ; er versetzt den- 
selben ganz in seine eigne weit, und ist so recht im stände dem 
Unterricht leben und anschaulichkeit zu verleihen. 

In den 53 lesestücken des buches werden nun rund 800 Wörter 
verarbeitet, unter diesen Wörtern ist kein einziges von untergeord- 
neter bedeutung, wie oft in den originalstücken; diese Wörter musz 
der schüler unbedingt wissen , und da auf jede stunde nur etwa 
fünf kommen, so wird es dem lehrer auch gelingen, dieselben dem 
gedftchtnisse tdler schüler fest einzuprägen, die vocabeln sind aber 
nicht blosz , wie aus der klarlegung des inhaltes des buches hervor- 
geht, ihrer bedeutung nach aus dem gesichtskreise des Schülers ge- 
nommen; sie sind ihm für den anfang, für den ja trotz aller neuen 
metboden das Sprichwort recht behalten wird, auch zum teil ihrer 
form nach bekannt, mit geschick hat der Verfasser, der sich auch in 
diesem punkte mit F. Schmidt berührt, in den ersten nummem seines 
buches die fremdwörter und diejenigen städtenamen, die jedem 
schüler bekannt sind, verwertet; für den quintaner des gjmnasiums 
und des realgjmnasiums auch noch Wörter, deren Zusammenhang mit 
der lateinischen grundform er auf den ersten blick erkennen musz. 
so in den allerersten nummem cousin, cousine, oncle, taute, 
eau de Cologne, bureau, adieu, Georges, löge, hötel, 
bellevue, blanc, table d'höte, portemonnaie, commode, 
poste, allons, classe, 61dve, Journal, carte, billet, und 
anderseits lac, mont, parents, main u. ä. auf diese weise tritt 
die neue spräche dem knaben nicht ganz fremdartig entgegen ; sie 
knüpft sachlich stets, der form und dem laute nacb, so weit dies 
möglich ist, an Vorstellungen an, die ihm bekannt und geläufig sind. 

N. JAhrb. r. phil. a. p&d. U. abu 1899 hfl. 4 a. 5. 16 



242 6. Strien: elementarbuch der französischen spräche. 

Auf grund des so angelegten und tüchtig dorchgearbeiteten 
lesestückes haben nun Sprechübungen stattzufinden, behandelt man 
jede nummer in der art; wie es etwa Walter in seinem lehrplan an- 
gibt, läszt man womöglich jedes wort, jede wortgruppe, endlich jedes 
sätzchen als antwort auf eine frage auftreten, so wird in dieser hin- 
sieht das erreicht werden, was erreicht werden kann, wenn ich auch 
die zum teil recht sanguinischen hoffiiungen, die gerade in dieser 
hinsieht ausgesprochen werden, nicht teile, so weisz ich doch recht 
wohl, dasz eine lebende spräche eben als lebende behandelt werden 
will, und ich stimme Strien vollständig bei, wenn er verlangt, dasz 
gleich von der ersten stunde an Sprechübungen angestellt werden 
sollen, um auch für diese Übungen einen halt zu geben, hat der verf. 
dem mit A bezeichneten lesestücke unter B eine anzahl französischer 
fragen über das gelesene folgen lassen, man hört wohl zuweilen 
gegen solche fragen , die übrigens auch ein so guter praktiker wie 
F. Schmidt nicht verschmäht haty eifern, es versteht sich allerdings 
heutzutage von selbst, dasz der lehrer die fragen den sohülem mündlich 
und frei vorlegt, und die schüler mündlich und frei darauf antworten, 
immerhin können auch die fragen gelegentlich schnell aus dem buche 
gelesen und ebenso schnell aus dem köpfe beantwortet werden, über- 
dies wird, wie ich aus eigner erfahrung weisz, ein eifriger, vielleicht 
auch mancher schwächere schüler die gelegenheit benutzen, sich auch 
auf diese Seite des Unterrichts, so weit es angeht, vorzubereiten, es 
ist überhaupt auch, um noch eine bemerkung anzuknüpfen, die nicht 
blosz für diesen punkt gilt, nicht zu vergessen, dasz die Vorbereitung 
vieler schüler, die erst in quarta eintreten, nicht in den bänden von 
fachleuten liegen kann , und für diese zu allermeist recht gewissen* 
haften lehrer sind genaue anleitungen meinen Wahrnehmungen nach 
keineswegs überflüssig , im gegenteil meist sogar recht erwünscht. 

An der band derselben lesestücke soll aber auch der schüler in 
die grammatik eingeführt werden, mit recht beschränkt Strien den 
Stoff auf das notwendigste, soll der Unterricht des ersten jahres, wie 
Münch verlangt, wesentlich propädeutischer art sein, so kann dem 
schüler nicht so viel grammatisches material zugemutet werden, wie 
Ulbrich z. b. gibt, wenn eine kritik an Ulbrichs buch lobend hervor- 
hebt, dasz es die formenlehre in zwei jähren abschlieszt, so kann ich das 
aus mancherlei gründen nicht als groszen vorteil ansehen, und ich 
stehe auch wohl mit dieser ansieht nicht allein da (vgl. besonders 
die lehrpläne von Walter und Kühn), ich erachte es im gegenteil 
als einen vorzug des Strienschen buches, dasz das grammatische 
pensum auf avoir, dtre, donner und das regelmäszigste aus dem 
gebiete der andern redeteile beschränkt ist. ist dies pensum in qainta 
fest eingeprägt, so ist damit ein fester rahmen gegeben, in den sich 
die conjugation und die ausführliche behandlung der übrigen rede- 
teile in quarta und tertia ohne Schwierigkeit einfügt« 

Die grammatik nun wird in inductiver weise aus den lesestücken 
gewonnen , und zwar wird dieselbe auf 30 von den 53 lesestücken 



6. Strien: elementarbuch der französischen spräche. 243 

yerteilt. auch hier, ebenso wie beim vocabellemen , geht der verf. 
sehr behutsamen Schrittes vor; das zu erfassende wird unter dem 
betreffenden stücke noch einmal als C in anschaulicher weise zu- 
sammengestellt, wobei auch die art des druckes das auffinden und 
das festhalten der grammatischen gesetze erleichtern wird, am 
Schlüsse des büchleins, von s. 83 — 97, sind diese ergebnisse dann 
kurz zusammengefaszt, so dasz hier der schüler das am lesestück 
erkannte als sjstem überschauen kann. 

Auf doppelte weise wird die so erworbene grammatik eingeübt, 
zuerst unter D durch eine reihe von aufgaben, wie sie sich im deut- 
schen elementarunterricht bewährt haben, und wie sie neuerdings 
mit recht der neusprachliche Unterricht verwendet ; vgl. die eingehen- 
den an Weisungen Walters s. 32 ff. solche aufgaben sind zu 13 : ^bilde 
je 6 sfttze, deren subjecte die hauptwörter hötel, chambrO; lac, 
cloche, enfant, rue mit dem bestimmten artikel und deren prä- 
dicate die adjectiva grand oder petit sind, a) im sing.; b) im plur.'; 
zu 21: Verwandle die neun verneinten sStze in nr. 20 in verböte, 
a) in der 2n sing., b) in der 2n plur.'; zu nr. 37: ^ bilde nach dem 
beispiele «notre maison est plus grande que la vötre» 
6 vergleichungssätze mit den adjectiven petit, eher, propre, 
jeune, pesant, beau; femer conjugationsübungen der manig- 
fachsten art. 

Dergleichen Übungen, die die selbstthtttigkeit des schülers in 
anspruch nehmen, die seine grammatische schlagfertigkeit erhöhen, 
und die endlich zum freien mündlichen gebrauch der spräche über- 
leiten, finden mehr gnade in den äugen der reformer als das alt- 
hergebrachte übersetzen aus dem deutschen. Strien ist indes mit 
sehr vielen tüchtigen schulmSnnem der ansieht, dasz auch dieser 
weg mit hin zum ziele führt, dasz das übersetzen aus dem deut- 
schen, wenn nicht ein hauptstück, so doch ein notwendiger teil des 
Unterrichts ist. so hat er denn der ersten abteilung seines buches, 
lectures fran^aises , s. 1 — 35 , eine zweite , deutsche Übungssätze, 
s. 36 — 69 folgen lassen, bei den meisten (%) nummem sind zu 
jedem französischen lesestücke zwei abschnitte aus dem deutschen 
zu übersetzen; der erste enthält eine Umarbeitung des gelesenen 
Stückes, der andere sätze, die aus den erworbenen vocabeln und 
regeln neu gebildet sind, die einzelsätze, von denen noch öfter 
mehrere ein ganzes bilden könnten , beziehen sich zum grösten teil 
auf dinge und begebenheiten des gewöhnlichen lebens; sie sind 
so einfach gehalten, dasz auch der schwächere schüler sie über- 
setzen kann. 

Die dritte abteilung des buches bildet ein genaues Wörterver- 
zeichnis zu den einzelnen nummern, die vierte die schon besprochene 
grammatik. dasz die Wörter gedruckt zu den einzelnen stücken vor- 
liegen und nicht erst in der classe dictiert werden müssen, halte ich 
für einen sogen, und jeder unbefangene wird wohl mit mir der an- 
sieht sein, dasz das dictieren der Wörter eine kostbare zeit wegnimm t, 

16* 



244 G. Strien: elementarbnch der französischen spräche. 

dasz es za groben fehlem Veranlassung gibt, und dasz endlich ein 
solches selbst geführtes heft eines elfjährigen jungen oft unsanber 
und so auch zum lernen nicht recht geeignet wird. 

Meine besprechnng würde nicht so lang ausgefallen sein, wenn 
ich es nicht für meine pflicht gehalten htttte, alle coUegen, denen 
der erfolgreiche betrieb der französischen spräche auch am gymna- 
sium am herzen liegt, ausführlich auf das büchlein von Strien, das 
in solider ausstattung und höchst sauberm drucke erscheint, hin- 
zuweisen und sie zu persönlicher prüfung desselben zu bestimmen, 
mir wenigstens will es scheinen , als ob hier in erfolgreicher weise 
der versuch gemacht ist, die richtigen neuen ideen ohne Übertrei- 
bung mit dem im betrieb der alten wie neuen sprachen seit lange 
bewährten harmonisch zu verbinden , zur förderung der lernenden 
wie zur befriedigung der lehrenden, ich schliesze mit der hoffidong, 
dasz das Lehrbuch der französischen spräche', welches der verfinsser 
in Jahresfrist geben zu können hofft, dies urteil bestätigt. 

Nachschrift, seitdem obige besprechnng niedergeschrieben 
wurde , ist die fortsetzung des Werkes unter dem titel Uehrbuch der 
französischen spräche, teil P, Halle a.S. 1891, erschienen, das lehr- 
buch, welches das pensum der quarta umfaszt, erfüllt in jeder be- 
Ziehung die erwartungen , die das elementarbuch erregte, auch hier 
ist zunächst der stoff in geschickter und zweckentsprechender weise 
ausgewählt, alle jene kreise , in denen der lesestoff des elementar- 
buches sich bewegte, werden von neuem vorgefClhrt, erweitert und 
in demselben sinne vermehrt, die weit, in der der schOler lebt, das 
haus, die schule ^ die Stadt mit ihrem treiben (Jahrmarkt, theater, 
bahnhof, verkehr), das land und besonders die natur finden auch 
hier liebevolle beachtung. doch weiter dehnt sich der gesichtskreia 
des lernenden knaben aus. sein äuge schweift hinaus über die gprenten 
des hauses und der heimat. es regt sich in ihm das verlangen mehr 
zu erfahren von dem lande und dem volke , mit dessen spräche er 
sich beschäftigt, so setzt er den fusz auf den fremden boden , lernt 
die geographische läge, die einteilung, die bevölkerung Frankreichs 
kennen und erfahrt von seinem handel und seiner industrie« gern 
wird er hinabsteigen in die Vergangenheit des landes, in die leit, wo 
Frankreich noch ein teil Oalliens war, wo Vercingetorix fClr die frei* 
heit seines Stammes das seh wert zog, um dann im römischen kerker 
sein tragisches geschick zu vollenden ; und nicht minder gern wird 
er anderseits das äuge werfen auf das heutige Paris mit seinem Eiffel- 
turm, auf Versailles mit seinem denkwürdigen schlösse, in dem am 
18 Januar 1871 das deutsche kaiserreich proclamiert wurde, denn 
nicht die fremde soll einseitig ihn fesseln, wie es wohl kein zu£all 
ist, dasz der Verfasser sein buch mit einem abschnitt über Deutsch- 
lands läge und grenzen eröffnet, so musz man ihm auch dank wissen, 
dasz er den schülem die groszen thaten ihrer väter durch eine genaue 
und frische darstellung des deutsch- französischen krieges vorführt. 
kommen so die realen und historischen interessen des knaben zu 



G. Strien: elementarbuch der franzÖBiBchen spräche. 245 

rechte, so finden anderseits auch seine moralischen anschaunngen 
und sein ttsthetisches gefdhl anregung und pflege, das Verhältnis 
des kindes zu gott, zu seinen eitern und seinen mitmenschen wird in 
echt kindlicher weise in gedieh ten, Sprüchen, fabeln und drei oder 
vier moralischen, aber nicht moralisierenden erztthlungen behandelt, 
der sinn für das schöne und gute wird durch eine reihe von yersen 
und gedichtchen gefördert, von denen kein einziges über die fassungs- 
kraft des quartaners hinausgeht, und unter denen etwa einige fabeln 
Lafontaines, die bekannte stelle aus dem chorliede der Athalia 
(o bienheureux mille fois Tenfant queleSeigneuraime) 
und eine sehr gelungene Übersetzung des Haiderösleins hervorzu- 
heben sind. 

Vielgestaltig ; dabei aber pädagogisch einheitlich , reich y dabei 
aber durchweg gesund und frisch ist der inhalt des buches. der ge- 
danke, dem äuszern und innem leben des knaben nachzugehen und 
demselben die erlernung der fremden spräche anzupassen, ist nirgends 
so consequent durchgeführt wie hier, der so gewählte stoff hat auch 
den nicht zu unterschätzenden vorteil, daai durch ihn die Verbindung 
zwischen dem französischen und allen andern gegenständen des Unter- 
richts hergestellt wird. 

Die Verwertung des lesestoffes ist dieselbe wie im elementar- 
buch, das lesestück, welches auch hier wieder im interesse des 
Unterrichts mehr oder weniger umgearbeitet ist, ist das a und das o 
des buches; alle andern grammatischen, Übersetzungs- und Sprech- 
übungen schlieszen sich an dasselbe an. 

Die zahl der Wörter, die in den lesestücken zur an Wendung 
kommen, beträgt etwa 1200 ; diese bilden mit den 800 des elementar- 
buches einen recht soliden grundstock, dessen der schüler an der 
band eines regsamen lehrers schon froh werden kann. 

Das grammatische pensum , das aus dem lesestoff gewonnen 
werden soll , ist neben der Wiederholung des ersten cursus die ein- 
übung der regelmäszigen conjugation und der 26 wichtigsten unregel* 
mäszigen verba. ohne irgendwie gekünstelt zu erscheinen, gewährt 
nun das lesebuch reichliches material, um alle grundformen der con- 
jugation zur anschauung zu bringen, in dem lesestück Ma petite 
malade', einem gespräche zwischen mutter und tochter, sollen 
dormir und die verwandten verba behandelt werden ; in demselben 
kommen nicht nur alle gleichartigen verba wirklich vor, sondern sie 
erscheinen auch in 17 verschiedenen formen, ein solches lesestück 
kann denn in der that zum geistigen tummelplatz für lehrer und 
Schüler werden; da können wirklich alle schüler einer classe ihre 
kraft bethätigen und in natürlichem Wetteifer aus den einzelnen 
flüchtigen formen das gesetz entwickeln und feststellen. 

Die grammatik des buches ist auf 20 Seiten abgefaszt. sie em- 
pfiehlt sich in vergleich zu andern büchern durch zweierlei: sie ist 
übersichtlich in dreifachem, deutlichem satz gedruckt, und sie hält 
die richtige mitte zwischen dem zuviel und zuwenig, oft hat man ja 



246 G. Strien : elementarbuch der französischen spräche. 

in letzter zeit beschränkung und kürzere fassung des grammatischen 
materials gefordert und auch diese forderung praktisch verwirklicht, 
anderseits darf aber die kürze auch nicht zur undeutlichkeit werden ; 
der lapidarstil eignet sich für das kindliche alter doch nicht immer, 
ich wenigstens sehe lieber in einem lehrbuche je vins durchcon- 
jugiert, als dasz die schüler ohne weitere anhidtspunkte zu hause 
das in der classe besprochene im geiste wieder zu finden haben ; in 
solchen und ähnlichen f&llen dürfte der sogenannte papierene lehrer 
doch auch seine berechtigung haben. 

Der Zusammenfassung folgt die anwendung. Strien hat zur 
Verwertung des grammatischen materials und des wortvorrats nun- 
mehr nur zusammenhängende stücke gegeben, alle Übungsstücke 
lehnen sich wie im elementarbuch an den sprachstoff des lesebuches 
an; etwa die hälfte ist eine Umarbeitung des gelesenen Stückes; die 
andere hälfte zeigt, wie allmählich mit den wachsenden kenntnissen 
auch andere Stoffe als die französisch gelesenen bewältigt werden 
können, auch in der bearbeitung dieser stücke zeigt sich überall 
die pädagogische einsicht^es Verfassers, es ist kaum ein stück, das 
nicht auch inhaltlich das interesse eines frischen deutschen knaben 
erregen müste. an jene aufsätze über Frankreich schlieszt sich hier 
der abschnitt über Berlin und Paris an, an die erzählung des deutsch- 
französischen krieges die Schilderung der schlachten bei Oravelotte 
und Sedan, an die beschreibung des Jahrmarktes die geburtstags- 
feier usw. den einwurf, dasz ein zusammenhängender stoff die gewon- 
nenen gesetze nicht genügend verwerten könne ^ hat für das fran- 
zösische wenigstens schon Plattner beseitigt, ihm folgt der verfassen 
in dem gespräche 'beim buchhändler' sollen die persönlichen für- 
wörter geübt werden; es kommen nicht weniger als 18 fälle vor, in 
denen dieselben zur anwendung gelangen, diese 18 fälle geben aber 
eine ganze reihe anderer beispiele ohne weiteres dem lehrer in die 
band, nicht zu bedauern ist es, dasz die letztem nicht gedruckt 
sind; ist es ja doch kein geheimnis, dasz solche Übungen viel wirk- 
samer sind, wenn der lehrer die sätze vorspricht und so schon die 
schüler zur aufmerksamkeit zwingt, als wenn jeder schüler mit 
mechanisch folgsamem äuge und dabei doch wanderndem geiste dem 
toten buchstaben des lehrbuches folgt. 

Der Verfasser sagt in seinem vorwort, dasz der zweite teil des 
lehrbuches den abschlusz der formenlehre und die hauptregeln der 
Syntax umfassen soll, ist dem so, so wird der forderung Münchs, 
dasz der französische Unterricht auf hohem schulen sich in drei con* 
centrischen kreisen zu bewegen habe , wirklich genüge geleistet , so 
wird auch der schtüer, der im neunten oder zehnten schu^ahre die 
schule verläszt, mehr wie bis jetzt mit einer relativ abgeschlossenen 
kenntnis der französischen spräche ins leben treten, und damit sage 
ich dem Verfasser des buches meinen dank und wünsche ihm zur 
fortsetzung seines werkes kraft und erfolg. 

Coburg. Karl Warnkb. 



Briefe Karl Lachmanns an Friedrich Lücke. 247 

26. 

BRIEFE KABL LACHMANNS AN FBIEDBICH LÜCKE, 
mitgeteilt, eingeleitet und erläutert von F. Sandsb. 



Der schriftliche nachlasz Friedrich Lückes, des 1855 verstorbenen 
abtes zu Bursfelde und professors der theologie zu Göttingen, enthält 
neben vielen anderen noch ungehobenen schätzen fünfundzwanzig briefe 
Karl Lachmanns, seines Göttinger Studienfreundes, in diesen briefen 
waltet das persönliche element vor; einige unter ihnen zeigen den 
groszen gelehrten nur als treuen, warmen freund, auch diese, meine 
ich, werden den Verehrern, schülern, nachfolgern willkommen sein, wer 
kann oder will überhaupt in einem manne von dem werte Lachmanns 
mensch und forscher trennen? mit recht ist er in der frischen trauer um 
seinen abschied vor vierzig jähren von Martin Hertz als ganzer mann 
geschildert worden, in dem die wissenschaftliche arbeit innig ver- 
flochten war mit dem sittlichen streben, die pietätvolle darstellung 
der trefflichen biographie von Hertz wird an verschiedenen punkten er- 
wünschte bestätigung, beleuchtung, ergänzung durch diese freundes- 
briefe finden, in denen doch auch das wissenschaftliche interesse Lach- 
manns, unmittelbar an seinen eigenen und mittelbar an den arbeiten 
des freundes, oft genug ausdruck findet. 

Einige worte über den freund wie über geschichte und art der 
freundschaft der beiden männer vorauszuschicken, wird zum vollen Ver- 
ständnisse der briefe nötig sein. 

Friedrich Lücke, geboren 24 august 1791 in Egeln bei Magde- 
burg, gestorben 14 februar 1855 als abt, consistorialrat und professor 
der theologie In Göttingen, ist vor zwei jähren aus anlasz seines be- 
vorstehenden hundertjährigen geburtstages von mir in einem besonderen 
lebensbilde^, das für ihn noch fehlte, geschildert und der gegenwart ins 
gedächtnis gerufen worden, aus den mir anvertrauten reichen Lücke- 
sehen briefschätzen habe ich sodann mit gütiger beihilfe der Verwalter 
des Grimmschen nachlasses bei der königlichen bibliothek zu Berlin den 
briefwechsel Lückes mit den brüdern Grimm, nebst allerlei zugaben 
und Zusätzen', dem lebensbilde nachgeffigt. auch im Grimm -Lücke- 
schen briefwechsel tritt Karl Lachmann als gemeinsamer freund wieder- 
holt auf und gegen den schlusz in den vorgrund. einige sätze aus drei 
briefen Lachmanns vom jähre 1838 sind dort bereits auszugsweise ab- 
gedruckt worden, wie unten bei diesen briefen näher vermerkt ist. auf 
beide Schriften darf, wer dem hier zu gründe liegenden Verhältnisse 
näher nachgehen will, verwiesen werden. 

Nach besuch der domschule zu Magdeburg unter Gottfried Bene- 
dict Funk, der seine schüler in gleichem masze theologisch und philo- 
logisch anzuregen verstand, und seit 1810 der Universität Halle, bezog 
Lücke ostern 1812 die Georgia Augusta zu Göttingen, um sich weiter 
vorzubilden für die lanfbahn eines akademischen theologen. besonders 
hatte er die historisch-philologische seite der theologie, kirchengeschichte 
und exegese des neuen testamentes, als gebiet seiner arbeiten erwählt, 
er traf in Göttingen bald zusammen mit Christian Karl Josias Bunsen 



* Friedrich Lücke (1791—1855), abt zu Bursfelde und professor der 
theologie zu Göttingen, lebens- und zeitbild aus der ersten hälfte des 
Jahrhunderts, mit Lückes bildnis nach dem gemälde des prof. Karl 
Oesterley. 

' F. Lückes briefwechsel mit den brüdern Grimm, mit erläuternden 
zugaben und Zusätzen. — Beide bücher 1891, Hannover-Linden bei 
Carl Manz. 



248 Briefe Karl Lacbmanns an Friedrich Lficke. 

und Karl Konrad Wilhelm Laehmann, deren Studien, obzwar beide 
schon damals von der theologie zur philologie übergegangen waren, mit 
den seinigen sich nah und nächst berührten, um Bunsen und Laeh- 
mann fand wohl Lücke schon einen engeren kreis von freunden ge- 
schart, dem u. a. die dichter Wilhelm Hey aus Gotha und Ernst Schulze 
aus Celle, der Jurist Karl Reck aus Grene i. Br., der theolog Ludwig 
Abeken aus Osnabrück angehörten, bald stand mit jenen beiden Lücke 
im mittelpunkte des jugendlichen bundes. das haus, in dem Bunsen, Lach- 
mann, Lücke jähr und tag zusammen wohnten, das sog. alte hospital, 
erstes haus rechts am walle, wenn man die Stadt durch das Geismartkor 
betritt, war dessen hauptquartier. recht in blute trat das schöne gemein- 
schaftsieben im jähre 1813 unter dem brausenden lenzwehen der Wieder- 
geburt des Vaterlandes. Lücke war damals bereits repetent der theo- 
logischen facultät (1813—16), Bunsen und Laehmann unterrichteten als 
hilfslehrer am lyceum, während alle drei die akademischen Studien eifrig^ 
fortsetzten, allmählich traten der in Bunsen ihr haupt verehrenden ge- 
sellschaft noch bei die beiden Gothaner Jacobs und Agricola, mediciner 
und Jurist; der Hildesheimer Clemens Klenze, Jurist; der Braunschweiger 
philolog Krüger, die Franken: Fischer, Seuffert, Juristen, und Ullrich, 
theolog und philolog; endlich als einer der bedeutendsten^ der nament- 
lieh mit dem triumvirat Bunsen- Lachmana-Lücke sich engstens be- 
freundete, der Philosoph und philolog Chr. A. Brandis. wiefern der kreie 
förmlich geschlossen war, ist nicht unbedingt zu sagen, manche andere 
junge männer haben ihm näher gestanden oder in weiterem sinne an- 
gehört, wie z. b. der spätere geschichtschreiber der philosophie Heinrich 
Ritter, doch liest man in den briefen jener jähre von einem schwüre 
der eigentlichen bundesbrüder, der kaum anders als förmlich und wört- 
lich zu deuten ist. er hatte offenbar den Inhalt, dasz man gelobte,' 
alle kräfte dem vaterlande und gotte zum dienst in der Wissenschaft 
zu weihen, tod allem gemeinen, liebe und pflege allem edlen, an- 
spannung aller geistigen kraft zum aufschwung über das gewöhnliche 
mittelmasz der menge: das waren die ideale, denen man nachgieng. 
dasz auch die frauenliebe, wo sie eines der jungen herzen ergriff, damit 
in einklang stehen, diesem idealen schwunge erst die volle weihe geben 
müste, galt in Dantischer art als feststehend; die jungen bränte wurden 
mit hinein gehoben in die idealweit der jüoglinge und in ihre frennd- 
schaft verflochten, schön spricht Lücke von diesem jugendleben in der 
Zueignung seines commentares zu den briefen des Johannes (2e aufläge), 
die hier als classisches zeug^is stehen möge, da sie unten im briefe XV 
eine rolle spielt: 

Herrn professor dr. Lachmann in Berlin. 
Lasz Dir, mein geliebter freund, statt der gewöhnliehen vorrede an 
das publicum diese Zeilen freundschaftlicher weihung gefallen! Du liehet 
vorreden weder zu lesen, noch zu schreiben, und ich weiss diesamahl 
dem publicum nichts weiter zu sagen, als das« ich fleiszi^nnd gewissen- 
haft an dem buche nicht blosz gelängert, sondern auch gebessert 
habe, und dasz ich wünsche, es möge so nicht bloss nachsieht nnd hej- 
fall unter den kennern finden, sondern auch vor allem aar fördening 
der christlichen kirche auf ihren geraden und richtigen wegen 
sein bescheidenes tbeil beytragen. ja auch diess wenige versteht sich 
eigentlich von selbst. — Dir aber verlangt mich zu sagen, wie Deine 
und des anderen freundes erheiternde gegenwart vor kurzem mich von 
neuem recht lebhaft an die schöne zeit erinnert hat, wo wir mit Bansen 
und Brandis, mit Reck, Klentze und £. Schulze im engeren kreise hier 
zusammenlebten und bey aller Verschiedenheit der Charaktere, talente und 
berufsweisen mit gleicher begeisterung für die Wissenschaft dem gemein- 
samen ziele zustrebten, es war zugleich die grosse seit der heroischen 
erhebung und der geistigen erquickung und Verjüngung unsere volkes 



Briefe Karl Lachmauns an Friedrich Lücke. 249 

durch die kraft des christlichen (i^eistes. mir ist beydes nnvergeszlich 
nnd unzertrennlich, gleichsam ein doppelter frühling oder, wie man 
am Rhein von einem vollen herbste spricht, der selten sej, ein voller. 

— Wenn ich nun in diesen erinnerungen aus jenem kreise vorzugsweise 
Dir diese schrift zueigne und Dir sogar zumuthe, sie zu lesen, so ge- 
schieht diess nicht blosz, weil ich immer eine theologische, ich meine 
eine lebendig christliche ader an Dir entdeckte, welche selbst durch 
das starke kritische und philologische geäder, womit Dich der liebe 
gott begabt hat, sichtbar durchschlug, sondern besonders, weil wir in 
der letzten zeit durch Deine ausgäbe des neuen testaments auch in 
unseren Studien einander so viel näher gekommen sind, das verdienst 
ist dabej ganz auf Deiner seite; ich habe Dir nichts entgegengebracht, 
aber wir verdanken es wohl beyde gern dem groszen manne, dem 
seligen, der durch die macht seines geistes wohl allein im stände war. 
Deine kritische gäbe, die schon ihre zwey gebiete hatte, auch noch für 
ein drittes, entfernteres, — für den dienst am evangelium zu gewinnen, 
seitdem beschäftige ich mich fast täglich mit Dir in Deinem buche, 
rechne Deiner allzu verschwiegenen kritik fleiszig nach, und fühle mich 

— ich mag zustimmen oder widersprechen — immer von neuem durch 
Dich angeregt für die kritische Seite der neutestamentlichen exegese. 
was ich Dir hiemit zum danke dafür weihe, ist keine entsprechende 
gäbe, ich weisz, commentare waren Dir immer etwas lästig, nnd unsere 
Geologische art, wie sie nun einmahl ist, ist eben nicht für den streng- 
philologischen geschmack, den Du Dir mit recht nicht gerne verderben 
lassest, aber ich weisz auch, dasz, während Du Dich diplomatisch 
kritisch mit den werten und buchstaben der heiligen schrift beschäf- 
tigt hast, der heilige geist und sinn, der darin lebt. Dich nicht un- 
angeweht gelassen und nicht verschlossen gefunden hat. und so darf 
ich hoffen, dasz Du die schrift eines freundes nicht verschmähen wirst, 
welche es versucht, den geist und Zusammenhang der tiefsinnigsten 
bücher des neuen testaments etwas mehr aufzuschlieszen und zu ent- 
wickeln als bisher, hast Du Dich einmahl unter die theologen gewagt, 
so must Du auch leiden, dasz man Dich theologisch ehrt. Dein theolo- 
gisches geschieh und verdienst hat Dir schon in allem ernste einen ruf 
als Professor der theologie zugezogen, fährst Du so fort und gibst uns 
erst Deine gröszere ausgäbe des neuen testaments, wer weisz, was ge- 
schieht, der doctor der theologie kann nicht ausbleiben, nimm es für 
scherz, den Du auch mitten im ernste verstehst, aber den ernst ver- 
stehst Du doch auch unter dem scherz, und der ist dabey gar schön, 
nemlich ein erfreuliches Vorzeichen mehr jener zeit, wo die falsche zünf- 
tigkeit in der Wissenschaft und kirche aufhören und das heilige wort 
in immer reinerer gestalt und lebendigerer auslegung allgemein verehrt, 
geliebt und gelebt werden wird, die zeit ist noch fern, und viel kämpf 
steht noch bevor mit zünftigen, gleichgültigen, falsch eifrigen und feind- 
lichen, aber lasz uns festhalten mit einander wie am gebete, so an 
der hoffnung, dasz das reich gottes auch in diesem sinne je länger je 
mehr zu uns kommen werde! 

Göttingen, den 7 mal I8d6. Lücke. 

Im selben sinne und noch eingebender spricht Lücke über das leben 
des schönen jngendbundes und beidemal mit besonderem bezug auf 
Lachmann in seinem aufsatze über Martin Hertz, biographie Lachmanns 
in den Göttinger gelehrten anzeigen (1861, stück 204 und 205) und in 
der Zuschrift, mit der er 1852 dem freunde ßunsen die zweite aufläge 
seines 'Versuchs einer vollständigen einleitung in die Offenbarung des 
Johannes' (Bonn 1852) widmet, jene anzeige habe ich, weil gegenständ 
eingehender ausspräche zwischen Jacob Grimm und Lücke, in den zu- 
gaben zum Grimm-Lückeschen briefwechsel wieder abdrucken lassen 
(a. a. o. s. 113 ff.); diese habe ich im lebensbilde Lückes (a. a. o. s. 41, 42) 



250 Briefe Karl Lachmanns an Friedrich Lücke. 

benutzt und teilweise angeführt, gemeinsamer wissenschaftlicher gmnd- 
zug der verbündeten war nach dieser quelle das cufi9iXoXoT^v , das 
sich auch in die verwandten einzelströme des cufi(piXoKaX€tv , des ai|i- 
q)iXocoq>€lv, des cuv9€oXoT€lv maszgebend erstreckte, und dem in der 
grundstimmung des gemütes das cuv€v6oucid2l€iv entsprach. 

Wie man sich allmählich am ufer der Leine zusammengefunden, 
so verliesz seit 1814 und 15 ein freund nach dem andern die Georgia 
Augusta. Bunsen und Brandis schlössen sich B.G.Niebuhr an und weilten, 
als Lachmann im herbst 1815 aus Frankreich heimkehrte, das er als frei- 
williger Jäger, zu seinem leidwesen ohne persönliche teilnähme am kämpfe, 
durchzogen, in Berlin. Lachmann folgte ihnen dahin und machte sich durch 
die im Spätherbst 1815 bestandene wissenschaftliche prüfung für daa 
höhere lehramt wie durch die im april 1816 geschehene habilitation an 
der Berliner Universität in Preuszen heimisch, innig schlosz er sich schon 
damals an Schleiermacher an, dem er durch seinen wissenschaftlichen, 
strengkritischen ernst, gleicherweise auch durch seine heitere laone 
und sein scherzendes geplauder bald besonders lieb ward, auch Lftcke 
ward durch seine bewunderung für Schleiermacher im mal 1816, als 
seine repetentenjahre abgelau^n waren, nach Berlin gezogen. Die ent- 
gegenstehenden bedenken, namentlich auch der braut in Grossbodangen, 
zu überwinden halfen die dringenden zureden der drei Berliner freunde. 
aus einem briefe Lachmanns, der unter den aufbehaltenen fehlt, f&hrt 
Lücke am 24 märz 1816 die bezeichnenden werte an: ^sage Henrietten 
[Lückes braut] von mir, sie solle mir und uns andern zürnen, wie man 
dem Schicksale zürnt, wenn es uns durch leid zur freude fuhrt.' als 
Lücke am 14 mai 1816 in Berlin eintraf, fand er dort Bunsen nicht 
mehr; er hatte ihn auf der durchreise nach Paris um den 20 mära in 
Göttingen gesprochen, dagegen empfiengen ihn mit alter freundschafi 
Brandis und Lachmann, zwei schöne monate verlebte der ankömmling 
mit ihnen in Preuszens hauptstadt, während deren er am 15 jnni die 
würde eines theologischen licenciaten und privatdocenten erwarb und 
durch die freunde bestens im akademischen kreise und namentlich bei 
Schleiermacher eingeführt ward, durch Lachmanns abgang nach Königs- 
berg löste sich das kleeblatt mitte juli auf; noch im selben monate 
reiste auch Brandis nach Italien ab, um Niebuhr als gesandtschafts- 
secretair zur seile zu treten. 

Von da an war den freunden Lücke und Lachmann längere« 
weilen an einem orte nicht mehr beschieden, doch haben sie sich noch 
ziemlich oft wiedergesehen; teils in Göttingen, wohin Lachmann anaaer 
Lücke auch sein lehrer in der germanischen philologie Beneeke, von 
1829—37 die brüder Grimm und von da an Heinrich Kitter zogen, teils 
in Berlin, wohin Lücke auch später, nachdem Lachmann (1885) dorthin 
zurückgekehrt war, sein weg noch öfter führte, von dem brieflichen 
verkehre zeugen unter den folgenden 25 aus der zeit seit 1816 die letiten 
neunzehn, die ersten sechs darunter trafen Lücke noch in Berlin, wo 
er, zuletzt als anszerordentlicher professor, bis herbst 1818 weilte. 
dann kam er als Ordinarius für kirchengeschichte und exegeae an die 
neue Kheinuniversität nach Bonn, der er neun jähre angehörte, herbst 
1827 folgte er in gleicher eigenschaft dem rufe nach Göttingen, wo er, 
nebenher zum titularen, zum wirklichen consistorialrate, zum abte Ton 
Bursfelde erhoben, bis an sein ende, 14 februar 1855, verblieb, wie 
tief das jähr 1837 mit seiner akademischen krisis und das jähr 1840 
mit Otfried Müllers tode in Lückes inneres leben eingriff, habe ich bei 
herausgäbe seines briefwechsels mit den brüdem Grimm näher dar- 
gelegt, auch einige der folgenden briefe (XVII — XXIII) beschäftigen 
sich damit. — Sehr wahrscheinlich oder geradezu sicher ist, dass die 
nachfolgenden 25 briefe nicht die einzigen sind, welche Lachmann dem 
freunde schrieb; die lange pause von 1817—31 erklärt sich nnr dnrch 
den Verlust der damaligen briefe. 



Briefe Karl Lachmanns an Friedrich Lücke. 251 

I. 

Braunschweig, 26 mai 1814. 
Mein theurer Lücke! 
Schnelle antwort auf Bunsens hrief, den ich heute erhalten, erfo- 
dert Deine bevorstehende reise, ich hatte auf jenen brief sehnlich ge- 
harrt, eben weil ich einen dieses oder ähnliches inhalts nicht erwartete, 
aber wünschte, an das, was mir Bunsen so liebevoll anbietet, hatte 
ich freilich nicht gedacht: ich stehe keinen augenblick an, es von ihm 
anzunehmen, ich bin vor entzücken über die ganze sache ausser mir. 
ich werde wieder mit Euch geliebten freunden leben I' schade, dasz 
ich meinem vater nichts davon sagen darfl er würde nicht am erfolg 
zweifeln, — denn er hofft immer zu sehr — aber ihm den delicaten 
punkt der sache, den noch dazu Bunsen verschwiegen haben will, be- 
greiflich zu machen, achte ich für unmöglich, (er hat mich ein paar- 
mal ermuntert, briefe an Euch zu frankiren, was wir nun einmahl 
nicht eingeführt haben, — um Euch bei guter laune zu erhalten.) willst 
Du nun an meinen vater schreiben — gut; ebenso gut, wenn Du nur 
an mich schreibst; mir lieber, weil dann doch auch etwas für mich in 
dem [Deinem?] briefe vorkommen wird, was meinem papa vorgeworfen 
werden soll? erst meinte ich, man könnte die mögliche Zukunft anti- 
cipiren und mich etwa Reck^ ignorirend für Stapeltons licht- und 
faokelvorträger ausgeben, aber mein herr vater würde das glück seines 
söhnleins herumerzäblen und dann die lüge an den tag kommen, so 
scheint mir das beste, dasz Du mich auf federst, nach Göttingen zu 
kommen, wo ich leicht von stunden, die Ihr mir ausmacht und die sich 
leicht noch mehren könnten (natürlich von der mübseligkeit, die das 
haben kann, auch nicht ein wort, denn das würde sogleich aufgefaszt) 
leben könnte; dabei sprich von den wirklichen hoffnungen, die Du ge- 
trost etwas näher und gewisser setzen kannst als sie sind — nur um 
gottes willen so, dasz Ihr alles selbst und allein thut (was ich denn 
schon durch Bunsens und Astors^ Verhältnisse zu erklären wissen will) 
— sonst wird sogleich wieder der unglückliche Heeren bombardiert, 
dasz (so) ist meine meinung, gern weiche ich der besseren, nur sorge, dasz 
alle schon erwähnten anstösze vermieden werden und dasz hier in 



' über Lachmanns gezwungenen aufenthalt im vaterhause zu Braun- 
schweig vom herbst 1813 bis gegen pfingsten 1814, wo er nach Qöt- 
tingen zurückkehrte, berichtet auch Hertz (biographie, s. 13). dasz 
die frage nach dem lebensunterhalte an dieser Unterbrechung der Stu- 
dien wesentlichen anteil gehabt habe, konnte man schon aus dem 
ganzen zusammenhange vermuten, dieser brief macht es gewis und 
zugleich, dasz durch Bunsens und Lückes freundliche hilfe, sowie durch 
Lachmanns dem jungen Engländer Stapelton, Karl Recks Zöglinge, er- 
teilten Privatunterricht, besonders über Herodot, die rÜokkehr in die 
glücklichen Göttinger Verhältnisse ermöglicht ward. 

^ Karl Reck aus Grene bei Gandersheim, später auszerordentlicher 
beisitzer des sprucbcollegiums der juristischen facultät zu Göttingen 
unter dem titel assessor, hatte schon unter den Jugendfreunden den ruf 
eines barocken Sonderlings, seine neigung zu tiervergleiehen wird öfter 
erwähnt, von Lachmanns spöttischem, kritischem blicke pflegte er zu 
sagen: der hellblonde blickt in die weit, wie die Spitzmaus aus der 
hede. spater überwucherten seine Schrullen den tüchtigen kern dergestalt, 
dasz er als greis den spott der straszenjugend herausforderte, er hat 
bis in sein neuntes Jahrzehnt in Göttingen gelebt. 

^ aus Bunsens leben, englisch beschrieben von seiner gattin, deutsch 
bearbeitet von Nippold (Leipzig, 8 bände 1868 — 71), ist bekannt, dasz 
er einige zeit als mentor des reichen Deutschamerikaners Astor fungierte. 



252 Briefe Karl Lachmanns an Friedrich Lücke. 

Braunschweig keiner auf den gedanken kommen konne^ mein vater er- 
halte mich in Göttingen, denn über meinen langen aufenthalt dort haben 
schon längst übelwollende gelästert und von grossen geldkosten ge- 
sprochen, die mein vater haben müsse — leider hat er sie nichtf — 
So viel von dem Scheinbriefe, mein guter Lücke, su dem Da Dich ao 
gefällig erboten hast, ich selbst werde sehr bald kommen, vielleicht 
noch in der pfingstwoehe in Eurer abwesenheit, und xwar dämm: am 
Sonnabend vor pfingsten läuft der termin ab, wo der ansgang der Oldb. 
Sache beim Stadtrate gemeldet* und ich dann ordnungsmässig einrangiert 
werden soll, der termin ist zwar wohl nicht so peremptorisch, auch 
mein vater nicht willens, ihn genau zu beobachten, doch mutz dann 
bald nachher die anzeige geschehn, — und geschähe dann wohl am beste» 
kurz vor meiner abreise, zu Vermeidung aller etwanigen weitlftaftig- 
keiten und doch noch mit leidlich gutem scheine, weil dann doch wahr- 
scheinlich citation erfolgt, so wäre es doch wohl besser, wenn Da am 
meinen vater und nicht an mich sehriebest, dein brief würde dann hin- 
reichen, alles zu beendigen, da es doch grausam ist, einem mensehea 
sein brot zu entziehen. 

Und nun, lieber Lücke, glück zur reise! an Bunsen schreibe ich 
nach Gotha.* dumm, dasz ich wegen meiner schrift nicht schon lange 
an Becker gedacht habe — gut für das buch, da ich onterdesa rielea 
besser gemacht und nun noch besser in Göttingen machen werde. — 
Ich weiss nicht, wie Dir danken und Bunsen für Eure liebe, wie Ihr am 
mich denkt und auch zuweilen statt meiner, jetzt noch abwesend, bald 
wirklich — o freudel umarmt Dich Dein 

K. Lachmann. 

* Ich lese doch recht in seinem briefe, er reise schon am freitage 
ab. habe ich falsch gelesen, so kann ich hier auf dem rande ni^t 
sagen, was ich alles an ihn bestellt haben wollte. 

Aufschrift: an herrn repentent (so) Lücke in Göttingen. 



U. 

Göttinnen, october 2. 1814. 
Blosz ein geschäftsbrief, bester Lücke — alles übrige wird in den 
sinn [?1 genommen, damit nichts heiliges verdorben werde durch einen 
brief, der nur der gestern fertig gewordenen Dissertatio de critica in 
Tibnlli carminibus recte instituenda gleichen könnte, sie wird togleieh 
mit diesem briefe an Schütz^ geschickt, was ich von dem einliegenden 
briefe gelesen (er ist erst gestern früh gekommen), erfodert eine achnelle 
antwort von Dir. — Am Sonntag abend, fast zu einer stunde mit mir. 



* von der Oldenburger [?] sache und der meidung bei dem Braon- 
Schweiger Stadtrate spricht Herta nicht auch die vom herrn geheimen 
rate Hertz mir gütigst mitgeteilten aufzeichnungen von Bansen, Brandis, 
Krüger, Ullrich, Lücke, die seinen angaben zu grnnde lagen, enthalten 
nichts darüber, nach der ganseu Sachlage wird man an ein geaach 
Lachmanns um eine lehrerstelle in Oldenburg und nach dessen voraoa- 
gesetztem miserfolge an einstellung seines namens in die liste dar 
candidaten des Stadtministeriums zu Braunschweig an denken hmben. 
in jener zeit hielt Lachmann seinem vater zuliebe die einsige predigt 
seines lebens. 

^ es handelt sich hier um erwerbung des doctorgrades (vgl. Herta a. 15 
u. 16). aus den aeten der philosophischen faenltät su Haue teilt Herta 
mit, dasz Lachmanns specimen, welches verloren an sein scheint, dieaer 
durch den hofrat [Christian Gottfried] Schütz vorgelegt und empfehlen 
ward, das doctordiplom ist vom 22 october 1814 aasgestellt. 



Briefe Karl Lachmanns an Friedrich Lücke. 253 

kam Niemeyer. ^ ich, leider auf Wunderlichst geheisz, ging am andern 
morgen hin. die stellen sind noch nicht gewisz, und nicht am paedago- 
giom (das hat W. gelogen), sondern am waisenhause; die ich haben 
sollte, trägt höchstens 150 thaler nebst freier Station ein; elementar- 
olassen, mit inspection über 12 — 22 mann, natürlich habe ich sie aus- 
l^eschlagen. Niemeyer hat mir versprochen, auf mich rücksicht zu 
nehmen, wenn am paedagogium stelle erledigt würde, was bald geschehen 
könnte, die andere stelle (100 thaler) wird wohl Pockels bekommen, 
ich habe mich nicht enthalten können, Niemeyer zu sagen, man würde 
ihm hier wenige empfehlen können, well mir Wunderlich selbst gesagt, 
das Seminar sei schlecht; niemand schreibe latein ohne grammatische 
fehler, ich habe Wunderlich noch nicht wieder gesehn. — Das folgende 
steht in diesem briefe nur als Chronikennachricht : am 27n abends kam 
Abeken*^ und reiste 29n morgens schon wieder weg nach Gotha, Budol- 
fltadt, Berlin, an demselben morgen reiste Höpker ab, und so bin ich 
mit Laar ganz allein; denn Mitscherl.*^ wird nicht gerechnet — frei- 
lich ist er oft genug bei mir, gestern abend war die rede von predigten, 
er geht morgen fort, warum Klenze weder kommt noch schreibt, weisz 
ich nicht. — Am SOn abends erschien Döleke^', und nach einerlangen 



^ der berühmte kanzler August Hermann Niemeyer, mit Knapp 
director der Franckischen Stiftungen und damals rector der Universität 
halle, auch von diesen Verhandlungen schweigen die in anmerk. 4 zum 
vorigen briefe erwähnten quellen. 

> Ernst Friedrich Karl Wunderlich (1788->1816), seit 1808 auszer- 
ordentlicher professor der philosophie an der Universität Göttingen, galt 
neben Ludolf Dissen (1784 — 1837), der 1818 von Marburg in gleicher 
eigenschaft nach Göttingen zurückgekehrt war, gegenüber dem zuletzt 
etwas veralteten Heyne (1729 — 1812) und seinem schüier Christoph 
Wilhelm Mitscherlich (1760—1854) als Vertreter der jüngeren philologie 
im geiste Friedrich August Wolfs, die scharfe bezeichnung seiner un- 
genauen angäbe ist bezeichnend für den genauen Lachmann, wie ihn 
die freunde nannten, die weiter genannten namen bezeichnen mit- 
glieder entweder des philologischen seminars oder der von Bunsen, 
Lachmann und ihren freunden daneben gestifteten Societas philologica, 
deren ehrenmitglieder die professoren Dissen (vorsitzer) und Wunder- 
lich waren, beiden gemeinschaften gehörte auch Lücke an. 

'® Ludwig Abeken, jüngerer bruder des damals in Rudolstadt an- 
gestellten Beruh. Rud. Abeken, wo er lehrer am Kölnischen, 1820 pro- 
fessor am Joachimsthalschen gymnasium ward, später mit Lücke und 
Klenze in Berlin (vgl. brief IX). 

*' ein Mitscherlich als mitglied des engern Vereines aus dessen spä- 
terer zeit wird auch von Bunsen brieflich erwähnt, nach dem lebens- 
abrisz von Ladenberg in der allgemeinen deutschen biographie befand 
sich damals der berühmte Chemiker Eilhard Mitscherlich, des professors 
neffe, in Göttingen, der ursprünglich auch philologie und orientalia stu- 
dierte, ob er hier gemeint sei, stelle ich dahin, die abfertigende er* 
wfthnung wäre einem schon halb abgefallenen philologen gegenüber aus 
Lachmanns feder nicht unerklärlich. 

" Wilhelm Heinrich Döleke (1784—1827), zuletzt rector in Schleu- 
flingen, lebte bis 1812 in Göttingen, von da in Heiligenstadt, nachher 
in Hildesheim als gymnasiallehrer. eben damals hatte er heraus- 
gegeben: ^versuche philosophisch-grammatischer bemerkungen' (Leipzig, 
2 bände, 1812 — 14) und für Vaters Mithridates 'beitrage zur kenntnis des 
fiamojedischen' geliefert, nach den vorliegenden briefen Dölekes an 
Lücke und Lückes gleichzeitigen äuszerungen an seine braut war des 
letzteren Verhältnis zu Döleke ein weit wärmeres, sein urteil über ihn 
ein günstigeres, als der kritische freund anzunehmen scheint, ob dieser 



254 Briefe Karl Lachmanns an Friedrich Lücke. 

anecdotenlangenweile ging er gesterD morgen weiter nach Halberstadt. 
dasz Da auf seinen etymologischen brief nicht geantwortet, hatte er 
sich selbst so erklärt, Dn habest wohl nichts gefunden, dabei Hess 
Ichs und sprach noch dazu von vielen geschäften. er will einer armen 
familie helfen durch ein etymologisches Wörterbuch über Cornelius Nepos 
und meint, seine fragmentarischen witzspiele seien [etwa 4 silben fehlen] 
sehr nützlich (z. b. tendere, reivciv, deh [3 — 4 silben fehlen], tendo» 
sehne). 

Deinen bruder'* kenne ich zwar nicht; aber [Du weiset wohl] 
schon, warum ich ihn gern leiden mag. darum [bitte?] grüsse ihn von 
mir. auch Deinen va[ter wegen?] der hübschen kurzen, bestimmten 
briefe und Deine mutter wegen des: ^Du dummer junge' und nm man- 
ches andere, aber es ist wahr, dergleichen gehört nicht in diesen brief, 
also lebe wohl, ewig Dein 

K. Lachmann. 

Aufschrift: an den herrn repetenten Lücke (abzugeben bei bm. 

kaufmann Lücke) in Egeln. 

in. 

Dnderstadt ^^, den [datum abgerissen]. 

Lieber Lücke, ich schrieb Dir neulich sehr zur unrechten [8 — 4 
Silben abgerissen], da ungefähr eine stunde nachher die entseheidung 
von Han [3—4 silben abgerissen], seit dem 2 juni bin ich denn soldat« 
aber leider noch ohne uniform und ohne ezercirt zu haben, aber es 
soll schon kommen, übrigens bleiben wir vielleicht noch 4 wochen hier, 
nach andern nachrichten bis zum 15n. — Ich habe bewundem müssen 
in diesen tagen, wie mir gott nie die kleinste freude ohne schmerz 
vorher und v. v. gibt. — Es schreibt sich wunderlieh in einer fibel- 
riechenden posamentirstube unter allerlei gesprächen bei sonntags- 
besuche, wenn man soeben nach Seeburg spazieren will, nächstens 
ein mehreres; denn auch das versprochene kann ich diesmahl e [etwa 
6 Silben abgerissen], antworte mir nur erst auf das vorige [4 — 6 silben 
fehlen] alle von Deinem 

C. Lachmann. 

Aufschrift: an herrn doctor Lücke in Qöttingen, im alten hospitale 
am Geisniarthore. 

IV. 

Am 28n august 1816. 

Ich schreibe Dir, liebster Lücke, und meinen übrigen Göttinger 

freunden aus einer forme bei dem chAteau Brunelle, unweit der Stadt 

Nogent le Rotron, 10 stunden von Chartres, dem hauptquartier Blüchers 

und BUlows, vielleicht noch näher bei einer grösseren Stadt, aber ich 

hat schreiben wollen 'seiner' (familie), wage ich nicht an entscheiden, 
thatsächlich hatte Döleke damals mit sorgen zu kämpfen, seine heimat 
war Nienhagen bei Ualberstadt. 

*' Lückes vater lebte als kaufmann in Egeln; auch sein wenig 
jüngerer bruder Karl L. war kaufmann in Magdeburg, über die familie 
einiges nähere in meinem lebensbilde Lückes. 

^* über Lachmanns eintritt als freiwilliger fusajäger bei dem ersteo 
Eichsfelder jägercorps und den darauf folgenden unerquicklichen anfent- 
halt in Duderstadt, der noch den ganzen monat juni hindurch dauerte, 
bringt Hertz in der biographie (s. 21 ff.) das nähere unter mitteilnng 
der damals entstandenen gedichte Lachmanns, was dort auf s. 28 von 
einem besuche Lückes und Ullrichs in Duderstadt, wohin sie zusammen 
ritten, angedeutet wird, beruht auf brieflicher ersählung des letsteren, 
Professors Ullrich in Hamburg, über den der folgende brief zu ver- 
gleichen ist. 



Briefe Karl Tai^hmanna an Friedrich Lücke. 255 

habe keine karte, and die geographie, weisat Do, bab ich nicht er* 
fanden, es war mir tranrig, in Chartres weiter keine b[riefe als] einen 
Ton meinen altem zn finden. Ihr hattet [gewis mnsse?], die binreichte, 
nnd konntet denken, wie tbeaer mir hier in Frankreich, ob es gleich 
nicht nnter die wilden länder gebort, in gesellschaft von menschen, 
denen ich mein herz nicht ofnen kann, ein brief — ein ^ross von Kach 
Bein würde, die politische läge der dinge verstimmt mich noch dazu, 
wir, d. h. das 4e armeecorps, wir liegen nnn hier in cantonirnngs- 
quartieren nnd morgen werden für uns j&ger die freaden der Dader* 
Städter tbalwiese wieder angehen, niemand weiss, ob noch etwas vor- 
fallen werde, wobei wir gebraucht werden können, k&me morgen oder 
hesser heate ordre zam vorwärtsgehen und nicht ohne zweck — oder 
ordre zum rückmarsch nach Deutschland, — so würde ich Euch hente 
freadiger schreiben, aber so durch Frankreich zu laufen nm nichts 
nnd wieder nichts, bloss um darin ein wenig zu exercieren — was 
kann trauriger sein. — Auch diesmal, wie immer, soll ich kein reines 
gluck genieszen — und wenn man es recht genau ansieht, ist*s doch 
wohl so am besten. — Nur das tröstet mich, dass ich unsern Rhein 
von Coblenz bis Colin gesehn und das nette Brabant, und was man in 
2 tagen von Paris sehen kann, und eine halbe stunde lang den Apoll 
nnd die Venus. ^^ dasz ich vor dem Apollo wirklich meine andacht ver- 
richtete, kannst Du nicht glauben, weil Du bloss Euren Gtöttinger g/ps- 
abgusz kennst — aber wer das original gesehen hat, der kann es. vor 
den übrigen antiken, vor allen gemälden bis auf die transfiguration, 
die ich 5 minuten angegafft, bin ich fast mit versohlosznen äugen 
vorübergeeilt; ich hätte mich gern platt auf die erde gelegt und ge> 
weint, dasz ich von den herlichkeiten nichts sehen konnte, wer 4 wochen 
in Paris lebt und in einem so angenehmen bürgerhause als ich — der 
wird ein anderer mensch und kein schlechterer — er müszte denn selbst 
wollen, mir haf s wohl wenig geholfen. — Ich weisz aber gar manchen 
ort in Deutschland, wohin ich mich lieber zurückwünsche, und da soll 
ich nun hier von nichts und von niemand wissen — von Dir nichts, 
von Dir und Bedungen'^, meine ich, und von Dir und Qöttingen, Ja 
wer weisz, vielleicht gar von Dir und Greifswalde *^ oder dgl. laszt 

^^ von den hier genannten kunstwerken gehören der Apollon von 
Belvedere und die Verklärung Christi von Raffael gegenwärtig der Samm- 
lung des Vatican an, nur die Aphrodite von Melos, wenn doch diese 
gemeint ist, der des Louvre. damals waren auch jene schätze, mit 
denen von halb Europa, unter des bekannten Dominique Vivant Denon 
leitung in Paris vereinigt, schon Hertz (s. 29) berichtet, dasz Laoh- 
mann und seine kameraden mitte august die von Napoleon zusammen- 
geraubten knnstschätze in Paris noch vollzählig antrafen, dagegen bei 
deren zweiter anwesenheit im october die im zweiten Pariser frieden 
wirksam durchgesetzte rücklieferung in vollstem gange war. 

18 Lücke hatte Lachmann in Groszbodungen eingeführt, er war, 
wenn auch damals erst im stillen, verlobt mit Henriette Müller, ältester 
tochter des fabrikanten, späteren commercienrates Müller, der wenig 
jüngeren Schwester Laura, späteren gattin des professors und ober- 
appellationsrates Burchardi zu Kiel, galt Lachmanns zarte, freilich 
nach allen anzeichen nie zur rechten klarheit und zur ausspräche ge- 
langte neig^ung. Lückes Standquartier in Bedungen und das seiner ihn 
begleitenden freunde war das pfarrhaus des ortes, das der allgemein 
verehrte Superintendent dr. theol. Steinbrenner und seine gattin, ein 
geistig und gesellig regsames, kinderloses paar, bewohnten. 

>^ seit februar 1816 beschäftigte Lücke die aussiebt anf eine mit 
der pfarrstelle zu St. Jakobi in Qreifswald verbundene theologische 
Professur, die angelegenheit zog sich bis in den beginn des folgenden 
Jahres hinüber, ohne zu dem gewünschten ziele zu führen. 



256 Personalnotizen. 

mich doch wissen, wie Ihr lebt, Da — Du hattest mir doch sonst immer 
vielerlei zu sagen — Schulze, ich weisz doch, dasz er mich lieb hat, 
and ich wüszte ihn so gern glücklich — mein lieber Fritz Jacobs — 
unser ehrlicher vater Reck, der zu gut ist, darüber zu lachen, dasz mir 
jetzt nicht wohl ist, da ich seinen rath nicht gehört habe; aber das 
konnte ich nicht und möchte ich auch nicht gekonnt haben, es ist 
noch so mancher, von dem ich hören möchte, Ullrich'^ vor allen, und, 
die £uch doch wenigstens näher wohnen als mir, Bunsen und beide 
BrandisJ^ immer aber komme ich auf Dich zurück, das heiszt freilich 
besonders, was soll ich es leugnen? auf Bedungen, und auf das, warum 
es Dir und warum es mir lieb ist. 

Aber ich will diesen brief schlieszen — er mag wunderlich genng 
sein — und, mein unruhiges herz zu beschwichtigen, Hektors tod lesen. 
Lebe wohl. £wig Dein 

C. Lachmann. 

Addr. An den kgl. pr. freiwilligen fuszjäger L. bei dem 2n jäger- 
detachement des ersten schlesischen linieninfanterieregiments, gehörig 
zur 13n brigade des lYn armeeeorps. freiwilliger jägerbrief. 

Aufschrift: herrn doctor Lücke in Oöttingen. brief eines frei- 
willigen jttgers. 

<® Franz Wolfgang Ullrich (1795—1880), der spätere professor am 
akademischen gymnasium zu Hamburg, aus Bemlingen bei Würzbarg, 
war eines der jüngeren glieder des Göttinger bundes, 

1^ Bunsen und Chr. Brandis weilten damals in Kopenhagen. 



(1*.) 

PEBSONALNOTIZEN. 



CraeDiiiiDf eo f befftrderuiifeii« verteftsniifenf «nflselehaaBgCBt 

Andresen, dr. , Hugo, zum prof. der romanischen sprachen an der 

univ. Oöttingen ernannt. 
Delbrück, dr., ord. prof. der philol. an der univ. Jena, erhielt das 

comthurkreuz II cl. des Sachsen- Ernestinischen hausordens. 
Eucken, dr. hofrat, ord. prof. der philos. an der oniv. Jena, erhielt das 

ritterkreuz I ol. desselben ordens. 
Hamann, dr., Otto, zum ord. prof. der Zoologie an der univ. Göttingen 

ernannt. 
Hintze, dr., Karl, ao. prof. an der univ. Breslau, zum ord. prof. und 

zum director des mineral. museums ernannt. 
Körting, dr., Gustav, ord. prof. der akademie zu Münster, für roman. 

und engl, philologie an die univ. Kiel berufen. 
Papperitz, dr., Erwin, ao. prof. der technischen hoohschale in Dresden, 

als ord. prof. für höhere mathematik an die bergakademie na Frei- 

berg berufen. 
Reischle, dr., prof. am Karls- gymn. in Stuttgart, zum ord. prof. für 

prakt. theologie nach Gieszen berufen. 
Stahl , or., ord. prof. der botauik an der univ. Jena, erhielt das comthur- 
kreuz II cl. des Sachsen-Emestinischen hausordens. 



ZWEITE ABTEILUNG 

FÜB GYMNASIALPiDAGOGIK UND DIE ÜBRIGEN 

LEHEFÄGHER 

MIT AÜSBCHLUSZ DBB CLA8SI8CHBH PIIILOLOOIB 

HBBAUSGEGEBBN VON PROF. DR. HeRHANN MaSIUS. 



(15.) 

ZUR DI8CIPLIN DER HÖHEREN LEHRANSTALTEN. 

(fortsetzung und schlusz.) 



Das persönliche leben ist zunächst ein inneres und ent- 
ueht sich als solches der beobachtung und folglich der Überwachung. 
in die erscheinung tritt es als geberde, wort, that. dieses dreifache 
sitÜiche thun kommt aber aus dem gründe entweder des gemütes, 
oder der begierde, oder des willens ; es ist entweder ein gutes, d. h. 
gesetsmäsziges , der idee des guten , dem willen gottes congruentes, 
oder es ist ein böses, d. h. nicht gesetzmäsziges , der idee des guten, 
dem willen gottes widersprechendes, die erste art hat die schule zu 
billigen, zu behüten, zu stärken und zu fördern, d. h. Überwachung 
tu Oben in positivem sinne, zwecks erhaltung und mehrung; die 
■weite zu verwerfen, zu hemmen, zu unterdrücken, d. h. Überwachung 
sa üben in negativem sinne, zwecks ausrottung und ertötung. die 
erkennungszeichen des guten und des bösen persönlichen lebens 
Bfiher anzugeben, ist überflüssig; das tägliche leben malt sie zur ge- 
nüge und nicht selten mit in die äugen brennenden zügen vor. 

Die frage ist vielmehr nur: welche mittel und wege sind zu 
nehmen zu seiner Überwachung von Seiten der lehrer? 

Es gibt auch hier kein besseres, weil kräftiger wirkendes mittel, 
keinen sicherer zum ziele führenden weg, als die thätigkeit der 
lehrer innerhalb der schule. Sittlichkeit ist eine sache der über- 
zeagung , der freien persönlichen Selbstbestimmung und der darauf 
gegründeten gewöhnung; diese aber zu erzielen erheischt andauernde 
mühe, peinlichste Sorgfalt, demnach sagen wir: wenn für die Über- 
wachung des körperlichen lebens der schüler Unterweisung, für die 
des geistigen controle das zu empfehlende war, so ist es hier, auf 
dem sittlichen gebiete , seelsorge , wie sie sich treibt in wort und 
werk, in belehrung und zucht, aber getragen durch das vorleuch- 

N. Jahrb. f. phil. a. päd. IL abt. 1892 hft. 6. 17 



258 Zur disciplin der höheren lehranstalten. 

tende beispiel persönlicher sittlicher lebensführung. 'verba docent, 
exempla trahunt' ist wohl das geziemendste motto für jede erziehungs- 
kunst : worte sind gut und vermögen viel, aber ohne die beigäbe der 
kraft des beispiels sind sie die klingende schelle ; zucht ist aach gut, 
aber geübt von innerlich nicht berechtigten verbittert sie und schafft 
nur furcht; ins herz dringt nichts von ihrer wftrmenden, ihrer be- 
lebenden kraft, zumal nicht in die herzen der kinder, der Jugend; die 
will mehr sehen, als hören und fühlen, die sehnt sich nur nach dem 
werden und reckt sich an den erwachsenen in die höhe; das ist ihr 
edler, so anmutender, ihr idealer zug. aber wehe, wenn das vorbild 
ein verkehrtes, ein verderbtes ist, wenn es etwa ein von niedriger 
Selbstsucht geleiteter, vielleicht von gemeinen begierden aus einem 
rausche des Vergnügens in den andern uns tat umhergetnebener 
mensch ist. auch an solchen reckt sie sich in die höhe, aber zum 
lichte kommt sie nicht, darum: seelsorge, aber zumeist durch das 
beispiel eigner sittlich charaktervoller lebensführung. 

Solcher zur rechten zeit, am rechten orte geübten seelsorge 
wohnt eine grosze kraft für die erhaltung, Stärkung und förderang 
der kindlichen, der jugendlichen Sittlichkeit inne ; auch für ihre neu- 
belebung und wiederaufrichtung , wo sie gefährdet oder bis auf die 
Wurzel geschädigt ist; sie allein ist im letztem falle geeignet in das 
haus, in die familie einzudringen mit ihrer stimme; sie ist endlich 
allein auch berechtigt, wenn die harte notwendigkeit, etwa das ver- 
gehen unerlaubten Umgangs mit weiblichen personen, eine zu Öffent- 
lichem Skandal gewordene trunkenheit, oder das Zuchthaus streifende 
handlungen dazu zwingen, zu der rolle des richters aufzusteigen und 
das unwürdige glied der schulgemeinde auszusondern , um die noch 
heilen glieder vor schaden zu behüten. 

Wohl gebührt hier das amt vor allen dem religionsnnterricht 
und seinem lehrer, aber welcher College, welches colleginm wollte 
wähnen von seiner mitführung sich lossprechen zu können? wo 
solches geschähe, wo man diese lebensfrage der höheren lehranstalten 
in die band des religionslehrers allein legen , diese schwerste arbeit 
seinen schultern allein aufbürden wollte , wo man in thörichter Ver- 
blendung meinte, der Schwerpunkt für die thätigkeit der lehrer läge 
im vollstopfen der schüler mit allem möglichen wissenswerten , und 
die schulen degradierte zu drillanstalten vielleicht schädlichster art; 
wo man aus diesem geiste heraus den religionsunterricht erachtete 
als eine leider zu duldende beigäbe, ein fünftes rad am wagen, und 
danach behandelte ; wo man mit ostentation ihn in die sogenannten 
nebenfächer wiese, ohne einflusz für die gesamtbeurteilung des Schü- 
lers, für den Charakter der censur, für seine Versetzung; wo man ihn 
damit in den äugen des schülers aller schulischen bedeutung beraubte, 
da würden die religionslehrer nur unfruchtbaren acker pflügen, auch 
die redlichste arbeit gäbe keine frucht. 

Nein, wenn wir seelsorge an den schülern fordern, so thnn wir 
das und fordern sie mit ganzem nachdruck von Seiten des gesamten 



Zur dlsciplin der höheren lehranstalten. 259 

collegioms ; und hätte der einzelne College nicht den mut , nicht die 
kraft, nicht den willen, etwa weil seine Weltanschauung diesen bände, 
sein leben innerlich sittlich zu gestalten, so müste er doch den 
äuszem schein wahren, jede Verletzung der sittlichen lebensordnung 
streng meiden; das erheischt von ihm sein amt; er ist lehrer, er ist 
auch erzieher. heil der schule^ deren geist ein von der idee des sitt- 
lich-guten durchhauchter ist, deren collegium aus persönlichkeiten 
von sittlicher lebensrichtung besteht! der von einem solchen aus- 
strömende geist ist der geist kräftiger Selbstzucht; der aber macht 
alle Überwachung des lebens der schüler auszerhalb der schule leicht, 
ja unnötig: unter seiner pflege wachsen die jungen menschenpflanzen 
dem lichte der allein wahren, alle andere in sich bergenden, der sitt- 
lichen freiheit zu, d. h. der liebe zum guten. 

Wir kommen an das familiäre leben des Schülers, es um- 
faszt seine beziehung zu vater und mutter, oder deren Stellvertretern, 
und zu geschwistern. es äuszert sich als dankbarkeit und gehorsam 
gegen die eitern, als Verträglichkeit usw. gegen den bruder, die 
Schwester; es ruht auf dem gründe der liebe. 

Betreffs des 'wie weit' gilt auch hier: eine grenze ist gar nicht 
zu ziehen, die schule überwacht, d. h. hier^ hilft mit ganzer kraft, 
fördert die normale lebensäuszerung, hemmt und zerstört die gegen- 
teilige , und auch mit dem gleichen mittel der seelsorgerischen ein- 
wirkung. das recht aber irgendwelcher bestrafung steht ihr dafür 
nicht zu, es sei, sie wird ausdrücklich erbeten; auch nicht directe, 
unverlangte einmischung, wie häuslicher besuch in absieht derselben. 

Das gesellig-gesellschaftliche leben, gesellig zu leben 
ist eine für die Jugend normale erscheinung. der junge mensch ist 
ein noch in der entwicklung stehendes, noch nicht fertiges dasein; 
als im werden begriffen, noch nicht in sich abgeschlossen wird er 
leicht angezogen und noch leichter wieder abgestoszen , trägt noch 
zu wenig inhalt in sich und sucht ihn deshalb notwendig von auszen; 
er befriedigt dies bedürfnis auf die wenigstens für die meisten an- 
gemessenste weise, durch den verkehr, im Umgang mit den menschen ; 
wo dieses bedürfnis nicht zu tage tritt, da liegt der schlusz auf eine 
auszergewöhnliche , oder bereits tief geschädigte natur vor. und so 
ist zu sagen: die höheren lehranstalten haben das gesellige, von 
innerer normaler beschaffenheit zeugende und demnach in beziehung 
zur erziel ung des idealen menschen wenigstens nicht in Widerspruch 
stehende leben der schüler zu dulden, ja zu fördern. 

Aber wie weit? wir messen auch diese viel ventilierte und um- 
sprochene frage mit unserm kanon und sagen: so weit seine äusze- 
rungen in beziehung zum letzten schulzweck, zur erzielung der sitt- 
lich freien persönlichkeit stehen ; wirken sie fördernd, so sind sie zu 
billigen und zu unterstützen; wirken sie hemmend, oder gar zer- 
störend, dann sind sie zu misbilligen und zu unterdrücken. 

Die äuszerungen des gesellig-gesellschaftlichen lebens der schüler 
der höheren lehranstalten sind aber nach zwiefachem gesichtspunkte, 

17* 



260 Zur disciplin der höheren lehranstalten. 

nach dem des ^zwischen wem?' und dem des Velche?' za betrachten, 
beide sind mit dem gegebenen masze zu prüfen. 

Also : zwischen wem äuszert sich das gesellige leben der schttler 
xler höheren lehranstalten ? 

Dieselben verkehren entweder mit ihren mitschülem oder mit 
nichtmitschttlern , inclusive nichtschülern, gleichalterigen, jüngeren, 
filteren, reicheren, ärmeren usw. menschen, mit welcher altersstnfe, 
mit welcher menschenclasse ist ihr gesellig-gesellschafUicher Um- 
gang von Seiten der lehrer zu gestatten, zu fördern? mit welcher 
'ZU verbieten, wenns sein musz zu hindern? die antwort ist: mit 
jeder, je nachdem dieser Umgang ersprieszlich oder hemmend auf 
ihre heranbildung zu sittlich freien persönlichkeiten seinen einflosz 
ausübt, die höhere lehranstalt kennt nur eine art von menschen, 
vor denen sie ihre Zöglinge mit allem eifer behütet: das sind die 
notorisch sittlich schlechten, den armen, ich ziehe diesen aus guten 
gründen besonders hervor, macht sie nicht noch ärmer dadurch, dasz 
sie mit einem etwa unterschiedslosen verböte seine armut wie mit 
dem Stempel des Verbrechens bedrückt; freilich hat sie wiederum 
aus naheliegenden gründen ihr überwachendes äuge besonders fest 
auf solchen Umgang zu richten. 

Wenn aber einer ihrer Zöglinge in ofifenbar sittlich schlechte 
gesellschaft gerät, was hat von selten der lehrer zu geschehen ? der 
betreffende ist ernstlich zu warnen; fruchtet die wamung nicht, 
dann haben die bekannten instanzen mit dem hause durch mit- 
teilung behufs abhilfe in Verbindung zu treten; zeigt sich dieses in- 
different gegen das sittliche wohl seiner söhne oder vielleicht um 
des vornehmen Umgangs willen oder aus anderm gründe zu schwach 
und thöricht, die abhilfe zu gewähren, dann hat die schule von 
weiteren versuchen nach dieser seite abzustehen; sie treibt an ihrem 
Schützling ihr amt der seelsorge mit um so festerer treue weiter und 
erntet schlieszlich die gute frucht oder aber — kommt dieser end- 
lich zu fall, 80 greift sie mit ihrer strafenden disciplin ihn an; ist 
der schade so schwer, dasz wegen der andern seines bleibens nicht 
länger sein darf, dann wartet sie ohne gnade ihres amtes. der ge- 
sellige verkehr zwischen mitschülem auszerhalb der schule aber 
kann an den höheren lehranstalten einem verböte von selten der 
lehrer nicht verfallen; denn individuen, deren Umgang den mit- 
schülem von Seiten der lehrer zu untersagen wäre , darf die schule 
auch keine stunde lang in ihrem kreise dulden. 

Es fragt sich weiter : welches sind die äuszerungen des gesellig- 
gesellschaftlichen lebens der schüler der höheren lehranstalten? 

Dieses leben äuszert sich im gegenseitigen besuchen, gemein- 
schaftlichen spielen, baden, tanzen, in der beziehung zum weiblichen 
geschlecht, in Spaziergängen, Wanderfahrten, im besuch des Wirts- 
hauses, des theaters, in vereinen zwecks pflege der Wissenschaft, der 
kunst, in Verbindungen zu studentischem treiben, in dabs mit poli- 
tischen tendenzen. 



Zur disciplin der höheren lehranstalten. 261 

Was nun gegenseitiges besuchen anlangt, so ist das- 
selbe zu gestatten insoweit , inwieweit es weder den besuchenden 
noch den besuchten die gute erfttllung ihrer Schulaufgaben erschwert 
oder unmöglich macht, die sicherste Überwachung von Seiten der 
lehrer in dieser beziehung dürfte die gute controle der Schularbeiten 
sein, diese hat ja auch die Veranlassung zur mangelhaften leistung 
zu ermitteln und so stets die zügel für etwaige Übertreibungen, 
gegenseitiges aufliegen usw. in der band, stubenkneipereien , die 
vorwiegend in dem heim auswärtiger schüler ihre statte suchen wer- 
den ^ werden vermieden durch richtige ausübung des wohnungs- 
zuweisungsrechtes von Seiten des directors, und hätten deshalb das 
schulleben gar nicht zu beflecken, wenn solche aber zur künde der 
lehrer gekommen sind, so sind sie mit schweren schulstrafen zu be- 
legen; dem halter ist die pension zu entziehen. 

Die gemeinschaftlichen spiele, sie zerfallen in solche, 
welche der entwicklung körperlicher kraft und gewandtheit halber, 
wie ball- und turnspiele, gepflogen werden, und in solche, welche 
des Vergnügens, des gewinnes halber stattfinden, die erstem sind 
zu freiester und ausgedehntester ausübung zu empfehlen ; lieber ein- 
mal eine blutige nase, eine beule, einen arm- oder beinbruch, als sie 
erschweren oder gar verbieten; ihr segen für körper, geist und Sitt- 
lichkeit ist überströmend, specielle Überwachung von Seiten der 
lehrer halte ich nicht für wünschenswert, geschweige für erforder- 
lich, wo jungen spielen, da musz es wild hergehen können, unsitt- 
lichkeiten machen sich auf dem spielplatze nicht breit, zu denen 
bleibt schon keine zeit, die höheren lehranstalten haben nur die 
zum spiel einladenden, mit rasen bedeckten, mit bäumen bepflanzten 
platze zu beschaffen , welche , um feindlichen zusammenstöszen mit 
der andern Jugend vorzubeugen, von ihren Zöglingen allein zu be- 
nutzen sind, die etwa zu befürchtende beeinträchtigung der häus- 
lichen arbeiten entferne der lehrer wiederum durch das mittel guter 
controle; auch möchten hier Zeitfestsetzungen wohl am orte sein 
und alle bedenken beseitigen. 

Die gewinnspiele sind unter allen umständen wegen der 
groszen sittlichen gefahren, die sie für ihre liebhaber in sich bergen, 
zu verbieten, professionelle Spieler sind von der schule zu removieren. 
über häusliche besuche von Seiten der lehrer zu etwaiger auffindung 
von Spielmaterialien , wie karten usw. , selbst bei verdächtigen sub- 
jecten, urteile ich wie oben: der lehrer darf um seiner eignen Sitt- 
lichkeit willen nie Spionage treiben und auch in betracht seiner Stel- 
lung zu seinen schülern in den verdacht solcher nicht kommen; er 
büszt die achtung ein und damit die vornehmste bedingung sitt- 
licher einwirkung ; der auf alle fälle stets nur spärliche durch solche 
Spionage eingeheimste gewinn ist zu teuer erkauft; hier lasse man 
den krug zu wasser gehen , bis er zerbricht, dagegen eine über un- 
sittliche lebensführung seiner Zöglinge ungesucht ihm zufallende 
künde hat er zu beachten und jene nachdrücklich und mit allem 



262 Zur diBcipIin der höheren lehran stalten. 

ernst zu ahnden, dem hause gegenüber aber geziemt auch hier das 
verfahren der amtlichen benachrichtigung mit dem gesuch um ab- 
Stellung ; bei nichtbeachtung und fortsetzung oder im rückfall er- 
folgt bestrafung bis zur schlieszlichen entfernung. das spielen um 
geld ist unsittlich, die schule darf es an ihren schttlem nicht dulden. 

Das baden ist eine, mit der idee des sittlichen gemessen, 
gleichgültige handlung; sie kann jedoch zu verstöszen gegen die 
Sittlichkeit reizen und solche verursachen, vornehmlich als geselliges; 
die schaden können dann schwerster art werden; es musz deshalb 
der Überwachung an den höheren lehranstalten unterliegen, die taug- 
lichsten Überwachungsmittel dürfte eine schulbadeanstalt, unter ge- 
regelter aufsieht, auch hier mit festgesetzten zelten, sein, militär- 
badeanstalten zu benutzen ist den schttlem nicht zu erlauben: der 
casemengeist wird zu leicht auch hier laut; die worte werden in 
gegenwart der schüler nicht abgewogen; mit der reinigung des leibes 
füllen sich zugleich ihre seelen mit schlämm, privatbadeanstalten 
sind häufig, ähnlich den bahnhofsaborten, die ablagerungsstätten fttr 
den niederschlag gifthauchender poesien und deshalb, wo ihre be- 
nutzung für den schüler geboten ist, seitens der lehrer zeitweilige 
inspeotion der zellenwände vorzunehmen, bzw. remedur zu schaffen. 

Was das tanzen anbetrifft , so ist es eine kunst und zwar eine 
solche , die zur erzielung der sittlich freien persönlichkeit ihre gute 
Verwendung finden kann, bei den Griechen trug sie diesen idealen 
Charakter an sich; sie war die kunst der schönen bewegung des 
leibes, der förderung seiner Wohlgestalt, auch seines Wohlseins, so 
wäre es seiner idee nach mit in den bereich der Oberwachenden 
pflege von Seiten der höheren lehranstalten zu nehmen, in der 
modernen zeit aber ist es keine kunst; es ist nur ein mittel zn einem 
sittlich sehr fraglichen zweck, es dient zur leichtem annähemng der 
beiden geschlechter und damit zu einem geselligen verkehr hOchst 
versuchlicher art. tanzvergnügungen für männer mit mftnnem arran- 
giert würden wenig zulauf haben; der moderne mann tanzt nicht; 
die leidenschaft, die seine seele etwa bewegt, sucht andern ausdruck 
als den tanz; nur der wilde mensch, die urwüchsige kraft bedarf 
seiner, die heutigen tanzereien sind nur ein gesellschaftlicher be* 
helf ärmlichster, höchst versuchlicher art sie wären mit ihrem die ge- 
sundheit, die Sittlichkeit beider geschlechter arg bedrohenden wesen 
besser überhaupt nicht da. die höhere schule hat nicht die aafgabe 
ihre Zöglinge solchen gefahren preiszugeben ; sie that nnr ein gatea 
werk , hilft die allgemeine Sittlichkeit heben mit einem verböte des 
tanzens ihrer Zöglinge auf öffentlichen ballen, die zncht des leibes, 
gute haltung usw. besorgt jetzt an dem jungen mann zur genflge die 
allgemeine Wehrpflicht und das turnen; taugt er zum Soldaten nicht 
und nicht zum turner , dann ist der tanzboden erst recht nicht sein 
feld. die kinderbälle endlich sind einer der krebsschäden unserer 
zeit; die höheren lehranstalten haben ihren seztanem und quintanera 
usw. die teilnähme an solchen zu verbieten, anders liegt die sache 



Zur disciplin der höheren lehranstalten. 263 

des tanzen lernens. die schule hat es, um der gefahren für leib und 
seele willen , die es zur folge haben kann , nicht zu billigen und hat 
den Schülern die entsprechende motivierte kundgebung nicht vor- 
zuenthalten; weiter darf sie, da die gefährdung der Sittlichkeit 
immerhin nur eine mögliche, nicht notwendige ist, nicht gehen, 
gibt der schüler oder auch das haus diesem ihrem willensausdruck 
nicht räum, so hat sie gewähren zu lassen, erst eine für das schul- 
leben daraus hervorgehende Schädigung, übergrosze Zeitverluste für 
die häuslichen arbeiten usw. berechtigen und verpflichten zu hindern- 
dem einschreiten, dem verböte des Besuches der berüchtigten tanz- 
Stätten hat sie auch dem hause gegenüber unbedingte achtung zu 
verschaffen. 

um auch ein wort zu sagen über das Spazierengehen, so 
erheischt dasselbe für den geistig arbeitenden schüler die rücksicht 
auf sein körperliches Wohlbefinden; dasz er es in gesellschaft be- 
treibt, ist nicht verwerflich, ist nur zu raten und unter gewähr des 
dafür nötigen Spielraumes an zeit von Seiten der lehrer nur zu em- 
pfehlen, doch auch dieses kann zur sittlichen gefahr werden und 
damit die erzielung der sittlich freien persönlichkeit erschweren und 
durchkreuzen; es unterliegt deshalb der Überwachung, diese hat das 
vornehm thuende, stutzerhafte, blasiert angestrichene, flanierende, ein- 
zeln oder truppweise stattfindende herumstreifen auf promenaden, an 
bahnhöfen usw. vornehmlich ins äuge zu fassen und mit den mittein 
der Vorstellung, abmahnung, je nachdem durch stricten befehl, zu 
beseitigen. Spaziergänge am späten abend, zur nachtzeit, ohne beauf- 
sichtigende begleitung sind nicht zu gestatten und haben, wo sie 
zur kenntnisnahme der lehrer gelangen , scharfer Verweisung zu be- 
gegnen, im Wiederholungsfalle ernsten strafen. 

Schülerfahrten beliebigen Charakters sind durch begleitung eines 
lehrers oder eines geeigneten Stellvertreters stets zu überwachen. 

Was den besuch des Wirtshauses betrifift, so ist er ein 
sittliches adiaphoron; die sittlich freie Persönlichkeit kann neben 
ihm bestehen, dasz er aber gefahren gröster schwere in sich trägt, 
braucht nicht betont zu werden; die Verbrecher-, die Zuchthaus- 
Statistik liefert die traurigen belege, das Wirtshaus ist die hohe 
schule fürs verbrechen, die wahre brutanstalt fürs Zuchthaus, und 
wenn an unserer zeit schlimme krebsschäden zehren — einer der 
ärgsten , ein das deutsche volk bis zum tode vergiftender ist eben 
der wirtshausbesuch, und wenn er seinem begriff nach als mit dem 
leben der sittlich freien persönlichkeit noch vereinbar gedacht wer- 
den kann, so folgt doch für die Wirklichkeit daraus noch nicht das 
recht, zu jeder zeit ihn sich zu gestatten, eine solche zeit nun liegt 
jetzt auf unserm volke und schon jeder patriotisch fühlende mann, 
geschweige der mensch der sittlich freien Persönlichkeit, hat die heilige 
pflicht zu helfen, dasz dieser not wieder ein ende werde, wie soll es 
aber dazu kommen ohne die handreichung der hierzu berufenen, 
ohne ihr kräftiges, die schwächeren nach sich zwingendes beispiel? 



264 Zur disciplin der höheren lehranstalten. 

der gewohnheit-smSszige gebildete wirtshaasläufer ist mindestens mit 
schuldig und verantwortlich f(ir die sittliche notlage der zeit. 

Wie stellt sich nun die frage nach dem besuch der Wirtshäuser 
durch die schüler der höheren lehranstalten? wir sagen mit bemfong 
auf den schulzweck: schtller sollten überhaupt kein heimatsrecht im 
Wirtshaus haben 1 was mftnnern gestattet ist, ziemt nicht auch schon 
kindern, auch nicht den erwachseneren, der mann verträgt manches 
ohne Schädigung, was jene verdirbt, und in den Wirtshäusern gibts 
doch fürwahr manches , was auch den starken , scheinbar in sich ge- 
festeten mann herunterbringen kann und bringt, muste der höheren 
lehranstalt die pflicht zugesprochen werden, die ihr anvertraute jugend 
in ihrem körperlichen wohl zu behüten , das Wirtshaus mit seiner 
luft, mit seinem qualm begünstigt das nicht; gewährt die schule den 
schülem freie zeit zu körperlicher erholung , so darf sie nicht ge- 
wissermaszen eine prämie auf denkbar unzweckmäszigste ansnutsong 
dieser gewähr setzen durch erlaubniserteilung zum besuch des Wirts- 
hauses, war es eine ihrer vornehmsten aufgaben, den intellect ihrer 
Zöglinge zur sicheren entfaltung zu führen und deren wissenschaft- 
liches leben mit jedem mittel zu pflegen , das Wirtshaus mit seinen 
trivialitäten ist die statte dazu nicht, in ihm kann höchstens gründ- 
lich verwüstet werden, was die schule gepflanzt hatte, es macht 
niemanden gescheidter, zu wenigst den schüler mit seinem noch in 
der entwicklung begriffenen, sorglichster Schonung bedürftigen, von 
harter geistesarbeit oft schon ermüdeten gehim. man braucht sich 
nur, wie das nach den abiturientenkneipereien vorkommen kann, 
vor eine classe schüler stellen zu müssen nach einer hinter dem hier* 
gla's halb durch brachten nacht, — die Sprache der wamung kann 
nicht vernehmlicher, eindringlicher sein, war es endlich vornehmste 
und höchste aufgäbe der schule, sittliche menschen aus ihren Zög- 
lingen zu machen, das Wirtshaus ist die statte auch dazu nicht, das 
Wirtsbaus ist ein öffentlicher ort; der Verkäufer prüft für Verab- 
reichung seiner waren nicht erst, wes geistes kind einer ist. er 
hütet auch nicht die zungen, und was eine solche aus einer ga- 
meinen Seele und dazu oft in der hülle geistvollen witzes ausspeien 
kann, das ist männiglich bekannt, für den charaktervollen, seiner 
selbst sicheren mann hat das zur not keine gefahr, für schfllerobren 
ist es das gift, das kitzelt und das herz zum stillstand bringt, dämm 
gehören schüler nicht ins Wirtshaus, in keins, es sei welcher art ea 
wolle, auch nicht in 'anständige', was heiszt hier anständig 1 ein 
geschmackvolles kleid auf dem leibe , den beutel voll geld , schliff 
im benehmen und dazu die seele oft voll unflat, dasz es nur so 
überquillt, das ist für viele das, was 'anständig* heiszt« schüler ge- 
hören auch nicht in 'anständige' Wirtshäuser, weder inner- noch 
auszerhalb der stadt, auch nicht mit eitern und beschtttiem. für 
fahrten liegt die sache anders; da kann der begleitende lehrer 
schützende Vorkehrungen treffen, man weise die jagend vom Wirts- 
haus hinweg an den ort für ihre kraft, auf den tamplatz, xnm ball- 



Zur disciplin der höheren lehranstalten. 265 

spiel, in die freie luft, auf den grünen rasen^ und man dient ihr und 
dient der schule. 

Die erlaubnis zum besuch öffentlicher und von der guten gesell- 
Schaft ausschlieszlich besuchter gärten, zur tageszeit, mag man nach 
lust und belieben gewähren, die nähe der frauen weit verbietet sitten • 
loses geschwätz; der helle tag macht ausschreitungen im genusz un- 
möglich ; hier lerne der jugendliche gast auch die regeln des feineren 
benehmens, wenn er nicht das glück hat, aus einem hause von lebens- 
art zu stammen. 

Das haus hat sich in der frage des wirtshausbesuches den 
Satzungen der schule unweigerlich zu fügen, vermag es seine liebe 
zu falscher freiheit nicht zu vermindern und seinen kindern nicht 
zu versagen, was nur den männern gebührt, so mag es dieser frei- 
heit auch das schuldige opfer bringen und für seinen söhn einen 
lebensweg wählen, der ihm erlaubt, ihr ungezügelt zu dienen, die 
höhere schule hüte sich vor concessionen an den schlechten Zeit- 
geist, sie trägt sonst nicht ihren namen mit ehren; dem guten zeit- 
geiste mache sie die thore weit auf! 

Als hier wohl am passendsten sich anschlieszend werde gleich 
mit behandelt die frage des tabakrauchens der schüler und seine 
Überwachung von Seiten der lehrer. um es kurz zu sagen: mit willen 
der schule darf der schüler weder zu hause noch auf der strasze 
rauchen. 

Das rauchen findet viele befürworter ; das macht wohl der durch 
lauge gewohnheit für die vielen lieb und unentbehrlich gewordene 
genusz. seine die gesundheit nach irgend einer seite fördernde kraft 
dürfte auch der eifrigste liebhaber nicht behaupten wollen ; dasz es 
dem körper ein , in nicht gerade groszen dosen schon letal wirken- 
des gift zuführt, davon kann nur die gröbste unkunde das gegen- 
teil behaupten, es schädigt jeden Organismus; besonders starke 
Organisationen der betreffenden leibesteile können auch hier als 
gegenzeugen nicht gelten, es liegt also der grund für das verdict 
klar vor. der endschulzweck , die erzielung der sittlich freien per- 
sönlichkeit, schlosz ja die Überwachung auch des körperlichen lebens 
in sich ein, d. h. doch aber für die schule zugleich die pflicht, alles 
nachweislich die leibliche gesundheit ihrer Zöglinge schädigende nach 
kräften von ihnen abzuwehren, wie thatsächlich aber das rauchen 
schädigt — manches frühe grab deckt seine opfer, manches in un- 
heilbarem Siechtum sich verzehrende leben ist seine schuld, nach 
welchem rechte also will die schule es ihren pfleglingen gestatten ? 

Will sie aber dieses recht nun einmal sich zusprechen, dann sei, 
eben aus gesundheitlichen rücksichten, das stubenrauchen mit dem 
bann belegt, das öffentliche dagegen frei gegeben, den einwand des 
verstoszes gegen den anstand erheben wir nicht, was bei einem 
zwanzigjährigen secondlieutenant nicht eine Verletzung des an- 
Standes heiszt, warum soll es das heiszen bei einem zwanzigjährigen 
primaner? will die schule ihr verbot nicht dem sittlichen gründe 



266 Zur disciplin der höheren lehranBtalten. 

der gesandheitssehädigung entnehmen , dann weicht ihr der grond 
unter den füszen, und sicherlich vor den äugen der schttler; weil sie 
die ratio legis nicht erfassen können, darum kommt es ihnen so herz- 
lich sauer an, die in ihren vier wänden mit schulgesetzlicher erlaub- 
nis beliebäugelte cigarre vor der übrigen rauchenden weit zu ver- 
stecken, sollte aber die schule, aus welchem gesichtspunkte sie 
wolle, das verbot des öffentlichen rauchens aufrecht erhalten, so hat 
das haus dasselbe zu respectieren ; denn das öffentliche leben der 
schttler hat die schule bei weitem mehr in den äugen der leute zu ver- 
antworten , als das haus ; ja ihr allein legt man es auf die schultern, 
das musz ihr ein weites, starkes recht über jenes geben. 

Der besuch des theaters ist hier ebenfalls kurz zu be- 
sprechen, seinem begriff nach ist das theater ein bildungsort Yor- 
nehmster art. der ergusz des höchsten dichterischen geist^s, des 
dramatischen, findet hier seine eigentliche, breiteste mttndung in die 
Seelen der menschen, dieser aber ist hoch idealer natur; denn er 
hebt hoch über die gemeine Wirklichkeit hinaus und kann deshalb 
nur veredelnd wirken, es gibt auch einen entarteten, gefallenen 
geist; der schafft ausgeburten der bölle. dem heutigen theater vin- 
diciert niemand die vorwiegende, gar ausschlieszliche pflege des 
wahren dichterischen und damit auch des sittlichen geistes. berech- 
tigte nennen es einen verbildungs-, einen verwilderungstempel von 
schlimmster, gefährlichster art; die classische Muse lehnt an seiner 
pforte mit verhülltem gesiebt; was durch seine hallen geht, ist oft 
die zur anmutigen darstellung gekommene gemeine gesinnung und 
vergiftet die seele mit süszem trank. 

Wie weit haben hier die höheren schulen die Überwachung zu 
üben? das theater ihren Zöglingen wehren? nein und abermal nein! 
aber sie soll auch seinen zugang unter ihre scharfe aufsieht stellen 
und den besuch, auch mit den eitern, nur gestatten nach eingeholter 
erlaubnis bei dem director. 

Kommen wir auf die vereine zwecks der pflöge der 
Wissenschaft und kunst! wir sagen, um kurz zu sein, vom 
begriffe aus und nach unserer erfahrung : die ersteren sind einfach 
zu verbieten , auch die unter leitung eines lehrers. an der wissen- 
schaftlichen speise, die die schule ihnen zuführt, sollen die schüler 
genug haben und sich genügen lassen; sie mögen sie nur gut ver- 
dauen, diese wissenschaftlichen vereine mit ihren vortragen osw. 
erzeugen dünkelhafte Stümperei; mit ihrem gewöhnlichen, heisz- 
ersehnten schlusz durchs bierglas aber befördern sie den glauben an 
die berechtigung zum biertrinken, den lehrem die gründung solcher 
gestatten, sie empfehlen und fördern, ist ein unerlaubtes, durch 
nichts zu rechtfertigendes poussieren des einzelnen faches auf kosten 
der andern. 

Vereine zu künstlerischen ergehungen der schüler unter ein- 
ander, wie gesang-, turn-, fechtvereine sind dem schulzweck weniger 
conträr. sie bergen wohl auch ihre groszen gefahren für diese in 



Zur disciplin der höheren lehranstaiten. 267 

sich , wie erzeugung und förderung unseligen cliquengeistes ; aber 
als erholungsmittel für das durch seine arbeit in der schule und 
für die schule an geist und körper übersättigte wissenschaftliche 
leben sind sie zu dulden unter Voraussetzung der persönlichen, die 
möglichen ausschreitungen leicht bändigenden Überwachung von 
Seiten der entsprechenden lehrer und zugleich unter Voraussetzung 
ihrer abhaltung im schulgebäude selbst, vermeiden die schüler, ja 
wehren sie sich gegen die benutzung dieses für die beregten zwecke 
doch jedenfalls dienlichst bereiteten und versorgten raumes, so liegt 
die begründete Vermutung auf andere nebenzwecke vor, die gar zu 
leicht zu hauptzwecken werden. • 

Die teilnähme an vereinen von nichtmitschülern bedarf stets 
der ausdrücklich zu erbittenden zusage des directors. 

Es sei hier noch eine sache erwähnt, die zu besprechen man- 
chem überflüssig erscheinen mag als etwas, was nicht vorkommen 
werde, aber sie kommt vor; wir meinen die öffentlich schrift- 
stellernde thätigkeitbei Schülern, diese thätigkeit ist ja eine 
aufgäbe hoher Sittlichkeit dem, für den sie sich ziemt; das leuchtet 
ein. die frage nach dem subject der berechtigung und unter um- 
ständen der sittlichen Verpflichtung ist für die beantwortung eine 
frage weitgehendster art, auf die wir uns hier nicht weiter einzu- 
lassen haben, was den schüler anbetrifft, so ist er ein lernender 
und noch kein lehrender; darum hat er der öffentlichkeit noch nichts 
zu bieten, was der Veröffentlichung wirklich wert wäre, bat er über- 
schusz, so ist die schule seine öffentlichkeit; die wird entscheiden, 
ob spreu ob körn, und wird je nach befund die jungen schwingen 
fliegen lehren oder auch — stutzen, öffentlich schriftstell ernde thätig- 
keit der schüler ist aber unerträglich; sie ist als ausflusz der eitel- 
keit, der groszmannssüchtigen Selbstüberhebung usw. unsittlich, den 
schulzweck fördert sie nicht, wirkt höchstens auf ihn hemmend; 
darum musz sie verboten sein; wird sie dennoch geübt, so ist sie 
mit strafen zu unterdrücken. 

unter das capitel der groszmannssüchtigen Selbstüberhebung 
gehören auch die Verbindungen zu studentischem treiben; 
sie sind als eine mit nichts begründete vorwegnähme zukünftiger 
rechte nicht zu leiden; etwa entdeckte verfallen je nach der art ihres 
treibens der nachdrücklichsten , gründlichsten bestrafung. 

Wir besprechen jetzt die beziehung zum weiblichen ge- 
schlechte, der erwachsenere schüler tritt natumotwendig in be- 
ziehung zum weiblichen geschlecht, dieselbe verbieten, auch nur 
nicht wünschen , hiesze die menschliche entwicklung anders haben 
wollen, die schule hat hier nur das Wächteramt, aber das vom be- 
wustsein heiligster gewissenspflicht erfüllte und geführte; Vernach- 
lässigung, gewissenlosigkeit in dieser sache hiesze verrat an der 
Jugend. 

Welche beziehung darf sie passieren lassen? eine mit gleich- 
gUltigkeit gepaarte ist hier nicht denkbar, denn knüpft und löst 



268 Zur disciplin der höheren lehranstalteD. 

schon sonst für die jagend das gefühl und die neigung die bände 
des Verkehrs und Umgangs, in der beziehung zum weiblichen ge- 
schlecht ist dies sicher so. wo der schüler in wirkliche, der rede 
werte beziehung zu einem weiblichen wesen tritt, da ist der ftthrer 
die Zuneigung, die liebe, ohne bedenken ist nun za sagen : Ober die 
aus reiner liebe entsprungene annftherung, den auf ihrem gnmde 
gepflogenen Umgang und verkehr hat die schule keine gewalt; den 
darf, den musz sie lassen gewähren, denn ein solcher widerspricht 
dem endschulzweck nicht , schädigt nicht das sittliche leben; im 
gegenteil, er wirkt reinigend, bewahrt vor vielem argen, hebt, stählt 
den geist zu kräftigem schwung. * 

Aber das menschenherz kennt auch eine liebe anreiner art; 
stellt sie sich ein , da sproszt sie zum verderben auf dem boden der 
Jugend auf. welche furchtbaren opfer auch die Sünde der mensch- 
heit abdingt , die in dem gewande der anreinen liebe ist die nner* 
sättlichste. das bedarf des weiteren nicht, und darum ist die Über- 
wachungspflicht hier evident. 

Das beste mittel, der sicherste weg ist auch hier klar: daa reine 
herz ! deshalb ist seine sorgsamste pflege von Seiten der lehrer durch 
unterriebt und zucht von nöten. als zweitbestes aber, und xwar an 
dem herzen, das sich nicht reinigen lassen will, ist die nnerbitt- 
lichste strenge zu üben wie und wo nur die nnsittliche liebe in 
ihren ausbrüchen erfaszt werden kann, gegen geschlechtlichen 
excesses überführte schüler gibt es gar keinen andern rat und weg 
als die ausstoszung. der unreine verdirbt die reinen; aber auch 
schon der reine Charakter der lehranstalten als zachtanstalten zar 
erzielung der sittlich freien persönlich keit darf sich nicht tangieren 
lassen ; diese art sittlicher Unreinheit musz ausgefegt werden nnd 
das mit scharfem besen. sie macht den ganzen menschen zum lOgner. 

um aber den schüler vor diesem tiefsten fall zu bewahren, hat 
die schule anläszlich seines lebens vorbeugend einzutreten; sie hat 
sein müsziges, pflastertretendes herumluDgem ihm abzugewöhnen, 
tanzvergnügungen, nichterlaubten besuch von Wandertheatern, korz 
jedes die Sinnlichkeit unwillkürlich aufstachelnde thun nnd treiben 
zu verpönen. 

Wir betrachten hier noch die c 1 u b s mit politischen ten- 
denzen. die tendenz eines solchen kann eine das wohl des Staates 
fördernde, auch eine dasselbe hemmende, zerstörende sein, die teil- 
nähme der schüler an beiderlei art ist denkbar, wie hat sich nnn die 
schule zu der frage zu stellen? mit dem schulzweck hat die politik 
nichts zu schafifen, sie berührt ihn nicht, sie steht zu ihm neutral. 
aber der schüler hat auch mit der politik nichts zu schaffen, auch er 
steht zu ihr neutral, denn der schüler ist noch kein bttrger, er bat 
noch keine bürgerlichen pflichten; darum noch keine ebensoldien 
rechte, ein solches ist das vereinigungsrecht zwecks betreibong 
politischer dinge. 

Kann es fQr den bürger eine frage der Sittlichkeit, nnd dmmit 



Zur disciplin der höheren lehranstalten. 269 

pflicht werden von diesem rechte gebrauch zu machen , den nichi- 
oder nochnichtbürger weist der staat von ihm zurück, übt deshalb 
der Schüler durch politische clubschaft dieses vereinigungsrecht aus, 
80 greift er in einen de jure ihm verschlossenen rechtskreis über und 
das ist anmaszliches thun. ein solches ist unsittlich und die schule 
daxf es an ihren Zöglingen nicht dulden, deshalb kommt dem 
sehüler praktische teilnähme an politik nicht zu, nicht in bonam 
partem, nicht in malam, und dieselbe ist für alle fälle zu untersagen ; 
deren ausübung ist gebührend zu bestrafen. 

Das gleiche ist geltend zu machen für demonstrationen poli- 
tischen Charakters, der sehüler hat zu keiner art von demonstranten 
zxx gehören, auch nicht zu der der staatsfreundlichen, dasz demon- 
strationen gegen den staat von einer Staatsanstalt — und auch die 
städtischen höheren schulen sind solche — mit sofortiger remotion 
zu bestrafen sind, bedarf keines wertes. 

Das politische leben der sehüler ist nach dem vor- 
stehenden einer speciellen besprechung nicht noch zu unterwerfen. 
€8 sei nur folgendes hierzu noch bemerkt: zu unterscheiden ist das 
politische leben von dem patriotischen, müssen wir für jenes gänz- 
liche Unzulänglichkeit von Seiten der sehüler, und angesichts der 
möglichkeit etwaiger versuche zum eindringen in dasselbe, die Über- 
wachung von Seiten der lehrer in anspruch nehmen , so wünsche ich 
diesem, dem patriotischen leben, thür und thor geöfifnet, damit es 
in die herzen der jugend einzug halte und mit kräftigem puls ihre 
ädern durchkreise, von Überwachung kann hier nicht die rede sein, 
da es als solches zu unsittlichkeiten nicht führen kann ; der wogen- 
schlag des patriotischen lebens kann nie zu hoch gehen. 

Seine äuszerungen bei gelegenheit nationaler siege, Siegesfeiern 
und sonstiger vaterländischer feste können aber so werden, dasz sie 
nicht mehr statthaft sind^ ja sie können in unsittlichkeiten, wie 
Völlerei , rauferei u. s. w. ausarten , und diese äuszerungen sind von 
Seiten der lehrer zu überwachen, das mittel dazu ist das der per- 
sönlichen gegenwart; sie schlieszt alles ungeziemende, den tag ent- 
weihende notwendig aus ; auch kann man sich anstatt der persön- 
lichen gegenwart in diesem falle als guten ersatz das unter eindringlich 
mahnendem ernst eingeforderte classenweise versprechen , auf Ord- 
nung und anstand halten zu wollen, denken, der gute, der über- 
wiegende teil der sehüler wird die einlösung desselben als eine 
ehrensache ansehen und jeden etwa auftauchenden versuch zu Un- 
ziemlichkeiten energisch unterdrücken, solches von zeit zu zeit 
thatsächlich geschenkte zutrauen stärkt das ehrgefühl ungemein und 
hebt die Selbstzucht, etwaiger misbrauch wäre dann freilich mit 
schwerer strafe zu sühnen. 

Wir kommen jetzt auf den wichtigsten punkt, auf das reli- 
giöse leben der sehüler. es ist ihr leben in gott; damit ersteigt 
ihr sittliches leben, wie das eines jeden, seine eigentliche höhe ; ohne 
diesen schluszstein ist es kein sittliches. Sittlichkeit mündet nicht 



270 Zur disciplin der höheren lehranstalten. 

nur in die religion, sie nimmt aus dieser quelle auch ihren nrspnmg. 
von gott zu gott, das ist die geschieh te und der gang der ethik der 
ganzen weit; von gott zu gott, das ist auch die geschichte und der 
gang jedes sittlichen einzellebens. Sittlichkeit ist ohne religion gar 
nicht denkbar, der mit bewustsein und willen — und eine Sittlichkeit 
mit anderem Untergründe gibt es ja nicht — sittliche mensch ohne 
gott wäre der logische Widerspruch in leibhaftiger gestalt. darttber 
ist kein wort zu verlieren ; wenn manches denken glaubt bei einer 
gegenteiligen meinung bestehen zu können , so ist dies seine sache; 
es hat die Verantwortung selbst zu tragen. 

Ist also Sittlichkeit ohne religion, sittliches leben ohne reli- 
giöses leben, sittliche person ohne glauben an gott d. h. leben in 
und mit gott, nicht möglich, so steht deutlich zu tage, wie die 
höheren lehranstalten, die erziehungsanstalten zur sittlich freien 
persönlichkeit, sich selbst die wurzel abgraben würden, wollten sie 
der pflege des religiösen lebens ihrer Zöglinge sich entheben , oder 
ihr nur eine nebensächliche, beiläufige sorge gönnen, etwaige be- 
strebungen nach diesem ziele hin würden als allerböseste Offen- 
barungen des schlechten Zeitgeistes gebrandmarkt zu werden 
verdienen; dasz sie dienstleistungen am körper der höheren lehr- 
anstalt gefährlichster art wären , würde die erfahmng nur zu rasch 
bestätigen: man streiche die religion aus dem bewustsein der 
menschheit und die nackte bestie bricht hervor; die schule setze 
gott ab in den herzen der Jugend und sie füttert die hoffnungsvollen 
jungen jener! wenn die probe nur nicht eine gar zu verhängnisvolle 
wäre, man könnte im angesichte mancher denkungsart sie einmal 
wünschen. 

Wie weit nun haben die höheren lehranstalten das religiöse 
leben ihrer schüler auch auszerhalb der schule zu überwachen? wie 
bei dem patriotischen ist auch hier zu sagen : eine grenze in hemmen- 
dem sinne ist gar nicht zu ziehen, das leben des menschen, und 
damit auch des schülers, kann nicht tief genug eintauchen in diesen 
ström voll wassers zum ewigen leben; in ihm kann niemand er- 
trinken; je mehr auf den grund, um so kraftspendender die Wirkung; 
je näher zu gott, um so reiner steigt es hervor, ein bild von leuchten- 
der Schönheit, das bild des idealen menschen, das in seiner vollen 
herlichkeit nur einmal über diese erde gegangen ist. darum ist eine 
grenze in hemmendem sinne gar nicht zu ziehen, die aufgäbe der 
lehrer kann nur sein, dieses bild des idealen menschen, des menschen 
in gott, immer klarer herauszubilden und zu gestalten, es fragt 
sich, welche mittel und Werkzeuge sind hier zu handhaben? ich 
kenne nur eins: das leuchtende vorbild des lehrers, sein eigenes 
religiöses leben, sein wandel in gott. denn wenn irgend wo, da 
gilts vom religiösen leben : leben vom leben, das leuchtende Vor- 
bild des lehrers erzeugt dieses leben , erhält und stärkt es , wo ee 
schon da war. das gilt vor allen vom und für den religionslehrer; 
aber, was schon auf das stärkste früher betont werden muste: ohne 



Zar diBciplm der höheren lehranstalteiL. 271 

einheitliches leben, ohne znsammenstimmong des collegiamsy gibts 
keinen effect. der eine strahl reicht eben nicht aus; dunkel ver- 
schluckt das licht; ist ein teil finster, so kanns nicht lauter licht 
sein im hause. 

Yon jedem lehrer an den höheren lehranstalten ist religiöses 
leben zu verlangen ; denn ohne solches kann er kein rechter diener 
an ihrem endzweck , der erzielung der sittlich freien Persönlichkeit, 
sein, mit dieser fordemng stellen wir uns vor einen heiklen, sehr 
heiklen punkt. religion ist eine sache innerster art, eine that der 
freiheit im eigensten sinne des wortes, die that der persönlichsten, 
freiesten entschlieszung; wo das gesetz der freiheit waltet, da hat 
der zwang keinen räum und kein recht, sonst gibts das reine gegen- 
stück, die heuchelei, und die ist zu keinem dinge nütze, hilft niemand, 
weder gott noch den menschen, wenn wir demnach die religion von 
jedem lehrer verlangen, so heiszt das: der idee nach, der ideale 
lehrer, der lehrer, wie er sein soll, musz, um es ganz zu sein, religion 
haben, hat er sie nicht, fühlt er in seinem herzen keinen zug nach 
oben , hängt ihm sein herz wie festgeschmiedet an dieser erde , da 
musz er nach erlösung ringen ; und ringt er recht, so darf er zuver- 
sichtlich hofifen, dasz die ketten fallen; er dringt zur freiheit durch, 
das ist der kämpf, der keinem, der des lehramts wartet, erspart 
werden kann, die gründliche auseinandersetzung mit dieser höchsten, 
wichtigsten, der eigentlichen capitalfrage des menschlichen lebens. 
sie ist für jeden besonnenen menschen, aber zu allererst für den 
lehrer heilige pflicht. vornehmes thun heiszt hier bettelstolz ; darüber 
hinwegsetzen mit leichtem Sprunge bringt nur die blanke Oberfläch- 
lichkeit des geistes und des Charakters fertig. 

Die Stellung jemandes zur religiösen frage gibt den sichern, 
untrüglichen maszstab ftLr die tiefe seines geistes. zu flach aber 
treibt keine mühle, am wenigsten die, wo das mehl gemahlen wer- 
den soll, das als nabrung dienen soll für das heranziehen des idealen 
menschen, darum noch einmal: gründliche auseinandersetzung hier 
ist für den lehrer heilige pflichi ist aber der mensch von oben im 
lehrer geboren, dann wird er erst das quellende wasser ftLr die 
schule; sein vielleicht reiches wissen, starkes können, sein vielleicht 
voller geist wird nun erst die wahrhaft befruchtende kraft für heran- 
bildung der jungen seelen zu idealen menschen. 

Freilich, die geforderte gründliche auseinandersetzung kann 
auch zu anderm abschlusz führen; religion ist ja sache der freiheit; 
ich wiederhole , zwang gibts da nicht , auch nicht etwa zwingende 
gründe, der ricbtung gebende anstosz kommt vom wollen, tief aus 
dem innem jeder menschenbrust herauf. 

Was also dann, wenn der abschlusz lautet : von gott weg, ganz 
los von ihm, wenn das facit aller mühe die bewuste, gewollte gott- 
losigkeit in theorie und sicher dann auch in praxis ist ? nun , ein 
solcher gottloser mensch taugt an der höheren lehranstalt als lehrer, 
wie, um mit der kräftigen zunge Luthers zu reden^ der esel zum 



272 Zur disciplin der höhereo lehranstalten. 

harfen. will er trotzdem die kunst des erziehers zur sittlich freien 
Persönlichkeit, zum idealen menseben, betreiben, so hat er seine 
wahre seele vor aller weit zu verdecken und zu verstecken, wagt 
sie sich hervor in religionsschänderischen , gotteslästerlichen äusze- 
rungen, die höheren lehranstalten würden sich selbst nicht verstehen, 
wollten sie solchen diener zu ihrem dienste behalten. 

Liesz sich von einer Überwachung des religiösen lebens der 
Schüler auch auszerhalb der schule von Seiten der lehrer nur im 
positiven, fördernden sinne reden und erschien als einzig gegebenes 
mittel das leuchtende vorbild des lehrers, sein eigenes, religiöses 
leben, sein wandel in gott, so ist nun noch kurz die frage zu be- 
rühren nach den äuszerungen dieses lebens, nach der erscheinung 
des wandeis in gott seitens der lehrer und auch der schüler. 

Dasz diese äuszerungen zunächst und vor allem auf dem ge- 
biete des sittlicben thuns liegen d. h. in den den geboten gottes 
conformen handlungen, bedarf der auseinandersetzung nicht, wie 
aber das staatliche leben sich auch nicht blosz auf dem gebiete des 
passiven thuns , des lebens im gehorsam , in erfüllung der bflrger* 
pflichten bewegt, wie es auf seiner höhe ein teilnahm volles wird, 
sich manifestierend in der sorge um das wohl des Staates dnrch 
lebendige, gewissenhafte ausübung der dazu verliehenen rechte, bei 
wählen u. s. w., wie es sich freut mit seiner freude und trauert mit 
seiner trauer, kurz wie das staatliche leben sich umsetzt in das 
patriotische, so kann sich das religiöse umsetzen und setzt sich auf 
seiner höhe stehend auch um in das kirchliche ^ ist bekümmert um 
das wohl und wehe, teilt leid und freude der kirche. 

Liegt, um der frage der ktlrze wegen gleich diese wendung zu 
geben, für lehrer wie für schüler die Verpflichtung vor zur teil- 
nähme an diesem activ- religiösen leben, dem kirchlichen? auch hier 
ist die lösung zu suchen an der band unseres maszstabes, indem wir 
sagen: wenn der endschulzweck, die erzielung der sittlich freien 
persönlichkeit nicht zu erreichen ist ohne die teilnähme der lehrer 
und schüler am kirchlichen leben, dann liegt die Verpflichtung dasn 
vor; wenn anders, dann nicht, die antwort kann nur lauten: 
nein , sie liegt nicht vor. wie das staatliche leben und der begriff 
des politischen menschen und endlich auch der staat selbst bestehen 
kann, der letztere jedoch nicht immer, ohne die beigäbe des patiiotis- 
raus, so kann das religiöse leben, der begriff des religiösen menschen, 
endlich auch das reich gottes, und dieses letztere immer, bestehen 
ohne die beigäbe des kirchentums, der kirchlichkeit 

Ist aber dieses kirchentum , diese kirchlichkeit von Seiten der 
lehrer und damit der schüler zu wünschen, zu erstreben? da sage 
ich aus vollem herzen: ja! die höhere schule kann reiches leben 
saugen aus der brüst der kirche, der sie entsprossen, und die kirche 
kann starke stütze und kraft gewinnen aus der höheren schule, 
ihrem ältesten, teuersten kind. erzwingen kann sie, darf sie nicht 
die liebevolle pflege; bei zwang gedeiht nicht ihre sache. doch wohl 



Veit Ludwig von SeckendorflEl 273 

ihr, wohl der schule, die in freier gäbe die schuld des dankes ab- 
tragt, deren lehrer und schüler sich eins wissen mit dem geiste, den 
die Idrche pflegt und htttet 1 

Wir sind am ende, es ist ein weites gebiet, das der Über- 
wachung zugewiesen werden muste; yielleicht zu weit, vielleicht 
doch noch zu eng. der mittel sind nur wenige, die geboten werden 
konnten ; im gründe ists nur eins : eine dem begriff und zweck der 
höheren lehranstalten entsprechende innere und ftuszere Organisation, 
belebt und getragen von dem nach immer höherer selbstYoUendung 
strebenden geiste der lehrer. es kann nur dieses eine geboten wer- 
den , weil eine disciplinarische casuistik für die praxis keinen wert 
hat und weil die erziehungskunst wie jede andere kunst ihre wahre 
Vollendung erst durch handhabung der einfachsten mittel findet, 
denn alles echte ist einfach. 



27. 

VEIT LUDWIG VON SECKENDORPP 
UND SEINE GEDANKEN ÜBER ERZIEHUNG UND 

UNTERRICHT. 

«in beitrag zur gescbichte der pädagogik des siebzehnten Jahrhunderts. 



Quellen. 

1) Die leichenreden von Joach. Just. Breithaupt ^ Christ. Tho- 
masius; M. Leiszring, Job. Yal. Schnitze, das programm der Uni- 
versität Halle, die zahlreichen nachrufe von 0. Mencke, L. A. Rechen- 
berg, Christ. Alberti u. a. (herzogl. bibliothek zu Gotha.) 

2) A. Clarmund : vitae clarissimorum in re literaria virorum. 
das ist lebensbeschreibung etlicher hauptgelehrten mannen Witten- 
berg 1711. 8r t. 8. 165 ff. (königl. öffentliche bibliothek zu Dresden.) 

3) Casp. Sagittarius: historia Gothana. Jenae MDCCXm. 
8. 263 ff. (Universitätsbibliothek zu Leipzig.) 

4) Dan. Godofr. Schreber: historia vitae ac meritorum — Viti 
Ludovici a Seckendorff — . Lips. MDCCXXXIII. 190 s. 4. (ebd.) 
dieses mit groszem fleisze gearbeitete werk liegt allen spfttern arbeiten 
über V. L. V. Seckendorff zu gründe. 

5) Liebner: chronik von Zeitz. 4r bd. s. 82 ff. (stadbibliothek 
zu Zeitz.) ^ 

6) Comp. Seckendorffianum oder kurzgefaszte reformations- 
ge^lihichte — bearbeitet von Chr. Fr. Junius, Benj. Lindner, Gottl. 
Eman. Gründler. 1755. 3r bd. vorrede, (antiquariat von G. Fock, 
Leipzig.) 

7) Job. Peter Nicerons nachrichten von den begebenheiten und 
Schriften berühmter gelehrten mit einigen zusfttzen herausgegeben 

N. Jahrb. f. phil. a. pftd. Il.abt. 1888 hft.Ü. 18 



274 Veit Ludwig TOn Seckendorff 

von Friedr. Eberh. Bambach. Halle 1758. 17r teil 8. 300 ff. (Uni- 
versitätsbibliothek zu Leipzig.) 

8) Oratiunculae octo de virtatibas et omamentis Ernesti Pii — 
atque Vit. Lndov. Seckendorfii, eins amici. Lips. 1778. (vgl. allgem. 
deutsche bibL 38r bd. Is stck. 1779.) (ebd.) 

9) Schröckh : abbildungen und lebensbeschreibungen berfthmier 
gelehrten. Leipzig 1790. Ir bd. s. 285 ff. (ebd.) 

10) Boscher : 'zwei sächsische staatswirte im sechzehnten und 
siebzehnten Jahrhundert' archiv fttr die sächsische geschichte. 1863. 
Ir bd. s. 361 ff. (ebd.) 

11) Nasemann: 'Veit Ludwig Yon Seckendorff.' prenszische 
Jahrbücher. 1863. 12r bd. s. 257 ff. (ebd.) 

12) Eoldä: 'Veit Ludwig von Seckendorf.' realencjklopOdie 
für protestantische theologie und kirche« Leipzig 1884. 14r bd. 
s. 12 ff. (ebd.) 

13) Jöcher: 'allgem. gelehrten-lexicon' und Zedier: 'groszes 
universaMexicon aller Wissenschaften und künste.' (stadtbibliothek 
zu Leipzig.) 

14) Actenstücke von und über V. L. v. Seckendorff im kOnigL 
Sachs, haupt- und Staatsarchiv zu Dresden, im herzogL haus- und 
Staatsarchiv zu Gotha und im fSamilienarchiv derer v. Seckendorff 
in Meuselmtz. 

15) Hm. Veit Ludwig von Seckendorff teutscher fürsten-staat 
samt des seel. herm autoris zugäbe sonderbarer und wichtiger 
materien, vor itzo aber mit fleisz verbessert, und mit dienlichen 
anmerkungen samt dazu gehörigen kupffem, summarien und register 
versehen von D. Andreas Simson Biechlingen^ fÜrsÜ. Sachsen-Hild- 
burghäusischen hof- und consistorial*rathe. die neuste aufläge mit 
königl. pohln. und chur-sächsz. privilegio. Jena, verlegte Johann 
Meyers wittwe^ 1720. 862 s. 8. add. 272 s. 8. (universitftta- 
bibliothek zu Leipzig.) (diese ausgäbe wurde von uns benutzt, weil 
sie bereits von Friedr. Eberh. Bambach als die beste aller ausgaben 
bezeichnet worden ist. vgl. Joh. Pet. Nicerons nachrichten. Halle 
1758. 17r teils. 317.) 

16) Herrn Veit Ludw. von Seckendorff Christenstaat, worinn 
von dem Christenthum an sich selbst, und dessen behauptung wider 
die atheisten und dergleichen leute ; wie auch von der Verbesserung 
so wohl des weit- als geistlichen Standes nach dem zweck dea 
Christentbums gehandelt wird. Leipzig, bey Thomas Pritschen^ 
1716. 988 8. 8. (ebd.) 

17) Herm Veit Ludw. von Seckendorff auff Obern Zenn und 
Meusselwitz — teutsche reden an der zahl vier und viertzig, welche 
er a. 1660 bisz 1685 in fOrstl. sächs. respective geheimen raths- und 
cantzlers diensten, theils zu Gotha, mehren theils aber zu Zeitz, oder 
als landschafftsdirector zu Altenburg, etliche auch anderer orten bey 
ehren-sachen, aus verwand- und freandschafft abgelegt, so viel nem- 
lich deren aus erhaltenen concepten noch zu haben gewesen, samt 



und seine gedanken über erziehung and onterrioht. 275 

einer ausführlichen vorrede von der art und nutzbarkeit solcher 
reden, auch noch einigen zugaben. Leipzig 1686. (königl. öfifent* 
liehe bibliothek zu Dresden.) 

18) Herrn Veit Ludw. von Seckendorff, churf. brandenb. ge- 
heimen raths und cantzlers der Universität zu Halle in Sachsen, 
politische und moralische discurse über M. Annaei Lucani drej* 
hundert auserlesene lehrreiche Sprüche, und dessen heroische ge- 
dichte genannt Pharsalia, auf eine sonderbare neue manier ins 
deutsche gebracht, und auf dem lateinischen auf jedes blatt gegen 
über gesetzt, nebst beygefügter erklftrung derer dunckeln und 
schweren redensarten, auch nötigem register. Leipzig, in Verlegung 
Moritz Georg Weidmans erben und Johann Ludwig Gleditsch. 1695. 
404 s. 8. (universittttsbibliothek zu Leipzig.) 

19) ünterthänigstes kurzes bedenken über der von ihre ohur- 
fürstl. durchlaucht mir entdeckte intentlon wegen aufrichtung eines 
collegij illustris. Gotha d. 11 Augusti 1664. V. L. v. Seckendorfif. 
(groszherzogl. badisches general-landesarchiv zu Karlsruhe.) abge* 
druckt bei F. J. Mone ^Zeitschrift für die geschichte des Oberrheins' 
2r bd. 8. 144 ff. : ^V. L. v. Seckendorfs gutachten über den plan des 
pfalzgrafen Karl Ludwig zur errichtung eines adeligen Instituts.' 
1664. (Universitätsbibliothek zu Leipzig.) 

20) ünmaszgeblicher entwurff wegen aufifrichtung eines stififts 
oder Sammlung vor christliche weibs personen, adelichen- oder 
höheren Moch ledigen Standes'. Zeitz d. 3 Decembris anno 1670. 
V. L. V. Seckendorfif. (herzogl. haus- und Staatsarchiv zu Gotha.) 

21) Einige regeln und erinnerungen zur christlichen und ge« 
bührlichen verbaltung auf der Universität Yon dem seligen herm 
Veit Ludw. v. Seckendorf, weyland des h. römischen reichs unmittel- 
barer ritter etc. — zween seiner vettern anno 1689 ertheilet, nun 
aber zum besondem nutzen der studirenden, nicht nur deijenigen, 
die theologiam, sondern auch derer, die jura oder andere zum ge- 
meinen besten gehörige Wissenschaften und künste zu erlernen , auf 
Universitäten leben, mit einer anrede an dieselben ans licht gegeben 
von A. H. Francken, Halle 1716. (königl. öfifentliche bibliothek zu 
Dresden.) 

Die wichtigsten hilfsmittel bei abfassung unserer arbeit waren 
besonders noch : 

22) A. Beck: ^Ernst der fromme, herzog zu Sachsen* Gotha und 
Altenburg.' Weimar 1865. 

23) Boebne : 'die pädagogischen bestrebungen Ernst des frommen 
von Gotha.* Gotha 1888. 

24) G. Krämer: 'A. H. Francke.' ein lebensbild. Halle 1880. 

25) E. Richter: 'A. H. Francke.' Schriften über erziehung und 
Unterricht. Berlin 1871. 



18' 



276 Veit Ludwig von Seckendorff 

Veit Ludwig von Seckendorff entstammte dem araüen 
vornehmen, seit dem jähre 1004 tumierfKhigen frttnkischen hause 
von Seckendorff.' er wurde geboren am 20 deoember 1626 in 
Herzogenaurach bei Erlangen, sein vater war Joachim Ludwig 
von Seckendorff, herr auf Oberzenn und amtmann in Herzogen- 
aurach, seine mutter war Maria Anna von Seckendorff, geborene 
Schertlin von Burtenbach. die erziehung des knaben fiel in die seit 
des dreiszigjährigen krieges. daher wurde er von Jugend auf an ge- 
fahren gewöhnt.^ der krieg entrisz ihm den vater. 1631 trat Joachim 
Ludwig von Seckendorff in die reihen der siegenden Schweden ein\ 
welche Franken eroberten, herzog Ernst der fromme, seit dem 
5 october 1631 von Gustav Adolf zum obersten eines reiterregimente 
ernannt, warb den oberstwachtmeister Joachim Ludwig von Secken- 
dorff mit 107 reitem und erteilte ihm, ^dem major von Seckendorff*, 
bereits am 13 october 1631 * wegen der vorzunehmenden kriegs- 
erwerbungen' eine instruction.^ auch in den folgenden jähren kämpfte 
Joach. Ludw. von Seckendorff unter Emsts fahnen. ^ in diesem Ver- 
hältnisse beider männer zu einander, das bisher noch nicht darg^egt 
worden ist, erblicken wir den grund, weshalb später Ernst der 
fromme so hochherzig an dem jungen Veit Ludwig von Seckendorff 
handelte, so lag die erziehung des knaben zum grOsten teile in den 
bänden der mutter. inwieweit sich ihr einflusz bei ihm geltend ge- 
macht hat, wissen wir nicht; doch auch wir glauben annehmen zu 
können, dasz er von ihr den frommen sinn und die tiefe relic^osität 
erbte, die seinem ganzen wesen ein eigentümliches gepräge gab und 
die tbätigkeit seines spätem lebens bestimmte.* 

Nach der eroberung Frankens durch die kaiserlichen (bedingt 
durch die schlacht bei Nördlingen am 6 September 1684) sachte die 
mutter schütz in den thüringischen landen, doch auch hier tobte der 
kämpft; von Coburg eilte sie nach Mtthlhausen, von da nach Erfurt, 
hatte schon der fünfjährige knabe in der heimat lesen und schreiben 

^ vgl. V. Zedlitz-Neakirch ''neues preuszisches adelslexieon' 4r bd. 
8. 206. 

' vgl. brief Y. L. v. Seckendorff an hersog Morits von Sachsen- 
Zeitz vom 6 febr. 1676. k. s. haupt- und Staatsarchiv zu Dresden : gesebäfts- 
Bchreiben des kanslers V. L. v. Seckendorff an den herzog Morits von 
S.-Zeits 1673—1676. loc. 9066. 

' nicht 1682, wie alle quellen angeben, vgl. A. Bock ^Emst der 
fromme, herzog su Sachsen-Gotha und Altenburg', Weimar 1866, Ir bd. 
s. 69. 

* vgl. A. Beck 'Ernst der fromme' Ir bd. s. 69. 

^ vgl. A. Beck ''Ernst der fromme' 2r bd. s. 96. 'versaichnan was 
wir von gottes gnaden Ernst hertsog sue Sachsen ete. wegen vnsseres 
vnterhabenden regiments sue ross aussgeleget, auch was wir von eon- 
tribution vnd sonsten eingenommen vnd noch restireU' signatum Weimar, 
7 Aprilis 1683. nach diesem 'verzaichnuss' sind dem major Becken- 
dorffen 1060 rthlr. 'vff den andern monat aussgesahlet worden'. 

* vgl. O. Nasemann 'Veit Ludwig von ^ckendorr. prensiisebe 
Jahrbücher 1863 12r bd. s. 260. 

^ vgl. A. Beck ^Ernst der fromme' Ir bd. s. 144 ff. 



und seine gedanken über emehong nnd Unterricht. 277 

gelernt , so eignete er sich in Ccburg und Mühlhausen die elemente 
der lateinischen spräche an und legte in Erfurt den grund zu seiner 
gelehrsamkeit." neben der lateinischen spräche trieb er auch grie- 
chisch, ebräisch, französisch und mathematik. sein lehrer in den 
dassischen sprachen war Barth. Eisner.* zu seinen mitschülem ge- 
hörte Hieb Ludolf'^; mit ihm schlosz er einen freundschaftsbund, 
der sich auch später am hofe Emsts des frommen aufs beste be- 
währte, im jähre 1639 kehrte er nach Coburg zurück und wurde 
edelknabe bei Ernst d. fr., der hier mit seinen brüdem Albrecht und 
Wilhelm hof hielt, dieser scharfblickende fürst erkannte bald die 
hohe befähigung Veit Lfudwigs von Seckendorff und bestimmte ihn 
zum spielgeflihrten der beiden wtlrttembergischen prinzen Sjlvius 
Nimrod und Manfred, diese waren die söhne des 1635 zu Strasz- 
bürg verstorbenen herzogs Julius Friedrich von Württemberg- Weil- 
tingen'' und waren von der verwitweten herzogin Anna Sabina dem 
herzog Ernst zur erziehung anvertraut, hier in Coburg genosz Y. L. 
V. Seckendorfif Privatunterricht *^ von mag. Meier und dem hofmeister 
der prinzen, Matth. Scholtz. nach der am 15 februar 1640 erfolgten 
landesteilung zwischen den fürstlichen brüdem Wilhelm, Albrecht 
und Ernst hielt letzterer am 24 october 1640 seinen einzug in die 
neue residenzstadt Gotha, der junge Veit Ludwig von Seckendorff 
gehörte zu seinem gefolge. bald darauf erhielt er von dem bertlhmten 
rector Andreas Bejher '' Unterricht, dieser nahm ihn am 6 februar 
1641 als Schüler des gymnasiums auf. '^ er besuchte dasselbe bis 
6 mai 1642. 



^ nach gütiger mitteilung der berren prof. dr. Mather, Coburg, prof. 
dr. Drenkbabn, Mühlhausen, prof. dr. Hess, Erfurt, finden sich keine 
angaben über Veit Ludwig von Seckendorff in den f^jmnasialacten vor. 

' vgl. allgem. deutsche biographie 6r bd. s. 67. 

'° Tgl. allgem. deutsche biograpbie 19r bd. s. 394. 

'^ vgl. allgem. deutsche biographie 14r bd. s. 684 und A. Beck 'Ernst 
der fromme' Ir bd. s. 800. 

^* nicht gymnasialunterricht, wenigstens ist er nicht in die matrikel 
des gjmnasium Casim. zu Coburg eingetragen (dank gütiger mitteilung 
des herrn prof. dr. Muther in Coburg). 

'' vgl. Heine 'rector mag. Andr. Reyher'. programm des hersogl* 
gymnasiums zu Holzminden 1882. 

*^ Seckendorff war also nicht schon 1640 schüler des gymnasiums 
zu Gotha, wie alle quellen angeben, herr prof. dr. v. Bamberg hatte 
die gute uns darüber folgendes mitzuteilen : 'der rector Andreas Rey her 
hat eine art matrikel bez. Jahresberichte über schüler und deren prü- 
fangen hinterlassen, die mit einem Verzeichnis der schüler beginnen» 
welche am 11 Januar 1641 das gymnasium besuchten, es waren deren 
341. Seckendorff gehörte nicht zu ihnen, darauf aber heiszt es: hisce 
a novo rectoi*e introducti accesserunt, und es folgen namen und her- 
knnft von 9 im Januar, 13 im februar neu aufgenommenen schÜlern 
usw. unter dem 6 februar steht: Vitus Lndovicus & Seckendorff I. 
weiterhin folgen nachrichten über eine am 27 mai 1641 beendigte prü- 
fung und im anschlusz daran folgt ein neues Schülerverzeichnis, unter 
den auditores der classis prima wird als 7r seiner classe und als 802r 
der ganzen schule wieder Vitus Ludovicus & Seckendorff aufgeführt. 



278 Veit Ladwig yon Seckendorff 

Oroszen einflasz gewannen auf ihn der classiscb gebildete 
generalsnperintendent Salomon Glass'^ und der bofprediger Chri- 
stoph Branchorst. ^ noch in hohem alter gedenkt er beider in dank- 
barer Verehrung, ersterem setzte er in bist. Lutberanismi m 313, 
letzterem in add. zum Christenstaat s. 747 ein ehrendes denkmal. 
für den knaben war es von groszem werte, dasz er im Terkehre mit 
diesen männem den sittlichen ernst erlangt hatte, mit ergebung den 
harten schicksalsscblag zu tragen , der ihn im anfange des Jahres 
1642 traf, sein vater, oberst im schwedischen beere, wurde im 
februar 1642 angesichts der armee enthauptet, er stand im yer- 
dachte , zu den kaiserlichen übergehen zu wollen, inwieweit 
verdacht begründet war , vermögen wir nicht festzustellen, 
aber ist es, dasz er bereits nach Bauers tode 10/20 mai 1641 zu den 
deutschen obersten gehörte, welche eine 'meuterei' gegen dessen 
nachfolger anstifteten. '^ des verwaisten knaben nahm sich beson- 
ders der wafifengeftLhrte seines vaters, Kaspar Komelius Mortaigne ** 
an und stand ihm in den folgenden jähren mit rat und that zur Seite, 
seiner Unterstützung dankte er es hauptsächlich, dasz er nach abge- 
legter frühjahrsprttfung 1642 die Universität Straszburg besuchen 
konnte, es geschah dies sicher im einvernehmen mit Ernst dem 
frommen, der mit den tüchtigsten gelehrten dieser Universität im 
verkehre stand und schon 1636 von der Straszburger tbeologisoben 
facultät betreffs der frage : *wie das tiefgefallene Christentum wieder 
aufzurichten' ein gutachten erhalten hatte." Straszburg, berühmt 
durch seine lehrer, seine läge am Rheine und die nähe Frankreichs, 
war damals das ziel der studierenden adligen jugend.*" Veit Ludwig 
von Seckendorff studierte hier neben philosophie hauptsächlich Juris- 
prudenz und geschieh te. er schlosz sich besonders an Job. Heinr. 
Böcler" (1611 — 1672) an; mit ihm stand er später in mehrfachem 



eine mitteiluDg über die priifongsleistungen fehlt bei allen sehQlem. 
die gleiche blosse neDnung kehrt bei dem bericht über die herbttprü- 
fung desselben Jahres wieder, dagegen ist in dem eatalog^s diseipn- 
lomm, weloher dem berichte über die den 6 mai 1642 beendigte früh- 
jabrsprüfuDg folgt, dem namen am rande beigeschrieben: speotatae 
eruditionis ? bilis annnm agens nondnm XVI aetatis bona paoe discessit 
Argentoratum. man wird biemach sagen können, dasi Veit Ladwig 
von Seckendorff — vom 6 febr. 1641 bis snm 6 mai 1649 das Oothaer 
gjmnasinm besucht hat.' 

*^ vgl. allgem. deatsehe biographie 9r bd. s. 218. Tbolaok 'lebene- 
zeugen der luther. kirche' s. 63. 

'* allgem. deatsehe biographie 8r bd. s. 440. 

" vgl. Koch 'geschichte des deutschen reidief antcr der regiemng 
Ferdinands IIP Ir bd. s. 271 ff. 

'* nicht Montaigne, wie O. Nasemann angibt, prenasisehe Jahr- 
bücher 1863 12r bd. s. 260. vgl. allgem. deutsche biographie 22r bd. 
s. 839. 

1* ygl. Ritschi 'geschieht« des pietismns' 2r bd. s. 129. 

^ ygl. Tholnck 'das akademische leben dee 17n jahrhanderts' 2r bd. 
s. 122. 

" TgL allgem. deutsche biographie 2r bd« •. 792. 



und seine gedauken über erziehung und Unterricht. 279 

▼erkebre. auch dieses bedeutenden gelehrten gedachte er später in 
dankbarkeit." während seines aufenthaltes in Straszbarg unternahm 
er eine reise nach Frankreich, schon damals war er im zweifei , ob 
er gleich seinem yater kriegsdienste leisten , oder dem bürgerlichen 
leben sich zuwenden sollte. '* im jähre 1645 gieng er nach Erfurt 
zurück, um seine Studien zum abschlnsz zu bringen, als aber im an- 
fange des Jahres 1646 der landgraf Georg 11 von Hessen-Darmstadt 
(1605 — 1661)'* eifrig werben liesz, reiste er nach Darmstadt, um 
bei diesem 'durch Charakter, frömmigkeit und gelehrsamkeit hervor- 
ragenden fürsten' eine fllhnrichstelle anzunehmen, doch auf rat 
seines väterlichen freundes gab er den plan auf. auf seiner rückreise 
nach Erfurt stattete er Ernst dem frommen einen besuch ab, teils 
^für die empfangenen wohlthaten unterthänigst zu danken, teils auch 
ihro fürstl. durchl. gnädigstem andenken sich ferner zu empfehlen'. ** 
Herzog Ernst nahm ihn aufs freundlichste auf und sachte den 
befähigten Jüngling unter den glänzendsten bedingongen an seinen 
hof zu fesseln, durch Vermittlung des hofpredigers Brunchorst wurde 
er 1646 hofjunker'*, doch war er befreit von allerlei dienstleistung, 
die eine derartige Stellung in bich barg, der hochgebildete herzog 
ernannte ihn zum aufseher seiner bibliothek , welche er nach einem 
streng wissenschaftlichen plane ordnete und katalogisierte.'^ dabei 
liesz er ihm völlige freiheit, seine Studien weiter fortzusetzen, nach 
bestimmten planen trieb er Staatswissenschaft, geschichte, geo- 



** vgl. y. L. v. Seckendorff - teutscbe reden', Leipzifi^ 1686, 8. 65. 
*' vgl. 'versuch einer lebensbeschreibung^ des feldmarscballs g^rafen 
von Seckendor£f', 1792, s. 26. herzogl. bibl. Gotha, ans dieser zeit 
entdeckte Schöpflin in einem wirtshaase in Frankreich eine schätzbare 
reliquie. 'es sind zwei fensterscheiben , welche V. L. v. Seckendorff — 
mit einem diamant beschrieb, auf einer derselben steht: 
Vitas Ladovicus k Seckendorff. Eq. Franc. 
Vel pace vel hello darum fieri licet. 1643. 
auf der andern — ist folgendes eingegraben: 

Bespice finem 

Fortuna vitrea est. 

Vitus Ladovicus k Seckendorff. 

Eq. Franc. 
Si fortana favet caveto tollj, 
8i fortana tonat caveto mergj. 
1643 

and, da die Scheibe höchst wahrscheinlich über der Verfertigung dieses 
Striches zersprang, ist noch beigefügt: Glück and Glasz wie baldt 
bricht das.' 

*^ vgl. allgem. deutsche biographie 8r bd. s. 674 und Tholuck 'lebens- 
zeugen der luther. kirche' s. 78 ff. 

'^ vgl. 'lebenslauf herrn Yeit Ludwige von Seckendorff'. im 3n buche 
des 'comp. Seckendorffianum oder kurzgefasite reformationsgesehichte', 
1765. 

*® vgl. Brückner 'kirchen- und schulenstaat' Ir bd. s. 100. bei ein* 
weihang der Friedenstein, schloszkirche am 17 septbr. 1646 wird Y. L. 
V. Seckendorff anter den hofjankem genannt. 

^ vgl. A. Beck 'Ernst der fromme' Ir bd. s. 675. 



280 Veit Ludwig von Seckendorff 

graphie, mathematik und neuere sprachen, von denen er die fran-: 
zösiscbe, italienische, spanische, dänische und schwedische voll* 
ständig beherscht haben solL doch muste er aas gewissen, vom 
herzöge näher bezeichneten büchern das interessanteste herausziehen 
und ihm darüber bericht erstatten. '^ aber nicht allein dies. Ernst 
der fromme legte ihm fragen vor, deren eingehende beantwortung 
noch heute aller beachtung wert sind, wir erwähnen hier nur den 
umfangreichen aufsatz : *yon erhaltung, verbeszerung, auch wo noht 
neuer aufrichtung und ans teil ung der hospitalien, ein christliches 
bedencken*'*, dazu die sorgfältige bearbeitung der frage: 'wann nach 
gottes willen das gottlose pabstumb in Deutzschlande zu gmnde 
gieng, wie die so genannte geistliche gütter dem yaterlande zum 
besten anzuwenden?"^ interessant ist auch, dasz sich damals Veit 
Ludwig von Seckendorff als dichter versuchte, wir besitzen yon ihm 
ein geistliches lied : ^christliche gedancken vom hoch-heiligsten abend- 
mahl'*^ und das festgedicht: 'lobrede des Hettnsel berges (Insel- 
berges)'.'* 

Vergegenwärtigen wir uns , dasz V. L. v. Seckendorff am hofe 
Emsts des frommen als strebsamer junger mann fiund, was er nur 
sich wünschen konnte , intimsten verkehr mit dem hochgebildeten 
fürsten, vertraulichen umgang mit den angesehensten männem des 
hofes, freie Verfügung über seine zeit zu wissenschaftlichen arbeiten, 
so müssen wir allerdings bekennen, dasz er eine Stellung einnahm, 
wie wir sie in unserer zeit vergeblich suchen möchten." 

Bereits 1648 ernannte ihn der herzog zu seinem kammerjunker 

*^ vgl. Ueutsche reden' 8. 67. 'da ich nun anfangs f&nff jähre lang 
deroselben als hof- nnd cammer-jnncker unterthänigst anffgewartet, hatte 
ich die beute gelegenheit dero discarsen und jadicia vor allem was vor- 
gienge anzuhören, mäste auch hingegen aus dem, was ich gelesen oder 
sonst observiret (denn dieselbe zeit habe ich mehrentheils ad stadia 
angewandt) meine gedanken wieder eröffnen, welches anff reisen, im 
kutschenfahren , und des abends nach verrichteten geschäften der seit 
vertreib war.» 

*<* vgl. M 8 III 11 im herzogl. hans- und Staatsarchiv Gotha (in 
zwei sehr sauber geschriebenen exemplaren vorhanden). 

*^ vgl. M 8 III 14 im herzogl. haus- und Staatsarchiv zn Gotha. 
Seckendorff empfiehlt die errichtung eines 'oonsistorium ecciesiasticam 
universale Germanicum', eines 'collegium Politicorum', die gründang 
von 'seroinaria nobilitatis, majoris et minoris et plebeia' und 'ordo 
militaris*, die erbauang von zucht-, waisen- und findelhäasern, die onter- 
stütEung der armen bauern, Soldaten, kleinen beamten nnd — 'so aber 
sehr gros undt wichtig' — beisteuer zum 'patrirooninm Imperii'. 

'1 vgl. M 3 III 8 im herzogl. haus- und Staatsarchiv zn Gotha, 

*< vgl. M 3 IV 7 ebd. auch W. E. Tentsel 'eurienae bibliothek', 
1704, s. 113 — 146. Mob-rede des Heünsel-bergs , insgemein Inselbergs, 
auff welchem, als dem höchsten gebarge im Thüringer-wald, se. fürstl. 
dnrchl. hertzog Ernst höchseel. andenkens, im jähr 1649 ein Inst-haosi 
erbauen lassen, auff gnädiges begehren auffgesetset dnrch dero der 
zeit unterthänigen cammer-junckern Veit Ludwigen von Seckendorff im 
august-monat desselben Jahres.' 

^ vgl. O. Nasemsnn preuszlsche Jahrbücher 1868 ISr bd. s. 261. 



und Beine gedanken über erziehung und Unterricht. 281 

und wies ihm seine wohnung auf dem neu erbauten schlösse Frieden* 
stein an. mit der unmittelbaren nfthe seines fürsten war für ihn 
freilich auch eine häufung der arbeiten verbunden, oftmals beklagt 
er, dasz er ^allzu zeitlich in geschafften gerathen sei'.^^ da wurde 
ihm vom markgrafen Christian (reg. 1603 — 1655) von Branden- 
burg-Bayreuth im juli 1651 der ehrenvolle antrag'^, hofmeister- 
stelle bei seinem enkel Christian Ernst ^, dem einzigen söhne des 
verstorbenen erbprinzen Erdmann August (gest. 27 januar 1651), 
zu übernehmen. '^ er lehnte aber dieses anerbieten ab. zum danke 
dafür wurde er bereits im monat augnst 1651 ^ von herzog Ernst 
zum hof- und justizrat ernannt, dies geschah jedoch erst nach voraus- 
gegangener prüfung unter vorsitz von Georg Frantzke^*, seit 1641 
cancellarius bei Ernst d. fr. als mitglied des ^geheimbderathscolle- 
gium' stand er unmittelbar unter letzterem, ihm hat er viel zu 
danken, offen bekennt er: ^ich musz aber diesem ehrlichen manne 
— der vor 27 jähren verstorben — mit schuldigem danck und rühm 
nachsagen, dasz ich ihm, nechst gott, und mühsamen lesen alter und 
neuer acten, guten theils zu dancken habe, was ich im teutschen 
stylo im reden und schreiben praestiren lernen — . insonderheit 
habe ich ihm, weil es meiner natur und kopff am gemSssesten, gern 
gefolget, dasz ich mich neu ersonnener und erzwungener worte und 
redens arten nicht leicht gebraucht, sondern bej dem alten cantzelei 
stylo, dessen ich mich aus fleiszigem lesen der alten und neuen acten 
kundig gemacht, am liebsten geblieben, also was möglich, mit ge- 
meinen und verständlichen und üblichen werten gegeben , und hin- 
gegen die krafft des Schlusses oder grundes und beweises, so genau 
und durchdringend es geschehen können, in acht genommen. ^^ 

'^ vgl. vorrede im 'christenstaat'. 

'^ im V. Seckendorff. fAmilienarohiv za Measelwitz. dieses schrei- 
ben lautet: 'wol edel, gestreng vnd vester, dem seyen meine willige 
dienste zuvor, günstig vnd geehrter Juncker, demnach der durchl. 
hochgebome fürst vnd berr, berr Christian, marggraf zu Brandenburg, 
zu Magdeburg in Preüszen und herzog vnd burggraf zu Nürnberg 
vnd fürst zu Halberstadt vnd Münden, mein gnediger fürst vnd herr, 
sr. fürstl. Brand, durchl. herrn Christian Ernst marggraffen zue Branden- 
burg vnd seines alters im siebenden jähr, einen hofmeister zu bestellen, 
willens, vnd des Junckers person bierunter in Vorschlag kommen, habe 
ich durch dieses brieflein mich erkundigen wollen, was desz Junckers 
gelegenheit vnd meinung, ob er sich darzu wolte gebrauchen laszen; 
wenn er denn inclinirt, kan der Juncker sich gegen mir erkleren, darauf 
fernere handlung gepflogen werden solle, erwarte förderlichst antwortt 
vnd verbleibe neben göttlicher befehlung e. bester d. v. Georg Ritter- 
bausen. dat. Bayreuth, d. 3 Julij 1651.' 

^ vgl. allgem. deutsche biograpbie 4r bd. s. 169 ff. 

'^ dies geschah also nicht 1650, wie alle quellen angeben, auch 
sollte er nicht ''reiseführer' zweier prinzen werden (preusziscbe Jahr- 
bücher 1863 12r bd. s. 261). 

3*^ nicht 1652, wie Kolde angibt. 

'® vgl. allgem. deutsche biograpbie 7r bd. s. 274 ff. und Tholuck 
Mebenszeagen der luther. kirche' s. 63. 

«> 'teutsche reden', vorrede s. 69. 



282 Veit Ludwig von Seckendorff 

1655^^ gieng V. L. v. Seckendorff von der jastiz zur verwaltang 
über und wurde *geb. hof- und cammerrath'. als Vorsitzender des 
kammercoUegiums , dessen ^innere einrichtung allerwttrts fttr ein 
muster gebalten wurde' ^', sebrieb er auf anregung seines benogs 
den ^fürstenstaat' und legte darinnen die grundsfttze dar, auf denen 
die Staatsregierung Emsts des frommen beruhte, auf Veranlassung 
des berzogs Wiibelm von Weimar und mit besonderer erlanbnis 
berzog Emsts wurde ibm 1657 das bofricbteramt zu Jena über- 
tragen.^ 

In demselben jabre war er reisebegleiter von Jobann Ernst 
(1641 — 1657). die reise fttbrte über Frankfurt, Mainz, Köln, 
Njmwegen, Haag, Amsterdam, ütrecbt und wieder zurück über 
Frankfurt. Y. L. von Seckendorff bat sie ausfübrlicb bescbrieben.^ 
diese aufzeicbnungen sind ein wertvoller beitrag zur sitten- und 
culturgescbicbte des 17n jabrbunderts und barren nocb ihrer ¥«r- 
öffentlicbung. aucb gebt aus einem briefe Seckendorffs an bersog 
Ernst bervor, dasz diese reise durchaus nicht *in erster linie der er- 
bolung und dem vergnügen' galt , wie Boehne 'die pftdagogiacben 
bestrebungen Ernst des frommen von Gotha' s. 328 angibt« Seokeii- 
dorff schreibt 'grafen Haag, d. 5/15 octob. 1657': 'die zeit so wir 
übrig haben, leget der junge herr ad Studium politicum, wie aacfa 



<< vgl. Beck ^Ernst der fromme* Ir bd. t. 837. 'die 
zur zeit herzog ErDSts waren: — Veit Ludwig von Seekendorff 16M 
—1663.' 

** vgl. Gelbke 'herzog Ems^ der erste, genannt der fromme, als 
mensch nnd regent' 2r bd. s. 198. 

*^ darüber berichtet ein brief Emsts d. fr. an hersog Wilhelm tob 
Weimar vom 1 juni 1667. vgl. M 3 im hertogl. bans- und staatsarebiv 
za Gotha, dieser brief ist merkwürdig, weil er anf hersog Ernst, wie 
auf Seekendorff, ein charakteristisches licht wirft, wir oitieren daraus 
folgendes: ' — auch eure Id. darbej unsere gedancken freundtlioh be- 
gehret, ob wir zue solcher stelle unseren hof- und cmmmerrath Veit 
Ludw. V. Seckendorff gebrauchen lassen wollen. — was aber erwehntea 
unseren hof- und cammerrath betrifft, haben wir iwar anfangs wegea 
seiner ordinär! Verrichtung in unserm hof etwas angestanden, dieweil 
wir aber das gnädige vertrauen zu ihm haben, er werde nicht« desto 
minder unsere saohen seiner darauf abgelegten diener pflicht nnd nnserer 
Verordnung nach, femer getrenlich alss bisshero geschehen, beobaehtea, 
auch wir nicht zweifeln, dasz er ausier diesen hofgeriehtssaehen aii 
andern Verrichtungen verschonet bleiben werde; so können wir aack 
unseres orts geschehen lassen, dass er zue solcher fonction gebranebt^ 
und auf geschehene notification und vocation in stehendes hofgeriehts 
— (?) dem herkommen nach in die pflicht genommen und gebfierlicbeo 
installlret werde, nach dem zumal wir auch nicht wol absehen könneii, 
wo etwa sonsten ein anderer genugsamb qualifieirtes sabjectom sa findea 
und erwerben/ 

** vgl. E lY 2a u. 2b im herzogl. haus- and Staatsarchiv sa 
Gotha, 'relationes über des seelig verstorbenen fürstens aad herreas 
herm Job. Ernst, hertsog zu Sachsen n. s. w. reis« in die voreiaigtea 
Niederlande vom 15 8«pt. biss 31 octob. 1667, davon die eine der «eel. 
herr selbst angefangen, die andere aber der cammerrath V. L. v. 2i«ekea- 
dorff aafgesetset.* 



??«E^ 



und seine gedanken über eniehnng und anterricht. 283 

ü lesnng einiger frantz. bttcher an, also dasz wir yerhoffentlich 
Infiie itimde Tergeblich mit ursacbe paszieren laszen'. ^ 

"bk eeiner neuen Stellung als bof- und kammerrat war er der 
umrm üdlielie mitarbeiter seines berzogs und gewann dadurcb das 
.'«Mtetbliebe Terdienst'^ bei der abfassung der Verordnungen und 
gt e otie , welche die moraliscbe bildung des volkes bezweckten, mit 
ttiüy gewesen zu sein.^ ja, aucb wir sind überzeugt, dasz nicbt 
weoigeeTon dem, was die gescbiobte an der regierung berzog Emsts in 
fpditiseker.kirobUcher und pädagogischer beziebungzu rühmen weisz, 
«nf ifie anregung seines vielseitigen rates zurückzuführen sein dürfte.^ 
ganz besonders aber bewfthrte er sich bei der teilung der grafschaft 
VMirtMrg^ und in den Verhandlungen betreffs beilegung der streitig- 
sten wegen der landeshoheit über die Stadt Erfurt zwischen dem 
gesamÜianse Sachsen und Kurmainz, mit scharfer feder verteidigte 
«r die rechte Sachsens gegenüber dem kurfürsten Johann Philipp 
TOS Ifüns« ** dasz trotzdem seine bestrebungen ohne erfolg blieben, 
war nicht sein verschulden, nach dem tode des kanzlers Wilhelm 
Seliröter (1663) '^ trat er an die spitze des ^geheimen rats'. doch 
wurde ihm nicht der titel eines kanzlers beigelegt. ^' aus der menge 
der Obliegenheiten , welche von ihm nach der *geheimbderaths-ord- 
WBI^f' vom jähre 1660 zu erledigen waren, erwähnen wir besonders 
l)die auferziehung und Verschickung fürstlicher kinder; 2) die ver- 
Weettmng des gymnasiums; 3) geheime angelegenbeiten, welche dem 
gaftzen consistorialcoUegium nicht zu eröffnen ; 4) die berufong einer 
ai^gemeinen synode; 5) die fandierung neuer Zulagen der kirchen- 
mid achuldiener, neuer Stipendien u. s. w.^' wie streng aber diese 
ponkte in acht genommen wurden, ersieht man z. b. aus dem auf- 
aatze *zue beszerer werckstellung deszen, was wegen des ältisten 
|Epntzen herm Friedrich information undt ubung am 25n Julij 
IpHgathin abgeredet undt zum theil verordnet worden.' 27 octbr. 
il^S.^' daselbst heiszt es: '3) es sollen aber dienstag undt freytags 
dtor geheime cammerrath, der v. Seckendorff undt der hofrath Hey den- 
fiiii;fi sich vergleichen, wecbszelsweise, im fall sie anwesend sind, zu 
Üjma printzen zu gehen, undt ebener gestalt nach seinen studijs 



^ Tgl. E IV 2a im herzogl. haus- und Staatsarchiv sn Gotha. 

^ Tgl. Back 'Ernst der fromme' Ir bd. 8. 890. 

^' Tgl. 'realencjklopädie für Protestant, theologie und. kirche', 
Leips. 1884, 14r bd. s. 12 — 16 artikel 'Veit Ludw. t. Öeckendorf Ton 
Th. Kolde. 

^ Tgl. Beck 'Ernst der fromme' Ir bd. s. 276 ff. 

^ Tgl. Heibig 'Johann Philipp Ton Mains and Joh. Georg II t. 
Saihien während der Erfurter wirren 1660 — 1667' im 'arcblT für die 
slehaisohe geschiebte' 1865, dr bd. s. 411. 

M Tgl. Beck 'Ernst der fromme' 2r bd. s. 61. 

** Tgl. 'historia Gothana' s. 268 und Heydenreich 'denkwürdige 
annalei' 1721, s. 9. 'von anno 1668 an, da hr. cantslar Wilhelm 
Schröter gestorben — ist kein cantslar wieder bestellet worden.' 

** Tgl. Beck 'Ernst der fromme' Ir bd. 880. 

^' vgl. E III 8 vol. i im herzogl. haus- und Staatsarchiv sn Gothas 



284 Veit Ludwig von SeckeDdorff 

selbiger wochen zu fragen, undt was er aufgesetset, zu sehen; dabey 
auch von ihnen nndt von herm Ludolflfen der informator M. Eejhir 
erinnert werden soll, zu zeigen, was er in mathematicis, geograpbicis 
und dergleichen materien, wie auch in der arithmetik extra ordinem 
gethan, damit sie erinnern können, was etwa nützliches undt nötiges 
ftlrzunehmen, undt können sie ausz dem diario sehen, was die wochen 
über in allen mat-erien fttrkommen, und darauf die disenrse ein- 
richten, insonderheit auch theologica nndt historia ecclesiastica nioht 
übersehen. 4) wann auch der printz einen handtbrieff schreiben 
will, in welcher spräche es nur seyn soll, er solches bej dergleichen 
yisite mit der rfttbe gut befinden undt correctur fümehmen.' 

Im sommer des jahres 1664 wurde Veit Ludw. von Seckendorff 
reisebegleiter des erbprinzen Friedrich.^ diese reise führte über 
Frankfurt, Heidelberg nach Straszburg^ woselbst Friedrich die 
Universität besuchen sollte, nachdem er in Heidelberg Günther von 
Grieszheim als hofmeister des prinzen in pflicht genommen und in 
Straszburg gelegenheit gefunden mit Böcler zu verkehren,^ trat er 
bald wieder die heimreise an. bereits am 22 juli hatte er die Stadt 
verlassen (vgl. schreiben des erbprinzen Friedrich an herzog Ernst 
vom 22 juli 1664, E lY 5). in Heidelberg traf er mit seinem 
bruder Heinrich Gottlob von Seckendorff^ zusammen, der bisher 
ebenfalls in Emsts des frommen diensten gestanden hatte, beide ver- 
kehrten am hofe des pfalzgrafen Karl Ludwig (1617 — 16S0).^ 
dieser fürst war es auch, der den rat Veit Ludw. von Seckradorff 
in Sachen des erziehungs- und Unterrichts wesens suchte und fand*" 
und seinen bruder dadurch an den pfölzischen hof zu ziehen wüste» 
dasz er denselben zum 'ordentlichen regierungs- und hofraf er- 



^ vgl. E IV 6 im hersogl. haus- und Staatsarchiv xu Gotha, 'poncta, 
welche bej Verschickung des eltisten prinsen, herm Friedrich hertsorea 
lu Sachsen in acht sn nehmen. 28 Junij 1664.' die reise beginnt n&ht 
erst am 16 juli, wie Boehne s. 380 angibt, bereits am 4 juli meldet 
Seckendorff ihre ankunft in Frankfurt — , am 15 juli sind sie bereits 
in Straszburg (vgl. 3n brief Seckeodorffs an herzog Ernst, Strassburg, 
d. 16 juli 1664, E lY 6). auch ist Seckeudorff durchaus nicht 'hof- 
meister' des prinzen. hofmeister war Günther von Griessheim, der sieh 
am 7 juli in Heidelberg einstellte, (vgl. 2n brief Seokendorffs an herzog 
Ernst, Heidelberg, d. 8 juli 1664 — 'der von Griessheim hat sieh 
gestern eingestellt, ist unterthänigst willig su allen dem, was e. f. 
durchl. dienst erfordert'). 

^^ vgl. brief Seckendorffs an herzog Ernst, Strassburg, d. 16 juli 
1664, — 'weil mich aber herr Böcler vertröstet, dast er noch den 
donnerstsg oder frejtag aus dem Sehwalbacher brunnen, wieder an- 
langen wollte, so achte ich es der m&he wohl werth, anff ihn ein tar 
tage SU warten, will mich hernach beschleunigen, so sehr ieh kan.' 
E IV ® 6 im haus- und Staatsarchiv zu Gotha. 

^ vgl. Schreber 'historia vitae ac meritomm Viti Ladovici a Seeken- 
dorff* s. 16 ff. 

&^ vgl. allgem. deutsche biographie 16r bd. s. 826 ff. 

^ vgl. Mone Zeitschrift für die geschichte des Oberrheins, 1861, 
2r bd. s. 144 ff. 



und seine gedanken über erziehung und Unterricht. 285 

nannte.^ (das civilbestallungsbuch des kurfürsten Karl Ludwig 
ODth&lt die Urkunde über die emennung Heinr. Gottlob v. Secken- 
dorff zum kurfürstl. rate, d. d. 22 aug. 1664. — Groszherzogl. 
badisches generallandesarchiv, Karlsruhe.) 

Kurze zeit nach seiner rückkehr nach Ootha reichte er sein ent- 
lassungsgesuch ein, und herzog Ernst nahm dasselbe an. bereits 
am 17 august 1664 hatte er dies seinem freunde Ernst Ludwig 
Avemann*^ nach Begensburg mitgeteilt*', und herzog Ernst berichtete 
•es seinem söhne Friedrich am 29 august 1664 nach Straszburg.'* 

Beide sind darüber höchst verwundert. ^ was ihn yeranlaszt, 
den hofEmsts des frommen zu verlassen^ ist bis jetzt nicht bekannt. 
<doch können wir nicht glauben (wir befinden uns hier im einver- 
nehmen mit W. Bescher)^, dasz er dies wegen überhftufter amts- 
geschäfte gethan habe.*^ viel Wahrscheinlichkeit hat die annähme, 
dasz seines bruders eintritt in Karl Ludwigs dienste veranlassung 
dazu ist. wird diese schon durch den brief Seckendorffs an herzog 
Friedrich vom 2 august 1664 unterstützt (vgl. anm. 59) , so noch 
mehr durch das schreiben Avemanns an V. L. v. Seckendorff. wir 
geben dasselbe seinem Wortlaute nach wieder, da es die einzige 

^ vgl. brief Seckendorffs an herzog Friedrich. 'Franckfnrth , d. 
2 aug. 1664' '— und mein bruder zn mir nach Heidelberg kahm» nahm 
ich die Offerte des churfürsten an, der ihn zn einem ordentlichen 
regiemngs- oder hofrath bestellen wollte, ich hoffe, es werde meinem 
gnedigsten berrn — alszo auch gefallen, und insonderheit e. durchl. 
sich dessen erinnern, was ich deszhalben hey deroselben Verleihung (?) 
erinnerte, sie mir auch gnädig versprochen, damit von Sachen, darrausz 
beiden teilen kein gl impf entstehen kann, nichts mehr einigen menschen 
yertranet und geklaget werde, sonst dörffte anff der andern seite der- 
gleichen auch geschehen^ E IV 6 im haus- und Staatsarchiv zu Gotha. 

^° vgl. allgem. deutsche biog^aphie Ir bd. s. 698. 

^^ vgl. brief £. L. Avemanns an Seckendorff, 'Regensburg, 26 aug. 
1664' im Seckendorffischen familienarchiv zu Meuselwitz. 

^' vgl. E IV 6 im herzogt, haus- und Staatsarchiv zu Gotha. 

^' Avemann schreibt an Seckendorff: ' — so mag ich doch dem- 
aelben nicht pergen, dasz mich diese vorgenommene mutation der- 
maszen afficirt, dasz ich sie mihr eine Zeitlang fast nicht einbilden 
können', Seckend. familienarchiv zu Meuselwitz. herzog Friedrich 
schreibt an seinen vater: ' — dasz aber wegen des von Seckendorffs 
person einige verenderung vorgangen, habe ich auch nicht ohne Ver- 
wunderung aus ew. uns gnedigen schreiben ersehen', Straszbnrg, 7 septbr. 
1664, £ IV im haus- und Staatsarchiv zu Gotha. 

^* vgl. arcbiv für die sächsische geschickte 1863 Ir bd. s. 376. 

^'^ alle persönlichen nachforscbungen im herzogl. haus- u. Staatsarchiv 
zu Gotha, im k. haupt- und Staatsarchiv zu Dresden und im v. Seckend. 
familienarchiv zu Meuselwitz, wie auch die dankenswerten bemtihungen 
der herren archivdirector dr. Burckhardt in Weimar und archivrat 
T. Müller in Coburg, der direction des groszh. bad. general-landes- 
arcbivs zu Karlsruhe, waren vergeblich, diesbezügliches material auf- 
zufinden, in Gotha selbst war dies uro so mehr zum verwundern, da 
V. L. v. Seckendorff am 24 april 1675 an herzog Friedrich schreibt: 
' — ich habe gar nichts bey meiner mutation von Gotha an absebrifft 
oder privat acten behalten.' vgl. £ VI (6) u. 21 im haus- und Staats- 
archiv zu Gotha. 



286 Veit Ludwig von Seckendorff 

uns bekannte quelle ist; die sich Ober seinen Weggang von Goth* 
ausspricht, datum Begensburg 25 ang. 1664. monsieur mon tres- 
honor6 comp, ^meines hochgeehrten herm gevattem ittngstes yom 
17 dieses, ist mibr den 22 ejusd. wol worden, und habe ich daraoss 
derselben yorhabende und getroffene enderung mit mehrerm yer- 
standen, wie wol ich nun demselben sein guten glück, so er seiner 
guten qualitatin und meriten halber ohne das werth, ^jm hertsen 
gönne und zu seinem vorhaben alle selbst begehrende ersprieailig- 
keit wünsche, so mag ich doch demselben nicht pergen, dasz mich 
diese vorgenommene mutation dermaszen afficirt, dasz ich sie mihr 
eine Zeitlang fast nicht einbilden können, zwar glaube ich gar gern, 
das er umb keiner derer von ihm angeführten Ursachen willen , zu 
dieser resolution gerathen, allein musz es doch ein sonderbahrer 
hochwichtiger punct, (den ich noch nicht ersinnen können) sein, der 
ihn, als einen, der sonst mine gemacht^ als wolte und würde er bey 
unserm hoffe leben und sterben , solche zu fassen , bewogen hat, ge- 
dachter hoff wirdt seinen abgang empfinden , und ich bedaore den- 
selben, umb vieler trefflichen Ursachen willen, sehr, indem ich da- 
durch nicht allein eines sonderbahren beystandes verlustig, sondern 
auch eines so vornehmen treuen freundes beraubet worden. — 
Es ist mir zwar solches werck binnen 14 tagen von zwejen orten 
hehr mit etwas entdeckt worden, ich habe aber darauf gar nicht 
gründen können noch wollen, sondern dafür gehalten, es sei ein 
abus, von seines herm bruder avancement zu Hejdelberg hehr* 
rührent.' 

Herzog £mst blieb dennoch Y. L. v. Seckendorff zeitlebens 
gewogen, es entsprach ganz der edlen gesinnung des herzogs, wenn 
er kurz nach einreichung seines entlassungsgesuchs seinem söhne 
Friedrich schrieb: 'gott helffe, dasz er dem höchsten anders wo 
helffe, seine ehre befördern'**, wenn er an den herzog Johann Ernst 
die nachricht gelangen läszt, 'das der von Seckendorff bej gemeldtem 
hoffrichterlichem ambte wohl gelaszen werden könne'.*' dauernd 
beehrte er ihn mit seiner gunst und zog ihn in wichtigen fragen sn 
rate, so hörte er seine meinung betreffs errichtung des collegium 
Hunnianum, erbat er seine Unterstützung in derselben angel^genheit 
am Dresdner hofe*^ und in einem schreiben vom 27 november 1670 sein 
gutachten betreffs errichtung eines frftuleinstiftes.** wie schon früher**, 



^ vgl. E IV 6. brief EfdsU d. fr. an bersog Friedrich vom 
29 ang. 1664, berzogl. haus- und staatsarcbiv zu Gotha. 

"^ Tgl. M ® 8. 10 im bersogl. haus- und staataarchiv sv Gotha. 
'dessen v. Seckendorff gesachte continnation der gesambten hoffgeriehts- 
bestallung su Jehna.* 

«^ vgl. Beck 'Ernst der fromme' Ir bd. s. 684 

^ vgl. XX, VII 17, nr. 1 im herzogl. hans- und ttaatsarchiv sn 
Gotha. 

^ vgl. Beck 'Ernst der fr.* Ir bd. s. 187, 'Veit Ladw. v. Secken- 
dorff erhielt im jähre 1661 800 mfl., 1668 800 rth. and bei eialösiiBf 
der herschaft Cranichfeld 100 rth.' 



und seine gedanken über erziehang und Unterricht. 287 

80 war auch der herzog spftter für solche geleistete dienste nicht an- 
dankbar/^ 

Seckendorff selbst blieb der treue diener seines früheren herm. 
stets spricht er mit gröster hochachtung von ihm.^ er ist es auch» 
der nach Emsts tode dem herzog Friedrich, auf dessen besondem 
wünsch am 24 april 1675 'einen nach gelegenheit der weitl&nfftigen 
und hochwichtigen materien kurtzen und einfftltigen entwurff von 
etlichen dero in gott ruhenden herm vater christfürstl. actionen'' 
za8chickt% welcher dem 'christ-fürstl. lebens-lauff des durchl. fürsten 
— herrh Emstens — '^^ zu gründe liegt, herzog Friedrich aber be- 
kundete sein wohlwoUen dadurch, dasz er ihn 1676 zum landschafts- 
director und 1680 zum steuerdirector von Altenburg ernannte, diese 
ämter verwaltete Seckendorff bis zu seinem tode. 

Bald nach seinem scheiden von Gotha wurde er Weihnachten 
1664 von herzog Moritz^ von Sachsen-Naumburg-Zeitz als geheimer 
rat und kanzler berufen und den 16 jan. 1665^ in pflicht genommen, 
auch wurde ihm im herbste desselben jahres 'die direction der 
cammer , wiewohl er damit verschonet zu werden gebethen , wegen 
seiner dergleichen Sachen allbereit bej direction der fürstl. cammer 
zu Gotha erlangter erfahrung^ mit auffgetragen'. ^ in dieser neuen 
Stellung bewährte er sich wiederum als bedeutender Staatsmann, der 
nicht allein die interessen des hauses S. -Naumburg- Zeitz förderte 
und vertrat , sondern auch das wohl des gesamten deutschen Vater- 
landes im äuge hatte und bemüht war, 'dem überaus groszen und 
täglichen hauptmangel im lande abzuhelfen'.''^ mit freimütigen 
Worten legte er seinem fürsten seine ansichten dar, unbekümmert, 
ob sie gefallen oder anstosz erregen werden.^* offen bekennt er ihm : 

^^ vgl. Gelbke 'herzog Ernst der erste' 2r bd. s. 233. 

^ vgl. Heutsche reden' s. 9 ff., 16 ff., 56 ff. dabei ist zu beachten, 
was der ehrwürdige k. Fr. v. Moser (patriot. archiy f. Deutschland, 
1785, II 508) sagt: 'der berühmte Staatsmann v. Seckendorff sei keines 
fürsten augendiener noch Schmeichler gewesen und ein von ihm ge- 
fällter lobspruch über einen groszen herm gehöre in die schatzkamer 
seines hauses', arch. f. d. sächs. gesch. 1863 Ir bd. s. 883. 

^ vgl. £ VI (5) n. 21 im herzogl. haus- und Staatsarchiv zu Gotha. 

^^ vgl. ebd. 

^ vgl. J. S. Müller 'annales des kar* u. fürstl. hauses Sachsen', 
nach s. 316 war Moritz sechster söhn des knr fürsten Joh. Georg I, ge- 
boren den 28 märz 1619, fs^estorben den 4 december 1681. darnach ist 
Gretscbel 'gesch. d. sächs. Volkes u. Staates' 2r bd. s. 339 und 668 zu 
verbessern. 

''^ vgl. 'teutsche reden' s. 81, 'rede an herm Moritzen, bertzogeo, 
als der autor den 16 jan. 1666 zum geheimen rat und cantzlar in pflicht 
genommen', darnach auch Beck II 62 zu verbessern, da Seckendorff 
nicht 1663 iu Moritz dienste getreten ist. 

^^ vgl. brief herzog Moritz an Seckendorff vom 6 december 1680 im 
k. haupt' und Staatsarchiv zu Dresden, loc. 9056. 

^^ vgl. Seckendorff an herzog Moritz, 'Zeitz, 5 febr. 1675' im k. 
haupt- und Staatsarchiv zu Dresden, loc. 9056. 

^^ vgl. Seckendorff an herzog Moritz, 'Dresden, 28 märz 1673' — 
'denn bey denen grund verderbten zustand — hat man sich nichts alsz 



288 Veit Ludwig von Seckendorff 

^68 ist aber mit des landes noth und fehlem des regimentswerckss 
aafifs äaszerste kommen, und kan ohne bitterkeit keine heilsame 
artznei erfunden werden/ ^^ als gewandter Staatsmann bew&hrie er 
sich besonders bei den Unterhandlungen, ^welche herzog Moriti 
wegen des hochstiftes Naumburg und des dazu gehörigen collegiats- 
Stiftes zu Zeitz pflog' ^', um bessere einkünfte für kirchen, schalen, 
Stipendien und ^andern milden Sachen' zu gewinnen, entsprach auch 
der erfolg nicht seinen absiebten, so gelang es ihm doch, grössere 
«ummen zur sittlichen hebung des Volkes zu erlangen und zu ver- 
wenden.^ seiner besonderen fürsorge erfreute sich die stiftSRchale 
zu Zeitz, auf seine empfehlung wurde Christoph Cellarius" 1676 
rector dieser anstalt, mit dem er bis zu seinem tode in treuer 
freundschaft gelebt hat.^ seinen bemühungen gelang es auch, 
Men grösten teil der bibliothek des Thomas Beinesius mit der 
bibliothek des bischofs Julius Pflug zu vereinigen.^ kein wun- 
der, dasz er sich nicht nur als Staatsmann, sondern auch als 'ge- 
lehrter Mäcen'^ der gunst seines herzogs erfreute, aus dem nns 
erhaltenen brief Wechsel V. L. v. Seckendorffs mit herzog Morits er- 
sehen wir, welch inniges verh&ltnis zwischen beiden mftnnem be- 
stand.^ so atmet auch das von herzog Moritz am 21 febr. 1681 
niedergelegte testament" ganz Seckendorffs geist, und es beweist, 
wie sehr der fürst dem weitschauenden blicke seines kanzlers Ver- 
ständnis entgegenbrachte, bei der menge seiner oft so Werdriest- 
liehen' amtsgeschftfte , bei seinen 'durch mehr alsz drejszigjährige 
hoffdienste und tägliche kopff und gemüthbrechende gescheffte ge- 
schwechten krefften'^, seiner neigung zu gelehrten Studien, kann es 
uns nicht wundern, dasz er schon bei lebzeiten herzogs Moritz damit 
umgieng, seine Stellung aufzugeben und als privatmann seine tage 
zu beschlieszen. seine im august und november 1680 einger^chten 



seines gewiszens zu getrosten und bey dessen zengniss gebe mir gott 
krafft und mutb, dasz ich keine Ungnade noch gefabr fürchte', k. haapt* 
und staatsarcbiv su Dresden, loc. 9056. 

^ vgl. Seckendorff an herzog Morits, 'Zeitz, 6 febr. 1676% ebd. 

^* vgl. Gretscbel 'gescb. d. säohs. Volkes u. Staates' 2r bd. s. 439 ff. 

"*< vgl. Philipp 'gesch. des stifts Naumburg und Zeitz', 1800, s. 2g&. 

^^ vgl. 'allgem. deutsche biograpbie' 4r bd. s. 80; auch Chr. Gottfr. 
Müller 'über die freqnenz der stiftsschule au Zeitz von 1676 — 1796', 
Leipzig 1797, s. 23. 

^* vgl. add. z. Christenstaate s. 726. 

^ vgl. Chr. Gottfr. Müller 'über die frequenz der stiftsscbule m 
Zeitz von 1676— 1796% s. 23. 

«• ebd. 

^' vgl. 'geschäftsschreiben des kanzlers V. L. v. Seckendorff an 
den herzog Moritz v. S. -Zeitz', 1673 — 1676, baupt- und staataarchiv sa 
Dresden, loc. 9056; auch 'allerhand geschäftsbriefe des kanxlera V. L. 
V. Seckendorf an den herzog Moritz Wilhelm v. S.-Zeiti*, 1681—1692, ebd. 

"^ vgl. 'merkwürdiges leben des durchl. fürsten und herren, herrn 
Moritz Wilhelms, hertzogs su Sachsen', 1720, s. 168 ff. 

^^ vgl. Seckendorff an herzog Moritz, 'Zeitz, den 6 febr. 1676', 
haupt- und Staatsarchiv su Dresden. 



und seiae gedanken über erziehung and Unterricht. 289 

entlassungsgesuche wurden aber vom herzöge nicht angenommen.*^ 
aus einem für ihn höchst schmeichelhaften schreiben des herzogs 
vom 6 december 1680 ersehen wir, dasz er sich auf des herzogs 
^gnädigstes und wohlmeinendes ansinnen endlich unterthftnigst er- 
klärte, in bisheriger Verrichtung, so lange ihm gott leben, gesund- 
heit und sonderlich die dazu erforderte krä£fte und gedächtnisses 
und nachsinnens erhalten würde', bei ihm und seinen nachfolgem 
zu bleiben, seinen wünschen trug der herzog dabei rechnung und 
gewährte ihm auszer mancherlei Vergünstigungen 'sechszhundert 
gülden jährliche gnadenbestallung' mit der ausdrücklichen bestim- 
xnung, dasz er von *den succedirenden printzen bej seinem amte 
und bestallung in gnaden erhalten und geschützt werde\*' 

Bereits am 4 december 1681 starb herzog Moritz, sein minder- 
jähriger söhn Moritz Wilhelm (1664 — 1718), unter Vormundschaft 
des kursächsischen hauses stehend, war sein nachfolger. kurz darauf 
legte er seine ämter in Zeitz nieder, schon in dem briefe, in wel- 
chem er in wahrhaft väterlichen werten den tod des vaters dem 
jungen herzog Moritz Wilhelm nach Paris meldet und ihm ^einen 
extract des testaments und eine treulichst wohlgemeinte monita' 
sendet, lassen folgende worte seinen baldigen abgang ahnen: ^es 
wird mir schwer fallen eine solche Charge zu continuiren , mit auf- 
ladung eines hasses von der mächtigen churfürsten band und nebst 
andern commodis, die ich voraussehe.'*^ Verdächtigungen und bos- 
haften angriffen betreffs des von herzog Moritz hinterlassenen testa- 
ments, seiner lebenslänglichen pension usw. war er ausgesetzt, 
mit groszer entrüstung weist er alle gegen ihn erhobenen beschul- 
digungen dem herzog Moritz Wilhelm gegenüber zurück ('Meuszel- 
witz^ d. 6 april 1682'^^ und verlangt in einem memorial, ('Eisenach, 
den 31 aug. 1682')*^ weil er 'seine mit so gar groben calumnien 
ohne alle schuld angetastete ehre nicht zu retten weisz', durch 'rescript 
in das land' Wiederherstellung seiner ehre und gnädige annähme von 
Seiten des herzogs. ob ersteres geschehen, vermögen wir nicht zu sagen, 
sicher aber ist es, dasz er einige jähre darauf im innigen verkehre mit 
Moritz Wilhelm steht, als ein treuer berater, ein väterlicher freund!** 



®^ vgl. brief Seckendorffs an herzog Moritz Wilhelm vom 6 april 
1682, ebd., loc. 9056. 

^1 vgl. herzog Moritz an Seckendorff, d. 6 december 1680, k. haupt- 
und Staatsarchiv zu Dresden, loc. 9056. 

^^ vgl. 'allerband geschäftsbriefe des kanzlers V. L. v. Seckendorff 
an den herzog Moritz Wilhelm v. ä.-Zeitz' 1681 — 1692. Ir brief vom 
4 (?) december 1681, loc. 9056. 

^^ loc. 9056, k. haupt- and stautsarchiv zu Dresden. 

«< ebd. 

^* vgl. 'briefwechsel zwischen Veit Ludw. v. Seckendorff und herzog 
Moritz Wilhelm v. Ö.- Zeitz', k. haupt- u. Staatsarchiv za Dresden. 

(Fortsetzung folgt.) 
Leipzig. Bichard Pahneb. 

N. Jahrb. f. phil n. p&d. IL abt. 189S hrt.6. 19 



290 Wilibald Grimm. 

28. 

WILIBALD GRIMM, 
Professor der theologie uud kirchenrat. 



Zu den grüDdlichen gelehrten, an denen die thüringische hochschale 
Jena so reich ist, gehörte auch der am 23 febr. verstorbene dr. Grimm, 
der namentlich durch sein mehrfach aufgelegtes leiicon graeoolatinam in 
libros novi testamenti gezeigt hat, das« er in seltener weise das spracb- 
idiom des neuen testamentes gekannt hat. viele semester hindurch hat 
er in seinen Vorlesungen die ezegese der nentestamentlichen scbriften 
zum gegenstände genommen und so sich bei seiner auch sonst aasge- 
breiteten gelehrsamkeit eine bis ins einzelne gehende kenntnis der 
spräche dieser biblischen bücher angeeignet, hat er doch schon auf 
dem gymnasium und dann während der zeit seines akademischen Stu- 
diums durch energische betreibung der dassischen sprachen eine seltene 
Vertrautheit mit dem altertnm gewonnen, er besuchte mit andaaem- 
dem fleisze die vortrage der philologen Eichstädt, Hand und Göttling, 
und besasz so eine tüchtige philologische bildung, die seinen theologi- 
schen Studien sehr förderlich war. in früheren jähren waren die theo- 
logischen examinatorien, die er über alle theologischen disciplinen so 
halten pflegte, sehr gesucht, die gründliche gelehrsamkeit, welche 
er erworben hatte, empfahl sich durch eine seltene gutmütigkeit^ 
Schlichtheit und anspruchslosigkeit alle, welche den so liebenswür- 
digen mann gekannt, werden nie vergessen, was er ihnen gewesen, wer- 
den darin übereinstimmen, dasz er ein Charakter von seltener rein- 
heit war. die lebensbahn, die nun abgeschlossen vor uns liegt, war 
eine sehr einfache, er wurde am 1 nov. 1807 in Jena geboren, be- 
suchte das weimarische gymnasium, das damals unter der leitung des 
durch seine genaue kenntnis der römischen litteratur, besonders der 
Schriften Ciceros, Quintilians, der historischen werke des Tacitus be- 
rühmten consistorialrats Qernbard in grosser blute stand; prof. Weber 
war der gründliche Vertreter der griechischen spräche und litteratur. für 
akademische Studien trefflich vorbereitet bezog Gr. mich. 1822 die Uni- 
versität seiner Vaterstadt, hier hörte er die exegetischen Vorlesungen des 
theologeu Schott, die collegien des ausgezeichneten theologen Baam- 
garten-Crusius, eines mannes von staunenswerter gelehrsamkeit, auch 
die vortrage Niemeyers, Hoffmanns, Danzes wurden fleiszig besucht, in 
der Philosophie waren Bachmann und Reinhold seine lehrer, in der philo- 
logie Eicbstädt, Hand und Göttling. auch des historikers Luden vortrage 
zogen ihn an. im jähre 1831 legte Gr. die theologische Staatsprüfung 
ab, setzte aber seine theologischen Studien auch nach rühmlich bestan- 
denem examen fort, einer von ihm gelösten preisaufgabe 'de loanneae 
cbristologiae indole Pauliuae comparata' wurde der erste preis zuerkannt, 
im jähre 1832 habilitierte er sich als privatdocent in der theologischen 
facultät, 1837 wurde er auszerordentlicher professor, 1844 erhielt er 
eine ordentliche professur. schon im jähre 1838 erteilte ihm die theo- 
logische faoultät in Gieszen die ehre eines doctors der theologie. neben 
seinen schon erwähnten exegetischen Vorlesungen über die Schriften des 
neuen testamentes las er auch über encyclopädie und methodologie der 
theologischen Wissenschaft, über die dicta classica des alten und neuen 
testamentes, über das buch der Weisheit, über die glaubwürdigkeit der 
evangelischen geschickte und über die christliche dogmatik. an theo- 
logischen Zeitschriften beteiligte er sich als fleisziger mitarbeiter. im 
jähre 1848 gab er heraus 'institntio theologiae dogmaticae evangelicae 
historica-critica' (Jena); 1863 erschien von ihm eine erklärang des ersten 
buches der Maccabäer (Leipzig;, das zweite, dritte und vierte bach der 



Briefe Karl LachmaimB an Friedrich Lücke. 291 

Maccabäer erklärt von Or. trat 1856 in Leipzig ans licht, in anerken- 
nung seiner segensreichen Wirksamkeit wurde ihm der titel eines kirchen- 
rates verliehen, so hat Grimm über ein halbes Jahrhundert an der ihm 
80 teuer und lieb gewordenen Universität Jena gewirkt, sein name wird 
in der theologie unvergessen sein. 

Halle. Gr. Lothholz. 



(26.) 

BRIEFE KARL LACHMANNS AN FRIEDRICH LÜCKE. 

mitgeteilt, eingeleitet und erläutert von F. SAin>EB in Bnnzlau. 

(fortsetznng von s. 247 ff.) 



V. 

Ans dem dorfe la Gaudaine bei Thiron in der provinz 
La Perche, d. 1. october 1815. 
Eure lieben briefe, bester Lücke, sind glücklich bei mir angelangt, 
■die ersten am 21n sept. in St. Germain des Brois, 4 stunden von hier, 
nachdem sie lange beim ersten und 6n armeecorps herumgeschweift 
waren, die letzteren gestern. Dein letzter brief — ich weisz nicht, wie 
er mich gequält haben würde, wenn er mich so angetroffen hätte, wie 
Du glaubtest, es ist möglich, dasz ich auch nie in dem zustande, in 
dem Du mich glaubst, gewesen bin, wenigstens ist er lange vorbei, 
ich will ganz aufrichtig gegen Dich sein. Dir gestehen wie im heicht- 
stuhl oder vor gott selbst, was ich noch keinem menschen unter der 
sonne und leider sonst auch mir nur halb gestanden habe, ich habe 
einst geglaubt, Laura zu lieben, zwischen dem 21 und 26 sept. des 
vorigen Jahres, schon auf dem rückwege nach Göttingen habe ich da- 
roahls geahndet, dasz es nur ein flüchtig vorübergehendes gefühl — Wohl- 
gefallen an einer schönen seele — war. dies könnte ich selbst durch 
ein damahls gefertigtes schlechtes sonett beweisen, nach und nach ist 
es mir aber immer klarer geworden, obgleich ich Euch nichts gesagt 
habe, freilich aber sehr oft — und dies ist eigentlich das geheimnisz — 
sehr oft und manchmahl lange habe ich mir selbst eingebildet, ich liebte 
sie wirklich, weil mich dies spiel erfreute und tröstete, es sollte ein 
Surrogat sein für die wirkliche erfnilung des tiefsten sehnens, des liebes- 
bedürfnisses, das meine seele so heisz und oft quälend fühlte — ach, 
dasz ich das höchste noch nicht gefunden, ich wuszte es wohl, und das 
hat mich so oft verstimmt, dasz es aber nur absichtliche täuschung 
war, habe ich etwa vor 3 wocben noch deutlicher gesehen, nachdem ich 
Klopstocks ode Petrarcha und Laura gelesen hatte, hätte ich es noch 
nicht gewuszt, ich hätte es gestern erfahren, als ich las, was Du schrie- 
best von dem frühen hinwelken so herrlicher blumen und bluten, es 
war grausam, das zu schreiben; ich wäre vergangen, war ich so wie 
Du dachtest, so aber habe ich nur eine sanfte wehmuth gefühlt, und 
so will ich Dir denn auch beichten, wenn ich nachricht von Dir und 
B[odungen] verlangt habe, so habe ich zwar allerdings auch mich und 
B[odungen] gemeint, aber nur für Dich*^ — für mich nur zum äugen- 



^^ Lücke schreibt noch nach Lachmanns tode: er interessierte sich 
mit innigem gemüte für mein bräutliches Verhältnis, kannte meine braut, 
war ein paarmal in Groszbodungen mit mir und scherzte gern mit 
meiner braut. — Er hielt, wenn die poesie seine inneren gemütsstimmungen 
darstellte, damit zurück mit mädchenhafter Verschämtheit, ein zartes 

19* 



292 Briefe Karl Lacbmanns an Friedrich Lücke. 

blicklichen spiel, nun frage ich, ob solches spiel, die selbsttKiuchiiiig 
eines liebebedürftigen hersens, so lange sie nicht ernst wird und wenn 
man sich davor bewahrt, wie icb es selbst, als ich suletzt in B[odangen] 
war, gethan habe, ob sie dann zu verdammen sei oder zu dulden, das 
sage Du mir; ich will es selbst untersuchen, noch weisz ich es nicht. 
dasz [so!] ist gewis, dass ich überhaupt in meinem leben zu viel gespielt 
habe, auch die erkenntnisz ist eine frucbt der spasierreise nach Frank- 
reich, dasz ich viel zu wenig gelernt habe, da solst [so] sehn, dass icli 
fleisziger werde, wenn ich wieder komme, ohne soviel zu spielen, ob 
ich in jener andern rücksicht ohne spiel mein ideal suchen werde, das, 
wie gesagt, weisz ich noch nicht, soll nicht wenigstens bei einer der 
beiden selten des lebens auch spiel sein? vielleicht nicht, vielleicht aber 
doch, vielleicht auch nicht für jeden. 

Sieh, mein lieber, so weit bin ich, und jetzt habe ich Dir die 
innersten falten meines herzens gezeigt, du magst immerhin sagen, ich 
bin sonst versteckter als Du gegUubt hast, das kann ich nicht Indern, 
aber, was ich gesagt, ist der bitterste ernst, den je ein mensch von 
mir gehört hat. mich wundert nur, dasz Schulze die sache noch nicht 
fi^ewuszt hat, wie sie war. er würde es bald, wenn wir länger so wie an- 
letzt miteinander gelebt hätten. Klenze, mit dem ich nie ausdrücklich 
davon gesprochen, hat, wie mich nach einigen äuszernngen dünkt, mein 
Verhältnis zu L. richtig aufgefaszt. — Ich will aber für mein herz nicht 
einstehen; möglich, dasz doch noch warnende stimmen nöthig sind ; und 
sind sie es, so verlasz Du mich nicht, der zu fürchtende schmerz (wenn 
Du mich richtig verstanden hättest), glaube, er würde mich nicht ohne 
trost gequält haben, selbst der verlust nicht bis zum tode gekränkt, 
denn im himmel ist mein hoffen, und auf erden ist es nicht. 

Wo, wann und wie ich gesagt habe, ich sei einig mit mir, das 
weisz ich nicht, ich kann also auf diesen Vorwurf nicht antworten. 
bin ich in meinem letzten briefe unzufrieden, mismuthig gewesen (denn 
ich weisz es wirklich nicht mehr), so ist der g^nd in meiner läge ge- 
wesen, der krieg vorbei, cantoniemngsquartiere, nicht die geringste 
beschäftigung, auszer zuweilen putzen oder wachestehen, selten exer- 
cieren, gesellschaft von theils unerträglichen menschen, andere, die mir 
ganz gleichgültig sind, oder doch, wenn sie zuweilen liebenswürdig 
g^nug sind, im nächsten augenblicke mein gefühl beleidigen, wer soU 
da nicht auf augenblicke hypochondrisch werden? aber ich bin meistens 
fröhlich, das kannst Du glauben, und das lernt sich, wir haben, Richter, 
Meyer*' und ich, um den abschied angehalten, antwort des obersten: 
auf die gesuche köi«ne nicht eher rücksicht genommen werden, als eine 
allgemeine bestimmung des königs über die freiwilligen erfolgt sei. ich 
will es jedoch noch einmahl versuchen, und in diesen tagen, wir wissen 
nicht, ob wir mit nnserm reg^mente jetzt vorwärts oder zurückgehen; 
wir gehen immer hin und her, dieselben wege wieder zurück, so treiben 
wir uns in cantonierungsquartieren herum, wo wir selten länger als 



Verhältnis — aber sehr verschlossen in ihm — berührte mich sehr 
nahe — mehr kann ich darüber nicht sagen — aber er sprach nie mit 
mir darüber. 

" Johann Friedrich Ernst Meyer, gestorben kurz vor Lacbmann, 
S februar t861, zuletzt rector der vereinigten gelehrten- und bOrgerschnle 
zu Eutin, als nächster kamerad aus dem feldzuge auch von Berti er- 
wähnt, übrigens musz das wiederholte gesuch um den abschied keinen 
erfolg gehabt haben, da Lachmaun erst nach auflösong des detache- 
ments frei ward, die gegen ende 1815, nach der erinnernng 6. T. A. 
Krügers, seines landsmannes und Jugendfreundes, in Halberstadt, statt- 
fand, von wo er sich dann bald nach Berlin zu Bunsen und Brandis 
begab. 



Briefe Karl Lachmanns an Friedrich Lficke. 293 

4 taß^e bleiben, schrieb ich Euch nicht nenlich von Bmnelle [?J? jetzt 
bin ich eine stunde von da. gott weisz, wann ich Dich wieder sehe, 
hoffentlich aber noch dieses jähr. 

Habe ich genug von mir gesprochen? tbeilst Du Deine briefe an 
H[enriette] anoh [so] ein, wie Reck: von mir und von Dir; oder ist 
beides eins? ernsthaft, — Reck hat einen vortrefflichen brief an mich 
geschrieben (den letzten); ich will ihm gleich antworten, von Dir, was 
ist da viel zu sagen? Du bist glücklich, soviel es einem menschen ge- 
ziemt, schreib mir von Deinem glücke — es freut mich unendlich, da- 
von zu hören. — Dasz ich nnsern lieben Ullrich nicht wiedersehen soll, 
das thut mir leid, mich hat einmahl geschmerzt, als Du ihn nicht so 
liebtest wie er*' Dich. Du hast es auch vielleicht zuweilen von mir 
geglaubt, ich habe aber blos über ihn gelacht, der liebe unbeschadet. 

— Denke, ich weisz nichts von meinem Klenze.*' als wir am 24juli 
von Coblenz nach Colin fuhren, hat ihn Herold, der als fourier voran 
war, gesehen; er war noch in Bonn; später habe ich an ihn geschrieben 
und keine antwort erhalten, jetzt weisz ich nicht einmahl, ob er mar« 
schiert ist oder nicht — Du schreibst mir nichts von Groddeck: er ist 
doch noch in G.? — Dasz unser Schulze'^ von Euch geht, ist sehr 
schlimm — er ist uns sehr nöthig. ich fürchte mich vor Gött[ingen], wenn 
er nicht mehr da ist. ein glück, dasz wir noch unsern Fritz Jacobs haben. 

— Lebe wohl, mein liebster, solltest Du diesen brief in Bedungen er- 
halten, so ist Dir nicht daran gelegen, dasz darin wunderbarerweise (oder 
natürlich, weil das papier zu ende geht, das ich mir von einem meiner 
cameraden und die dinte von einem andern gebettelt habe) von Dir 
gar nicht die rede ist; denn dann hast Du alles, was Du wünschest — 
lind wie lieb ich Dich habe, zeigt wohl dieser brief allein, bist Du 
schon zurück, so ist es Dir wohl auch einerlei, lebe wohll 

Unser regimentsquartiermeister Sieburg läszt Dich grüszen. grüsze 
den dr. Beuffert von mir. 

[ohne Unterschrift.] 
Auszen: herrn doctor Lücke in Göttingen, freiwilliger jttgerbrief. 

VI. 

Königsberg, 20 juli 1816. *i^ 
Ich kann Dir, liebster Lücke, and unserm Brandis, wenn er noch 
bei Dir sein sollte, noch nichts weiter von mir sagen, als dasz ich hier 
bin, und zwar seit mitternacht zwischen donnerstag und freitag. dasz 

" Ullrich, damals noch theolog und philolog, wie er*8 seiner nei- 
g^ng nach stets geblieben ist, war ein begeisterter znhörer des nur vier 
jähre älteren Lücke, dem er 1816 nach Berlin folgte und dort in längerem 
gemeinsamen aufenthalte nah und näher trat. 

<> Näheres über Klemens Karl August Klenzes (1796— 18d8) feld* 
zugserlebnisse ergibt auch der ihn betreffende anfsatz der allgemeinen 
deutschen biographie nicht, hier zuerst tritt die besondere freundschaft 
Lachmanns zu ihm hervor, die später in Berlin zur engsten, auch durch 
Klenzes Verheiratung nicht gestörten lebensgemeinschaft führte, die fol- 
genden briefe führen noch öfter auf ihn zurück. 

** Ernst Schulze, der dichter, hatte 1818 und 14 als freiwilliger den 
feldzug mitgemacht, er war der älteste unter den enger verbundenen 
freunden, schon 1789 geboren, und bereits seit 1810 privatdocent in der 
philosophischen facultät. von Göttingen sich loszureiszen beschlosz 
Schulze öfter, jedoch ohne seinen entschlusz auszuführen, erst seine 
tödliche erkranknng führte ihn von dort hinweg nach Celle ins elter- 
liche haus, wo er 29 jnni 1817 starb. 

'^ Die unbestimmte angäbe bei Hertz (s. 38) über die zeit der Über- 
siedelung und des dienstantrittes in Königsberg wird durch diesen brief 
ergänzt, jene fand mitte juli, dieser nach den ferien anfang august statt. 



294 Briefe Karl Lachmanns an Friedrich Lücke. 

ich, obgleich körperlich wohl nnd auch nicht angef[:riffeu, doch noch 
nicht zur besinniiDg kommen kann, an einem fremden orte, wo mir be- 
kannte und gerade freunde, wie ich sie gewohnt bin, ganz fehlen, 
findest Du wohl begreiflich, zumahl nach einer reise auf der post, die 
— wohl der unbehaglichkeit wegen — bis anf die wenigen ▼iertelstiinden, 
in denen ich die Dir geschossenen monologen und ein stück von ölen- 
Schläger nebst Wolfs Analekten las, ganz gedankenlos war und eben 
deshalb erschöpfend für den geist. doch war die reise sonst bis Dansig 
ganz angenehm , bis wohin ein paar sehr leidliche portepeefähndriche 
mitreisten, in Danzig bleiben wollte ich nicht, damit ich nicht das lang- 
weilige unterwegslungem noch einmahl von vorn anfangen mfiste. ich bin 
hier gerade zu den Swöchentlichen Schulferien angekommen« Da hast 
wohl Dümmler angetrieben, dasz er die sache[n] wohlgepackt gleich fort- 
geschickt hat? ich habe noch niemand gesehen als Ootthold** and 
Lobeck.'^ Vater ist nach Pillau verreist. Gotthold ist übermässig freund- 
schaftlich — angenehm kann ich nicht sagen, dasz er eigentlich an- 
maszend wäre, wie Süvern und Nicolovius sagen, kann ich noch nicht 
finden, aber er hat einen entsetzlichen schnleifer. ich werde alles latein 
in prima, alles griechiche in secunda, deutsch in der 2n und 4n classe 
bekommen, 20 stunden, dabei wird zeit genug bleiben für die germa- 
nische Philologie und Sammlung der fragmente der gr[iechischen] dichter. 
Lobeck kann man wohl nicht besser bezeichnen als Bekker thnt, ein 
g u t e r S a c h s. er ist über die maszen gntmüthig, ungeschickt — geschwind, 
höchst freundlich, hat sehr viel von dem Devrientschen Ferdinand Ton 
Meiszen in den drillingen, die dummheit abgerechnet. — Wie es mir 
nun weiter gehen wird, musz man abwarten, schreib mir nur recht oft; 
denn gerade die art des Umgangs, die ich bisher immer gehabt, wird 
mir wohl hier fehlen. 

Ist Brandis noch da, so ist dieser brief für ihn mit. herm Höpker 
grüsze herzlich, auch Ullrichs, Bekker usw. empfiehl mich Schleier- 
machers, Reimers usw. an Höpker schreibe ich bald. 

Nächstens ein mehreres. Dein CL. 

Adr.: Dr. L., Münzstrasze nr. 14. 

VIL 

Königsberg, 11 noT. 1816.*^ 

Am 11 november auf einen brief vom 2 September antworten — 

bester Lücke, ich weiss selbst nicht, wie ich das nennen soll, doch 

habe ich der entschuldigungen mehrere, ([am rande]: die eigentliche 

folgt unterm 16 november.) eine von den wahren ist, dasi ich mir sn- 



*« Friedrich August Qotthold (1778—1868), director des Fridericia- 
nums seit 1810. 

^ Christian August Lobeck (1781—1860) aus Naumburg a.8., seit 
1814 Professor und bibliothekar zu Königsberg. 

"* schon das datum dieses briefes weist auf den inneren snsammen- 
hang mit den fünf sonetten Lachmanns hin, die Herta ans Klenies 
nachlasse mitteilt, welche vorwürfe die freunde gegen ihn wn erheben 
hatten, ist nicht genau auszumachen, nach dem briefe selbst können 
sie sich kaum auf mehr als auf ein längeres schweigen besagen haben, 
das bei den geldverpflichtungen, die Lachmann andeutend berfihrt, 
doppelt tadelnswert erscheinen mochte, ein Zusammenhang mit der 
herzensneigung Lachmanns zu Lückes Schwägerin kann daneben wohl 
nur innerlich bei ihm selbst bestanden haben, immer seigt der brief, 
wie ernst es in dem kreise der Göttinger freunde mit der gegenteitigea 
erziehung genommen ward, wie willig selbst der klare und feste Lach- 
manu dem tadel der freunde stille hielt und wie tief er ihre nnaufrie- 
denheit empfand. 



Briefe Karl LachmannB an Friedrich Lücke. 295 

weilen nicht die zeit zum schreiben nehmen mag, weil ich sie früher 
in dämmerzeiten versäumten Studien entziehen masz. und was brauchst 
Du briefe, der Du im herzen trägst, was Dir höhere, seligere frende 
gibt als unsere kleine schwache liebe, das Dir schmerzen gibt, so 
süsz, dasz mein leeres, krankes, verlassenes herz gott nur um die 
schmerzen bittet und die Freuden gern glücklichen läszt. jetzt fühl* 
ich es endlich, dasz gott zwei geschlechter geschaffen und dasz er die 
liebe beider untereinander edler gemacht hat, als wo sich seelen von 
männern verbinden, jener edeleren bringt die trennung nur schmerz, 
aber sie bleibt wie sie ist: der männer liebe will genährt sein durch 
blick und wort, sonst schwinden nach und nach des bildes hellere 
färben , bis es ganz verblaszt und verschwindet, wehe dann der alten 
liebe, aber wohl dem herzen, wenn es ein anderes herz findet, mit dem 
es einen neuen bund schlieszen kann, sonst musz es in öder leer- 
heit verdumpfen und vergehen, ohne inneres leben, o hätte ich hier 
nur Einen von Euch, wie würde mir anders sein! freilich wer zum schul- 
manu geboren wäre, der könnte seine liebe in der schule und in den 
Schülern finden, ich aber, das wird mir wohl täglich deutlicher, ich 
bin wohl schwerlich zu etwas anderm als zu einem mens eben geboren 
(aber leider nicht dazu erzogen und gebildet), wie könnte ich den 
lieben, der nicht den menschen in mir liebt, sondern der mich nur 
darum achtet, mir nur darum gut ist, weil ich kein ruchloser sünder 
bin oder zwei bis drei griechische vocabeln weisz, oder, wenn ich die 
laune habe, einen spasz machen kann, so ist mir Lobeck lieb, weil er 
ein vortrefflicher mann ist, weil ich viel von ihm lernen, weil ich froh 
mit ihm sein kann, so der director des altstädtischen gymnasiums, 
8truve, der noch dazu geistreich, wo nicht genial ist. so sind mir von 
den entfernten viele lieb, vor allen mein vater, weil ich ihm viel ver- 
danke, weil ich ihn achte: lieben kann ich auszer meiner mutter nur 
einige von Euch, meine freunde, mit deren seelen die meine wunderbar 
übereinstimmt, aber das ist eben das leiden, dasz diese liebe des auf- 
frischens bedarf, es dünkt mich oft, dasz ich gar kein herz mehr habe; 
jetzt eben freilich nicht, da ich dies an Dich und eben vorher an Reck 
geschrieben habe, ich habe ihm in Göttingen 200 thaler angewiesen, 
ein glücklicher zufall fügt es, dasz ein hiesiger kaufmann eine summe 
von seinem bruder in Gtöttingen ausgezahlt bekommt, wovon er nun an 
Keck 200 thaler zahlen kann, die fünfzig, welche Du und Brandis an- 
geschafft, müssen wohl herauskommen, wenn Reimer und Dümmler ihr 
honorar'* zahlen, ich darf Dich wohl bitten, es Dümmler von meinet- 
wegen zu sagen, gäbe er 10 Louisd'or für meine 7 bogen, so wäre die 
Sache richtig, und dann brauchte ich nicht Reimer zu bitten, was ich 
in der that nicht gern thue. Reimern bestellst Du wohl bei gelegen- 
heit (ihm auch das andere zu sagen — darum wage ich nicht Dich zu 
bitten), ob er geneigt sei, eine ausgäbe der lieder Walthers von der 
Vogelweide von dr. Köpke hier in verlag zu nehmen, es kommt ein 
glossar und historische einleitung dazu, an dem glossar (das sage ich 
Dir im vertrauen, und auch Du Reimern im vertrauen, weil ich nicht 
weisz, ob Köpke es gesagt wissen will) werde ich helfen, den text habe 



*^ die erwarteten honorare gelten von Dümmler für: 'Karl Lach- 
mann über die ursprüngliche gestalt des gedichts von der Nibelungen 
not' (Berlin 1816) — von Reimer (realschnlbnchhandlnng) für: 'sagaen- 
bibliothek des skandinavischen altertums in auszügen nsw. von Peter 
Erasmus Müller, aus der dän. handsehr. übersetzt von Karl Lach- 
mann, Oberlehrer' nsw. (Berlin 1816). das nähere über diese Schriften, 
wie auch über Lachmanns, des vaters, geschichte der Stadt Braun- 
schweig vgl. bei Hertz, neu ist nur Lückes vermittelung betreffs saga* 
bibliotheket. 



296 Briefe Karl Lacbmanns an Friedrich Lficke. 

ich constitniert nach tler manessischeD und der vaticaDiscbeD hand- 
Schrift, da Köpke die abfchrift der letsten von HafreD fOr 80 thaler 
gekauft hat, so kann er es natürlich nicht umsonst geben, will Reimer 
das buch nehmen, so könnte noch rath werden zu einer absebrift der 
Landsbuter hnndschrift; meinst Du, dasz man die durch Seaffert be- 
kommen könnte? Sagabibliothek e t wird hoffentlich schon gedruckt, data 
die zahlen am rande die selten des dänischen manuscripts beseiehnen, 
die ich nur für mich beischrieb, wirst Du wohl schon gefunden haben. 
— Meine mutter klagt, dasz Du ihr Hey nicht geschickt hast, und bittet 
Dieb zu mahnen, ich meine doch, ich hätte es Dir bestellt und auch 
ein exemplar für sie zurückgelassen, oder irre ich mich darin? — 
Meines vaters geschichtbuch mag, falls sich keine gelegenheit findet, 
in Berlin bleiben, da ich die geschichte von Brannschweig nicht stn- 
dieren will, so ist es mir das postgeld nicht werth. hast Du es an* 
gesehen, so schreib mir ein wenig davon. 

Den 16 november. ich hatte den brief ein paar tage liegen lassen, 
heute bekomme ich in der schule Höpkers schreiben mit Deinen bitter- 
bösen randglossen. sie haben mir den Homer und den frommen Änema 
freilich verbittert, aber ich danke gott, und liebster, bester Lüeke, 
thu es mit mir, dass sie nicht mehr vermochten, denn nioht nur sind, 
was Du hoffentlich selbst erwartest, Deine conjectnren just so lalech 
wie meine, sondern deine Schmähungen trafen auch schon ein, soweit 
es nöthig ist, reuiges herz, ich weiss selbst nicht, wie es mir begegnet 
ist, aber ich sage es Dir auf mein gewissen und bei allem, was mir 
heilig ist — nie habe ich heiliges in der gesinnung, wohl mit werten 
entheiligt — der einzige grund meines niehtschreibens ist eine wunder- 
bare scheu und Verwirrung, in die mich jene Bunsensche Sache [räche?] 
versetzt hatte, die mirs nicht erlaubte zu schreiben, bis ich rath ge- 
schafft hätte, darum Ihr lieben, lieben freunde, verzeiht meiner — 
schwäche, die sich von dem irdischen, dns mich quälte, so hat be* 
thören lassen, dasz darum das liebste und heiligste hat surücktreten 
müssen, das hatte ich längst gefühlt und bereuet, meine schuld gegen 
Euch drückte uiich so, dasz ich kaum wuszte, wie ich wieder mit Eueh 
anknüpfen sollte, ich danke Dir, dasz Du mir so geschrieben, ein 
sanfter klagender brief, der die sache nicht übertrieb, hätte mich aar 
Verzweiflung gebracht, nun aber darf ich Verzeihung hoffen und bitten, 
da Du selbst gefehlt, nicht dasz ich Dich tadeln oder Dir wehren 
wollte, mich zu tadeln, nur das erfreut mich, dasz nun die schuld, 
wenn auch ungleich, unter uns vertheilt ist. und wie Hollte es Dir nicht 
leicht werden, mir zu verzeihen? was Dir zum glücke fehlt, das hätte 
ich lieber, wie Du es hast, in der hoffnung als in der wirkliehkeit. 
ist es nicht verzeihlich, wenn ein herz hier im norden ohne eines 
lieben herzens Zuspruch fehlt, ein herz, das sich nie stark gefühlt, das 
sich nur einmahl fälschlich stnrk geglaubt, als dem verstände klar 
wurde, dasz all sein thun und treilien krank und schwächlioh sei und 
eben das herz trotz seiner schwache zu viel herrsche, o gottl wenn 
ich jetzt mit Euch wohnte! ich meine, Ihr solltet über mich nieht klagen. 
Du nicht und Höpker nicht und die beiden ersehnten nicht, ach ea 
lastet schwer auf mir, dasz immer mein gegeuwärtiges leben die reue 
über das vorige sein soll, bis jetzt ist das reuige leben noch immer 
besser gewesen als das vorige, und dafür danke ich gott: aber daaa 
auch jedes folgende immer noch sündhaft gewesen, das ist schlimm, 
und ich weisz nicht, ob ich je aus diesen prüfungen in einen mensch- 
lichseligen zustand kommen werde, wer weisz, was ich bald wieder von 
meinem jetzt denke? — Ich müszte verzweifeln, wenn ich nur des achiek- 
sals willkühr, nicht gottes leitung darin erkennte, und Dir scheint 
möglich, dasz ich das edelste nicht achten sollte, das er mir gegeben, 
die gemeinscbaft mit freunden wie Ihr? liebster bester treuer freund, 
80 gebe Dir gott all das hohe und herrliche, nach dem Dein hers ge* 



Briefe Karl Lachmanns an Friedricli Lücke. 297 

lastet, nnd dazu edlere and grossere frennde als ich binl nie kann 
dies gefühl bei mir, das mir das erste and höchste ist, schwinden oder 
abnehmen, selbst nie einst einem noch herrlicheren, das ihm verbrädert 
ist, platz machen, träne mir alle senden sa, sa denen der sinne macht, 
dnmmheit und nnbesonnenheit führen kann, aber nicht dieses, nnr dieses 
nicht! denn sonst müszte ich sterben. — Unwillkührlich ist mir 
der ausdmck aus dem briefe des jnnkers in die feder gekommen. Da 
weiszt, wie er mich immer gerührt hat. aber ich meine, Da glaabst 
mir schon. Du hast es wohl selbst so nicht gemeint, dürfte ich auch 
das übrige gelinder erklären, als es auf dem papier steht! das weiset 
Da doch wohl, dasz ich Deine liebe erkenne in der mühe, die Du Dir 
mit der Sagabibliothek gibst, dasa ich Dir herzlich dafür danke, dasz 
sie liederlich gearbeitet ist weisz ich auch, aber Da solltest auch 
nnr das schlechte original sehen — Du erkennst es ja an Stuhrs Über- 
setzungen — und dann sagen, ob es möglich sei, besser (im ganzen) 
zu Übersetzen, oder räthlich nnr, wo es so leicht ist, das schlecht und 
unbestimmt ausgedrückte durch eine besser lautende Übersetzung un- 
richtig zu machen. — Den titel des buchs kann ich selbst nicht an- 
geben, weil ihn Müller auch noch nicht angegeben hat. 

Darf ich noch eins fragen? warum bist Du so grausam, dasz Du 
mich schiltst nnd auch strafest, beides zugleich. Höpker sagt ganz 
kun: Abeken und Klenze sind hier; Du berichtest von Klenze noch 
etwas feindliches; und damit seit Ihr zufrieden, wolltet Ihr mich damit 
kränken, oder meintet Ihr, ich s<;i soweit schon, dasz es mich nicht 
mehr kränkte? o Ihr wiszt schwer zu süchtigen, was ich zwar schwer, 
aber weisz gott nicht absichtlieh sündigte, hat es Euch gerührt, wenn 
Ihr gelesen: 'schamhaft säumt sein weib zu ihm zu kommen'?** das 
war mein fall: eine unnatürliche schäm, ein unbegreifliches werk des 
Schicksals, liesz sie das heiligste verletzen. — O sei mir wieder gut, 
geliebter, wenn Du mich so, wie Du mich geliebt hast, in diesem briefe 
wiedererkennst, in den mancherlei regungen meines hersens, die ihm 
vielleicht eine wunderliche gestalt gegeben haben, ist das nicht und 
bin ich nicht mehr werth unter Euch zu sein — so schreib mir nicht 
wieder, lasz mich in arbeiten der busze trauern, wenn ich geläutert 
bin und gebessert, will ich dann wiederkommen und flehen, dasz Ihr 
mich wieder aufnehmet, nur lasst mir zuweilen ein geschäftbrieflein 
zukommen, dasz ich doch sehe, wie Eure äuszere läge ist — mehr zn 
erfahren hieltet Ihr mich dann nicht werth — und etwas mehr von 
denen in Göttingen, in Gotha, in Italien, die doch wohl nicht an mir 
verzweifeln, oder bin ich auch das nicht werth und hast Du mir darum 
Rrandis brief vorenthalten? 

D. 17 november. — Morgen geht dieser brief mit seinen einlagen 
ab. was hätte ich Dir heute noch mehr zu sagen, liebster Lücke, als 
Dir alles heil zu wünschen an leib und seele und Dich und die andern 
zu bitten, Ihr möget meine sünde nicht an mir heimsuchen und mir 
bald schreiben, wenn ich von jedem von Euch nur ein blättehen er- 
halte nnd etwa einen brief aus Ital[ien] dazu, so sind das schon fünf, 
nnd ich springe vor freuden, dasz die zum ersten december sehr 
wohl hier sein können, ich grüsze Euch herzlich und R. Bunsen, 
Bekker und Ulrichs (falls sie noch da sind). Du weiszt, wer mir sonst 
noch lieb ist in Berlin: wem es nicht unlieb ist, an mich erinnert zn 
werden, dem empfiehl mich, und Du — fahre wohl! 

Dein 

KL. 
(Pauperhausplatz nr. S). 

"^ aus Goethe, klaggesang von der edlen frauen des Asan Äga. 



298 Briefe Karl Lachmanns an Friedncb Lücke. 

VIII. 

Königsberg, 18 december. 

Liebster Lücke — Da must so vorlieb nehmen, wenn Du ans diesem 
briefe und aus dem an Rlenze sasammen noch etwas halbwege ver- 
nünftiges zasammentreihen kannst, wie mir nichts lieber wäre als 
Paaren herzen immer auf den hacken zu sein und von jedem schlage 
derselben zu wissen, wo der klöpfel hinge, so möchte ich auch gern« 
dasz Ihr meine briefe in chronologischer Ordnung läset, indesz es ist 
wohl nicht immer erfreulich so gras wachsen zu hören, mich dunkt 
noch immer, Ihr hättet neulich Huf meinem herzen wirklich müssen 
gras wachsen hören, wenn das nicht noch eine schlimmere rinde war. 
wie sie freilich darauf kam, kann ich noch nicht begreifen, eigenainn 
hat es Klenze genannt und halb als etwas erwartetes vorgestellt: es 
war aber mehr, ich glaube, ich bin seit lange nicht so gottlos ge- 
wesen, es war die spitze, der comble, des Berliner übermuths. ihr 
habt mir lange vergeben, das wuszte ich gleich und war darum anch 
ganz ruhig als ich die briefe geschrieben hatte, auf die — ich darf 
doch wohl sagen fast unerwartet — schnell Eure lieben antwortao 
kamen, mit gott war ich auch bald fertig, das ist man indem angen- 
blicke der reue und sobald man sich auf die strafe gefaszt gemacht 
hat, die gewisz niemahls ausbleibt, so gelinde sie auch meist ist. mein 
ganzes leben hier in Königsberg — wofür kann ich es anders halten 
als für eine — freilich gelinde — strafe für vieles nnd langes Göttinger 
und Berliner sündigen? ich nenne es gern ein probejahr and schmeichle 
mir dann, dasz ein probejahr doch eben nnr ein jähr ist. richtiger 
aber heiszt es lehr jähre; die dauern noch am kürzesten bei den nhr- 
macliern, wenn mir recht ist, zwei jähre, und denen stehn wir lente 
nach der uhr noch am nächsten, das wird nun gott machen: ich habe 
inzwischen Kure letzten briefe, so ziemlich das liebste und beste Ton 
meinem besitzthum, nnd ich werde nicht müde sie zu lesen, eben weil 
ich alles schon wuszte, was darin steht, und man doch eigentlich nur 
gern liest, was man schon weisz. 

Dasz die Studenten bei Dir hören» ist mir nm so lieber, da ich 
das, als wir Dich ermahnten, Oött[ingen] zu verlassen, eigentlich gar 
nicht für so sehr wahrscheinlich hielt und nach dem beispiele von 
Brandis nicht dafür halten konnte, hier sind jetzt S professnren vacant. 
— Sieh zu, ob Du lust hast; ich kann Dich versichern, dass wir bis 
jetzt noch nicht mehr als 13 (andere sagen 11) grad kälte gehabt 
haben: — die ästhetische'* schon lange, die der sebönlenchtende in 
Dorpat nicht annehmen will; Hüllmann'* geht nach Heidelberg; der 
Culpa- Hasse '^ nach Jena, die Studenten hier — es sollen Über 100 
sein — scheinen rechte hungrige brothunde, die nach dem dänischen 
ausdrucke 'aufs ezamen lesen*, geschöpfe wie man sie bei uns in 
G. nicht leiclit »ah. denn dabei ist die gröszte antiburschikosität. 

Meines vatcrs g^schichte schicke mir nur lieber nicht, weil ich 
sonst doch nur lügen musz, ich hätte nie nicht, denke dir, ein mann, 
dessen nahmen ich vergessen, will die geschickte der Stadt Treptow in 



" durch Ferdinand Delbrücks (1772 — 1848} versetgnng an die 
gierung nach Düsseldorf, von wo er 1818 an die neue Universität Bonn 
übergieng. diese stelle erhielt 1818 Lachmann selbst. 

'* Karl Dietrich Hüllmann (1768 — 1846), professor der geachichte 
in Königsberg seit 1808, gieng damals nicht nach Heidelberg, da er 
für die neue preussische Rbeinuniversität als professor und erster reetor 
bestimmt ward, siedelte er 1817 nach Köln und 1818 nach Bonn über. 

" Johann Christian Hasse (1779 — 1830), seit 1818 professor der 
rechte zu Königsberg, gab 1815 heraus: die culpa des römischen rechtes. 
er gieng damals nicht nach Jena zurück, aber 1818 nach Berlin. 



Briefe Karl T«achTnann8 an Friedrich Lücke. 299 

Hinterpommem schreiben und fragt bei HaUmann an, welche« buch 
er zum master nehmen soll, der hat geantwortet, 4bni gefalle keine, 
er solle diese noch anbekannte einmahl ansehn', und ist nnn sehr corius, 
seinen empfeblling so sehn, nan gott weisz ich bin nnschnldig, wenn 
Treptows janglinge mit Schwabacher schrift zor togend ermahnt werden, 
ich habe ja immer gesagt, mein herr vater solle bei seinem päda- 
gogischen leisten bleiben, da er der geschiehte gewiss weder Stiefel 
noch band nnd fnsz machen könne, übrigens erscheint von mir näch- 
stens in Qnedliiibnrg bei Basse ein werk über die astronomie nnd 
Pferdezucht, meinem vater und dem professor Wildt dediciert. 

Lasz mich doch bei gelegenheit wissen, ob Ton Bekkers Plato** 
schon T i e I mehr als der erste theil heraus ist und ich also die boffnung 
aufgeben musz, dasz der erste auch die andern nach sieh ziehn werde, 
übrigens grüsse ihn tob mir recht freundschaftlich, mir will noch 
immer nicht klar werden, warum ich eigentlich Bekkem so gut bin als 
ich es wirklich bin. — Stnhr* habe ich zu wenig gekannt und — der 
himmel weisz, ob das philisterige gedanken sind — für so kurzes 
kennen sprach er mir allzuviel, diabei zu polterig, was meinst Du denn 
mit dem imponiertsein, wovor er Dich bewahrt habe? — Wer hat denn 
von der Herz** gesagt, d^sz sie gross oder tief sei? gross und dick, 
das lasse ich gelten, dasz sich aber angenehm mit ihr umgehen lasse, 
läugnest Du selbst nicht, und das ist mir genug gewesen, obgleich ich 
nicht sonderlich in gnaden gestanden, cf. Bekker. empfiehl mich ihr, 
nb. wenn Dir dabei eine pointe einfallt, die Du in meinem namen an- 
bringen kannst; sie musz aber abgestumpft sein, eben weil ich schon 
für loshaft bei ihr gelte, der dr. Röpke ist mit Reimers antwort 
wohl zufrieden, weil doch nicht alle boffnung nein draus erwidere, 
mit der unsterblichen Corona zu sprechen, mit der Landshuter hand- 
schrift isu aber doch besser zu warten, bis auf die 3te nachfrage bessere 
antwort erfolgt ist. das honorar lasz Dir nur auszahlen. Du weiszt ja 
doch am besten, wo es hinkommt, dasz der P. £. M. nichts bekomme 
wäre zwar billig: aber Bnnsen hatte einmahl die bedingung gemacht, 
die ich auch nachher ausdrücklich angenommen, das honorar k bogen 
1 lo3isd*or mit ihm zu theilen. er hat sich übrigens einige exemplarer, 
wenigstens 6, davon 4 auf Schreibpapier, au^bedungen. mir mag Reimer 
soviel gelten, als er lust hat, mir liegt nichts daran. 

Bunsens brief schicke ich wieder mit, weil Du es willst, ich musz 
Dir gesteben, dasz mir nicht alles darin einleuchtet. — enthält er die 
letzten nachrichten aus Italien oder gibts neuere? 

Bitte Hopker um verzeifaang in meinem namen, dasz ich ihm heute 
nicht s<-hreibe. über die leidige faalheit nnd auf -die -lange- bank- 
schieben! Ihr bekommt sonst meine briefe erst nach weihnaehtea, und 
das wollte ich nicht gem. es ist mir alles lieb und werth in seineM 
briefe. eins nur nicht, er meint, seiner Wissenschaft müsse erst auf- 
geholfen werden, soviel ich sehen kann, steht sie just in der scbdnstea 
Jugendblüte, mit der theologie mocht* es anders sein. — aof diese 
briefe an Euch folgt nodi diese wocLe einer an P. E. 3iül]er, er soll 



** Immanuel Bekkers 1785—1871) Piaton erschien in 10 bänden 
18ie— ö. 

*> Peter Feddersen 8tahr '.1787 — 1861) war daa^ls vielfach mit 
nor^iveLen altenümem beschäftigt, Lücke verkehrte nach den gleich- 
znli^eii brieren an seine braut öfter mit dem ** wunderlichen Schles- 
wiger', dec er in Seh :eierm achers kreise kennen gelernt hatte. 

* Henriette Herz (1764— 1847y, der bekannten freandin Sehleier- 
:i-«.'.-ierc. «eisen leFuch zu machen, ents«'hlosz Lücke sieh sogenid und 
*:r9: xnf ibre acjdrückliche einlad ong. Stnhr gekörte zu ihren näheren 
fre^tien. 



300 Briefe Karl Lachmaons an Friedrich Lücke. 

titel, vorrede und 2n theil schicken, dann in den ferien denke ich Eaeh 
neue ballen surechtznmachen, die aber erst signiert werden, wenn Eure 
autworten da sind. Abeken grüszt mir herzlich, lasat ihn nur erst 
zur ruhe kommen; er wird schon werden. 

An Hannes Meyer '^ bestelle folgendes: dasz Sie noch an mich 
denken, dafür danke ich Euch, aber Ihr sollt nicht glauben, dan 
wir schabjacken und schlechte kerle sind, denen man die knepfe ab- 
schneidet usw., sondern weil ich meine zeit saletzt in Berlin schlecht 
eingetheilt und znletst noch ein gewitter kam, bin ich weder bei ihm, 
noch bei Bekker, R. Bnnsen, Rhedens [Schadens?] usw. gewesen, wie 
lange er noch bei den ruchlosen Juden bleiben wolle and wie es in 
Halberstadt stehe? 

Dem oberprftsidenten Reinhard Bunsen meinen respect. wamm 
schreibst Du nichts von Ullrichs? sie sind mir lieb, sumahl der älteste, 
seiner Wunderlichkeit ungeachtet. 

Schreiben die Qöttinger an Euch auch nicht? fast möchte ich anch 
fragen 'die Bodunger'. denn Du meldest nichts als eine albernheit 
der doctorinn*^, die ich nicht einmahl verstehe, seid vergnfigt, Ihr 
lieben — ich bin es, wie ich kann, übrigens aber 

Dein 

KL. 

Wie hiesz doch der prediger in Sachsen, der die kritischen Unter- 
suchungen übers N. T. geschrieben hatte? Lobeck bewandert dass [so] 
buch und sagt, er sei erröthet über des mannes gründliches stodieren. 
80 müszte man eigentlich alle schriftsteiler lesen, und wir philologeo 
müszten uns schftmen, dasz wirs nicht thUten. 

IX. 

Königsberg, d. 2 des Homongs 1817. 
Ihr könnt schon wieder über langes schweigen klagen and swar 
mit recht. — Ich musz mich schon entschuldigen, weil Ihr grimmige 
leute seid — natürlich, denn Ihr seid beide männer nach der ahr. aber es 
ist auch viel leichter, dasz immer zwei zwei briefe an Einen aufbringen 
als einer je zwei, sie werden aaf einmahl selten fertig, and es ist dann 
manchmahl angenehmer wieder von neuem zu schreiben and alte ver- 
legne waare fahren zu lassen, dergleichen ich jetzt vom tl december 
und 19 Januar liegen habe, auszerdem hatte ich eine abhandlang sa 
machen, die ich in der deutschen geselischaft am donnerstage vorlesen 
soll, es hat auch mühe gekostet, sie lang, langweilig und gelehrt 
genug zu machen, sie hat mich von neuem zu meinen altdeutschen 
Studien geführt, schade dasz es hier damit zu nichts rechtem kommen 
kann, ich habe unter andern wieder Iwein und den göttlichen Parcival 
gelesen, beide zum t?n mahle (oder Iwein auch zum 8n). Bansen mag 
alles in der weit recht gefaszt haben, aber diese poesie nicht, die 
minnelieder sind gewisz nicht ans nachahmung der Provensalen ent- 
standen, man kann nicht schöner erzählen als der Aner, man mnss 
ihn aber schnell lesen, kein deutsches gedieht gleicht dem Parcival 
an tiefe als desselben dichtere Titurel. wir* ich bei Euch, so würde 
ich Euch zwingen ihn mit mir zu lesen, ich würde diesen darchaus 
innerlichen dichter dann noch besser verstehn. allein könnt Ihr ihn 
nicht lesen; denn man kann keinen satz verstehn ohne ihn sa studieren. 
Du must mir nicht übel nehmen, dass ich davon spreche, ich habe 



*^ nach dem tone der folgenden anrede offenbar der in brief V 
(s. anm. S) erwähnte kriegskamerad. 

** die gattin des Superintendenten D. Steinbrenner zu Groszbodnngen, 
beschützerin des Lückeschen brautstandes, ist gemeint. 



Briefe Karl LachmaDns an Friedrich Lücke. 301 

soviel dabei an Euch g^edacht. und es mnsz Dir doch lieb sein von 
meinen freunden zu hören, ich habe mir diesen erwählt, weil ich hier 
sonst keinen habe, ich fühle mich im höchsten grade gedrückt unter 
diesen philistern, die zwar zum theil recht gute leute sind, zum theil 

auch nicht, übrigens aber — . Lobeck hat mir feierlich